Schutzengel – Teil 1

Sieglinde Hocheisel

Dieses Jahr war es schon bald Herbst, als wir uns auf den Weg zu unserem umbrischen Ferienhaus aufmachten.
Der Morgen verhieß eine endlose Sicht auf die Alpen und eine freie Autobahn. Voller Glücksgefühl trat ich das Gaspedal noch ein bisschen herunter und den mißbilligenden Blicken des Ehemanns widerstehend, raste ich Richtung Garmisch.

Mein Herz war an diesem Morgen weit offen. Ich fühlte mich wie in der Camelreklame, Freiheit und Abenteuer. Doch da schon leuchteten die ersten Rücklichter vor mir auf Stau. „Gerade war eine Abfahrt. Die hättest du nehmen können“, kam der Vorwurf von der Beifahrerseite. „Aber die war doch schon weit vor dem Stau. Das hätte ich doch nicht wissen können.“ „Die Straße um den See ist sowieso schöner. Du weißt genau, dass ich die gerne fahre, aber du fragst ja nicht, Hauptsache du kannst rasen. So, da siehst du. Stau.“
Fest entschlossen, mich von der Nervosität meines Mannes nicht beeinflussen zu lassen, stellte ich meine Ohren auf Durchzug und versuchte bei Stop and Go meinen nächtlichen Traum ins Gedächtnis zu fischen. Solange man sich gedanklich mit etwas beschäftigt, dachte ich, ist auch im Stau stehen keine herausgeschmissene Zeit.
Nach zwei Stunden hatten wir dann die fünf Kilometer bis nach Garmisch geschafft.
Es war bereits Mittag. Ich überschlug die noch vor uns liegende Fahrzeit bis Umbrien und kam auf acht Uhr bis zur Ankunft. „Das wird heute Mitternacht“, ertönte der nicht abstellbare Kommentator neben mir. „Wenn du nicht überholen kannst, laß mich fahren.“
Also gut, damit die liebe Seele Ruhe hat, fuhr ich rechts ran und wurde dabei von fünf Lastwagen, die ich schon bewältigt hatte, wieder überholt.

Als wir schließlich ankamen, hatte mein pessimistischer Ehemann leider recht gehabt.
Es war Mitternacht und im Stockdunklen näherten wir uns dem Haus auf dem umbrischen Hügel. Im Licht der Scheinwerfer schwirrten Insektenschwärme. Hier im Süden war es noch warm. Die letzte Strecke Berg- und Talfahrt durch die abgelegene Finsternis ließ uns wieder munterer werden. Die Müdigkeit wich der Spannung, was wir wohl vorfinden würden.
Man musste auf schlechte Überraschungen gefasst sein. Obwohl ich wußte, dass Gott über solche Angelegenheiten nur ärgerlich würde, betete ich still in mich hinein, dass der Strom nicht abgeschaltet sein möge und bitte auch die Wasserpumpe funktioniere.
„Sicher ist die Pumpe wieder kaputt. Dann gib’s kein Wasser“, kam ungefragt die Überlegung zu diesem Thema, während der Wagen die schmale Schotterstrasse zum Haus emporklomm.
Wucherndes trockenes Gestrunke scheuerte und kratze das neue Auto auf.

Dann waren wir da.
Der Wagen stand im hohen Gras, das mir beim Öffnen der Tür dornig entgegenschlug.
Im ersten Moment fühlte ich mich, als ob die Zeit plötzlich still stünde. Endlose Stunden anstrengenster Konzentriertheit auf dicht befahrenen Straßen wichen, wie beim Filmschnitt,diesem einsamen Ort mit seinen ureigenen Gesetzen. Das alte Natursteinhaus schien all die Monate unserer Abwesenheit sein Eigenleben zu führen. So wirkte es, während ich unter dem mondlosen Himmel im trockenen Gras stehend, von geheimnisvollen Lichtern angestrahlt wurde.
Waren es die Sterne, die sich mit bläulichem Schimmer verständigen? Hüter der fremden Nacht. Wie auch die Hunde, deren erregtes Geheul auf- und abschwoll.
Erleichterung und Lust mischen sich in mir. Wir waren wieder einmal gut angekommen und hatten nun zwei Wochen vor uns. Auf diesem wilden Berg können wir uns gehen lassen. „Jetzt nimm doch auch eine Tasche und lass mich nicht alles alleine tragen“, kam schon wieder die störende Stimme und brachte mich zurück in den Reisestress. „Erstmal ausladen. Hoffentlich ist Strom da. Herumstehen kannst du später.“
Also zerrte ich wütend an einer Tasche, die sich auf dem Rücksitz verklemmt hatte und hörte schon Emanuels schwere Schritte die Treppe hochstapfen und dann das Suchen des Schlüssellochs ohne Taschenlampe.
„Was ist denn jetzt los? Hör dir das mal an.“
Wie erstarrt standen wir vor der offenen Tür. Aus der Finsternis im Inneren summte es wie im Umspannwerk. Das ganze Haus vibrierte. Aus der offenen Tür aus dem Dunklen heraus stürzten große schwarze Insekten auf uns zu. Ich erschauderte und wich zurück. Was waren das für schreckliche Ungeziefer? Dieses ohrenbetäubende Gebrumme. Aus der Ferne heulten wieder die Hunde in die endlose Nacht. Und wieder direkt auf mich zu, floh panisch ein riesiges Insekt aus dem schwarzen Raum in das blässliche Sternenlicht.
Angsterfüllt standen wir da und es verschlug uns die Sprache. Was machen? Tür zu und zurück ins Auto? Nein, dazu würde es nicht kommen. Nicht mit Emanuel. Das war mir klar.
Dann wurde Emanuel wieder aktiv und drückte den berüchtigten Stromschalter nach unten. „Also Licht ist da. Guck mal, das sind Hornissen, Tausende.“ Ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen. Aber ja, das sah ich auch. Es schien wie ein Tierfilm im Fernsehen, aber leider in unserem Haus und wir beide plötzlich zwei Insektenforscher. Selbst die hatte ich noch nie ohne Spezialanzüge inmitten eines Hornissenschwarms gesehen. Wir beide jedoch standen fassungslos in unserer Küche umsummt von Tausenden großer roter Hornissen.
Wie bei allen Erlebnissen, wo Gefahr im Verzug war, schaltete mein Gehirn auf die Funktion jetzt ruhig bleiben. Sofort fiel mir ein Bericht über Hornissen ein, den ich unlängst meinem Neffen aus den Broschüren eines Naturschutzvereins vorgelesen hatte. Da stand, dass alle Menschen so große Angst vor Hornissen haben, weil sie im Irrglauben seien, dass drei Stiche dieser Tierchen schon ein Pferd töten können. Dabei sei das ein Ammenmärchen. Und im beflissenen Lehrton pädagogischer Aufklärung zeigte uns die Broschüre eine überraschend neue Wahrheit. Hornissen seien viel ungefährlicher als Bienen und wenn man sie nicht angreift auch völlig friedlich. Während mich normaler Weise solche Aufklärungswerke ziemlich kalt lassen, war ich bei dieser Darstellung hellwach geworden. Denn schließlich hatten wir in Italien schon öfter unfreiwilligen Kontakt mit diesen Tierchen gehabt. Schon das Summen einer, sich in einem Spinnennetz verfangenen einzelnen Hornisse versetzte uns in Todesangst. Zum ersten Mal glaubte ich sofort der neuen Wahrheit. Denn im Gegensatz zum menschlichen Verhalten, musste das Verhalten von Insekten doch eindeutig erforschbar sein. Ich hatte diese Tierchen also völlig falsch eingeschätzt. Voller Vorurteile und nur negativ.
Es war mir wichtig damals diese Broschüre mit nach Hause zu nehmen, um sie auch meinem Mann vorzulesen. Denn schließlich sollte auch er wissen, wie unbegründet unserer Hornissenangst war.
„Erinnerst du dich noch an diese Tierschutzbroschüre? Da stand doch, dass Hornissen ungefährlich sind. Sie stechen nur, wenn man sie angreift, “ erklärte ich in beschwichtigendem Tonfall. „Aber hier sind Tausende“, kam wieder der negative Kommentar, während um uns herum mit ohrenbetäubendem Gebrumme der gesamte Hornissenstock zur Begrüßung erschienen war. Ich für meinen Teil beschloss, trotzdem keine Vorurteile zu haben und stellte gelassen die Tasche in unser Schlafzimmer. Das Licht lockte mehr und mehr dieser bedrohlich aussehenden Rieseninsekten herbei. Sie knallten an die Fensterscheiben und kreisten in spiralförmigen Trauben um die Lampe. Das Licht flackerte und Schatten von Hornissenschwärmen huschten über die weiß getünchten Wände. Schon ziemlich absurd das Ganze, dachte ich. Doch, was kann man jetzt machen? Sie sind da. Falls es so etwas wie einen gesunden Menschenverstand gibt, müssten wir schnellstens das Weite suchen. Aber nein, ich hatte im Grunde keine Panik. In mir war eine seltsame Gewissheit, dass dieser Bericht aus der Tierschutzbroschüre der Wahrheit entsprach, denn ich stellte fest, dass die Hornissen uns nichts antaten.
Ja, es schien zu stimmen, keine stach uns. Sie waren uns gegenüber friedlich. So, wie es aussah, war ich hier zu Gast in einem Hornissennest.
Auch Emanuel schien der Erklärung aus der Broschüre zu vertrauen und schleppte gelassen eine Tasche nach der anderen ins Hornissenhaus. Überall, auf dem Boden auf Tischen und Regalen lagen ihre toten Artgenossen, die einen schmutzigen Anblick boten.

