Neujahr / Nowy rok

Ewa Maria Slaska

Eine Neujahrsgeschichte

Po polsku TU.

Vor zehn Jahren war ich zu Weihnachten und Silvester auf einer griechischen Insel. Fast allein. Das heißt, natürlich, die Griechen waren da, aber ich wohne in einem Haus für Schriftsteller und kannte Niemanden.

Bei einem Spaziergang gelang ich rein zufällig in ein Haus und in dem Haus in einen Saal aus dem ich die Leute gehört habe, die auf Deutsch sangen. Es war eine evangelische Gemeinde. Die Mitglieder waren meistens deutsche, englische oder holländische Ehefrauen. Die Ehemänner waren Griechen, griechisch-orthodox, die Ehefrauen evangelisch. Es gab einen Pastor, eine Frau Pastor und eine Aushilfepastorin. Gottesdienst zum Sonntag, Predigt zum Gottesdienst, Gott zum Predigt.

Sie haben mich zum Silvester eingeladen, ich habe es dankend angenommen.
Silvester in Griechenland ist kein grenzenloses Vergnügen, wie man es sich so leicht vorstellen möchte, wenn man bedenkt, dass die Griechen so gern tanzen. Sie tanzen zum Silvester gar nicht, sie spielen, um die Wette, um Geld zu gewinnen. Von kleinen Kindern bis zu senilen Omas im Schwarzkleid, alle spielen um das merkantile Glück für nächstes Jahr. Und sie essen Vasilopita, Kaiserkuchen.

Bei dem Pastor haben wir Mahjong gespielt und Vasilopita gab es auch. Es ist so ein Hefekuchen in dem ein Geldstück eingebacken wurde. Floris. Blümchen. Man teilt den Kuchen in so viel Teilen, wie viele Leute zum Party kommen, plus drei. Die drei Extras sind für Gott, für Jesus und für Maria. Wir waren dreizehn, ja, ja, dreizehn, der Kuchen wurde also in 16 Stücke aufgeteilt.

Der Pastor war der Kuchengeber. Er nahm die Teller nacheinander und legte ein Stück Vassilopita drauf. Den ersten Teller gab er mir. Nein, wehrte ich mich, der ist für Gott. Aber nein, der ist für dich. Wir sind doch keine Griechen. Ich nahm den Teller. Als schon alle ihre Teller bekommen haben, da blieben die drei Stück Kuchen auf der Kuchenplatte liegen. Die nehm´ ich für morgen für den Gottesdienst, sagte der Pastor und schob die Platte beiseite.

Wir prosteten uns zu mit einem Glas Wein und machten uns an die Vasilopita. Die Münze war in meinem Stück Kuchen, im ersten Biss. Alle waren neidisch. Ich war stolz. Es ist so selten, dass mir etwas Derartiges passiert. Vielleicht gar nie. Ich gewinne nie, ich bekomme keine unerwarteten Geschenke. Und diesmal bekam ich den Floris, den Glücksbringer, gleich in ersten Biss, in einem Stück Kuchen, das mir gar nicht zukommen sollte, sondern Gott.

Alle waren neidisch, alle dachten aber, dass es für mich so schön war, den Floris zu bekommen.

Es war gar nicht schön, aber ich brauchte Monate, um es zu verstehen. Materiell gesehen mit diesem Silvester begann das schlechteste Jahr meines Lebens. Mein Geld schwand und verschwand. Egal was ich tat, das Geld ging weg. Ich wurde betrogen und bestohlen, mir wurde das Geld nicht ausgezahlt, das ich verdient habe, mein Lohn wurde gekürzt, die Kürzung mit Prämie ersetzt, die Prämie eingestellt…
Ich nahm den Kuchen, der für Gott war, ich eignete mir dadurch die Münze, die Gott gehörte, und ich zahlte dafür sehr sehr bitter.

Der Pastor irrte sich. Wir sind Griechen. Wir sind alle Griechen. Es war nicht meine Schuld, der Gottesdiener hat mir den Gotteskuchen mit der Gottesmünze gegeben, und trotzdem musste ich dafür bezahlen. Ich brauchte weitere paar Jahre, um zu erkennen, dass ich daran doch die Schuld zu tragen habe. Ich wollte Gott seinen Kuchen nicht wegnehmen, aber ich nahm ihn. Ich weiß nicht, was ich anderes tun sollte, aber ich sollte mir etwas ausdenken. Ich nahm den Kuchen, den mir der Pastor anbot und die Gottesmünze brannte mir ein Riesenloch in meinem Geldbeutel. Objektive Tatsache, Und dies war meine Schuld.

Ich fuhr also nach Griechenland zum Ende des Jahres und zum Silvester klaute ich Gott die Glücksmünze. Ich dachte, der Klau ist die Krönung eines sehr guten Jahres. Es war ein gutes Jahr in meinem Leben. Ich habe eine neue Wohnung gefunden, eine schöne Wohnung. Eigentlich war es sogar besser, die schöne Wohnung hat mich gefunden. Ich habe einen wichtigen Preis bekommen, bei der Preisverleihung habe ich einen Mann kennen gelernt. So kam er in mein Leben, in meine neue, schöne Wohnung, ein Mann der das alles war, was ich in einem Mann immer suchte…

Der das alles war, nur nicht für mich. So einfach war es mit dem Glück. Die Liebe war nicht für mich und ich klaute Gott seine Glücksmünze.

Reblog: Wielka Wojna / Der Große Krieg

Ten wpis już tu był rok temu. Wracam do niego, bo taki mi się wydaje ważny i piękny zarazem. / Den Beitrag gab es hier schon – genau vor einem Jahr. Ich kehre zu ihm zurück. Er war sehr wichtig und sehr sehr schön.

