Die kleine große Welt (21)

Heute ist der 11. November, ein großer Jahrestag in der Geschichte Polens… 11.11.1918 ist der Polnische Unabhängigkeitstag. Der Text von Monika passt auch dazu. Alles was nach dem 11.11.1918 in Polen passiert ist, musste sich mit diesem Datum messen. Auch Solidarność.

Monika Wrzosek-Müller

Gdańsk und eigentlich Sopot, gesehen

Sie fuhr nach Gdańsk und eigentlich nach Sopot, da sollte ihr Mann einen Vortrag halten. Normalerweise machte sie das nicht, aber diesmal bedeutete die Reise für sie einen Ausflug in die Vergangenheit und in die Zukunft.

Die Vergangenheit offenbarte sich in Sopot, in den alten Villen, der Hauptstraße „Monte Casino“, die jetzt zwar sehr modern sein wollte, für sie aber voll von Bildern aus den alten Zeiten war. Die Stadt versuchte die Balance zwischen dem Neuen, Kommenden und ihrer mondänen Vergangenheit zu halten; nicht immer gelang das reibungslos und sie staunte über die Anhäufung von schlechtem Geschmack in der flächendeckenden Bebauung am Ende der Meile und der neuen, monströsen, erst im Entstehen begriffenen Station der S-Bahn mit der obligatorischen und allgegenwärtigen Einkaufsmeile. Doch die Mole und das Meer, dann auch die Hügel mit den Buchenwäldern im Hinterland entschädigten für Vieles und sie dachte, dass hier die ideale Lage für ein langes, glückliches Leben sei; zwischen zwei großen, pulsierenden Metropolen, der einen sogar mit einer langen, verwickelten aber, wie sie aus dem Vortrag ihres Mannes erfahren hatte, wunderbar alten Geschichte und entsprechend altem Stadtkern; alles verbunden mit einer Art S-Bahn, die die Massen ganz schnell von einer Ecke in die andere brachte. Diese S-Bahn, SKM, die alle Orte entlang der Danziger Bucht verband und Unmengen von Menschen beförderte, war für sie, wie ein Band, das sich nicht nur durch die geografische Weite, sondern auch in die zeitliche Tiefe schlängelte. Mit der Bahn war sie immer wieder gefahren, schon damals, bei den ersten Reisen nach Gdansk mit den Eltern und dann zu den Freunden nach Sopot und dann mit ihrem ersten, dann dem zweiten Mann und ihrem Sohn bei den Ausflügen nach Gdańsk. Sie war während des Kriegszustandes dort und vorher schon auf der Werft, bei den Streikenden, mit einem ARD Team, und immer wieder fuhr sie mit der S-Bahn. Es war eine geniale Verbindung, schnell, zuverlässig, sehr einfach, sich zu orientieren, immer noch, Gott sei Dank, nicht ganz modernisiert, manchmal quietschend, manchmal etwas schmutzig und schüttelnd, doch insgesamt ein wunderbares Verkehrsmittel, und da sie oben, d.h. oberirdisch fuhr, konnte man auch vieles sehen, ja besichtigen, bestaunen, wieviel sich änderte, auch drin die Leute beobachten, wie sich der Menschenschlag auf den längeren Strecken veränderte, an den Gesichtern abzulesen versuchen, was sie machten, wohin sie eilten, ihre Sorgen, kleinen Freuden, Langeweile und Hetze. Die jungen, frischen Gesichtern sehen, die überall in Europa fast gleich waren und die kleinen Unterschiede versuchen rauszukitzeln, was das Besondere in Polen, in Gdansk wäre, und mit Erstaunen feststellen: Wenn es um Mode ging, glichen sich die jungen Leute überall sehr.

Zum „Europäischen Zentrum der Solidarnosc“ musste man sich dann zu Fuß schwer durchkämpfen. Durch eine Wüste von Ruinen und chaotischer Bebauung, mit scharfen Winden, die plötzlich von einer Richtung in die andere wehten, gelangte sie an eine riesige, moderne Architektur, die sehr anders als alles rundherum war. Man konnte durch den alten Werfteingang auf die Rasenfläche um das Gebäude vordringen und sie dachte, früher gab es diese Rasenflächen nur um die großen Kirchen, die großen Kathedralen, das fanden die Menschen wichtig, die Kirche stand im Stadtzentrum. Jetzt breiteten sich große Flächen um die Museen, um die kulturellen Zentren, Einrichtungen, wohin die Menschen strömen sollten, konnten und, wie sie gesehen hatte, auch wollten.

Die Architektur war atemberaubend, es war alles durchdacht, es gab viele Ebenen und dahin führende Treppen, alles sehr spartanisch, industriell, funktional und doch beeindruckend. Sie erinnerte durch den Gebrauch von Cortenstahl für die Außenfassade an einen Schiffsrumpf, der im Entstehen begriffen war, mit der rostroten Farbe, der im Dock vor sich hin rostete, auch die Schrägen und Lichteinfälle dazu kamen ab und zu auf den dicken Taus hängende Elemente, das alles stammte aus der Schiffslandschaft. Innen war das Gebäude mehr als geräumig, riesig und luftig, im Hof mit Platz für viele Pflanzen. Ja, den Besucher empfing ein grüner, beleuchteter Garten Eden mit Bänken und Sitzgruppen zum Verweilen einladend, der im Kontrast zu den nackten, manchmal gläsernen Wänden stand. Rundherum und nach oben führten Eingänge, Rolltreppen und Korridore zu den Konferenz- und Bildungszentren, dem Archiv, der Bibliothek und den Cafés, zum Restaurant und zur Mensa; am Ende gab es auf zwei Ebenen, auf einer gewaltigen Fläche von 3 000 m², die Ausstellung über die Geschichte der Bewegung Solidarność, einführend auch über alle osteuropäischen Freiheitsbewegungen. Sie ging durch die Räume der Ausstellung wie betäubt, wollte auf den Fotos irgendwelche bekannte Gesichter finden, suchen; aber es war zu viel, zu gut inszeniert, so dass es einen in die erzählte Geschichte hineinzog.

Erst am Ende der Ausstellung, als sie die riesige Wand mit den weißen und roten Täfelchen, auf denen man sich verewigen konnte, und die als eine Art von Gästebuch funktionierte – dabei bildeten die Täfelchen die Kaligraphie des Wortes Solidarność – dachte sie, jetzt würde sie bestimmt bekannte Inschriften finden. Und siehe da: es gab tatsächlich mehrere von ihren Freunden, ihren Bekannten aus Warszawa, die ganz am Anfang, dem Tag der Eröffnung am 31 August 2014 die Ausstellung besucht und sich auf den Täfelchen verewigt hatten; und schon wieder wurde für sie die große Welt etwas kleiner, sicherer, eben heimischer.

Die kleine große Welt (20)

Monika Wrzosek-Müller

Der Tarot Garten der Niki de Saint Phalle

Sie wollte eigentlich von dem Skulpturengarten in der Toskana berichten, von dem Weg dahin, von ihrer Enttäuschung – und dann nach einem Gespräch mit einer Freundin hielt sie inne, schaute tiefer und fand viele Gesichter des Gartens, die sie vorher nicht gesehen hatte.

Den Garten wollte sie natürlich sehen, er war schon eine Berühmtheit und in der westlichen Welt so etwas, wie ein Muss, wenn man in der Gegend war. Sie kurvten und wendeten, um den Weg zu finden, ziemlich lange; die bescheidenen Hinweisschilder waren rar. Sie kamen von der falschen Seite, nicht von dem wunderschönen Städtchen Capalbio, das oben auf einem Hügel thronte und es mit seinen mittelalterlichen Mauern mit Monterregioni aufnehmen konnte, oder vielleicht sogar noch reizvoller war, mit dem Blick aufs breite, weite Meer. Aber sie kamen an und hatten, stellte sich heraus, wenig Zeit; der Garten wurde schon um 18.00 Uhr geschlossen, es war September.

Immer wieder hatte sie sich nach ihrer Ankunft im Westen konfrontiert gesehen mit dem westlichen Feminismus, mit dem sie nicht viel anzufangen wusste und den sie am Anfang in der BRD mit einem ziemlich schlampigen Stil der Kleidung assoziiert hatte, mit Stricken in den Hörsälen der Universitäten und dem Fehlen von Frauen in den oberen Chefetagen, vielleicht auch mit der Zeitschrift „Emma“ und der Person Alice Schwarzer. Für ihre Generation aus Polen, die der Töchter von Müttern, die alles schmissen: den Job, die Versorgung des Haushalts, Klavierspielen und eine gewisse Intellektualität, wenn die Zeit dafür reichte, waren die Kämpfe der Frauen hier anfänglich irgendwie lächerlich und auf jeden Fall unverständlich. Allmählich ging ihr auf, dass in der Welt des Geldes die Sachen sich anders gestalteten, und irgendwann etwas später, auf einer Konferenz im südenglischen Harrogate, bei einem Panel über Frauen in der polnischen Opposition, verstand sie, dass ihre Mutter zwar alles bewältigt hatte sich aber ihres Werts keineswegs bewusst gewesen war, und eigentlich auch keine Feministin. Den „kleinen“ Unterschied zwischen den Feministinnen und den überlasteten, chronisch kranken und überarbeiteten Frauen in ihren vielfältigen Berufen in den sozialistischen Ländern lernte sie erst allmählich.

