Maikäfer, flieg…

Der Text von Pfarrer Luther wurde zum Wettbewerb zugesandt, den 2011 Polska Rada w Berlinie / Polnischer Rat in Berlin zum Thema “Polenhilfe” veranstaltete.

Pfarrer Axel Luther
Persönliche Erinnerungen an den 13.12.1981

Am 16. Dezember 1981 erlebten wir einen wunderschönen Wintertag. Wir fuhren auf der Autobahn in Richtung Stettin. Der erste Schnee bedeckte  die Landschaft ringsum. Die Bäume am Wegesrand waren von einem wunderbaren Raureif überzogen und glänzten im Licht der untergehenden Wintersonne. Wer könnte sich dem Zauber dieser winterlichen Landschaft entziehen?

Bis zur Autobahn-Ausfahrt Penkuhn war die Fahrbahn geräumt, dann aber fuhren wir auf einer Piste ohne Spur. Merkwürdig, ist denn niemand heute vor uns hier gefahren?

Es war schon dunkel, als wir am Grenzübergang nach Stettin ankamen. Die “Grenzorgane” der Sowjetzone (offiziell hieß sie “Deutsche Demokratische Republik” – aber wer konnte das aussprechen?!) ließen uns ohne große Kontrolle passieren – anders als sonst. Bald wurde mir klar: Sie dachten sich: Schön blöd, wenn ihr wirklich fahren wollt…

Auf der polnischen Seite erwartete uns Militär. Der Offizier kam zum Schlagbaum, überrascht, erstaunt, ein wenig ungläubig. Ich zeigte unsere Pässe samt Visa. Dann sagte er: “Czy panstwo wie ze mamy stan wojenny we Polsce? Wissen Sie, dass wir in Polen Kriegszustand haben? Sie sind seit Tagen das erste Auto aus dem Westen.”

Bei uns war in den Nachrichten am Abend des 13. Dezembers von “Ausnahmezustand” die Rede. Am 14. Dezember hatte ich problemlos das Visum für die Einreise bei der Polnischen Militärmission in der Lassenstraße in Berlin-Grunewald abholen können. Aber nun, hier in Kolbaskowo, hieß es plötzlich und zu unserer Überraschung “stan wojenny – Kriegszustand”. Da kann einen doch jeder Leutnant an die Scheunenwand stellen, dachte ich sofort. Aber mein lieber Freund Hans-Joachim Dunkel rechts neben mir auf dem Beifahrerplatz sagte in aller Seelenruhe: “Wir fahren.”

Der polnische Offizier fragte nach dem “Warenbegleitschein” (das polnische Wort weiß ich nicht mehr). Etliche Tafeln Rittersport-Schokolade und diverse Gläser Pulverkaffee genügten, dass der Schlagbaum hochging.

Und nun fuhren wir bei dichtem Schneetreiben über die Oderbrücken – mutterseelenallein. Nie habe ich im Scheinwerferlicht so große Schneeflocken fallen sehen.

Es ist ja nun nicht mehr weit bis zur Abfahrt nach Stettin. Zur ulica Energetikow wollten wir. Aber an der Ausfahrt standen mehrere Panzer. Die Soldaten wärmten sich in dieser Winterkälte an einem offenen Feuer und winkten uns erstaunt zu. Hier fuhren keine Autos mehr. Die Ausfahrt war gesperrt. Aha, dachten wir, Kriegszustand.

So fuhren wir weiter durch die Nacht. Die dicken Schneeflocken wurden vom Scheibenwischer unermüdlich fortgewischt. Wir fuhren durch verschlafene Dörfer und Städtchen – nirgendwo eine Menschenseele. Über Plathe und Naugard ging es bis nach Köslin. Dort bogen wir ab nach Norden in Richtung Strachmin. Hier hofften wir, Quartier zu finden. Unsere liebe Lübarser Nachbarin Loni Kalies war hier geboren, ihr Bruder Albert wohnte immer noch hier. Als wir am Hof der Tante, die wir gut kannten, endlich hielten, herrschte eine Ruhe wie “im tiefsten Frieden”. Die Hunde kläfften lange, bis die Oma endlich vorsichtig die Tür des alten Bauernhauses einen Spalt öffnete. Erst als sich ihre Augen langsam an die Dunkelheit gewöhnt hatten und sie meine Stimme erkannte, öffnete sie die Hoftür für den unerwarteten Besuch aus Berlin.

In der Scheune stand unser Volkswagen-Bus in Sicherheit, wir waren längst todmüde. Aber dann saßen wir im Wohnzimmer des Bauernhauses.

Inzwischen kam auch Albert, und die Hausfrau brachte warme Würstchen, Kartoffeln, Schinken und Brot auf den Tisch. “Mehr haben wir nicht”, sagt sie. Alle schauten wir auf den Fernseher. Ein Offizier verlas eine unendlich scheinende Liste von Namen. “Alle verhaftet!”, flüsterte die Oma. Und dann wurde ein Film über die Niederschlagung des Aufstandes gegen die Sowjetmacht in Ungarn gezeigt. “Das erwartet uns!”, sagte die Oma traurig.

Man hatte uns Betten gemacht, und wir fielen in einen traumlosen Schlaf. Am nächsten Morgen verzauberte das Licht der aufgehenden Sonne die Eisblumen auf dem Fenster in rotgolden leuchtende Bilder. “Pommern”, dachte ich und hörte im Herzen den Klang der Sprache. Wie die Oma hier, die in der Heimat geblieben war, hatte auch meine Oma, die Mutter meiner Mutter, gesprochen. Wie sehr hat sie – in Stolp geboren – ihre Heimat geliebt… Erst viel später habe ich verstanden, was das Kinderlied meinte, das sie mir so oft vorgesungen hatte:

Maikäfer, flieg,
Vater ist im Krieg,
Mutter ist in Pommerland,
Pommerland ist abgebrannt,
Maikäfer, flieg…

Im hellen Licht des klaren sonnigen Wintertages fuhren wir nun zurück. Eine herrliche Winterlandschaft umgab uns. Auf der großen Verbindungsstraße begegneten uns Militär-Fahrzeuge, an wichtigen Straßenkreuzungen standen Panzer: Aber, o Wunder!, niemand hielt uns an. Und dann konnten wir doch nach Stettin hineinfahren. Beim Werftgelände standen sich Soldaten und Arbeiter gegenüber. Und der Pfarrer Gustaw Meyer, der die in der  ulica Energetikow gelegene Gemeinde der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen leitete, sagte uns vorsichtig: “Es ist gefährlich hier… Die Werft ist wie ein Pulverfass!”

Wir luden die Gaben aus, wie am Tag zuvor am Grenzübergang bei der Einreise in die “DDR”, wo uns der Zoll pedantisch kontrollierte. In einer Baracke hatten wir uns bis auf die Unterwäsche ausziehen müssen…

Wir hatten diverse Lebensmittelkonserven mitgebracht, warme Kinderkleidung, gute gebrauchte Schuhe, Schokoladen-Weihnachtsmänner für die Kinder, Tee, Kaffee… Pfarrer Meyer hatte einen Raum, in dem schon andere Geschenke gestapelt waren. Sie sind von evangelischen Gemeinden aus Dänemark und Schweden über die Ostsee nach Stettin gebracht worden. Ein Problem für Pfarrer Meyer war die Verteilung der Spenden. Seine Gemeindeglieder wohnten ja nicht nur im Stadtbereich von Stettin, sondern in der ganzen weiteren Umgebung östlich fast bis Köslin. Polnische Privatautos durften wegen des Kriegszustandes nicht fahren Wie sollte er nun die Spenden an bedürftige Menschen weitergeben?

Pfarrer Meyer zeigt uns natürlich “seine” Kirche und erzählte von seiner Gemeinde und aus seinem Leben. Er war nun über 60 Jahre alt und nach dem Krieg hierher gekommen. Seine Heimat war die große Industriestadt Lodz. Er erzählte uns von dem polnischen evangelischen Bischof Julius Bursche, den die Deutschen nach dem Überfall auf Polen im Konzentrationslager Sachsenhausen bei Oranienburg inhaftiert hatten, wo er – sicherlich auf Grund der schweren Haftbedingungen – zu Tode kam. Pfarrer Meyer hatte den Bischof noch persönlich bekannt. Zu dem Zeitpunkt hatte ich kaum Kenntnisse über die Evangelische Kirche in Polen. Als Pfarrer Meyer mein großes Interesse bemerkte, schenkte er mir zum Abschied ein interessantes Büchlein von Waldemar Gastpary mit dem Titel “Biskup Bursche i sprawa polska”. Aus diesem Büchlein lernte ich viel über die Geschichte der Evangelischen in Polen.

Als die frühe Dämmerung fiel, mahnte uns Pfarrer Meyer zum baldigen Aufbruch. “Seien Sie vorsichtig”, sagte er, “die Soldaten mit den Panzern sind Russen in polnischen Uniformen!” Ein Gerücht, das ihm andere Leute erzählt hatten. Er war sich nicht sicher, meinte aber, es könnte wahr sein.

Nun fuhren wir also mit dem leeren VW-Bus zurück. Am Stadtrand hatten Panzer die Straße verengt. Ich hielt an und fragte einen der Soldaten in meinem holprigen Polnisch, ob dies die Straße nach Kolbaskowo zur Grenze sei. Er lächelte freundlich und sagte: “Prosto!”, also immer geradeaus. Wir hatten den Eindruck, dass dieser Soldat ein Pole war und kein Russe.

Der Grenzübergang wirkte völlig verlassen. Es dauerte einige Zeit, bis ein polnischer Offizier aus seinem geheizten Kontrollhäuschen nach draußen kam. Er blickte kurz auf unsere Papiere, hob den Schlagbaum und wünschte uns “eine breite Straße” – auf Deutsch: Eine gute Reise!

So fuhren wir in der Dunkelheit auf der Autobahn in Richtung Berlin. Ab Prenzlau waren wieder mehr Fahrzeuge auf der Straße. Hans-Joachim und ich waren bester Stimmung und freuten uns über das kleine Abenteuer, das nun hinter uns lag, als uns plötzlich ein Schrecken überfiel: Vor uns fuhr ein russischer Militär-LKW ohne Rücklicht. In dem dunklen Waldstück hätten wir ihn fast übersehen… Am Autobahn-Dreieck Schwanebeck konnten wir fast bis nach Lübars sehen. Aber nun mussten wir noch – wie schon auf dem Hinweg – einen Riesenumweg um Berlin herum bis nach Drewitz, dem einzigen uns möglichen Grenzübergang nach West-Berlin, machen. Dann ging es noch von Süden nach Norden durch die Stadt bis nach Lübars. Vor den Häusern sahen wir beleuchtete Weihnachtsbäume, in den Fenstern weihnachtliche Transparente und hier und da einen Herrnhuter Stern. Wir waren wieder zu Hause.