Inge da Silva

choinka-okopyWeihnachten 1914. An der Front harren Millionen Soldaten in den verschlammten Schützengräben aus. Im Niemandsland zwischen den feindlichen Linien liegen die Leichen der Gefallenen, teils mit Schnee bedeckt. Am Himmel stand ein blasser Mond. Bleich. Als hätte er die Farbe angenommen der Toten, die unten, im Schlamm, im Stacheldraht, im Niemandsland lagen. Doch mit einem Mal gehen auf beiden Seiten hinter den Wällen Pappschilder hoch: “Frohe Weihnachten” steht da, und “Merry X-Mas”. Was folgt, könnte ein Weihnachtsmärchen sein, aber es hat sich mitten im Ersten Weltkrieg, wirklich so zugetragen. Nach fünf Monaten Krieg mit Hunderttausenden von Toten auf beiden Seiten bricht an der Westfront von der Nordsee bis zur Schweiz der Friede aus. “Um neun Uhr abends werden die Bäume angesteckt, und aus mehr als zweihundert Kehlen klingen die alten deutschen Weihnachtslieder”, hält ein Soldat fest. “Dann setzen wir die brennenden Bäume ganz langsam und sehr vorsichtig auf die Grabenböschung. “Weihnachten, das hatten
so viele Soldaten geglaubt, als sie im Sommer 1914 trunken vor Euphorie an die Front marschierten, Weihnachten sollte der Krieg zu Ende sein. Aber Weihnachten ging gar nichts mehr an der Westfront, die vom belgischen Nieuwpoort an der Nordsee bis zur Schweizer Grenze im Süden reichte und an der sich Deutsche auf der einen, Belgier, Franzosen und Briten auf der anderen Seite gegenüberlagen.
Ein Brite schreibt seiner Frau: “Stell dir vor: Während du zu Hause deinen Truthahn gegessen hast, plauderte ich da draußen mit den Männern, die ich ein paar Stunden vorher noch zu töten versucht hatte.” Ein anderer berichtet: “Auf beiden Seiten herrschte eine Stimmung, dass endlich Schluss sein möge. Wir litten doch alle gleichermaßen unter Läusen, Schlamm, Kälte, Ratten und Todesangst.”

“Niemals sah ich ein schöneres Bild des Friedens”

Es dauert nicht lange, und die Feinde machen sich Geschenke, singen Weihnachtslieder, spielen Fußball, veranstalten Radrennen und trinken belgisches Bier. Vor allem Sachsen, Bayern und Österreicher verstehen sich gut mit den Briten – besser als mit ihren oft so schneidigen Kameraden aus Preußen. Ein britischer Soldat steht plötzlich seinem deutschen Coiffeur aus London gegenüber, der das Gastland bei Kriegsausbruch verlassen musste. Er bekommt sofort einen neuen Schnitt. Nach fünf Monaten Krieg mit Hunderttausenden von Toten auf beiden Seiten bricht an der Westfront von der Nordsee bis zur Schweiz der Friede aus. “Um neun Uhr abends werden die Bäume angesteckt, und aus mehr als zweihundert Kehlen klingen die alten deutschen Weihnachtslieder”, hält ein Soldat fest. “Dann setzen wir die brennenden Bäume ganz langsam und sehr vorsichtig auf die Grabenböschung. “Es war wie im Stadion bei einem Fußballspiel.” Ein britischer Offizier scherzt, für den Neujahrstag sei schon ein neuer Waffenstillstand verabredet worden: “Denn die Deutschen wollen sehen, wie die Fotos geworden sind”. Als das Fest vorbei ist, feuern sich die Soldaten zunächst noch über die Köpfe, dann geht das große Schlachten weiter. Im Jahr darauf ist Weihnachten ein Tag wie jeder andere. Befehl von oben: Jeder, der mit dem Feind “Stille Nacht” singt, ist sofort zu erschießen.
Bekannt ist nur, dass diese Geschichte am 9. Januar 1915 in der britischen “North Mail” erschien. Sie ist eine von zahllosen Beschreibungen eines Ereignisses, das als “Weihnachtsfrieden” in die Geschichte eingegangen ist, als an zahlreichen Abschnitten der Westfront die Soldaten spontan die Waffen niederlegten, um gemeinsam, mitten im Krieg Weihnachten zu feiern. Belgier und Franzosen reichten Deutschen die Hände. Das passierte auch. Aber meistens waren es Briten und Deutsche, die sich freundschaftlich begegneten. Sie sangen “Stille Nacht, heilige Nacht” und “Silent night, holy night”. Sie zeigten sich Fotos von ihren Liebsten. In der Nähe des französischen Dorfes Fromelles feierten sie einen Gottesdienst. “Der Herr ist mein Hirte” sprachen sie, den 23. Psalm, in Deutsch und in Englisch.

Manchmal trafen sich alte Bekannte, der britische Restaurantgast zum Beispiel und der Deutsche, der vor dem Krieg in London als Kellner gearbeitet hat. Und es gab ein Fußballspiel zwischen Sachsen und Schotten, das nicht zuletzt deshalb ein besonderes Erlebnis war, wie ein deutscher Soldat nach Hause schrieb, weil die Männer jedes Mal in Gelächter ausbrachen, wenn ein Schotte zeigte, dass er keine Wäsche unter dem Rock trug.

Eine Episode von vielen, die sich vor allem an den Abschnitten zwischen Mesen und Nieuwkapelle abspielten. “Einen solchen Frieden von unten gab es noch nie in der Geschichte eines Krieges”, schreibt Michael Jürgs, der in seinem Buch “Der kleine Friede im Großen Krieg” das Weihnachtswunder von 1914 minutiös nachgezeichnet hat.

Die Geschichte von Frederick W. Heath wurde erst vor wenigen Monaten wieder entdeckt. 96 Jahre, nachdem sie in einer Zeitung stand. Sie ragt deshalb aus den vielen Augenzeugenberichten heraus, weil sie so viel erzählt von Gefühlen. Von Ängsten und Misstrauen und von der Sehnsucht, trotz allem, einander als Menschen zu begegnen.

Er träumte noch von zu Hause, als er an jenem Weihnachtsabend auf der feindlichen Seite plötzlich ein Licht aufflackern sah. “Ein Flackern in der Dunkelheit”, schrieb er. “Ein Licht an der feindlichen Linie zu dieser Zeit war so selten, dass ich es gleich meldete.” Doch noch während er die Nachricht weitergab, ging an der deutschen Linie ein Licht nach dem anderen an. Und dann hörte er eine Stimme, eine deutsche. Ganz nah schien sie ihm, so nah, dass er sein Gewehr schussbereit hielt. “English soldier”, rief sie, “English soldier, a merry Christmas, a merry Christmas!”

Medien berichteten über den Weihnachtsfrieden

Die Briten schwiegen. Kein Laut war zu hören, außer den Befehlen der Offiziere, still zu bleiben. Es war noch nicht lange her, da hatten deutsche Soldaten an der Westfront vorgetäuscht, sich zu ergeben. Doch als die Briten ebenfalls die Waffen senkten, kamen Deutsche aus dem Hinterhalt – und schossen. Die englische Zeitschrift “The Sphere” hatte darüber ausführlich berichtet. Wer wird an diesem Weihnachtsabend nicht daran gedacht haben?