An das alles dachte sie nicht, als sie durch den Garten an der Grenze zwischen Toskana und Latium ging; das kam erst später nach dem Gespräch mit Andrea. Danach hat sie sich über die Künstlerin, Niki de Saint Phalle informiert, über ihr Leben und den Fluch, der sie verfolgte, und den Segen der Kunst, der ihr erlaubt hatte, so zu leben, wie sie wollte, Kunst als Lebensprinzip zu kultivieren. Vor allem berührt hatte sie die Schönheit der Künstlerin, die aus den Fotos von ihr sprach: das feine filigrane Gesicht und die schlanke Figur, die Schönheit, die im Wiederspruch stand zu den von ihr dargestellten groben, fleischigen, rundlichen und manchmal fast vulgären Frauenfiguren. Ihre „Nanas“ waren für viele Frauen in der alten BRD ein Inbegriff des Feminismus; die bunten Gestalten sah sie einmal auf einer Reise nach Hannover, auch in Bonn, auch die riesige, viele Meter lange Figur von Hon vor dem Moderna Museet in Stockholm.

Doch da in der Toskana, an dem schönen Abend, erschienen ihr die Figuren zu grell, zu bunt, zu aggressiv und demonstrativ, ganz anders als die Umgebung; der Hinweis der Künstlerin auf die Verbindung und Inspiration bei Gaudi und Hundertwasser fand sie nicht gerecht, weil die beiden tief mit den Städten verbunden waren, für die oder wo sie ihre Werke schufen. Sowohl der Park Güell in Barcelona als auch das Elektrizitätswerk in Wien waren jeweils für den Standort errichtet, nicht austauschbar, verwurzelt und einmalig. Den Tarot Garten konnte sie sich dagegen in der Gegend um Berlin auch gut vorstellen; würden die Menschen nicht auch dahin strömten, um sich die wunderbar farbigen, bunten, fröhlichen Figuren anzuschauen? Das Argument, dass diese sich mit der männlichen Welt der italienischen Provinz auseinandersetzten, nahm sie nicht ab. Sie existierten für sich, im Kreis der 22 Figuren der Tarot Karten, das große Arkanum des Spiels, mit einigen Tiergestalten, Wohnensembles dazu. Zwar waren wie immer ihre Geschlechtsteile gut sichtbar und überdimensional, aber das war der Stil der Künstlerin.

Nun war sie aber drin und ging hinter Familien mit vielen Kindern her, die vor Freude und Erregung bei so viel Farbe, Spiegel und Spiegelung quietschten. Sie spielten mit den Tieren, ließen sich fotografieren, drauf, drunter und daneben. Überhaupt war der Garten für selfies wie geschaffen, animierte, die Posen der Figuren einzunehmen, sich zur Schau zu stellen. Sie bewunderte die unheimliche Arbeit, die feine und genaue Ausführung, die Fantasie der Künstlerin. Es war zugegeben schwerste Arbeit, die riesigen Figuren zu schaffen, zuerst aus einem Geflecht von Eisengittern, dann mit Beton zu bespritzen; erst danach kamen die Keramikfliesenarbeiten oder die Bemalung. Die oft verwendeten Spiegelscherben funkelten und spiegelten das Licht der untergehenden Sonne wunderbar, die Farben waren frisch und kräftig, lebendig, wie gerade aufgetragen. Je nach dem Licht der auf- und untergehenden Sonne konnte man unheimliche Fotografien machen, mit Farben, die aus einer ganz anderen Welt waren; wahrscheinlich, dachte sie, musste man sich da etwas länger aufhalten, um den Charme und die Seele des Gartens zu ergründen und ihm zu erliegen. Die Künstlerin selbst verstand den Garten als einen meditativen Ort und zum Tarot-Spiel sagte sie sehr klug einmal: „Das Leben ist wie ein Kartenspiel, wir werden geboren, ohne die Regeln zu kennen, aber jeder von uns muss mit dem Blatt spielen, das er bekommt.“

Zu Hause in Berlin stellte sie herrlich gelbe Sonnenblumen in eine prachtvolle Vase einer schweizerischen Künstlerin, der Mutter einer Freundin, die in Massa Marittima lebt und dort ihre wunderschönen Keramikarbeiten herstellt – eine einmalige Vase, die mit kleinen sich spiegelnden, gelblich-goldenen und burgunder-rostroten Mosaiksteinchen ausgekleidet ist.

Die kleine große Welt (19)

Monika Wrzosek-Müller

Monte Argentario

Sie war wieder im Paradies gelandet – zwischen den Grabmälern (tombe) der Etrusker, römischen Ruinen oder eher Ruinen einiger römischen Städte auf den Hügeln und in den küstennahen Ebenen. Daneben gab es Lagunen; die östliche Levante, in der das Meerwasser überwog, und die Westliche Ponente mit dem Süßwasser, wo sich mehrere Fischbecken und eine Fischfarm fanden und das Wasser leider die Gerüche der sich in engen Becken tummelnden Fische weitergab und die Lust, diese dann abends zu essen, etwas verdarben. Doch von oben, von dem Hügel einer antiken römischen Stadt, sah alles aus wie ein Traum, das Wasser in drei, eigentlich vier Farben, das offene Meer und die beiden Lagunen; die eine dunkel, morastig, verdunstend und die andere grün, grünlich, aber bewegt und das Meer blau, mit Schaumkronen auf den Wellen. Bei näherer Betrachtung waren selbst die beiden Meere verschieden, unterschiedlich das Wasser; das eine klar und durchsichtig, das andere mit Sand aufgemischt, gelblicher; alles durchbrochen mit langen Linien vom Grün der Pinienwälder, das sie an das Grün der indischen Teeplantagen erinnerte, und Schilf und Macchia, und der lange gelbe Streifen des Sands der Strände. Dahinter ragte der große Monte Argentario, von dem der Blick über die vielen Meere und die kleinen Inseln frei gleiten konnte. Es war ein Paradies für Menschen und Tiere, sorgsam vor den nachlässigen und, wenn es um die eigene Mühseligkeit und Bequemlichkeit ging, überaus toleranten Italienern geschützt und bewacht, ein Naturreservat, ohne die üblichen kleinen Umwege und größeren Wege, auf denen man doch mit einem Auto oder Motorino durchschlüpfen konnte; nur Fahrräder waren zugelassen; die konnte man sich ausleihen und die sechs Kilometer lange Pineta entlang radeln. Selbst die Zahl der streuenden Hunde und Katzen war begrenzt, genauso die Zahl der immer wieder an den Stränden wandernden Schwarzen, die verschiedensten Waren anboten. Doch sie waren vorhanden und machten aus dem Paradies ein purgatorio, ein Fegefeuer, wo die Versuchung groß war, immer mehr, immer neue Sachen zu kaufen, zu haben, und die Menschen in den Bars und in den Restaurants konnten es nicht lassen und kauften und redeten sich ein, sie würden den Bedürftigen damit helfen und ihr Gewissen etwas damit beruhigen und die andere Welt vergessen, die aber immer wieder an ihre Türen klopfte.

Sie war diesmal fest entschlossen, die Reste der alten Kulturen zu sehen; die geheimnisvollen Etrusker mit den stolzen Römern, die beiden antiken Kulturen, die sich hier immer wieder mischten und ergänzten. Von den Etruskern hatte man hauptsächlich die Nekropolen in Hülle und Fülle, die Sarkophage schmückten jedes größere Museum oder gar Rathaus, Rathausplatz oder andere wichtige Plätze; die Nekropolen lagen ausgebreitet auf weiten Flächen, darüber gingen dann irgendwann doch die Römer mit ihren breiten, mit Basalt gepflasterten Straßen, schufen weite Konstruktionen ihrer Städte, mit herrlichen Villen, mit Thermen und Küchen, mit Aquädukten, die das Wasser aus entferntesten Gegenden brachten, mit Tempeln und Foren, wo sich die Bürger versammelten. Man konnte die Übergänge oder besser das Zusammenleben der Kulturen sehen, beobachten, wer was von wem genommen, übernommen hatte, vervollständigt und nützlicher gestaltet. Es waren überschaubare Flächen, man konnte sie an einem Tag ablaufen, und sich dann im Stillen immer wieder wundern, wieviel Aufmerksamkeit diese alte Kultur der Etrusker ihren Toten widmete; die imposanten Skulpturen auf den Deckeln der Sarkophagen mit den auf einer Seite, in einer völlig unbequemen Pose liegenden Gestalten bewundern: die eine Hand vor dem Körper ihn abstützend, die andere auf der Hüfte, auf der Seite liegend. Es waren sowohl Männer als auch Frauen, reich gekleidet, in wallenden Gewändern, beide Geschlechter gleich zahlreich repräsentiert; eine der wenigen antiken Kulturen, in denen die Frauen die gleichen Rechte wie die Männer zu haben schienen, was selbst bei der Ausschmückung der Gräber zum Ausdruck kam.

