Barataria 44 Atlas der Abgelegenen Insel 2 (Reblog)

Judith Schalansky

Vorbemerkung zur Taschenbuchausgabe

DIESER ATLAS ist wie jeder Atlas das Ergebnis einer Entdeckungsreise. Sie begann vor drei Jahren, als ich im Kartenlesesaal der Berliner Staatsbibliothek um den mannshohen Globus herumging, und die Namen jener winzigen Flecken Land las, die in den Weiten der Ozeane verloren gegangen zu sein schienen, und die auf mich gerade wegen ihrer Abgelegenheit besonders einladend wirkten.

Sie erschienen mir ähnlich verheißungsvoll wie die weißen Flecken jenseits der gestrichelten Linien, die auf alten Landkarten den Horizont der bekannten Welt abstecken. Ware unsere Welt noch nicht rundherum entdeckt, hätte ich vielleicht auf einem Schiff angeheuert, in der Hoffnung, als Erste noch unbekanntes Land zu sichten oder gar zu betreten, und mich durch diese bloße Tatsache in zukünftige Atlanten zu schreiben. Doch die Zeiten, in der uns jede Weltumseglung neue Küstenlinien und Namen bescherte, sind endgültig vorbei. Mir blieb nur übrig, meine Entdeckungen in der Bibliothek zu machen, angetrieben von dem Wunsch, in seltenen Kartenwerken und entlegener Forschungsliteratur meine Insel zu fnden, die ich nicht mit kolonialistischem Eifer, sondern mit meiner Sehnsucht in Besitz nehmen wollte.

Dabei entsprach meine Phantasie durchaus dem gängigen Inselbild von Idylle und Utopie, der viel versprechenden Vorstellung, alles noch einmal anders machen zu Land können, fände man nur den einen perfekten Ort, weit weg von den Zwängen des Festlandes, ein Platz, an dem man zur Ruhe, zu sich kommen und sich endlich mal auf das Wesentliche konzentrieren kann.

WAS MIR AUF MEINER FORSCHUNGSREISE begegnete, waren jedoch keine Schauplätze romantischer Gegenentwürfe, sondern Inseln, denen man wünschen würde, sie wären unentdeckt geblieben, verstörend karge Orte, deren Reichtum allein die Vielzahl furchtbarer Begebenheiten ausmacht, die sich auf ihnen zugetragen haben. Während ich also eine schreckliche Geschichte nach der anderen fand und anfing, literweise Orangensaft zu trinken, um der durch alle Berichte geisternden Vitaminmangelkrankheit Skorbut vorzubeugen, packte mich erst deprimiertes Entsetzen, dann wohliger Grusel.

Es war wie mit den Gemälden des Jüngsten Gerichts, auf denen die Hölle mit ihren furchterregenden Monstern und detailliert geschilderten Foltermethoden den Blick fesselt, und nicht der Garten Eden. Im Paradies mag es schön sein, aber interessant ist es nicht.

DIE FRAGE NACH DEM Wahrheitsgehalt dieser Texte ist irreführend. Es kann darauf keine eindeutige Antwort geben. Ich habe nichts erfunden. Aber ich habe alles gefunden, diese Geschichten entdeckt und sie mir so zu eigen gemacht wie die Seefahrer das von ihnen entdeckte Land. Alle Texte in diesem Buch sind recherchiert, jedes Detail aus Quellen geschöpft. Ob sich all jenes genauso zugetragen hat, ist schon allein deshalb nicht zu klären, weil Inseln jenseits ihrer tatsächlichen geographischen Koordinaten immer Projektionsflächen bleiben, derer wir nicht mit wissenschaftlichen Methoden, sondern nur mit literarischen Mitteln habhaft werden können. Dieser Atlas ist somit vor allem ein poetisches Projekt. Wenn der Globus rundherum bereisbar ist, besteht die eigentliche Herausforderung darin, zu Hause zu bleiben und die Welt von dort aus zu entdecken.

Berlin, im Juni 2011

DAS PARADIES IST EINE INSEL. DIE HÖLLE AUCH.

