Monika Wrzosek-Müller
Auch die kleinen Kreise des Lebens schließen sich und es ist beglückend, das zu bemerken und die Geschichten zu verfolgen.
Neulich gab es bei der Ausstellungseröffnung „Augenreisen“ von Heinz Trökes in der Camaro Stiftung wieder so einen Moment. Der Sohn des Künstlers erzählte über seinen Vater – wie das so mit ihm war, nicht immer einfach, immer auf Reisen…Ich saß da und dachte, Trökes, Trökes …Mir kommt der Name sehr bekannt vor. Woher kennst du diesen doch ziemlich ungewöhnlichen Namen? Dann fiel es mir ein: Anna Trökes. Die wohl bekannteste Yogalehrerein und Buchautorin zu diesem Thema in Deutschland. „Das Große Yoga Buch“ begleitete mich schon während der Ausbildung, ihre Stimme war bezaubernd und sie sprach mit runden, sehr gut formulierten Sätzen, was nicht bei jedem der Fall ist, das können einfach nicht alle. Ich habe auch ein paar Mal ihre Kurse besucht, bekannt waren auch Yogafestivals, die sie manchmal mitorganisiert hat und bei denen der „lächelnde Schamane“ als DJ auftrat. Aber welchen Zusammenhang gab es mit dem Namen, stammte sie aus dieser Familie?
Ohne lange nachzudenken, sprach ich den Sohn des Künstlers an: ob er eine Anna Trökes kenne? Die Antwort kam prompt, wie aus der Pistole geschossen – „Das war meine Ex-Frau“, kein weiteres Wort dazu. Apropos Vater-Künstler; er malte, zeichnete, schuf Glasfenster, war als Professor an der HDK in Berlin tätig, also er war durchaus berühmt. Seine Farbpalette ist wirklich beeindruckend, sie speist sich aus unheimlich vielen Reisen in alle Teile der Welt. Mich sprechen besonders die ganz feinen, farbigen Zeichnungen an. Er lebte noch in der Zeit (1913-1997), als Reisen ein großes Abenteuer bedeutete und Ausdauer und Mühsal brauchte, aber auch nur wenige sich in Zeit und Raum so ausgedehnte Reisen leisten konnten. Apropos Anna Trökes, sie leitet weiterhin eine Prana Yoga-Schule in Berlin und man kann sich für die Kurse bei ihr anmelden.
Der zweite Kreis oder, platt ausgedrückt, Fall passierte mir jetzt am Samstag. Wir waren zu einem Geburtstag eingeladen. Viele der Gäste kannte ich nicht, die Gespräche entwickelten sich manchmal stockend, doch zufälligerweise blieb ich länger bei einem Thema hängen. Natürlich war am Tisch die vorherrschende Sprache Deutsch, doch da eine von meinen polnischen Freundinnen dabei war, unterhielten wir uns auch ab und zu auf Polnisch. Plötzlich sprach uns eine Frau an, – „Ich kann auch polnisch, oder ich lerne gerade polnisch“, sagte sie. Sie beherrschte wirklich schon einige Sätze, grammatikalisch richtig, auch mit der richtigen polnischen Aussprache. Wir fragten natürlich beide, wie es komme, dass sie so gut polnisch sprechen würde. Es ist überhaupt nicht üblich, dass man in Deutschland Polnisch als Fremdspreche erlernt. Da erzählte sie uns, dass sie und ihr Mann schon seit vielen Jahren nach Polen fahren, vor allem an die polnische Ostsee, aber sie hätten auch schon mehrere Städte besucht und wären immer sehr gerne dort gewesen. Ich fragte sie dann, wohin sie denn an die polnische Ostsee fahre, und da kam die Antwort: „Auf die Halbinsel Hela“. Das ist auch wiederum unüblich, meistens fahren die Deutschen nur bis Kołobrzeg/Kolberg. An die sog. urpolnische Küste trauen sich nur wenige, vor allem, weil sie sehr weit von Berlin entfernt ist. Da ich in der Vergangenheit eigentlich jedes Jahr mit meinem Sohn nach Jastrzębia Góra gefahren bin und die Halbinsel Hela wie meine Westentasche kenne, fragte ich sie, wohin da genau. Es stellte sich heraus, dass sie ausgerechnet nach Jastrzebia Góra fährt, in eine Pension, wo wir immer mit der ganzen Familie, auch der aus Schweden, Kaffee und Kuchen gegessen haben, nämlich Pension-Hotel Faleza. Sogar mein Sohn konnte sich sofort daran erinnern. Da hatten wir natürlich ein breites Thema – den Strand, die hohe Steilküste, die Klippen, die man immer über die Holztreppen bewältigen musste, bevor man den Strand erreichte. Ich fragte sie, ob das nicht zu mühsam sei? Das wäre ihr bewusst, meinte meine Gesprächspartnerin, aber das wäre genau das richtige für sie. Sie kannte auch, so wie ich, die ganze Umgebung mit dem Leuchtturm und weiter die Halbinsel mit dem mondänen Ort Jastarnia, wo viele polnische Prominente Urlaub verbrachten und verbringen. Dagegen war ihr nicht bekannt, dass Penderecki in Jastrzębia Góra seine Ferien verbrachte, dort eine Villa hatte und dass jedes Jahr in der Hauptkirche von Jastrzębia Góra ein Konzert unter seiner Schirmherrschaft veranstaltet wurde.
