Die kleine große Welt (7)

Monika Wrzosek-Müller

„Durch einen seltsamen Zufall – denn letztendlich liegt allem immer eine zufällige Begegnung zugrunde – durch eine merkwürdige Fügung wurde Albert mein Schicksal und ich seins.“

Tim Parks: Träume von Flüssen und Meeren, Kunstmann Verlag, München 2009, S. 449

Castiglione della Pescaia

Der Weg dahin war erst einmal eine Entscheidung; sie mussten eine Ferienwohnung suchen. Das taten sie bei der agenzia immobiliare „Casa Rossa“ und fanden fast immer etwas. Warum die meisten Wohnungen ausgesprochen hässlich waren, so dass man keine richtigen Lampen zum Lesen hatte und in der Küche auf einem Stuhl hockten musste, unbequem, beengt, mit Ausblick auf das nächste noch hässlichere Haus, selten mit einem Balkon versehen, vermag ich nicht zu beantworten. Vielleicht lag das an unseren finanziellen Mitteln, oder daran, dass die meisten Leute keinen so großen Wert darauf legten. Schließlich konnte man sich in der Mitte der schönsten Landschaft, in der Toskana, die Hässlichkeit der Unterkunft erlauben, man blieb sowieso sehr selten drin. Castiglione mit dem schönen Hafen und dem Fischmarkt, einem Castello, einer Pineta, dem ausgedehntem Pinienwald beiderseits des Orts, im Süden in Maremma übergehend, entschädigte für vieles.

Der Weg dahin ging durch die schönste Landschaft der Welt, wenn man es nicht eilig hatte und durch die Hügel des Chianti an Greve und den kleinen Ortschaften vorbei fuhr, nicht auf der super strada nach Siena. Die Anhöhen, meistens mit einem großen alten Haus darauf und einer Allee von Zypressen, die nach oben führte, reihten sich einer an den anderen. Manchmal waren die Zypressenreihen durch Pinien unterbrochen, das war eigentlich noch reizvoller, noch symmetrischer. Ein Strich horizontal, ein Strich vertikal, manchmal warfen sie auch bizarre Schatten auf die Erde, die mit der untergehenden Sonne länger wurden. Das Wunderbare an dieser Landschaft war die Verbindung des jahrhundertealten menschlichen Bemühens und der Natur, die mitspielte. Sie liebte diese sanften Hügel, die weiten Felder und Weinberge, die Olivenhaine, die vielen Schattierungen von Grün bis Silbergrau, die am Ende des Sommers zu Gelb, Braun, Rostfarben wurden; dazu im Frühling den Geruch von brennenden Olivenzweigen und die großen Wiesen voll von Anemonen, Mohnblumen, kleinen Krokussen und Schwertlilien, die die Wege säumten und sich zwischen den Steinen ihren Weg bahnten. Das alles war wie von Zauberhand gemalt oder gemeißelt. Die Häuser und jeglicher Art Gebäude waren nie perfekt restauriert, immer mit gewissem Gespür für das Alte und Heruntergekommene oder gar melancholisch Verfallende, aber immer malerisch und mit der Landschaft im Einklang. Sie fühlte sich hier geborgen, sicher, glücklich. Sie mochte auch die Menschen, ihre Direktheit, ihre Freundlichkeit; hier war sie keine Fremde, sie gehörte dazu. Die Menschen ließen einen an ihrem Leben, ihren kleinen Problemen teilhaben. Sie waren offen, freundlich, hilfsbereit aber keinesfalls aufdringlich.

Hinter Siena änderte sich die Landschaft; die Natur wurde wilder, es gab mehr Wälder: Eichenwälder auch mit Korkeichen, weniger menschlichen Einfluss, obwohl die Erde hier und da eine wunderbar rote Farbe hatte und sehr fruchtbar aussah. Es gab auch Reisfelder mit ihrem frischen Grün und doch ab und zu Weinberge aber viel weniger Ortschaften und Bebauung. Die Ebene am Fluss, Richtung Meer war von Kanälen durchschnitten, mit Schilf und Gemüseanbau, grün und sehr zugewachsen, man kam an dem Roten Haus vorbei und sah dann vom weiten den Felsen mit dem Castello in Castiglione. Man war angekommen.

Am Strand trafen sie jedes Jahr dieselben Menschen wieder; die meisten kamen aus Siena und mussten irgendwann zum Palio und vorher üben, auf ungesattelten Pferden zu reiten, historische Kostüme zu nähen, und die Fahnen ihrer Contrada zu schwenken, und wenn sie nichts dergleichen taten, dann kümmerten sie sich ums Essen oder um die Pferde; überhaupt war dieses Fest erstaunlich präsent in den Köpfen der Menschen, man sprach Wochen vorher darüber und ereiferte sich über die Details; es war kein Event für die Touristen, sondern man spürte die emotionale Zugehörigkeit zu einzelnen Contraden und wie die Animositäten und Gegensätze mit dem sich nähernden Fest zunahmen. Ich musste immer wieder an das Buch von Carlo Fruttero und Franco Lucentini denken „Il palio delle contrade morte“ [„Der Palio der toten Reiter“]. Sie beschrieben in einem wunderbaren Krimi, wie sich die Stadt für und dann durch das Fest veränderte und welche Emotionen der Palio bei den Menschen weckte.

Jedes Jahr trafen sie am Strand dieselben Leute: Alessandro mit seinen Großeltern, Bernardo mit seiner Mutter und Mateo mit der Großmutter, es war wie in dem italienischen Lied aus den 60er Jahren „ogni anno, stessa spiaggia, stesso mare“ [jedes Jahr, derselbe Strand, dasselbe Meer], unter demselben Schirm, immer im demselben Zeitraum und im selben Quartier. Man begrüßte sich erfreut und herzlich aber nicht verwundert, als sei es die natürlichste Sache der Welt, von Mitte Juli bis Mitte August seine Zeit in Castiglione zu verbringen. Die einen hatten große Villen, die anderen wohnten wie sie in einem Appartement, wieder andere bevorzugten Hotels oder Pensionen. Auch musste man sich entscheiden, auf welchem Abschnitt des Strandes man sich niederließ; auf ausgedehnte private, teure Bagni (mit Sonnenschirmen und Liegen bestückte Strandabschnitte) folgten enge, voll belegte öffentliche Strandplätze, aber da konnte man sich ausbreiten wie man wollte, war nicht von der Liege des Nachbarn belästigt.