Vorwort

ICH BIN mit dem Atlas groß geworden. Und als Atlas-Kind war ich natürlich nie im Ausland. Dass ein Mädchen aus meiner Klasse tatsächlich, wie es in ihrem Kinderausweis stand, in Helsinki geboren sein sollte, war mir unvorstellbar. H-e-l-s-i-n-k-i – diese acht Buchstaben wurden für mich zum Schlüssel zu einer anderen Welt, und es ist noch heute so, dass ich Deutschen, die zum Beispiel in Nairobi oder Los Angeles geboren sind, mit unverhohlener Verwunderung begegne und sie nicht selten für bloße Aufschneider halte. Genauso gut könnten sie behaupten, aus Atlantis, Thule oder dem El Dorado zu kommen. Eigentlich weiß ich natürlich, dass es Nairobi und Los Angeles wirklich gibt. Diese Städte sind ja auf den Karten verzeichnet. Aber dass man dort tatsächlich gewesen oder sogar auf die Welt gekommen sein kann, bleibt mir nach wie vor unbegreiflich.

WAHRSCHEINLICH liebte ich Atlanten deshalb so sehr, weil mir ihre Linien, Farben und Namen die wirklichen Orte ersetzten, die ich ohnehin nicht aufsuchen konnte. Und das blieb auch so, als sich alles änderte, die Welt bereisbar wurde und mein Geburtsland samt seinen eingezeichneten und gefühlten Grenzen von den Karten verschwand.

Ich hatte mich bereits an die Fingerreisen im Atlas gewöhnt, die Eroberung ferner Welten im Wohnzimmer der Eltern, das flüstern fremder Namen. Atlas für jedermann hieß der erste Atlas meines Lebens. Dass er, wie jeder andere auch – einer Ideologie verpflichtet war, zeigte in unmissverständlicher Deutlichkeit seine Weltkarte, die so auf der Doppelseite platziert war, dass Bundesrepublik und DDR auf zwei verschiedenen Buchseiten lagen. Hier verlief zwischen den zwei deutschen Ländern keine Mauer, kein Eiserner Vorhang, sondern der zu beiden Seiten weiß blitzende, unüberwindbare Falz. Dass das Provisorische der DDR in westdeutschen Schulatlanten wiederum gern durch gestrichelte Linien und die mysteriöse Abkürzung ›SBZ‹ behauptet wurde, erfuhr ich erst später, als ich mit dem importierten Diercke die Flüsse und Gebirge der nun mehr als doppelt so großen Heimat auswendig lernen musste.
Seitdem misstraue ich den politischen Weltkarten, in denen die Länder wie bunte Handtücher auf dem blauen Meer liegen. Sie veralten schnell und geben kaum mehr Auskunft, als wer welche Farbflecken vorübergehend verwaltet.

WIE VIEL MEHR ERZÄHLT dagegen das Kartenbild, das die Natur nicht verstaatlicht, sondern sie über alle von Menschen gemachten Grenzen hinweg vergleichbar werden lässt. In den physischen Topografen können die Landmassen vom tiefebenen Dunkelgrün bis zum hochgebirgigen Rotbraun oder polaren Gletscherweiß leuchten und die Meere in allen Blautönen erstrahlen – erhaben über den Lauf der Geschichte.
Natürlich zähmen auch diese Kartenbilder die natürliche Wildnis durch gnadenlose Generalisierung, welche die Vielfalt der realen Geografie reduziert, sie durch stellvertretende Zeichen ersetzt und darüber entscheidet, ob ein paar Bäume schon einen Wald ergeben, ob eine menschliche Spur als Pfad oder Feldweg registriert wird. So ist die Autobahn auf Karten dem Maßstab widersprechend breit, wird eine deutsche Millionenstadt mit dem gleichen Viereck beschrieben wie eine chinesische, und eine arktische Bucht leuchtet genauso blau wie eine pazifische, weil beide die gleiche Meerestiefe haben. Die Eisberge, die sich in Ersterer türmen, werden hingegen einfach verschwiegen.