Sie hatte den Eindruck, sie luden ein in ihr Reich, ihre Welt der Toten ein, verströmten steinerne und ewige Ruhe. Es gab so viele von den Skulpturen, dass man sich fragte, wie wohlhabend diese Gesellschaft gewesen sein musste, um sich solche Art von Gräbern leisten zu können. Wie gut oder schlecht ging es dann den Lebenden? Es gab auch bescheidenere Varianten der Gräber, die wie große steinerne Pilze aussahen. Sie standen zusammen auf größeren Flächen, runde wunderbar bearbeitete Steine, die auch etwas Tröstendes und Solides ausstrahlten. Diese ferne Welt der Toten, versteinert und in sich ruhend, verschaffte ihr ein wohliges Gefühl von Ruhe und Kühle, brachte Ablenkung und Abstand von der realen, sehr chaotischen Welt, die zu ihr aus den Bildern und Texten der Zeitungen vordrang und sie erschütterte.

In der globalen realen Welt gerieten die Massen der Flüchtlinge in Bewegung, sie waren nicht mehr zu stoppen, nicht mehr zu lenken; die Menschen kämpften um ihr Überleben, sie wollten ihr erbärmliches Schicksal nicht mehr ohne Gegenwehr ertragen; sie flüchteten vor der Unmenschlichkeit, dem Krieg, den Diktaturen. Das Erstaunliche dabei war nur: Warum passierte das in diesem Moment, als ob alle auf einmal bemerkt hätten, wie schlecht es ihnen ging und wie wenig sie dagegen in ihren jeweiligen Ländern tun konnten. Die Bilder der Menschen eher der Menschenmassen, die die provisorischen Zäune in Serbien und die solideren in Ungarn passierten, auf Bahnhöfen in die Züge drängten, erfüllten sie mit Angst. Sie konnte kaum glauben, dass sie alle jetzt, hier Hilfe benötigten; vielleicht wollten sie ihre Welt verändern oder an dieser heilen Welt wenigstens teilhaben.

Sie versuchte in den antiken Welten Ruhe und Antworten auf die vielen sich drängenden Fragen zu finden, wie lebten damals die Menschen zusammen; was verbindet die Menschen, was teilt, wie schafft man Harmonie, Wohlgefühl im Leben? Es gab natürlich keine Antworten; die steinerne Welt ruhte in verstaubten Räumen und auf den weiten Feldern der Steine und die neue schien erst den Anlauf zu nehmen, und es war nicht klar, wohin sie steuerte.

 

Die kleine große Welt (18)

Monika Wrzosek-Müller

Wittenberg
Cranach der Jüngere und die Cranachs

Seitdem sie den Umschlag des Katalogs der Cranach-Ausstellung gesehen hatte, war sie so in das feine Bild der Prinzessin Elisabeth von Sachsen verliebt, dass sie es sehen musste. Die Fahrt nach Wittenberg, in die weitere Umgebung von Berlin war gut für einen Sonntagsausflug. Sie wählten eine Route abseits der Autobahn, wie sich herausstellte auch zurecht, denn wie immer wurden in den Sommermonaten die Fahrbahnen repariert und ausgebessert und es staute sich direkt nach der Ausfahrt aus Berlin; Staus gab es auch schon in Berlin, wie immer im Sommer, wenn verstärkt an den Straßenschäden gearbeitet wurde, und sie standen da auch einige Minuten länger. Es war Sommer in voller Blüte und Trockenheit, doch das Grün überwog und manchmal blühten sogar noch Kornblumen, die Mohnblumen waren dagegen fast gänzlich verschwunden; an manchen Stellen war die Trockenheit nicht zu übersehen, der Mais stand nur halbhoch, die Maiskolben ganz ausgetrocknet und bräunlich, manche Felder schon abgeerntet. Doch der Weg führte durch kleine Ortschaften, in deren Mitte fast immer eine schöne alte Dorfkirche aufragte und an den Straßenrändern Menschen saßen und Pflaumen, Karotten, Blumen, alles was ihre Gärten hergaben,verkauften und dann wieder führte die Straße durch größere Waldstücke, Wälder, manchmal sogar leicht hügelig, also sehr reizvoll.

Die Stadt Wittenberg kannte sie von früheren Ausflügen, doch sie änderte sich mit jedem Jahr und es war immer wieder interessant das nachzuverfolgen, was neu dazu gekommen war; die Wasserläufe mit den prächtigen Blumen-, eher Pflanzen Arrangements, die vielen Plakate zur Cranach-Ausstellung und große über ungenutzten Flächen aufgespannte Abbildungen der Werke der Cranachs stachen in die Augen und auch die vielen Menschen, die doch offensichtlich zu der Ausstellung gekommen waren. Es war diesmal nicht Luther selbst, sondern seine Maler – denn man musste den Sohn auch einbeziehen – denen die Aufmerksamkeit galt. Besonderes gedacht wurde diesmal Cranach d. J. anlässlich seines 500. Geburtstages, mit einer extra für ihn eingerichteten Ausstellung: Lucas Cranach der Jüngere – Entdeckung eines Meisters, damit der Sohn einmal aus dem Schatten seines Vaters heraustreten und seine Arbeit und Werke erstrahlen konnten.

Das Konzept der Ausstellung, sie in realen von der Familie Cranach bewohnten Plätzen einzurichten, gefiel ihr sehr. So war die Ausstellung auf drei Orte in Wittenberg verteilt, an jedem kam man dem Werk des Künstlers näher: Cranach-Haus, Augusteum und Stadtkirche. Für sie war die Einführung Cranachs Welt im Cranach-Haus am Markt sehr einleuchtend; man lernte die Familie kennen, ihr Umfeld und das Schaffen. Demnach gehörten die Cranachs zu den einflussreichsten Familien in der Stadt; sowohl der Senior als auch der Junior wussten sehr wohl, wie man die Güter der Familie vermehrte, sie in Immobilien, die Apotheke und einen florierenden Weinausschank investierte. Natürlich war die Hauptbeschäftigung mit der Malerwerkstatt verbunden; da entstanden die vielen Werke, die Ideen, wie man sie schneller produzieren konnte; verbreitet war die Kunst des Pausens, d.h. eine einmal gemalte Figur, ein Gesicht konnte mit einer Technik, die in der Ausstellung mit einem Video erklärt wurde, sehr einfach auf ein neues Bild übertragen werden. So entstanden die zahllosen Bilder von Luther mit verschiedenen Kopfbedeckungen.

Eine Malerwerkstatt funktionierte wie ein kleines Unternehmen, die der Cranachs mit ihrer enormen Produktivität glich fast einer Bildermanufaktur; es waren viele Leute beschäftigt, die einen produzierten Farben, die anderen bespannten die Leinwände, die Söhne versuchten sich im Zeichnen, wurden von dem Vater an das Handwerk herangeführt. Das alles kann man sehr anschaulich und authentisch in den Cranachwerkstätten nachempfinden. Sie musste während des Gangs durch die Ausstellung immer wieder an die Beschreibung in einem Roman über Leben und Tun von Tintoretto in Venedig denken, auch er führte seine Kinder an das Handwerk heran und verstand es sehr gut zu investieren und sich immer weiter zu entwickeln, auch er verstand sich eher als ein perfekter Handwerker denn als ein genialer Künstler. Sie dachte, wie anders hatte man die Künstler damals wahrgenommen; sie richteten ihr Tun ganz nach den Marktgesetzen, produzierten die Bilder für die ganze Region in unheimlichen Mengen, zogen alle Aufträge an sich, oft konnte man nicht eindeutig feststellen, wer letztendlich der richtige, ausführende Künstler war, denn es gab einfach zu viel zu tun. Diese Gedanken kamen ihr verstärkt in den Räumen der Ausstellungen über die Cranachs.

Und noch eins beschäftigte sie die ganze Zeit, aber den Zugang dazu fand sie nicht; es war doch die Entstehungsstunde der protestantischen Kirche, d.h. die Cranachs bildeten die Ikonografie dieser neuen Glaubensrichtung. Lag das an ihrem Unwissen oder hatte man diesem Aspekt zu wenig Platz eingeräumt, zwar gab es Bilder wie die fantastische Darstellung: Die Arbeit im Weinberg des Herren, wo explizite der Kampf zwischen den guten, fleißigen Protestanten und den faulen, prächtig angezogenen Katholiken wunderbar zum Ausdruck kam, doch sie fand wenig Erklärungen und Erläuterung zu diesem Themenkreis. Vielleicht, dachte sie, alle die sich die Ausstellungen anschauen, sind selber Protestanten und das meiste ist für sie einfach selbstverständlich.

Erschreckend fand sie die Abbildungen, Fotos vom Zustand des Cranach-Hauses vor der Wiedervereinigung; erstaunlich, dass in der DDR nicht einmal so renommierte Künstler Beachtung gefunden hatten, jedenfalls dass ihre Wohnstätte so vernachlässigt worden war; sie selbst hatte doch vor vielen Jahren im Kulturzentrum der DDR in Warschau einen großen, sehr gut dokumentierten Bildband über die beiden Cranachs gekauft, also war das Werk von ihnen bekannt und anerkannt.

