Frauenblick: Balthus

Monika Wrzosek-Müller

Balthasar Klossowski de Rola

In Wien scheinen sich für mich oft Kreise zu schließen, die ich im Leben lange um mich ziehe; manchmal dauert es ganz schön lang, bis sich so ein Kreis geschlossen hat. Doch wenn das geschieht, fühlt es sich meistens gut an, so als ob man etwas zu Ende gebracht hätte und etwas fertig geworden wäre oder auch als ob ein Zeitabschnitt zu Ende gehen würde.

Über den polnisch-jüdisch-deutsch-französischen Maler Balthus habe ich vor Jahren im Spiegel gelesen, er weckte gleich meine Neugier. In Wirklichkeit trug er doch den polnischen Namen Balthasar Klossowski, vieles deutet daraufhin, dass er sich das „de Rola“ selbst angedichtet hatte, um sich des Titels eines Grafen bedienen zu können. Jahrelang hörte ich nichts von ihm und dann, als ich in Venedig war, sah ich Plakate, die eine kleine Ausstellung seiner erotischen Werke ankündigten, die ich aber nicht gesehen habe. Er lebte auch längere Zeit in Rom als Direktor der Academie de France in der Villa Medici und dann ging er zurück in die Schweiz (wo er früher auch mal gewohnt hatte) nach Rossinière, wo er ein Riesenhaus (eigentlich ein Hotel), ein grand Chalet erstanden hatte, um dort zu leben, Gäste einzuladen und zu malen. Er umgab sich mit der creme de la creme der Gesellschaft, zu seinen Freunden gehörten: Pierre Matisse, Albert Camus, Federico Fellini, Pablo Picasso, Joan Miro, Tom Curtis, Mick Jagger, Bono, Henri Cartier-Bresson und viele andere mehr. Irgendwie war er aber nie darauf angewiesen von seiner Kunst leben zu müssen, ein großes Privileg. Seine Bilder gefielen mir sehr, ich vermutete viele innere Konflikte; wer Bilder so malte, musste Probleme haben. Die Werke waren ganz eigenartig, ohne sich an irgendwelche Kunst-, Stil- oder Moderichtungen zu orientieren, er wollte „immer etwas rätselhaftes in seinen Bildern belassen“; er malte fast obsessiv kleine Mädchen, manchmal in aufreizenden Posen, oft mit Katzen, meistens hölzerne Puppenwesen. Die Farbpallette war den alten Meistern entnommen, gedämpftes Ocker bis tief braune Töne, viel Beige, dunkle Farben mit cremeweisen Farbtupfern aufgehellt.

Natürlich kratzten einen vor allem die Motive an und man stand verwundert vor diesen puppenhaften Mädchen in diesen zweifelhaften Posen und wunderte sich: ist das jetzt das, was nicht sein darf, nur Fantasien und krankhafte Vorstellungen. Der Blick ist schon gezielt auf erotische Zonen konzentriert doch das ist auch eben gewollt und ganz kontrolliert; er geht bis dahin und nicht weiter, aber das weitere existiert irgendwie auch mit auf den Bildern. Die Gestalten wirken meistens wie leblos, unbeteiligt, fern; sie alle sind schön, unberührt durch ihre Jugend, die leuchtet und unschuldig sein könnte, wenn es nicht die Posen gäbe. Und doch wirken sie für mich wie Stillleben, arrangiert bis auf kleinste Detail. Man steht zuweilen mit fixiertem Blick und versucht sie zu beleben; das gelingt nur mühsam, sie sind erstarrt und wollen in diesem Eingefroren-Sein bleiben. Ich habe mir lange die Malweise der Körper angeschaut, es waren oft wie Porzellan oder holzbemalte Beine, Gesichter weniger puppenhaft, doch die Beine und Arme schon.

In Deutschland wurde Balthus viel ausgestellt: schon in einer frühen Dokumenta in Kassel, im Museum Ludwig mit vielen Porträts von Thérèse Blanchard; das Mädchen ist bezaubernd, frühreif. Die Ausstellung trägt den Titel „Die aufgehobene Zeit“; der Titel passt sehr gut zu Balthus sujet; alle Figuren und Gegenstände in seinen Werken wirken, als ob sie für ein Augenblick eingefroren wären. Dann kam die große Ausstellung in Metropolitan Museum of Modern Art, 2014, unter dem Titel „Cats and Girls“. Es sollte auch eine Ausstellung in Deutschland im Museum Folkwang in Essen geben, die Polaroids aus den letzten Lebensjahren des Künstlers ausstellen sollte und mit den Aufnahmen von einem Mädchen von 8 bis 16 Jahren bestückt war. Doch da sahen einige zu viel direkte Lüsternheit darin. Am Schluss ist das aber nicht klar, ich selbst kann für mich das auch nicht eindeutig beantworten; ist seine Kunst Ausdruck von pädophilen Gefühle und Regungen, oder macht sie diese extra sichtbar und spürt ihnen nach, sicher verrät sie doch die Meisterhand des Künstlers dabei. Diese Ausstellung wurde abgesagt.

Nun, jetzt in Wien, stehe ich vor einem Plakat, das über eine Ausstellung im Kunstforum Wien zu Balthus informiert. Während die anderen im Café Central ihren Kaiserschmarrn vertilgen, gehe ich rein. Noch ein Kunsttempel in Wien; so viele Orte, in die man reinschauen sollte und in denen man auf immer wieder gut geplante und durchdachte Ausstellungen trifft. In diesem Moment hat sich der Kreis endlich geschlossen.

Es ist eine sehr umfassende Ausstellung, von ganz frühen Werken, in denen er sich mit der italienischen Kunst der Renaissance auseinandersetzte, bis zu den besagten Polaroids. Der Focus liegt nicht auf den Bildnissen der Mädchen, sondern es werden sogar seine Arbeiten als Bühnenbildner und Kostümbildner gezeigt. Es entsteht ein Bild eines sehr regen und extremen Außenseiters, der sich an eigene Vorstellungen hielt und nur das machte, was ihm gefiel: „Ich habe immer das Bedürfnis das Außergewöhnliche im Gewöhnlichen zu suchen“. Es entstehen Bilder, die eher der Neuen Sachlichkeit, manchmal dem Surrealismus nahe sind, mit einer manchmal düsteren oder gar grausamen Atmosphäre. Die Werke kommen von überall her und werden nach zeitlicher Abfolge ausgestellt, ohne besonderen Focus. Von den Polaroids gibt es nicht viele und sie sind geschickt ausgewählt, moralische Empörung verursachen sie nicht.

Doch auch nach dieser Ausstellung ist es schwierig zu entscheiden, wie es um ihn stand, und das macht ihn vielleicht auch so anziehend und so interessant.

