Fastentücher

Das Wort Fasten ist letztens zum Stylelife-Bestandteil geworden. Es ist Fastenzeit. Unsere Autorin erinnert sich ans Ursprüngliche.

Anne Schmidt

Zum Fasten

Fastentücher sind aus der Mode gekommen, auch wenn es in der sächsischen Stadt Zittau ein sehr berühmtes Fastentuch aus dem Jahre 1472 zu besichtigen gibt. Es verhüllt nicht mehr in der Fastenzeit den Altarraum der Johanniskirche, wie es im Mittelalter üblich war, sondern es ist ganzjährig in einer Museumsvitrine der säkularisierten Kreuzirche in Zittau zu bewundern.
Das 8,20m breite Leinentuch, das in 90 Feldern biblische Szenen aus dem Alten und dem Neuen Testament zeigt, ist zu kostbar um es ungeschützt im Kirchenraum zu präsentieren. Die Johannis-Gemeinde in Zittau, die von dem reichen Korn- und Salzhändler Johann Gürtler im 15. Jahrhundert dieses riesige “Bilder”- und ” Unterrichtstransparent” gestiftet bekommen hatte, musste nach dem 2. Weltkrieg ihr kostbarstes Werk als zerstört oder verloren betrachten, denn es war unauffindbar, nachdem es wegen der Kriegshandlungen auf den Oybin ausgelagert worden war.
Doch es geschah etwas Unglaubliches: Jahrzehnte nach dem Krieg wurden die zerschnittenen Teile des Tuches im Wald des Zittauer Gebirges gefunden. Russische Soldaten hatten das 6,80m hohe Tuch in vier Teile zerschnitten und ihre Wald-Banja
damit abgedichtet. In welchem Zustand es war, als es Herr Knobloch (Heinz?) gefunden hat, kann man sich ungefähr “ausmalen”; es war aber offensichtlich noch als das erkennbar, was es einmal gewesen war und als solches restaurierten es 1994/95
die SpezialistInnen eines Schweizer Klosters – unentgeltlich. Wäre es nicht ein christliches Objekt, würde ich die Restaurierung dieses ca. 50 qm großen Tuches als “Heidenarbeit” bezeichnen.


Eine Heidenarbeit hängt seit dem 8.3. 2019, dem erstmalig in diesem Jahr begangenen Frauenfeiertag in Berlin, in der Paul-Gerhardt-Kirche an der Wibyerstraße in Prenzlauer Berg, vor dem Altarraum.
Es ist ein schlichter blauer Vorhang, dessen Fläche in senkrechten Streifen wie ein Insektenvorhang vor einer Balkontür den Altarraum vom Rest der Kirche trennt.
Die Schafferin dieses Sichtschutzes ist eine kleine alte Dame, die zu den Protagonistinnen des Bauhauses zählt.
Ihr Werk wurde von dem Kunsthistoriker Matthias Flügge aus Dresden vorgestellt und in den Zusammenhang ihres umfangreichen Schaffens gestellt.
Ursula Sax, die 81 Jahre alte Künstlerin, musste ihr Werk nicht den vielen Fans, die zum Teil ihretwegen aus anderen Bundesländern angereist waren, erklären. Sie bedankte sich lächelnd und ließ ihre strahlend blauen Augen für sich sprechen.
Die bereitliegenden, bunten Postkarten, die die Erinnerung an Oskar Schlemmer wachriefen, aber Figuren aus Ursula Sax`s geometrischem Ballett darstellen, wiesen auf Veranstaltungen mit diesen Figuren hin, die im September sowohl im Radialsystem in Berlin, als auch in Dessau und in Hellerau/Dresden stattfinden werden.
Falls ich zu einer der Veranstaltungen gehe, werde ich hoffentlich den Mut finden, Ursula Sax zu fragen, ob sie eine Nachfahrin  des Saxophonerfinders ist. Wundern würde es mich nicht, denn die Ausstrahlung dieser kleinen alten Dame, die sich trotz ihrer Gehhilfe virtuos durch den Raum zu bewegen schien, brachte Schwingungen in die spröde Kirchenathmosphäre.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.