So konnte man allerdings nicht zu Bett gehen. Ein wenig fegen müsste man mindestens, dachte ich, holte Feger und Schaufel und fing an zu putzen, während um meine Ohren monotones Gesumm toste.
Ab und zu verfing sich eine in meinen Haaren. Ich schnippte sie weg. Auch Emanuel hatte sich entschlossen noch ein wenig zu putzen, und hantierte mit dem Besen umher. Vielleicht mochten sie seine schnellen Bewegungen oder seine Locken oder einen Mann, jedenfalls stießen sie an ihn mehr als an mich. „Das ist der Horror. Gerade habe ich mir eine aus dem Kragen geholt. Ein Wunder, dass sie mich nicht gestochen hat.“ Dabei strich er sich hastig durch die Haare. Um seinen Kopf schwirrte es kreiselförmig. Die Lampe war inzwischen nahezu verdunkelt, weil sich mehr und mehr ansammeln. „Ich halte das nicht mehr aus. Gerade war wieder eine in meinem Kragen. Selbst wenn ein Stich nicht tödlich ist, reicht es doch schon, wenn sie dich in den Hals oder ins Gesicht stechen.“ „Nein, da stand doch, dass die Stiche nicht mal so schlimm wie ein Wespenstich seien. Und außerdem stechen sie dich doch nicht“, entgegnete ich, denn ich hatte den Eindruck, er geriet in Panik und das wiederum machte die Hornissen nervös und würde unser ganzes Konzept zerstören.
„Je länger wir das Licht anhaben desto mehr werden es. Guck mal sie kommen alle aus dem dunklen Kaminzimmer unter der Tür durchgekrabbelt“, schrie Emanuel verzweifelt. „Das hat keinen Sinn. Wir müssen hier abhauen.“ „Jetzt verlier mal nicht gleich die Nerven“, wandte ich ein, obwohl mir das Ganze auch nicht mehr geheuer war. Doch allem Gesumme zum Trotz hatte ich keine richtige Angst und noch dazu war ich müde und hatte keine Lust mitten in der Nacht loszufahren und ein Hotel zu suchen. „Wir gehen jetzt ins Bett“, beschloss ich und hoffte er würde sich beruhigen, wenn ich nur auf ruhig machte. „Willst du dich hier etwa mitten in das Hornissennest legen und sie auf dir herumkrabbeln lassen?“ Emanuel begann wild vor der Tür herumzutrampeln. „Hier kommen sie weiter alle durch“, er zeigte fuchtelnd auf den Spalt zwischen Tür und Fußboden. „Die hier kann ich erlegen“, schrie er, einen wilden Trappeltanz aufführend, der eine Matschspur auf dem Boden hinterließ. „Wenn du willst, dass sie uns angreifen, mach schön so weiter“, befand ich verärgert. Sie lassen uns nur in Ruhe, wenn sie sich nicht bedroht fühlen.“ „Ich hole jetzt das Moskitonetz raus. Wenn wir das über unser Bett hängen, kann eigentlich nichts passieren.“ Ein dumpfer Aufprall auf meinem Kopf ließ mich erschaudern. In meinem Haar brummte ein monotoner Motor. Ich bückte mich, schüttelte kräftig, doch es brummte weiter und hatte sich offenbar verfangen. „Mach mir das raus“, schrie ich, „siehst du nicht, da hängt eine in meinen Haaren.“ Wütend schüttelte ich weiter meinen Kopf, bis Emanuel mit der Fliegenklatsche kam und das brummende Insekt herausstrich. Eine Mumie in einem Kokon aus Spinnennetz eingewickelt, lag vor meinen Füssen. Lustvoll trat auch ich zu, und genoss das leise Knacken. Um meinen Kopf herum schwirrten besessen dunkle Trauben. Ein monotoner Bass vibrierte die schwüle Luft, begleitet von einem manischen Schattenspiel an den Wänden.
Und gleich wieder brummte es in meinen Haaren.
„Mach das raus aus. Sie sind schon wieder in meinen Haaren“. Empört schüttelte ich wieder meinen Kopf und schnippte mit meinem Finger herum, bis eine zu Boden fiel. Doch schon prallte die Nächste an meine Stirn und auch aus meinen Haaren drang wieder bedrohliches Brummen. „Jetzt sind sie sauer, weil Du welche zertreten hast“, schrie ich gespielt wütend, denn im Grunde waren wir immer noch völlig unversehrt. Nicht einmal die, die wir aus den Haaren holten, stachen uns. Der Glaube an den Wahrheitsgehalt unserer Hornissenlektüre wirkte und in diesem Fall schien es mir kein Wunder, sondern einfach das Ergebnis unseres Verhaltens zu sein.
„Das ist doch der helle Wahnsinn. Das glaubt uns niemand. Und fast glaube ich es selbst nicht. Wie wir hier inmitten tausender Hornissen unser Haus putzen und keine sticht uns,“ stellte ich noch einmal mit einer gewissen Genugtuung fest.
Wenn ich mich nicht bewegte und das ganze für Außenstehende surreale Schauspiel einfach nur betrachtete, konnte mir nichts passieren. Soviel war ich mir schon längst gewiss und empfand inzwischen eine Sicherheit. Wären sie gefährlich, hätten sie uns doch schon gestochen, als wir uns bewegten. Falls es nicht doch eine Außenseiterin gibt, die sich daneben benimmt und uns angreift, waren wir in einem Zustand der Harmonie mit den tausend Hornissen um uns herum. Vermutlich glauben mir das nicht einmal die Insektenforscher, die diesen Aufklärungsartikel geschrieben haben. Diese Art der Begegnung mit den Hornissen, in die wir hier hineingeraten waren, war einfach unglaublich.
Auch Emanuel fingerte plötzlich seelenruhig das Moskitonetz aus seiner Hülle und ließ sich von nichts mehr beeindrucken. „Ich geh jetzt mit deinen netten Hornissen schlafen.“ „Na sieh mal einer an, wenn ich in Panik gerate, wirst du wohl ruhig“, kommentierte meine innere Stimme diesen Anblick von Ruhe und Gelassenheit.
Emanuel stand inmitten eines schwarzen surrenden Schwarms in unserem Schlafzimmer, hängte das Netz über unser Bett und fing an das Bettzeug aus dem Schrank zu holen.
Wie von seiner seltsamen Ignoranz angesteckt, überfiel auch mich wie auf Knopfdruck eine innere Gelassenheit, die auch vor der Hölle nicht zurückzuschrecken schien.
Als könnte uns keine Macht der Welt mehr daran hindern die Nacht mit den Hornissen zu verbringen, zogen wir uns aus und legten uns unter das Moskitonetz schlafen.
Ab und zu ein weicher Schlag an die gespannte Netzwand im Dunkeln dann umfing mich ein tiefer Schlaf, weit weg der Hornissenwelt.