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O Balthusie już TU kiedyś wspominałam, bo, jak pisze Autorka, malował również koty, te zaś, prezentowane przez różnych artystów, przez spory kęs czasu były tematem nieregularnie, ale często tu powracającym.
EMS

Juhuuu! Ich! Ich und mein Blog! Ich!

Ewa Maria Slaska

Die Sache ist vielleicht nicht ernst, aber die Zusammenarbeit, die hier gelobt ist, entstand durch diesen Blog und ich bin stolz drauf!

Der Anfang aller Freuden war ein kleiner schöner SF Text von Anna Rosner aus Warschau über die Sprottauer Kleinbahn, den ich vor fast genau einem Jahr veröffentlichte, und der hier zu lesen ist… Bez biletu wysiadasz (Ohne Fahrkarte aussteigen)
https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2015/06/17/nowa-polska-proza/

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Ich fand den Text so lustig, und schön, und lesewert, dass ich den obigen link hierher schickte mit der kleinen Frage, ob es für die Adressaten vielleicht interessant wäre… usw. Das “hierher” bedeutete in diesem Fall die Internetseite über die Kleinbahn in Schlesien und Lebuserland:

Die prompte und sehr freundliche Antwort kam von dem Koordinator der Seite Mieczysław Bonisławski samt den Text Wiadukt – ebenso ein SF Text über die Sprottauer Kleinbahn. Und ebenso lustig, schön, lesewert…

https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2015/07/04/zima-mgla-pociagi/

Als Redakteurin fand ich es merkwürdig, dass diese kleine, nicht mehr existierende Bahnlinie zugleich zwei schöne Texte inspiriert hat, beide  aus der Gattung Science Fiction (aber nicht diese SF mit den Drachen und Magie, sondern – beide – in dieser angenehmer Form, wo alles fast real ist und nur die kleine Zeit- und Raumverschiebungen stattfinden).  Noch mehr: In den beiden ist auch die Wetterlage gleich – es ist kalt, dunkel und neblig…

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Beide Autoren – Anna Rosner und Mieczysław Bonisławski – publizierten noch hier weitere Texte (und ich hoffe, dass sie mir jetzt auch weitere zusenden:-).

Mieczysław Bonisławski stellte mir aber zugleich mehrere Fragen betreffend die Geschichte “seiner Kleinbahn” und Archivalien, die man eventuell gerade in Berlin aufbewahrt. Die Fragen konnte ich selber nicht beantworten, wusste aber sofort, dass ich dazu  Dr. Andreas Jüttemann brauche, den ich aus unserer gemeinsamen Zeit im Verein Städtepartner Stettin kannte, dessen Vorsitzende ich (jetzt) bin (damals war ich aber noch keine ebenso wie er noch kein Doktor war) und der sich schon immer für Verkehrswesen interessierte… Wir haben uns aus den Augen verloren, aber doch jeder ist heutzutage zu finden, was eigentlich erschreckend ist, nun andersum – jeder ist früher oder später zu finden. Auch Andreas. Ich schrieb ihn an.

Er meldete sich umgehend, wir traffen uns zum Kaffee, schmieden mehrere Pläne miteinander…

Ja, wie man sieht, bei uns hat er dann im Oktober einen Vortrag gehalten, der unglaublich spannend war (glaubt mir – man hätte nie gedacht, dass das Verkehrswesen so spannend sein kann) und mit Mieczysław Bonisławski machten sie gemeinsam eben Folgendes:

Der Architekten- und Ingenieurs-Verein zu Berlin lobt bis heute alljährlich einen Wettbewerb unter Architekturstudenten aus, um besondere architektonische und stadtplanerische Herausforderungen zu bearbeiten. Im Jahre 1925 war das Ziel des sog. “Schinkelwettbewerbs”, Bauideen für die Sprottauer Kleinbahn, eine unter chronischem Fahrgastmangel leidende Nebenbahn zwischen der schlesischen Kreisstadt Grünberg (Zielona Góra) und dem Ort Sprottau (Szprotawa) an der Bahnstrecke Berlin-Breslau, einzureichen.

Der junge Student der heutigen TU Berlin, Gerhard Weiler, gebürtig aus Rauscha () stammend, nahm daran teil und gewann. Später sollte er als Architekt bei der Reichsbahn anfangen.

Weilers filigran ausgearbeitete Pläne verschwanden in den Schubladen, da der Personenverkehr auf der Kleinbahn immer weiter zurückging und nach dem Zweiten Weltkrieg dann sukzessive eingestellt wurde. Vor einigen Jahren entdeckten polnische Eisenbahnenthusiasten die Geschichte der Strecke (die heute übrigens als Radweg dient) wieder und gründeten ein kleinen Eisenbahnmuseum in Grünberg.

Faksimiles der Pläne aus dem Architekturmuseum der TU Berlin werden zunächst vom 11.7-4.8.  in den Räumen des Architekten- und Ingenieursverein zu Berlin (AIV), der 1925 den Schinkelwettbewerb auslobte, gezeigt und gehen danach in den Bestand des Eisenbahnmuseums Grünberg über. Die Ausstellung, die in Kooperation mit dem Fachbereich Arbeitslehre, Technik und Partizipation an der TU Berlin erstellt wurde, ist mit Mitteln der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit gefördert worden.

Mit einer kleinen Präsentation am Montag 11.7 um 18 Uhr (mit Wein und Snacks) wird die Schau eröffnet und ist danach jeden Dienstag und Donnerstag zwischen 10-15 Uhr (und nach Vereinbarung) in den Räumen des AIV, Bleibtreustraße 33 (am Ku’damm), zu sehen. Der Eintritt ist frei.

Dr. Andreas Jüttemann

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So also hat mein Blog es bewirkt, dass diese Ausstellung zustande gekommen ist… 🙂
Und fast ein Jahr später findet man Bericht darüber hier: 2017_10_16_Annales 2016 Arial Narrow 9.5 v7

Vor der Morgenröte – Stefan Zweig

Auf Polnisch schrieb hier schon Dorota Cygan über den Film, und die Autorin (auf Deutsch) über Stefan Zweig

Monika Wrzosek-Müller

Irgendwie zieht es mich nach Wien, oder besser in die dekadente Wiener Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Stefan Zweig ist ein Paradebeispiel für diese Zeit; er wurde hier geboren, wuchs behütet auf, studierte hier und in Berlin und mit seinen ausgedehnten Reisen, mit seiner Übersensibilität, Emotionalität und künstlerischen aber vor allem menschlichen Unbeholfenheit schaffte er es doch auf den Olymp der Kunst. Seine zahlreichen Novellen und seine Biografien werden immer wieder gelesen, manchmal auch verfilmt; auf jeden Fall genießt er Ruhm auch nach seinem Tod. Was ihn in unserer Zeit so populär macht, ist die Aktualität seiner Gedanken über Europa in der Ausnahmesituation, über Menschen, die in der Ausnahmesituationen sind, die emigriert, geflüchtet, in der Fremde leben müssen. Und er leidet mit ihnen und leidet selbst daran, auch wenn er hätte gut leben können. Er ist ein Pazifist, bewundert Gandhi, das macht ihn bei jungen Menschen populär; in Wien heutzutage lese ich beim Vorbeigehen im Schaufenster des Cafés Central: „hier kam der Stefan auf den grünen Zweig…“, und ein Freund (25 Jahre alt) meines Sohnes erzählt mir, dass er gerade eine Gesamtausgabe von Zweigs Werken erstanden hat.