Glücklich konnte ich meine Frau und unsere Kinder in die Arme schließen. Wir hatten ja aus Polen nicht telefonieren können, und Handys gab es damals auch noch nicht… Umso mehr gab es nun zu erzählen. Ein Satz bleibt mir in Erinnerung: Meine Frau erzählt mir von einer lieben Dame aus unserer Lübarser Gemeinde, die zu ihr gesagt hatte: “Das ist aber ziemlich leichtsinnig von Ihrem Mann, im Kriegszustand nach Polen zu fahren…”Dieser Satz hat damals nicht gerade zur Beruhigung meiner Frau beigetragen.

Es war also doch eine gute Idee, so dachten wir nun, die Gaben vom Erntedankfestaltar zu Menschen in Not zu bringen. Am Erntedankfest 1981, dem ersten Sonntag im Oktober, war uns nämlich dieser Gedanke gekommen. Dank weiterer Spenden hatten wir ja den Bus vollbekommen.

Diese Unternehmung blieb keine “Eintagsfliege”. Im März 1982 fuhr ich mit Wolfgang Qualitz, einem anderen befreundeten Kirchenältesten, einen zweiten Hilfstransport nach Warschau zu den Studenten der Christlich-Theologischen Akademie. Um im Juni 1982 ging es dann, wieder mit Hans-Joachim Dunkel, nach Breslau zu Pfarrer Ryszard Bogusz und der dortigen Evangelischen Kirchengemeinde. So entstand eine Brücke des Friedens (“Most pokoju i pojednania”), die bis zum heutigen Tage besteht.  Aber das ist eine andere Geschichte…

Danken möchte ich all den Menschen in Lübars und Umgebung, die durch ihre Gebete, ihre Sach- und Geldspenden und durch persönlichen Einsatz diesen “Brückenbau” ermöglicht haben. Viele Menschen haben uns auf unseren Reisen in unser östliches Nachbarland begleitet. Und wir haben in Polen viele Menschen getroffen, die uns mit großer Freundlichkeit und Herzlichkeit begegneten und immer noch begegnen. Wir sind liebevoll aufgenommen worden und mussten uns schon ganz schön anstrengen, die berühmte polnische Gastfreundschaft ebenso zu erwidern, wenn Gruppen unserer polnischen Partnergemeinde aus der ulica Kazimierza Wielkiego in Breslau zu uns kamen und kommen.

Rückblickend denke ich in großer Dankbarkeit an die vielen Menschen in Deutschland und Polen, die an diesem Brückenbau mitgewirkt haben. Einige sind schon heimgegangen: Meine lieben Freunde und Kirchenälteste Wolfgang Qualitz, Hans-Joachim Dunkel und Gerhard Neuendorf aus Lübars und Edward Mosz und Prof. Dr. Jan Pellar aus Breslau und Pfarrer Andrzej Hauptman aus Zabrze. Ich danke den Mitgliedern der Gemeindekirchenräte aus Lübars und Breslau und vielen weiteren Weggefährtinnen und Weggefährten auf diesem Weg des Friedens, der Versöhnung und der herzlichen Freundschaft.

Gefreut habe ich mich, dass unsere beiderseitigen Bemühungen auch in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurden: Dem evangelischen Pfarrer und nunmehrigen Bischof Ryszard Bogusz hat der deutsche Präsident das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse verliehen. Stellvertretend für die vielen Menschen in meiner Lübarser Gemeinde, die sich an diesem Werk der Versöhnung beteiligten, hat mir der polnische Staatspräsident Lech Kaczynski, der leider beim Flugzeugabsturz in Smolensk ums Leben gekommen ist, das Goldene Verdienstkreuz der Republik Polen verliehen. Der Bundespräsident hatte mir zuvor auch das deutsche Bundesverdienstkreuz überreicht.

Wichtig ist mir auch, dass unser “Brückenschlag” eine ökumenische Weite hat, die auch die Katholische und die Orthodoxe Kirche einbezieht. Ein besonderes ökumenisches Erlebnis war für mich die Einladung des katholischen Metropoliten von Breslau, Erzbischof Henryk Kardinal Gulbinowicz zum Eucharistischen Weltkongress der Katholischen Kirche in Breslau im Jahre 1997. Auch ich empfing den Bruderkuss des damaligen Papstes Johannes Pauls II. Als er meinen Nachnamen hörte, musste er schmunzeln und sagte: “Gott wird ihnen vergeben”, und fügte dann ernsthaft hinzu: “Wir sitzen als Christen doch alle in einem Boot!”

Die Erinnerungen des Stettiner Pfarrers Gustaw Meyer hatten noch ein Nachspiel. Acht Jahre später fanden unser polnischer Gastpfarrer Andrzej Hauptman aus Zabrze – auch er ist, leider schon viel zu früh, verstorben – und ich im Konzentrationslager Sachsenhausen die Zelle, in der der polnische Bischof Julius Bursche gefangen lag. In einem großen Festakt, gestaltet von dem polnischen evangelischen Landesbischof Jan Szarek und dem Berlin-Brandenburgischen Bischof Martin Kruse, wurde eine Gedenktafel zur Erinnerung und zu Ehren von Bischof Bursche angebracht.

Aus dem spontanen und naheliegenden Gedanken vor 30 Jahren, nicht nur den Frieden zu predigen, sondern auch im Sinne der Bergpredigt Jesu Christi (Matthäus-Evangelium Kapitel 5 Vers 9) “den Frieden zu tun” hat sich für mich eine Lebensfülle eröffnet, von der ich zunächst nichts erahnen konnte – damals am 13. Dezember, dem 3. Adventssonntag des Jahres 1981, als ich von der Nachricht überrascht wurde, dass General Jaruzelski in Polen den Ausnahmezustand (so hieß es in unseren Nachrichten) ausgerufen hatte.

Heute bin ich dankbar für den großen inneren Reichtum, der mir im Miteinander mit deutschen und polnischen Menschen geschenkt geworden ist. Ich empfinde dies als reichen Segen Gottes.

Weshalb nehmen wir es an?

Der Text ist vor drei Jahren entstanden und zig mal zu verschiedenen Redaktionen geschickt. Meistens ganz ohne Reaktion, aber auch da, wo man, angeblich, Interesse zeigte und etwas tun wollte, passierte gar nichts.

Offensichtlich nehmen wir es an, weil es uns überhaupt nicht interessiert.

Ewa Maria Slaska

Pavel S., geboren 1982, ist von der Geburt her ein Spastiker, einer, der unter spastischen Tetraparese leidet, einer Krankheit, die sich geistig und somatisch äußern kann, und die bei ihm, zum Glück, nur körperlich in Erscheinung trat. Diese „nur“ reicht aber vollkommen, um das Leben eines Menschen tief und unreparabel zu beeinflussen, im Grade, von dem wir, die Gesunden, überhaupt nichts wissen wollen, da die spastische Tetraparese eine Lähmung aller vier Gliedmassen bedeutet. Und dies bedeutet wiederum, dass der Mensch nie allein, ohne fremde Begleitung sein Leben gestalten wird. Nie – auch ein Wort, von dem wir, die Gesunden, keine Ahnung haben. Eine Hilflosigkeit, die einem würgen wird. Mich auf jeden Fall.

Er wurde aber als Kind sehr geliebt und wirkt heute ausgeglichen und gelassen ironisch.  Man hatte ihn fürs Leben erzogen, für Teilnahme und Teilhabe an sozialen, kulturellen und politischen Prozessen, die unsere Gesellschaft aufbauen und prägen oder aber dekonstruieren und degradieren. Ein normaler Bürger halt, mit Handicap zwar, aber bewusst und engagiert.

Er ging zuerst in eine Grundschule für Körperbehinderten, nach der 5. Klasse wechselte in eine „normale“, wo er nächste vier Jahre verbrachte. Dann kamen weitere vier Jahre in einer, ebenfalls „normalen“, Oberschule, anschließend zwei Jahre Berufsförderung, ein in Berlin und ein in München und letztendlich drei Jahre Ausbildung zur Bürokraft, die er mit Ausbildungszeugnis erfolgreich abgeschlossen hat. In dieser Zeit verbrachte er auch acht Jahre in einem Behinderten Sportverein, währenddessen er an zahlreichen Schwimmwettbewerben teilgenommen hat und etliche Medaille gewann.

2006 endete der Bildungsweg. Er kam zurück nach Berlin, war ein Jahr arbeitslos und suchte in dieser Zeit sowohl die Arbeit als auch die Wohnung. Beides gelang fast gleichzeitig und kam noch dazu mit der Zuerkennung des Pflegedienstes. Jetzt ist der Weg, auf dem er gelernt hatte, ein vollwertiger Bürger dieser Gesellschaft zu sein, abgeschlossen. Er kann zwar nicht ohne Hilfe leben, braucht eine ständige Lebens-Begleitung und eine besonders eingerichtete Wohnung, aber diese Umstände berücksichtigend, ist er jetzt ein vollberechtigter Mitglied der Gesellschaft. Mit Rechten und Pflichten, wie jeder Andere. Er arbeitet, wohnt, lebt. Beruflich kann er alles, was mit dem Büro zu tun hat: Datenverarbeitung, Internet und Emails, Telefon- und Faxdienst, Personalwesenpflege, Schriftverkehr. Dazu noch Englisch. Er reist gern, hört gern Musik, pflegt gesellschaftliche Kontakte durch das facebook, lässt sich ab und zu ins Kino begleiten.

Jetzt, drei Jahre später, ist er ein Rentner. Drei Jahre hatten gereicht, um aus einem engagierten und arbeitswilligen Menschen einen Menschen am Abstellgleis zu machen. Und, um es nach Heine zu wiederholen, dies hat mit ihren Taten die Gesellschaft getan. Mit einer, oder vielleicht zwei, Redewendungen. Es ist halt so. Und – es ist gang und gäbe. Beides bedeutet fast das gleiche. Beides weist Einen, der rebelliert, sanft aber entschieden ab. Es ist halt so, die Rebellen haben hier nicht zu suchen. Der Gehorsam ist Der Wert, der unterstützt wird. Nicht die Kritik, egal konstruktiv oder nicht. Es ist gang und gäbe.

Was ist also passiert? Es ist der 1. August 2007. Pavel beginnt eine Arbeit. Sein Arbeitsgeber waren die Berliner Werkstätten für Behinderte in Berlin-Wedding mit dem Hauptsitz Westhafenstr. 4. Einsatzort: Eine Aussenstelle der Werkstätten für Behinderten, Zeiss-Ikon Betrieb in der Goerzallee in Zehlendorf. Ein Betrieb also in dem man Geld vom Staat kassiert, dass man die Behinderten beschäftigt.