Doch etwas anderes war größer als die Angst. “Überall an unserer Linie”, schrieb Heath, “hörte man Männer, die den Weihnachtsgruß des Feindes erwiderten. Wie konnten wir dem widerstehen, uns gegenseitig schöne Weihnachten zu wünschen?” Sie begannen, mit den Deutschen zu reden, nicht ohne die Gewehre fest in den Händen zu halten. In dieser Weihnachtsnacht, in der sie Lieder hörten aus den deutschen Schützengräben und das Pfeifen von Flöten, in der die Briten mit Lachen antworteten und Weihnachtslieder aus ihrer Heimat sangen.

Sie riefen Segenswünsche

In dieser Nacht fiel kein Schuss. In der Dämmerung, als der Himmel grau und rosa wurde, da sahen sie ihre Feinde. Unbekümmert bewegten sich die Deutschen außerhalb der Schützengräben. Heath bewunderte den Mut. Es wäre geradezu eine Einladung an die Briten gewesen, abzudrücken. Aber sie schossen nicht. Sie standen auf und riefen Segenswünsche herüber zu den Männern, mit denen sie wenige Stunden zuvor noch gekämpft hatten um Leben und Tod.

Ein Jahr danach passierte schon kein Wunder mehr.

Kolędy oder…

Maria Gast Ciechomska

 …polnische Weihnachtslieder    

Das Singen von Weihnachtslieder hat seine Quelle in der römischen Feier Calendae mensis januarius. Es handelte sich um die Feier am 1. Januar. Es war im alten Rom ein besonderer Tag, denn an diesem Tag haben Konsule ihren Amt übernommen. Irgendwann wurde dieser Tag ganz offiziell zum Jahresanfang erklärt. An diesem Feiertag haben Menschen in Rom einander besucht, gaben sich Geschenke und sangen Lieder. Das Christentum hat diesen Brauch übernommen, und zwar im Zusammenhang mit Weihnachten. So wurde die Weihnachtsgeschichte zum Thema dieser Lieder.

Zunächst hat man die Motive aus Evangelien benutzt, dann auch aus der volkstümlichen Frömmigkeit, Apokryphen und auch aus der Literatur des Mittelalters.

Nach der christlichen Tradition war der erste nachgewiesene Autor eines Weihnachtsliedes der heilige Franz von Assisi, der auch die Krippe erfunden haben sollte. Das berühmteste Weihnachtslied der Welt ist natürlich Stille Nacht, entstanden 1818 und bisher 300 Sprachen übersetzt.

Auf Polnisch heißt ein Weihnachtslied kolęda (etymologisch von Calendae). In der Liturgie der katholischen Kirche werden Weihnachtslieder von der Mitternachtsmesse am Heiligabend bis zum Tag der Taufe Christi (erster Sonntag nach dem 6. Januar) gesungen. In der polnischen Tradition werden die Weihnachtslieder jedoch bis zum 2. Februar (Mariä Lichtmess) gesungen. Das älteste überlieferte polnische Weihnachtslied ist Zdrów bądź królu anielski (Gegrüßet seist Du, Engelskönig) aus dem Jahre 1424.

Die Gattung wurde sehr populär im 17. und 18. Jahrhundert, in dieser Zeit sind die wichtigsten polnischen Weihnachtslieder entstanden. Bis heute wurden über 500 Weihnachtslieder überliefert.

Eine besondere Art des Weihnachtslieds ist pastorałka (die Pastorale). Es handelt sich um ein Lied, das zu Weihnachten gesungen wird, aber nicht in der Kirche, weil es einen eher weltlichen Charakter haben. Das Thema ist meistens die Geburtsgeschichte aus dem Blickwinkel der Hirten. Es entstehen natürlich auch moderne Weihnachtslieder.

Bóg się rodzi

Bóg się rodzi (Gott ist geboren) ist das wohl berühmteste polnische Weihnachtslied. Es ist fester Bestandteil der Mitternachtsmesse und gilt fast als nationale Weihnachtshymne. Einst wurde es sogar kurzzeitig als Nationalhymne in Erwägung gezogen. Der Text wurde 1792 von Franciszek Karpiński (1741-1825) verfasst. Die feierliche Melodie ist eine altbekannte Krönungspolonaise für polnische Könige, die sich bis zum 16. Jahrhundert zurückverfolgen lässt. Der Komponist ist jedoch vom Namen unbekannt.

Das Weihnachtslied wurde zum ersten Mal in der Basilika Mariae Himmelfahrt in Białystok öffentlich aufgeführt, wo Karpiński zwischen 1785 und 1818 lebte. An diese erste Aufführung erinnert heute eine Gedenktafel an der Kirchenmauer.

Dieses Lied wurde von verschiedenen berühmten polnischen Künstlern aufgenommen. Sie wurde auch von polnischen Gefangenen in Auschwitz gesungen. Ein Bericht des Häftlings Józef Jędrych beschreibt, wie “das Singen deutscher Weihnachtslieder begann und dann wie Wellen des Meeres die machtvollen Worte des polnischen Weihnachtsliedes kamen ‘Die Macht wird schwach, Gott wird geboren’.“

Bogsierodzi-Gottwirdgeboren

Der Text der Hymne (hier von Golec Orkiestra gesungen) zeichnet sich stilistisch dadurch, dass er starke sprachliche Gegensätze verwendet. Durch solche Redefiguren wird die Bedeutung des Wunders betont, das mit der Geburt von Jesus in einem Stall von Bethlehem stattfand. Papst Johannes Paul II bezog sich am 23. Dezember 1996 in der Vatikanischen Audienzhalle auf das Weihnachtslied “Bóg się rodzi”. Er zitierte die Worte und führte hierzu aus: “Der Dichter zeigt uns das Mysterium der Menschwerdung von Gottes Sohn, indem er Gegensätze benutzt, um das auszudrücken, was für das Mysterium wesentlich ist: Indem er die menschliche Gestalt einnahm, nahm der unendliche Gott gleichzeitig die Begrenzheit eines Geschöpfs an.”

Der Liedtext enthält auch ein Zitat aus dem Johannesevangelium (Johannes 1, 14). Darüber hinaus flocht Karpiński eine patriotische Aussage zu Beginn der fünften Strophe ein. Das Lied ist gar in die Popkultur übergegangen: Eine Instrumentalversion dieses Liedes hat das “Brave New World” Expansion Pack von Computerspiel Civilisation V.