Beim Aufwachen drangen ferne Traktorengeräusche in mein Ohr. Ich lag in einem lichtdurchfluteten Zimmer unter einem weißen Vorhang, wie eine Prinzessin auf dem Zauberberg. Neben mir die dunklen Locken eines männlichen Kopfes, der in süße Träume versunken schien. Das orangene Morgenlicht erfüllte den Raum mit göttlicher Ruhe.
Ich sah mich um, doch ein Alptraum überschattete meine freudigen Gefühle.
Ich war eingeschlossen in einen Turm mit riesigen bösartigen Insekten. Sie hatten sich in Schwärmen um mich herumgruppiert, Fenster und Türen verriegelt und summten ohrenbetäubend einen elektrisierenden Schall.
Mit Erschrecken dämmerte mir, dass dieser wunderbare Morgenfriede trügerisch und der Alptraum hingegen nächtliche Realität war.
Ängstlich schaute ich mich im Raum um, aber die Hornissen waren spurlos verschwunden. Nur auf dem Boden lagen noch ein paar ihrer toten Artgenossen, die Emanuel nachts wütend zertreten hatte. Jetzt im klaren Licht des Morgens schienen mir die nächtlichen Szenen absurd, wie in einem Roman Franz Kafkas. Am absurdesten waren wir. Was war denn da in uns gefahren. Diese Naivität, mit der wir dieser Broschüre glaubten. Das war doch sonst nicht unsere Sache. Aber wohl gerade deshalb war uns nichts passiert. Die Hornissen hatten unsere guten Absichten gespürt und irgendwie dadurch hatte sich ein geheimnisvoller Vorgang abgespielt.
Ich hob den weißen Schleier des Moskitonetzes, schlüpfte in meine Sandalen und unternahm einen ersten vorsichtigen Erkundungsgang durch unser Haus. Es war still. Kein Gesumme.
Das kühle Morgenlicht hatte den nächtlichen Spuk verscheucht. Wie war das möglich? Wohin waren sie alle verschwunden? Schliefen sie tagsüber?
Diese Fragen konnte auch Emanuel nicht beantworten. Denn schließlich war er auch kein Hornissenkenner.
Erleichtert atmeten wir die aromatisch duftende Sommerluft, und genossen mit jeder Pore die Befreiung von den Hornissen. Klar war uns aber, dass sie nachts wiederkehren würden.
Und so schön es im Nachhinein war, die Genugtuung und sogar den Stolz eine solche Situation auf diese Art gemeistert zu haben, zu genießen, so Furcht erregend ja geradezu Horror auslösend wirkte schon ein einziger Gedanke an eine Wiederholung. Nein, welche Geister sich in der letzten Nacht auch immer uns schützend zusammengetan hatten, sie würden es sich beim zweiten Mal schwer überlegen. Wir hatten jetzt den ganzen Tag zur Verfügung, um uns von dem Hornissennest zu befreien.
Aber was sollten wir tun? Emanuel, der in handwerkliche Hinsicht gern ein Allroundmacher war, hatte sofort eine Idee. Obwohl er im Reich der Tiere noch keine einschlägigen Erfahrungen gesammelt hatte, fühlte er sich nach dem guten Ausgang unseres nächtlichen Abenteuers inspiriert auch diese Angelegenheit selbst in die Hand zu nehmen.
„Ich werde sie heute Abend ausräuchern. Ich frage Giovanni, ob er mir dabei hilft“.
Der Bauer Giovanni war unser Nachbar, der schon einmal mit einem Besucher unseres Hauses ein Hornissennest ausgeräuchert hatte, als wir nicht da waren. Giovanni galt jetzt als Experte und war immer hilfsbereit. Mit ihm zusammen würden wir das hinkriegen.
Das schien auch mir plausibel. Der einzige Haken war, dass Giovanni kaum Zeit hatte.
Das Nest musste jedoch noch heute beseitigt werden, sonst wären wir gezwungen in ein Hotel umziehen.
Da wir sowieso unseren Nachbarn begrüßen wollten, beschlossen wir, uns gleich auf den Weg zu machen und ihn bei der Gelegenheit vorsichtig darauf anzusprechen.
Giovanni stand vor seinem Traktor, war gut gelaunt und freute sich, uns wiederzusehen.
Um nicht gleich mit der Tür ins Haus zu fallen, stimmten wir erst einmal einen kleinen Small Talk über die Ernte und über das Jagen an und kamen unserem Thema schon näher, bis auch Giovanni fragte, wie wir denn unser Haus vorgefunden haben. „Tutto a posto?“
„Ja im Großen und Ganzen schon. Nur leider haben wir wieder ein Hornissennest im Kamin“, rückte ich mit der Sprache heraus, ohne auch nur mit einem Wort unsere Wahnsinnsnacht zu erwähnen, denn er sollte nicht denken wir seien verrückt.
Und unser Hilfegesuch sollte auch möglichst harmlos klingen. „Du hast doch vor ein paar Jahren mal mit dem Peter so ein Nest abgefackelt. Wie macht man das denn?“ Wie ich Giovanni einschätzte, könnte sein leidenschaftliches Jagdfieber auch beim Ausräuchern der Hornissen Funken schlagen. Doch da hatte ich mich diesmal restlos getäuscht.
„Calabrone? Questi grandi rossi?“ „Si questi rossi” bestätigte ich mit möglichst
harmlosem Tonfall und merkte schon seine Angst. „Abbiamo cinque morti.“
„Was für Tote?“ Wollte ich erst einmal nüchtern nachfragen, denn diese angeblichen Toten gehören ja zur Hornissenhysterie. Darauf wollte ich nicht gleich hereinfallen.
Aber Giovanni gehörte nicht zu diesen Hysterikern. Eher zum Gegenteil. Wenn er sagte, dass fünf Leute an den Stichen von Calabrone gestorben seien, war es glaubhaft. Wir waren schockiert, ließen uns jedoch nichts anmerken. Er sollte ruhig glauben, wir seien nur ein paar dieser Tierchen begegnet. Von dem absurden Geschehen kein Wort. Bloß nicht.
Wer unter diesen Unständen eigenständig ein Hornissennest abfackeln wollte, galt jetzt in Giovannis Augen als lebensmüde oder dumm und beides war er nicht. Damals hatte er nicht gewusst, wie gefährlich diese Insekten waren und hatte einfach Glück gehabt, dass er mit heiler Haut davongekommen war.
„Jetzt müsst ihr sofort die Feuerwehr alarmieren, denn sie sind für die Entfernung von Hornissennestern zuständig.“ Das schien uns nun doch mehrere Nummern zu dramatisch, aber Giovanni rannte kurz entschlossen sofort zum Telefon, um diese Lebensgefahr schnell aus der Welt zu schaffen.
Ein riesiger Feuerwehrwagen zu unserem kleinen Haus auf dem Hügel? Trotz Giovannis Schreckensszenario mit den Toten war ich im Grunde immer noch ziemlich entspannt und eine Stimme in mir sagte; das ist ja wie mit Kanonen auf Spatzen schießen.
Aber es war schon abgemacht. Giovannis gradlinige Denkweise hatte kurzerhand die Feuerwehr alarmiert. Nun gab es keine andere Alternative mehr.
Auf dem Nachhauseweg in der brütenden Hitze, schien mir die Vorstellung von der Feuerwehr bedrohlicher als unser Hornissennest.