Landkarten sind abstrakt und gleichzeitig konkret – und bieten bei aller vermessenen Objektivität doch kein Abbild der Wirklichkeit, sondern eine kühne Interpretation.

Polnische Ausgabe des Buches (Verlag Dwie Siostry 2014)

DIE LINIEN erweisen sich dabei als wahre Verwandlungskünstlerinnen, sie durchkreuzen als kühles mathematisches Raster der Meridiane und Parallelkreise ohne Rücksicht Land und Wasser oder zeichnen als organische Höhenlinien Gebirge, Täler und Meerestiefen nach und sorgen – unterstützt von der Schatten werfenden Schummerung – dafür, dass die Erde ihre Körperlichkeit behält.

Dass der auf der Landkarte reisende Finger durchaus als erotische Geste verstanden werden kann, wurde mir vollends bewusst, als ich in der Berliner Staatsbibliothek zum ersten Mal dem pornografischen Pendant des Atlas begegnete, dem relieferten Globus, bei dem die Vertiefungen des Marianengrabens und die Höhenzüge des Himalaja geradezu obszön greifbar werden.

Natürlich entspricht der Globus der Erde eher als die Kartensammlung im Atlas und kann zudem in Juggendzimmern fernwehmütige Stimmung verbreiten. Die Kugelform ist aber so genial wie heikel. Die haltlose Gestalt der Erde hat keine Ränder, kennt weder oben noch unten, weder Anfang noch Ende und lässt eine Seite immer im Verborgenen.

IM ATLAS DAGEGEN darf die Erde noch so übersichtlich und flach sein, wie sie es lange Zeit war, bevor Entdeckungsreisen den verheißungsvollen weißen Flecken der unerforschten Gebiete Konturen und Namen gaben und die Ränder der Weltkarten von den sich dort tummelnden Seeungeheuern und skurrilen Monsterrassen befreiten. Schließlich wurde auch jener riesige Wunschkontinent auf der Südhalbkugel zum Verschwinden gebracht, dessen Name gleich doppelt falsch war: Terra ausrralis incognita – wenn das Land unbekannt war, wieso war es dann benannt?

Die Welt auf einen Blick sichtbar machen zu wollen, wirft Probleme auf, die nicht befriedigend zu lösen sind. Alle Projektionen stellen die Welt verzerrt dar. Entweder stimmen die Entfernungen, die Winkel oder die Verhältnisse der flächen nicht. So kommt es etwa zu jenem winkeltreuen Weltbild mit schamlos verzerrten Länderproportionen, auf denen der zweitgrößte Kontinent Afrika genauso groß aussieht wie die weltgrößte Insel Grönland, die in Wirklichkeit jedoch vierzehnmal kleiner ist. Es ist einfach nicht möglich, die gekrümmte Oberfläche der Erde mit gleichzeitiger Flächen-, Längen- und Winkeltreue auf eine ebene Fläche zu projizieren. Die zweidimensionale Weltkarte ist ein Kompromiss, der die Kartografie zu einer Kunst zwischen ungehörig vereinfachender Abstraktion und ästhetischer Weltaneignung werden ließ. Am Ende geht es schlichtweg darum, die Welt zu erfassen, nach Norden auszurichten und gottgleich zu überblicken. So wird ein vermeintlich objektives Weltganzes mit wissenschaftlichem Wahrheitsanspruch präsentiert, der auch nicht davor zurückschreckt, die irdischen Planisphären ›Weltkarten‹ zu nennen, so als gäbe es kein Sonnensystem oder Weltall. Natürlich müsste es ›Erdkarten‹ heißen. Es heißt ja auch nicht ›Weltkunde‹!

VOR EIN PAAR JAHREN zeigte mir meine Typografieprofessorin ein riesiges Buch, das sie in einem massigen Planschrank aufbewahrte. Ich hatte schon einiges aus ihrer Sammlung gesehen, historische Poesiealben, aquarellierte Zeichnungen von Wurstsorten, Törtchen und Schleifen sowie die längst veraltete Ausgabe eines Kompendiums mit dem vielversprechendsten Titel, den ein Buch haben kann: Ich sag Dir alles. Das war nicht untertrieben: In diesem Band folgte auf eine Schautafel sämtlicher Bartmoden ein Querschnitt des menschlichen Gebisses und auf die Daten der ökumenischen Konzile eine Tabelle der wichtigsten Attentate der Neuzeit, was den wunderbaren Kolumnentitel ›Konzile/Attentate‹ möglich machte.