Am ersten Tag meldet sich Pavel bei der Arbeit und erfährt – von einem Gruppenleiter aber auch von einer Sozialarbeiterin – dass seine Toilettengehzeiten auf 8.00 Uhr und 12.00 festgelegt sind. Das geht bei einem Spastiker nicht. Und wenn ich darüber nachdenke, bin ich der Meinung, dass es bei einem normalen Menschen auch nicht geht. Wie kann man auf Kommando pinkeln? Oder ebenfalls auf Kommando den Stuhlgang drei Stunden anhalten? Dies war vielleicht in den Zeiten des wütenden Kapitalismus gang und gäbe, in den „Modernen Zeiten“ mit Charlie Chaplin gibt es zwar davon keine Rede, aber sich Ähnliches vorstellen kann man schon. Da sind aber 80 Jahre her und  man hat inzwischen ein paar Errungenschaften des Sozialen Staats entdeckt und auch praktiziert. Z.B. die Idee, dass der Arbeitnehmer ein Mensch ist und somit den menschlichen Nöten und Bedürfnissen ausgesetzt. Wie Pinkeln.

Was einem normalen Menschen nur schwierig erscheinen mag, ist für einen Spastiker das Unmögliche. Er kann nicht auf Kommando, und verlangt man es zu heftig, dann erlöst man bei ihm noch Angstzustände, die in Depression führen.

Er weißt es. Er weißt, dass er es nicht schafft. Er weiß, dass er auch die Ratschläge – sich bei Schwierigkeiten eine Windel zuzulegen – nicht annehmen wird. Es ist ein Höhn. Mit dem Ratschlag fühlt er sich gedemütigt und erniedrigt, und er möchte wie ein Mensch arbeiten und behandelt werden. Er ruft bei Kumpel aus den Ausbildungszeiten und bei anderen Werkstätten in ganz Deutschland an. Er möchte wissen, wie es gehandhabt wird. Was er erfährt, erschreckt. Es ist überall so. Es ist gang und gäbe in all solchen Betreiben, wo die Behinderten arbeiten. Es ist halt so! Trotzdem schreibt er an die Leitstelle des Betriebs und der Werkstätten und schildert die Situation. Benutzt die Worte, die ihm als Bürger zustehen, wie Menschenwürde.

Theoretisch gewinnt er. In einem klärenden Gespräch erfährt er plötzlich, dass es doch in dem Betreib keine festgesetzte Toilettengehzeiten gibt. Er darf aufs Klo, wann er will. Er fühlt sich in seinem Verlangen, wie ein Mensch behandelt zu werden, bestätigt. Wenn man sich wehrt, gewinnt man. Mensch-zu-sein muss man sich als Behinderte hart erkämpfen.

Die Freude dauert jedoch sehr kurz. Weil spätestens nach drei Wochen normalisiert sich die Situation im Betrieb wieder und er darf nicht mehr aufs Klo, wann er will. So also geht man mit den Rebellen um. Man lässt denen ein Gefühl, dass sie gewonnen haben und dann neutralisiert man es mit dem alltäglichen Kram. Und mit diesen zwei Redewendungen, die er nicht mehr hören kann: wieso regst du dich so auf, es ist halt so! Und zwar überall.

Bei ihm endete es so, wie es enden musste – irgendwann hielt er es nicht mehr aus. Irgendwann ging es in diesem Betrieb gar nichts mehr. Er bekam einen heftigen Nervenzusammenbruch, wurde entlassen und in die Rente geschickt. Mit so einem, der nicht auf Kommando pinkeln kann, kann diese Gesellschaft offensichtlich nichts anfangen.

Es ist jetzt ein Jahr her. Die Sache ist bei ihm immer noch heiß. Immer noch fragt er sich und die Umgebung, wie ist es möglich? Weshalb musste er wegen Pinkeln, nur wegen Pinkeln, in die Rente? Er ist doch nicht der Einzige in Deutschland. Weshalb wehren sich die Anderen nicht? Weshalb nehmen sie es an?

Briefe an meinem Vater

Diesen Text habe ich meinem altem Blog – QRA – entnommen. Wie der Text von Tobias Roth vorgestern, auch er war eigentlich in dem polnischsprachigen Blog “QRA” fehl am Platz.

Nicola Caroli

1

Lieber Vater,

erinnerst Du Dich an mich?

Ich erinnere mich vor allem an ein paar Fotos von Dir. Das, auf dem Du Klavier spielst und ein weißes Hemd trägst und den rotgoldenen Ring Deines Vaters am rechten kleinen Finger. Du lächelst. Dieses Foto ist länger auf der Welt als ich. Seit 56 Jahren spielst Du den gleichen Schlager, trägst das gleiche weiße Hemd, den gleichen Ring und lächelst das gleiche Lächeln.

Oder das andere Foto, auf dem Du Deiner Freundin Edith auf einer Aussichtsterrasse gegenübersitzt. Eure Unterarme sind auf den Tisch gelehnt und Eure Gesichter treffen sich fast in der Mitte. Du trägst eine dicke Jacke mit einem weißen Wollschal, Edith einen Pelzmantel. Seit Neujahr 1950 schaut Ihr Euch gerade in die Augen, und der Schnee auf den Hügeln im Hintergrund bleibt unberührt.

Du hast mir diese Fotos nie gezeigt. Es waren mehrere Wochen nach Deinem Tod vergangen, als meine Schwester und ich Deine Schubladen durchgingen und die weiße Papierschachtel mit Fotos fanden. Ab und zu schaue ich sie mir an und denke: ich habe Dich nicht gekannt.

An jenem Abend, als Du Klavier gespielt hast, saß Edith einen Meter rechts von Dir, mit einer Gitarre auf dem Schoß. Sie war bloß nicht im Bild. Ihr spieltet zusammen in einer Band, die Kapelle Schmidlin hieß. „Er war eigentlich kein fröhlicher Mensch … Er hat gern Klavier gespielt“, erzählte mir Edith, als ich sie vor ein paar Jahren besuchte. Das Foto von Euch auf der Aussichtsterrasse stammte übrigens aus ihrem Album von 1948-53, der Zeit, in der Ihr zusammen wart. Erinnerst Du Dich? In Deiner weißen Papierschachtel gab es nur das Foto von Dir am Klavier. Bis ich Edith traf, hatte ich geglaubt, Du spieltest allein.

Ungefähr 15 Jahre nach Deinem Tod habe ich verschiedene Menschen aufgesucht, die Dich gekannt hatten. Ich hatte das Gefühl, ich müsste das tun, bevor alle, die mir etwas über dich erzählen konnten, tot sein würden. Es war, als ob ich hoffte, bei Kaffee und Kuchen an Ihren Erinnerungen an Dich teilhaben zu können. Als ob ich Edith in die Augen schauen und mit Gewissheit sagen könnte: An einem Abend im Jahr 1949 spielte mein Vater in einer badischen Kleinstadt auf einem Sommerabschlussball Klavier. Er trug ein weißes Hemd, einen rotgoldenen Ring und eine Brille. Er war 23 Jahre alt. Zum ersten Mal seit Kriegsende gab es wieder Eiscreme.

2

Lieber Vater,

ich habe das Wort „Gewissheit“ im Wörterbuch nachgeschaut. Da steht, Gewissheit sei ein „sicheres Gefühl“ und ein „Wissen in Bezug auf etwas. In Bezug auf Deinen Tod kann ich mit Gewissheit sagen, dass ich Dich weder habe sterben sehen, noch dass ich Dich tot gesehen habe. Und ich habe das sichere Gefühl, dass man einen Menschen tot sehen muss, um mit Gewissheit sagen zu können, dass er tot ist. Es scheint, dass beide es gleichermaßen wissen müssen: der Lebende und der Tote. Beide empfinden auf ihre Art den Flug der Seele, die Verschiebung in der Atmosphäre, beobachten das illusionäre Heben und Senken der Brust. Beide bezeugen das Zusammenbinden des Kiefers, den Transport im schwarzen Plastiksack; später im Sarg die künstliche Kühle der Haut. Jetzt wäre es an der Zeit, den Rücken der Hände zu streicheln, die in den meisten Fällen gebrochen worden sind, um sie zu falten. Es wäre an der Zeit Abschied zu nehmen. Man kann einem Toten alles anvertrauen. Man kann ihn alles fragen. So einen Mann wie Dich wollten sie immer haben, hatten Deine Tanten über Dich gesagt: einen, den man alles fragen kann.

Als ich mit den anderen Familienangehörigen in der Kapelle auf Deine Beerdigung gewartet habe, sagte Deine Schwester, Du würdest es nicht wollen, dass man Dich so sähe. „Dass man Dich so sähe“. „So“. Dieses „so“ ruft Bilder hervor, die man oft in Filmen gesehen hat. In Deinem Fall sollte es vermutlich bedeuten „entstellt“. Warum solltest Du entstellt gewesen sein, wenn Du mit dem Hinterkopf auf den Boden aufgeschlagen warst? Haben Deine Angehörigen Dir nach dem Tod Deines Vaters auch gesagt, er sei entstellt gewesen? Und dass er es nicht gewollt hätte, dass man ihn so sähe? Oder haben sie nur erzählt, er sei auf dem Eis der Terrasse ausgerutscht und auf den Hinterkopf gefallen und sofort tot gewesen? Wenigstens konnten sie nicht sagen: „Er ist sanft eingeschlafen“.

Dein Tod ist für mich eine Geschichte. Am Anfang erklärt ein Arzt Dich für tot, während ein paar Leute, die Du gut kanntest, um Deinen toten Körper herumstehen. Dann ruft einer von ihnen meine Mutter an und erzählt ihr, dass Du gestorben seiest. Meine Mutter setzt sich in ein Flugzeug, um mir das zu erzählen. Ein paar Tage später sitze ich in einer Kirche, in der ich noch nie war. Jemand hält eine Gedenkrede. Weil ich in der ersten Reihe sitze, kann ich beobachten, wie eine Ameise über eine der weißen Kranzschleifen krabbelt. Sie sieht aus wie ein verkohltes Haar, das von einem Luftzug durch den Raum bewegt wird. Die Ameise scheint die einzig wahrhaftige Figur in der Geschichte Deines Todes zu sein.

Wie alle anderen hier glaube ich diese Geschichte. Jetzt erzähle ich sie Dir.

3

Lieber Vater,

ich schreibe. Wie eine Pferdemähne im Trab bewegt sich meine Hand über das Papier. Mit jedem Buchstaben setze ich ein Zeichen auf das Weiß der Seite. Am Ende der Zeile komme ich an den Rand, und falle nicht.