Jacek Kaczmarski, Przemysław Gintrowski und Zbigniew Łapiński waren ein legendäres Trio, eine der wichtigsten Musikgruppe in Polen in den 80er und 90er, die den Kultstatus hatte. Die Band hatte keinen Namen, trug nur die Namen der Mitglieder.

Diese drei Songschreiber, Musiker und Sänger gelten bis heute als Barden von Solidarność, weil sie sich politisch eindeutig positioniert und für demokratische Veränderungen in Polen eingesetzt haben. Viele ihre Lieder hatten zum Thema die polnische Geschichte und auch die Weltgeschichte, dabei setzten sie sich oft mit der polnischen Traditionen sehr kritisch auseinander. Das Leitmotiv war immer, die polnischen Erfahrungen aus der Zeit der Solidarność in einer historischen Perspektive darzustellen, so dass der Hörer begreift, dass es sich hier um einen Prozess, nicht um ein isoliertes Ereignis handelt. Anfang 1981 entstand das Konzertalbum Muzeum. Die Lieder dieses Albums beschreiben ausgewählte Werke der polnischen und Welt Malerei, darunter auch das Bild Heiligabend in Sibirien, ein Werk von Jacek Malczewski (1854-1929).

In seinem Bild hat der Künstler diesen wohl am meisten familienorientierten polnischen Feiertag dargestellt. Es geht um Menschen, die als Verbannte in Sibirien von ihren Familien getrennt sind. Es ist ein Bild der Einsamkeit und des Leidens, symbolisch für Polnischen Kampf um Freiheit und Souveränität, der immer leidvoll bestraft wurde. Von den acht Verbannten scheint jeder anders zu reagieren, einer betet, der andere verbirgt sein Gesicht im Teller, der dritte schaut auf die Flamme der Kerze… Durch deutliche Anspielungen an die Darstellungen des Letzten Abendmahls ist die Atmosphäre ernst und feierlich, man spürt die Stille und Erwartung. Das Lied des Trios ist die eigene Interpretation des Bildes. Es werden darin originale Weihnachtslieder zitiert und einige polnische Sitten und Bräuche zum Heiligabend sowie typische Gerichte erwähnt.

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Beata Rybotycka, Schauspielerin und Sängerin aus Kraków, singt ein Weihnachtslied in dem es um den Brauch geht, auf dem Tisch ein zusätzliches Gedeck und am Tisch ein zusätzlicher Stuhl stehen soll. Die gängige Erklärung ist, man denkt an arme und einsame Menschen oder an einen unerwarteten Gast. Es geht aber um viel mehr. Dieser Brauch ist viel älter als das Christentum. Denn dieses Abendessen ist eine gemeinsame Mahlzeit von Lebenden und von Verstorbenen, der leere Stuhl ist der Stuhl der Verstorbenen. Ich musste immer dabei denken an einen Zitat aus dem Dialog “Phaidon” von Plato: “Die Lebenden entstehen aus den Toten nicht weniger als die Toten aus den Lebenden”. Am Heiligabend handelt es sich um diese Verbindung, diese Kette von Verstorbenen und von Lebenden, die wiederhergestellt wird. Das Lied bedient sich dieses Motivs, ist in diesem Sinne immer aktuell und ansprechend, denn in jeder Familie fehlt jemand hin und wieder am Tisch. Es bringt aber auch die christlich geprägte Hoffnung zum Ausdruck, dass wir uns alle irgendwann wieder treffen, an einem Tisch, der noch reicher gedeckt ist.

Wigiliadlanieobecnych

In diesem Blog findet man oft meine Familie. Auch hier, in diesem Beitrag, ist sie da. Das Weihnachtslied Gott wird geboren wurde vom Ur-Ur-Ur-Großonkel meiner Ur-Großmutter, Jadwiga Krynicka, geboren Karpińska, geschrieben. 🙂

Unten, nur für diejenige, die Polnisch kennen, noch zwei moderne, patriotische Versionen dieses Liedes, beide geschrieben in der Zeit des Kriegsrechtes in Polen dh. im Jahre 1981.

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Persische Gattin

hochzeit5Renata Borowczak-Nasseri publizierte bei uns ihre Geschichten aus dem Leben einer persischen Gattin. Sie sammelte sie jetzt zusammen, bearbeitete sie. Aus den Lebenserfahrungen wird Literatur. So ist eine Radiosendung entstanden. Sie wurde am 14. November gestrahlt.

Anna heiratet in Deutschland schlicht und standesamtlich Ahmed, einen Iraner. Dann fährt sie mit ihm in sein Geburtsland, um die Verwandten kennen zulernen. Sie wird als Ahmeds Ehefrau mit Respekt und Zuneigung behandelt. Doch auf einer Erkundungsreise durch den Iran muss Anna feststellen, dass ihre deutsche Heiratsurkunde nicht zählt.

Nicht einmal ein gemeinsames Hotelzimmer darf sie mit Ahmed beziehen, ohne die Rezeptionistin zu gefährden. Anna und Ahmed müssten nach hiesiger Sitte heiraten – vor einem Mullah. Aber dann könnte Anna ohne das Einverständnis ihres Mannes nicht mal das Land wieder verlassen. Obwohl Ahmed seit über 40 Jahren in Deutschland lebt, wird Anna bei diesem Gedanken mulmig zumute.

Und überhaupt: Wie lebt es sich eigentlich als persische Gattin? Anna lässt sich von den Frauen ihrer neuen Familie erzählen – besonders ihre Schwiegermutter, eine lebendige Dame von 84 Jahren, erweist sich als wahre Scheherezade.

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Liebe Leser(innen) – leider ist der Link zur Sendung nicht mehr aktuell. Schade.

Fiktive Fotografen / Fikcyjni fotograficy

Über das ungewöhnliche Buch von Karsten Hein
O niezwykłej książce Karstena Heina

dasviertealbumIch nahm teil an Entstehung dieses Buches und war vom Anfang an begeistert und zugleich berührt von der Intensivität der Geschichte.  / Brałam udział w tworzeniu tej książki. Od samego początku mnie niezwykle poruszyła, bo tak była intensywna.

wcafemelancholiaMłoda dziewczyna, Niemka, prosi mieszkającego w Berlinie fotografa, Polaka, by towarzyszył jej przez jakiś czas i fotografował ich wspólną wędrówkę. / Eine junge Frau, eine Deutsche, bittet einen Fotografen, einen Polen aus Berlin, dass er sie zeitlang begleitet und die gemeinsame Zeit fotografiert.