Etwas abseits von Castiglione, hinter einer Absperrung und einem Schlagbaum lag inmitten von einer Pineta ein Villenviertel genannt Roccamare mit eher modernen aber architektonisch anspruchsvollen Häusern und separatem Zugang zum Privatstrand. Da wohnte im Sommer Sylvia mit ihrem Sohn; sie hatte mich immer wieder in das Haus eingeladen; es waren oft mehrere Leute da, auch die Nachbarn, es war lebendig, fröhlich und interessant. Oft erzählten die Leute, wer denn hier alles nicht wohnen würde; das berühmte Paar, die Autoren von den vielen Krimis auch dem über dem Palio: Fruttero und Lucentini waren eben auch darunter. Manchmal konnte man ihre Silhouetten im Garten umhergehen sehen, oder wenn es im Sylvias Haus still war, hörte man sie sprechen. Die beiden sprachen sehr schönes Italienisch, es erinnerte mich an das Italienisch von meinem Freund aus Turin, der damals so wie wir in Florenz, in Settigniano, lebte und an der Universität von Florenz lehrte. Manchmal konnte man sie auch am Hafen, am Abend in Castiglione sehen. Sie waren in ihre Gespräche vertieft, ich folgte ihnen und zu meinen Ohren drang der schöne Klang des Italienischen aus dem Norden, denn die beiden, was ich damals nicht wusste, stammten ausgerechnet aus Turin.

 

Die kleine große Welt (6)

An den Anfang seines Romans Wem die Stunde schlägt stellte Ernest Hemingway ein Zitat des englischen Dichters John Donne, Ausschnitte des geistlichen Gedichtes Meditation Nr. 17 als Motto:

No Man is an Island, entire of itself; every man is a piece of the continent, a part of the main; […] and therefore never send to know for whom the bell tolls; it tolls for thee.

Kein Mensch ist eine Insel, in sich selbst vollständig; jeder Mensch ist ein Stück des Kontinentes, ein Teil des Festlands; […] und darum verlange nie zu wissen, wem die [Toten-]Glocke schlägt; sie schlägt dir.

Monika Wrzosek-Müller

Bretagne

Nirgendwo schien ihr die Welt so harmonisch, vollkommen, rund, mit anderen verbunden, wie in der Bretagne. Waren das die alten Häuschen, die kleinen Kirchen mit ihren Calvaires, die Bars, wo die Einheimischen und besonders die Fischer ein Gläschen Wein schon morgens tranken, oder ging das auf die berauschende Natur zurück mit breiten, unendlichen Stränden und den Gezeiten, mit wechselnden Wolkengebilden am Himmel, mit Sturm, Regen, Sonne, Wind in einer enormen Intensität und dann gab´s da auch noch das Mirakel des Ozeans mit all dem Wasser, malbewegt, mal ruhig, unendlich weit bis hinter den Horizont, unfassbar lebendig und riesig, oft auch bedrohlich. Zwar lebte hier jeder für sich allein, doch irgendwie fühlte es sich an wie ein Puzzle, alles ein Teil vom Ganzen. Die Landschaft rundherum bildete oft ein Gemälde: die kleinen Häfen, die Fischkutter, die Jachten, die Boote, kleine Hügel, große Felder, Apfelbäume bewachsen mit Efeu und Misteln, die Hecken aus Hortensienbüschen in wunderbaren Farbtönen, manchmal Felsen und steile Klippen, Leuchttürme und die Leute mit ihren dunkelblauen Jacken, Pullovern, Mänteln und Mützen überhaupt die Farben; alles passte ins Bild.

Sie gingen stundenlang am Strand entlang, manchmal war das Meer weit, weit weg, dann stieg es wieder hoch, und man lief am Wasser entlang, manchmal musste man sich beeilen, um vor der Flut heil an einem bestimmten Ort anzukommen, sonst musste man schwimmen oder mehrere Stunden auf irgendwelchen Felsen die Ebbe abwarten. Der Sand war fest, glatt, man hinterließ Fußabdrücke, ganz präzise und deutliche, ab und zu gab es Häufchen dunklen Sandes von Würmen aufgeschüttet.

Diese Spaziergänge, fast Märsche, hatten etwas Beruhigendes, Tröstendes, schoben die dunklen Gedanken weg, beiseite, waren gut gegen Depressionen und gegen die innere Lähmung, die sie immer wieder überfiel. Der Strand war ganz breit, man konnte die Augen schließen und sich nach der Wärme der Sonne richten und vorankommen. Dann gab es Gruppen von Felsen über die man klettern musste, um in die nächste riesige Bucht zu gelangen. In den Felsen wimmelte es oft von Menschen, ganze Familien suchten nach Miesmuscheln, kleinen Krabben und Araigenées, den Meerspinnen, manchmal buddelten sie auch im Sand auf der Suche nach Bigourneaux und den Würmern, die sie als Köder zum Angeln benutzten. Es gab auch Buchten, die ganz abgeschlossen waren; man gelangte dorthin über steile Pfade, sehr mühsam. Dort lagen wunderbare runde Steine, die in hunderten von Jahren durch das Wasser, besonders bei Stürmen, zu riesigen runden Eiern oder sogar Bällen abgeschliffen wurden. Auch dahin gelangten sie und machten Anstalten einige von den Steinen mit nach oben zu nehmen.

An sonnigen, warmen Tagen gingen sie an den Strand, man blieb nicht lange, zwei Stunden reichten vollkommen. Rundum waren große Familien mit einem Reichtum an Kindern, an Plastikspielzeug und an Essen, transportiert in großen Kühltaschen; Sie setzten sich hin und fingen fast sofort an zu essen. Die Männer spielten mit den Drachen, rivalisierten heimlich untereinander und ließen selten die Kinder mitspielen. Die meisten Familien kamen mit drei Generationen; es gab sowohl Großmütter als auch Enkel, man konnte die Ähnlichkeiten in den Gesichtern sehen, die Großväter waren eher beim Angeln. Viel Kontakt zu den Familien hatte man nicht, es war äußerst selten, dass man mit jemandem ins Gespräch kam; jeder war für sich und doch bildeten sie alle zusammen das Bild einer großen Strandfamilie.