Ich bewege mich fort. Noch habe ich keine Angst davor, dass eine Wahrheit sich mir zeigen wird. Das kann sich jeden Moment ändern, wie wenn man im Wald spazieren geht und plötzlich bemerkt, dass die Bäume in der Überzahl sind. Ich bewege mich auf eine Wahrheit zu, die ich gleichzeitig umschreibe. „Tell all the truth but tell it slant“, riet Emily Dickinson. “Sag die ganze Wahrheit, aber nicht geraderaus.” Wem hat sie das erzählt?

Mit dem Schreiben ist es so, dass man jemanden haben muss, dem man etwas erzählt. Wem hättest Du vom Tod Deines Vaters erzählen sollen, als Du erfuhrst, dass er sich das Leben genommen hatte?

15 Jahre nach seinem Tod warst Du auf der Beerdigung von Frau Schneider gewesen. Frau Schneider war die Frau des Prokuristen in der Kartonagenfabrik, die Du mit Deinem Vetter leitetest. Sie hatte sich erhängt. Als Du Herrn Schneider Dein Beileid ausgesprochen hattest, sagte er: „Sie wissen ja, wie das ist.“ Du hattest nicht gewusst wie das ist, nun wusstest Du es. Der Unterschied von ein paar Worten. Wie standest Du in dem Moment da… Du hattest es wohl nicht glauben können, dass Deine Mutter Dich so belügen konnte und fragtest den Geschäftspartner Deines Vaters. Er bestätigte das Unfassbare. An einem Abend im Januar 1942 hatte sich Dein Vater aus einem Fenster der Kartonagenfabrik gestürzt.

Niemand wusste warum, so wie später niemand wusste, dass Du vom Selbstmord Deines Vaters wusstest. Deine Frau ließ sich nach 15 Jahren Ehe von Dir scheiden, Deine Mutter starb zwei Jahre nach meiner Geburt, Deine Schwester kochte Dir Spargel am letzten Sonntag vor Deinem Tod, ohne es zu wissen.

Als Du Dich aus einem Fenster der Kartonagenfabrik gestürzt hattest, wussten es alle, die um Deinen toten Körper herumstanden; doch was sie miteinander teilten, war nicht ihr Wissen, sondern ihr Schweigen. Heute schreibe ich dieses Schweigen auf. Die Wissenden und die Unwissenden stehen sich gegenüber auf dem Papier. Und Dein Vater stürzt sich gerade aus dem Fenster.

4

Lieber Vater,

letztes Jahr war ich am Frankfurter Flughafen. Mein Flug wurde wegen eines Triebwerkschadens gestrichen. Ein Vogel war in die Triebwerke geflogen. Die meisten Passagiere griffen zu ihren Handys und begannen die Geschichte mit dem Vogel zu erzählen. Es hörte sich so an, als ob der Vogel weder gelebt hätte, noch gestorben sei. Es schien, als habe er nur im Moment seines Sterbens existiert.

Ich erinnere mich gut an diesen Vorfall: Der Vogel hatte mich aufgehalten. Sein Flug war eine Station meiner Reise geworden. Ich denke, dass Du mir so fremd warst wie dieser Vogel, mit dem Unterschied, dass ich wusste, wie Du aussahst: die langen Beine im dunklen Anzug, der weiße Kragen um Deinen Hals, die braunen Augen hinter dem geschlossenen Fenster Deiner Brille.

Ich erinnere mich nicht an Deine Augen. Ich erkenne Dich nicht wieder in den Postkarten „Grüsse aus Portugal, Dein Papa“, den Röntgenbildern Deiner Hände, dem Polizeibericht Aktenzeichen 6UJs 159/84. Ich erkenne Dich nicht wieder auf dem Blatt Papier, wo Du tot auf dem Asphalt liegst und das Blut aus Deinem Hinterkopf die Neigung des Hofes zum Bach hinunterfließt, nachdem ich Dich mit meinem Stift aus dem Fenster gestoßen habe.

Wir hatten wenig Kontakt. Bei unserem letzten Telefongespräch sagtest Du, es ginge Dir nicht so gut. Kein Grund für Alarm – Du hattest immer irgendwas. Dennoch – Deine Stimme klang hilflos und gebrochen. Ich erinnere mich daran, dass ich sagte: „Warum gehst du nicht mit dem Hund spazieren … Die frische Luft wird Dir gut tun. Dann sieht die Welt gleich ganz anders aus.“ Du schwiegst. „Woher weißt Du denn das alles, Spätzchen?“

Wie kann ich mich an Dich erinnern? Ich erinnere mich nicht an mich selbst. An die Haut meines Rückens, die kleinen Knochen meiner Finger, meine Lungenflügel. Jeden Tag vergesse ich mein Gesicht. Abends, beim Zähneputzen, bemerke ich, dass die Zwischenräume meiner Zähne größer werden. Wie ist das geschehen?

Wer spricht Dich an mit „Vater“? Plötzlich zerstreuen sich alle Worte wie Pollen. Armeen von Antworten ziehen sich zurück. Das Blatt Papier zeigt sein Gesicht. Es erzählt seine eigene Geschichte, die ich nicht hören kann.

In einem Zwiegespräch zwischen meiner rechten und meiner linken Hand habe ich Dich einmal gefragt: „Wann wirst Du in Deiner Stimme mit mir sprechen?“ Du antwortetest: „Wenn Du keine Angst hast vor dem Schatten Deiner Hand auf dem Papier.“

Diese vier Briefe sind im Rahmen der Performance Ghost Letters IV – Eine Art Geduld (2004) entstanden. Mehr Info zur Performance und zum Ghost Letters Zyklus unter Nicola Caroli Performance
Tłumaczenie na polski: NicolaPL

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„Tell all the truth but tell it slant.“

Die Oder-Flut

Die Oder-Flut in Polen. Versuch einer Rekonstruktion
von Renata Borowczak-Nasseri und Johanna Rubinroth
Audycja radiowa – Radiosendung:
Freitag / 18.01.2013 /20:10 / Deutschlandradio

Sprecher 1: Radio-Moderator:
Polnischer Rundfunk Niederschlesien. Radio Dolny Śląsk, wir haben den 6. Juli 1997, es ist 20 Uhr 10. Unser Studiogast heute: Pan Krzysztof Miazga, Experte für die Prophezeiungen des Nostradamus. Wir Polen sind ja sehr abergläubisch und gehen öfter zu einer Wahrsagerin als in ein Lebensmittelladen, (Miazga lacht) – panie Miazga,  was passiert  in  Zukunft mit uns?

Sprecher 2: Krzysztof Miazga:
Lassen wir Nostradamus selbst sprechen:

Das Jahr folgt, entblößt durch Überschwemmung – so
schrecklich stark!
Bei Jung,  Alt und Tier: Blut, Feuer, Überschwemmungen,
die größten, die es je hier gab!

Sprecher 1:Radio-Moderator:
Das klingt ja ungeheuerlich!

Sprecher 2 Krzysztof Miazga:
In der Tat! Nostradamus hat für die Zeit zwischen 2003 und 2022 einen Klimacrash angekündigt. Es sollen kosmische Umwälzungen stattfinden, die sich katastrophal, aber zugleich auch heilend auf unseren Planeten auswirken werden. Die Pole werden schmelzen, es wird große Überschwemmungen in der Sahara und Hitze- und Dürrekatastrophen in Südeuropa und den Regenwaldgebieten geben.

Sprecher 1: Radio-Moderator:
Und Schuld daran sind wir selbst…

Sprecher 2: Krzysztof Miazga:
So ist es.

Sprecher 1: Radio-Moderator:
Lassen wir eine Hörerin zu Wort kommen – wir haben Magdalena in der Leitung:

Sprecherin 3:  Magdalena (Anruf)
Ja, hallo??

Sprecher 1: Radio-Moderator:
Dobry wieczor, wir hören Sie….

Sprecherin 3: Magdalena(Anruf)
Also ich finde, es ist schon beängstigend, dass so viele, unabhängig voneinander, das gleiche voraussagen… Nostradamus, von den Mayas ganz zu schweigen… denken Sie von mir, was Sie wollen, ich glaube, dass da irgendwas passiert… Also wir treffen schon Vorkehrungen…

Sprecher 1: Radio-Moderator:
Danke,  Magdaleno.  Und hier ist Pan Staszek:

Sprecher 4: Staszek   (Anruf, ältere Männerstimme)
Ich sag Ihnen was, wir müssen`s wie die Regierung machen und unseren Scheiß-Bunker selbst bauen! In den letzten 10 Jahren wurden in fast jedem Land Bunker gebaut, z. B. in Spitzbergen. Dort sollen Politiker, Multi-Millionäre, Wissenschaftler, Militär… usw. Unterschlupf finden. Da werden Samen eingefroren, die in der verdorrten Erde –

A0 Unterbrechungs-Signal von RADIO Dolny Śląsk  Pip Pip Pip,

Sprecherin 1:
Radio Dolny Śląsk. Wir unterbrechen die Sendung für eine aktuelle Durchsage. Głuchołazy ist in Folge der starken Regenfälle in den Ostsudeten und in  Südschlesien von Oder und Neiße überflutet worden. Der Premierminister hat Hochwasseralarm ausgerufen. Einwohner von Głuchołazy, Feuerwehr und Militär nehmen an der Rettungsaktion teil. Soweit die aktuelle Durchsage.

Sprecher 1:Radio-Moderator:
Panie Miazga, was sagen Sie zu der Hochwasser-Gefahr – sind Sie beunruhigt?

Sprecher 2: Krzysztof Miazga:
(lacht auf)
 Ach nein, das Ende der Welt beginnt garantiert nicht mit ein bisschen Regen und Wasser in den Gebieten, in denen so was ohnehin jedes Jahr passiert.

Sprecher 1:Radio-Moderator:
Ihr Wort in Gottes Ohr! Wir haben wieder einen Anrufer in der Leitung. 

Sprecher 5:Karol   (junger Mann)
Hallo, hier Karol aus Wrocław. Der Seher der Mayas war auf Drogen, das weiß doch jeder. Und nur weil er Nostradamus hieß, bedeutet das noch lange nicht…

(plötzlich abgebrochen)

Radiosprecherin:
Gerade erreicht uns die Information, dass weitere Städte überflutet sind. Unsere Reporterin, Anna Wilczak, ist  in Klodzko.

Sprecherin Anna:
Hallo? Bin ich zu hören?

Radiosprecherin:
Ja,  Anna, sprechen Sie.

(Totenstille…)

Der ganze Text: Das große Wasser

Der alles gesehn hat überall, das Land regierte,
Der die Ferne kannte, Jegliches erfasst hatte,
… er gleichermaßen;
Alles an Kenntnis der Dinge allzumal hatte Anu ihm bestimmt.
Verwahrtes auch sah er, Verborgenes erblickte er;
Hat Kunde gebracht von vor der Sintflut,
Fernen Weg befahren, war dabei matt einmal und wieder frisch,
Auf einen Denkstein hat er die ganze Mühsal gemeißelt.
Die Mauer um Uruk-Gart ließ er bauen,
Um das heil‘ge Eanna, den strahlenden Hort.
Gilgamesch, 1. Tafel

Die ewige Jüdin

Dies ist mein Text, der sehr alt ist, der irgendwo schon ein paar Mal publiziert wurde, ich weiß aber nicht mehr wo, und den es auch auf Polnisch gibt, aber auch das weiß ich nicht – wo. Ich publiziere hier das, was ich in meinem Computer gefunden habe.

