Frauenblick: Balthus

Monika Wrzosek-Müller

Balthasar Klossowski de Rola

In Wien scheinen sich für mich oft Kreise zu schließen, die ich im Leben lange um mich ziehe; manchmal dauert es ganz schön lang, bis sich so ein Kreis geschlossen hat. Doch wenn das geschieht, fühlt es sich meistens gut an, so als ob man etwas zu Ende gebracht hätte und etwas fertig geworden wäre oder auch als ob ein Zeitabschnitt zu Ende gehen würde.

Über den polnisch-jüdisch-deutsch-französischen Maler Balthus habe ich vor Jahren im Spiegel gelesen, er weckte gleich meine Neugier. In Wirklichkeit trug er doch den polnischen Namen Balthasar Klossowski, vieles deutet daraufhin, dass er sich das „de Rola“ selbst angedichtet hatte, um sich des Titels eines Grafen bedienen zu können. Jahrelang hörte ich nichts von ihm und dann, als ich in Venedig war, sah ich Plakate, die eine kleine Ausstellung seiner erotischen Werke ankündigten, die ich aber nicht gesehen habe. Er lebte auch längere Zeit in Rom als Direktor der Academie de France in der Villa Medici und dann ging er zurück in die Schweiz (wo er früher auch mal gewohnt hatte) nach Rossinière, wo er ein Riesenhaus (eigentlich ein Hotel), ein grand Chalet erstanden hatte, um dort zu leben, Gäste einzuladen und zu malen. Er umgab sich mit der creme de la creme der Gesellschaft, zu seinen Freunden gehörten: Pierre Matisse, Albert Camus, Federico Fellini, Pablo Picasso, Joan Miro, Tom Curtis, Mick Jagger, Bono, Henri Cartier-Bresson und viele andere mehr. Irgendwie war er aber nie darauf angewiesen von seiner Kunst leben zu müssen, ein großes Privileg. Seine Bilder gefielen mir sehr, ich vermutete viele innere Konflikte; wer Bilder so malte, musste Probleme haben. Die Werke waren ganz eigenartig, ohne sich an irgendwelche Kunst-, Stil- oder Moderichtungen zu orientieren, er wollte „immer etwas rätselhaftes in seinen Bildern belassen“; er malte fast obsessiv kleine Mädchen, manchmal in aufreizenden Posen, oft mit Katzen, meistens hölzerne Puppenwesen. Die Farbpallette war den alten Meistern entnommen, gedämpftes Ocker bis tief braune Töne, viel Beige, dunkle Farben mit cremeweisen Farbtupfern aufgehellt.

Natürlich kratzten einen vor allem die Motive an und man stand verwundert vor diesen puppenhaften Mädchen in diesen zweifelhaften Posen und wunderte sich: ist das jetzt das, was nicht sein darf, nur Fantasien und krankhafte Vorstellungen. Der Blick ist schon gezielt auf erotische Zonen konzentriert doch das ist auch eben gewollt und ganz kontrolliert; er geht bis dahin und nicht weiter, aber das weitere existiert irgendwie auch mit auf den Bildern. Die Gestalten wirken meistens wie leblos, unbeteiligt, fern; sie alle sind schön, unberührt durch ihre Jugend, die leuchtet und unschuldig sein könnte, wenn es nicht die Posen gäbe. Und doch wirken sie für mich wie Stillleben, arrangiert bis auf kleinste Detail. Man steht zuweilen mit fixiertem Blick und versucht sie zu beleben; das gelingt nur mühsam, sie sind erstarrt und wollen in diesem Eingefroren-Sein bleiben. Ich habe mir lange die Malweise der Körper angeschaut, es waren oft wie Porzellan oder holzbemalte Beine, Gesichter weniger puppenhaft, doch die Beine und Arme schon.

