Heute jährt er sich zum 60. Mal. Stalins Tod. Ich schrieb den Text vor vielen Jahren auf Deutsch. Jetzt entstand auch eine polnische Version: STALIN-PL
Ewa Maria Slaska
STALIN
Als Stalin starb, mussten die Kinder im Kindergarten eine Minute lang still stehen. Und das war`s. Ein großer Umbruch in der Nachkriegsgeschichte Europas – von unten gesehen.
Jahre später erzählte mir meine Freundin, dass sie diesen historischen Moment ganz bewusst genießen konnte, weil ihre Großmutter alle Kinder aus der Nachbarschaft um sich versammelt hatte und getrocknete Aprikosen verteilte. Die getrockneten Aprikosen waren in den 50er Jahren eine Rarität und ich stelle mir immer vor, ich hätte Stalins Tod womöglich auch anders empfunden, wenn er mir mit ausgesuchten Delikatessen verherrlicht worden wäre.
Für Herrn Z., den Familienschuster … bah … da muss doch zuerst von dem Schuster Z. erzählt werden, bevor man wieder zu Stalins Tod kommen kann, weil er, der Schuster selbstverständlich und nicht Stalin, eine ganz besondere Persönlichkeit gewesen ist.
Herr Z. war dick, groß, kräftig, wahrhaftig ein Bär, mit überwältigender Baritonstimme. Er beschäftigte sich tagsüber mit prosaischen Schuhreparaturen, wobei er von Haus zu Haus mit seiner Leiste wanderte, abends aber sang er im Chor der Danziger Philharmonie.
Herr Z. war derjenige, der mich mit einem idealistischen Image eines noblen Handwerkers geprägt hatte. Er passte übrigens vollkommen zu meinem allgemeinen Weltbild, ich wusste ja nicht, dass es eine teilweise unüberbrückbare Kluft zwischen der Kunst und der Arbeit und der Wissenschaft besteht. Ich dachte mir, jeder sei fähig, alles zu tun. So war mein Vater ein Schlosser und ein Schiffbauingenieur, Onkel Jan ein Beamter und begabter Schnitzer, Tante Karolina eine Naturwissenschaftlerin und leidenschaftliche Gärtnerin, sogar meine Mama – Künstlerin bis in die Knochenmark – arbeitete sehr hart an ihren Holzschnitten und musste ganz unbescheidene handwerkliche Talente aufweisen. Das Handwerkliche, das Intellektuelle und das Künstlerische bildeten für mich eine untrennbare Einheit, und Herr Z., der singende Schuster, passte sehr gut zu dieser Vorstellung.
1953 in Gdańsk.
In der Philharmonie übte man gerade die “Neunte” von Ludwig van Beethoven und es entstand unter den Musikern eine schöne Gewohnheit, sich mit den Anfangszeilen des berühmten Finale zu begrüßen.
März.
Vielleicht der 5. März (der große Vater der Nationen starb nämlich am 5. März), aber es ist fraglich, ob der Tod des Josef Vissarjonovitsch der Trauergemeinde der sozialistischen Staaten sofort bekannt gemacht wurde. Es musste paar Tage später sein, garantiert aber noch im März.
Ich stehe eine Minute still in meinem Kindergarten in Wrzeszcz.
Herr Z. steigt in die Straßenbahn. Ein Kollege aus dem Chor steht schon auf der hinteren Plattform. “Freude, schöner Götterfunken!” – schallt die donnernde Stimme des Herrn Z. – “Tochter aus Elysium”. “Wir betreten feuertrunken…” – sollte der Kollege antworten, er kommt aber nicht dazu.
Ein Herr in einem weißen Trenchcoat stellt sich vor Herrn Z., zieht den Kragen seines Mantels schnell hoch und sofort nach unten zurück (man weiß schon, was es zu bedeuten hat). “Und weshalb freuen Sie sich SO?” – fragt der Mann.
So, in einer Untersuchungshaft der polnischen Staatssicherheit hat Herr Z. erfahren, dass Stalin gestorben ist.
Und ich bekam meine schön geflickten Frühlingsschuhe zwei Wochen später als erwartet.
“Wir haben uns Sorgen gemacht” – grüßte Mama Herrn Z., als er sich endlich wieder blicken ließ. “Ach ja” – erwiderte Herr Z. fröhlich – “bei den Sowjets hätte es mich 15 Jahre gekostet und hier nur die dummen 15 Tage. Es ist so schön, dass wir in Polen sind.”
So kam ich der Geschichte entgegen. Mit Schiller und Beethoven, freundlich und fröhlich. Freude schöner Götterfunke, wie schön, dass wir in Polen sind!