Doch am meisten berührt, bewegt oder einfach auch gefallen haben ihr die 13 Zeichnungen von Cranach dem Jüngeren. Sie kamen aus dem Musée des Beaux-Arts de Reims und sind zum ersten Mal alle zusammen in Wittenberg zu sehen, in einer Art von Schatzkammer, mit gedämpften Licht. Die Zeichnungen auf dem vergilbten, alten Papier leuchten trotzdem durch ihre Schönheit, Präzision und Ausdruckskraft. Man steht verzaubert und erstaunt von der Lebendigkeit und Bildhaftigkeit der Porträts. Lucas Cranach d.J. verstand es meisterhaft, die feinen Linien, die Lichteinfälle, die Schattierungen wiederzugeben; seine Zeichenskizzen erinnerten sie wiederum an diejenigen von Leonardo da Vinci, aus dem Museum in Vinci. Gerade diese Zeichnungen bilden für sie den Mittelpunkt der Ausstellung, sind modern, leben weiter und inspirieren junge Künstler.

Wichtig und interessant fand sie auch die Herausarbeitung der Unterschiede in der Malweise, dem Malduktus zwischen dem Vater und dem Sohn; denn nach dem Weggang des Vaters nach Augsburg blieb die Werkstatt weiterhin sehr gut ausgelastet mit neuen Aufträgen, hauptsächlich bürgerlicher Porträts, Epitaphien und Altären.

Viele der Epitaphien und Altarbilder hat sie dann in der Stadtkirche gesehen, der Rundgang bildete auch das Ende der Besichtigungstour; die anderen Ausstellungsorte in Dessau und Wörlitz, sowie in den kleineren Kirchen der Umgebung von Wittenberg konnte man an diesem einen Tag niemandem zumuten.

***

Heute vor 500 Jahren, am 4. Oktober 1515, wurde Lucas Cranach der Jüngere als jüngster Sohn von Lucas Cranach dem Älteren und Barbara Brengebier in Wittenberg geboren. Das Land Sachsen widmete ihm und der ganzen Cranach-Familie mehrere Ausstellungen und Veranstaltungen – mehr

Die kleine große Welt (17)

Monika Wrzosek-Müller

Warszawa – Warschau, Impressionen

Sie war in die Stadt ihrer Jugend gereist, mit Freunden und Sohn; ohne bestimmte Absichten, ohne Hintergedanken. Das erste Mal seit langem, oder war das überhaupt das erste Mal, als Touristin, ohne an tausende Sachen, die es erledigen gab, denken zu müssen, ohne sich mit den „daheim Gebliebenen“ beschäftigen zu müssen. Nicht einmal ihre Warschauer Freunde hatte sie benachrichtigt, sie wollte sich die Zeit für sich selbst und ihre Mitreisenden nehmen. Es waren auch nur drei Tage, die sie zur Verfügung hatten.

Ihre Stadt erlebte sie diesmal aus einer ganz anderen Perspektive und war sichtlich erstaunt, wie lebendig, gewachsen, sauber und menschenfreundlich sie geworden war. Abgesehen von den tropischen Temperaturen und einer Trockenheit, die die halbe Weichsel hatte verschwinden lassen, aber doch ein stetes Bemühen sichtbar machte, die Parks und Grünanlagen im Schuss zu halten, abgesehen auch von der gesperrten Brücke der Łazienki-Trasse, wegen der der Verkehr auf die andere Seite der Weichsel lahm gelegt war, war die sommerliche Zeit wunderbar, um die Stadt zu durchwandern und zu besichtigen. Die Warschauer selbst waren eher in Ferien, die große Sommerpause lag ausgebreitet über der Stadt, es gab weniger Verkehr, in den Parks sah man fast nur ältere Leute, kaum Studenten auf den Hauptstraßen Krakauer Vorstadt und Neue Welt; doch sicher viele Touristen, Unmengen von jungen Leuten in heiterer Sommerstimmung, die den Darbietungen verschiedener Akrobaten, Musiker und Theatergruppen aufmerksam folgten, auch viele Gruppen von Ausflüglern aus Israel, Deutschland, Italien und anderswoher. Man hörte vor allem Englisch aus allen Richtungen, in allen Varianten, Niveaus und mit unterschiedlichsten Akzenten und doch natürlich Polnisch, und sie hörte ab und zu ihren Sohn ihre Sprache sprechen und war sehr davon berührt.

Sie wohnten im Mittelpunkt der Bewegung der Menschenmassen, nämlich in der Altstadt. Nie hätte sie gedacht, dass sie da mal wohnen würde, dass man da überhaupt wohnen kann; doch im dritten Stock, in dem schönen, geräumigen und gut eingerichteten Appartement, war es erstaunlich ruhig. Sie durchstreiften die Stadt vor allem zu Fuß und dank der hervorragenden Lage ihres Domizils, konnten sie überall schnell hinkommen, manchmal nahmen sie auch eine Tram und einmal erlebten sie dort eine der zwei Warschauer Fixierungen, der zwei kleinen, ungefährlichen Manien, wie sie sie für sich so nannte und die ihr während des kurzen Aufenthalts aufgefallen waren. Im letzten Moment, als die Tram schon am Fahren war, sprangen vier jugendliche Musiker auf, die im Stil der Warschauer Aufständischen von 1944 angezogen waren, mit weiß-roten Armbinden, Hosenträgern, Schiebermützen und übergroßen, alten Klamotten, und die Lieder aus der Zeit sangen. Es waren sehr einfache, im Marschtempo gesungene Lieder, die damals zur Erheiterung und zum Ansporn, große Taten zu vollbringen, oder auch am Leben zu erhalten, was es zu erhalten gab, gesungen wurden. Wenn die jungen Aufständischen oft in ausweglosen Situation waren, halfen ihnen die Lieder, einen Faden des Optimismus zu spinnen. Sie kannte sie alle von ihrem Vater und konnte sie mitsingen; er hatte sie sein Leben lang, auch in schwierigen Situationen, immer wieder gesungen: „Pałacyk Michla“ [Das Schlösschen von Michler], „Serce w plecaku“ [Das Herz im Rucksack], „Rozszumiały się wierzby płaczące“ [Es rauschten die Trauerweiden] „Hej chłopcy bagnet na broń“ [Also Jungs, Bajonett präsentieren], „Pieśń szarych szeregów“ [Der Song der Grauen Reihen] und viele andere mehr. Mit manchen verband sie die Erinnerung an sie als kleines Kind während der Ausflüge in den Wald, ans Meer oder in die Berge, wo sie diese Lieder alle zusammen marschierend gesungen haben; eine Nostalgie und Melancholie bemächtigte sich ihrer; sie sang: „Ein Soldat marschierte seinen Weg, hat sich eines Herzchens angenommen, er steckte es in den Rucksack und marschierte weiter.“ oder „ Das Schlösschen von Michler, Zytnia, Wola, das alles verteidigen die Jungs von ‘Parasol’ [Schirm], obwohl sie nur Pistolen gegen den Tiger haben – das sind doch Warschauer Jungs…“ ganz im Marschtempo, mit dem großen Optimismus, den man sich einreden musste, sollte und wollte. Eine ältere Frau wandte sich an sie; so toll würden die jungen Leute heutzutage singen, bravo, bravissimo, besser als die herumlaufenden Zigeuner, noch mehr: sie hatte Tränen in den Augen. Die Gruppe bekam gutes Geld und stieg zufrieden mit Schwung aus dem Straßenbahnwagen aus. Noch eine ähnliche Gruppe und noch eine andere haben sie dann auf ihrem Weg zur Altstadt an diesem einen Tag auf diese Art spielen und singen gehört. Überhaupt war der Warschauer Aufstand in der Stadt omnipräsent, abgesehen von dem schönen, umstrittenen Museum des Warschauer Aufstandes, in dessen Archiv ihr Vater seine Erinnerungen deponiert hat, an den vielen Denkmälern und Erinnerungstafeln stolperte man auch in Warschau über die Stolpersteine; natürlich dachte sie, das historische Ereignis wurde so lange verschwiegen, also musste jetzt umso heftiger daran erinnert werden. Doch manchmal hatte sie so ihre Zweifel, wem und wozu das alles diente und diese Überpräsenz der Erinnerungsorte machte sie unsicher. Doch sie freute sich immer, dass ihr Vater noch zu Lebzeiten endlich Anerkennung und Beachtung für sein leidvolles Leben gefunden hatte.

