Alte und neue Amerika oder Amerika als Utopiemuster

Brigitte von Ungern-Sternberg

Slubfurt, die Hauptstadt von Nova Amerika (Nowa Ameryka)
Am 29. Februar habe ich in einer kleinen Galerie im Graefekiez Michael Kurzwellys Vortrag zu seiner ’sozialen Plastik’ in Slubfurt und Umgebung gehört.
Slubfurt? Was soll das sein? Es ist ein ‚realer Ort‘, der Name ist eine Schöpfung aus Slubice und Frankfurt und besagt, dass diese kleine Region zwischen den beiden Städten links und rechts der Oder  weder polnisch noch deutsch ist …  eine schöne Utopie! Diese  aber bleibt kein Traum, sondern wird konkret verwirklicht und das in einer östlichen Gegend, von der man hört und liest, dass sich des öfteren Nazis und Antifas feindlich konfrontieren und Asylsuchende und Migranten sehen müssen, wo sie bleiben.
Ich war sehr beeindruckt.
Im Video führt Kurzwelly anschaulich aus, wie man sich das vorzustellen hat, wer die Mitspieler in diesem real existierenden Territorium mit Nationalfahne, Währung, Regierung sind, das sich in der Grenzregion entlang der Oder ausweitet zu ’Nowa Amerika’.

Ewa Maria Slaska

Amerika als ein Utopie-Projekt

The Church of John F. Kennedy, Roman von Thomas Meinecke (Suhrkamp, 1997)

Der Verleger schrieb zu diesem merkwürdigen postmodernen Buch:

Auf der Suche nach den transatlantischen Luftwurzeln der europäi­schen – und vor allem auch: der deutschen – Kultur in Amerika bewahrheitet sich dem Reisenden Wenzel Assmann die These, daß die USA zwar imstande sind, die ganze Welt über den Einheitskamm ihres »Way of Life« zu scheren, dass sie nach innen jedoch eine bis heute äußerst heterogene Kulturlandschaft voller weißer Flecken und schwarzer Löcher aufweisen. Jene Kadenzen, die von den einzelnen ethnischen Gruppierungen der Salatschüssel U.S.A. auf die europäische Nationalstaatlichkeit, der sie einst entflohen sind, angestimmt werden, erscheinen dabei als nach wie vor utopischer Vielklang, der in krassem Gegensatz zu den engstirnigen Bestrebungen des während seines sogenannten Einigungsprozesses in lärmende National- und wütende Kleinstaaterei zerfallenden Europas steht.

Zugegeben, der obige Text scheint einfach geschrieben zu werden im Vergleich mit dem Roman, den er beschreibt. Ellenlange Sätze von Meinecke sind verschnörkelt, modern baroque und zum Teil vollkommen unverständlich. Dafür aber ist die Materie des Meineckes Buches unheimlich unbekannt und daher auch sehr interessant. Es ist Frühling 1990. In Deutschland wird alles durch die Vereinigung gewendet bzw durch die Wende vereinigt.  Wenzel Assman, einem jungen deutschen privat Forschern, gefällt das, was in seiner Heimat passiert, überhaupt nicht. Er ist einer an die Utopie glaubender Kommunist und glaubt zu wissen, dass die utopischen Gedanken, mit denen man sich an die Vereingung ranmachte, wie etwa die blühenden Landschaften von Helmut Kohl, von dem Kapitalismus locker verschluckt werden. Er flieht nach Amerika und hat es überhaupt nicht vor, zurück zu kommen. In Amerika sammelt Assman Informationen über die Deutschen ebendort, seine Studienreisen finanziert er mit Hilfe Deutscher Telefonbücher, die er in kleinen immer noch sehr deutschen Ortschaften in den Südstaaten zu kostenpflichtigen Durchblättern und Kopieren anbietet. Wenn er aber den Süden Richtung New York verlässt und über die blühende Landschaften der protestantischen Utopie Pennsylwania fährt, nutzen ihn seine Telefonbücher nicht mehr. Die Amische, in dessen Land er sich gerade bei dem beginnenden Winter begibt, sind an ihre europäischen Wurzel nicht interessiert. Sie haben auf dem alten Kontinent Verfolgungen erlitten, müssten fliehen und um ihr Leben bangen, dies unterstützt keine Nostalgie nach die alten guten Zeiten daheim.  Sie machten sich nach Übersee, um endlich so zu leben, wie es ihnen ihre strenge protestantische Religion oktroyiert hat. Dort gründeten sie Pennsylvanien, einen Paradies auf der Erde