Ewa Maria Slaska

Es ist ein melancholisches Kind gewesen, das mit starker kindlicher Sicherheit wußte, es  sei nicht geliebt. So ist es im Leben. Ein Wesen, das nicht schön ist, verdient es nicht, geliebt zu werden. Es scheute  sich, angeschaut zu werden und wußte zu gut, daß die Schuld nur es zu tragen hatte, die Schuld, ein Mensch zu sein, der nicht schön ist. Schönheit schien ihm mit der Güte vergleichbar und mit ihr verwechselbar zu sein. Sie war eine Gnade, ein Glück, oder vielleicht, wer weiß, auch ein Preis für bestimmte Verdienste, ein Preis, der ihm verwehrt blieb.

Es war ein Mädchen. Es mochte keinen Sport. Ihr Körper ekelte sie. Sie lehnte ihn ab. Sie schämte sich, ihn zu besitzen. Ihre Kindheitsphilosophie war sehr einfach, aber messerscharf und logisch:  Eine Lebensaufgabe eines Körpers ist es, geliebt zu sein. Nur Schönheit kann geliebt werden. Schönheitslose Körper liebt man nicht und daher leben sie vor sich hin, ohne Zweck.

Das Mädchen wollte geliebt werden. Für ihre Schönheit geliebt. Ihre Mutter sollte sie lieben. Nur sie zählte.

Das Mädchen ist aber ein kluges Kind gewesen. Es hate sich eine Ersatzschönheit ausgedacht und sie hieß: Leistung. Es waren gute Leistungen, die ihm immer wieder die ihm so notwendige Anerkennung seiner Mutter brachten. Klug zu sein und dadurch doch eine Art Liebe zu gewinnen, war sein einziger Lebenstrost. Er war aber sehr dürftig. Miserabel. Sie war nicht die wahre Liebe und nur sie zählte.

So ist das Kind zuerst ein kluges Kind, später ein kluger Mensch geworden. Alle sagten, es sei sehr kluger Mensch. Klugheit brachte ihm Anerkennung. Es wollte sie aber nicht so. Nicht statt Liebe. Nicht statt die wahre Liebe. Das Gefühl nicht wahr geliebt zu sein blieb irgendwo im Hinterkopf und mündete – unvermeidlich sogar – in Wertlosigkeitsgefühl. Das Kind war kein Kind mehr aber wie ein Kind wußte es, daß die Liebe die durch Klugheit errungen ist, nicht die wahre Liebe sei. Die wahre Liebe wäre die, welche der Schönheit gewidmet wäre, und gerade diese blieb ihm vorenthalten. Und ohne Liebe hatte das Leben keinen Sinn. Der Mensch war eine Frau. Die Frau wollte sterben, weil es eine einzige logische Lösung ihres Dilemmas war. Die Idee eines Selbstmordes wurde ihr zur treuesten Begleiterin.

Mindestens sechsmal hat die Frau versucht, sich umzubringen.

Ironie ersetzt das Gefühl der Wertlosigkeit nicht. Natürlich nicht. Und man ist auch nicht schöner mit ihr. Und sie liefert auch keine Erklärung, weshalb man zum Sterben häßlich gewesen bin.

Bis es der Frau eines Tages alles klar wurde.

1985 emigrierte die Frau aus Polen nach Berlin. Eines Tages nach ihrer Ankunft, wachte sie mit einer unschlagbaren Sicherheit auf. Jetzt endlich wußte sie, wer sie war. Kam es mit einem Traum zusammen oder wußte sie es schon irgendwie vorher? Jetzt wußte sie es aber mit unlogischer Sicherheit. Sie saß auf ihrem Bett, schaute abwesend aus dem Fenster und sagte:

Ich bin eine Jüdin.

Sie war eine Jüdin, weil ihre Mutter eine Jüdin war. Niemand hatte es ihr gesagt. Sie auch nicht. Vor allem sie nicht. Nie hatte sie ein Wort darüber verloren, nie weder bewußt noch aus versehen sich in dieses Thema verirrt. Die Frau war aber sicher, dass es so war und sie es nie vergaß. Wie ein Aufseher mußte sie über ihre Gedanken, Worte und sogar Träume herrschen und übte eine nie endende Kontrolle aus. Auch über ihre Kinder. Und sie dachte, die Tatsache wäre mit dem Schweigen verloren und vergessen. Als ob sie nie existierte. Trotzdem war die Frau todsicher, dass sie es jetzt weiß. Endlich. Sie sind beide Jüdinnen, obwohl die Mutter keine seien wollte, und die Fraue es sogar nicht wußte, dass sie eine seien könnte.

Sie rückte 40 Jahre zurück.

Die Mutter lag im Krankenhaus. Das Kind wurde gerade geboren. Das Kind, das ein Mädchen war.

Es sah sich mit den Augen seiner Mutter: ein kleines Wesen. Es sah genauso aus wie sie.

In der ersten Stunde nach der Geburt sieht man jene Familienähnlichkeit am besten. Ein paar Stunden später sieht ein Säugling aus wie alle anderen, aber in dieser ersten Stunde der Erkennung ist vor allem und nur das zukünftige Antlitz sichtbar.

Eine Frau erlebt nach der Geburt ihres Kindes eine Minute des transzendentalen Glücks.

Bei der Mutter ist es auch so gewesen.

So entsteht Liebe. Sie liebte das Kind.

Zur selben Zeit mußte sie aber erkannt haben, das das Kind all die Eigenschaften aufwies, die sie am liebsten für alle Ewigkeit vergessen hätte. Die Mutter, die keine Jüdin sein wollte, brachte ein jüdisches Kind zur Welt.

So entsteht Ablehnung. Das Mädchen wurde abgestoßen.

Es wurde geliebt und abgestoßen zugleich und niemand konnte den beiden helfen. Dem Kinde nicht und seiner Mutter nicht.

Das Kind war für sie eine ewige Gefahr gewesen. Seine Nase, seine Augen, Ohren, Haare, seine Haut und seine Augenbrauen konnten alle Mutters Mühe zunichte machen. Ihre eiserne Konsequenz zählte im Angesicht des Aussehens des Kindes nicht, es hätte sie immer preisgeben können, sie verraten, aus ihrer Bahn stoßen und zurück in die Hölle bringen können.

Sie mußte das Kind, das sie geboren hat, lieben, sie wollte es, und doch sie konnte es nicht. Und dies hatte das Kind seine ganze Kindheit gespürt.

Die Mutter vollbrachte eine unvergleichbare Leistung. Sie hatte es geschafft, ihr Kind wie ein abstraktes Wesen lieben zu können, obwohl sie seine körperliche Existenz nie völlig akzeptiert hatte. Deshalb wuchs das Kind mit einem Gefühl auf, einen durchaus gehaßten Körper zu besitzen.

Es wollte seine Schwester sein.

Die Schwester war doch keine besondere Schönheit. Sie sah hübsch aus, aber ihre Schönheit, so wie sie die ältere Schwester voller Neid empfunden hatte, lag vor allem in ihrer polnischen Akzeptabilität. Dies hat das Kind hochgepriesen. Seine eigene Häßlichkeit bezog sich unbewußt auf das Jüdische, Nicht-Polnische an ihm.

Nur es wußte es nicht. Es wußte aber, dass es gefährlich und hassenswert ist, scheußlich auszusehen. Und immer wieder versuchte es, seine Häßlichkeit zu töten.

Was dann für die Welt draußen nach Selbstmordversuchen aussah.

Dabei wollte es sich nur polonisieren. Als eine Leiche, wenn es so sein will. Noch heute kann man sicher sein, das Kind, das Mädchen, die Frau wäre eine wunderschöne polnische Leiche gewesen, wenn es ihr gelungen wäre, sich umzubringen

Mit dem Beginn des Krieges hörte die Mutter auf zu wachsen.

Sie war 14 Jahre alt gewesen als der Krieg begann, und all die Kriegsjahre durch sah sie weiterhin wie ein 14-jähriges Mädchen aus. Klein, zierlich, ohne Busen. Mit etlichen Pubertätspickeln in ihrem Gesicht. Mit rabenschwarzem Haar, das sich nie in Ordnung bringen ließ. Keine Schönheit, da die Schöne in ihrer Familie ihre Mutter gewesen war und nicht sie. Was noch Jahrzehnte später das Leben des Kindes, des Mädchen, der Frau stark beeinflussen sollte.

Sie stammte aus einer wohlhabenden durchaus polonisierten jüdischen Familie, die seit Generationen berühmte Ärzte aufweisen konnte. Sie wohnten nicht in einem jüdischen Viertel Warschaus, sie sprachen kein Wort Jiddisch. Sie waren Polen und polnische Patrioten.

In der Familie, sowohl mütterlicher- als auch väterlicherseits war eine Universitätsbildung eine Selbstverständlichkeit gewesen, wobei die Frauen auch einbezogen waren. Es gab eine Tante Irmina, die jüngste Schwester der Großmutter, die hatte schon vor dem Kriege ein Doktordiplom in Botanik vorzuweisen. Nach dem Kriege sollte sie eine gewisse Berühmtheit in dem Bereich Gras- und Mooskunde erlangen und verfügte über eine Professur. Auch Flechten, Marchantiazeen und Lebermoose, sowie verschiedenste Arten von Pilzen gehörten sehr stark zu  ihrem Metier.

Deshalb wollte das Mädchen zuerst unbedingt eine Gärtnerin werden, danach eine Biologin, wobei aber die Tierkunde selbstverständlich ausgeschlossen bleiben mußte. Sehr enttäuscht stellte das Mädchen fest, dass sich das Kadaversezieren von der Naturwissenschaft nie (zumindest am Anfang) ausschließen lassen konnte und die bloße Vorstellung, eventuell einen Frosch töten zu müssen, ließ es für die recht harmlos wirkende Archäologie entscheiden. Es blieb aber immer bei der Erde und ihre Hände waren fortwährend schmutzig. Dafür sei die Position des Uranus in ihrem Astrogramm verantwortlich.