Ich glaube nicht an Zufälle und wenn ich an das Stück „Ungeduld des Herzens“ in der Schaubühne und jetzt an den Film „Vor der Morgenröte“ denke, so wird mir klar, dass seine Stimmung und seine Themen aktuell sind. Die Menschen suchen Parallelen und Beispiele, um sich die eigene Situation vor Augen zu führen – und was sie vor allem bei ihm finden, ist seine Menschlichkeit, Verletztheit und moralische Stärke und Entschlossenheit.

Zum Film habe ich mehrere Kritiken gelesen und sie fielen sehr unterschiedlich aus; manche lobten das Setting und die Kameraführung und kritisierten die Ausschnitte, die doch nicht das wahre Leben des Schriftstellers zeigten, andere hingegen wiesen darauf hin, dass gerade diese Ausschnitte essenziell seien und der Künstler sich in ihnen offenbare. Wie dem auch sei; es wurde von dem Film gesprochen und er traf den Nerv unserer Zeit, man schenkte ihm Aufmerksamkeit und beschäftigte sich damit.

Durch seine Tiefe und zugleich Oberflächlichkeit hat mich der Film fasziniert, denn einerseits bekommen wir ganz detailliert das Treffen der PEN-Club-Schriftsteller in Brasilien 1936 vorgeführt, doch wird das Leben in New York auf eine Wohnung, fast einen Raum reduziert, wo wir in einer wunderbaren Dialogszene zwischen Zweig und seiner Ex-Frau einen Einblick, ein Gefühl für sein früheres Leben, bekommen und zugleich seine Einstellung zum Exil und zur Rolle des Künstlers in seiner Zeit kennen lernen. Was mich für den Film so eingenommen hat, ist dass wir nicht endgültige Wahrheiten über den Menschen und Künstler Zweig serviert bekommen, sondern es wird vieles angedeutet, vieles denkt man sich und kann es sich vorstellen und weiterspinnen. Die Szenen enden nicht, wo der Kameraschnitt sie abbricht, und sie fangen auch nicht da an; das spürt man und fragt sich, wer schafft das; ist das der Regie von Maria Schrader, dem Kammermann Wolfgang Thaler oder dem Schauspieler Josef Hader zu verdanken; ich denke alle drei haben sich wunderbar in dem Film gefunden und haben das beste gegeben, um uns zu verführen und über das alte und neu gebeutelte Europa nachzudenken.

Schon die erste Szene, in der wir eigentlich nur eine riesige Tafel mit einem imposanten, exotischen Blumenschmuck sehen, während an dem letzten Schliff, an der Makellosigkeit des Empfangs gearbeitet wird, verführt uns. Der ganze Film verführt uns durch die Schönheit der Aufnahmen. Dann der Auftritt von Zweig – er wirkt beschämt und wird doch zugleich von den anderen gefeiert oder feierlich empfangen – der uns die Zerrissenheit des Menschen Zweig zeigt; er kann sich nicht eindeutig gegen Deutschland äußern, obwohl er schon da angekommen ist, im Exil, und darunter leidet. Er will nicht zu denjenigen gehören, die in der bequemen Position des Außenseiters leben und über die anderen lästert. Das wird ihm aber übel genommen und man verlangt von ihm eine Stellungnahme, die er nicht liefern kann. Er kann sie vor allem als Mensch nicht liefern, genauso wie es ihm peinlich ist, sich immer wieder für seine Kollegen einsetzen zu müssen und bei fremden Botschaften etc… hausieren zu gehen, was seine Ex-Frau von ihm verlangt. Ganz deutlich wird die Schwäche des Menschen Zweig gezeigt, der sich in sein Künstler-Sein flüchtet. Doch gerade diese Schwäche angesichts der vielen Entscheidungen und des Lebens außerhalb der gewohnten, sprich heimatlich verbundenen Situation, bringt uns den Film so nah.

Bei Zweig ist vieles seltsam, er ist eigentlich vorgestrig, von der Sprache und dem Pathos der Gefühle her, und doch erspüren wir bei ihm das feine, feinste Gefühl für die Schwankungen und Unvollkommenheiten des Menschen und das macht ihn liebenswürdig und wahrhaftig. Das verkörpert meisterhaft der Schauspieler Josef Hader, dem man jedes Hadern und Zweifeln ansieht.

Und doch ist der Film keineswegs todernst und traurig, es gibt sogar komische Momente. So wenn Zweig mit seiner zweiten Frau nach ihrem Ausflug in die brasilianische Dschungelwelt von einem Bürgermeister empfangen werden sollen – was ihnen nicht behagt, weil sie sich eigentlich auf den Flug nach New York, in den kalten Winter, hätten vorbereiten sollen; aber auch der Bürgermeister gerät in Stress, weil die Ehrengäste offensichtlich zu früh ankommen und er nicht ganz mit den Vorbereitungen fertig ist und die Blaskapelle trotzdem die ersten falsch gespielten Takte des Donauwalzers von Strauß zum Besten gibt; in der Hitze, fast mitten im Dschungel, stehen plötzlich alle ganz gerührt, betroffen still.

Schließlich der Epilog, der Tod der beiden wird nicht direkt gezeigt, wir erfahren ihn durch das Trauern der anderen, und wir bekommen die Toten bis zum Schluss nicht zu Gesicht, auch wenn der Spiegel fast das ganze Zimmer zeigt, in dem sie liegen.

Es ist auf jeden Fall ein Film für uns alle, die heimatlos und auf der Suche sind.

