Monika Wrzosek-Müller
Zehdenick liegt auf dem Weg von Berlin nach Warthe; über das Dorf habe ich hier im Blog immer wieder geschrieben. Zehdenick ist ein kleines Städtchen, viel kleiner als Templin und weniger lebhaft, weniger lebendig. Selten trifft man auf den Straßen die Einwohner. Ich erinnere mich, wie wir vor Jahren noch ein Café auf dem Marktplatz gesucht haben, vergeblich. Jetzt lese ich, dass es sich um das am weitesten ausgedehnte Städtchen in der Region handelt, denn es umfasst auch die umliegenden Dörfer,-Ortsteile in großer Zahl: Badingen mit einer Schlossruine, Bergsdorf, Burgwall, Kappe, Klein-Mutz mit einem Bismarckturm, Krewlin mit einer schönen Fachwerkkirche von 1690 (echt alt), Mildenberg mit dem Ziegeleipark, Ribbeck, Vogelsang – das wir immer auf dem Weg nach Warthe durchqueren – Wesendorf, Zabelsdorf. Es gibt insgesamt dreizehn Ortsteile. Das ist schon ein riesiges Gebiet, ich würde das Gebiet Zehdenicker Land nennen, so wie die Großgemeinde Boitzenburger Land, zu der auch Warthe gehört. Der Name Zehdenick hat mich neugierig gemacht, jetzt lese ich, dass es sich tatsächlich um ein slawisches Wort handelt; Cydzynek oder Sadniki hieß die Siedlung im Mittelalter; sie wurde bereits 1216 erwähnt. Ein Städtchen mit einer langen Geschichte also.
Eigentlich umfahren wir das Städtchen immer möglichst schnell, schauen nur sehr aufmerksam, ob die kleinen Störche in ihren Nestern sitzen, und sind bald an der Brücke über die Havel vorbei. Was mich immer wieder interessiert hat, waren die ziemlich rechteckigen Teiche oder Seen beiderseits der Havel, oberhalb von Zehdenick, in Richtung Mildenberg, also der Ziegelei. Sie sind auf allen Karten zu sehen. Nun ist die Havel für Berliner ein großer Fluss, der durch die Stadt fließt und zusammen mit der Spree die Landschaft prägt; viele reichere Berliner fahren auf ihren Booten die Havel rauf und runter. Jetzt lese ich, dass die Havel der größte Nebenfluss der Elbe sei, mit einer Länge von 94 Km. Sie entspringt in Mecklenburg-Vorpommern, in Ankershagen. Der größte Teil des Flusses ist schiffbar, auch dank der vielen Schleusen, aber das Gefälle ist eigentlich minimal und der Fluss fließt ganz langsam, gemächlich, stark mäandrierend. Auf dem Weg von Fürstenberg nach Zehdenick wird die Havel auf beiden Seiten von jetzt gefluteten Gruben gesäumt, die „Stich“ heißen – Poyenstich, Gartenstraßenstich, Grünstich, Kinderstich etc. – weil dort früher Tonerde gestochen wurde. Dieser Ton wurde dann hauptsächlich für die Herstellung von Ziegeln benutzt, der gelblichen Ziegel, die man in den Altstädten in Brandenburg überall sieht. Die Gegend galt um 1900 als eines der größten Ziegeleireviere Europas; jährlich wurden bis zu 200 Millionen Ziegel und Kalksandsteine nach Berlin transportiert. Daher rundherum die riesigen Brennöfen (ca. 30 an der Zahl), in denen die Ziegel gebrannt wurden. Beispiele davon kann man dann im Ziegeleipark Mildenberg, Industriemuseum und Erlebnispark, sehen, wie die Herstellung funktionierte und auf welchem Weg dann die Ziegel nach Berlin gelangten. So erklärt sich auch, warum es so viele Kanäle in der Gegend gibt; zwischen Liebenwalde und Zehdenick z.B. wurde der Voßkanal gebaut, um einfach die Wasserwege zu verkürzen. Wiederum um die Wasserhöhenunterschiede auszugleichen, entstanden dann die vielen Schleusen. Eine sehr schöne (1813 erbaut) kann man in Zehdenick sehen; von der historischen Brücke (Hastbrücke) hat man den besten Blick darauf. Der Unterschied zwischen den Pegelständen zeigt sich als wirklich imposant, wenn man in Richtung der Zehdenicker Mühlen geht. Die Elisabethmühle ist die einzig erhaltene der alten Mühlen am Kolk in Zehdenick. Die erste Mühle stand in Zehdenick schon 1281, sie wurde in kirchlichen Dokumenten erwähnt. Während des Dreißigjährigen Kriegs wurde ganz Zehdenick abgebrannt, auch die Mühlen und die Brücke. Interessant: die wiederaufgebaute Mühle war keine Getreidemühle, sondern wurde für Tuchweberei und Wollspinnerei genutzt. Erst 1884 wurde sie, jetzt mit Turbinen ausgestattet, zur Getreidemühle umfunktioniert (Elisabethmühle) und so ist sie fast bis heute erhalten geblieben, als Umschlagpunkt für Getreide. 1990 wurde sie dann sehr aufwendig restauriert und seitdem ist sie Hauptverwaltungssitz der Stadtwerke Zehdenick und kann besichtigt werden.