Dieser Bundesstaat im Osten der Vereinigten Staaten von Amerika wurde von William Penn (1644 – 1718), einen wohlhabenden und einflussreichen Engländer, gegründet. Er war Theologe, Jurist und erfolgreicher Verwalter seiner zahlreichen Güter. Noch in England gesellte er sich der Sekte der Quaker und erarbeitete ein Modell für eine neue quakersche Siedlung in Nordamerika. Nach dem Tod von Penns Vater, berühmten Admiral, Sir William Penn, beglich König Karl II. im Jahre 1681 eine größere Geldschuld, indem er Penn Junior ein riesiges Gebiet in der nordamerikanischen Wildnis vermachte und ihn zum dortigen Gouverneur ernannte. Das neue Land wurde zuerst „Sylvania“ (Waldland) und dann Pennsylvania als Ehrung für Penn-Papa genannt. Noch im gleichen Jahr, 1681, gründete Penn die Hauptstadt Philadelphia, die damit zu den ältesten Städten der USA zählt.

Und jetzt endlich zum Buch! Zum Buch! Seite 196 und drei weitere.

Der Nachmittag begann bereits diesig zu werden, am Horizont tauchten weitere Schneefall verheißenden Wolken auf, Wenzel hatte bestimmt noch siebzig Meilen durch Pennsylvania vor sich, bis er endlich im gelobten Land der geheimnisvollen Amischen einrollen würde. Links eine Abzweigung nach East Berlin, dann eine nach Weigelstown, rechts ging es nach Hanover und dem Lake Marburg, dazwischen New Oxford, York, ein weiteres Manchester und, schließlich, Lancaster. Wo es dort links nach Mannheim abging, hielt er sich rechts, um wenige Meilen weiter südlich in den Highway 340 einzubiegen. Windige, überdachte Pferdewagen, deren dreieckig fluoreszierende Heckmarkierungen in Assmanns Scheinwerferkegeln aufleuchteten, trabten vor dem zerbeulten Chevrolet her, beachtliche Ackergaul-Gespanne zogen, zu beiden Seiten der Landstrasse, diverses, vorsintflutlich anmutendes Bauerngerät in die stattlichen Scheunen, und hinter den Fenstern der großen, weißgestrichenen Gutshäuser wurden die ersten Kerzen angezündet. Wenzel hielt den Atem an und war tatsächlich etwas erleichtert, als ihm, auf der verschneiten Gegenfahrbahn, eine Kolonne benzinbetriebener Kraftfahrzeuge begegnete, welche ihrerseits, wie Assmann, hinter einem Pferdebuggy klebte. Halleluja, dachte Wenzel, und schlug mit der flachen Hand auf das Lenkrad. Er war nunmehr ein paar Autostunden von New York City entfernt, wenn er sich hierbei nicht gerade um einen weißen Flecken der Karte handelte, so doch, ganz offensichtlich, auf ein weiteres schwarzes Loch in American Dream gestoßen!