In Deutschland wurde Balthus viel ausgestellt: schon in einer frühen Dokumenta in Kassel, im Museum Ludwig mit vielen Porträts von Thérèse Blanchard; das Mädchen ist bezaubernd, frühreif. Die Ausstellung trägt den Titel „Die aufgehobene Zeit“; der Titel passt sehr gut zu Balthus sujet; alle Figuren und Gegenstände in seinen Werken wirken, als ob sie für ein Augenblick eingefroren wären. Dann kam die große Ausstellung in Metropolitan Museum of Modern Art, 2014, unter dem Titel „Cats and Girls“. Es sollte auch eine Ausstellung in Deutschland im Museum Folkwang in Essen geben, die Polaroids aus den letzten Lebensjahren des Künstlers ausstellen sollte und mit den Aufnahmen von einem Mädchen von 8 bis 16 Jahren bestückt war. Doch da sahen einige zu viel direkte Lüsternheit darin. Am Schluss ist das aber nicht klar, ich selbst kann für mich das auch nicht eindeutig beantworten; ist seine Kunst Ausdruck von pädophilen Gefühle und Regungen, oder macht sie diese extra sichtbar und spürt ihnen nach, sicher verrät sie doch die Meisterhand des Künstlers dabei. Diese Ausstellung wurde abgesagt.

Nun, jetzt in Wien, stehe ich vor einem Plakat, das über eine Ausstellung im Kunstforum Wien zu Balthus informiert. Während die anderen im Café Central ihren Kaiserschmarrn vertilgen, gehe ich rein. Noch ein Kunsttempel in Wien; so viele Orte, in die man reinschauen sollte und in denen man auf immer wieder gut geplante und durchdachte Ausstellungen trifft. In diesem Moment hat sich der Kreis endlich geschlossen.

Es ist eine sehr umfassende Ausstellung, von ganz frühen Werken, in denen er sich mit der italienischen Kunst der Renaissance auseinandersetzte, bis zu den besagten Polaroids. Der Focus liegt nicht auf den Bildnissen der Mädchen, sondern es werden sogar seine Arbeiten als Bühnenbildner und Kostümbildner gezeigt. Es entsteht ein Bild eines sehr regen und extremen Außenseiters, der sich an eigene Vorstellungen hielt und nur das machte, was ihm gefiel: „Ich habe immer das Bedürfnis das Außergewöhnliche im Gewöhnlichen zu suchen“. Es entstehen Bilder, die eher der Neuen Sachlichkeit, manchmal dem Surrealismus nahe sind, mit einer manchmal düsteren oder gar grausamen Atmosphäre. Die Werke kommen von überall her und werden nach zeitlicher Abfolge ausgestellt, ohne besonderen Focus. Von den Polaroids gibt es nicht viele und sie sind geschickt ausgewählt, moralische Empörung verursachen sie nicht.

Doch auch nach dieser Ausstellung ist es schwierig zu entscheiden, wie es um ihn stand, und das macht ihn vielleicht auch so anziehend und so interessant.

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O Balthusie już TU kiedyś wspominałam, bo, jak pisze Autorka, malował również koty, te zaś, prezentowane przez różnych artystów, przez spory kęs czasu były tematem nieregularnie, ale często tu powracającym.
EMS

Vor der Morgenröte – Stefan Zweig

Auf Polnisch schrieb hier schon Dorota Cygan über den Film, und die Autorin (auf Deutsch) über Stefan Zweig