Es gab doch ein Paar, das immer wieder aufhorchte, als wir uns auf Polnisch unterhielten, oder zum Spaß einfach ein polnisches Wort fallen ließen, da schienen sie richtig aufzuwachen und mitzuhören. Wir achteten am Anfang nicht darauf. Irgendwann aber hörten wir, dass sie zueinander etwas auf Polnisch sagten. So grüßte ich sie am nächsten Tag auf Polnisch. Der Mann antwortete kurz aber mit starken französischem Akzent, so blieb die Konversation erst mal stecken. Als ich ins Wasser ging, war da auch die Frau, die ich auf Polnisch anzusprechen versuchte. Sie antwortete auch kurz angebunden, mit einem starken französischen Akzent. Die beiden weckten meine Neugier. Wir kamen jetzt regelmäßig an dieselbe Stelle am Strand, aber jegliche Versuche Kommunikation mit den beiden herzustellen, scheiterten.

Und wie das in der Bretagne häufig ist, änderte sich das Wetter plötzlich, so dass wir nicht mehr an den Strand gingen. An einem eher wolkigen Tag beschlossen wir dann, einen Ausflug zum Petit Mont Saint Michel zu machen; eine winzige Insel mit einer noch winzigeren Kapelle drauf. Bei der tiefsten Ebbe war die Insel zu Fuß zu erreichen, man musste alles gut planen, um trockenen Fußes zurückkehren zu können. Zu unserer Überraschung trafen wir auf der kleinen Insel ausgerechnet die beiden Strandnachbarn, die polnischen Franzosen, wie ich sie in Gedanken nannte. Wir grüßten uns, gingen in die Kapelle und setzten uns dann draußen zusammen auf eine steinerne Bank und schauten aufs offene Meer. Leider vergaßen wir dabei, dass wir eigentlich hätten sofort zurücklaufen müssen; das Wasser stieg jetzt sehr schnell, an Rückkehr war nicht mehr zu denken; und so saßen wir da und unterhielten uns, diesmal auf Französisch. Es stellte sich heraus, dass die beiden in Paris ein polnisches Ehepaar kennengelernt und sich mit ihnen angefreundet hatten – er konnte Polnisch wegen seines Berufes, Osteuropahistoriker an der Sorbonne, sie hat ihn bei den Archivreisen begleitet und immer wieder Polnisch Kurse belegt – die in zerfallenen Häusern wohnten, die der junge Mann renovierte, und dann mussten sie wieder umziehen, denn die renovierten Gebäude gingen an französische Käufer oder Mieter über. So zogen sie ständig um, und dabei waren es hoch gebildete Leute: sie Kunsthistorikerin und er Historiker. Da unterbrach ich sie unhöflich in meinem schlechten Französisch: „La dernière fois il ont abité à la Rue de la Roquette, n´est-ce pas?“

Wir verließen die Insel nach sechs Stunden, fast befreundet nach dem Motto:„die Freunde meiner Freunde sind auch meine Freunde“.

 

Die kleine große Welt (5)

„Im Winter 2002, als ich in Stockholm war, erhielt ich im Hotel einen Anruf aus Australien; am Apparat war ein älterer Herr namens Kucharski, der den Roman des neuesten Nobelpreisträgers für Literatur gelesen hatte und darin, mit großer Erregung, auf sich selbst gestoßen war: Er hatte damals im ‚Steppdecken-Revier‘ im Bett über mir gelegen und taucht zufällig in meinem Roman mit seinem Namen auf. Ich muss nicht sagen, welche freudige Überraschung dieser Anruf mir bereitete.“

Imre Kertész: Dossier K. Eine Ermittlung

Monika Wrzosek-Müller

Die polnische Ostsee

Jahrelang fuhr sie im Sommer für zwei Wochen an die polnische Ostsee; erst mal sollte das ihrem Sohn guttun, er lernte polnisch, und konnte die Großeltern und die Großtante und die Familie aus Schweden genießen oder eben näher kennenlernen. Außerdem war das für sie eine willkommene Erholung von der nicht gerade rosigen Wirklichkeit in dem Berliner Vorort- und Nobelviertel des Kleinmachnowers Großdorfes. Die Reise dauerte unendlich, die Straßen waren schlecht, sie fuhren meistens 8 bis 9 Stunden lang, mit kleinen Pausen fürs Essen von Pirogen oder ganzen aufwendigen polnischen Menüs mit Vorspeise, Suppe, zweitem Gericht und Nachspeise, oft waren es am Ende eben noch Pfannkuchen. Sie suchten immer ein schönes Lokal aus, gaben sich nicht mit irgendwelchen Buden entlang der Straße ab. Die Reise verlief in angenehmer Stimmung, sie erdachten Spiele, wie: Autos mit deutschen Kennzeichen zählen, oder die mit nur Berliner Schildern, oder Wörter auf verschiedene Anfangsbuchstaben auf Polnisch oder auf Deutsch schnell aufsagen müssen, oder auch reduzierte Version von „Stadt, Land, Fluss“ kamen oft vor. Manchmal sangen sie Lieder; die deutschen kamen aus dem Walldorfkindergarten und -schule, die polnischen aus ihrer Kindheit; mit den polnischen gab es oft Probleme, weil sie zu ernst, zu melancholisch und zu“ erwachsen“ waren. Sie zählten auch Storche auf den Dächern, Strommasten und Schornsteinen, oder auch andere Tiere, die sie unterwegs sahen. So verlief die Reise schneller und man hatte das Gefühl etwas Sinnvolles zu tun und sich nicht allzu sehr zu langweilen.

Die Landschaft blieb sowohl in Deutschland als auch in Polen gleich; lange Waldstücke wechselten mit Feldern und Wiesen ab, manchmal kamen kleine und größere Seen und es war hügelig schön, doch meistens ging es ziemlich platt und eher langweilig zu; oder je nach Laune empfanden sie die vorbeifliegende Landschaft schön oder eben monoton und uninteressant. In Polen führten die Straßen direkt mitten durch die Dörfer, man fuhr auch langsamer und konzentrierter. Wenn die Reise nun auf einen Sonntag ausfiel, mussten sie sich an den Schlangen von Menschen vorbei schlängeln, die in die Kirchen oder aus den Kirchen nach Hause gingen. Manchmal hielten sie abrupt an, um Blaubeeren, Pilze oder Honig von den Straßenjungen oder den alten Babcias [Omas] zu kaufen. Das sorgte für Abwechslung und hob die Stimmung. Besonders auf der Rückreise waren solche Einkäufe reizvoll, man verlängerte dann zu Hause den Urlaub mit dem polnischen Essen und hatte einige Mitbringsel.