Dann verschwindet sie. Die Fotos bleiben bei ihm. / Po czym znika. Zdjęcia zostają u niego.

koniecDann stirbt der Fotograf, der fiktive Fotograf, und der Autor sichtet seinen Nachlass durch und findet das vierte Album. / Po czym fotograf, fikcyjny fotograf, umiera, autor książki przegląda jego spuściznę i znajduje czwarty album.

Es ist eine verschachtelte Gechichte vieler Rekonstruktionen. Die junge Frau rekonstruiert etwas, der Fotograf versucht zu verstehen, was sie beide tun und nach ihrem Verschwinden versucht er herauszufinden, was sie eigentlich suchte. Der Autor rekonstruiert diese Geschichte anhand der Bilder und Notizen des gestorbenen Fotografen, Kazimierz Henrykowski. Der Leser versucht zu entziffern, was sich hinter all diesen Rekonstruktionen versteckt…

To skomplikowana historia szufladkowa złożona z wielu warstw rekonstrukcji. Młoda kobieta próbuje coś odtworzyć. Co? Nie mówi swojemu towarzyszowi, ale widać też, że sama nie wie… że szuka. Po czym znika. Kazimierz Henrykowski, ów polski fotograf, próbuje odtworzyć sens ich wspólnych wędrówek, ale też sens tego, czego szukała jego towarzyszka. Autor konstruuje książkę, próbując z-re-konstruować sens tego spotkania z zapisków i zdjęć Henrykowskiego. I wreszcie ostatniej rekonstrukcji musi dokonać czytelnik…

onagdziesUngewöhnliches Buch von Karsten Hein. Ist gerade erschienen. Es reicht nicht, es zu lesen. Man muss es haben. Unbedingt!
Niezwykła książka. Właśnie się ukazała. Nie wystarczy ją przeczytać. Trzeba ją koniecznie mieć!

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Das vierte Album
Fotoroman

Karsten Hein, Kazimierz Henrykowski

ISBN: 978-3-99028-346-2
20 x 28 cm, 238 Seiten, zahlr. farb. Abb., Hardcover
€ 28,00

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Und noch zum Titel des heutigen Beitrags. 2011 gab es in Kraków eine Ausstellung unter dem Titel Alias über fiktive Fotografen; Karsten hat es jedoch zu spät erfahren, um sein Buch-Projekt dahin zu schicken. / Jeszcze informacja o tytule wpisu – była w Krakowie w roku 2011 wystawa pt. Alias o fikcyjnych fotografach; Karsten niestety przeczytał o niej za późno i nie zdążył tam zgłosić projektu swojej książki.

http://www.fotopolis.pl/n/12307/miesiac-fotografii-w-krakowie-2011-pierwsze-doniesienia/

Ballonaktion zum Mauerfall

oder eine LICHTGRENZE

Vom 7. bis zum 9. November 2014 ist das innerstädtische Berlin von der Bornholmer Straße über den Mauerpark und die Gedenkstätte Bernauer Straße, zum Reichstag, vorbei am Brandenburger Tor und Checkpoint Charlie bis zur East Side Gallery vorübergehend geteilt: 8.000 weiße, leuchtende Ballons markieren dann den ehemaligen Mauerverlauf. Die emotionale und visuelle Kraft dieser Lichtinstallation ruft auch die Brutalität der Mauer in Erinnerung. Die Installation basiert auf einer Idee von Christopher Bauder und Marc Bauder.

Die LICHTGRENZE ist ab Freitag (7.11.) mit Einbruch der Dunkelheit bis zum Sonntagabend (9.11.) rund um die Uhr erlebbar. Wir empfehlen Ihnen Spaziergänge entlang der LICHTGRENZE.

Die Open-Air-Ausstellung „100 Mauergeschichten“ gibt auf der gesamten Strecke faszinierende Einblicke in den Alltag der geteilten Stadt.

Der Museumsdienst Berlin offeriert spezielle einstündige Führungen auf Deutsch und Englisch, an denen man spontan
ohne Anmeldung teilnehmen kann. Tickets: 5 € (bis 14 Jahre freier Eintritt)
Termine: 7. Nov, stündlich von 18 bis 20 Uhr/ 8. Nov, stündlich von 12 bis 20 Uhr/ 9. Nov, stündlich von 12 bis 16 Uhr
Startpunkte und Ticketverkauf: Mauerpark, Checkpoint Charlie und East Side Gallery
Gruppen könnten im Voraus buchen. Kosten: 80 € (max. 25 Teilnehmer)

Zum Höhepunkt des Jubiläums lassen die Ballonpaten am 9. November ab 19:00 Uhr in einer spektakulären Gemeinschaftsaktion alle Ballons in den Himmel steigen.  Am Brandenburger Tor spielt die Staatskapelle Berlin unter der Leitung von Daniel Barenboim den Schluss-Satz der 9. Sinfonie von Beethoven mit der “Ode an die Freude”! ARD und rbb übertragen die Ballonaktion live im Fernsehen.

PS: Nur der Skeptiker fragt sich: was tun die Vögel bei dieser Aktion?                          

In Archiven und Museen (2)

Dorota Cygan

Marbach. Mal schnell in die Stadt und schon zurück im Archiv

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In diesem Turm wohnte kein Dichter, der wahnsinnig geworden ist (in welchem denn und wo dann?), die Leser dürfen ohne andächtiges Schweigen den Anblick genießen.

(Erklärung: die Autorin meinte den Dichter Friedrich Hörderlin, geb. 1770, gest. 1843, der wahnsinnig geworden ist und 35 Jahre in einem Turm in Tübingen verbrachte.)

Und drunter: Vielleicht klärt mich jemand auf, ob es der schwäbische Pragmatismus ist, Mauern in die Häuser zu integrieren – oder vielleicht eine weit verbreitete historische Baupraxis?

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Und schon wieder im Literaturarchiv.

Ich nehme an, dass diese Plastik darunter jedem sehr nahe steht, der schon mal mehrere Stunden und Tage hintereinander hier las und glaubte, die Augen würden ihm bald herausfallen. Dabei war es nur die Brille, die sich auf einmal verselbständigte und tanzte.