Fortsetzung morgen

Neujahr / Nowy rok

Ewa Maria Slaska

Eine Neujahrsgeschichte

Po polsku TU.

Vor zehn Jahren war ich zu Weihnachten und Silvester auf einer griechischen Insel. Fast allein. Das heißt, natürlich, die Griechen waren da, aber ich wohne in einem Haus für Schriftsteller und kannte Niemanden.

Bei einem Spaziergang gelang ich rein zufällig in ein Haus und in dem Haus in einen Saal aus dem ich die Leute gehört habe, die auf Deutsch sangen. Es war eine evangelische Gemeinde. Die Mitglieder waren meistens deutsche, englische oder holländische Ehefrauen. Die Ehemänner waren Griechen, griechisch-orthodox, die Ehefrauen evangelisch. Es gab einen Pastor, eine Frau Pastor und eine Aushilfepastorin. Gottesdienst zum Sonntag, Predigt zum Gottesdienst, Gott zum Predigt.

Sie haben mich zum Silvester eingeladen, ich habe es dankend angenommen.
Silvester in Griechenland ist kein grenzenloses Vergnügen, wie man es sich so leicht vorstellen möchte, wenn man bedenkt, dass die Griechen so gern tanzen. Sie tanzen zum Silvester gar nicht, sie spielen, um die Wette, um Geld zu gewinnen. Von kleinen Kindern bis zu senilen Omas im Schwarzkleid, alle spielen um das merkantile Glück für nächstes Jahr. Und sie essen Vasilopita, Kaiserkuchen.

Bei dem Pastor haben wir Mahjong gespielt und Vasilopita gab es auch. Es ist so ein Hefekuchen in dem ein Geldstück eingebacken wurde. Floris. Blümchen. Man teilt den Kuchen in so viel Teilen, wie viele Leute zum Party kommen, plus drei. Die drei Extras sind für Gott, für Jesus und für Maria. Wir waren dreizehn, ja, ja, dreizehn, der Kuchen wurde also in 16 Stücke aufgeteilt.

Der Pastor war der Kuchengeber. Er nahm die Teller nacheinander und legte ein Stück Vassilopita drauf. Den ersten Teller gab er mir. Nein, wehrte ich mich, der ist für Gott. Aber nein, der ist für dich. Wir sind doch keine Griechen. Ich nahm den Teller. Als schon alle ihre Teller bekommen haben, da blieben die drei Stück Kuchen auf der Kuchenplatte liegen. Die nehm´ ich für morgen für den Gottesdienst, sagte der Pastor und schob die Platte beiseite.

Wir prosteten uns zu mit einem Glas Wein und machten uns an die Vasilopita. Die Münze war in meinem Stück Kuchen, im ersten Biss. Alle waren neidisch. Ich war stolz. Es ist so selten, dass mir etwas Derartiges passiert. Vielleicht gar nie. Ich gewinne nie, ich bekomme keine unerwarteten Geschenke. Und diesmal bekam ich den Floris, den Glücksbringer, gleich in ersten Biss, in einem Stück Kuchen, das mir gar nicht zukommen sollte, sondern Gott.

Alle waren neidisch, alle dachten aber, dass es für mich so schön war, den Floris zu bekommen.

Es war gar nicht schön, aber ich brauchte Monate, um es zu verstehen. Materiell gesehen mit diesem Silvester begann das schlechteste Jahr meines Lebens. Mein Geld schwand und verschwand. Egal was ich tat, das Geld ging weg. Ich wurde betrogen und bestohlen, mir wurde das Geld nicht ausgezahlt, das ich verdient habe, mein Lohn wurde gekürzt, die Kürzung mit Prämie ersetzt, die Prämie eingestellt…
Ich nahm den Kuchen, der für Gott war, ich eignete mir dadurch die Münze, die Gott gehörte, und ich zahlte dafür sehr sehr bitter.

Der Pastor irrte sich. Wir sind Griechen. Wir sind alle Griechen. Es war nicht meine Schuld, der Gottesdiener hat mir den Gotteskuchen mit der Gottesmünze gegeben, und trotzdem musste ich dafür bezahlen. Ich brauchte weitere paar Jahre, um zu erkennen, dass ich daran doch die Schuld zu tragen habe. Ich wollte Gott seinen Kuchen nicht wegnehmen, aber ich nahm ihn. Ich weiß nicht, was ich anderes tun sollte, aber ich sollte mir etwas ausdenken. Ich nahm den Kuchen, den mir der Pastor anbot und die Gottesmünze brannte mir ein Riesenloch in meinem Geldbeutel. Objektive Tatsache, Und dies war meine Schuld.

Ich fuhr also nach Griechenland zum Ende des Jahres und zum Silvester klaute ich Gott die Glücksmünze. Ich dachte, der Klau ist die Krönung eines sehr guten Jahres. Es war ein gutes Jahr in meinem Leben. Ich habe eine neue Wohnung gefunden, eine schöne Wohnung. Eigentlich war es sogar besser, die schöne Wohnung hat mich gefunden. Ich habe einen wichtigen Preis bekommen, bei der Preisverleihung habe ich einen Mann kennen gelernt. So kam er in mein Leben, in meine neue, schöne Wohnung, ein Mann der das alles war, was ich in einem Mann immer suchte…

Der das alles war, nur nicht für mich. So einfach war es mit dem Glück. Die Liebe war nicht für mich und ich klaute Gott seine Glücksmünze.

Reblog: Wielka Wojna / Der Große Krieg

Ten wpis już tu był rok temu. Wracam do niego, bo taki mi się wydaje ważny i piękny zarazem. / Den Beitrag gab es hier schon – genau vor einem Jahr. Ich kehre zu ihm zurück. Er war sehr wichtig und sehr sehr schön.