Eine Institution für sich waren die „obiady domowe“ [Hausmannskost Mittagessen]; jeder freute sich auf das Mittagessen und spekulierte, was es denn geben würde. Die Zahl der Suppen war auch schier unendlich, so dass sie in den zwei Wochen nie die gleiche Suppe gegessen hatten. Unter den Badegästen ging immer ein Gerücht, wo denn die besten „obiady domowe“ wären; mal war das u pani Krysi [bei Frau Krysia], die anderen schworen auf Herrn Stach.

Sie lief am Strand unten, oben war der Kliff mit Kiefern- und Buchenwälder, steile Treppe führte nach unten, es waren 219 bis 232 Stufen. Oben sah man weit aufs Meer hinaus, bis zum Horizont; die Farbabstufung zwischen Meer und Himmel war manchmal minimal; es gab aber eine Linie die das eine von dem anderen trennte. Das Wasser war nie azurblau sondern eher grau bis grünlich, dafür war der Sand schön hell gelb mit Steinen und Muscheln und manchmal nach dem Sturm, konnte man auch winzige Bernsteinchen finden. Es gingen auch viele Sammler umher; die einen sammelten alles, die anderen spezialisierten sich auf besondere Muscheln, noch andere suchten nur vom Wasser geschliffenes Holz. Sie fand manchmal sowohl schöne Steine als auch ausgefallene Muschel, die sie mitnahm; meistens ging sie barfuß, gedankenverloren, entspannt und fast glücklich am Wasser entlang, egal wie warm oder kalt es war. Sie fühlte sich frei, frei von den Rollen, die sie zu Hause spielte und in denen man in Deutschland perfekt sein sollte und frei von den Alltagssorgen.

Irgendwann wollte sie dann etwas trinken und kam an einen Bierstand am Strand, mit riesigen Sonnenschirmen und bequemen Sitzgelegenheiten, sie holte sich einen Tee und setzte sich geschützt in die Sonne. Der Stimmengewirr kam an sie heran, getragen vom Wind, auch wenn sie nicht zuhören mochte, klangen die Worte so nah, so präzise und deutlich, als ob sie an sie direkt gerichtet wären. Es war eine Gruppe von jungen Erwachsenen, ungefähr in ihrem Alter und sie erzählten von einer Familie, offensichtlich ihren Freunden, oder guten Bekannten, vielleicht war da auch Tratsch im Spiel, das konnte sie nicht beurteilen. Es ging um ein Ehepaar, das zwei kleine Söhne hätte und das sich jetzt endlich und endgültig getrennt hätte; sie hätten sich doch sowieso immer wieder bis aufs Blut gestritten und gezankt und sie wäre die Fleißige, Arbeitsfähige und Leidende und er ein Halunke und Nichtstuer und Schmarotzer, obwohl liebenswürdig, sehr liebenswürdig. Und er hätte ihr immer wieder große Blumensträuße und schöne Fotos von ihr, von altem Zoppot, vom Meer und Sonnenuntergängen gebracht und sie wären dadurch doch immer wieder zusammengekommen aber was für eine Ehe wäre das, wo die Frau alles verdienen müsste… usw.

Ich stand auf und offensichtlich durch dieses bedrückende Getratsche oder kam da schon eine Vorahnung hoch, ging ich schleppenden Schrittes zurück; es war auch Zeit, denn die Sonne war ganz unten und auf dem Strand lagen lange Schatten des Kliffs. In der Ferienwohnung angekommen fand ich auf meinem Handy eine Nachricht; es war eine Freundin von mir aus Zoppot, sie bat um einen Rückruf. Erst nach dem Abendessen hatte ich Zeit und rief sie an; sie fragte mich gleich, ob sie zu mir kommen könnte für ein paar Tage mit dem Kleinen, der Größere wäre im Sommerlager…ich war mehr als zufrieden und hieß sie willkommen. Sie hätten sich nämlich getrennt, jetzt wirklich und endgültig, sagte sie schnell, und mir entkam ganz leise: „ich weiß es“… “wie weißt du es?“ „Ich habe es eben auf dem Strand beim Sonnenuntergang erfahren…“

 

Die kleine große Welt (4)

Mit der Spiritualität ist es kompliziert, wenn man sie sucht, findet man sie nicht. Entweder kommt sie von selbst, oder gar nicht. Manche brauchen sie, andere machen sich darüber lustig; doch irgendwann stellt sich jeder die Frage, wie es bei ihm damit steht.

Monika Wrzosek-Müller

Amritapuri-Kerala, Indien

Sie war im Aschram gelandet; ja gelandet eigentlich in Cochin, in Südindien, in Kerala, in God owns country, in einem permanenten Chaos, im Schmutz, in einem Lärm, der normale Kommunikation unmöglich machte; aber in einer bunten, lebendigen und faszinierenden Welt.

Der Weg zum Amritapuri-Aschram führte durch die Backwaters und war sehr exotisch; sie glitten in einem Hausboot an üppiger Vegetation vorbei: Palmen, riesige Mangobäume, manchmal Mangrovenwälder, Kletterpflanzen und wunderbar farbige Blumen, vor allem Wasserhyazinthen, die manchmal das Wasser fast vollkommen überwucherten, an den Dämmen der Reisfelder die Frauen in bunten Saris, wie bunte Vögel oder Blumen, die sich schnell bewegten, das Grün der Reisfelder und Blau des Wassers; alles in unheimlich intensiven Farben. Wären da nicht ein paar Kadaver von Kühen und Fäkalien im Wasser getrieben, hätte man es wie ein Paradies empfinden können. An manchen Stellen hingen riesige chinesische Fischernetze, sie schaukelten im Wind. Die Hausboote waren wunderschön, ursprünglich Kettuvallams genannt: lange, große Lastkähne aus Bambus, mit aus Kokosbast geflochtenen Kabinen, mit Küche, Schlafzimmer und Wohnzimmer, mit einer Terrasse bildeten sie wirklich schwimmende Häuser. Nah am Aschram wurde die Bebauung deutlich geordneter. Nach dem Tsunami waren hier mit der Hilfe ausländischer Organisationen neue Siedlungen entstanden, mit hunderten von identischen Häuschen, manchmal Doppelhäusern in verschiedenen Farben, sehr ordentlich, sehr westlich. Der Aschram war an den paar Hochhäusern, dem Ayurvedischen Krankenhaus und einer schönen Brücke von weitem zu erkennen, es lebten da ca. 2 000-3 000 Menschen aus der ganzen Welt zusammen.