Die hübsche Großmutter Róża hatte schwarze Haare, zarte Gesichtszüge und grüne Augen. Sie war nicht nur schön, sondern auch begabt und intelligent. Sie dichtete fachmännisch und malte kleine Stilleben. Das alles war aber (natürlich) nicht professionell. Ernst dagegen studierte Róża Chemie in Lausanne. Es soll einmal ein Foto aus dem Universitätslabor gegeben haben: etwa zwanzig junge ernste Männer, in schwarzen Gehröcken – die Herren Studenten und eine junge, ernste, schwarzhaarige Studentin mit großen Augen – die schöne Großmutter. Im Lausanne verliebte sich Róża in einen polnischen Ingenieur. Auf Gegenseitigkeit. Fest entschlossen zu heiraten, kehrten sie zusammen nach Warschau zurück, wo der junge Galan erkennen mußte, dass seine Familie mit seiner zukünftigen Ehefrau gar nicht einverstanden war. Das Ringen um die Ehe dauerte eine geraume Zeit, so einfach war der Liebende nicht klein zu kriegen, aber letztlich beugte er sich dem Vorurteil seines polnischen Adelsgeschlechts und ließ sich doch von Róża trennen.

Róża geriet in eine schwere Depression, wollte nicht mehr studieren, nahm ab, bekam fortdauernd Migräne und versuchte ihr Leben mit bloßem Dasein und Durchdasfensterschauen zu erfüllen. Sie war schon 30, als ihr Vater sie fast gewaltsam gezwungen hatte, den jungen, dynamischen, vitalen Doktor Dawid zu heiraten. Dann hat sie zuerst Halina und drei Jahre danach Jakub geboren.

Róża war schwach, zerbrechlich, krank und melancholisch, und – wie es sich die Familienlegende wünschte – in ihrem Herzen katholisch. Vielleicht wäre sie schon für ihren jungen polnischen Geliebten bereit gewesen, sich bekehren zu lassen, wenn es etwas geholfen hätte. Sie mußte es aber schon zu gut gewußt haben, dass es sowieso nichts geändert hätte. Für die Polen wäre sie doch weiterhin eine Jüdin gewesen und dazu noch eine Neophytin, getaufte Jüdin, ein Wesen, das in Polen nie Ansehen gewonnen hätte. Als sie im Herbst 1943 an einer Lungenentzündung starb, soll sie – schon in ihrem Sterbebett liegend – sich einen katholischen Priester geholt haben, der sie getauft hatte.

Ob es wahr ist, was die Legende hier überliefert? Sind Legenden überhaupt dazu da, um wahr zu sein?

Man darf von Glück reden, wenn man sagt, sie ist glücklich von der Welt gegangen, wie ein normaler Mensch in seinem normalen Bett und nich auf einem Lager im Ghetto oder im Transportzug nach Treblinka.

Sie starb, Dawid ging in den Untergrund, und die beiden Kinder wurden – mit gefälschten Papieren und reichlich mit Geld ausgestattet – bei polnischen Familien untergebracht.

Dawid war, wie schon viele vorher in seinem Geschlecht, ein praktizierender Arzt gewesen. Sein Bruder Stefan war Ingenieur und ließ sich noch vor dem Krieg in Frankreich nieder, Tante Irmina war eine Naturwissenschaftlerin, ihr nächster Bruder Szymon, ein Kino- und Radiotechniker, ein Schüler von Marconi.

Wie es sich gehörte, waren Róża und die Ihren eine typische jüdische Familie – reich an Tanten, Cousinen, Verwandten allerlei Grades. Sie waren eher traditionell als religiös, aber durchaus jüdisch und doch polnische Patrioten zur gleichen Zeit. Außer Stefan, der nach Nizza auswanderte und sich während des Krieges samt seiner Kinder mit den französischen Widerstandseinheiten des Maquis zusammengetan hatte, waren alle Familienmitglieder, sowohl die Männer als auch viele Frauen, an der Seite des polnischen Widerstandes aktiv gewesen.

Großonkel Szymon und Großvater Dawid waren Offiziere der polnischen Untergrundarmee Armia Krajowa. Szymon spezialisierte sich auf das Sprengen deutscher Transportzüge, wurde als Soldat festgenommen, in Pawiak inhaftiert und dann nach Stutthof geschickt. Dawid nahm an der Schlacht um die Janowitzer Wälder – Lasy Janowskie – teil und ist dort gefallen. An einem schlichten hölzernen Kreuz mit vielen Namen oder aber nur mit denen für die Kriegszeit angenommenen Decknamen, bei denen man schon nicht mehr imstande war, sie zu entziffern, hat seine Tochter seinen Namen gefunden, der als Doktor Dawid seinem Vaterland mit der Waffe in der Hand diente und zu seiner Ehre gefallen ist.

Sie waren so gut assimiliert und so gut situiert, dass sie alle imstande waren, nicht ins Ghetto zu kommen. Viele von ihnen haben den Krieg überlebt. Irmina hatte aus dem Krieg mit Wanda, einem Adoptivkind herausgekommen, von dem ich immer nur so viel wußte, dass es eine Kriegswaise gewesen sei, vermutlich eines der Zamojszczyzna-Kinder. Vielleicht ist sie aber eine Jüdin gewesen, sie weiß es selber nicht und Irmina ist vor 50 Jahren gestorben.

Die Davids Schwestern, Regina und Jadwiga, nahmen an den Kriegsgeschehnissen in Warschau teil, sie haben während des Augustaufstands 1944 bewaffnet gegen die Deutschen gekämpft, ihre Söhne sind in diesem Kampf gefallen. Beide flüchteten zuerst über die grüne Grenze zu Stefan nach Frankreich, dann nach England und aus England nach Australien. Sie lebten noch lange nach dem Krieg, aber wollten nie mehr nach Europa zurück. Auch zum Besuch nicht.

Keiner aus der Familie ist während des Krieges wie ein Jude umgekommen. Keiner wurde vergast oder wie ein Schlachtvieh ermordet. Sie teilten das normale Schicksal eines besetzten Volkes. Ihres Volkes. Sie waren wie eine ganz “normale” polnische Familie von dem Krieg betroffen worden, haben genauso unter dem Krieg gelitten, sind gefallen, wurden inhaftiert, verbannt und ihres Vermögens beraubt. Glücklich. Glücklich ist die Familie aus dem Krieg herausgekommen, glücklich, weil sie ihn als würdige Menschen bestanden hatten und wenn sie sterben mußten, dann sind sie würdig gefallen. Wie die Polen. Weil sie auch Polen gewesen sind und nicht nur die Juden. Deshalb sind sie wie die Polen gefallen, und ihre Heldentaten dienen der Ehre des polnischen und nicht des jüdischen Widerstandes. Der Preis für das Sterben als Mensch: das Vergessen ihres Judentums. Vollkommenes Vergessen.

Sie haben sich alle, die den Krieg in Polen überlebt hatten und nicht ausgewandert sind, also Irmina, Szymon, die Mutter und ihr Bruder Jakub, nach dem Krieg zusammengefunden und es in ihrem tiefsten Herzen geschworen, sich nie mehr als Juden abstempeln zu lassen. Nie wieder waren sie bereit ihre Stirn der Verfolgung, dem Rassismus, dem Nazismus, dem Haß, dem Mißtrauen und der Erniedrigung zu bieten. Nach so vielen Generationen, die in Polen gelebt und für Polen gearbeitet hatten, ihre jüdische Identität aber immer zu bewahren wußten, waren diese Vier, die den Krieg überlebt hatten, die Ersten, die ihre jüdische Identität gänzlich und bewußt abgelegt haben. Sie wollten sie nicht mehr haben. Sie fürchteten sie, denn sie hatte ihnen nichts gebracht außer Mord, Terror, Angst und Elend.

Da sie schon während des Krieges über gefälschte Papiere verfügten, nach denen sie Polen waren, blieben sie jetzt dabei. Sie waren zuerst Polen aus Überzeugung, dann Papier-Polen, und nun sind sie endgültig Polen geworden. Sie haben Polen geheiratet, sind inzwischen getauft, katholisch, streng gläubig und schlossen damit das Kapitel Judentum ab. Als die Kinder geboren wurden, wurden sie zu polnischen Patrioten erzogen, die ihre Heimat lieben und ihr dienen sollen.

Rigorose Juden werden vielleicht meinen, dass es ein Verrat sei, stolz darauf zu sein, als ein Pole leben und sterben zu dürfen, ein unwürdiger Pakt, den da die Familie mit Polen abgeschlossen hatte für den Preis, ihr Judentum gänzlich zu verschweigen, verleugnen und vergessen zu müssen. Sie meinten dazu, sie seien alle wohl Polen und polnische Patrioten gewesen, die Polen als Heimat geliebt hatten und keine andere kannten. Sie meinten auch, dass diese Selbstverständlichkeit sich als Pole darstellen zu können, nie eine Spur des jüdischen Akzentes oder des jüdischen Benehmens vorzuweisen, ihnen allen zigmal das Leben im Krieg und auch danach gerettet hatte.

Und sie liebten ihre polnische Heimat.

Sie auch.

Heimatliebe. Sie sprachen sehr viel von ihr. Aber die nächste Generation? Das Kind, das Mäschen, die Frau? Sie kannte sie nicht. So ist es: sie kanne sie nicht. Sie ist ein heimatloses Wesen. Sie war es immer.

ISie ist eine Emigrantin, es hat ihr aber keinerlei Mühe bereitet, ihre Heimat verlassen zu müssen. Sie liebe das hier nicht, aber sie hat auch das dort nicht geliebt. Es gibt Menschen mit denen sie sich gut fühlt, es gibt die Sprache, deren sie mächtig ist, es gibt Orte, die sie wunderschön findet, sie kennt ein paar kleine Sehnsüchte, nach einer Landschaft, einer Situation, einer Atmosphäre, aber das Gefühl HEIMAT kennt sie nicht. Sie kann sich mit NICHTS und NIEMANDEM identifizieren, weil sie immer, schon als kleines Kind mit dem Gefühl leben musste, nirgendwohin gehören zu dürfen, nirgendwohin gehören zu wollen. Als Kind war sie mit ihrer eigenen Überfremdung gar nicht einverstanden, sie hätte es so gern wollen gewollt, können gekonnt, es ist ihr aber nie gelungen, weder zu wollen noch zu gehören.