Inge da Silva

choinka-okopyWeihnachten 1914. An der Front harren Millionen Soldaten in den verschlammten Schützengräben aus. Im Niemandsland zwischen den feindlichen Linien liegen die Leichen der Gefallenen, teils mit Schnee bedeckt. Am Himmel stand ein blasser Mond. Bleich. Als hätte er die Farbe angenommen der Toten, die unten, im Schlamm, im Stacheldraht, im Niemandsland lagen. Doch mit einem Mal gehen auf beiden Seiten hinter den Wällen Pappschilder hoch: “Frohe Weihnachten” steht da, und “Merry X-Mas”. Was folgt, könnte ein Weihnachtsmärchen sein, aber es hat sich mitten im Ersten Weltkrieg, wirklich so zugetragen. Nach fünf Monaten Krieg mit Hunderttausenden von Toten auf beiden Seiten bricht an der Westfront von der Nordsee bis zur Schweiz der Friede aus. “Um neun Uhr abends werden die Bäume angesteckt, und aus mehr als zweihundert Kehlen klingen die alten deutschen Weihnachtslieder”, hält ein Soldat fest. “Dann setzen wir die brennenden Bäume ganz langsam und sehr vorsichtig auf die Grabenböschung. “Weihnachten, das hatten
so viele Soldaten geglaubt, als sie im Sommer 1914 trunken vor Euphorie an die Front marschierten, Weihnachten sollte der Krieg zu Ende sein. Aber Weihnachten ging gar nichts mehr an der Westfront, die vom belgischen Nieuwpoort an der Nordsee bis zur Schweizer Grenze im Süden reichte und an der sich Deutsche auf der einen, Belgier, Franzosen und Briten auf der anderen Seite gegenüberlagen.
Ein Brite schreibt seiner Frau: “Stell dir vor: Während du zu Hause deinen Truthahn gegessen hast, plauderte ich da draußen mit den Männern, die ich ein paar Stunden vorher noch zu töten versucht hatte.” Ein anderer berichtet: “Auf beiden Seiten herrschte eine Stimmung, dass endlich Schluss sein möge. Wir litten doch alle gleichermaßen unter Läusen, Schlamm, Kälte, Ratten und Todesangst.”

“Niemals sah ich ein schöneres Bild des Friedens”

Es dauert nicht lange, und die Feinde machen sich Geschenke, singen Weihnachtslieder, spielen Fußball, veranstalten Radrennen und trinken belgisches Bier. Vor allem Sachsen, Bayern und Österreicher verstehen sich gut mit den Briten – besser als mit ihren oft so schneidigen Kameraden aus Preußen. Ein britischer Soldat steht plötzlich seinem deutschen Coiffeur aus London gegenüber, der das Gastland bei Kriegsausbruch verlassen musste. Er bekommt sofort einen neuen Schnitt. Nach fünf Monaten Krieg mit Hunderttausenden von Toten auf beiden Seiten bricht an der Westfront von der Nordsee bis zur Schweiz der Friede aus. “Um neun Uhr abends werden die Bäume angesteckt, und aus mehr als zweihundert Kehlen klingen die alten deutschen Weihnachtslieder”, hält ein Soldat fest. “Dann setzen wir die brennenden Bäume ganz langsam und sehr vorsichtig auf die Grabenböschung. “Es war wie im Stadion bei einem Fußballspiel.” Ein britischer Offizier scherzt, für den Neujahrstag sei schon ein neuer Waffenstillstand verabredet worden: “Denn die Deutschen wollen sehen, wie die Fotos geworden sind”. Als das Fest vorbei ist, feuern sich die Soldaten zunächst noch über die Köpfe, dann geht das große Schlachten weiter. Im Jahr darauf ist Weihnachten ein Tag wie jeder andere. Befehl von oben: Jeder, der mit dem Feind “Stille Nacht” singt, ist sofort zu erschießen.
Bekannt ist nur, dass diese Geschichte am 9. Januar 1915 in der britischen “North Mail” erschien. Sie ist eine von zahllosen Beschreibungen eines Ereignisses, das als “Weihnachtsfrieden” in die Geschichte eingegangen ist, als an zahlreichen Abschnitten der Westfront die Soldaten spontan die Waffen niederlegten, um gemeinsam, mitten im Krieg Weihnachten zu feiern. Belgier und Franzosen reichten Deutschen die Hände. Das passierte auch. Aber meistens waren es Briten und Deutsche, die sich freundschaftlich begegneten. Sie sangen “Stille Nacht, heilige Nacht” und “Silent night, holy night”. Sie zeigten sich Fotos von ihren Liebsten. In der Nähe des französischen Dorfes Fromelles feierten sie einen Gottesdienst. “Der Herr ist mein Hirte” sprachen sie, den 23. Psalm, in Deutsch und in Englisch.

Manchmal trafen sich alte Bekannte, der britische Restaurantgast zum Beispiel und der Deutsche, der vor dem Krieg in London als Kellner gearbeitet hat. Und es gab ein Fußballspiel zwischen Sachsen und Schotten, das nicht zuletzt deshalb ein besonderes Erlebnis war, wie ein deutscher Soldat nach Hause schrieb, weil die Männer jedes Mal in Gelächter ausbrachen, wenn ein Schotte zeigte, dass er keine Wäsche unter dem Rock trug.

Eine Episode von vielen, die sich vor allem an den Abschnitten zwischen Mesen und Nieuwkapelle abspielten. “Einen solchen Frieden von unten gab es noch nie in der Geschichte eines Krieges”, schreibt Michael Jürgs, der in seinem Buch “Der kleine Friede im Großen Krieg” das Weihnachtswunder von 1914 minutiös nachgezeichnet hat.

Die Geschichte von Frederick W. Heath wurde erst vor wenigen Monaten wieder entdeckt. 96 Jahre, nachdem sie in einer Zeitung stand. Sie ragt deshalb aus den vielen Augenzeugenberichten heraus, weil sie so viel erzählt von Gefühlen. Von Ängsten und Misstrauen und von der Sehnsucht, trotz allem, einander als Menschen zu begegnen.

Er träumte noch von zu Hause, als er an jenem Weihnachtsabend auf der feindlichen Seite plötzlich ein Licht aufflackern sah. “Ein Flackern in der Dunkelheit”, schrieb er. “Ein Licht an der feindlichen Linie zu dieser Zeit war so selten, dass ich es gleich meldete.” Doch noch während er die Nachricht weitergab, ging an der deutschen Linie ein Licht nach dem anderen an. Und dann hörte er eine Stimme, eine deutsche. Ganz nah schien sie ihm, so nah, dass er sein Gewehr schussbereit hielt. “English soldier”, rief sie, “English soldier, a merry Christmas, a merry Christmas!”

Medien berichteten über den Weihnachtsfrieden

Die Briten schwiegen. Kein Laut war zu hören, außer den Befehlen der Offiziere, still zu bleiben. Es war noch nicht lange her, da hatten deutsche Soldaten an der Westfront vorgetäuscht, sich zu ergeben. Doch als die Briten ebenfalls die Waffen senkten, kamen Deutsche aus dem Hinterhalt – und schossen. Die englische Zeitschrift “The Sphere” hatte darüber ausführlich berichtet. Wer wird an diesem Weihnachtsabend nicht daran gedacht haben?