Doch jetzt holte sie einen in blaues Marmorpapier eingeschlagenen Folianten aus zerknittertem Seidenpapier hervor, der selbst Ich sag Dir alles in den Schatten stellte. Jede der glatten, angegilbten Seiten war voll von geometrischen Konstruktionen, Kreuzen, Kästchen, einfachen, doppelten, dreifachen, gestrichelten und durchgezogenen Linien, von lichten, kursiven und verzierten Schriftzügen, Abkürzungen, Pfeilen und Symbolen, von aquarellierten Farbfeldern und feinsten Schraffierungen. Hier wurden alle Protagonisten der kartografischen Erzählung einzeln aufgelistet und geübt, sogar die schwarz-weiß gestreiften Rändchen und die Maßstabskalen. An manchen Stellen war der Strich der Feder noch etwas ungelenk, andere Seiten waren so vollkommen, als wären sie nicht von Menschenhand gemacht. Bei dem Band handelte es sich um die gebundene Sammlung von topografischen Zeichnungen aus der Lehrzeit eines französischen Kartografen zwischen 1887 und 1889, wie die schmuckreichen Versalien der Titelei verrieten. Im hinteren Vorsatzpapier entdeckte ich ein einzelnes, kleinformatiges Blatt. Es zeigte die Karte einer Insel, hatte einen Rahmen samt dem Trompe-lœil eines gezeichneten Knicks an der unteren linken Ecke, jedoch weder Maßstab noch Beschriftung. Auf diesem stummen, namenlosen Eiland erhob sich ein wulstiges Massiv braun aquarellierter Gebirgszüge, in deren Talsohlen kleine Seen lagen und sich Flüsse schlängelnd ihren Weg ins Meer suchten, das nur von der blauen Kontur des Küstenverlaufs angedeutet wurde.

Ich stellte mir vor, dass der Kartograf erst diese Insel zeichnen musste, ehe er sich an das Festland wagen durfte, und plötzlich wurde mir klar, dass Inseln nichts als kleine Kontinente und die Kontinente wiederum nichts anderes als sehr, sehr große Inseln sind. Dieser klar umrissene Flecken Land war ganz und gar vollkommen und gleichzeitig verloren, wie das lose Blatt, auf das er gezeichnet worden war. Jeglicher Bezug zum Festland war hier abhandengekommen. Der Rest der Welt wurde einfach verschwiegen. Eine einsamere Insel habe ich nie gesehen.

TATSÄCHLICH gibt es eine Reihe von Inseln, die so weit von ihrem Mutterland entfernt sind, dass sie nicht mehr auf die nationalen Karten passen. Meistens werden sie dann übergangen; bisweilen erhalten sie einen Platz am kartografischen Katzentisch: eingepfercht in einen gerahmten Kasten, an den Rand gedrängt, mit eigenem Maßstab, aber ohne Auskunft über ihre tatsächliche Lage. So werden sie zu Fußnoten des Festlandes, in gewisser Weise entbehrlich, aber ungleich interessanter als der gewichtige, kontinentale Korpus. Es ist ohnehin nur eine Frage des Standpunktes, ob ein Eiland wie die Osterinsel abgelegen ist. Die Einwohner, die Rapa Nui, nennen ihre Heimat jedenfalls Te Pito o te Henua, den ›Nabel der Welt‹. Auf der endlosen, kugelförmigen Erde kann jeder Punkt zum Zentrum werden. Nur vom Festland aus gesehen ist eine solche Insel, das Werk von aktiven und erloschenen Vulkanen, entlegen. Die Tatsache, dass von ihr aus das nächste Land Wochenreisen mit dem Schiff entfernt ist, macht die Insel in den Köpfen der Kontinentalbewohner zu einem idealen Ort und das vom Wasser umgebene Land zur perfekten Projektionsfläche für utopische Experimente und irdische Paradiese: Auf dem südatlantischen Eiland Tristan da Cunha lebten im 19. Jahrhundert sieben Sippen unter der patriarchalen Herrschaft des Schotten William Glass in mikrokommunistischer Eintracht. Der zivilisations- und weltwirtschaftskrisenmüde Berliner Zahnarzt Dr. Ritter gründete 1929 auf der Galapagosinsel Floreana eine Einsiedelei, in der er auf alles Überflüssige verzichten wollte – die Kleidung eingeschlossen. Und der Amerikaner Robert Dean Frisbie zog in den 20er Jahren auf das pazifische Atoll Pukapuka, wo er – einem klassischen Motiv der Südseeliteratur entsprechend – eine bemerkens- und beneidenswerte Freizügigkeit vorfand. Hier scheint die Insel ganz bei sich, noch in einem unbefangenen Urzustand, als Paradies vor dem Sündenfall, schamlos, aber unschuldig.

