Monika Wrzosek-Müller
In letzter Zeit habe ich viele Filme gesehen, die mir wie nationale Epen, Erzählungen über unsere Vergangenheit erscheinen. Zum einen „Lalka“ [Die Puppe] in zweimaliger Ausführung, einmal bei Netflix und gleichzeitig als Kinofilm, der ganz anders ausfällt und eine separate Produktion ist. Zum andern der deutsche Film „Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte“, eine Verfilmung des gleichnamigen Romans von Jenny Erpenbeck, gedreht nach dem Drehbuch von Volker Schlöndorff, an dem die Romanautorin aktiv mitgewirkt hat.
Was den beiden Kinofilmen gemeinsam ist, fällt sofort auf: Beide Romane, also die Vorlagen für die Filme, sind in Polen bzw. in Deutschland Schullektüre für die höheren Jahrgänge im Gymnasium und somit repräsentieren sie einen Teil der nationalen Identitätsbildung, prägen Generationen. Ich kann mich noch lebhaft daran erinnern, wie ich in Berlin vergeblich einem jungen Syrer den verwinkelten Roman von Jenny Erpenbeck zu erklären versuchte. Ihm fehlten alle Informationen über die Ereignisse kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, während und nach dem Krieg in Europa, geschweige denn über Deutschland und dessen Teilung. Lediglich von der Wiedervereinigung hatte er gehört, wusste aber eigentlich nicht, was da vereinigt und warum vorher geteilt worden war. Diese Tatsache steigerte, so denke ich, das enorme Interesse an den Filmen – in Polen für „Lalka“ und in Deutschland für „Heimsuchung“.
In Polen wird schon länger heftig über die beiden „Lalka“-Verfilmungen diskutiert; es gibt verbissene Anhänger der Netflix Produktion, die sich eigentlich sehr weit vom Original, dem Roman von Boleslaw Prus, entfernt und die schon von Ewa hier sehr treffend beschrieben worden ist. Die Zuschauer beider Produktionen in Polen haben sich inzwischen wirklich in zwei Lager gespalten. Die einen bringen Argumente für die notwendige Nähe zum Buch, für die sprachlichen Qualitäten, für die wunderbaren, allseits bekannten Schauspieler, die anderen plädieren dagegen für die mehr in die Zukunft ausgerichtete „Lalka“ bei Netflix. Viele, mit denen ich gesprochen habe, waren beeindruckt von den wunderschönen Aufnahmen von Warschau, im Umkreis des Palais Staszic, von den schönen Interieurs, den Details der Inneneinrichtung, nicht nur in Wokulskis Geschäft, sondern auch in den vielen kleineren Palais, von den Kostümen besonders der Lalka, also Isabela Łęckas, aber auch der Gräfin Wąsowska und dem gutaussehenden Marcin Dorociński als Wokulski. Es ist ein Historienfilm, der fast drei Stunden dauert, von Maciej Kawalski mit bekannten polnischen Schauspielern wie Krystyna Janda, Maja Komorowska, Agata Kulesza, Marek Kondrat, Andrzej Seweryn gedreht. Natürlich gibt es auch die jüngere Schauspielergeneration, die ich nicht so gut kenne. Mir ist besonders Marek Kondrat als Rzecki aufgefallen, und sein meisterhaftes Spiel; doch eigentlich wurde jede Rolle in dem Film mit größter Hingabe und Engagement gespielt.
Ich erinnere mich, wie meine Oma mir den Roman gab und ihn zu lesen empfahl, ich erinnere mich an „Lalka“, gespielt von der wunderschönen, aber etwas steifen Beata Tyszkiewicz; irgendwie, denke ich, hat in Polen jede Generation ihre Vorstellung von „Lalka“ und deren filmischer Version. Obwohl Boleslaw Prus die späten Jahre des 19 Jahrhunderts beschreibt, ist der Text eigentlich universell. Die Frage nach der Liebe, nach einer absoluten, romantischen Liebe, aber auch nach deren Verstrickung in finanzielle Abhängigkeiten, besonders diejenige der Frauen – das spielt auch in unserer Zeit eine wichtige Rolle. Der Blick des Films auf die untergehende Klasse der Aristokratie ist durchaus gelungen. Der liebevolle und zugleich sehr egoistische Vater, von Andrzej Seweryn gespielt, zeigt den Zustand des inneren Zerfalls der alten Eliten und deren doppelter Moral zutreffend. Etwas weniger glaubhaft wirkt die Hinwendung zum Fortschritt, zur Entwicklung der Wissenschaft, zum Glauben an die neuen Errungenschaften der Ingenieurtechnik, obwohl die Szenen im Balon über Paris durchaus ihren Reiz haben. Vielleicht gibt es zu viel Romantik und Melancholie in dem Film, vielleicht ist die Aufmachung mit dem gepuderten Schnee auf der Krakauer Vorstadt-Straße etwas zu auffällig, doch das wird durch wunderbares Spiel und Bühnenbild ausgeglichen. Wir bekommen eine Postkarte aus dem lebendigen, prosperierenden Warschau um 1890, die plötzlich lebendig wird: Kutschen fahren herum, die Leute gehen langsam, bedächtig spazieren. Es gibt wenig Armut – und wenn doch, der Hauptheld hilft, wo er nur kann. Und dann gibt es noch die Szene, in der Wokulski mit der Fürstin von Zaslawie spazieren gehen und zusammen beschließen, dass auf einem Stein in den Ruinen die Worte des polnischsten Dichters eingemeißelt werden sollen: „An jedem Ort und zu jeder Stunde, wo ich mit dir geweint und gelacht habe, werde ich immer und überall an deiner Seite sein, denn überall da habe ich ein Stück meiner Seele zurückgelassen.“
Das klingt, wenn ich mir meine Beschreibung des Films jetzt durchlese, nach ziemlichem Kitsch; wahrscheinlich ist es das, aber wir brauchen ihn als Stütze, als Bezugspunkt für unsere zerstreuten Schicksale und Lebensgeschichten und es tat auch mir gut, diese Version von „Lalka“ anzuschauen.