Die Heimat eines Schriftstellers, einer Schriftstellerin befindet sich lediglich in der Sprache, in seiner, in ihrer Sprache. Das bedeutet, dass sich ihre Heimat, da sie eine Schriftstellerin geworden ist, doch im polnischen Sprachgebiet befinden muss, weil da ihr Freiraum entsteht. Seit zehn Jahren kämpft sie mit der deutschen Sprache, vergeblich versuchend sie zum Gehorsam zu zwingen, sie wird aber nicht wagen, sie als ihre Heimat zu bezeichnen, geschweige denn –  noch weiter gehend – zu behaupten, sie hätte ihr ihre Muttersprache ersetzt. Sie ist sich sogar nicht sicher, ob sie es überhaupt will, dass die deutsche Sprache so in ihr Leben eindringt, oder ob sie tatsächlich eine deutsche Schriftstellerin sein möchte. Sie glaubt, in einem gutgedachten göttlichen Plan, war für sie eher ein Platz unter den jüdischen Schriftstellern vorgesehen. Immerfort aber werde sie nur eine polnische Schriftstellerin sein, die sich vielleicht in der deutschen Sprache auszudrücken vermag. Es hat viel weniger mit den berühmten Problemen der Emigranten aller Couleur zu tun, mit diesem Jammern über Identität und Wurzeln, als mit der Tatsache, dass sie sich nur in ihrer Sprache frei und gedankenlos behaupten kann. Nur, die Archetypen ihrer Muttersprache entsprechen keineswegs ihrer neuen Identität. Sie ist schon deutsch. Weil sie also eine ganz neue Person ist und die ist sie eben in Deutschland geworden. Daher wäre es ihr viel lieber, hätte sie doch sagen können, sie sei in einer universellen Frauensprache beheimatet. Egal ob Deutsch, Polnisch, Englisch oder Hebräisch, sie hätte sich eine zur Verfügung stehende Sprache so bearbeiten können, dass sie sich ihrem weiblichen Drang nach Freiheit beugen würde. Sie hätte vielleicht sogar Fehler machen dürfen, vorausgesetzt, sie hätten ihre Weiblichkeit widergespiegelt. Sie würde zum Beispiel die Weib sagen dürfen, weil sie es unmöglich findet, dass eine feminine Person über das grammatikalische Geschlecht eines Neutrums verfügt. Mädchen, Fräulein, Weib, eine weibliche Triade der geschlechtslosen deutschen Neutralität. Die griechischen Göttinnen – eine Jungfer, eine Nymphe und eine Greisin, Artemis, Hera, Hekate, stehen ihr in der deutschen Sprache nackt vor Augen, mit abgehackten Busen, Köpfen und Hüften, unfruchtbar, leer und gleichgültig neutral, weder für Geburt noch für Tod zuständig.

Wie sie.

Eine Frau, eine Feministin, eine Jüdin. Eine weibliche Triade der Selbstentdeckung ist ihr in Berlin gegeben worden, und sie weiß bis heute nicht, was sie mit dieser Erkenntnis wohl tun soll. Sie erklärt ihr zwar sehr viel, sie kann ihre bisherige Identität viel besser verstehen, aber was soll sie damit in der Zukunft anfangen? Wie wäre es wohl, wenn sie jetzt den göttlichen Plan übernähme, der für ihre Mutter vorgesehen war? So wie sie den Plan ihrer Mutter in Erfüllung brachte. War es für sie geplant, in Berlin zu leben und sich zu bemühen, als deutschsprachige Schriftstellerin aus Polen ihren Fuß zu fassen. Dem jüdischen Gott schreibe man immer zu, er plane besser, größer, umfangreicher. Er ist doch selbst so ehrgeizig.

Ihre Mutter hat geheiratet und somit ist es ihr gelungen, das Leben von Róża endlich zu erfüllen. Sie erreichte eben alles, was Róża nicht bekommen konnte. Sie heiratete einen polnischen Ingenieur aus adligem Hause, ist eine Künstlerin geworden, eine Katholikin, eine Patriotin. Różas gescheitertes Leben ging erst in den Händen ihrer Tochter in Erfüllung.

Die Träume ihrer Mutter verwirklichend übersieht die Tochter aber, dass ihr Leben unerfüllt bleibt. Sie hat ihr Leben auf die Straße ausgesetzt, so wie man ein ungewolltes Kind aussetzt.  Ihr Leben lag da, bis sie es auf dieselber Straße vierzig Jahre später gefunden hatte.

Sie ist eine Jüdin also. Wie schon gesagt – es war davon nie die Rede bei ihr zu Hause. Sie waren Polen und Katholiken, Papi und sie noch besonders patriotisch-aktiv dazu. Sie waren in der Solidarność-Bewegung aktiv, auch im Untergrund, man verfolgte sie und so weiter. Alles in allem – wahre polnische Patrioten. Es ist dabei nichts zu ironisieren. Die Zeiten waren so pathetisch und sie waren die guten Kinder ihrer Epoche. Und plötzlich im Herzen des Engagements wurde sie von einer unerklärlichen politischen und psychischen Müdigkeit überfallen. Sie konnte weder schreiben noch lieben, noch leben, und sie ist zwar als eine polnische Untergrundaktivistin aus dem kommunistischen Polen gegangen, in Wirklichkeit war sie sie aber nicht mehr. Sie war niemand. Eine Hülle, die neuerfüllt sein wollte.

Sie kam nach Berlin und fand heraus, dass sie eine Jüdin bin. Sie weiss nicht, weshalb sie es entdeckt hat. Noch weniger weiss sie, weshalb sie es erst tat, als sie aus Polen und von ihrer Familie fort war, und warum es ausgerechnet in Deutschland stattfand.

Ein jegliches hat seine Zeit und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde – heißt es im Kohelet. Es war die Zeit dafür, das verlassene Leben der Mutter auf dem Weg zu finden und intellektuell zu eigenem zu machen, es aus der Verdammnis zu holen und zum Leben zu motivieren.

Seit diesem Moment sind schon zehn Jahre vergangen, die sie für Entdeckung ihrer Wurzeln gebraucht hat. Sie hat viel nachgeholt, obwohl sie weder Hebräisch gelernt noch Israel besucht habe. Sie ist  immer noch nicht bereit, sich mit einer neuen Welt auseinanderzusetzen, weil sie zuerst in ihrer alten Welt Ordnung schaffen muss. Da sie jetzt alles weiss, konnte sie sich endlich von ihren Ängsten befreien. Sie hat sich mit ihrem Körper versöhnt (was für ein Wort? wieso ver-söhnt? Sie ist doch eine Frau, daher hatte sie sich mit ihrem weiblichen Körper… was? Ver­fraut?) Sie fürchtet sich nicht mehr, unbeliebt zu sein. Sie fürchtet nicht, verlassen zu werden. Sie hörte auf, fortdauernd mit Selbstmordgedanken zu jonglieren und seit ein paar Jahren hat sie keinen Freitodversuch mehr unternommen. Vor allem aber hat sie endlich ihre Mutter und damit auch ihr eigenes Leben verstanden.

Zuerst war sie der Mutter böse. Das Judentum wäre ihr Erbe gewesen und sie meinte, sie hätte das Recht, darüber Bescheid zu wissen. Egal was auf sie in ihrem Leben gutes oder schlechtes zugekommen wäre, es wäre doch ihr Erbe gewesen. Sie trauerte um ihr vorenthaltene Kenntnisse und Möglichkeiten, um die ihr so autoritär aufgebürdete Beschränkung ihres Ichs. Und vor allem trauerte sie um ihre verlorene Kindheit, weil sie sie nicht wie ein Kind sondern wie ein Melancholiker erlebt hatte.

Es dauerte eine Weile, bis sie diese Gedanken fallen ließ. Sie nahm allmählich wahr, was ihre Mutter ihr gesagt hatte: es sei ihr gutes Recht gewesen, ihr Leben so zu gestalten, wie es ihr im Jahr 1945 und all die Jahre danach richtig schien.

Sie lebt seit zehn Jahren in Berlin.

Es war für sie eine entdeckungsreiche Zeit. Vor allem aber erschienen ihr zwei ihrer Entdeckungen buchstäblich “lebenswichtig”: Sie ist eine Jüdin und sie ist nicht tod zu kriegen. Es klingt fast so, als ob sie unsterblich wäre. Eine ewige Jüdin.

Chicken Kiev

Es ist ein Post von meinem Freund, Autor, Fotograf und engagierten Mensch aus Berlin, Karsten Hein.
Er hat auch den Blog “Bilder für die Blinde” konzipiert und verwaltet ihn.

Den Post “Chicken Kiev” schrieb Karsten für meinen Blog “QRA”.
Daher geht es in ihm auch ums Essen und einen Kochrezept gibt.
Der zugesandte Text landete jedoch im Spam-Ordner (och, dieser gmx!) und da ich dorthin lange nicht geschaut hatte – ging verloren. Erst jetzt, bei dem Austausch der Neujahrswünschen, kamen wir beide darauf, dass es Mal einen Text gab…

… den ich jetzt präsentiere.

Karsten Hein

Chicken Kiev

Lately I’ve been to Donetsk again. Donetsk is a not-so-pretty city in eastern Ukraine, you might heard of since it was one of the stages of the UEFA Euro 2012 (Trademark). In the world of football, at least in that of Ukrainian football, Donetsk is notorious for being the one Ukrainian city-where-the-Ukrainian-side-always-looses. Its also notorious for suffering from a combined Aids-Tuberculosis-Drug-Addiction epidemic. Thats why I’ve been there, I attended a conference on Aids, tuberculosis and drug addiction. All three of them are problems of the impoverished 99% of Ukrainian society (and in Ukraine you may take the “99%” literally) and consequences of the underlying problem of mass poverty. Conferences on theses subjects always take place in quite expensive hotels (“international standard”), such as the hotel Praga (Prague) in Donetsk:

Foto Karsten Hein

Alas I’m quite frequently attending such conferences. Big problem – many conferences. Many Aids conferences – many expensive hotels, many hotel restaurants, many conference lunches, many opportunities to enjoy “chicken kiev”. Every conference lunch in every damned hotel in Ukraine serves chicken kiev. But why? Chicken kiev means chicken breast filled with butter, fried in oil. Close to tasteless. Do they regard it as the acme of Ukrainian cuisine? But Ukrainian cuisine is manyfold and can be really excellent. Or do they? As far as I can tell, its not their national dish. Or is it? I’ll have to ask them next. Maybe they think that foreigners think it is and thus feel obliged…  Anyway, the recipe:

4 chicken breasts
250 g butter
lemon juice
garlic
salt & pepper

flour, an egg & breadcrumbs for the coating

oil for frying

Mix the butter and the seasoning. Cut a pocket in the chicken breast, stuff in the butter. Bread the filled chicken breasts. Preheat the oven (200°). Fry the chicken breasts in a pan until lightly browned, then bake them in the oven for 20 minutes until they look like croquettes.

(I’m sorry I forgot to take a life picture of my last chicken kiev, so I have to borrow this one from Wikipedia: http://en.wikipedia.org/wiki/File:Chicken_Kiev_Flickr.jpg
And I must say I hardly could have done it better. It’s so realistic.)

PS of Ewa Maria Slaska: Karsten, thanks for writing about that wonderful eating. It seems I forget it and it was so important! Chicken Kiev it is Polish “dewolaj” – in communistic Poland it was a “must have” dish in any elegant restaurant or hotel. Actually a common symbol of luxury.