Stadtlegenden

Es hat noch Zeit, eigentlich sehr viel Zeit, aber die Organisatorin wollte, dass ich es unbedingt schon jetzt veröffentliche. Na ja, es handelt sich um Piwnica pod Baranami, eine der Stadtlegenden Krakaus und Polens, dafür kann ich ja auch zweimal werben, einmal heute und einmal im Spetember… Meinetwegen 🙂

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25. SEPTEMBER 2016, 18:00 Uhr

BABYLON, Rosa-Luxemburg-Str. 30, Berlin

http://www.ewadmoch.eu

DIE UNERTRÄGLICHE LEICHTHEIT DES SEINS

Es soll ein künstlerisches Ereignis werden, der Abend mit Beteiligung von Künstlern des Kabaretts Piwnica pod Baranami, das eine ganz besondere „Insel“ ist –auf keinen Fall aber eine ruhige und utopische Insel.
In dieser Extraklasse des Kabaretts wird es Auftritte u.a. von Tadeusz Kwinta, Mieczyslaw Święcicki, Miki Obłoński, Czesław Wojtała, Ewa Wnuk-Krzyżanowska, Oli Maurer, Tamara Kalinowska, Leszek Wójtowicz, Rafał Jędrzejczyk, Piotr Kuba Kubowicz, Agata Ślazyk, Dorota Ślęzak, Beata Czernecka, Maciek Półtorak, Rafał Jędrzejczyk, Kamila Klimczak, Andrzej und Aneta Talkowski und anderer geben.

Es ist eine starke eingespielte Künstler-Boheme,
die für das gemeinsame Spiel alles hinwirft.

Eine einmalige Atmosphäre
– surrealistischer Humor, Lyrik, herrliche Lieder.

Gastgeber des Abends: Leszek Wójtowicz
Musikalische Leitung; Michał Półtorak
Drehbuch und Regie: Bogdan Micek

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Während des Konzerts kann das Buch „Kabaret w Polsce 1950 – 2000“ (Kabarett in Polen von 1950 – 2000“) käuflich erworben werden und es gibt ein Zusammentreffen mit den Autoren des Buches

Informationen und Tickets:
Ewa Dmoch, http://www.ewadmoch.eu

Frauenblick

Monika Wrzosek-Müller

„Ungeduld des Herzens“

Und wir sind in ein Stück gegangen, das sich vom Titel her ganz vorgestrig anfühlte und dann im Theater modern und aktuell war und doch zugleich die Situation in Wien und in Österreich vor dem Ersten Weltkrieg wiedergab.

Es ist immer wieder faszinierend, wenn auf der Bühne etwas aus minimalen Mitteln groß wird; es sind nur fünf Schauspieler, ein paar Stühle, Tische, ein Glaskasten – und die Technik, die alte Fotos, Landschaften, den Himmel auf den Hintergrund projizieren lässt; dazu kommen noch Geräusche oder besser Geräuschkulisse. Wie wenig braucht man, um einen Zug darzustellen, durch einfache Bewegung des Körpers, das gewisse Schaukeln, dazu die Stühle hintereinander aufstellt und ein bestimmter Rhythmus gehalten. Natürlich, würde man sagen, so spielen auch Kinder Zug, das sind Urbewegungen, die etwas markieren, sichtbar machen, ohne großen Aufwand. Aber da sind noch die zwei Protagonisten: der Arzt und der Leutnant, die zusammen spazieren gehen und die Bewegung darstellen, ohne dass sie sich eigentlich vorwärts bewegen; so dass der Zuschauer mit ihnen mitgeht und im Gehen mithört. Oder: Mit einem Tisch und einem Stuhl wird eine Terrasse ganz oben im Turm des Schlosses improvisiert, und der Zuschauer ist ganz überzeugt, dass die Personen, Edith und ihr Vater, von der Terrasse herunterschauen, und er spürt die Weite und ihren Blick und dabei lässt er auch seinen eigenen in die Landschaft schweifen. Das alles muss man aber sehen und als Regisseur einzusetzen wissen.

Überhaupt ist in dem Stück alles in Bewegung, die Schauspieler übernehmen mehrere Rollen, tauschen sie aus, probieren sie an sich anzupassen, mit der Stimme und der Bewegung, und wählen jeweils die beste Option aus. Sie erproben immer wieder, wie aus der Stimme, dem Geräusch, der Ton, der Bewegung und dem Bild am besten ein Ganzes entsteht, in dem noch dazu die Emotionen und der Inhalt zusammenspielen. So kommt es, dass ein Buch, ein Roman in zwei Stunden so intensiv und klar vorgestellt wird, dass man meint es gelesen und sich tief mit den Problemen auseinandergesetzt zu haben.

Es muss ein Meisterstück sein, sowohl vom Stoff her als auch in der Bearbeitung. Die Bearbeitung des Textes stammt von Simon MacBarney, seinem Co-Regisseur James Yeatman und Maja Zade, für die szenische, bildhafte Umsetzung ist Simon MacBarney verantwortlich. Der Regisseur aus England beschreibt, wie sie proben, indem sie immer wieder ein Spiel, ein Ballspiel, als Aufwärmübung spielen, und das erlaubt allen, sich zu bewegen, ihre Positionen immer wieder zu wechseln, die bestmöglichen auszuwählen und diese Bewegung dann in das Stück zu übernehmen. Das Gleiche passiert mit dem Ton, er ist einen Moment vorher da, das Schlürfen, der Schrei, der Kanonendonner, der Donner des Gewitters, alle Töne signalisieren schon vor den Worten das Kommende oder unterstreichen es. Der Ton und die Bewegung können viel leichter Emotionen hervorrufen, das Wort kann sie dann korrigieren und richtigstellen; aber die Ungeduld des Herzens nachzuzeichnen, nachempfinden zulassen, das machen eben die Nebeneffekte. Mit dem Text wird so lange gearbeitet, bis er auch einen Rhythmus und einen genauen Ausdruck hat, der nicht austauschbar ist und genau zu dem Moment passt. Man spürt fast durch das ganze Stück hindurch, dass hier nichts austauschbar ist, dass die Harmonie des Wortes, der Bewegung, des Tons und des Bildes im Hintergrund immer ein Ganzes schaffen will.

Die Geschichte ist die eines Leutnants der K. und K.-Armee, der sich aus Mitleid aber auch aus falsch verstandenen Ambitionen mit der gelähmten Tochter eines reichen jüdischen Industriellen verlobt. Die Geschichte des Vaters von Edith spielt bei der Erfüllung des Schicksals mit; er ehelicht die Gouvernante des Hauses Kekesfalba, die zur Erbin wird und die bei der Geburt ihrer Tochter stirbt. Der Leutnant ist von Mitleid ergriffen und verlobt sich mit der in ihn verliebten, intelligenten Tochter, die aber eben Invalidin ist. Dem Leutnant selbst sind seine Beweggründe nicht klar, er schwankt zwischen Mitleid und echter Zuneigung. Der Autor unterscheidet zwischen zwei Arten von Mitleid und legt dem Arzt des Mädchens seine Interpretation des Begriffs Mitleid in den Mund: Den Leutnant bewege „das schwachmütige und sentimentale Mitleid, das eigentlich nur Ungeduld des Herzens ist“ und das soll „durch das andere, das einzig zählt – das schöpferische Mitleid, ersetzt werden, das weiß, was es will und entschlossen ist alles durchzustehen bis zum Letzten“. Vor seinen Kameraden verleugnet er die Verlobung, denn er fürchtet, dafür ausgelacht und verachtet zu werden, dass er sich an einen Krüppel gebunden hat. Nachdem Edith davon erfährt, stürzt sie sich vom Turm des Schlosses in den Tod, der Leutnant versucht vor seinen Gewissensbissen in die Wirren des Weltkrieges zu flüchten.

