ARU

AutonomeRepublikUtopia

Ewa Maria Slaska

Kurz bevor die Deutsche Demokratische Republik Geschichte sein würde, wurde am 2. Oktober um 23.53 Uhr am Kollwitzplatz die Autonome Republik Utopia ins Leben gerufen. „Das war für uns ein symbolischer Akt“, sagt eine der Initiatoren, Julia Dimitroff heute. „Wir traten aus der DDR aus, aber wir traten nicht der Bundesrepublik bei. (…) Wir haben das Klettergerüst erklommen, ein weißes Bettlaken mit einem Loch in der Mitte gehisst und die Unabhängigkeitserklärung verlesen“.

Für eine Nacht gab es weder Zeit noch Raum. Utopia halt.

In der Erklärung der ARU (Autonome Republik UTOPIA) hieß es: „Wir sind unabhängig von Staaten und Staatsbürgerschaften, unabhängig von der Politik der Parlamente und Parteien. Die Unabhängigkeit aber fängt im Inneren jedes Kindes, jeder Frau und jedes Mannes an. So wie die Freiheit und so wie der Widerstand. In jedem Herzen steckt eine revolutionäre Zelle.“

So begann der Tag, den viele willkomen hießen, viele aber zutiefst ablehnten. Nicht umsonst hiess damals der Tag der Deutschen Einheit auch der Tag der deutschen Gemeinheit oder der deutschen Depression. Es gab einen Riesenfeier vor dem Brandenburger Tor, aber viele von uns wollten nicht hin. „Alle Hoffnung auf Veränderung wurde an diesem Tag eingefroren, die Aufbruchstimmung, die das Land im Herbst 1989 erfasst hatte, war schon lange hin.” sagte Uwe Rada, dem taz-Publizist, einer der damaligen Oppositionellen aus der DDR.
Die Zeit der Utopie ist sehr kurz gewesen. Symbolisch dauerte sie nur eine Nacht. Wie lange dauerte sie praktisch? Na ja, nicht viel länger als der Sancho Pansa auf seiner Insel Barataria regierte. Bei ihm dauerte es zehn Tage. Und bei uns? Für viele war es, obwohl doch nicht symbolisch, auch nur eine Nacht, allerdings nicht die der Vereinigung, sondern für die aus der DDR wahrscheinlich nur diese eine Nacht als sie am 9. November ungehindert an Kontrollpunkte der DDR in die freie Welt kamen. Für uns, Leute aus Westberlin, war es die Nacht, als der erste Teil Mauer runterfiel (gefallen von den DDR-Grenzsoldaten! – man muß es vollschmecken). Es war ein Freitag mit unglaublich großen Vollmond, es war fürchterlich kalt, aber die Stimmung auf den beiden Seiten der Mauer war unglaublich!

Das Beste, was die deutsche Literatur bis heute über diese Zeit hervorgebracht hat, ist, meine Meinung nach, der langatmiger, langweiliger, grandiöser Roman von Günther Grass – Das weite Feld. Grass äußere sich darin vehement gegen die deutsche Wiedervereinigung und dies hat vielen uns damals sehr gut gefallen. Wir glaubten nicht daran. Wir sehnten uns auf unsere Westberliner-Insel zurück. Der Rausch war vorbei, der Sommer der Anarchie, die Zeit zwischen Noch und Schon – endgültig vorbei.

Ganz im Sinne von Grass gingen wir an dem Tag Pilze sammeln, um sie am Abend gemeinsam zu braten und essen, und Scrabble spielen. Bloss nicht darüber zu denken, was jetzt beginnen wird.

In der Stadt ging aber interessant vor sich, was wir, Parasole essend, nicht wahr nahmen (und nicht wahr nehmen wollten). Am Alexanderplatz sammelten sich 15.000 Leute zur großen Anti-Wiedervereinigungs-Demo. Es flogen Steine, die West-Polizei, die das erste Mal den Ostdeutschen-Boden betrat, knüppelte, die Demo wurde aufgelöst. Es war die erste gesamtdeutsche Straßenschlacht in Berlin. Schaufenster wurden geschlagen, 200 Leute festgenommen. Die taz, schrieb Rada, titelte: „Glassplitter auf deutscher Einheitstorte“.

Die ARU – Autonome Republik UTOPIA – ist zerstört worden, bevor sie überhaupt entstehen konnte.

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