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Wahrscheinlich lag dem ein demokratisches Prinzip zugrunde: Jeder Mitarbeiter des Archivs sollte gleich viel Licht in seinem Büro haben und ins Grüne hinaus gucken. Wir Benutzer haben freilich immer das Gefühl, ALLE sehen uns, wenn wir wieder einmal zu spät ins Archiv kommen.

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LiMoLiteraturmuseum der Moderne im geheimnisvollen Nachtgewand. Würde man es jetzt indiskret lüpfen, wäre man Zeuge der höchst privaten, epochenübergreifenden Kontakte zwischen Schriftstellern, Kritikern, Objekten und allerlei „Ismen“. Das nenne ich eine Party!

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Oben und unten. Exklusive Fotos nur für Euch: Lesesaal von außen – das Fotoverbot (von innen) wird selbstverständlich eingehalten. Leser erzählen sich Anekdoten, wer alles schon beinahe eingeschlossen worden ist, weil er sich zwischen den Buchregalen festgelesen hatte und im letzten Augenblick bemerkt worden ist.

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marbachsordek3So nüchtern wie dieser Eingang wirkt auch der Handschriftenbereich (Tiefgeschoss). Damit ist sichergestellt, dass die Schönheit des Raumes (also die Form) nicht die Schönheit der Archivalien (also den Inhalt) überdeckt.

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Sancta sanctorum – Handschriftenlesesaal
Ich weiß selber nicht, warum ich mich in dem Fall der Wahrheit verpflichtet fühle und Euch das echte Foto vom Handschriftenlesesaal zeige. Ich könnte doch viel besser fabulieren: Den Handschriftenlesesaal erfüllt der Schein alter Möbel und alter Gegenstände, durch alte Fenster schimmert in der Sonne der alte Staub und die alten Archivare gehen am Stock und können sich noch detailliert an ihr letztes Gespräch mit Thomas Mann, nein, mit Franz Kafka erinnern… Nö. Warum sollt Ihr eigentlich die Sache weniger nüchtern sehen als ich? Das wäre ungerecht.

skarpetkischilleraUnd dort. Ja! Zum Beispiel Schillers Socken!
In der Kunstbibliothek in Berlin darf man viele alte Bücher nur mit weißen Handschuhen anfassen. In Schwaben gönnt man das eigentlich nur Schillers Socken. Gut so. Allerdings wäre der Anblick interessant: Benutzer tippen in weißen Handschuhen Briefe und Handschriften ab. Tradition und Modernität. Soll ich das vielleicht anregen?

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Hier wohnen wir alle – Schnüffler, Buchfetischisten und manische Literaturdeuter. Eingeschlossen in den Mönchszellen. Ihre schlichte, aber interessante Innenarchitektur folgt dem demokratischen Prinzip – auch übrigens die Platzierung der Gäste. Ich durfte vier Wochen lang meinen Lärm einem hochverdienten älteren Professor zumuten.

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Lemberger oder Trollinger – wenn es der Wein von hier sein sollte. Die Marbacher selbst trinken eher den edlen Italiener oder reden sich aus.

Prost!

In Archiven und Museen

marbach6Dorota Cygan

Magie der vergilbten Papiere

Unser ausländisches Interesse an deutscher Kultur braucht eine Konkretisierung in etwas Fassbarem: Es erfreut sich an dem, was materiell ist und sinnlich erfahrbar. Da die generationenschweren Dachbodenschätze unserer Großeltern keine deutsche Signatur tragen, fühlen wir uns besonders wohl an einem Ort, wo das kulturelle Gedächtnis in besonderer Weise aufbewahrt, mit Signatur versehen und kultiviert wird – in Museen und Archiven. Zugegeben, das moderne…

Denkt nicht, dass das Leben eines
Archivbenutzers mit Rosen gesäumt ist.
Das ist der steile Weg zum Tageserfolg …

… Ausstellungswesen zeichnet heutzutage eine besondere Lebensnähe aus: Schillers Socken, Taufhemdchen von Thomas Mann, Kafkas auf Reisen verlorener Löffel oder Rechnungen mit Gedichtzeilen haben erfolgreich die Totenmasken und Fotos von Grabsteinen abgelöst. Ehrwürdige Museen oder Archive müssen sich freilich mit solchen Exponaten nicht schmücken, sieht der Bildungsbürger doch nach wie vor in der Pflicht, etwas für die Erhaltung der Kulturgüter zu tun und seine 100 Euro pro Jahr für Museumsbesuche auszugeben.

marbach1Marbach: Das Museum-Archiv-Komplex im Hintergrund; das ist eine optische Täuschung Schiller-Archiv thront nicht über der Stadt – eher liegt es vornehm-abseits und verlangt von den Besuchern, dass sie sich zu ihm bemühen.

Und wie ist es mit uns Ausländern? Was ist etwa an Handschriften so spannend, dass man freiwillig bei gutem Wetter in geschlossenen Räumen eines Literaturarchivs sitzt und die unmögliche Schrift eines längst verstorbenen Monomanen entziffert? Was ist spannend an diesen unzähligen Blättern rissigen Papiers mit Durchstreichungen, Altersflecken, vergilbten Rändern, überschriebenen Passagen, handschriftlichen Anmerkungen und flüchtigen Zeichnungen? Und was ist, wenn sie von den Autoren selbst verworfen wurden und nur durch die Böswilligkeit von Witwen oder ignoranten Kindern ans Archiv verkauft wurden und jetzt den Dichter kompromittieren? Wie weit soll man sich dem natürlichen Voyeurismus hingeben? Die Alltagslügen enttarnen? Randphänomene des Schreibprozesses studieren, um aus den Abfällen des kreativen Vorgangs eine revolutionäre These zu basteln? Assoziative Ketten zerlegen und mit der zeitgenössischen Logik neu begründen? Warum will man sich das antun? Um der Wahrheit willen? Na, eher um zu zeigen, dass die Literaturwissenschaft nicht bloß das Stiefkind der Literatur ist, sondern neben ihr ebenbürtig thronen kann. Niemandem ist es ja entgangen, dass sich die Germanistik seit Jahren Denkmäler setzt. Etwa mit der Geschichte ihres Faches.

marbach2Das Schiller-Nationalmuseum strahlt so viel Würde aus, wie ihm der Geist der Zeit um 1910 verlieh. Wir haben im Prinzip nichts dagegen, dass diese Würde nun auch auf uns ausstrahlt.