Die Handlung ist einfach und immer aktuell, der Erzählfluss von Zweig sehr einfühlsam, mitreißend und bewundernswert. Der Ich-Erzähler spricht von entlegenen Zeiten, die aber, so stellt sich aber schnell heraus, mehr als aktuell sind. So ist das auch in der Aufführung: Anfangs spielt die Handlung in einem Museum und es wird im Ton des Geschichtenerzählens berichtet, sie endet aber mit aktuellsten Bildern aus der Gegenwart (nach der Videomontage von Aufnahmen aus dem Ersten Weltkrieg kommt unerwartet das Foto eines Flüchtlingsboots).

Der britische Regisseur MacBarney wurde durch ein mit seiner Kompanie Complicite aufgeführtes Stück nach der Erzählung des polnisch-jüdischen Schriftstellers Bruno Schulz „Street of crocodiles“ weltberühmt, hier arbeitet er mit dem deutschen Ensemble der Schaubühne, benutzt aber seine erprobten Mittel: Bewegung, Ton und Videoinstallationen.

Der Text beruht auf dem Roman von Stefan Zweig, der 1939 veröffentlich wurde. Bald musste Zweig aus dem deutschen Sprachraum verschwinden, seine Bücher wurden von den Nazis verbrannt, wie übrigens auch die des anderen Zweig, Arnold; er selbst floh zuerst in die Schweiz, dann nach London und New York und endete in Brasilien, in Petropolis, wo er 1942 zusammen mit seiner Frau Selbstmord beging.

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Ungeduld des Herzens

Schaubühne am Lehniner Platz
Kurfürstendamm 153
10709 Berlin

Theaterkasse

Tel +49.30.890023
Fax +49.30.89002-295 300
ticket@schaubuehne.de

Eine Koproduktion mit Complicite.

Autor: Stefan Zweig
Regie: Simon McBurney
Co-Regie: James Yeatman
Bühne: Anna Fleischle
Kostüme: Holly Waddington
Licht: Paul Anderson
Sound Design: Pete Malkin
Mitarbeit Sound Design: Benjamin Grant
Video Design: Will Duke
Dramaturgie: Maja Zade

Dauer: ca. 120 Minuten

Wurzel von 2

Aus unserer Reihe

Lesungen vom Blog in der Regenbogenfabrik, wo schon so viele von uns gelesen haben, diesmal

tratatatata tata tata!

Emanuela Danielewicz. Lesung und Konzert.

10.5.16 | 20 Uhr | RegenbogenCafé
Lausitzerstr. 22
10999 Berlin

Emanuela Danielewicz ist Fotografin und Erzählerin. Sie hat den Verein Kosmopolen 2008 gegründet, zeigt Fotos und liest ausgewählte Texte.

plakatRobert Kusiolek (Akkordeon)
…hat die Musikakademie mit Auszeichnung in Poznan / Polen abgeschlossen und studiert seit 2007 an der HMTMH in der Solistenklasse von Frau Prof. Elsbeth Moser…. Kusiolek ist Preisträger der Internationalen Akkordeonwettbewerbe (Kammermusik) in St. Petersburg/Russland 2003, in Poprad/Slowakei 2003, in Przemysl/Polen 2003, in Klingenthal/Deutschland 2004 und in Castelfidardo/talien 2006. Robert Kusiolek hat auf dem Label: Multikulti Project die international sehr gut besprochene CD “NUNTIUM” 2011, “the universe” 2014 und für 2015 “Qui Pro Quo” veröffentlicht.

Elena Chekanova (Elektronik)
… wurde in Jefremow (Russl.) geboren. 2000 schloss sie die „Michail Oginsky Musikschule” Fakultät Chordirigieren mit Auszeichnung ab und erhielt von 2002-2007 ein Stipendium der polnischen Regierung für Dirigierkurse bei John Elliot Cobbs, Jose Maria Rodilla Tortajada und Ahim Holub in Polen & Österreich. Im Juni 2007 debütierte sie erfolgreich mit dem Torunischen Symphonieorchester und schloss mit der Bestnote den Studiengang Orchester- und Operdirigieren bei Prof. Jerzy Salwarowski in Poznan (Polen) ab. Im 2007 wurde sie als Dirigentin vom Arche NewMusicEnsemble eingeladen und gibt seitdem regelmäßig mit diesem Ensemble zahlreiche Konzerte, auch Uraufführungen u.a. mit Kosmopolen e.V. im Rahmen NEW Polish Tunes. Seit 2010 studiert Elena Chekanova in der Dirigierklasse im Rahmen des Solistenstudiums bei Prof. Eiji Oue an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover.
Ausserdem ist sie seit 2009 in der Masterschule vom weltweit renommierten Maestro M. Jurowski.

Eintritt frei – Spenden willkommen.

Und noch morgen:
Mittwoch, 11. Mai 2016, 19.00 Uhr

Artur Beckers Buch: Kosmopolen Essays / Weisbookverlag – April 2016 wird im Willi Brand Haus Berlin vorgestellt

Kommen! Gehen! Lesen!

becker

 

Frauenblick

Monika Wrzosek-Müller

Mach dich hübsch

Als ich 1984 aus Warschau in die Bundesrepublik kam, spürte ich sofort, wie total anders Weiblichkeit und Frau-Sein in Deutschland erlebt und verstanden wurde. Mit meinem fremden Blick kamen mir die Frauen so vor, als ob sie sich ihrer Weiblichkeit versagen würden; viele trugen irgendwelche sackförmigen, ziemlich undefinierbare Kleider, oder Jeans, und flache, breite Schuhe. Nur einige wenige gaben sich Mühe und spürten den Wert des „sich hübsch Machens“. Allgemein wurde signalisiert: Kleidung geht uns nichts an, überhaupt ist uns unser Aussehen egal, wir stehen über diesen Sachen, make up war eigentlich auch verboten. Das empfand ich damals mit Wehmut, denn ich dachte an die tausenden von Möglichkeiten, die sie hier doch hatten – mit den vollen Läden, den Farben und der Auswahl; wie viel Spaß es uns in Polen gemacht hätte, uns so herausputzen zu können und sich zu zeigen. Sogar die Studentinnen der Kunstgeschichte, bei der sich in Warschau immer die am besten gekleideten und oft auch die schönsten Mädchen tummelten, sahen in Berlin ziemlich grau und uninteressant aus. Ich wurde meistens belächelt mit meinen Anstrengungen, schick, in stimmigen Farben angezogen zu sein.