DIE FASZINATION SOLCH abgeschiedener Orte erlag auch der kalifornische Seemann George Hugh Banning, der Anfang des 20. Jahrhunderts als gemeiner Matrose das pazifische Meer befuhr, mit dem innigen Wunsch, irgendwo Schiffbruch zu erleiden. Wo das geschehen sollte, war ihm egal, solange es eine gottverlassene Örtlichkeit war, die das Wasser allseits umgab. Aber zunächst sollte er Pech haben und musste desillusioniert feststellen: Wir liefen nur ›interessante‹ Inseln an, wie Oahu und Tahiti, wo Kaugummihüllen und amerikanische Redensarten fast ebenso häufig sind wie Bananenschalen und Windgeflüster in Palmenwipfeln. Schließlich hatte er Glück und durfte mit zu einer Expedition in mexikanische Gewässer auf einer der ersten Dieseljachten mit elektrischem Antrieb. Die fahrt ging zu den Inseln Südkaliforniens (Socorro), von denen er sicher wusste, dass sie kaum je aufgesucht worden waren, weil dort nichts ist, wie die Leute behaupteten. Als er vor seiner Abreise gefragt wurde, was denn dort zu holen sei, antwortete er: Nichts und das ist gerade das Schöne.

ANZIEHUNGSKRAfT des schönen Nichts war es auch, die Expeditionen ins Ewige Eis lockte (Rudolf-Insel), um das buchstäbliche Nichts der polaren Punkte aufzusuchen, nachdem weltreisende Nationen die vegetations- und rohstoffreichen Welten bereits gefunden und unter sich aufgeteilt hatten. So bedeutete auch das unbetretene Land der antarktischen Peter-I.-Insel eine nicht hinnehmbare Kränkung für den menschlichen Drang, Spuren zu hinterlassen, und bot zudem die Möglichkeit, sich doch noch einen Platz in der Geschichte zu sichern. Drei Expeditionen vermochten es nicht, die fast vollständig vereiste Insel zu bezwingen. Erst 1929 – 108 Jahre nach ihrer Entdeckung – gelang eine Landung, und bis in die 90er-Jahre hinein waren mehr Menschen auf dem Mond als auf diesem Eiland.

VIELE ABGELEGENE INSELN erweisen sich als doppelt unerreichbar. Der Weg zu ihnen ist lang und beschwerlich, die Anlandung lebensgefährlich bis unmöglich, und selbst wenn sie gelingt, entpuppt sich das so lang ersehnte Land häufg genug – als hätte man es nicht schon geahnt – als öde und wertlos. Die Beschreibungen in den Expeditionsberichten ähneln sich. Leutnant Charles Wilkes vermerkte: Die Macquarieinsel bietet keinerlei Anreiz für einen Besuch. Auch Captain James Douglas befand: Diese Insel ist der erbärmlichste Ort eines unfreiwilligen, sklavischen Exils, den man sich ausdenken kann. Anatole Bouquet de la Grye stimmte der bloße Anblick der Campbell-Insel traurig, und auch George Hugh Banning, der Liebhaber einsamer Inseln, berichtete: Socorro sah wirklich trostlos aus. So wie die lnsel da lag, erinnerte sie mich an einen halb verbrannten Strohhaufen, den der Regen gelöscht hat und der, ohne die Kraft, wieder in Flammen aufzugehen, in einer Tintenpfütze ruht.