Doch etwas anderes war größer als die Angst. “Überall an unserer Linie”, schrieb Heath, “hörte man Männer, die den Weihnachtsgruß des Feindes erwiderten. Wie konnten wir dem widerstehen, uns gegenseitig schöne Weihnachten zu wünschen?” Sie begannen, mit den Deutschen zu reden, nicht ohne die Gewehre fest in den Händen zu halten. In dieser Weihnachtsnacht, in der sie Lieder hörten aus den deutschen Schützengräben und das Pfeifen von Flöten, in der die Briten mit Lachen antworteten und Weihnachtslieder aus ihrer Heimat sangen.

Sie riefen Segenswünsche

In dieser Nacht fiel kein Schuss. In der Dämmerung, als der Himmel grau und rosa wurde, da sahen sie ihre Feinde. Unbekümmert bewegten sich die Deutschen außerhalb der Schützengräben. Heath bewunderte den Mut. Es wäre geradezu eine Einladung an die Briten gewesen, abzudrücken. Aber sie schossen nicht. Sie standen auf und riefen Segenswünsche herüber zu den Männern, mit denen sie wenige Stunden zuvor noch gekämpft hatten um Leben und Tod.

Ein Jahr danach passierte schon kein Wunder mehr.

Kolędy oder…

Maria Gast Ciechomska

 …polnische Weihnachtslieder    

Das Singen von Weihnachtslieder hat seine Quelle in der römischen Feier Calendae mensis januarius. Es handelte sich um die Feier am 1. Januar. Es war im alten Rom ein besonderer Tag, denn an diesem Tag haben Konsule ihren Amt übernommen. Irgendwann wurde dieser Tag ganz offiziell zum Jahresanfang erklärt. An diesem Feiertag haben Menschen in Rom einander besucht, gaben sich Geschenke und sangen Lieder. Das Christentum hat diesen Brauch übernommen, und zwar im Zusammenhang mit Weihnachten. So wurde die Weihnachtsgeschichte zum Thema dieser Lieder.

Zunächst hat man die Motive aus Evangelien benutzt, dann auch aus der volkstümlichen Frömmigkeit, Apokryphen und auch aus der Literatur des Mittelalters.

Nach der christlichen Tradition war der erste nachgewiesene Autor eines Weihnachtsliedes der heilige Franz von Assisi, der auch die Krippe erfunden haben sollte. Das berühmteste Weihnachtslied der Welt ist natürlich Stille Nacht, entstanden 1818 und bisher 300 Sprachen übersetzt.

Auf Polnisch heißt ein Weihnachtslied kolęda (etymologisch von Calendae). In der Liturgie der katholischen Kirche werden Weihnachtslieder von der Mitternachtsmesse am Heiligabend bis zum Tag der Taufe Christi (erster Sonntag nach dem 6. Januar) gesungen. In der polnischen Tradition werden die Weihnachtslieder jedoch bis zum 2. Februar (Mariä Lichtmess) gesungen. Das älteste überlieferte polnische Weihnachtslied ist Zdrów bądź królu anielski (Gegrüßet seist Du, Engelskönig) aus dem Jahre 1424.

Die Gattung wurde sehr populär im 17. und 18. Jahrhundert, in dieser Zeit sind die wichtigsten polnischen Weihnachtslieder entstanden. Bis heute wurden über 500 Weihnachtslieder überliefert.

Eine besondere Art des Weihnachtslieds ist pastorałka (die Pastorale). Es handelt sich um ein Lied, das zu Weihnachten gesungen wird, aber nicht in der Kirche, weil es einen eher weltlichen Charakter haben. Das Thema ist meistens die Geburtsgeschichte aus dem Blickwinkel der Hirten. Es entstehen natürlich auch moderne Weihnachtslieder.

Bóg się rodzi

Bóg się rodzi (Gott ist geboren) ist das wohl berühmteste polnische Weihnachtslied. Es ist fester Bestandteil der Mitternachtsmesse und gilt fast als nationale Weihnachtshymne. Einst wurde es sogar kurzzeitig als Nationalhymne in Erwägung gezogen. Der Text wurde 1792 von Franciszek Karpiński (1741-1825) verfasst. Die feierliche Melodie ist eine altbekannte Krönungspolonaise für polnische Könige, die sich bis zum 16. Jahrhundert zurückverfolgen lässt. Der Komponist ist jedoch vom Namen unbekannt.

Das Weihnachtslied wurde zum ersten Mal in der Basilika Mariae Himmelfahrt in Białystok öffentlich aufgeführt, wo Karpiński zwischen 1785 und 1818 lebte. An diese erste Aufführung erinnert heute eine Gedenktafel an der Kirchenmauer.

Dieses Lied wurde von verschiedenen berühmten polnischen Künstlern aufgenommen. Sie wurde auch von polnischen Gefangenen in Auschwitz gesungen. Ein Bericht des Häftlings Józef Jędrych beschreibt, wie “das Singen deutscher Weihnachtslieder begann und dann wie Wellen des Meeres die machtvollen Worte des polnischen Weihnachtsliedes kamen ‘Die Macht wird schwach, Gott wird geboren’.“

Bogsierodzi-Gottwirdgeboren

Der Text der Hymne (hier von Golec Orkiestra gesungen) zeichnet sich stilistisch dadurch, dass er starke sprachliche Gegensätze verwendet. Durch solche Redefiguren wird die Bedeutung des Wunders betont, das mit der Geburt von Jesus in einem Stall von Bethlehem stattfand. Papst Johannes Paul II bezog sich am 23. Dezember 1996 in der Vatikanischen Audienzhalle auf das Weihnachtslied “Bóg się rodzi”. Er zitierte die Worte und führte hierzu aus: “Der Dichter zeigt uns das Mysterium der Menschwerdung von Gottes Sohn, indem er Gegensätze benutzt, um das auszudrücken, was für das Mysterium wesentlich ist: Indem er die menschliche Gestalt einnahm, nahm der unendliche Gott gleichzeitig die Begrenzheit eines Geschöpfs an.”

Der Liedtext enthält auch ein Zitat aus dem Johannesevangelium (Johannes 1, 14). Darüber hinaus flocht Karpiński eine patriotische Aussage zu Beginn der fünften Strophe ein. Das Lied ist gar in die Popkultur übergegangen: Eine Instrumentalversion dieses Liedes hat das “Brave New World” Expansion Pack von Computerspiel Civilisation V.

Jacek Kaczmarski, Przemysław Gintrowski und Zbigniew Łapiński waren ein legendäres Trio, eine der wichtigsten Musikgruppe in Polen in den 80er und 90er, die den Kultstatus hatte. Die Band hatte keinen Namen, trug nur die Namen der Mitglieder.

Diese drei Songschreiber, Musiker und Sänger gelten bis heute als Barden von Solidarność, weil sie sich politisch eindeutig positioniert und für demokratische Veränderungen in Polen eingesetzt haben. Viele ihre Lieder hatten zum Thema die polnische Geschichte und auch die Weltgeschichte, dabei setzten sie sich oft mit der polnischen Traditionen sehr kritisch auseinander. Das Leitmotiv war immer, die polnischen Erfahrungen aus der Zeit der Solidarność in einer historischen Perspektive darzustellen, so dass der Hörer begreift, dass es sich hier um einen Prozess, nicht um ein isoliertes Ereignis handelt. Anfang 1981 entstand das Konzertalbum Muzeum. Die Lieder dieses Albums beschreiben ausgewählte Werke der polnischen und Welt Malerei, darunter auch das Bild Heiligabend in Sibirien, ein Werk von Jacek Malczewski (1854-1929).