Es gab damals aber doch eine Frau, die mich faszinierte, sie hieß Veruschka Lehndorff und war in der italienische Modewelt als die große Blonde bekannt; sie war dort in den 60-er Jahren als Modell entdeckt worden, spielte auch in Antonionis Film „Blow Up“ mit und kehrte dann irgendwann in den 80-er Jahren nach Deutschland zurück; sie wollte auch nicht mehr als nur schön angesehen werden, das galt als anrüchig und unintellektuell, sogar dumm… Sie versuchte, sich selbst mit bodypainting zu einer Kunstfigur zu machen. Doch sie kämpfte mit dem Nachkriegsdeutschland, mit der BRD, sie kämpfte auch mit ihren Depressionen und dem Unangepasstsein, dem Nicht-dazu-gehören.

Auch Hannelore Elsner habe ich immer bewundert, besonders in „Mein letzter Film“; da spricht sie so offen über das Frausein, das Leben und die Lust und Last, schön zu sein, über ihre Männer; über gescheiterte Beziehungen und über die Spuren des Lebens und die Makel, und man nimmt ihr das alles ab, als ob sie über ihr Leben sprechen würde. Die große Diva des deutschen Kinos zog mich in allen ihren Filmen, besonders in „Alles auf Zucker“ oder „Die Spielerin“ magisch an, denn sie hat ein Geheimnis und eine Art von Vitalität, die mit Zerbrechlichkeit verbunden ist.

Die beiden kamen mir immer wieder in den Sinn bei der Ausstellung von Isa Genzken „Mach dich hübsch“, vielleicht nicht immer wegen der Werke, sondern mehr wegen des Titels. Es ist eine Retrospektive und als solche sehr vielschichtig, alle möglichen Phasen des Schaffens der Künstlerin werden gezeigt; es sind viele Werke aus den ganz jungen Jahren (die großflächigen abstrakten Ölgemälde und die schweren Betonklumpen) , aber auch ganz neue. Die Künstlerin thematisiert doch sehr das Frausein, immer wieder tauchen Anspielungen darauf auch da auf, wo man sie gar nicht vermutet; z.B. auf den Röntgenbildern sieht man immer wieder ganz deutlich einen Ohrring, oder die großen Ohrenfotografien sind nicht nur durch ihre überdimensionale Größe interessant, sie werden auch mal mit einem, mal mit mehreren Ohrringen verschönert, und es sind weibliche Ohren, das sieht und spürt man. Wieviel Hübsch-Sein darf man sich erlauben oder ist erlaubt? Ja, diese coole Künstlerin hat mich fasziniert, schon ganz am Anfang meines Kunstgeschichtsstudiums in Berlin; sie war Schülerin von Gerhard Richter, lange seine Frau und lange unter seinem Einfluss, und doch ging sie dann ihren Weg, und hat diese Coolness durchgehalten, mühsam und kämpfend ,aber doch. Und sie sorgt mit ihren Puppen und Mannequins, mit ihren Installationen zum Ground Zero, mit den „Weltempfängern“ aus Beton mit den herausragenden Antennen, tonnenschwer und leicht zugleich, als ob sie die Verbindung zwischen Schwere und Leichtigkeit zeigen wollten; sie ist immer wieder für eine Überraschung gut. Obwohl man oft vor den Installationen steht und lange grübelt, was denn nun hier das wichtige sei, worum es geht, doch irgendwo findet man die Ästhetik , die Anspielung und den Zusammenhang. Sie sei gerne mal frech, sagt sie, und das spürt und sieht man an den Kollisionen von Materialien und Themen, die sie behandelt und die sie zusammenbringt. Wie sie Flugzeugwrackteile verbindet und auf die Lebensumstände der Menschen, die in den Türmen des World Trade Center gearbeitet haben, aufmerksam macht.

Manchmal drängt sich dann doch die Frage auf, ist das hier unbedingt ausstellungswürdig. Und dann geht man in den nächsten Raum und wird durch die vielen Büsten von Nofretete mit Sonnenbrillen und fetzigen Schals entschädigt und es wird einem klar, dass die Künstlerin die Coolness aushält, sie zum Spiel macht und einem den Weg dahin weist. Es ist vieles leicht ironisch und mit einem zugedrückten Auge, so als würde sie kokettieren und alles leicht machen wollen und dann aber doch die ganz schwer beladenen Themen behandeln.

Ich sah manchmal die Ratlosigkeit in den Gesichtern der Besucher aber auch manchmal ein Lächeln, die Kommentare fielen spärlich aus, vieles müsste man sich wahrscheinlich ganz lang anschauen und dahinter kommen, doch wer will das in unserer Zeit, und dann bleiben die große ganz schräg angezogene Puppe und die Büsten der Nofretete in Erinnerung, und das ist vielleicht auch genug.

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Ausstellung Mach dich hübsch im Martin-Gropius-Haus

Frauenblick

Monika Wrzosek-Müller

Manifesto

Es fing damit an, dass mein Sohn über Cate Blanchett die Nase rümpfte. Das fand ich ungeheuerlich, denn für mich präsentierte sie sich in allen Filmen wunderbar. Ja eben, würde er sagen, zu wunderbar, zu wunderschön; für ihn verkörperte sie eine unnahbare, unumgängliche, langweilige Dame, immer eigentlich die gleiche; er warf mir vor, dass ich insgeheim wahrscheinlich auch davon träumte, so wie sie zu sein. Natürlich musste ich lachen, denn meine reality war weit von ihrer entfernt, doch vielleicht hatte er etwas Recht.

Desto mehr freute ich mich, als ich auf die Beschreibung der Ausstellung von Julian Rosefeldt im Hamburger Bahnhof stieß. Schon der Künstler versprach interessante Videoinstallationen, ich kannte seine Werke von Aufführungen in der Schaubühne. Auch wenn sie mich damals etwas genervt haben, denn ich teile die geteilte Aufmerksamkeit nicht und fühlte mich dann meistens von dem Hintergrund und der eigentlichen Handlung überfordert, doch es war eine Herausforderung für den Zuschauer und als solche nahm ich sie hin. Doch hier versprachen die Videoinstallationen im Vordergrund zu stehen und sie wurden von Cate Blanchett gespielt, die ich doch so faszinierend fand.

