Projekt Irena Bobowska. Krieg.

Der erste Tag des Projekts – Heimat – ist schon hinter uns. Vor uns die Veranstaltung Nummer 2: Krieg.

Projekt: Anna Krenz

Michael G. Müller

Hartherzige Christen? Russlands Krieg gegen die Ukraine und die deutschen Protestanten

Wie sollen sich evangelische Christen, deutsche Protestanten zu Russlands Krieg gegen die Ukraine verhalten? Was ist in dieser Lage für uns Deutsche geboten – als Christen, als Europäer und Nachbarn der Ukraine, als Träger einer besonderen historischen Verantwortung für das Unglück, das die Ukraine im Zweiten Weltkrieg und danach erfahren musste? Ist es geboten, die Ukraine nicht nur moralisch und humanitär zu unterstützen, sondern auch militärisch, durch die Lieferung schwerer Waffen? Viele prominente deutsche Protestanten haben sich dazu seit Beginn des Kriegs geäußert. In den letzten Wochen waren dies u.a. Annette Kurschus, die gegenwärtige EKD-Ratsvorsitzende, und deren Amtsvorgänger Wolfgang Huber, Margot Käßmann und Heinrich Bedford-Strohm, aber auch Joachim Gauck, Ex-Bundespräsident und protestantischer Theologe. Ihre Antworten auf die kritischen Fragen gehen weit auseinander. Das Meinungsspektrum spiegelt ziemlich genau die aktuellen Spaltungen innerhalb der deutschen intellektuellen Eliten.

Die EKD und ihre Vorsitzende Annette Kurschus erklären, gewissermaßen offiziell, dass es hier keine einfache Parteinahme geben könne. Kurschus: „Wir verfügen nicht über ein Wissen christlicherseits, das es uns erlauben würde, einzelne politische Optionen direkt aus der Bibel abzuleiten.“ Obgleich also Russlands Angriff auf die Ukraine eindeutig zu verurteilen sei, gebe es keine für alle Christen gültige Handlungsanweisung. „Es kommt auf uns an, den leidenden Menschen in der Ukraine, den verängstigten Menschen in unseren Nachbarländern, unsere Solidarität zu zeigen, keine billige, sondern eine, die uns etwas kostet. Es kommt auf uns an, den Menschen in Russland, die sich gegen den Krieg stellen, unsere Achtung zu bezeugen. Es kommt auf uns an, den Menschen, die flüchten, zu helfen und ihnen Wege zu öffnen, damit sie ihr Leben retten können.“ Dagegen komme die EKD, so ein Kommentar, zu dem Schluss, dass es für und gegen Waffenlieferungen an die Ukraine jeweils gute Gründe gebe. Dilemmata müssten benannt werden. „Es ist nicht immer hilflos, wenn man sagt: Ich weiß es nicht. Das ist manchmal das einzig angebrachte“. So bekräftigt Kurschus, dass die Ukraine das Recht auf bewaffnete Selbstverteidigung habe und dabei unterstützt werden müsse. Sie widerspricht aber auch Meldungen, wonach sie vorbehaltlos für die Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine eintrete.

Beherzter äußerten sich die ehemaligen EKD-Ratspräsidenten Wolfgang Huber und Heinrich Bedford-Strohm. Die EKD-Friedensdenkschrift von 2007, so Huber, habe weiterhin ihre Berechtigung und Gültigkeit, doch zwinge die neue Lage dazu, über die Denkschrift hinauszudenken: „Der auf den Verbrechen des 20. Jahrhunderts fußende deutsche Sonderweg steht uns – auch als Christen – nicht mehr zur Verfügung“, denn „[e]s ist grotesk, dass die Gewalttaten, die unsere Väter verübt haben, uns daran hindern sollten, Menschen beizustehen, die Opfer vergleichbarer Gewalttaten sind… Bei allem Respekt für den Vorbildcharakter einer persönlichen Entscheidung zur Gewaltlosigkeit, diese Gewaltlosigkeit zur unumstößlichen Maxime eines ganzen Landes zu machen, heißt gegebenenfalls, nicht nur für sich, sondern auch für andere auf das Selbstverteidigungsrecht zu verzichten“. So plädiert auch Huber, ähnlich wie Kurschus, dafür, die Kontroverse über die angemessene Haltung gegenüber dem Krieg gegen die Ukraine offen auszutragen – zieht aus dieser „friedensethischen Zeitenwende“ für sich aber den Schluss, dass auch militärische Hilfe für die Ukraine geboten sei. Zum selben Schluss kommt Bedford Strohm. Auch wenn man als christlicher Pazifist angesichts solcher Entscheidungen zwangsläufig „zerrissen“ sei, müsse man die Ukraine nicht nur durch humanitäre Hilfsmaßnahmen, sondern auch durch Waffenlieferungen unterstützten – wenngleich man nicht behaupten dürfe, „dass man alles mit Waffen lösen kann.“