Monika Wrzosek-Müller

Irgendwie zieht es mich nach Wien, oder besser in die dekadente Wiener Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Stefan Zweig ist ein Paradebeispiel für diese Zeit; er wurde hier geboren, wuchs behütet auf, studierte hier und in Berlin und mit seinen ausgedehnten Reisen, mit seiner Übersensibilität, Emotionalität und künstlerischen aber vor allem menschlichen Unbeholfenheit schaffte er es doch auf den Olymp der Kunst. Seine zahlreichen Novellen und seine Biografien werden immer wieder gelesen, manchmal auch verfilmt; auf jeden Fall genießt er Ruhm auch nach seinem Tod. Was ihn in unserer Zeit so populär macht, ist die Aktualität seiner Gedanken über Europa in der Ausnahmesituation, über Menschen, die in der Ausnahmesituationen sind, die emigriert, geflüchtet, in der Fremde leben müssen. Und er leidet mit ihnen und leidet selbst daran, auch wenn er hätte gut leben können. Er ist ein Pazifist, bewundert Gandhi, das macht ihn bei jungen Menschen populär; in Wien heutzutage lese ich beim Vorbeigehen im Schaufenster des Cafés Central: „hier kam der Stefan auf den grünen Zweig…“, und ein Freund (25 Jahre alt) meines Sohnes erzählt mir, dass er gerade eine Gesamtausgabe von Zweigs Werken erstanden hat.

Ich glaube nicht an Zufälle und wenn ich an das Stück „Ungeduld des Herzens“ in der Schaubühne und jetzt an den Film „Vor der Morgenröte“ denke, so wird mir klar, dass seine Stimmung und seine Themen aktuell sind. Die Menschen suchen Parallelen und Beispiele, um sich die eigene Situation vor Augen zu führen – und was sie vor allem bei ihm finden, ist seine Menschlichkeit, Verletztheit und moralische Stärke und Entschlossenheit.

Zum Film habe ich mehrere Kritiken gelesen und sie fielen sehr unterschiedlich aus; manche lobten das Setting und die Kameraführung und kritisierten die Ausschnitte, die doch nicht das wahre Leben des Schriftstellers zeigten, andere hingegen wiesen darauf hin, dass gerade diese Ausschnitte essenziell seien und der Künstler sich in ihnen offenbare. Wie dem auch sei; es wurde von dem Film gesprochen und er traf den Nerv unserer Zeit, man schenkte ihm Aufmerksamkeit und beschäftigte sich damit.

Durch seine Tiefe und zugleich Oberflächlichkeit hat mich der Film fasziniert, denn einerseits bekommen wir ganz detailliert das Treffen der PEN-Club-Schriftsteller in Brasilien 1936 vorgeführt, doch wird das Leben in New York auf eine Wohnung, fast einen Raum reduziert, wo wir in einer wunderbaren Dialogszene zwischen Zweig und seiner Ex-Frau einen Einblick, ein Gefühl für sein früheres Leben, bekommen und zugleich seine Einstellung zum Exil und zur Rolle des Künstlers in seiner Zeit kennen lernen. Was mich für den Film so eingenommen hat, ist dass wir nicht endgültige Wahrheiten über den Menschen und Künstler Zweig serviert bekommen, sondern es wird vieles angedeutet, vieles denkt man sich und kann es sich vorstellen und weiterspinnen. Die Szenen enden nicht, wo der Kameraschnitt sie abbricht, und sie fangen auch nicht da an; das spürt man und fragt sich, wer schafft das; ist das der Regie von Maria Schrader, dem Kammermann Wolfgang Thaler oder dem Schauspieler Josef Hader zu verdanken; ich denke alle drei haben sich wunderbar in dem Film gefunden und haben das beste gegeben, um uns zu verführen und über das alte und neu gebeutelte Europa nachzudenken.

Schon die erste Szene, in der wir eigentlich nur eine riesige Tafel mit einem imposanten, exotischen Blumenschmuck sehen, während an dem letzten Schliff, an der Makellosigkeit des Empfangs gearbeitet wird, verführt uns. Der ganze Film verführt uns durch die Schönheit der Aufnahmen. Dann der Auftritt von Zweig – er wirkt beschämt und wird doch zugleich von den anderen gefeiert oder feierlich empfangen – der uns die Zerrissenheit des Menschen Zweig zeigt; er kann sich nicht eindeutig gegen Deutschland äußern, obwohl er schon da angekommen ist, im Exil, und darunter leidet. Er will nicht zu denjenigen gehören, die in der bequemen Position des Außenseiters leben und über die anderen lästert. Das wird ihm aber übel genommen und man verlangt von ihm eine Stellungnahme, die er nicht liefern kann. Er kann sie vor allem als Mensch nicht liefern, genauso wie es ihm peinlich ist, sich immer wieder für seine Kollegen einsetzen zu müssen und bei fremden Botschaften etc… hausieren zu gehen, was seine Ex-Frau von ihm verlangt. Ganz deutlich wird die Schwäche des Menschen Zweig gezeigt, der sich in sein Künstler-Sein flüchtet. Doch gerade diese Schwäche angesichts der vielen Entscheidungen und des Lebens außerhalb der gewohnten, sprich heimatlich verbundenen Situation, bringt uns den Film so nah.

