Reblog: La Mancha ist weit und leer

Vielen Dank an Tibor Jagielski, der diesen Text gefunden hat

faz.net

Paul Ingendaay

Fluchten in die Phantasie: Wo sind denn hier die Riesen?

Ich schwebe über die weite Landschaft hinweg, viel langsamer als ein Auto, aber schneller als die Bauern, die ich vor vielen Jahren zu Fuß auf den Landstraßen dahinlaufen sah, als hätten sie mir mit dem alltäglichsten Bild – zwei Leute unterwegs – ein Gefühl für diese völlig verlassene Gegend in der kargen Mitte Spaniens vermitteln wollen. Ich schwebe in mittlerer Höhe, spüre die heiße Sommerluft, die mich angenehm fächelt, weil sie pulvertrocken ist, schwebe gleichsam ohne eigenen Körper, während Augen, Nase und Haut hellwach sind und jede Einzelheit meiner Reise registrieren. Wer ich bin, ist jetzt egal; allein das Wo zählt. Und das Wohin. Ich fliege.

Der Name der Landschaft unter mir ist uralt: La Mancha. Vermutlich kommt er aus dem Arabischen, genauer weiß man es nicht. Eine Theorie vermutet hinter dem Namen eine „Erde ohne Wasser“. Im Spanischen heißt „la mancha“ Fleck, Klecks oder Tupfer, und von oben versuche ich mir vorzustellen, was das Bild der Landschaft mit der Bezeichnung zu tun hat, aber es gelingt mir nicht. Ich bin eine Ansammlung von Sinnen, ein menschliches Aufnahmegerät, nur ohne Lämpchen und Elektronik. Was mich nach vorn zieht, ist der Name aus einem Buch: El Toboso. Es gibt in der Mancha ein Dorf, das so heißt, aber auch das ist jetzt egal, ich nehme den Namen als reinen Klang, lasse mich auf ihm weitertragen wie auf einem Kissen, während die Augen sich an die beiden Farben gewöhnen, die mich umgeben: das Gelb der Weizenfelder und die Bläue des Himmels. Von Flecken kann keine Rede sein; es sind zwei große Farbmeere, und der warme Wind trägt mich mitten hindurch.

Wie der Kopf an seine Phantasien kommt, ist schwer zu beschreiben. Viel leichter zu finden ist der Rückweg, der Pfad also, auf dem sich die Phantasien wieder mit dem strukturierten Denken verbinden. Das Schweben, das ich mir seit vielen Jahren mit erstaunlicher Intensität vorstelle, wenn ich an die kastilische Landschaft im Sommer denke – kein Meer, kein Strand, nein, nur diese immense Weite, wie leergefegt von Menschen, Tieren, Häusern –, verdankt sich mit Sicherheit dem „Don Quijote“, dem meistübersetzten Roman der Menschheit.

Staubige Straßen, die nur im Kopf existieren

Das ist das Paradox meines Fluges: Obwohl viele dieses Buch gelesen haben und auf der ganzen Welt Leute darüber sprechen und schreiben, bin ich immer ganz allein auf meiner Reise. Die weite Ebene: leer. Die Dörfer: entvölkert. In der Sommerluft, die ich durchfliege, sehe ich kaum einen Vogel. Nach Don Quijote und Sancho Panza, die laut Cervantes’ Roman vor gut vierhundert Jahren über diese Straßen gezogen sind und viele Mitreisende hatten, halte ich gar nicht erst Ausschau. Irgendwie habe ich das sonderbare Gefühl, auch ich sei nur eine literarische Figur, die ein anderer ersonnen hat.