Wenn man sich die Bevölkerungszahlen von Zehdenick anschaut, fällt der Rückgang der Bewohner auf; offensichtlich hat die Stadt nach der Wiedervereinigung nicht zu ihrer Größe zurückgefunden und in der letzten Zeit ist sie in die Schlagzeilen geraten, weil hier der erste Bürgermeister der AFD mit großer Mehrheit gewählt wurde. Schade, denn in der historischen Vergangenheit fehlte es den Zehdenickern nicht an Einfällen, wie sie mit verschiedenen Produktionen Beschäftigung für ihre Einwohner schaffen und den Leuten ein gutes Auskommen sichern konnten. Gerade bekomme ich die Nachricht auf meinem Handy: Alle heben bei Zehdenicks Stadtverordnetenversammlung die Hand, bei ihrer ersten Sitzung mit AfD Bürgermeister Stadtkewitz verabschiedet sie den Haushalt. Erstens: unheimlich das mein Handy weiß, dass ich über Zehdenick schreibe, und zweitens: der Mann steht unter Beobachtung, er kommt ursprünglich aus der CDU, vielleicht wird er sich anstrengen.
In Templin, wo unsere vielgelobte Altkanzlerin mal wohnte, wird am Wochenende das Mauerfest gefeiert. Ein Bürgerfest, bei dem auch die Bundeswehr sich präsentiert und alle möglichen Vereine, Läden, gar die Sparkasse und auch, das finde ich gerade sehr wichtig, das Jugendhaus Villa, ein Jugendzentrum mit eigenem Programm. Es geht sehr bunt und trotz der Hitze lebhaft zu, es sind viele Einheimische aber auch Touristen dabei, auf dem Marktplatz wird ein Wettbewerb für Beachvolleyball gespielt. Man bekommt das Bild einer funktionierenden Stadt. Vor ein paar Tagen erlebte ich aber am Bahnhof einen unangenehmen Zwischenfall; nichts Schlimmes und doch mit einem bitteren Nachgeschmack, im Blick auf die Zukunft. Ich wartete auf den Zug und saß auf einem Mäuerchen, vor mir spielte ein kleines Mädchen, neben ihr standen zwei Jugendliche oder eher junge Männer. Sie warteten zusammen auf die Mutter des Mädchens. Lange beachtete ich gar nicht, worüber sie sich unterhielten, doch als noch ein weiterer Jugendlicher dazukam mit einem Sweatshirt, auf dem ein schwarzer, stilisierter Adler aufgedruckt war, habe ich angefangen zuzuhören, worüber sie sich unterhielten. Es fielen Sätze, bei denen ich mir noch vor ein paar Jahren nie hätte vorstellen können, dass sie von Jugendlichen ausgesprochen würden: „Das ist nicht mein Deutschland. Ich fühle mich hier fremd. Die können ihre Fahnen herumfahren, aber wehe wir hissen unsere, da werden wir gleich schief angesehen… Das Land muss uns wieder gehören…“.
Gut, dass in Templin ein SPD-Bürgermeister regiert, dass sie ein Jugendclub haben, dass man den Jugendlichen etwas anbietet, aber offensichtlich fallen sie doch sehr leicht in die Hände der anderen Seite oder plappern nur so irgendwo aufgeschnappten Sätze nach, aber gerade das sollten sie nicht tun.