Wenzel Assmann beschlos eine Reihe von Tagen im Landkreis der sogennanten utopischen Gemeinden zu verbringen, und bog zwischen den Dörfern Bird-in-Hand und Intercourse, auf deutsch hieß das Geschlechtsverkehr, in die südliche Harvest Straße Richtung Orchard View Motel ein.
Das hübsche Gasthaus wurde von einer Familie abgefallener Amischer betrieben; das hieß, sie waren lediglich noch die reguläre Mennoniten, durften mit der Welt verhandeln, zum Beispiel Gastgewerbe treiben und sogar schwarzlackierten Autos fahren, vorausgesetzt, dass sie an diesen auch alle Chromteile, Zeugen irdischer Eitelkeit, schwarz einfärbten. Ein solchermasse komplett schwarz geschwärzter Chevy Impala parkte dann auch im Hof des Orchard View Motel; dem gewöhnlichen Kinogänger wäre er wie Killer-Limousine aus einem Carpenter’schen Siebziger-Jahre Film vorgekommen, allein der Eingeweihte wußte von dem schicken Design tiefdemütiges Täufertum altdeutscher Zunge auszumachen. Gut nacht! Motelbesitzer Stauffer schlurfte in sein Haus zurück: wahrscheinlich legte er sich schon um acht zu Bett. Assmann dagegen machte sich putzmunter daran, sein Auto auszupacken. Neben ihm logierte ein älteres Ehepaar aus Manhattan, das seine eigenen, lange zurückliegende Hochzeitsreise, vom deutschen Pennsylvanien bis zu den beinahe kosmisch rauschenden Niagara-Fällen, noch einmal über die Weihnachtstage nachvollzog. Zwar waren die beiden extra ins abgelegene Orchard View Motel gegangen, aber daß dessen menonnitischer Besitzer absichtlich keine Fernsehgeräte in die Zimmer gestellt hatte, hielten sie doch für übertrieben und kaum erträglich. Zweiter Themenschwerpunkt der New Yorker, wann immer Assman einen neuen Karton Bücher in sein Zimmer schleppte: Die USA würden von Rechtsanwälten regiert und also ruiniert; auch diese durchaus einleuchtende Verschwörungstheorie hatte Assmann schon des öfteren gehört. Ihm war nun aber weder nach einer leichten Seifenoper noch nach gravierendenr Rechtsprechung zumute, also wunschte er den Yankees einen schönen Abend, holte, bei Stauffer war schon alles dunkel, seine Yuengling-Sechserpackung aus dem Kofferraum und schloß sich in der frommen Stubbe ein. Auf dem Kopfkissen des voluminösen Federbett, wie aus einem Wilhelm-Busch-Bogen, dachte Assmann, lag ein winziges Brustbild des täuferischen Theologen Menno Simons inklusiver rückwärtiger Kurzbiografie; der Mann war 1496 in Witmarsum geboren worden sowie Anfang 1561 bei Bad Oldesloe gestorben; und auf dem Nachtschrank lag, Wenzel hochwillkommen, ein buntes Büchlein mit dem vielversprechenden Titel 20 Most Asked Questions, verlegt in Lancaster im Jahre 1979 nach des Herren Geburt.

Naturgemäß drehten sich alle zwanzig Fragen um die verschiedenen Täfer Gruppen, welche sich in pennsylvania, Dutch Country, Dutch immer für Deutsch, niedergelassen hatten; mit unüberhörbar begünstiegender Betonung der Mennoniten-Sekte, in welche Stauffer gewissermaßen zurückgestoßen worden war. Da aber die Amischen mit der Wißbegirige weitgehend mit mennonitischen Abhandlungen über deren fundementalistischen Glaubensbrüder vorliebnahmen. Frage Nummer Eins hielt sich den auch gleich mit dem Unterschied zwischen Amischen und Mennoniten auf; wobei die ersteren, von denen sich einige Gruppen auch Mennoniter alter Verfassung nannten, als schrullig-archaische Ausgabe der letzten durchgingen. Wo der Mennonit in die Carpenter-Chaise stieg, schwang sich der Amische auf den harten Kutschbock, wo dieser den Lichtschalter drückte, machte jener eine Kerze an, wo Menno Simons’ Anhänger in ihrem kargen, pseudoprotestantischen Kirchenschiff beteten, blieb die Gefolgschaft Jacob Ammans gleich im Bauernstübchen, und so weiter. So etwas läßt sich merken, dachte Assmann und blätterte weiter. Punkt zwei: Zuerst mit Luther und Zwingli gegen die korrupten, alten Katholen, dann die wiedertäuferische Abspaltung in Deutschland, Holland und der Schweiz; anarchistische Anabaptisen-Kommunen kämpfen einen apokalyptischen Dreifrontenkrieg gegen Staat, Katholizismus und Reformation zugleich. Verdachtsmomente der Kriegskommunisten, nach denen Luther die Wucherer in erster Linie aus antisemitischen Beweggründen verurteilt hatte, erhärten sich; Assmann kannte diese geschichten aus seiner eigenen Anarchistenzeit. Frage Drei; Jawohl, die Amischen und Mennoniten sind Christen wie Sie, liebr Motelbesucher, oder wie Dirk Willems, der dem Büttel, welcher ihm nachsetzte und dabei durch die dünne Eisdecke des Dorftümpels gebrochen war, das Leben rettete und daraufhin trotzdem festgenommen sowie 1569 auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde.

Märtyrer, notierte Assmann, spielen offenbar eine zentrale Rolle in den utopischen Kommunen.

Nun ja…

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