Der Aschram; „Ort der Anstrengung“ präsentierte sich vor allem durch Stille und überwiegend weiße, helle Kleidung der Bewohner, wie eine Insel aus einer anderen Welt. Die peinlich sauber, von hunderten von indischen Witwen gefegte Wege, ordentlich abgestellten Schuhe vor den Tempeln, ordentlich gestapeltes Geschirr, überall Zettel mit Regeln, was, wann und wo zu erledigen oder zu befolgen sein sollte; alles erinnerte mich eher an sozialistische Sommerlager als an Indien. Auch die 9-stöckigen Wohnblocks, in denen die Gäste untergebracht wurden, hatten etwas von sozialistischer Bebauung an sich. Alles war sehr einfach, sehr primitiv aber doch funktional und vergleichsweise sauber.

Auch wenn inzwischen Gerüchte kursieren, dass Amma viel Geld von den Spenden auf verschiedenen ausländischen Konten für sich und ihre Familie geparkt hat, muss man ihr zugeben, dass sie auch sehr viel bewegte: dass sie für unzählige indische Witwen die letzte Hoffnung ist, für viele eine Ausbildung anbietet, nicht zu vergessen ein riesiges ayurvedisches Krankenhaus mit einer ayurvedischen Fabrik-Apotheke betreibt. Auch die Hilfe nach dem Tsunami, die durch ihre Organisation an die rundherum wohnende Bevölkerung kam, ist nicht zu verachten. Die Küste wurde mit riesigen Steinblöcken befestigt und neue Häuser errichtet.

Amma-Mata Amritanandamayi ist eine bäuerlich-kräftig aussehende Person, mit einer Kraft, die ihre Quelle irgendwo haben muss; wie sonst würde sie die stundenlangen Meetings mit Fragen und Antworten und anschließenden Umarmungen „embracing the world“ von hunderten von Menschen und zwar jeden einzelnen, durchhalten können.

Sie saß am Strand, der indische Ozean wütete gegen die riesigen Steinblöcke, die Sonne ging langsam unter in leicht rosa, lila und violetten Farben; die Leute rundherum, machten auf ihren Matten Yoga-Übungen, sprachen leise miteinander und warteten auf die Zusammenkunft mit Amma, auf ihre Umarmung.

Ich selbst habe diese Umarmung erlebt, und nach anfänglichen totalen Zweifeln, muss ich gestehen, dass sie eine ungeheuerliche Kraft, Trost und wirklich Gefühl von Liebe spendete. Es passierte mir in einem Moment, an dem ich daran gar nicht mehr geglaubt hatte, nicht glauben konnte, denn ich war von dem Chaos und dem Gedränge dermaßen genervt, dass ich fast aufgeben wollte. Danach saß ich völlig perplex und ruhig neben hunderten von anderen in einer riesigen Halle und sang stundenlang Mantras mit dem ungeheuren Gefühl der Zugehörigkeit und Gemeinsamkeit.

Vielleicht lag das an der Erschöpfung und Verwirrung durch so viele neue Eindrücke und Ereignisse.

Für den nächsten Tag musste ich mich für den Seva-Dienst (verschiedene Arten von Arbeiten für den Aschram und das Gemeinwohl) eintragen. Ohne lange zu überlegen entschied ich mich fürs Pizza backen, ohne an die Hitze der Öfen, in der Hitze des südindischen Himmels, und das Kneten und die Formen von Pizzateig zu denken. Die italienische Mannschaft war wunderbar; es gab einige, die schon seit Jahren mit dem Aschram verbunden waren, und Neuankömmlinge wie mich, allen gemeinsam war, dass man italienisch sprach. Wir haben wirklich wahnsinnig gearbeitet, geschuftet, um die hunderten von kleinen Pizzas herzustellen. Die Italiener sangen, lachten und sprachen dabei viel und durcheinander. Irgendwann fragte einer, wo denn die Giulia, die Toskanerin, heute abgeblieben wäre, sie müsste doch auch dabei sein. Zwar kannte ich eine Giulia aus der Toskana, dachte aber nicht im Mindesten daran, es könnte die Tochter unserer Freunde sein. Wir machten ab und zu Pausen und als ich draußen vor unserer Baracke stand, sah ich genau diese meine Giulia, mit ihren krausen, schwarzen, leuchtenden, langen Haaren kommen. Da sie mich an diesem Ort wirklich nicht erwartet hatte, ging sie an mir vorbei. Wir hatten uns auch jahrelang nicht gesehen, und aus dem kleinen Mädchen war fast eine Frau geworden, noch immer hübsch, liebenswürdig, lebendig. Ich lief hinter ihr her und stellte mich vor, unsere Freude war riesig. Wir gingen zu einem Café und schwelgten in Erinnerungen an meine Zeit in der Toskana und unsere Besuche bei ihren Eltern, in dem Haus, wo ich viel Liebe, Freundschaft und Gemeinschaft erlebt hatte.

In dem Moment, in den Tagen im Aschram, passte alles; die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft schienen zusammen zu spielen, sich zu ergänzen und einen tiefen Sinn zu haben.

Die kleine große Welt (3)

Es war lange vor der Globalisierung und vor den Handys, vor Skype, als das Telefonieren ins Ausland Stunden dauerte und man immer wieder nur Besetztzeichen hörte und es trotzdem weiter versuchte, bis zur Erschöpfung. Damals gab es auch Geschichten von der kleinen großen Welt.

Monika Wrzosek-Müller

Uppsala

Sie war bei ihrer Schwester in Uppsala zu Besuch. Es war das erste Mal in Schweden, das Land schien ihr unheimlich sauber, aufgeräumt, langweilig, aber zugleich sehr vertrauenerweckend, irgendwie sicher. Sogar die Natur gedieh dort besser, die Luft war sauber, frisch, vieles wirkte wie Miniatur: Städte wie Häuser; nur Kirchen und Schlösser waren imposant, überdurchschnittlich groß. Die Leute waren ganz hell angezogen und bei jedem Sonnenstrahl zogen sie ihre Mäntel aus und gingen in weißen T-Shirts spazieren, auch wenn die Temperaturen eher nicht dazu einluden.