EINEM ABERWITZIGEN AUFWAND STEHT oft kärglichster Nutzen gegenüber; die meisten dieser Unternehmungen sind von vornherein zum Scheitern verurteilt. So schickte die Académie des sciences einst zwei Expeditionen mit teurer Ausrüstung ans andere Ende der Welt, um dort, auf der Campbell-Insel 1874 die Venus-Passage beobachten zu lassen – ein Naturereignis, das schließlich von einer mächtigen Wolke verdeckt wurde.

Um von solchen Misserfolgen abzulenken, verbringen die Wissenschaftler viel Zeit damit, jeden Winkel des Eilandes zu vermessen oder Exemplare endemischer Arten zu finden, deren Auflistung in langen Tabellen die Appendixe der Expeditionsberichte anschwellen lässt. Für die empirische Forschung ist jede Insel ein fest, ein Labor der Natur; hier muss der Untersuchungsgegenstand endlich einmal nicht mühsam abgegrenzt werden, die Wirklichkeit bleibt zumindest so lange greifbar und zählbar, bis Flora und Fauna von invasiven Tierarten ausgerottet oder die Bevölkerung von eingeschleppten Krankheiten dahingerafft wird.

NICHT SELTEN macht sich bei den wenigen Besuchern vor Ort das blanke Entsetzen breit, und im Angesicht des deutlich begrenzten Raumes schleicht sich wie von selbst der beunruhigende Gedanke an das Risiko ein, zurückgelassen zu werden und bis ans Ende der Tage hier, auf einer einsamen Insel, ein Dasein fristen zu müssen.

Der schwarze Felsen St. Helena wurde zu Napoleons Verbannungs- und Toteninsel, die fruchtbar grüne Norfolk-Insel trotz ihrer paradiesischen Üppigkeit zur gefürchtetsten Sträflingskolonie des Britischen Imperiums, und für die schiffbrüchigen Sklaven der Utile erwies sich die winzige Insel Tromelin zunächst zwar als schicksalhafte Rettung, aber die vermeintlich zurückgewonnene Freiheit auf der nicht mal einen Quadratkilometer großen Insel geriet schnell zum Kampf ums nackte Überleben.

Die abgelegene Insel ist von Natur aus ein Gefängnis; eingeschlossen von den monotonen, unüberwindbaren Mauern eines hartnäckig anwesenden Meeres und fernab der Handelsrouten gelegen, welche die Überseekolonien wie Nabelschnüre mit dem Mutterland verbinden, eignet sie sich als Sammelplatz für alles Unerwünschte, Verdrängte und Abwegige.

Tikopia

In der Abgeschlossenheit dieser Räume können ungehindert schreckliche Krankheiten ausbrechen und befremdliche Sitten herrschen, wie die mysteriösen Kindstode auf St. Kilda und die furchtbare und zugleich zwingend erscheinende Praxis der Kindstötung auf Tikopia. Verbrechen wie Vergewaltigung (Clipperton-Atoll), Mord (Floreana) und Kannibalismus (St. Paul-Insel) scheinen im insularen Ausnahmezustand geradezu vorprogrammiert zu sein. Und dass dabei selbst heute noch Gebiete mit Gesetzen entstehen, die unserem Rechtsempfinden widersprechen, zeigt der Missbrauchsskandal auf Pitcairn, wo die kleine Gemeinde von Nachfahren der Bounty-Meuterer lebt: 2004 wurde die Hälfte der auf der Insel ansässigen erwachsenen Männer schuldig gesprochen, über Jahrzehnte regelmäßig Frauen und Kinder vergewaltigt zu haben. Zu ihrer Verteidigung beriefen sich die Angeklagten auf ein jahrhundertealtes Gewohnheitsrecht, denn schon ihre Vorfahren waren sexuelle Beziehungen mit minderjährigen Tahitianerinnen eingegangen. Das Paradies mag eine Insel sein. Die Hölle ist es auch.