Die zweite Manie betraf Chopin. Sie gingen ganz bewusst zum sonntäglichen Konzert an seinem Denkmal in Łazienki-Park; das ist eine sehr schöne, alte Warschauer Tradition. Es spielten meistens die Teilnehmer des Chopinwettbewerbes. Jung und Alt, hunderte von Menschen hörten sich Jahr für Jahr diese Musik an, die älteren saßen auf den Stühlen und Bänken, die jüngeren lagen im Grass, wie es sich gehört. Wir mussten leider zu den jüngeren zählen, denn es gab keine Sitzplätze mehr. Trotzdem war das Hören dieser sehr polnischen Musik in der besonderen Umgebung ein großes Erlebnis und alle vier waren wir sehr davon berührt und angetan. Sie beobachtete das Publikum; es gab junge Frauen mit kleinen Kindern, die ganz still auf dem Boden lagen, auch junge Väter mit Kindern, die sich meistens weniger ruhig verhielten, weniger präsent waren ganze Familien; die jungen Leute waren alle sehr lässig, eher sportlich angezogen. Es gab aber ältere Damen, sehr aufgemacht; in Hüten, in Sonnenhüten mit Blumen und Kokarden und ohne, mit bunten Tüchern, über die Schulter oder am Hals, mit kleinen Sonnenschirmen, mit kleinen Täschchen oder größeren Körben, weniger Herren in heller Sommerkleidung. Das gefiel ihr ausgesprochen gut; ins Staunen geriet sie aber erst später, auf der Krakauer Vorstadt, wo sich eine Frau auf eine der schönen Bänke setzte und, siehe da, Chopin-Musik erklang, und es stellte sich heraus, dass aus allen diesen schönen Bänken Chopin erklang, sobald man sich glücklich oder unglücklich hinsetzte. Sie war mit Chopin aufgewachsen, die Mutter zwang sie immer wieder zum Chopinwettbewerb zu gehen oder die Vorausscheidungen im Fernsehen oder Radio zu verfolgen. Sie selbst hatte unzählige CDs mit seiner Musik und hörte sie sehr oft und gerne, aber wurde die Musik des Künstlers nicht überstrapaziert mit dieser Omnipräsenz, einer nicht immer gewollten? Es hingen auch überall Erinnerungstafeln, wie lange und wo sich Chopin aufgehalten hatte. Angesichts der Tatsache, dass er eigentlich schon mit 21 Jahren, nach dem Novemberaufstand von 1831, ins Ausland gegangen war und fast sein ganzes erwachsenes Leben in Frankreich verbracht hatte, schien ihr diese Überpräsenz in Warschau etwas lächerlich und künstlich, aber auch rührend.

Des Weiteren besichtigten sie alle möglichen Museen und Gebäude, Galerien und Parks und auch natürlich; was für sie vor 20 Jahren noch gar nicht so natürlich gewesen wäre, den 31. Stock im Kulturpalast von Warschau – demselben ungeheuerlichen Palast, den sie früher immer gemieden, ausgelacht und manchmal auch gehasst hatte, als Symbol der fremden Macht, die sich ihrer Stadt, ihres Landes bemächtigt hatte – wo man das alles noch mal von oben sehen konnte, wo sie unten gewesen waren und staunten über die solide Inneneinrichtung des Palastes, die der vergangenen Zeit trotzte und glänzte und doch irgendwie imponierte.

Die kleine große Welt (16)

Monika Wrzosek-Müller

Die Flüchtlinge

Das Flüchtlingsheim war groß und unförmig; ein langes, hässliches Gebäude an einer sehr belebten Straße mit einem für Berliner Verhältnisse selten schmalen Trottoire. Es lag in einer Industriegegend, einem so genannten Gewerbegebiet mit vielen Betrieben und billigen Supermärkten einerseits und kleinen Einfamilien- oder auch Reihenhäusern andererseits. Eine Gegend, in der man sich fremd fühlen musste, aber nicht schlechter oder besser als andere dafür vorgesehene. Die Flüchtlinge waren zufrieden, manchmal sehr sogar. Sie waren immerhin dankbar für ein Dach über dem Kopf. Innen war alles frisch angestrichen, kleine Küchen und Bäder, die separat für Frauen und Männer, mit Duschen wurden eingerichtet; doch alles strahlte solche Ungemütlichkeit, Strenge und Leere aus, dass sie sich kaum vorstellen konnte, wie Menschen dort länger wohnen bleiben sollten und wollten. Immerhin hatten die Familien größere Räume, manchmal auch zwei; die alleinstehenden Männer mussten sich mit Zwei- bis Dreibettzimmern zufrieden geben. Sie bekamen eine Erstausstattung mit einem Set von in Folie eingeschweißten drei Töpfen, zwei Pfannen, Schneidebrett, einigen Messern etc…alles neu, von mittelmäßigen Qualität. In den Küchen gab es auch neue Herde, und Geschirrspüler; Kühlschränke standen in den Zimmern, alles fabrikneu, ungebraucht. Sie dachte, wer verdient hier so massiv, sind das die Unternehmen, die diese Gegenstände produzieren, warum kann man nicht gebrauchte Geräte benutzen und die Kosten auf diese Weise senken, damit man dafür andere Sachen bezahlen kann? Es gab auch einen Innenhof, auf dem für ihr Empfinden immer nur gestritten oder ständig laut geredet wurde, was sie dann als Streiten wahrnahm, und überall spielten Kinder in allen Altersstufen; Grüppchen von Männern standen verstreut auf dem ganzen Gelände herum, die Frauen immer ein paar Schritte weiter. Sie bildeten in kürzester Zeit ihre eigenen Gemeinschaften, mit ihren spezifischen Hierarchien, ihren Sitten und Bräuchen, von außen ziemlich abgeschottet und undurchdringlich; jede Nationalität für sich allein.

Und jeden Morgen so ab zehn Uhr schlichen die Ehrenamtlichen durch das Gelände, laut grüßend und unsicher, ob man sich auf die Menschen einlassen, wie man weiter mit ihnen kommunizieren sollte. Sie unterrichteten Deutsch, spielten mit den Kindern, organisierten manchmal Ausflüge, damit die Menschen aus der Gegend in eine andere rauskamen. Sie wollten aber oft zu viel Perfektion beim Organisieren, so dass die Menschlichkeit sich hinter den Ordnern, den Mappen und den Fragebögen versteckte und die Flüchtlinge manchmal verschreckte. Aber der Wille alles richtig zu machen, d.h. auch richtig zu helfen überwog. Es gab auch Helfer, die Spielzeug, gebrauchte Kleidung, Haushaltsgeräte etc. brachten, manchmal zu viel, manchmal zu stark gebraucht, so dass die Mitarbeiter es nicht schafften, alles zu sortieren, oder dass es sich das Sortieren nicht lohnte. Sie sah, dass die Hilfe spontan, herzlich, wenn auch oft unbeholfen kam.

Sie wollte auch helfen; es war ein innerer Wunsch, denn am Anfang war es auch ihr in der Fremde schlecht gegangen, und alles war so kompliziert und neu, dass sie sich gar nicht vorstellen konnte, wie diese Leute, nach ihren Erlebnissen im Mittelmeer oder auf dem Weg über die Berge, es hier schaffen sollten. Schließlich hatte sie selbst auch nie eine feste Arbeit bekommen, obwohl sie perfekt Deutsch sprach, aus Europa kam, einen deutschen Mann hatte, über einen (wie sich zeigte, völlig unbrauchbaren) Magistertitel in einem humanistischen Fach verfügte.

Sie spürte instinktiv, dass der Flüchtlingsstrom ein großes Problem sein würde; ein großes Problem für sie, für die anderen, für Deutschland, für Europa, schließlich für die ganze Welt. Aber obwohl man immer öfters darüber sprach, schien die Welt andere Probleme ernster zu nehmen als die Schicksale der Menschen, die sich in Bewegung gesetzt haben. Sie überlegte immer wieder, warum das erst seit Kurzem in so extremen Form aufgetreten war, warum die Leute so lange gewartet hatten, um sich jetzt umso desperater in ihr Abenteuer zu stürzen, ohne andere Wege zu sehen, zu erkennen oder wirklich zu haben; waren daran die Mobiltelefone und die globalen Vernetzungen schuld oder hilfreich, dass die große Welt so klein geworden war. Je länger sie sich damit beschäftigte, nicht nur im Kopf sondern auch ganz praktisch, indem sie ihnen half Deutsch zu lernen, erkannte sie, dass jeder Fall individuell und einzigartig war, jeder von den Flüchtlingen seine eigene Geschichte schrieb, und sie passierte schon und fand in Deutschland statt, ob man es wollte oder nicht. Es gab keine allgemeinen Lösungen; oder anders: es gab einige Lösungen, die die juristische Seite betrafen, doch ansonsten war jeder sein eigener Fall und es reichte nicht, ein paar Brocken Deutsch zu sprechen und etwas mehr zu verstehen, es war ein sehr kompliziertes Gefüge von allen möglichen Faktoren, die ihren Aufenthalt in Deutschland zum Gelingen bringen konnte – oder auch zum Scheitern.

Den Flüchtlingen war der Schrecken der langen Reise anzusehen; im Deutschunterricht saßen manche mit weit geöffneten, fast aufgerissenen Augen da, unbeweglich, andere wiederum bewegten sich ständig und zappelten und konnten nicht stillhalten. Es gab auch welche, die aus so diametral anderen Verhältnissen kamen, dass sie ernsthaft zweifelte, wie eine Sozialisation für diese Menschen aussehen sollte. Aber, und darüber war sie sehr erstaunt, es gab auch solche , die sich in Windeseile von den Strapazen erholt zu haben schienen, laut und herzlich lachten, entspannt waren, munter und zuversichtlich. Sie staunte, wieviel Kraft und Energie diese Menschen haben mussten, um unter diesen Umständen fröhlich sein zu können. Sie selbst war da viel düsterer und tat sich unnötig schwer mit der Umstellung; sie tauchte alles in Schwarz, war unzufrieden, abwesend und ablehnend. Klar, sie hatte Gründe dafür dazu, klar, es war nicht leicht, doch sie erkannte, dass letztlich jeder sein Leben so lebte, wie er konnte, und man musste sich bemühen, besonders in der Fremde, das Beste daraus zu machen.