Vielleicht schildern Romane ja keine Landschaften, sondern deuten sie an, beschwören sie herauf, setzen den Klang der Sprache ein, damit wir Leser uns in die Lüfte erheben und mit unserer Vorstellungskraft den Rest erledigen. Dann hätte Cervantes uns eine leere Leinwand hingestellt, die wir mit unseren eigenen Bildern von Spanien füllen. „Man sieht sie vor sich“, steht bei Flaubert, „diese spanischen Wege, die doch nirgendwo beschrieben werden!“ Sie werden wirklich nicht beschrieben, die staubigen Straßen, die ich auf meinem Flug von oben sehe, nur die Kneipen, in denen der Ritter und sein Knappe einkehren und wo sie immer wieder Prügel beziehen. Nicht einmal die weißen Windmühlen, für welche die Mancha so berühmt ist, werden in diesem Roman genau geschildert; ihre Flügel sind für den alten Narren ja Riesen!

Ende des neunzehnten Jahrhunderts nahm die Verwandlungsmacht der Phantasie im spanischen Geistesleben geradezu verrückte Züge an. Denn die ernsthaftesten Köpfe ihrer Zeit, die Autoren der sogenannten „Generation von 1898“, entdeckten „Don Quijote“ neu und erhoben meine Flugzone, die ausgestorbene Weite der Mancha, zum Kern des wahren Spaniens. Einfach so. Sie führten sich auf, als hätte Don Quijote wirklich gelebt. Dabei ging es wohl nur darum, dass die Herren Schriftsteller die politische Gegenwart als öde empfanden – Spanien hatte gerade mit Kuba und den Philippinen seine letzten Kolonien verloren und versank im Katzenjammer europäischer Drittklassigkeit. Da hoben diese Intellektuellen ab in die dünne Luft des Idealismus und der nationalen Verklärung.

Die Literaten wurden so bekloppt wie der edle Ritter

Dass sie damit in gewisser Weise ihrer literarischen Lieblingsfigur nacheiferten, also auch ein bisschen bekloppt wurden, ist in diesem Zusammenhang nicht nur als Witz zu verstehen. Denn ein Wörterbuch des achtzehnten Jahrhunderts definierte den Ritter von der traurigen Gestalt als „Mann, der sich mit lächerlichem Ernst für das einsetzt, was ihn nichts angeht“. Als im Jahr 1905 der dreihundertste Jahrestag des Erscheinens des ersten Teils von Cervantes’ Roman begangen wurde, schrieben gleich mehrere dieser Schriftsteller Bücher darüber. Eines von ihnen, „La ruta de Don Quijote“ von Azorín, wollte gerade in der Armut und Rückständigkeit der abgelegenen Dörfer etwas besonders Sublimes sehen. Was die armen Manchegos zwischen Toledo, Cuenca und Albacete, die vor der Zeit gealterten, ganz in Schwarz gehüllten Frauen und verlausten Jungen davon hielten, ist nicht überliefert. So sind meine Gleitflüge durch Spaniens Mitte gewissermaßen philosophisch geadelt, und aus Spinnerei wird, nur weil sie ihrerseits geschichtlich geworden ist, nationale Metaphysik.

Während ich fliege, versuche ich übrigens, an gar nichts zu denken; ich gucke nur, der Nacken ist wie ein Kreisel, ich spüre die warme Luft auf dem Pelz und so weiter. Neulich aber, während ich wieder einmal über den endlosen Weizenfeldern dahinsegelte, dachte ich an zwei moderne, vielerorts verehrte Spanier, die aus der Mancha stammen: Pedro Almodóvar und Andrés Iniesta. Und plötzlich standen mir wieder die schönsten Szenen aus ihren unsterblichen Werken vor Augen. Da hatte aber schon der sanfte Landeanflug auf das Dorf El Toboso begonnen, einen der magischen Orte in Cervantes’ Roman. Sicher setzte ich im Ortskern auf, gleich am Käseladen, und ordnete die Kleidung, die während des Fluges verrutscht war. Ich ging um die Ecke und lief ein paar Schritte, bis ich vor der Bar „Rocinante“ stand. Und dann? Ach! Von drinnen hörte ich Musik, Gläserklirren und die Stimmen sehr vieler Leute.


  ist Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin, der Text wurde am 21.02.2021 verłffentlicht.

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