Von der Polyphonie des inneren Monologs oder Wenn das Radio fehlt

Auch dieser Text wurde im Jahrbuch des Internationalen Studienzentrums Berlin (ISB) 2007/2008 veröffentlicht und auch er ist im Internet nicht vorhanden.

Dorota Cygan

Von der Polyphonie des inneren Monologs oder Wenn das Radio fehlt

Na, dann iss was, es hat doch keinen Sinn zu hungern, die zwei Würste vorher waren wohl ein Witz und die kleine Suppe auch eher dünn, das bisschen Schokolade und Eis tagsüber brauchst du gar nicht zu zählen, wo kämen wir denn hin, wenn alle ab jetzt nix mehr essen, ach was, Orangenhaut ist erblich und von Rettungsringen sollen die da nicht reden, wenn sie selber Augenringe haben, diese Arbeitsfetischisten und Zeitungsfreaks, selbsternannte Ernährungsberater im hysterischen Krampf auf der Suche nach Themen und  druckreifen Ratschlägen, die sich möglichst in Versform zu geflügelten Worten reimen und dauerhaft einprägen sollten, vergiss sie, iss was, der Abend ist noch lang, es geht nichts über ein Stück Schokolade, geistige Nahrung braucht mal auch eine konkrete Grundlage, allein ist sie bloß Ersatz, nee, stimmt gar nicht, ist nicht die zweite Tafel, der kleine Riegel zählt ja nicht, na dann nimmst du dir gleich alles Wichtige vor, was gestern liegen geblieben ist, ja, den alten Artikel auch, der vorige Woche hätte abgegeben werden können, wenn er nicht so offensichtlich unvollkommen gewesen wäre, machst halt ein paar Striche, hier und da ein Komma, eine treffende Metapher, subtile Pointe, streust ein paar Gedankenblitze und fertig, Magenkrämpfe haben noch keinem beim Schreiben geholfen, kein Wunder, dass du nichts zustande bringst, wenn der Bauch schnalzt und der Darm pfeift, für einen genialen Wurf brauchst du Energie, und wenn sie erst mal da ist, kannst ja gleich die Notizen vom vorigen Jahr suchen, liegen wohl unterm Bett, sicherlich runtergerutscht beim Nickerchen, ja, alles verstaubt sofort, diese Umweltverschmutzung, da waren doch, weißt du noch, ein paar geniale Ideen für drei neue Artikel, könnte man gleich einen ersten Entwurf machen und am Wochenende den Rest, ja vielleicht am besten gleich zwei, wenn man schon in Fahrt ist, dem Prof würden sie sicher gefallen, wenn er sie schwarz auf weiß vor sich hat, so bloß erzählt mag er sie nicht mehr, er sei schon zu alt, meinte er letztens, ja, Geschriebenes hat schon was, beruhigende Buchstabenreihen in klarer Abgrenzung vom Hintergrund, guter Kontrast, Schärfe der Argumentation und disziplinierte Gedankenführung, Ordnung des Gemachten,  fertiggestellte und abgeschlossene Größe, die – in Worte gebannt – nie mehr wachsen, geschweige denn über den Kopf hinauswachsen kann, tote Materie, die sich nicht verselbständigen kann, um in der Nacht herumzuspuken, ja, es hat schon was … wie auch diese Milka mit Joghurt-Füllung, gar nicht schlecht, viel Milch und Fruchtgeschmack, wie damals, als noch keine Diss im Raum stand, als Fahrradfahren und Fußballspielen zur normalen Fitness und die ersten peinlichen Gedichte zur gewöhnlichen Selbstprofilierung  gehörten, ach, eigentlich ist es wie gestern, kein großer Zeitsprung, immer noch derselbe Geschmack und dieselben Pickel, wenn du dich zusammenreißt, sieht man weder den Bauch noch die seichten Stellen im Textgefüge, noch ist alles möglich, jetzt um den Jahreswechsel hast du doch alles Vergangene weit hinter dir zurück gelassen, es holt dich nicht so schnell ein, nimm jetzt den richtigen Anlauf und dann fließen die Gedanken nur so hin, geordnet, gefügig und soooo schön, dass man sich nicht satt sehen kann – die längst überfälligen Sätze, endlich zu Papier gebracht, markieren die Grenze zum Neuen, und hinter dieser Grenze erstreckt sich eine weite Fläche ungeahnter Möglichkeiten, – die Freiheit, alles essen, denken, verbrechen, lieben und hassen zu können, was das Herz begehrt, vor lauter Übermut eine, zwei, drei oder vier weitere Dissertationen zu schreiben, ohne dass das Gefühl eigener Omnipotenz angesichts solch totaler Lebensentwürfe schwächelt, mehr noch –  ich sage dir, du wirst es noch heute schaffen, du wirst noch in dieser Nacht zu schreiben anfangen, du wirst Schriftstellerin, es ist die Geburtsstunde deines Genies. Du wirst es.

P.S. Hiermit schreiben wir einen Wettbewerb aus: Gesucht wird ein würdiges Pseudonym für die werdende Schriftstellerin ohne Werk. Gestiftet wird ein Preis in Höhe von 5 Euro für seriöse Vorschläge. Die Autorin tauscht die Urheberrechte für den vorliegenden Text gegen ein Radio oder eine psychedelische CD, die sie davor bewahrt, in der Stille ihres Arbeitszimmers Texte von solch peinlicher Offenheit zu produzieren, nur um die klirrende Stille der schalldichten Wohnzelle zu übertönen.

„Einsame Wörter“

Ich lade Autoren ein,  ihre Texte an diesem Blog zu veröffentlichen. Als erste hat Dorota Cygan, Linguistin, auf diese Einladung reagiert. Sie stellte mir ihren Text „Einsame Wörter“ zur Verfügung, der zwar im Jahrbuch des Internationalen Studienzentrums Berlin (ISB) 2005/2006 veröffentlicht wurde, den man aber im Netz nirgendwo findet.

Dorota Cygan
„Einsame Wörter“ oder Von der Poesie des Deutschunterrichts

Dichter sind sie eigentlich, ja, Dichter, ohne es zu wissen. Ausländer, die sich mühsam in das steife Korsett der deutschen Syntax zwingen, dafür aber in der Wortbildung in vollen Zügen die Freiheit genießen und sich manchmal bis in die sprachliche Anarchie vorwagen. Solange, bis die Lehrer, trostlose Besserwisser, ihnen den anarchischen Spaß vertreiben und das Richtige beibringen. Bis dahin ist es aber, Gott sei Dank, ein langer Weg, auf dem ein aufmerksamer Pädagoge (kein Sprachmoralist) manch eine Perle aufzulesen vermag. „Einsame Wörter“ – ich fand diese Verbindung in einem zu korrigierenden Beitrag und konnte mich nicht entscheiden, ob mich die frappierende Schönheit dieser Wortkombination mehr entzückt oder die tiefe Wahrheit über die existentielle Lage der besagten Wörter. Wenn man statt „einzelne Wörter“ – „einsame Wörter“ schreibt, ist man doch einen gewaltigen Schritt weiter als die nüchternen Linguisten, die ein Sprachphänomen, eben ein einzelnes Wort, isoliert betrachten wollen. Man ist mit dieser Kombination in einem einzigen (nicht einsamen!) Schritt direkt auf der existentiellen Ebene. Denn: Ist nicht alles Einzelne nicht auch ein wenig einsam? Liegt nicht ausgerechnet darin, in dieser misslichen Ausgangssituation das Bestreben der Wörter begründet, sich zu Paaren, Dreieckkombinationen und Ketten zu schließen? Weil man nämlich als Wortkette eine ernst zu nehmende kommunikative Einheit zu bilden vermag und einen gewissen Anspruch auf größere Ausdruckskraft gewinnt? Sicher ja, deshalb sei hier etwas zur Verteidigung der armen „einsamen Wörter“ gesagt, die sich, wenn sie einzeln auftreten müssen und keinen Schutz des ganzen Kollektivs von weiteren Wörtern genießen können, gar nicht trauen, als Einzelne zu bestehen und ihre Wahrheit laut zu verkünden. Diese „einsamen Wörter“ seien hier mal in Schutz genommen. Sie sind aussagekräftiger als Wortkaskaden. Und vor allem: Sie sind die BASIS. Ohne sie wäre ja nichts mit Deutschlernen. Als ich (bitte verzeihen Sie mir diese persönliche Einlage) vor einigen Jahren meine ersten Wörter der deutschen Sprache aufschnappte, besetzten sie, langsam aber sicher, alle Winkel meines Gehirns und ließen wenig Speicherplatz für Matheformeln und Geschichtsdaten. Nachts krochen sie hervor und meldeten sich ununterbrochen – alle einzeln, ohne jeden Zusammenhang. Ich träumte Wörter, immer nur Wörter. Sie waren nicht wegzukriegen aus dem Gedächtnis. Sicherlich ging es Größeren dieser Welt ähnlich, wenn ich in dem Zusammenhang Arno Schmidt zitieren darf, der mal schrieb: „Vielleicht bin ich von Mutter Natur ausdrücklich als 1 Gefäß für Worte angelegt.“ Doch diesen Satz kannte ich damals nicht. Und irgendwann aber traten die Wörter glücklicherweise aus der Isoliertheit (oder Vereinzelung) heraus und begannen Zusammenhänge zu bilden. Dass es jetzt, nach vielen Jahren, hauptsächlich auf die Zusammenhänge ankommt, soll uns jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass einzelne, zunächst einsame Wörter die eigentlichen Bausteine des gesamten Sprachgebäudes sind. Bei aller Liebe für komplexe Redewendungen serviere ich im Deutschunterricht deshalb Wörter gerne auch einzeln, und zwar sowohl den Anfängern in meinem Deutschkurs, als auch den fortgeschrittenen Studenten, die sich ihre poetischen Kombinationen selbst erfinden dürfen und sie mir dann auch bitte schenken sollen. Aus all den Geschenken wird vielleicht eines Tages ein kleines poetisches Brevier entstehen – aus Wörtern nämlich, die entgegen der herrschenden Konvention etwas willkürlich nebeneinander aufgestellt werden und einen Hauch des Neuen, Kreativen haben. Zum Beweis dafür, dass in ausländischen Lernenden manchmal Dichter stecken.

Für die „einsamen Wörter“ sei der Autorin jenes Beitrags, den ich korrigieren sollte, an dieser Stelle herzlich gedankt. Diese Wörter ruhen jetzt in der privaten Schatzkammer und glänzen dort – sogar in guter Gesellschaft.

Übrigens hat auch die StaBi Anflüge sprachlicher Kreativität: Dort stand vor ein paar Jahren auf einem Verbotsschild: „Die Tische und Stühle dürfen nicht verrückt werden.“ Der Satz gehört ja auch in die Schatzkammer, oder? Ob er wohl von einem Dichter stammt?