Die kleine große Welt (15)

Monika Wrzosek-Müller

Fliegen im Traum und Realität

Früher träumte sie oft vom Fliegen. Es waren sehr reale oder eher surreale Träume, in denen alles scharf, in Farbe, wirklichkeitsgetreu zu sehen war. Sie stand im Fensterrahmen brauchte eigentlich nicht einmal zu springen, sondern glitt schwerelos in die Luft, und dann war da schon die reine Wonne, über den kleinen Dörfern und Städtchen mit ihren Kirchentürmen, Straßen, Plätzen und Häusern zu fliegen, von oben auf die Landschaft zu schauen; die Menschen sah sie eigentlich kaum. Sie hatte nie Angst, dass sie abstürzen könnte; sie wusste, dass sie jederzeit innehalten konnte, unterbrechen, landen. Alles geschah mühelos und harmonisch, ihre Bewegungen waren unangestrengt und fließend. Eigentlich hatte sie auch keine richtigen Flügel, sie bewegte nur ihre Arme, manchmal auch die Beine, wie beim Schwimmen. Sie kannte nie die Gegend, es waren eher so etwas wie imaginäre Weltlandschaften, das war auch offenbar nicht wichtig, es zählte das Erleben des Fliegens. Später versuchte sie die Träume zu deuten und kam darauf, dass sie etwas mit der Freiheit, dem Gefühl von Loslassen, von uneingeschränkten Möglichkeiten zu tun hatten. Die Träume kamen in einem Zeitabschnitt geballt und dann verschwanden sie auf Nimmerwiedersehen. Sie fand das schade, denn wenigstens im Traum war das Leben leicht und angenehm.

Das Fliegen mit dem Flugzeug war eine ganz andere Sache, sie fand es eher bedrohlich; auch wenn man sich dadurch schnell von einem Ort zum anderen bewegen konnte, benutzte sie, wenn immer es ging, eher die Bahn oder das Auto. Manchmal war das Schauen von Oben auf die Wolken oder die untergehende Sonne bezaubernd und überirdisch; doch im Allgemeinen hatte das Fliegen mit dem Flugzeug für sie nichts mit dem Gefühl von Freiheit zu tun. Und doch wusste sie, dass für viele Menschen das Fliegen eben das große Versprechen der Freiheit in sich trug; die große Welt wurde immer kleiner, die Entfernungen schrumpften, man konnte überall hin, sich die Wünsche erfüllen, ausgefallenste Orte in der Welt zu besuchen . Für sie war das nicht besonders befriedigend, es ging ihr alles zu schnell, war zu laut, zu gewaltig, so von einem Ort zum anderen versetzt zu werden, ohne Vorbereitung und ohne Übergang in der Natur, dem Klima, den Menschen und ihren Bräuchen und Traditionen. Auch die Flugzeuge als fliegende Maschinen hatten nichts mit ihren Träumen zu tun, in denen das Fliegen sehr körpernah, körperlich und ohne solche Hilfsmittel geschah; die Flugzeuge waren ihr fremd, zu groß, zu hart und zu kompliziert. Die lärmenden Flughäfen mit überfüllten Abflughallen, mit Kontrollen und langen Gängen, alles das gehörte nicht zum Gefühl des Fliegens.

Erstaunlich oft beschäftigte sie das Fliegen; lag das daran, dass sie an ihren Großvater denken musste, der Flieger, Pilot und Experte für Luftrecht gewesen war? Er hatte mit anderen jungen Leuten in Polen, in Krakau, einen Areo Club gegründet und flog zum Schrecken der ganzen Familie mit kleinen Flugzeugen in Dreiecken in den Lüften, erkundete den Luftraum, bekam dafür immer wieder diverse Preise und war überhaupt ein sehr umtriebiger Mensch. Später, im Zweiten Weltkrieg kam er dann über Rumänien, Istanbul und Frankreich nach England und kämpfte in Royal Air Force, zum Ende des Krieges wurde er dann über Schottland von den Deutschen abgeschossen. Er war natürlich ein Überflieger auch in einem anderen Sinne, arbeitete an der Lemberger Universität als Dozent für Luftrecht und verpflichtete die Familie zu großen Taten und zum außergewöhnlichen Tun. Auch wenn sie ihn nicht kennengelernt hat, nicht kennenlernen konnte, war sie vielleicht dadurch immer wieder unzufrieden mit ihrem eigenen Tun; es war nie gut genug; es war nie das Fliegen, schon gar nicht das Überfliegen, sondern eher das mühsame Weiterschreiten und sich Fortbewegen und sie sehnte sich doch so sehr nach der Leichtigkeit und Unbeschwertheit der Lüfte. Doch der Traum von Fliegen existierte irgendwo im Hinterkopf und nährte ihr Tun und Leben, verhalf manchmal zu etwas mehr Leichtigkeit und Wohlfühlen, in der sonst für sie angestrengten Existenz.

Da dachte sie; die Flüchtlinge jetzt kamen fast alle mit Booten übers Wasser oder zu Fuß nach Europa. Das hatte nichts mit Leichtigkeit, mit Unbeschwertheit zu tun. Es war gefährlich, bedrohlich, ihre Wege einsam und schrecklich, verbunden mit dem Kampf ums Leben, ums Überleben. Sie zeigten Europa und der westlichen Welt, dass das Leben nicht immer nur in den Lüften und zur Befriedigung eigener Wünsche stattfinden konnte. Sie zeigten, dass noch so viel Unerledigtes und Grausames in der Welt passierte, dass die Träume vom Fliegen oder von einer Reise zum Mond und in die Lüfte beschämend waren, dass die Aufgaben tief verwurzelt auf dem Boden, auf der Erde erst einmal erledigt werden mussten, bevor man sich zu Höherem aufschwingen konnte. Die große kleine Welt war voll von Ungerechtigkeit und Missständen, die Träume von Fliegen und Leichtigkeit halfen nicht die elementaren Aufgaben zu lösen und den Menschen zu helfen. Und dann dachte sie; wie würden diese Menschen sich hier zurechtfinden nach all den Gräueln, die sie erlebt haben. Wie würden sie zurechtkommen in einer Welt, die, auf Konsum eingestellt, gierig ist und ihnen mit wenig Empathie gegenüber steht. Und sie bemühte sich zu helfen und mit ihren Möglichkeiten das Wenige zu tun, um den Flüchtlingen das Ankommen in der Gesellschaft zu erleichtern, die Sprache zu erlernen, sich zurechtzufinden. Der Traum von großen Fliegen in der kleinen Welt war sehr geschrumpft.

Die kleine große Welt (14)

Monika Wrzosek-Müller

Zehlendorf

Sie wohnte jetzt seit einigen Monaten in Zehlendorf; die Gegend war wunderbar, alles zu Fuß zu erreichen, die S- und U-Bahn, kleine und größere Läden, viel Grün rundherum, das man nicht selbst pflegen musste, auf dem Balkon viel Platz zum Sitzen, sich sonnen, die Mitbewohner ausgesprochen sympathisch, gebildet, freundlich, ruhig, unaufdringlich und doch gesprächig. Zehlendorf-Mitte fast städtisch, menschenvoll, geschäftig, urban, aber ohne riesige Einkaufszentren, mit einem kleinem Kino, einem Heimatmuseum, einer Kirche, dem Bürgeramt und allem was dazu gehört.

Das Haus lag in einer Sackgasse, sie endete mit einem Rondell, sehr elegant und den Verkehr mindernd. Das große Gebäude selbst offensichtlich ein Relikt noch besserer Zeiten, ein schönes altes Bürgerhaus mit bröckelnder Fassade mit Kriegsschäden, noch sichtbar und nachvollziehbar, morbid, elegant und gemütlich; der Eingang gesäumt mit zwei rostroten monströsen Meerungeheuern sehr außergewöhnlich. Ihr war das alles lieb und unangestrengt, eine Gegend gewachsen mit den Jahren, wie das Grün der riesigen Bäume im Streifen zwischen der kleinen Wohn- und der großen Verkehrsstraße, alles wirklich geplant für ein glückliches, ruhiges, gelungenes Leben. Wenn man sich die Menschen dann länger und näher anschaute, bemerkte man zwei Gruppen oder Sorten; die einen waren eher ausgeprägte Individualisten; meistens allein lebend, skurril, ältlich um nicht direkt zu sagen alt, mit interessanten Berufsbildern; die anderen dagegen ganz jung mit kleinen Kindern, viele alleinstehende Mütter darunter. Es fehlte die mittlere Ebene; die war entweder gut versteckt, nicht sichtbar, oder eben nicht vorhanden. Die weit verbreiteten Stereotypen über diesen Wohnviertel stimmten für die ein paar Straßenüberhaupt nicht; es wohnten hier keine sehr reichen, versnobten Menschen, mit teuren Autos und dicken Portemonnaies.