Kategorisch widerspricht dem Margot Käßmann. Sie will die Vorstellung von einer friedensethischen Zeitenwende nicht gelten lassen. Sehr wohl verurteilt sie Putins Angriffskrieg und beteuert ihr Mitgefühl für dessen Opfer. Doch sei der aktuelle Krieg aus der Perspektive christlich-pazifistischer Ethik nicht grundsätzlich anders zu bewerten als die anderen gewaltsamen Konflikte in und außerhalb Europas in unserer Zeit – als die Kriege auf dem Balkan, die Kriege in Afghanistan, Syrien, im Jemen. Immer, und auch jetzt, seien die Christen vor allem dem Friedensgebot verpflichtet, im Sinne der „Bergpredigt“. Gerade die Deutschen müssten sich angesichts ihrer historischen Verantwortung auch jetzt aktiv zum Prinzip des Gewaltverzichts bekennen: keine Waffenlieferungen an die Ukraine, kein „Sondervermögen“ für Investitionen der Bundesregierung in die nationale Rüstung; stattdessen größere Investitionen in Klima- und Bildungspolitik. Und der Krieg in der Ukraine? Käßmann legt nahe, einerseits die russische Zivilgesellschaft und ihren (vermuteten) Widerstand gegen Putins Angriffskrieg zu stärken, andererseits aber doch in Richtung direkter Verhandlungen mit Putin, d.h. zwischen dem Putin-Regime und der Ukraine, zu wirken. Schließlich sei es keineswegs neu, dass man auch mit Diktatoren und Aggressoren am Ende verhandeln müsse – so wie mit den afghanischen Taliban oder mit dem Assad-Regime in Syrien. Wie, auf welcher Grundlage und worüber derzeit mit den russischen Aggressoren zu verhandeln wäre und wer ein Mandat dazu hätte – das lässt Käßmann allerdings offen.

Wer diese Diskussion unter den prominenten Protestanten in Deutschland sozusagen von außen, d.h. als Nicht-Theologe, verfolgt, ist zunächst allerdings überrascht darüber, welch geringe Rolle hier religiös-theologische Argumente spielen. Gewiss, es ist die Rede von der Verantwortung der Christen, für die Verfolgten und die im Krieg Geschädigten und Geschändeten zu sorgen, sie zu verteidigen. Bedford-Strohm macht diesen Aspekt stark, relativiert ihn zugleich aber indirekt dadurch, dass er das aktuelle Leid der Ukrainerinnen und Ukrainer in den größeren, globalen Kontext des Leidens so vieler Menschen in der Welt stellt. Alle verdienen unsere christliche Solidarität und Hilfe, aber wie…? Margot Käßmann wiederum gebraucht durchaus theologische Argumente – etwa in der Berufung auf die „Bergpredigt“ („Liebet eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen“) oder auf Luthers im Grundsatz distanziertes Verhältnis zum Kriegshandwerk. Dabei geht sie aber durchaus manipulativ mit dem theologischen Erbe um. Sie unterschlägt, dass Luther selbst in seiner Schrift von 1525 „Wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern“ die Landesherren ganz offen zu einem totalen, erbarmungslosen Krieg gegen die rebellischen Bauern aufforderte. Sie geht auch – wie freilich auch ihre andersdenkenden Konfessionsverwandten – mit keinem Wort darauf ein, dass es eigentlich seit der Gründung der christlichen Kirche eine kontinuierliche, immer kontroverse Diskussion darüber gab, ob es so etwas wie einen „gerechten Krieg“ (bellum iustum) geben könne. Als gerecht, so die kirchliche Lehre des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, sollte ein Krieg gelten, der um eine „gerechte Sache“ (causa iusta) geführt wurde. Was wäre dazu aus der Perspektive des Jahres 2022 zu sagen? Auf diese Frage mögen heute offenbar wenige antworten.