In der Tat kann man nur zu leicht der Versuchung erliegen, den Dichter vom Sockel zu zerren, sobald man seine Entwürfe schwarz aus weiß sieht. Nun, das trifft gleichermaßen Forscher im Inland wie im Ausland. Die Praxis beweist aber vielfach, dass ausgerechnet ausländische Germanisten gern quellenbezogen arbeiten, wenn sie diese Möglichkeit bekommen. Sonst, wer in entlegenen Ländern wohnt, ist auf die Sekundärliteratur angewiesen und seine Forschung orientiert sich mehr an der Theorie – und damit mehr an der Germanistik als an der Dichtkunst selbst. Der Umgang mit Rohmaterial wie Primärliteratur und Handschriften ist zunächst in dieser ungefilterten Form nicht so praktisch wie die Sekundärliteratur, wo die Zusammenhänge bereits hergestellt und Lücken mit entsprechendem Infomaterial geschlossen wurden und man sie nur noch mit eigenen Worten wiedergeben muss. Und doch beweist die Zahl der jährlich im Marbacher Literaturarchiv getätigten Recherchen ausländischer Forscher, dass diese Art von Arbeit als besonders intensiv und attraktiv empfunden wird.

marbach3Neckar, der Fluß der Dichter.
Man will es nicht glauben, aber vom Archiv läuft man bis hierher schon eine runde Stunde. Man weiß allerdings auch, wofür…

Warum sitzen sie also jetzt nicht alle in Marbach? Wohl, weil sie noch nicht wissen, was alles sie dort finden können, scheint mir. Ich habe dort einmal Briefe des polnischen Nobelpreisträgers an seine erste Übersetzerin gefunden. Gut versteckt im Nachlass ihres Mannes, der eine wichtige Figur im Zeitungswesen war. Im Grunde also sind es die Bestände selbst, die jede Argumentation überflüssig machen: Der ganze Berg unter dem Archiv beherbergt das Magazin mit Handschriften je nach Gusto – samt den dazugehörigen Werkausgaben, Widmungsexemplaren, Zeitungsausschnitten, Filmen, historischen Aufnahmen, Rundfunksendungen und sogar Hausrat. Alles in allem 800.000 Bücher, 200. 000 Kunstobjekte, 50 Mio. Blatt Papier, 11.000 Nachlässe von Schriftstellern und Gelehrten, die einen hierher verlocken. So hilfreich die historisch-kritischen Werkausgaben auch sind, sie ersetzen nicht den sinnlichen Umgang mit angegriffenem Papier. Hätten sonst gebückte Germanisten bei gutem Wetter hier gesessen? Sei es nur, um die Epoche zu verstehen: finanzielle Not des Autors, der auf billigstem Papier schreibt, Papierknappheit um 1945, Statusverbesserung durch eine Schreibmaschine oder demütigende Verhandlungen um das Zeilenhonorar für Rezensionen und sonstige Zeugnisse der Reibungen zwischen Verlegern und ihren Autoren – alles Bezüge, die sich einem viel besser erschließen, wenn man die Informationen nicht aus dritter Hand bekommt.

Nein, das ist weder Schillers Geburtshaus noch das seiner Mutter. Das müssen die Leser schon selber ergoogeln. Ich bekenne mich nicht zu irgendeinem Bildungsauftrag. Zumal ich noch in keinem von beiden drin war.

Einer Gesprächspartnerin habe ich daher gestern eröffnet, was mir als Krönung meiner eigenen Lebensleistung vorschwebt: Sollte ich doch meine längst überfällige, durch Jahrhunderte verschüttete Doktorarbeit jemals zu Ende schreiben, lasse ich sie auf gelblichem Papier drucken. Inhalt und Form werden so übereinstimmen. Und für mich wäre das ohnehin die kostbarste Archivalie. Was lacht Ihr mich aus? Perlen werden auch nur noch gezüchtet.

In einer Woche, nochmals Marbach
und ein Rätsel.
Fotos – Autorin

Ausstellung / Exhibition / Wystawa: Bruno Schulz

Lidia Głuchowska

Foto oder Grafik? »Kabinett der historischen Fototechniken« von Mariusz Kubielas bei dem Europäischen Monat der Fotografie in Berlin 2014

Der Fotozyklus „Bruno Schulz – Mariusz Kubielas – In Transitu“ ist das Ergebnis eines 2004 initiierten Kunstexperiments, das vom literarischen und bildkünstlerischen Werk des polnisch-jüdischen Künstlers Bruno Schulz aus Drohobytsch (früher Österreich-Ungarn und Polen, heute Westukraine) inspiriert wurde. Sein Effekt bilden inszenierte und auf dem Negativ festgehaltene Szenen aus dem Grenzbereich zwischen Performance und Pantomime, die an eingefrorene Bildausschnitte aus einem Stummfilm erinnern.

Schulz 1Dieses transmediale Projekt, das auch durch Auszüge aus Schulz’s Prosa und die metaphorischen Titel der Arbeiten bereichert wird, dient der Aktivierung des internationalen und generationsübergreifenden Diskurs über das multinationale und multikonfessionelle Kulturerbes Mittelosteuropas.

Schulz 2Die größte Attraktion dieser Fotoschau ist jedoch das »Kabinett der historischen Fototechniken«, welches ca. 20 einmaliger Aufnahmen umfasst, welche Zeichen des persönlichen Stils des Künstlers tragen. Wie kaum einem zeitgenössischen Fotografen ist es Kubielas (geb. 1953) gelungen, einige um die Wende des 19. und 20. Jahrhunderts verwendete manuelle Techniken der Fotografie und deren Varianten zu rekonstruieren. Damit erreichte er Effekte von genauester Wiedergabe der Wirklichkeit sowie schärfster Licht-Schatten-Kontraste oder bis zur „impressionistischen“ Körnigkeit und edlen Matts der Bildoberfläche.

Der Realisierung des Kabinetts gingen Kubielas Studien zur Rekonstruktion archivalischer Technologien zur Schaffung von Lichtbildern voraus, die er 2004 an der Hochschule für Fotografie in Jelenia Góra/Hirschberg begann und bis heute in Zusammenarbeit mit führenden polnischen Experten, wie Cezary Chrzanowski, Roman Michalik, Janusz Sochacki und Rafał Warzecha weiterführt. Der Initiator dieser Arbeiten war Andrzej Pytliński, Patron des informellen Freundeskreises der historischen Fototechniken.