Sie ging ihren kleinen Beschäftigungen nach, lernte ein paar von den Nachbarn kennen, nicht näher aber doch so, dass es nett sein konnte, dass man immer wieder ein paar Worte wechselte, sich immer begrüßte. So plätscherte das Leben vor sich hin, ohne dabei mühevoll zu erscheinen.

Das junge Paar aus Chile, das in dem Gebäude Hausmeister spielte, war unheimlich nett, bemüht alles richtig zu machen; sie putzten jede Woche das ganze Treppenhaus genauestens, kümmerten sich auch um den Vorgarten. Ihr kleiner Sohn war weit und breit das einzige Kleinkind, das überhaupt keine Angst vor ihrem Mini-Dackel hatte. Da dachte sie, wie kommt es, dass die im Wohlstand lebenden, in einer Großstadt erzogenen Kinder so viel Angst vor Tieren an den Tag legen. Sie versuchte mit den Kleinen darüber zu sprechen, aber meistens gab es nichts zu bereden, sie schrien sobald der winzige Hund sich ihnen näherte, die Eltern lächelten dabei schief und unsicher und erklärten, es gebe doch so viele böse Hunde. Prinzipiell würde mein Kind keinen Hund streicheln dürfen. Sie dachte; das Leben besteht aber doch nicht aus prinzipiellen Verboten und Erlaubnissen, sondern aus Einzelfällen und Zufällen, es wird immer wieder neu entschieden, neu verhandelt und neu gelebt, auch wenn dabei oft die alten Muster wirken. So könnte man doch einem kleinen Kind erlauben einen kleinen Hund zu streicheln und ihm damit die Angst nehmen.

Das Hausmeisterehepaar war wirklich außerordentlich nett und irgendwie doch auch in der deutschen Wirklichkeit verloren, so hielt sie immer wieder an und unterhielt sich mit ihnen. Da erzählten sie ihr, sie würden nach Polen in Urlaub fahren, an die Ostsee. Das hat sie natürlich sehr gefreut, sie erklärte ihnen, dass sie aus Polen stamme, aus Warschau, der Hauptstadt. Ja, sie würden auch mit einer Polin fahren, die ihre Freundin geworden sei, sie wohne in unserer Straße, habe zwei kleine Kinder und ihr Mann leite eine Firma, die wiederum lauter Polen beschäftige…; so ging das weiter und weiter. Sie erzählten auch vom Heimweh und vom Sparen für Flugticket nach Chile, von der Freude mit dem wunderbaren kleinem Jungen, vom kurzen Sommer und langen Winter in Berlin. Es waren warme, sehr fleißige und besondere Menschen, durch ihre Liebe zueinander und zu ihrem Sohn vereint. Die Polin hatte sie schon von weitem einige male gesehen; es war eine sehr hübsche, sehr junge Frau, der es offensichtlich sehr gut ging, die Kinder waren wie aus dem Bilderbuch,sehr stillsicher angezogen, gut erzogen, mit hellen Puppengesichtern, fuhren mit ihrer Mama im riesigen Mercedes in ihren Kindergarten.

Irgendwann sah sie dann auch den Mann, von weitem; in der kleinen Straße begrüßten sich eigentlich alle, auch sie grüßten einander. Er kam ihr bekannt vor, das Gesicht kannte sie aus anderen Zusammenhängen, sie musste nur darauf kommen, aus welchen. Irgendwann grüßte er sie auch auf Polnisch und da fiel es ihr ein: sie hatte in seiner Firma die Polen unterrichtet, die da arbeiteten; hatte ein Jahr lang versucht, den Menschen die Sprache ihrer nächsten Umgebung näherzubringen. Es war eine mühsame Arbeit, die meisten wollten die Sprache gar nicht lernen oder beschränkten sich nur auf das Nötigste, da sie ohnehin ihren Lebensmittelpunkt in Polen hatten, das Geld dorthin brachten, dort ihr richtiges Leben führen wollten. So blieb ihre Mühe erfolgslos, die Zahl der Kursteilnehmer sank, die Firma wollte verständlicherweise kein Geld mehr ausgeben und der Unterricht wurde eingestellt.

Sie dachte bei sich, wie es ist, wenn man in einem fremden Land nur aufs Geldverdienen aus ist, nichts rundherum wahrnehmen will oder kann, wegen Sprachschwierigkeiten, wegen all der kleinen Problemen, die dann zu großen werden und einem das Kennenlernen erschweren oder unmöglich machen. Und sie dachte, dass da niemanden eine Schuld treffe, dass die Zeit einfach zu schnell lief, dass die Prioritäten woanders lagen und das konnte sie für sich nur sehr schwer nachvollziehen und akzeptieren.

 

Die kleine große Welt (13)

Monika Wrzosek-Müller

Yoga Festival-Kladow

Wie jedes Jahr fuhr sie mit der Fähre nach Kladow; was wichtiger war: die Fahrt selbst oder das jährliche Event des Yoga-Festivals, wusste sie nicht. Leider war die Fähre modernisiert und die alte, die an ein Boot erinnerte – klein, mit ein paar Plätzen auf dem Dach – durch ein Monstrum aus geschlossenem Plexiglas ersetzt, das an eine breite S-Bahn erinnert. Vorbei damit, dass man den Wind spürte und auf dem Deck eng mit den anderen auf Yogamatten zusammen saß. Es war sauber, übersichtlich, mit Reihen von Sitzplätzen, wie im Kino, mit enorm viel Platz für wenige, die ihn nicht brauchten; doch sie fuhr damit.

Und wie immer war die Überfahrt ein Erlebnis für sich; sie war in ihrem Kopf noch Meilen von dem Yoga Event entfernt; schaute verträumt um sich herum, auf das Wasser, die vielen Boote, die bewaldeten Ufer des Wannsees; die schöne Seite von Berlin stimmte sie melancholisch. So lange kämpfte sie schon mit sich um ihren Platz in diesem Berlin und den Platz von Berlin in ihr; es war unendlich schwer das zu verbinden, sich zu finden als Mensch, als Ehefrau, als Mutter, als Fremde, als Germanistin, als Arbeitskraft, als Yogalehrerin, als Übersetzerin und als Deutschlehrerin. Immer wieder nagte das Gefühl an ihr, nicht dazu zu gehören, etwas verpasst zu haben; sich nicht einmischen zu wollen, das Leben von außen zu betrachten, nicht bemerkt zu werden und nicht das eigentliche Leben zu leben. Es lag an ihr, der langsame passive Gang ihres Lebens, sich vorwärts schaukeln, wie die Wellen nach vorne rollen und schnell wieder zurückkehren, sich zurücknehmen, was man schon erreicht hat, zerstören. Die Überfahrt war lang und doch kurz oder genau richtig, um nicht zu lange grübeln zu können.

Die jungen Leute um sie herum mit eingerollten Matten zogen sie an, gaben ihr den Vorwand, weiter zu machen, nicht stehen zu bleiben, lebendig zu sein. Und doch spürte sie, dass es für sie eine Außenseiterrolle im Leben war, sie war nicht drin, sondern verlor sich an den Rändern der gesellschaftlichen Aufgaben, auch um nicht allzu ernst genommen zu werden und sich nicht allzu ernst nehmen zu müssen. War das eine Art Flucht oder Ausweg aus ihrer immer wieder sich verknotenden Seele, aus der oft nicht stimmigen inneren und äußeren Welt? Mit diesen Gefühlen saß sie in der Fähre und ging dann den mit blühenden Linden gesäumten Weg zum Gutshaus Neukladow und den Park rundherum, den Abschnitt bewältigte sie mit schnellem und energischem Gang, um mit den jungen Leuten Schritt zu halten. Das Festival, fand sie, war stimmig für Yoga, für sie und für die jungen Leute mit ihren Rasta-Locken und bunten, langen Kleidern mit Tattoos, oft barfuß, aber immer nett und mit einem Lächeln auf den Lippen, es war ganz frei, ohne feste Vorgaben, wo wie und wie lange man bleiben, zuhören, mitmachen sollte. Jeder ging, übte mit, saß, sang, meditierte solange er wollte, konnte oder es ihm Spaß machte. Das fand sie gut, sogar sehr gut in der Welt der vielen Zwänge; meistens sprach sie mit völlig fremden Menschen über dieses und jenes, es waren selten die yogischen Themen, obwohl es irgendwo klar war, dass Yoga sie alle verband, als die Art, wie man das Leben verstand oder zu verstehen versuchte und sich ohne Druck im Leben voran bewegen mochte. Dieses ein bisschen verrückt sein gab ihr mehr Platz, mehr Raum und Freiheit, in der geordneten, sehr von außen gesteuerten Welt zu bestehen; sie verstand, warum so viele Immigranten Künstler waren, es blieb ihnen nichts anderes übrig, das war ihre Art mit der Außenwelt fertig zu werden, zu überleben, im Meer der Fremdheit zu schwimmen.