In seinem Bild hat der Künstler diesen wohl am meisten familienorientierten polnischen Feiertag dargestellt. Es geht um Menschen, die als Verbannte in Sibirien von ihren Familien getrennt sind. Es ist ein Bild der Einsamkeit und des Leidens, symbolisch für Polnischen Kampf um Freiheit und Souveränität, der immer leidvoll bestraft wurde. Von den acht Verbannten scheint jeder anders zu reagieren, einer betet, der andere verbirgt sein Gesicht im Teller, der dritte schaut auf die Flamme der Kerze… Durch deutliche Anspielungen an die Darstellungen des Letzten Abendmahls ist die Atmosphäre ernst und feierlich, man spürt die Stille und Erwartung. Das Lied des Trios ist die eigene Interpretation des Bildes. Es werden darin originale Weihnachtslieder zitiert und einige polnische Sitten und Bräuche zum Heiligabend sowie typische Gerichte erwähnt.

Wigilianasyberii

Beata Rybotycka, Schauspielerin und Sängerin aus Kraków, singt ein Weihnachtslied in dem es um den Brauch geht, auf dem Tisch ein zusätzliches Gedeck und am Tisch ein zusätzlicher Stuhl stehen soll. Die gängige Erklärung ist, man denkt an arme und einsame Menschen oder an einen unerwarteten Gast. Es geht aber um viel mehr. Dieser Brauch ist viel älter als das Christentum. Denn dieses Abendessen ist eine gemeinsame Mahlzeit von Lebenden und von Verstorbenen, der leere Stuhl ist der Stuhl der Verstorbenen. Ich musste immer dabei denken an einen Zitat aus dem Dialog “Phaidon” von Plato: “Die Lebenden entstehen aus den Toten nicht weniger als die Toten aus den Lebenden”. Am Heiligabend handelt es sich um diese Verbindung, diese Kette von Verstorbenen und von Lebenden, die wiederhergestellt wird. Das Lied bedient sich dieses Motivs, ist in diesem Sinne immer aktuell und ansprechend, denn in jeder Familie fehlt jemand hin und wieder am Tisch. Es bringt aber auch die christlich geprägte Hoffnung zum Ausdruck, dass wir uns alle irgendwann wieder treffen, an einem Tisch, der noch reicher gedeckt ist.

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In diesem Blog findet man oft meine Familie. Auch hier, in diesem Beitrag, ist sie da. Das Weihnachtslied Gott wird geboren wurde vom Ur-Ur-Ur-Großonkel meiner Ur-Großmutter, Jadwiga Krynicka, geboren Karpińska, geschrieben. 🙂

Unten, nur für diejenige, die Polnisch kennen, noch zwei moderne, patriotische Versionen dieses Liedes, beide geschrieben in der Zeit des Kriegsrechtes in Polen dh. im Jahre 1981.

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Persische Gattin

hochzeit5Renata Borowczak-Nasseri publizierte bei uns ihre Geschichten aus dem Leben einer persischen Gattin. Sie sammelte sie jetzt zusammen, bearbeitete sie. Aus den Lebenserfahrungen wird Literatur. So ist eine Radiosendung entstanden. Sie wurde am 14. November gestrahlt.

Anna heiratet in Deutschland schlicht und standesamtlich Ahmed, einen Iraner. Dann fährt sie mit ihm in sein Geburtsland, um die Verwandten kennen zulernen. Sie wird als Ahmeds Ehefrau mit Respekt und Zuneigung behandelt. Doch auf einer Erkundungsreise durch den Iran muss Anna feststellen, dass ihre deutsche Heiratsurkunde nicht zählt.

Nicht einmal ein gemeinsames Hotelzimmer darf sie mit Ahmed beziehen, ohne die Rezeptionistin zu gefährden. Anna und Ahmed müssten nach hiesiger Sitte heiraten – vor einem Mullah. Aber dann könnte Anna ohne das Einverständnis ihres Mannes nicht mal das Land wieder verlassen. Obwohl Ahmed seit über 40 Jahren in Deutschland lebt, wird Anna bei diesem Gedanken mulmig zumute.

Und überhaupt: Wie lebt es sich eigentlich als persische Gattin? Anna lässt sich von den Frauen ihrer neuen Familie erzählen – besonders ihre Schwiegermutter, eine lebendige Dame von 84 Jahren, erweist sich als wahre Scheherezade.

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Liebe Leser(innen) – leider ist der Link zur Sendung nicht mehr aktuell. Schade.

Fiktive Fotografen / Fikcyjni fotograficy

Über das ungewöhnliche Buch von Karsten Hein
O niezwykłej książce Karstena Heina

dasviertealbumIch nahm teil an Entstehung dieses Buches und war vom Anfang an begeistert und zugleich berührt von der Intensivität der Geschichte.  / Brałam udział w tworzeniu tej książki. Od samego początku mnie niezwykle poruszyła, bo tak była intensywna.

wcafemelancholiaMłoda dziewczyna, Niemka, prosi mieszkającego w Berlinie fotografa, Polaka, by towarzyszył jej przez jakiś czas i fotografował ich wspólną wędrówkę. / Eine junge Frau, eine Deutsche, bittet einen Fotografen, einen Polen aus Berlin, dass er sie zeitlang begleitet und die gemeinsame Zeit fotografiert.

Dann verschwindet sie. Die Fotos bleiben bei ihm. / Po czym znika. Zdjęcia zostają u niego.

koniecDann stirbt der Fotograf, der fiktive Fotograf, und der Autor sichtet seinen Nachlass durch und findet das vierte Album. / Po czym fotograf, fikcyjny fotograf, umiera, autor książki przegląda jego spuściznę i znajduje czwarty album.

Es ist eine verschachtelte Gechichte vieler Rekonstruktionen. Die junge Frau rekonstruiert etwas, der Fotograf versucht zu verstehen, was sie beide tun und nach ihrem Verschwinden versucht er herauszufinden, was sie eigentlich suchte. Der Autor rekonstruiert diese Geschichte anhand der Bilder und Notizen des gestorbenen Fotografen, Kazimierz Henrykowski. Der Leser versucht zu entziffern, was sich hinter all diesen Rekonstruktionen versteckt…

To skomplikowana historia szufladkowa złożona z wielu warstw rekonstrukcji. Młoda kobieta próbuje coś odtworzyć. Co? Nie mówi swojemu towarzyszowi, ale widać też, że sama nie wie… że szuka. Po czym znika. Kazimierz Henrykowski, ów polski fotograf, próbuje odtworzyć sens ich wspólnych wędrówek, ale też sens tego, czego szukała jego towarzyszka. Autor konstruuje książkę, próbując z-re-konstruować sens tego spotkania z zapisków i zdjęć Henrykowskiego. I wreszcie ostatniej rekonstrukcji musi dokonać czytelnik…

onagdziesUngewöhnliches Buch von Karsten Hein. Ist gerade erschienen. Es reicht nicht, es zu lesen. Man muss es haben. Unbedingt!
Niezwykła książka. Właśnie się ukazała. Nie wystarczy ją przeczytać. Trzeba ją koniecznie mieć!