Zehdenick, die Havelstadt
Zehdenick liegt auf dem Weg von Berlin nach Warthe; über das Dorf habe ich hier im Blog immer wieder geschrieben. Zehdenick ist ein kleines Städtchen, viel kleiner als Templin und weniger lebhaft, weniger lebendig. Selten trifft man auf den Straßen die Einwohner. Ich erinnere mich, wie wir vor Jahren noch ein Café auf dem Marktplatz gesucht haben, vergeblich. Jetzt lese ich, dass es sich um das am weitesten ausgedehnte Städtchen in der Region handelt, denn es umfasst auch die umliegenden Dörfer,-Ortsteile in großer Zahl: Badingen mit einer Schlossruine, Bergsdorf, Burgwall, Kappe, Klein-Mutz mit einem Bismarckturm, Krewlin mit einer schönen Fachwerkkirche von 1690 (echt alt), Mildenberg mit dem Ziegeleipark, Ribbeck, Vogelsang – das wir immer auf dem Weg nach Warthe durchqueren – Wesendorf, Zabelsdorf. Es gibt insgesamt dreizehn Ortsteile. Das ist schon ein riesiges Gebiet, ich würde das Gebiet Zehdenicker Land nennen, so wie die Großgemeinde Boitzenburger Land, zu der auch Warthe gehört. Der Name Zehdenick hat mich neugierig gemacht, jetzt lese ich, dass es sich tatsächlich um ein slawisches Wort handelt; Cydzynek oder Sadniki hieß die Siedlung im Mittelalter; sie wurde bereits 1216 erwähnt. Ein Städtchen mit einer langen Geschichte also.
Eigentlich umfahren wir das Städtchen immer möglichst schnell, schauen nur sehr aufmerksam, ob die kleinen Störche in ihren Nestern sitzen, und sind bald an der Brücke über die Havel vorbei. Was mich immer wieder interessiert hat, waren die ziemlich rechteckigen Teiche oder Seen beiderseits der Havel, oberhalb von Zehdenick, in Richtung Mildenberg, also der Ziegelei. Sie sind auf allen Karten zu sehen. Nun ist die Havel für Berliner ein großer Fluss, der durch die Stadt fließt und zusammen mit der Spree die Landschaft prägt; viele reichere Berliner fahren auf ihren Booten die Havel rauf und runter. Jetzt lese ich, dass die Havel der größte Nebenfluss der Elbe sei, mit einer Länge von 94 Km. Sie entspringt in Mecklenburg-Vorpommern, in Ankershagen. Der größte Teil des Flusses ist schiffbar, auch dank der vielen Schleusen, aber das Gefälle ist eigentlich minimal und der Fluss fließt ganz langsam, gemächlich, stark mäandrierend. Auf dem Weg von Fürstenberg nach Zehdenick wird die Havel auf beiden Seiten von jetzt gefluteten Gruben gesäumt, die „Stich“ heißen – Poyenstich, Gartenstraßenstich, Grünstich, Kinderstich etc. – weil dort früher Tonerde gestochen wurde. Dieser Ton wurde dann hauptsächlich für die Herstellung von Ziegeln benutzt, der gelblichen Ziegel, die man in den Altstädten in Brandenburg überall sieht. Die Gegend galt um 1900 als eines der größten Ziegeleireviere Europas; jährlich wurden bis zu 200 Millionen Ziegel und Kalksandsteine nach Berlin transportiert. Daher rundherum die riesigen Brennöfen (ca. 30 an der Zahl), in denen die Ziegel gebrannt wurden. Beispiele davon kann man dann im Ziegeleipark Mildenberg, Industriemuseum und Erlebnispark, sehen, wie die Herstellung funktionierte und auf welchem Weg dann die Ziegel nach Berlin gelangten. So erklärt sich auch, warum es so viele Kanäle in der Gegend gibt; zwischen Liebenwalde und Zehdenick z.B. wurde der Voßkanal gebaut, um einfach die Wasserwege zu verkürzen. Wiederum um die Wasserhöhenunterschiede auszugleichen, entstanden dann die vielen Schleusen. Eine sehr schöne (1813 erbaut) kann man in Zehdenick sehen; von der historischen Brücke (Hastbrücke) hat man den besten Blick darauf. Der Unterschied zwischen den Pegelständen zeigt sich als wirklich imposant, wenn man in Richtung der Zehdenicker Mühlen geht. Die Elisabethmühle ist die einzig erhaltene der alten Mühlen am Kolk in Zehdenick. Die erste Mühle stand in Zehdenick schon 1281, sie wurde in kirchlichen Dokumenten erwähnt. Während des Dreißigjährigen Kriegs wurde ganz Zehdenick abgebrannt, auch die Mühlen und die Brücke. Interessant: die wiederaufgebaute Mühle war keine Getreidemühle, sondern wurde für Tuchweberei und Wollspinnerei genutzt. Erst 1884 wurde sie, jetzt mit Turbinen ausgestattet, zur Getreidemühle umfunktioniert (Elisabethmühle) und so ist sie fast bis heute erhalten geblieben, als Umschlagpunkt für Getreide. 1990 wurde sie dann sehr aufwendig restauriert und seitdem ist sie Hauptverwaltungssitz der Stadtwerke Zehdenick und kann besichtigt werden.