Das rosafarbene Schloss (slott) in Uppsala ist riesig, massig, sieht eher aus wie ein großer Felsen. Aber es ist ein gutes Ziel für Spaziergänge, ringsherum gibt es Parks, ganz in der Nähe fließt der Fluss Frison. Das Gebäude selbst steht etwas erhöht auf einem Plateau, das rund um das Schloss sorgfältig angelegt ist. Von hier aus, kann man viel von Uppsala sehen, auch den Linné-Garten (Linnéträdgarden), den ältesten botanischen Garten Schwedens.

Dort, im Linné-Garten, starteten wir an einem sonnigen Nachmittag unseren Spaziergang, meine Schwester und ich. Wir wollten reden, allein sein ohne unsere Männer und Kinder (oder waren die Kinder damals noch gar nicht da?), erzählen, was in letzten Jahren alles passiert war. Wir hatten uns lange nicht mehr gesehen. Im Botanischen Garten umkreisten wir die Rabatten und die gepflegten Beete, ohne sie besonders zu beachten. Unser Gespräch kreiste um Polen, um die Umstände meiner Ausreise und mein jetziges Leben, in dem ich noch nicht angekommen war. Sie erzählte von ihrem Studium an der pädagogischen Musikhochschule in Stockholm. Wir besprachen, vielleicht tratschten wir ein bisschen, über alle unsere Bekannten und was mit ihnen in den letzten Jahren passiert war; wer in Polen geblieben war, wer emigriert… Ab und zu hatte ich das Gefühl, jemand würde uns folgen und als ich mich umdrehte, sah ich tatsächlich einen Mann, der uns zuzuhören schien. Da ich in Warschau vom Sicherheitsdienst überwacht worden war, machte mich der Mann nervös, und so entschieden wir zum Schloss zu laufen. Dort standen wir lange auf dem Plateau und schauten auf die Stadt und meine Schwester erklärte mir alle Sehenswürdigkeiten, die man erblicken konnte. Später kamen wir dann auf die Umstände meiner Entlassung als Mitarbeiterin des polnischen Fernsehens in Warschau zurück. Im polnischen Fernsehen hatten die sogenannten Verifizierungsgespräche am frühesten begonnen, gleich nach der Verhängung des Kriegsrechts, ich wurde 45 Minuten lang verhört und fast gezwungen zu sagen, dass meine Zugehörigkeit zur „Solidarność“ ein Irrtum gewesen sei und ich das jetzt alles ablehne. Da dem aber nicht so war, löcherten sie mich, ich solle andere Namen angeben – wer bei „Solidarność“ sonst noch mitgemacht hätte. Und dann erklärten sie mir: Wir haben sie so lange hier sitzen lassen, weil wir gehofft habe, dass sie Vernunft annehmen, bei Ihrem Namen (dem Namen meines Ex) hätte man das wohl erwarten können, aber leider sehe es nicht danach aus. Jetzt kamen sie mit Anschuldigungen: Sie haben bei der Intervision für Kubanerinnen Sachen eingekauft, die bei ihnen im Land verboten waren, Sie haben sich mit einer Tschechin angefreundet, die zu einer Dissidentengruppe gehört hat, Sie haben sich geweigert, die Tonbandaufnahmen der mitgeschnittenen Gespräche von westdeutschen Journalisten abzuhören und zu übersetzen… so ging es lange weiter. Irgendwann hatte ich keine Lust mehr, mich zu erklären, sowieso hörten sie mir gar nicht richtig zu.

Jemand räusperte sich hinter meinem Rücken, ich erschrak. Es war derselbe Mann vom Linné-Garten. Groß war er nicht, eher untersetzt und rundlich, kräftig gebaut, er hatte blasse blaue Augen, die tief in den Augenhöhlen lagen, um die sich kleine Fältchen bildeten. Es war schwierig, sein Alter zu schätzen; er hätte genauso gut 35 oder fast 50 sein können, mit den wenigen blonden Haaren und dem runden bulligen Kopf.

Er stand jetzt neben uns und betrachtete mich eindringlich. Er sprach Englisch mit einem slawischen Akzent, aber eher keinem polnischen. Er redete jetzt wie ein Wasserfall, leider verstanden wir nur die Hälfte; es ging offenbar darum, dass seine Frau, Verlobte, Ex-Frau oder Freundin mich angeblich kennen würde. Was es damit auf sich hatte, verstand ich letztlich nicht. Er redete auch von Astrologie, Aszendenzen und irgendwelchen günstigen Planetenkonstellationen. Was das alles zu bedeuten hatte, vermochten wir nicht zu begreifen. Er fing an, mir meine Geschichte zu erzählen, warum ich aus Polen weggegangen war, wo ich jetzt lebte. Es war eine Mischung aus Wahrsagerei und Fetzen von Mitgehörtem. Meine Schwester versuchte mich wegzuziehen und nicht auf ihn zu hören. Er interessierte sich auch kaum für sie, war wie verhext auf mich fixiert. Mir schien, als wäre sehr viel Zeit vergangen, und dann stellte ich ihm Fragen: Was hatte er vorhin mit der Frau gemeint, wo war der Zusammenhang zu mir?

Wir schlugen vor, in ein Café zu gehen. Die Sonne sank langsam, und es wurde deutlich kühler. Das Licht war immer noch so scharf, frisch, alles war in einen rosafarbenen Schein gehüllt.

Wir setzten uns also in ein Café, und er fing sofort an zu erzählen. Seine Ex-Frau hatte in Polen an den Intervisionskonferenzen teilgenommen; da habe sie eine junge Polin kennengelernt, die in Warschau lebte und beim Fernsehen arbeitete, und die hieße Monika. Er war sich sicher, dass ich die Frau sei. Denn er beschäftige sich mit Astrologie, und ich passe genau in das Muster. In welches Muster? Ich erinnerte mich an eine Tschechin, war aber nicht mit ihr befreundet, wir hatten uns nur ein paar Mal unterhalten, ich fand sie interessant, aber von einer Freundschaft konnte keine Rede sein.

Er war sichtlich erregt und bewegt, ich konnte wenig helfen, um das Bild von seiner Frau zu vervollständigen. Es war schwierig, die ganze Situation aufzulösen. Wir tranken unseren Kaffee aus, und dann wollten meine Schwester und ich gehen. Er bestand aber darauf, mir seine Telefonnummer zu geben; zum Glück verlangte er meine nicht. Bis heute weiß ich nicht, was da geschehen war und worum es wirklich ging.