Der dritte Fall ist mir aus dem Internet zugeflogen. Wir suchten nämlich nach dem Buch eines alten italienischen Freunds aus unserer Zeit in Italien, nach „A domani. Storia di un brigante“ [Bis morgen; Geschichte eines Rebellen] von Enzo Butera. Das Buch ist schwer zu bekommen, wir konnten es weder in Sizilien noch in der Toskana in den Buchhandlungen finden. Da erreichte uns die Nachricht, dass Enzo bereits 2016 gestorben ist. Eines von Enzo Buteras Bildern hängt immer noch in unserer Wohnung direkt über der Kommode, so kann ihn jeder sehen. Eine Brosche mit dem „Schwangeren Mann“ trage ich manchmal. Kennengelernt haben wir uns in Florenz, mein Mann hat am Anfang seines Aufenthalts in Florenz und Lehre am Europäischen Hochschulinstitut (in der Badia Fiesolana) bei der Familie Butera gewohnt. Danach lebten wir in Settignano und besuchten die Familie sehr oft, zumal seine Frau fließend deutsch sprach und uns bei den ersten Schritten in der italienischen Welt half. Enzo war ein Künstler, wie man sich ihn vorstellt, mit langer Mähne und dunklem Blick; ein Bildhauer, er schuf große Skulpturen, sehr plastisch, sehr fleischlich und eher realistisch. Es waren ausdrucksstarke, dynamische Bronzen, meistens überlebensgroß, worunter die Familie wegen der Herstellungskosten manchmal gelitten hat, aber auch Gipse und Keramiken. Er malte Bilder, machte Drucke, einer davon hängt eben bei uns in der Wohnung „Bagniamanti, Siesta“. Viele seiner Inspirationen kamen aus dem italienischen Theater, aus der Commedia Dell ‘arte. So auch die Statue von „Arlecchino“, die zuerst in Pian di Mugnone, einem Ortsteil von Fiesole, auf dem Grundstück von Enzo und Lucianas Haus in Gips ausgestellt wurde.
Die Figur des Arlecchino erinnert natürlich an die Theaterstücke der Commedia Dell ‘arte. Enzo war in seinen jungen Jahren auch Theaterschauspieler, nicht eines bürgerlichen Theaters, sondern eines politischen Theaters. Er kämpfte um die Gerechtigkeit und gegen die Macht der Besitzenden. Er war ein überzeugter Kommunist, der mir nicht einmal glauben wollte, dass meine Familie zu Stalins Zeiten nach Kasachstan verschleppt worden war und fast an Hunger gestorben wäre. Und nun kommt die unerwartete Wendung: diese Figur von Arlecchino steht jetzt in Neustrelitz, wurde 2025, am 9. Mai in der Alten Kachelofenfabrik in Neustrelitz enthüllt. Sie wurde in Aluminium in Italien gegossen, immerhin eine 2,20 Meter große Figur, der Sockel 80 cm tief in die Erde gegossen, damit niemand sie auch nur bewegen kann. Zur Feier kamen Enzos Frau Luciana und die Töchter. Schade, dass wir das nicht gewusst haben, doch wir fahren bestimmt dahin, sehen uns den Harlekin an und sprechen mit den Menschen in der Kachelofenfabrik.
Der ursprüngliche Grund, warum wir nach Enzos Erinnerungen gesucht haben, war eigentlich Palazzo Butera in Palermo, eins der schönsten Paläste dort. Und auch wenn Enzo in einem kleinen Dorf in Kalabrien in ärmlichen Verhältnissen geboren wurde, gibt es eben einen Principe Butera, dem dieser Palast einst gehört hatte. Wir haben ihn besichtigt; jetzt befindet sich darin Kollektion von Francesca und Massimo Valsecchi und der Palast wurde wunderbar restauriert, aber darüber habe ich schon in einem Blog geschrieben.