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Das vierte Album
Fotoroman

Karsten Hein, Kazimierz Henrykowski

ISBN: 978-3-99028-346-2
20 x 28 cm, 238 Seiten, zahlr. farb. Abb., Hardcover
€ 28,00

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Und noch zum Titel des heutigen Beitrags. 2011 gab es in Kraków eine Ausstellung unter dem Titel Alias über fiktive Fotografen; Karsten hat es jedoch zu spät erfahren, um sein Buch-Projekt dahin zu schicken. / Jeszcze informacja o tytule wpisu – była w Krakowie w roku 2011 wystawa pt. Alias o fikcyjnych fotografach; Karsten niestety przeczytał o niej za późno i nie zdążył tam zgłosić projektu swojej książki.

http://www.fotopolis.pl/n/12307/miesiac-fotografii-w-krakowie-2011-pierwsze-doniesienia/

Ballonaktion zum Mauerfall

oder eine LICHTGRENZE

Vom 7. bis zum 9. November 2014 ist das innerstädtische Berlin von der Bornholmer Straße über den Mauerpark und die Gedenkstätte Bernauer Straße, zum Reichstag, vorbei am Brandenburger Tor und Checkpoint Charlie bis zur East Side Gallery vorübergehend geteilt: 8.000 weiße, leuchtende Ballons markieren dann den ehemaligen Mauerverlauf. Die emotionale und visuelle Kraft dieser Lichtinstallation ruft auch die Brutalität der Mauer in Erinnerung. Die Installation basiert auf einer Idee von Christopher Bauder und Marc Bauder.

Die LICHTGRENZE ist ab Freitag (7.11.) mit Einbruch der Dunkelheit bis zum Sonntagabend (9.11.) rund um die Uhr erlebbar. Wir empfehlen Ihnen Spaziergänge entlang der LICHTGRENZE.

Die Open-Air-Ausstellung „100 Mauergeschichten“ gibt auf der gesamten Strecke faszinierende Einblicke in den Alltag der geteilten Stadt.

Der Museumsdienst Berlin offeriert spezielle einstündige Führungen auf Deutsch und Englisch, an denen man spontan
ohne Anmeldung teilnehmen kann. Tickets: 5 € (bis 14 Jahre freier Eintritt)
Termine: 7. Nov, stündlich von 18 bis 20 Uhr/ 8. Nov, stündlich von 12 bis 20 Uhr/ 9. Nov, stündlich von 12 bis 16 Uhr
Startpunkte und Ticketverkauf: Mauerpark, Checkpoint Charlie und East Side Gallery
Gruppen könnten im Voraus buchen. Kosten: 80 € (max. 25 Teilnehmer)

Zum Höhepunkt des Jubiläums lassen die Ballonpaten am 9. November ab 19:00 Uhr in einer spektakulären Gemeinschaftsaktion alle Ballons in den Himmel steigen.  Am Brandenburger Tor spielt die Staatskapelle Berlin unter der Leitung von Daniel Barenboim den Schluss-Satz der 9. Sinfonie von Beethoven mit der “Ode an die Freude”! ARD und rbb übertragen die Ballonaktion live im Fernsehen.

PS: Nur der Skeptiker fragt sich: was tun die Vögel bei dieser Aktion?                          

In Archiven und Museen (2)

Dorota Cygan

Marbach. Mal schnell in die Stadt und schon zurück im Archiv

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In diesem Turm wohnte kein Dichter, der wahnsinnig geworden ist (in welchem denn und wo dann?), die Leser dürfen ohne andächtiges Schweigen den Anblick genießen.

(Erklärung: die Autorin meinte den Dichter Friedrich Hörderlin, geb. 1770, gest. 1843, der wahnsinnig geworden ist und 35 Jahre in einem Turm in Tübingen verbrachte.)

Und drunter: Vielleicht klärt mich jemand auf, ob es der schwäbische Pragmatismus ist, Mauern in die Häuser zu integrieren – oder vielleicht eine weit verbreitete historische Baupraxis?

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Und schon wieder im Literaturarchiv.

Ich nehme an, dass diese Plastik darunter jedem sehr nahe steht, der schon mal mehrere Stunden und Tage hintereinander hier las und glaubte, die Augen würden ihm bald herausfallen. Dabei war es nur die Brille, die sich auf einmal verselbständigte und tanzte.

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Wahrscheinlich lag dem ein demokratisches Prinzip zugrunde: Jeder Mitarbeiter des Archivs sollte gleich viel Licht in seinem Büro haben und ins Grüne hinaus gucken. Wir Benutzer haben freilich immer das Gefühl, ALLE sehen uns, wenn wir wieder einmal zu spät ins Archiv kommen.

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LiMo – Literaturmuseum der Moderne im geheimnisvollen Nachtgewand. Würde man es jetzt indiskret lüpfen, wäre man Zeuge der höchst privaten, epochenübergreifenden Kontakte zwischen Schriftstellern, Kritikern, Objekten und allerlei „Ismen“. Das nenne ich eine Party!

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Oben und unten. Exklusive Fotos nur für Euch: Lesesaal von außen – das Fotoverbot (von innen) wird selbstverständlich eingehalten. Leser erzählen sich Anekdoten, wer alles schon beinahe eingeschlossen worden ist, weil er sich zwischen den Buchregalen festgelesen hatte und im letzten Augenblick bemerkt worden ist.

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marbachsordek3So nüchtern wie dieser Eingang wirkt auch der Handschriftenbereich (Tiefgeschoss). Damit ist sichergestellt, dass die Schönheit des Raumes (also die Form) nicht die Schönheit der Archivalien (also den Inhalt) überdeckt.

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Sancta sanctorum – Handschriftenlesesaal
Ich weiß selber nicht, warum ich mich in dem Fall der Wahrheit verpflichtet fühle und Euch das echte Foto vom Handschriftenlesesaal zeige. Ich könnte doch viel besser fabulieren: Den Handschriftenlesesaal erfüllt der Schein alter Möbel und alter Gegenstände, durch alte Fenster schimmert in der Sonne der alte Staub und die alten Archivare gehen am Stock und können sich noch detailliert an ihr letztes Gespräch mit Thomas Mann, nein, mit Franz Kafka erinnern… Nö. Warum sollt Ihr eigentlich die Sache weniger nüchtern sehen als ich? Das wäre ungerecht.

skarpetkischilleraUnd dort. Ja! Zum Beispiel Schillers Socken!
In der Kunstbibliothek in Berlin darf man viele alte Bücher nur mit weißen Handschuhen anfassen. In Schwaben gönnt man das eigentlich nur Schillers Socken. Gut so. Allerdings wäre der Anblick interessant: Benutzer tippen in weißen Handschuhen Briefe und Handschriften ab. Tradition und Modernität. Soll ich das vielleicht anregen?

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Hier wohnen wir alle – Schnüffler, Buchfetischisten und manische Literaturdeuter. Eingeschlossen in den Mönchszellen. Ihre schlichte, aber interessante Innenarchitektur folgt dem demokratischen Prinzip – auch übrigens die Platzierung der Gäste. Ich durfte vier Wochen lang meinen Lärm einem hochverdienten älteren Professor zumuten.

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Lemberger oder Trollinger – wenn es der Wein von hier sein sollte. Die Marbacher selbst trinken eher den edlen Italiener oder reden sich aus.

Prost!