Sie lagen dann alle auf den bunten Matten auf der Wiese, mit ganz verschiedenen Meditationskissen oder ohne, die Reihen von Menschen, unheimlich viele: jung und älter und manchmal ganz alt, mit dem Wunsch und der Neugier sich zu bewegen oder zu spüren, wie es ist, bewegt zu sein, sich wahrzunehmen, bei sich zu bleiben. Manchen gelang das vielleicht, andere kämpften mühsam darum, entdeckten es gerade für sich; eine ganz andere Welt, emotional und sehr nah, körperlich und geistig, sehr anspruchsvoll aber für jeden erreichbar, tolerant und inspirierend. Sie beobachtete die anderen, wie weit gingen sie mit, was machten sie mit dem Atem, wie gut waren sie in den Stellungen. Es gab viele, die alle Übungen perfekt ausführen konnten, und einige, die gerade dabei waren sie zu erlernen; diejenigen schaute sie immer wieder neugierig an, heimlich aber fasziniert. An ihre Anfänge konnte sie sich nicht mehr erinnern; sie übte Yoga schon sehr lange, was nicht bedeutete, dass sie geübt war, wie immer fehlte ihr der Ehrgeiz perfekt zu sein.

Zu Mittag aß sie Falafel, seit vier Jahren an denselben Stand, mit wenig Soße, und trank dazu ihren Mango-Lassi; es schmeckte und stärkte wunderbar. Nebenan saßen zwei ältere Inder in ihren weißen Dhotis und Kurtas sehr yogisch und sehr indisch; sie erzählten, dass bei ihnen zu Hause, in der großen indischen Welt immer Männer zum Yoga kämen, sie würden lange sitzen und Pranayama üben und einige Mantras singen, manchmal meditieren, doch hier würden sie nur Frauen vor sich haben, die alle auf diese gymnastische Übungen aus wären und gar nicht zuhören wollten und ganz bestimmt nicht lange unbeweglich sitzen. Das wäre hier eine ganz andere Welt und das Yoga hätte ein ganz anderes Gesicht; und sie mischte sich ein: dass man auch hier in dieser Welt Mantras singen und zu meditieren versuchen würde, doch viele würden eben dem Körperlichen mehr Platz einräumen. Und sie waren ganz erfreut das zu hören und sagten: Yes madam, you are welcome in our class, please come and join us. Und so gingen sie in ein ganz kleines Zelt der kleinen Yoga Welt in Kladow und übten ihre Pranayama und tönten Om und kehrten irgendwann alle zufrieden nach Hause zurück.

Die kleine große Welt (12)

Monika Wrzosek-Müller

Die blühenden Landschaften der sachsenanhaltinischen Wüste

Sie fuhr an einem Sonntag in die sachsenanhaltinische Wüste, ohne Zwang, von selbst, am heißesten Tag des Sommers. Die schönen Landschaften mit den Seen ließ sie um Berlin und dann an der Elbe links liegen und steuerte direkt in die ausgetrockneten Rapsfelder, die, alle gelblich-grau, von weitem wie unendliche Sandflächen aussahen. Sie zogen sich in die Länge und Breite, fast ohne Unterbrechung, auf riesigen Feldern. Dazwischen lagen wie Oasen kleine Dörfer mit ein paar Bäumen und einigen Häuschen, manchmal um eine Kirche gruppiert, alle so klein, dass man sich wunderte, wie man da überhaupt rein- und rauskam, geschweige denn wohnen konnte. Die Oasen hätten inzwischen zu den versprochenen blühenden Landschaften sein sollen, doch im Sommer, in der Hitze stand das Blühen still, alles stand still, und das meiste war vertrocknet und leer; die Leute waren versteckt, in den Kellern, weil es da am kühlsten war, oder in den kleinen Puppenstuben. Und sie fuhr durch die Gegend auf der Suche nach etwas Essbarem, nach Menschen, die ihr den Weg weisen würden, und kurvte und wendete. An der Straße gab es Kirschenbäume mit vielen roten Kirschen und Felder voll von gelben Himbeeren, die auf die Selbstpflücker warteten, die aber doch lieber himbeerrote Himbeeren essen wollten, und so standen auch diese Felder leer und still; sie wünschte sich aber etwas Warmes, Gehaltvolles zum Essen, das gab es leider nicht, nicht am Sonntag, nicht um diese Uhrzeit und nicht in der Gegend.

Und dann kam sie zu einem Gut, einem alten Rittergut, schön im Park gelegen, mit einem Teich – und mit einer Initiative unglaublich engagierter Leute, die anderen helfen wollten und sich selbst dabei auch. Vor dem Café stand schon eine Viertelstunde vor der Öffnungszeit eine Schlange; das ganze Dorf strömte herbei und versammelte sich, mitsamt der jungen Leute von der Initiative, und alle verspeisten frisch gebackenen Kuchen und tranken Kaffee oder Bier und sprachen von diesem und jenem, die Jungen mit den Alten.

Das Gut gehörte einer reichen Familie aus dem Westen, und inzwischen, nach Jahren der unbeholfenen aber durchaus hilfreichen Verwaltung, wollte die es verkaufen, für eine eher symbolische Summe, aber jetzt konnte die Initiative hier keine Events mehr organisieren und die Büroraume mussten aufgeben werden; die Heizung hatte man ihnen abgedreht, das Wasser abgestellt. Nur den Garten konnten sie weiter betreiben, blühende Landschaften schaffen und pflegen.

Sie dachte bei sich, wie kompliziert die ganze große Welt doch sei: auch die Kleine hat nichts gelernt, ist nicht klüger geworden, hat nicht verstanden, dass man nicht alles durch Fortschritt und Sparen in blühende Landschaften verwandeln konnte und dass nicht alles für Geld, mit Konkurrenz und Wettbewerb, durch Werbung zu gewinnen ist. Im Radio machten gerade die Griechen ihre „Hausaufgaben“ nicht, sie entschieden sich, auf dem falschen Weg in die falsche Richtung zu gehen und verdienten keinen Applaus; nein, sie bereiteten allen Kopfschmerzen und niemand wusste, wie es weitergehen sollte. Wer wem aus welchem Topf oder von welcher Bank Geld leihen und verzinsen und wo dieses Geld dann tatsächlich landen würde. Und sie dachte, die kleine Welt unterschied sich nicht mal so sehr von der großen; auch die wusste nicht, wie es weiter gehen sollte. Nach außen war alles geputzt und renoviert, dass aber gar kein Plan weiter dahinter steckte und die Leute damit nicht einverstanden waren, verschwand in der monströsen Hitze des Tages, floss mit dem Schweiß der Ärmsten weiter, ohne dass sich etwas änderte.

Es gab einige Gärtchen, die wie aus der Märchenwelt herausgeschnitten waren; auch mit den Zwergen und Fröschen und Fliegenpilzen und anderen Tieren, die still und unbeweglich, immer brav in ihrer Aufstellung, Positionen einnahmen und wie Stillleben von einer besseren Zukunft in der Märchenwelt zeugten. Manchmal hingen große Rosenbüsche über die Zäune oder verblühende Jasminsträucher standen in voller Pracht im Garten. Es blühten Gänseblümchen und Margeriten, Rittersporn und Kapuzinerkresse, beim näheren Hinsehen konnte man auch kleine Steingärten entdecken, in Terrassen angelegt und großen Steinen befestigt. Man sah die Mühe, den Aufwand von Zeit, Zuwendung und Hingabe, Geduld und Mühsal.

Bei der Initiative war alles groß: das Schloss, der Park, der Gemüsegarten, der Teich und es standen große hölzerne Skulpturen im Grass, vor dem Schloss, die man als Sitzangelegenheiten benutzen konnte oder doch eher bewundern sollte. Im Schlosswald gab es einen Erlebnispfad, wo man klettern konnte und balancieren in der Höhe, zwischen zwei riesigen Bäumen, auf einer Lücken-Brücke, die nur mit Absicherung zu begehen war und vielen anderen schwierigen Balanceakten in den Baumhäuschen wohnen konnte. Sie wunderte sich, wer um Gottes willen, in dieser Oase auf diese Bäume hoch klettern wollte, würde; wer sollte das alles unterhalten auch wenn es schwierigen Kindern helfen würde, war es doch sehr schwierig welche zu finden, um sie balancierend und abgesichert auf den Erlebnispfad hätte schicken können.

Und sie dachte bei sich; vielleicht war das wichtigste, die Initiative zu ergreifen und aufzubauen und mit anderen solche Pläne zu schmieden und sie doch auch irgendwie im Kleinen zu realisieren, ohne großen Ehrgeiz; aber sie war sich nicht sicher, ob sie hätte mitmachen können, denn es fehlte ihr der Glaube an den Erfolg und das Glück von solchen Initiativen. Und dann kamen ihr wieder die Griechen in den Sinn mit ihrem Nein zu den Forderungen und Sparprogrammen und sie dachte, ohne Initiative ist die ganze Sache nichts wert, aber ihr fehlte wiederum der Glaube auch an die Griechen und so fuhr sie weiter in die Wüste der Hitze des Sommertages und versuchte an nichts mehr zu denken und keine Initiativen zu ergreifen sondern für sich im Stillen zu sein.