Die kleine große Welt

Monika Wrzosek-Müller

Walauwa

Zwar bietet sich der Begriff Globalisierung bei dieser Art von Geschichten an, doch will ich sie nicht so erzählen. Globalisierung ist für mich etwas, das eher in Facebook und in der Wirtschaft passiert, bei den Banken und in der „ganz großen“ Welt. Als Facebook mir die Anfrage mit dem Namen des Bruders eines Bekannten aus Sri Lanka zuschickte, den ich vor 15 Jahren in Bentota kennengelernt habe, bedeutete das für mich Globalisierung. Sein jüngerer Bruder war der kluge, sollte lernen, sich weiterentwickeln, während der ältere nach dem Tod des Vaters den Unterhalt verdienen musste. Der Jüngere wurde auch Ingenieur, und offensichtlich trat er Facebook bei, wo der Kontakt an mich vermittelt wurde; das ist für mich beängstigende Globalisierung, wer hat das wie herausgefunden, wo war die Schnittstelle…?

Sie ging am Strand, entlang der Wasserlinie; das Meer schlug dumpf und schwer, die Wellen kamen langsam, majestätisch und brachen mit Getöse; das Wasser war trübe, gelblich und wie ölig, schwer und bedrohlich. Das Licht war weiß, die Sonne sah man kaum, aber irgendwo an den hellsten Stellen vermutete man sie, denn es war entsetzlich heiß, dazu kam erdrückende Schwüle, Feuchtigkeit und so etwas wie Nebel. Dadurch war der Sand nicht so glühend heiß, man konnte die Fußsohlen aufsetzen, ohne mit Verbrennungen rechnen zu müssen. Sie ging schnell, ohne sich umzuschauen; es waren auch nur wenige Menschen am Strand, nur verwilderte, halb verhungerte Hunde mit ihren Welpen, die an kleine Monster erinnerten. Im Hintergrund wedelten die Palmen mit ihren Kronen, Vögel flogen, manchmal schrien kleine Papageien, die immer zu zweit Streit suchten…

Ans Schwimmen oder Baden war nicht zu denken, denn das Wasser war viel zu aufgewühlt, es zog richtig rein, es nutzten auch die Wellenbrecher nichts, man konnte sich auf den Beinen nicht halten. Sie hielt den Kopf gesenkt, und doch wurde sie immer wieder von den beach boys angesprochen; how are you? Weiter ging die Konversation nicht, das waren ihre einzigen Vokabeln… man musste nur beharrlich schweigen, irgendwann gaben sie auf.

In der Ferne sah ich eine einsame weiße, junge Frau sich auf mich zu bewegen. Sie ging mit forschen Schritten, so als ob die Hitze, die Feuchtigkeit und all die anderen Widrigkeiten ihr nichts anhaben könnten. Sie antwortete auch nicht auf die plumpen Anmachversuche. Lachte dabei aber vergnügt und war auch nicht böse, es schien ihr vielleicht sogar zu gefallen, dass sie den anderen gefiel.

Bald stand sie vor mir; sie war sichtlich überrascht eine weiße Frau zu sehen und wir kamen ins Gespräch. Es stellte sich heraus, dass sie aus der Schweiz kam und in demselben Hotel/Villa in Walauwa wohnte wie ich. Wir gingen jetzt langsamer und erzählten uns voneinander, warum wir auf dieser kleinen Insel mitten im Indischen Ozean gelandet waren. Sie machte eine Ayurveda-Kur, ich nahm an einem Seminar über die Anwendung von Ayurveda teil. Nach und nach erzählten wir uns immer mehr Einzelheiten aus unserem Leben. Es stellte sich heraus, dass sie aus Lausanne stammte oder dort lebte und arbeitete, als Journalistin. Ganz spontan kam mir der Satz, ach da kenne ich einen jungen Journalisten, der bei „Hebdo“ arbeitet. Sie freute sich und erzählte mir, dass sie die ganze Redaktion des Lausanner „Hebdo“ kenne. Wir stießen irgendwann auf den kleinen Pfad, der durch den grünen Gürtel mit üppiger tropischen Vegetation, langstieligen Palmen mit feinen Palmenblättern und hängenden Kokosnüssen und dann über die Bahngleise zu unserem wunderschönen Hotel führte. Man musste dabei über den hohen Bahndamm klettern, der dann bei dem Tsunami völlig weggeschwemmt worden ist, und die chaotische Küstenstraße (übrigens die einzige) unbeschadet überqueren und schon trat man in den wunderschönen Garten der alten Kolonialvilla ein.

Wir verabredeten uns zum Abendessen, das in einer Stunde stattfinden sollte. Ich freute mich, dass ich eine Tischgenossin haben würde. Kurz nach 19.00 Uhr ging ich nach unten, sie saß schon unter dem Palmenblätterdach und trank ihren Tee. Sie hatte von den drei ayurvedischen Doshas zu viel Vata und musste auch bestimmte eine Diät einhalten; trotzdem war das Essen wunderbar, beide durften wir Fisch essen, was selten bei ayurvedischen Kuren erlaubt war, mit viel Gemüse, beide tranken wir dazu unsere Tees und lauwarmes abgekochtes Wasser. Inzwischen wurde es ganz dunkel, das passierte in den Breitengraden so schnell, von einem Augenblick zum anderen, dass man jedes Mal staunte.

Irgendwann fingen wir an uns unsere Lebensgeschichten zu erzählen. Sie vertraute mir an, dass sie lange Jahre mit einem Redakteur von „Hebdo“ liiert war, aber inzwischen hatten sie sich getrennt, sie würde der Beziehung immer noch nachtrauern, doch er war verheiratet, hatte zwei Kinder, und seine Frau würde leiden. Leichthin warf ich ein, dass ich nur von der Zeitungsleuten nur diesen Michel kenne, der aber schon ein Charmeur war… Sie wurde nachdenklich und eröffnete mir, dass ihr Freund tatsächlich Michel hieß. Da fing ich an ihr zu erzählen, wie ich ihren Michel in Paris eines späten Nachmittags in einer Wohnung unserer Freunde getroffen habe; er war nämlich gekommen, um seine ungarische Freundin zu besuchen, und sie hatten sich, wie sie ganz reizend erzählte, ein „bisschen geliebt“, aber nun sei alles vorbei… Wir zählten die Jahre hin und her, was war wann, vorher und danach; was herauskam war: just in dem Jahr hatte ihre Beziehung mit Michel angefangen, nach dem Sommer, im Frühherbst, und sie dauerte lange Jahre. Und wir saßen noch lange an diesem Abend staunend, bis sie dann unvermittelt fragte: warum bist du denn so traurig.