Wenn man sich die Bevölkerungszahlen von Zehdenick anschaut, fällt der Rückgang der Bewohner auf; offensichtlich hat die Stadt nach der Wiedervereinigung nicht zu ihrer Größe zurückgefunden und in der letzten Zeit ist sie in die Schlagzeilen geraten, weil hier der erste Bürgermeister der AFD mit großer Mehrheit gewählt wurde. Schade, denn in der historischen Vergangenheit fehlte es den Zehdenickern nicht an Einfällen, wie sie mit verschiedenen Produktionen Beschäftigung für ihre Einwohner schaffen und den Leuten ein gutes Auskommen sichern konnten. Gerade bekomme ich die Nachricht auf meinem Handy: Alle heben bei Zehdenicks Stadtverordnetenversammlung die Hand, bei ihrer ersten Sitzung mit AfD Bürgermeister Stadtkewitz verabschiedet sie den Haushalt. Erstens: unheimlich das mein Handy weiß, dass ich über Zehdenick schreibe, und zweitens: der Mann steht unter Beobachtung, er kommt ursprünglich aus der CDU, vielleicht wird er sich anstrengen.
In Templin, wo unsere vielgelobte Altkanzlerin mal wohnte, wird am Wochenende das Mauerfest gefeiert. Ein Bürgerfest, bei dem auch die Bundeswehr sich präsentiert und alle möglichen Vereine, Läden, gar die Sparkasse und auch, das finde ich gerade sehr wichtig, das Jugendhaus Villa, ein Jugendzentrum mit eigenem Programm. Es geht sehr bunt und trotz der Hitze lebhaft zu, es sind viele Einheimische aber auch Touristen dabei, auf dem Marktplatz wird ein Wettbewerb für Beachvolleyball gespielt. Man bekommt das Bild einer funktionierenden Stadt. Vor ein paar Tagen erlebte ich aber am Bahnhof einen unangenehmen Zwischenfall; nichts Schlimmes und doch mit einem bitteren Nachgeschmack, im Blick auf die Zukunft. Ich wartete auf den Zug und saß auf einem Mäuerchen, vor mir spielte ein kleines Mädchen, neben ihr standen zwei Jugendliche oder eher junge Männer. Sie warteten zusammen auf die Mutter des Mädchens. Lange beachtete ich gar nicht, worüber sie sich unterhielten, doch als noch ein weiterer Jugendlicher dazukam mit einem Sweatshirt, auf dem ein schwarzer, stilisierter Adler aufgedruckt war, habe ich angefangen zuzuhören, worüber sie sich unterhielten. Es fielen Sätze, bei denen ich mir noch vor ein paar Jahren nie hätte vorstellen können, dass sie von Jugendlichen ausgesprochen würden: „Das ist nicht mein Deutschland. Ich fühle mich hier fremd. Die können ihre Fahnen herumfahren, aber wehe wir hissen unsere, da werden wir gleich schief angesehen… Das Land muss uns wieder gehören…“.
Gut, dass in Templin ein SPD-Bürgermeister regiert, dass sie ein Jugendclub haben, dass man den Jugendlichen etwas anbietet, aber offensichtlich fallen sie doch sehr leicht in die Hände der anderen Seite oder plappern nur so irgendwo aufgeschnappten Sätze nach, aber gerade das sollten sie nicht tun.