BESCHAULICH IST DAS LEBEN auf den übersichtlichen Landstrichen jedenfalls in den seltensten fällen, kommt es doch öfter zur Schreckensherrschaft eines Einzelnen als zur Verwirklichung der Utopie einer egalitären Gemeinschaft. Inseln werden als natürliche Kolonien wahrgenommen, die nur darauf warten, unterworfen zu werden. Nur so ist es möglich, dass sich ein mexikanischer Leuchtturmwärter zum König vom Clipperton-Atoll und eine österreichische Hochstaplerin auf Floreana zur Kaiserin von Galapagos ausruft.

Aus den kleinen Kontinenten werden Miniaturwelten, in denen unter Ausschluss der Weltöffentlichkeit Völkerrechtsbrüche begangen (Diego Garcia), Atombomben gezündet (Fangataufa) oder ökologische Katastrophen in Gang gesetzt (Osterinsel) werden können.

An den Rändern der endlosen Erdkugel lockt kein unberührter Garten Eden. Stattdessen werden die weit gereisten Menschen hier zu den Monstern, die sie in mühevoller Entdeckungsarbeit von den Karten verdrängt haben.

JEDOCH SIND ES GERADE die schrecklichen Begebenheiten, die das größte erzählerische Potenzial haben und für die Inseln der perfekte Handlungsort sind. Während die Absurdität der Wirklichkeit sich in der relativierenden Weite der großen Landmassen verliert, liegt sie hier offen zutage. Die Insel ist ein theatraler Raum: Alles, was hier geschieht, verdichtet sich beinahe zwangsläufig zu Geschichten, zu Kammerspielen im Nirgendwo, zum literarischen Stoff. Diesen Erzählungen ist eigen, dass Wahrheit und Dichtung nicht mehr auseinanderzuhalten sind, Realität fktionalisiert und fiktion realisiert wird. Schon die Entdecker wurden für ihre Entdeckungen gerühmt, als handele es sich dabei um schöpferische Leistungen, als hätten sie neue Welten nicht nur aufgefunden, sondern überhaupt erst erfunden. Dabei spielt die geografische Namensgebung eine bedeutende Rolle – so als würde der Name dem Ort erst zu seiner Existenz verhelfen. Wie bei der Taufe wird auch hier ein Bund besiegelt, zwischen Entdecker und Entdecktem, und die Besitznahme des vermeintlich ›herrenlosen‹ Landes legitimiert, selbst wenn dieses nur aus der ferne gesichtet wurde oder längst bewohnt und benannt ist. Dabei gilt wie bei allen Leistungen: Scribere necesse est, vivere non est – nur das ist wirklich geschehen, worüber geschrieben worden ist. Wer also die Flagge in den Boden steckt, bemüht sich, den nationalen Anspruch mit allerlei Informationen zu untermauern: Er berechnet die Koordinaten, kartografiert das Land und verteilt geografische Namen in seiner Sprache. Indem Norwegen die einzige aktuelle Karte der Peter -I.-Insel anfertigen ließ, betonte es sein Besitzrecht, wenngleich laut der Antarktisverträge jeglicher Gebietsanspruch zu ruhen hat. Das Kartografieren folgt dem Entdecken, der neue Name ist eine Geburt. Die fremde Natur wird gleich doppelt besetzt und besessen, der Eroberungsakt in der Karte wiederholt. Erst wenn etwas genau verortet und vermessen wurde, ist es wirklich und wahr. So ist jede Karte das Ergebnis und die Ausübung kolonialistischer Gewalt.

