Präsident Putin und Zar Peter I.

Michael G. Müller


Was könnte Vladimir Putin gemeint haben, als er bei einem öffentlichen Gespräch anlässlich des 350. Geburtstags Peters des Großen laut über dessen Vermächtnis für das heutige Russland nachdachte.
Gesagt hat er Folgendes: „Peter der Große führte 21 Jahre lang den Großen Nordischen Krieg. Er kämpfte gegen Schweden und versuchte, dem Land einige seiner Teile zu entreißen. Er hat nichts genommen, sondern er hat das Land zurückgeholt. Ja, er holte das Land zurück und stärkte es. Genau das hat er getan. Offensichtlich sind jetzt wir an der Reihe, das Land zurückzuholen und zu stärken.
Und wenn wir davon ausgehen, dass diese Werte die Grundlage unseres Daseins sind, dann werden wir die Aufgaben, vor denen wir stehen, sicher erfolgreich lösen.”
Was Putin sicher nicht meinte, wenn von den „Werten“ der Peter-Zeit sprach, ist immerhin klar. Peter I. verstand sich als Vorkämpfer einer radikalen Öffnung Russlands für die westliche Zivilisation – durch welche er das hoffnungslos rückständige Moskauer Zartum „vom Nicht-Sein ins Sein“ führen wollte. Putin dagegen verficht vehement dieselben Thesen, welche alle russischen Kritiker Peters I. vom 19. Jahrhundert bis heute, darunter auch Aleksander Solschenizyn, vertreten haben: Die „Unterwerfung“ unter die dekadente westliche Zivilisation sei Russlands Verderben. Nicht die Vision Peters I. von einer neuen, aufgeklärten russischen Gesellschaft könne das Leitbild sein, sondern die Rückkehr zu dem alten Leitbild einer religiös-mythisch begründeten russischen Gemeinschaft.
Ganz unklar ist aber, warum und wie sich Putin auf Peters Außen- und Eroberungspolitik, auf den 21 Jahre dauernden Großen Nordischen Krieg und dessen Resultate berufen könnte. Gewiss, der am Ende dieses Kriegs 1721 in Nystad besiegelte Frieden markierte einen spektakulären Sieg Russland; er ließ auch Peters Anspruch darauf, nicht mehr nur als „moskowitscher Zar“, sondern als russischer Kaiser tituliert und behandelt zu werden, plausibel erscheinen. Doch um welche territorialen Ansprüche und tatsächlichen Erwerbungen des Moskauer/des Russischen Reichs ging es damals?
Durch den Nystad-Frieden kam Russland in den Besitz von Ingermanland und Teilen Kareliens (wo es immerhin russischsprachige Bewohner gab), außerdem von Estland und Livland (Ländern ohne traditionelle ethnisch-politische Verbindung zu Russland). Im Süden dagegen, an der Front zum Osmanischen Reich, waren Zar Peters ehrgeizige Eroberungspläne weitgehend gescheitert. Zwar gehörten seit dem späten 17. Jahrhunderts auch Teile des Ukraine (mit der Stadt Kiev) zum russischen Reichsgebiet. Doch sämtliche Zugänge zum Schwarzen Meer waren und blieben Russland noch lange verschlossen; auch die von Tataren bewohnte Krim und deren nördliche Festlandsgebiete sollten noch bis 1783 weit außerhalb des russischen Zugriffs bleiben. Mit einem Wort: An eine „Wiederherstellung“ des Imperiums Peters I. kann Putin heute wohl nicht denken.

Das europäische Russland in den Grenzen von 1725

Eigentlich geht es Putin um etwas Anderes. Wenn er betont, dass Peter I. nicht etwa neues Territorium erobert, vielmehr altes russisches Land „zurückgeholt“ hat, spielt er auf eine alte Denktradition in der russischen Staats- oder Reichsgeschichte an – die Doktrin vom „Sammeln der russischen Erde“, welche seit dem 15. Jahrhundert, seit der Zeit des Großfürsten Ivan III., die Expansionspolitik des Moskauer Staats begleitet und gerechtfertigt hatte – und zwar nicht nur die politische Unterwerfung alter russischer Teilfürstentümer, sondern auch die Expansion in Gebiete ohne altrussischer Herrschaftstradition. “Es ist unmöglich, verstehen Sie, unmöglich“, sagt Putin, „einen Zaun um ein Land wie Russland zu bauen”. Will sagen: Wo Russland, d.h. das russische Reich, endet, entscheiden die Russen selbst. Die Ansprüche der direkten Nachbarn auf nationale Souveränität und demokratische Selbstbestimmung sind hier unerheblich.
Kann man darüber mit Putins Regierung „verhandeln“, wie nicht wenige westliche Anhänger einer Appeasement-Politik gegenüber Russland fordern? Solches Verhandeln hätte wahrscheinlich ähnliche Erfolgsaussichten wie analoge Bemühungen im Zweiten Weltkrieg, nach Deutschlands Überfall auf Polen 1939 und auf die Sowjetunion 1941, mit Hitler über eine Begrenzung seiner Kriegsziele zu reden.

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