Blutbrüder (2)

Anne Schmidt

3. In der U-Bahn

In der U-Bahn vertrieb sich Kai die Zeit damit zu raten, aus welcher Hälfte der Stadt die anderen Fahrgäste kommen könnten. Die älteren Männer mit Stoffbeuteln waren garantiert Ossis, fand Kai. Die waren daran gewöhnt, Schnäppchen, wie Südfrüchte, gleich einzukaufen, weil ungewiss war, wann und wo es wieder welche geben würde.  Jetzt brauchte man nicht mehr auf seltene Angebote vorbereitet zu sein, aber Sonderangebote gab es immer irgendwo. Also blieben die Stoffbeutel ständige Begleiter der Ost-Berliner.  
Die alten Wessis dagegen trugen Plastiktüten, auch wenn sie nur ein Medikament aus der Apotheke enthielten.  
So versuchte Kai, die Männer in Ost und West einzuordnen, was ihm bei den Frauen wegen der Handtaschen nicht so gut gelang; bei ihnen versuchte er die geografische Herkunft anhand der Kleidung oder der Sprache auszumachen.
Breites Berlinern oder Sächseln waren für Kai sichere Herkunftshinweise, denn in West-Berlin wurde den Kindern spätestens in der Schule das Berlinern abgewöhnt.
Kai war so in seine Beobachtungen und Überlegungen vertieft, dass er erschrocken auffuhr, als jemand über ihm seinen Namen sagte. Lässig am Griff sich festhaltend stand sein Mathmatik-Lehrer, Herr Krause, neben ihm. Er lächelte Kai freundlich an und drückte ihn beruhigend auf den Sitz zurück, als Kai aufspringen wollte. “Tut mir leid, dass ich dich erschreckt habe, Kai”, sagte er freundlich, “das wollte ich auf keinen Fall.” Als der Platz neben Kai frei wurde, setzte sich Krause. Er fragte Kai, wohin er wolle und wusste bald mehr über Kai und seine familiäre Situation, als er in der Schule jemals erfahren hätte. Nicht einmal der Schülerbogen, in dem normalerweise alle Zeugniskopien, Briefe an Eltern, Tadel und besonderes Fehlverhalten in der Schule vermerkt wurden, hätte ihm so viele Informationen über Kai geliefert.
In der Station Mehringdamm fragte Krause, ob Kai Lust hätte, mit ihm zu kommen und seinen neuen Computer einzuweihen. Die Versuchung für Kai war groß, aber sein Pflichtgefühl gegenüber seinem Bruder obsiegte. Er versprach, am nächsten Tag nach der Schule zu Krause zu kommen.
Nachdem Krause ausgestiegen war, fand Kai nicht mehr zu seinem alten Spiel zurück. Er empfand eine übergroße Freude und konnte seine Aufregung nur zügeln, indem er mehrmals heftig ein- und ausatmete. Am liebsten hätte er das kleine Mädchen, das neben ihm auf dem Sitz kniete und versuchte, in dem dunklen Tunnel etwas zu entdecken, an sich gedrückt und geknuddelt. Er konnte sich gerade noch beherrschen und drückte statt dessen seine Hände fest in die Jackentaschen. Er schloss die Augen und versuchte sich Krauses Wohnung vorzustellen.
Hatte Krause eine Frau und Kinder? Kai konnte es nicht glauben, denn Krause wirkte immer gleichbleibend relaxed und freundlich, egal wie viele ausserplanmäßige Konferenzen am Nachmittag anstanden oder Elterngespräche am Abend stattfinden mussten. Krause schien immer Zeit für die Schule und die Schüler zu haben; er sei ein Kümmerer, hieß es, einer, der immer ein offenes Ohr für problembeladene Schüler habe.
Tim war vor Kurzem in der U-Bahn von einer Kontrolleurin aufgeschrieben worden, weil er seine Fahrkarte vergessen hatte. Da Tims Eltern arbeitslos waren, war Tim verzweifelt gewesen. Krause hatte aus Tim herausgefragt, warum dieser im Unterricht nicht mehr aufpasste und hatte ihm – ohne Federlesens – das Geld für die zu zahlende Strafe gegeben. Alle Schüler, die davon wussten, sprachen mit Hochachtung von Krause. Er war ein Vorbild  für die Jungen, eine Art Übervater für die Mädchen.

Fortsetzung nächste Woche

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