DASS INSELKARTE UND INSELLAND bisweilen verschmelzen und nicht mehr voneinander zu trennen sind, zeigt die Geschichte von August Gissler, für den die Schatzkarte bei seinen jahrelangen Grabungen Ende des 19. Jahrhunderts auf der Kokos-Insel irgendwann zum Ersatz für das gesuchte Gold wurde. Das Versprechen der Karte war am Ende mehr wert als der nicht auffindbare Schatz. Eine selbst gezeichnete Inselkarte war es auch, die Robert Louis Stevenson zu seinem Abenteuerroman anregte: Die Gestalt dieser Insel befruchtete meine Phantasie außerordentlich. Da waren Hafenplätze, die mich entzückten wie Sonette, und im Bewußtsein einer Schicksalbestimmung nannte ich mein Erzeugnis Die Schatzinsel‹.

Ein anderer Romantitel schrieb sich nicht nur gattungsbezeichnend in die Literaturlexika, sondern auch in die Atlanten. Eine Insel des chilenischen Juan-Fernandez-Archipels wurde 1970 umbenannt, um Touristen anzulocken. Auf dieser ehemals Más a tierra – ›näher zum Land gelegen‹ – genannten Insel hatte Alexander Selkirk avant la lettre seine Robinsonade erlebt. Heute trägt dieses Eiland nun allerdings nicht seinen Namen, sondern den seines literarischen Wiedergängers: Isla Robinsón Crusoe. Um die Verwirrung komplett zu machen, heißt nun aber die 160 Kilometer weiter westlich gelegene, ehemals Más Afuera – ›weiter draußen gelegen‹ – genannte Insel Isla Alejandro Selkirk, obwohl dieser niemals dort gewesen ist.

In den Karten ist jener quälend monotone Horizont überwunden, der auf Inseln tagein, tagaus das Blickfeld trennt und auf dem sich in der ferne vielleicht ganz schwach – als überraschender Deus ex machina – das ersehnte Schiff abzeichnet, das Nahrung bringt oder die Heimkehr verspricht.

Und in den geografischen Namen lässt sich Rache an dem entdeckten Land nehmen, das die Erwartungen nicht erfüllt. So nennen 1521 Ferdinand Magellan und 1765 John Byron einige Atolle der Tuamotu-Inseln Inseln der Enttäuschung. Ersterer, weil er auf den trockenen Eilanden weder das bitter benötigte Trinkwasser noch Essbares fand, Letzterer, weil ihm die Einwohner der mittlerweile besiedelten Inseln unerwartet feindlich gesinnt waren. Viele Namen muten mythisch und märchenhaft an. Auf der Possession-Insel verläuft der Fluss Styx, und die Hauptstadt von Tristan de Cunha heißt Edinburgh of the Seven Seas, wenngleich die Einheimischen den Ort nur The Settlement – ›die Siedlung‹ – nennen; wie auch sonst, ist es doch die einzige im Umkreis von 2400 Kilometern?

Vor allem spiegeln die geografischen Namen die Wünsche und Sehnsüchte der Einwohner und auch der Bewohner wider, wie ich in diesem Atlas alle diejenigen nenne, die nur zeitweilig auf der abgelegenen Insel leben. Bei den Stationierten von Amsterdam heißt ein ›Kap Jungfrau‹, zwei Vulkane ›Brüste‹, und ein dritter Krater trägt ganz offiziell die Bezeichnung ›Venus‹. Hier wird die Insellandschaft endgültig zum Pin-up und erotischen Ersatz. Die Insel scheint ein Ort zu sein, der zugleich Wirklichkeit und seine eigene Metapher ist.

DIE KARTOGRAFIE sollte endlich zu den poetischen Gattungen und der Atlas selbst zur schönen Literatur gezählt werden, schließlich wird er seiner ursprünglichen Bezeichnung Theatrum orbis terrarum – ›Theater der Welt‹ – mehr als gerecht.

Das Konsultieren von Karten kann zwar das Fernweh, das es verursacht, mildern, sogar das Reisen ersetzen, ist aber zugleich weit mehr als eine ästhetische Ersatzbefriedigung. Wer den Atlas aufschlägt, begnügt sich nicht mit dem Aufsuchen einzelner exotischer Orte, sondern will maßlos alles auf einmal – die ganze Welt. Die Sehnsucht wird immer groß sein, größer als die Befriedigung durch das Erreichen des Ersehnten. Ich würde einen Atlas heute noch jedem Reiseführer vorziehen.

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