Das „Kabinett der historischen Techniken” von Mariusz Kubielas ist ein offenes Projekt: auch nach Ablauf des Europäischen Monats der Fotografie wird es fortgeführt und um weitere Varianten derselben Motive in weiteren Techniken ergänzt. In näherer Perspektive ist die Präsentation des Zyklus in Belgrad, Helsinki, Brüssel, Bratislava und Prag geplant – vorbereitet von dem Künstler in Zusammenarbeit mit der Kuratorin Dr. Lidia Głuchowska.

Ausstellung Bruno Schulz – Mariusz Kubielas – In Transitu

Kuratorin: Dr. Lidia Głuchowska
Vernissage: Donnerstag, 2. Oktober 2014, 19.00 Uhr
Ausstellungsdauer: 4. Oktober bis 14. November 2014

Begleitpublikation:
Lidia Głuchowska (Hg.): Bruno Schulz – Klisza Werk – Transgresiones, Wrocław: Ośrodek Kultury i Sztuki we Wrocławiu, 2013.

Über das Projekt wurde schon auf diesem Blog berichtet
https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2013/04/18/bruno-schulz-reloaded/
https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2013/03/22/kobieta-i-kon-rewers/

Ein Projekt im Rahmen des Europäischen Monats der Fotografie Berlin
http://www.mdf-berlin.de
und des Berliner Kunst- und Kulturfestivals Kunstkreuz: 10. bis 12. Oktober 2014
http://www.kulturring.org/kunstkreuz/

Vorbereitet vom Kultur- und Kunstzentrum OKiS in Wrocław
Mitfinanziert aus den Mitteln der Woiewodschaft Niederschlesien
http://www.okis.pl/site/zapowiedzii/n/1/n/1/951/n.html

Fotogalerie Friedrichshain, Helsingforser Platz 1, 10243 Berlin
Öffnungszeiten: Di, Mi, Fr, Sa 14 bis 18 Uhr, Do 10 bis 18 Uhr
Tel. (030) 296 16 84, Fax (030) 29 04 98 02
fotogalerie@kulturring.org • www.kulturring.org
S- und U-Bahnhof Warschauer Straße, Tram M10 und M13

Abbildungen

1. Mariusz Kubielas, Das große Glas oder Damals war die Mutter noch nicht da, jedoch…, 2010/14, 42 x 54,5 cm, 3 Paralell-Aufnahmen aus dem „Kabinett der historischen Techniken”
2. Mariusz Kubielas, Gebadet, Gummi
-4-chromatschicht, „Kabinett der historischen Techniken”, 2011/14 (Im Rahmen).
2a. Mariusz Kubielas, Gebadet, Gummi
-4-chromatschicht, „Kabinett der historischen Techniken”, 2011/14 (ohne Rahmen)

***

Photo or Graphics? “Cabinet of Historic Techniques” by Mariusz Kubielas during the European Month of Photography in Berlin 2014

Schulz2aThe photography cycle „Bruno Schulz – Mariusz Kubielas – In Transitu“ is a result of an artistic experiment inspired by the literary and fine arts oeuvre of the Polish-Jewish artist of Drohobycz (previously Austria-Hungary and Poland, today located in Western Ukraine). Its result are scenes from the edge of performance and pantomime, recorded on the negative, which resemble the stopped frames of a silent movie.
That trans-media project also comprises fragments of Schultz’s poetry and metaphorical titles of the works. It aims at activating an international and beyond-generational discourse about a collective future, and the future of the multicultural and multi-confessional cultural heritage of Central-Eastern Europe.
The very special attraction of the show is the “Cabinet of Historic Techniques”, to which belong c. 20 versions of the unique photographs, which carry the hallmarks of inimitability as well as the artist’s style. Unlike many contemporary artists, Kubielas (1953) has managed to reconstruct numerous photographic methods from the turn of the 19th and 20th centuries, as well as their abbreviations. Using traditional manual techniques, he achieved not only a precise reflection of details of the reality or the sharp light-shadow effects but also the sophisticated mat of the picture’s surface up to its “impressionist” graininess.
The development of “Cabinet” was preceded by Kubielas’ study on the reconstruction of archival methods of creating photographs which he had started in 2004 at the Photography Professional School in Jelenia Góra and has continued up to today in cooperation with leading Polish experts, such as Cezary Chrzanowski, Roman Michalik, Janusz Sochacki and Rafał Warzecha. The initiator of these works was Andrzej Pytliński, patron of the informal Society of Historic Photographic Techniques.

“Cabinet of Historic Techniques” by Mariusz Kubielas is an open project: also continued after the end of the European Month of Photography it will be enriched by further variants of the same motifs in other techniques. In the nearest future it will be shown in Belgrade, Helsinki, Bratislava and Prague prepared by the artist in cooperation with the curator Dr. Lidia Głuchowska.

Curator: Dr. Lidia Głuchowska
Vernissage: Thursday, Oktober, 2nd, 2014, 7 pm.

4th of October until 14th of November 2014

Related publikation:

Lidia Głuchowska (ed.): Bruno Schulz – Klisza Werk – Transgresiones, Wrocław: Ośrodek Kultury i Sztuki we Wrocławiu, 2013.

Projekt in the framework of the European Month of Photography Berlin
http://www.mdf-berlin.de
and the Berlin Art- and Culture Festival „Kunstkreuz“: 10- 12. Oct. 2014
http://www.kulturring.org/kunstkreuz/

Prepared by the Culture and Art Office OKiS in Wrocław
Supported by the of the Województwo Lower Silesia
http://www.okis.pl/site/zapowiedzii/n/1/n/1/951/n.html

Fotogalerie Friedrichshain, Helsingforser Platz 1, 10243 Berlin
Opening times: Tuesday, Wednesday, Friday, Saturday 2-6pm, Thursday 10am-6pm
Tel.
(030) 296 16 84, Fax (030) 29 04 98 02
fotogalerie@kulturring.org • www.kulturring.org
S- and U-Station Warschauer Straße, Tram M10 and M13

Images
1.
Mariusz Kubielas, The Great Glazing – The Mother Was Still not Present Then, Though 2010/14, 42 x 54,5 cm, 3 Paralell-Photographs from the “Cabinet of Historic Techniques”
2.
Mariusz Kubielas, Bathed, gum 4-chromate technique, “Cabinet of Historic Techniques”, 2009/14 (in the frame)
2a. Mariusz Kubielas, Bathed,
gum 4-chromate technique, “Cabinet of Historic Techniques”, 2011/14 (without the frame)