Verwirrend und letztlich irritierend aber auch der argumentative Umgang führender Protestanten mit den sprichwörtlichen Lehren aus der Geschichte. Alle verweisen natürlich darauf, wenn es darum geht, die besonderen deutschen Sensibilitäten im Umgang mit bewaffneten Konflikten zu erklären bzw. zu rechtfertigen. Für Margot Käßmann reicht freilich die Feststellung aus, dass es für die Deutschen nach den Erfahrungen der beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts keine andere Konsequenz gebe, als jede bewaffnete Auseinandersetzung zu verdammen: nie wieder Krieg. Dabei verweigert sie sich de facto aber der Frage nach der deutschen Verantwortung für die besondere Konfliktgeschichte in Osteuropa im 20. Jahrhundert – die Verantwortung dafür, dass in der Ukraine rund 5 Millionen Menschen Opfer von Hitlers kolonialem Eroberungs- und Vernichtungskrieg wurden, dass Nazi-Deutschland mit diesem Krieg aber auch den Weg für die sowjetische Herrschaft über die Ukraine in den folgenden Jahrzehnten gebahnt hat. Wolfgang Huber hat mit seinen schon zitierten Aussagen auf diese Schwachstelle in der fundamentalpazifistischen Argumentation hingewiesen. Dürfen deutsche Christen sich der besonderen deutschen Verantwortung für die Ukraine mit dem Argument entziehen, dass gerade wir Deutschen uns aus vermeintlich guten Gründen nicht mehr durch die Unterstützung militärischer Gewaltanwendung schuldig machen wollen? Natürlich nicht.

Am prägnantesten hat wohl Joachim Gauck das eigentliche Problem auf den Begriff gebracht. Indem deutsche Fundamentalpazifisten (wie Käßmann) auf die Tätervergangenheit der Deutschen im Zweiten Weltkrieg als Rechtfertigung für ihre Haltung verweisen, so Gauck neulich in einem ZDF-Interview, betreiben sie eine Art „Selbstprivilegierung“. Das vorbehaltlose Bekenntnis zu den deutschen Verbrechen der Vergangenheit privilegiert die Nachkommen der Täter scheinbar dazu, sich heute eines aktiven Engagements zu enthalten. Tatsächlich klingt es schal, wenn Margot Käßmann in ihrem (von ihrem beschaulichen Wohnsitz auf der Ostseeinsel Usedom aus erteilten) Ferninterview an das christliche Gebot der Feindesliebe erinnert. Dem Feind „die andere Wange hinhalten“ müssen ohnehin nicht wir Deutschen, sondern die Menschen in der Ukraine.

Überhaupt scheint am ehesten Joachim Gauck heute zu einer klaren Analyse der Lage fähig zu sein, auch zu überzeugenden Antworten auf die Frage, wie protestantische Christen sich dazu verhalten sollen. Die Medien sind zwar eher an seiner Einschätzung als ehemaliger Bundespräsident und Politiker interessiert als an seinem Urteil als protestantischer Theologe. Doch bringt Gauck beide Perspektiven in dem erwähnten Interview souverän zusammen. Die Fehleinschätzungen der jüngeren deutschen Russlandpolitik und deren katastrophale Folgen analysiert er scharfsinnig – und er kann sich zu Recht darauf berufen, schon 2014 eindringlich vor den falschen Weichenstellungen gewarnt zu haben. Ebenso klarsichtig benennt er, was heute die Pflicht aller derjenigen ist, die sich zu den Werten des Christentums, der Aufklärung und der Demokratie bekennen, in Deutschland und anderswo. Unsere Vernunft und unser Gewissen gebieten uns, die Ukraine mit allen uns verfügbaren Mitteln bei ihrer Verteidigung gegen die russische Aggression zu unterstützen. Wer hier zögert, so Gauck, handelt „gewissenlos“.

Den deutschen Protestanten auf pauschale Weise Herzlosigkeit in ihrer Einstellung und ihrem Verhalten gegenüber dem Krieg gegen die Ukraine vorzuwerfen, wäre falsch. Es gibt viele unterschiedliche Stimmen und Haltungen unter Deutschlands Protestanten, darunter auch sehr empathische und moralisch überzeugende. Man fragt sich allerdings, warum Deutschlands evangelische Kirche in einer derart essentiellen Frage nicht zu einer gemeinsamen Position finden kann. Die EKD rechnet es sich als Tugend an, innere Gegensätze auszuhalten und Kontroversen offen auszutragen. Aber wozu braucht man eigentlich eine Kirche, wenn sie nur die Vielfalt der Meinungen in der Gesellschaft widerspiegelt, anstatt religiöse und ethische Orientierung zu geben?


Prof. em. Dr. Dr. h.c. Michael G. Müller

One thought on “Projekt Irena Bobowska. Krieg.

  1. Ich habe immer gedacht:
    “bei der solchen Problematik wie ein Krieg, sollte Ethik als DIE “Religion” der Welt gelten.

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