Ich ging also in die Ausstellung und verbrachte dort drei Stunden vor den Bildschirmen.

Eines Abends fand ich dann auf YouTube eine Diskussion über ein in Polen sehr heftig diskutiertes Buch „Świat sie chwieje“ [Die Welt wackelt], eine Sammlung von 20 Gesprächen, die Grzegorz Sroczyński, ein Journalist der Gazeta Wyborcza geführt hat. Es äußerten sich Historiker, Philosophen, Soziologen, Wirtschafts- und Politikwissenschaftler, die in Polen mehr oder weniger bekannt sind. Sie alle wurden nach dem Grund gefragt, warum wir das Gefühl hätten, dass „die Welt wackelt“ und dass wir mit dem, was passiert, nicht zurechtkommen. Nach Finanz-, Flüchtlings-, Moral-, Politik-, Religions- und Europakrisen, mit der Globalisierung und der rasanten Entwicklung der Medien, fühlen sich die meisten Menschen überfordert, auch wenn Krisen oft eine Möglichkeit des Aufbruchs und Neuanfangs bedeuten. Ein Rezept verspricht das Buch natürlich nicht, aber es nimmt all diese Erscheinungen unter die Lupe, die uns den Boden unter den Füßen wackeln lassen, bespricht sie und versucht, sie und die dahinter stehenden Mechanismen etwas verständlich zu machen.

Warum schreibe ich über das Buch im Zusammenhang mit der Ausstellung Manifesto? Obgleich sie diesen Titel trägt, verneint sie meiner Meinung nach all die Manifeste der Vergangenheit: von Dada, Futurismus, Expressionismus, Kreationismus, Suprematismus, Konstruktivismus, Surrealismus und all der anderen -ismen. Sie werden als Mantra vorgetragen, immer im gleichen Moment, gleichzeitig alle monoton und eintönig, ihre Inhalte eher nebensächlich, umso wichtiger, was auf dem Bildschirm passiert und wie die Personen, Landschaften, Innenräume, Außenräume dargestellt werden. Die alten Manifeste haben sich überlebt, neue sind nicht entstanden; wir haben alles da, alles ist möglich und erreichbar, im Hier und Jetzt und doch gibt es keinen Protest und keinen Aufschrei, denn wir kennen sie alle, die Formen des Protestes, es hat sich vieles, „alles?“ überlebt. Die Welt wackelt, auch die der Kunst.

Dabei, Hochachtung, chapeau bas vor der Schauspielerin, die all diese Individuen verkörpert, in all diese Rollen schlüpft: in einen Obdachlosen, eine Börsenmaklerin, eine Arbeiterin in einer Müllverbrennungsanlage, wo sie lauter sinnlose Tätigkeit ausführt (die aber vielleicht in der globalisierten Welt einen Sinn haben). Sie ist genauso überzeugend als Lehrerin, die den Kindern Aufgaben stellt, an die sie sich nicht halten sollen, Nachrichtensprecherin, bei der die Nachricht überhaupt nicht wichtig ist, eine Choreografin, eine tätowierte Punkerin, die am Ende einer Party in dem verwüsteten Räumen um sich schlägt, sie spielt genauso überzeugend eine konservative Mutter in ihrer Familie wie eine Trauerrednerin bei einem Begräbnis. Besonders ist der Moment, in dem sie als Puppenspielerin und -bauerin mit einer sie selbst darstellenden Puppe spielt. Sie trägt die Texte auch in unterschiedlichen Sprechweisen vor, mit amerikanischem, englischem oder auch schottischem Akzent, auch mit dem Akzent einer russischen Tanzchoreographin. All diese kurzen Szenen, Filme, Epiloge haben etwas Beiläufiges und dann doch sehr Exaktes an sich. Der Künstler will kein Manifest aufstellen, entstehen lassen, und doch ist sein Werk ein Versuch die Welt in Szenen, die künstlich arrangiert sind, real darzustellen und sie zu einem Puzzel zu machen von Ausschnitten aus einer versteinerten und doch irgendwo auch lebendigen Welt, die auch hier wackelt, weil nicht ganz klar ist: Verneigt sich der Künstler vor diesen Kunstrichtungen oder verabschiedet er sich von ihnen?

Vielleicht spürte die Schauspielerin, Cate Blanchett, dass sie aus ihrer Rolle der dekadenten Dame ausbrechen sollte und dass sie so verschiedene Typen und Charaktere darstellen kann, dass sie sich dieses Können beweisen wollte. Es ist alles andere als einfach, für ein paar Stunden in Berlin ständig eine andere Person zu inkarnieren, bis zu vier Stunden in der Maske zu sitzen, sich mit einer Perfektion, Intensität und Aufmerksamkeit in jeder Szene auf jeweils neue Situationen zu konzentrieren; für mich schwebt aber doch über all den Szenen ein Hauch der Dekadenz, der sie und mit ihr ihre Umgebung nicht loslassen will. Das finde ich wunderbar und es soll sie nicht loslassen; es ist mit der Schönheit und Sehnsucht danach verknüpft und verbunden, und es wird immer so bleiben.

Ich höre fast schon den Aufschrei: und all die wichtigen Manifeste von all den wichtigen Personen, nicht umsonst gestaltet der Künstler die Szenen so und nicht anders. Den Vorwurf will ich so stehen lassen, für mich waren sie eben nebensächlich und ich konzentrierte mich auf die Bilder, die vor meinen Augen abliefen.

Auf jeden Fall ist die Ausstellung Wert gesehen zu werden, sich konzentriert auf die Szenen einzulassen und die Perfektion der Schauspielkunst zu erleben und zu bewundern.

Manifesto ist bis Juli im Hamburger Bahnhof zu sehen.

Im Stil von Frank O’Hara (2)

Ewa Maria Slaska

Rapport von einer Reise

Ich kam aus dem Land der Poeten und Propheten

Eines Tages kam ich nach Berlin
Hierher
Es war Januar
Es war kalt
Mein Sohn war klein
Und ich war jung

Eines Tages kam ich nach Berlin
Hierher
ins Land der Dichter und Denker
ins Land von Hermann Hesse und Thomas Mann

Es war das Jahr 1985
Die die in diesem Jahr kamen
waren keine Helden
mehr
Und keine „liebe polnische Gäste“
mehr

Es war das Jahr 1985
Die die in diesem Jahr kamen
waren keine Europäer
noch
und keine Bereicherung unserer Multikultur
noch

Sie waren
Sie waren
Sie waren Putzfrauen und Bauarbeiter
Sie waren
Ich auch

Ich kam ins Land das
von den Dichter und Denker
nichts wusste
mehr
und von Richter und Henker
nicht wissen wollte
noch

Ich kam ins Land
wo keiner mehr Hesse und Mann las
weil man nur Frauen las
die schrieben
Mary Daly Julia Kristeva Susan Sonntag

Und natürlich Alice Schwarzer
noch

Es war kalt
der Winter was coming
and coming

Ich brauchte etwas warmes
und ich wusste nicht
was

Ich dachte es wäre Essen
Pfannkuchen
Krapfen
Blini

Ich dachte mir fehlen
Waffeln
Nuddeln
und Piroggi

Meine Welt war ein kalter Punkt
von Italo Calvino

Wir waren alle Bewohner des Null-Raums. Es war kalt.