Die kleine große Welt

Monika Wrzosek-Müller

Paris

Sie saß in Paris, es war Sommer 1988. Die Wohnung lag im XI. Arrondissement, nicht gerade die schickste Gegend von Paris, doch die Wohnung entschädigte für die unmittelbare Umgebung. Sie bestand aus mehreren kleinen Appartements, die zusammengelegt wurden; mit unzähligen kleinen Zimmerchen, die ineinander übergingen, sie lagen alle im obersten Stockwerk oder unterm Dach. Es war ein Labyrinth aus Korridoren, Durchgangszimmern, Treppen, winzigen Treppchen, kleinen Winkeln und größeren Räumen auch unzähligen mini-Toiletten. Doch insgesamt war sie für Pariser Verhältnisse geräumig und luxuriös. Nach oben gelangte man erst mit einem schönen gusseisernen Lift und stieg dann auf winzigen Stufen in den fünften, nicht existierenden Stock hoch. Auf der einen Seite blickte man Richtung Straße auf der anderen in den tiefen engen Hof. Den ganzen Tag hörte man Gesänge und Gespräche oder auch Streitereien in verschiedensten Sprachen; alles mischte sich zu einem Gemurmel, das hochstieg und im fünften Stock nur als undefinierbares Rauschen wahrzunehmen war.

In der Wohnung lebten immer wieder wechselnde junge Leute, die von unseren Freunden dazu eingeladen waren. Die Freunde, die Besitzer der Wohnung, waren für ein halbes Jahr ins Ausland gegangen. So traf man an einem Tag irgendwelche Tschechen, die beim Frühstück waren, man trank zusammen einen Kaffee, sprach über den Tag, und nach ein paar Tagen verschwanden sie auf nimmer wiedersehen. An anderen Tagen waren es gerade Deutsche, die auf der Durchreise nach Spanien oder in die Bretagne waren. Und an einem sonnigen Tag im Juli kamen dann die Ungarn; er war ein Freund der Wohnungsbesitzer, eher der Besitzerin, und sie eine Polonistin aus Budapest, eine überaus reizende Person, die dazu noch Eva hieß.

Wir fingen an zusammen zu kochen, gingen zusammen auf dem Markt einkaufen; Miklos zeigte uns, wie man nach 14.00 Uhr alles viel billiger bekam. Wir kamen mit riesigen Körben zurück, gefüllt mit Gemüse, Obst und verschiedenen Käsesorten, wie: Fourme, Brillat-Savarin, Tomme de Savoie, Vacherin etc… Oft gab es wunderbaren Fisch, Austern und Muscheln aus der Bretagne fast umsonst. Dazu wählten wir immer besondere Weine; jeder bereitete das zu, was er am besten kochen konnte.

Eva erzählte von ihren zahlreichen Reisen nach Polen, genauer nach Warschau und ihrem letzten Aufenthalt dort, einem sechs monatigen Stipendium; Tag für Tag oder besser Abend für Abend wurde mir klarer, dass ich ihre Welt aus Warschau sehr gut kannte. Und nicht nur, weil ich aus Warschau stamme; ich kannte genau die Buslinie, mit der sie zur Uni fuhr, ich kannte die Läden, die Bushaltestelle und die wenigen Bäume im kleinen Park in der Gegend, in der sie offensichtlich in Warschau gewohnt hatte. An einem Abend kamen wir auch überein, dass sie in Grochow gewohnt hatte, also in dem Viertel, in dem ich früher in Warschau gelebt hatte. Wir brauchten noch drei ganze Abende bis es mir klar wurde, dass sie offensichtlich in meiner Wohnung in Warschau ein halbes Jahr verbracht hatte.

Und das ging so: Bei Marillenknödeln mit viel zerlassenen Butter, Zimt und Zucker erzählte sie mir, dass sie immer in der Küche gewohnt hätte; da gab es nämlich einen Sessel, der sich ausklappen ließ. Ich wurde hellhörig, dachte mir doch nichts Konkretes dabei. Beim Perlhuhn in Bier- Soße, Rosinen und Speck enthüllte sie dann noch so ein Detail, das unmissverständlich auf meine Wohnung hinwies, dass man nämlich beim Baden immer aufpassen musste, dass die Flamme beim Warmwassererhitzer an war. Sollte sie ausgehen, musste man sie sofort wieder anzünden, sonst drohte eine kleine Katastrophe in Gestalt einer Explosion der Warmwassertherme. Einmal war mir das Fenster zwischen der Küche und dem Badezimmer rausgeflogen, so stark war die Explosion.

Die Umstände meiner Ausreise aus Polen waren alles andere als einfach, ich musste alles aufgeben, bekam einen Pass Richtung Deutschland ohne Rückreiseticket. Meine Wohnung in Warschau musste ich meinem ex-Mann zurücklassen; doch habe ich ein halbes Jahr ausgehandelt, in dem eine Freundin von mir dort mit ihrem Freund wohnen konnte. In diesem halben Jahr hörte ich schon, sollten da verschiedene Leute übernachtet haben. Ich habe aber nicht gedacht, dass dort jemand fast halbes Jahr mitgewohnt hat; und das war die Tatsache, die ich mitten im Sommer, mitten in Paris entdeckt habe.

Zu meiner Sammlung von Ewas kam noch eine Eva dazu; die meisten stammen aus Polen und die aus Paris war eine Ungarin: meine Tante, und viele Freundinnen; der Name Ewa, Eva stammt aus dem Althebräischen und bedeutet „Leben“ und das stimmt, alle meine Ewas waren und sind sehr lebendig…

Damals vor 30 Jahren waren die Entfernungen groß; z.B. dauerte die Fahrt zwischen Warschau und Frankfurt/Main 18 Stunden, es waren auch viele Grenzen zu passieren und es existierten keine ICEs, Silberpfeile, TGVs oder Pendolinos…

Und doch gab es ein Gefühl größerer, gelebter Nähe zwischen den Menschen als jetzt im Zeitalter der Smartphones, der Netzwerke, Facebook, Twitter etc…