Nun zum Film „Heimsuchung“: eine deutsch-französische Produktion, die Regie führt der in Romanverfilmungen geübte Regisseur Volker Schlöndorff. In den Hauptrollen bekannte Schauspieler: Martina Gedeck, Lars Eidinger, David Bennent, Angela Winkler, Ulrich Matthes. Eine Entdeckung für mich war die in ihrer Rolle brillierende, grandiose Susanne Wolff, weniger begeistert hat mich der allseits präsente Lars Eidinger, der sich auf Wiederlinge im deutschen Kino spezialisiert hat und mich persönlich nervt. Eine am Rande sehr gut funktionierende Gestalt, die des nicht alternden Gärtners, gespielt von Wigand Wittig, bleibt in der wechselvollen Geschichte des Hauses und am Anfang des Grundstücks die einzige wiederkehrenden Gestalt. Eigentlich wird hier ein Objekt, also ein Haus zum zentralen Helden des Films. Mir drängte sich sofort der Vergleich zum gehypten Film von Mascha Schilinski „In die Sonne schauen“ auf, der mir gefallen hat, in dem auch die Atmosphäre, das Gefühl dafür, wie es einmal gewesen ist, vermittelt wird. Doch beide Filme gehen ihre eigenen Wege und sind im Detail nicht zu vergleichen.
Jenny Erpenbeck erhielt für ihren Roman als erste deutsche Schriftstellerin den Booker Prize für den besten ausländischen Roman; dann wurde das Buch auch zur Pflichtlektüre für die Schüler der Gymnasien und nun kommt auch die aufwendige und schöne Verfilmung. Da prägt sich die Geschichte schon ein und sie wird für mich in Film etwas chronologischer und nachvollziehbarer erzählt als im Roman. Auch durch das Zitat aus “Woyzek”: Derweil der Tag lang und die Welt alt ist, können viele Menschen an einem Platz stehen, einer nach dem anderen. Im Film stehen am Ende alle Figuren nebeneinander auf dem Grundstück vor dem See und die Stimme aus dem Off formuliert diesen Gedanken, der im Buch als Motto fungiert. Es handelt sich um die Idee der Vergänglichkeit, den Hauptgedanken des Buches, die im Film sichtbarer und leichter erkennbar wird. Und tatsächlich trägt das Haus und am Anfang das Grundstück fast 100 Jahre deutsche Geschichte. Von der Weimarer Republik, über die NS-Zeit, den Krieg, die Nachkriegszeit, die Teilung Deutschlands und dann die DDR bis zur Wiedervereinigung; alles wird manchmal nur symbolisch angedeutet, aber doch sichtbar gemacht.
Gedreht wurde an Originalschauplätzen, ich meine denen aus dem Buch, d.h. für das Haus wurde das Sommerhaus von Einstein in Caputh gewählt, der See ist der Scharmützelsee. Es gibt sehr stimmungsvolle und doch zum Nachdenken zwingende Bilder. Die Frau des Architekten, der in der NS-Zeit eine Karriere bei Hitlers Stararchitekten Speer angestrebt hat, schwimmt irgendwann sehr weit in See hinaus…will sie schon da weg? Auch die Szene ihrer Vergewaltigung durch den russischen Soldaten wendet sich im Film in wollüstige Erotik – in der besonderen Szene, in der Angst, Zermürbung, Wollust und Verlust der Kontrolle meisterhaft gespielt werden. Die spätere Gegenüberstellung der strammen DDR-Genossin, Schriftstellerin, die wiederum von Martina Gedeck sehr überzeugend gespielt wird, mit dem Architekten, zwei Gegenpole, die aber ähnlich agieren und sich der Privilegien ihrer Zeit genauso bedienen.
Eine für mich gelungene Erzählung, für uns in Berlin sehr nachvollziehbar, für die jüngere Generationen zu empfehlen. Beide Filme transportieren Bilder, die wir irgendwo tief in unserem Innern auch schon parat haben.