Selbstverständlich befanden wir uns alle dort, sagte der alte Qfwfq – wo den sonst? Dass es einem Raum geben könne, wusste noch keiner. Ebensowenig eine Zeit. What use did we have for time, packed in there like sardines? Es war ein Punkt, in dem sie alle waren und alle ihre Dingen, und Sachen, und Taten. Wir fühlten alle diesen Punkt aus. Alle unsere polnischen Ellbogen und Knie.

Und dann sagte Frau Ph(i)Nkos mit einemmal: Kinder, wenn ich ein bisschen Raum hätte, wie gern würde ich euch Nudel machen. Und in dem Augenblick dachten wir alle an dem Raum, den ihre runden Arme einnehmen würden, sich vorwärts und rückwärts mit dem Nudelholz über den Teig beugend, wie ihre Brust (ich war jung) sich über den Haufen Mehl und Eier senken würd, der das große Nudelbrett fühlte, während ihre Arme kneteten…

Und so ist die Welt entstanden. Felder zum Anbau des Getreides, Berge von denen das Wasser käme, Raum, der nötig wäre, damit die Sonne mit ihren Strahlen hinkäme, Raum damit die Sonne sich kondensiere… Die Sonne, um mich zu wärmen.

Und so kam ich in die Regenbogenfabrik
Wo ich Blini briet
Salate mischte
Nudel mit Nudelholz
vorwärts und rückwärts
walzte

So ist der Raum entstanden

Wo eine Frau mich in die Regenbogenfabrik holte

Vor 20 Jahren war es
oder gar 30
Und so war es
auch wenn sie behauptet
es waren höchstens 12 Jahre
oder sagen wir Mal
17

Und wir kochten
Und aßen
Und badeten
Und lasen Bücher
Und redeten oder schwiegen
Und machten
Und organisierten
Vorwärts und rückwärts
Vorwärts und rückwärts
Vorwärts und rückwärts

Die Zeit wuchs
und sich dehnte
und dehnte
Mit Puderzucker
bestreut

Sie war und ist
meine einzige dicke wahre warme deutsche Freundin
deutsch-polnisch
Wie Maultaschen und Piroggi
Wie Karpfen und Pączki
Wie deutsch-polnische Waffeln

Und eisgekühlte wyborowa

Danke Christine!

waflwRF

PS.

Dieses Gedicht trug ich am 17. März 2016 in der Regenbogenfabrik vor und dabei machte ich (live auf der Bühne) die Waffeln, natürlich mit Puderzucker bestreut. Es war ein Teil eines wunderschönen Abends zum 35sten Geburtstag von der Regenbogenfabrik und zugleich ein Teil des Festivals “Berlin erzählt!”

Werbung:

Wir stehen (zeitlang mindestens) auf der RBF-Kulturwebseite mit dem Link: http://www.regenbogenfabrik.de/kultur-news-anzeigen/aufbrechen-ankommen-weitersuchen.html

Hier ist der Link zum Erzählnetzwerk Berlin, dessen Festival “Berlin erzählt!” unser Programm umrahmt: http://www.berlin-erzaehlt.de/2016_veranstaltungen.htm

Berlin Oder Stettin

Als ich den Titel der Veranstaltung mit Bogdan Twardochleb in einem Vereinsprotokoll geschrieben hat, umgehend korrigierte mich meine Kollegin: Berlin oder Stettin. Und notierte am Rande, dass sie dachte, ich, nach 30 Jahren in Deutschland, endlich Mal lernen kann…

Also meine Damen und Herren…

Berlin Oder Stettin

In unserer Reihe “Sttetin für Berliner” ein Vortrag von Bogdan Twardochleb

9.2.16 | 20 Uhr | Regenbogen Kino

In Kooperation mit Regenbogenfabrik

Was uns heute verbindet, was uns teilt und warum?

Wie wichtig ist Berlin in Stettin und warum ist es so wichtig?

Wohin fließt Berlin heute – zur Oder oder weg von der Oder? Das ist heute auch die Frage betreffs der EU.


Ist (wird) die Oder wieder die Grenze?


Warum mag ich Berlin und warum wollte ich mehr Berlin an der Oder und mehr Stettin in Berlin sehen?

Bogdan Twardochleb, (geb. 1954), seine Mutter stammte aus Großpolen, sein Vater aus Przemyslany bei Lemberg (Lwow, Lviv). Er wohnt seit 1960 in Stettin.

Bodgan Twardochleb studierte Polonistik in Stettin, arbeitete dann als Lehrer an der Stettiner Uni, seit 1989 ist er Journalist und Publizist. Seit 1991 arbeitet er in der Stettiner Zeitung Kurier Szczecinski. Seine Themen sind: Kultur (Literatur), Geschichte Pommerns, Gesellschaft, Minderheiten in Pommern, Grenzregion, deutsch-polnische Beziehungen. Zu seinen Aufgaben gehört es, die Kontakte mit Schulzeitungen, die mit seiner Redaktion kooperieren, zu pflegen. Bogdan ist Redakteur zweier Beilagen: seit 15 Jahren Szkolny Pulitzer (Schulen-Pulitzer), einer Beilage für Schulzeitungen, und seit mehr als drei Jahren für „przez granice“ (Über die Grenze), die Beilage für deutsch-polnische Themen, speziell in der Grenzregion. Bogdan hat als Redakteur einige Bücher vorbereitet, unter anderem mit Poesie und Reportagen.

Bogdan sagt zu seinen Hobbies: „Sehr lange Reisen in der Umgebung von Stettin, vor allem nach Pommern und in die Grenzregion. Nicht weit unterwegs, dafür umso tiefer in der Geschichte und Gegenwart verankert.“

Bogdans Träume: „Mehr Zeit für Berlin und auch für Stettin finden, mit meinen Enkeln mehr spielen und plaudern, mit meiner Frau mehr wandern und auch – mein schwaches Deutsch verbessern. Ich möchte so gut deutsch sprechen, wie zum Beispiel meine Freunde in Berlin: Ruth Henning und Uwe Rada.“

Eintritt frei – Spenden willkommen.

Twardochleb in der Regenbogenfabrik