Bei Zweig ist vieles seltsam, er ist eigentlich vorgestrig, von der Sprache und dem Pathos der Gefühle her, und doch erspüren wir bei ihm das feine, feinste Gefühl für die Schwankungen und Unvollkommenheiten des Menschen und das macht ihn liebenswürdig und wahrhaftig. Das verkörpert meisterhaft der Schauspieler Josef Hader, dem man jedes Hadern und Zweifeln ansieht.

Und doch ist der Film keineswegs todernst und traurig, es gibt sogar komische Momente. So wenn Zweig mit seiner zweiten Frau nach ihrem Ausflug in die brasilianische Dschungelwelt von einem Bürgermeister empfangen werden sollen – was ihnen nicht behagt, weil sie sich eigentlich auf den Flug nach New York, in den kalten Winter, hätten vorbereiten sollen; aber auch der Bürgermeister gerät in Stress, weil die Ehrengäste offensichtlich zu früh ankommen und er nicht ganz mit den Vorbereitungen fertig ist und die Blaskapelle trotzdem die ersten falsch gespielten Takte des Donauwalzers von Strauß zum Besten gibt; in der Hitze, fast mitten im Dschungel, stehen plötzlich alle ganz gerührt, betroffen still.

Schließlich der Epilog, der Tod der beiden wird nicht direkt gezeigt, wir erfahren ihn durch das Trauern der anderen, und wir bekommen die Toten bis zum Schluss nicht zu Gesicht, auch wenn der Spiegel fast das ganze Zimmer zeigt, in dem sie liegen.

Es ist auf jeden Fall ein Film für uns alle, die heimatlos und auf der Suche sind.

Frauenblick

Monika Wrzosek-Müller

„Ungeduld des Herzens“

Und wir sind in ein Stück gegangen, das sich vom Titel her ganz vorgestrig anfühlte und dann im Theater modern und aktuell war und doch zugleich die Situation in Wien und in Österreich vor dem Ersten Weltkrieg wiedergab.

Es ist immer wieder faszinierend, wenn auf der Bühne etwas aus minimalen Mitteln groß wird; es sind nur fünf Schauspieler, ein paar Stühle, Tische, ein Glaskasten – und die Technik, die alte Fotos, Landschaften, den Himmel auf den Hintergrund projizieren lässt; dazu kommen noch Geräusche oder besser Geräuschkulisse. Wie wenig braucht man, um einen Zug darzustellen, durch einfache Bewegung des Körpers, das gewisse Schaukeln, dazu die Stühle hintereinander aufstellt und ein bestimmter Rhythmus gehalten. Natürlich, würde man sagen, so spielen auch Kinder Zug, das sind Urbewegungen, die etwas markieren, sichtbar machen, ohne großen Aufwand. Aber da sind noch die zwei Protagonisten: der Arzt und der Leutnant, die zusammen spazieren gehen und die Bewegung darstellen, ohne dass sie sich eigentlich vorwärts bewegen; so dass der Zuschauer mit ihnen mitgeht und im Gehen mithört. Oder: Mit einem Tisch und einem Stuhl wird eine Terrasse ganz oben im Turm des Schlosses improvisiert, und der Zuschauer ist ganz überzeugt, dass die Personen, Edith und ihr Vater, von der Terrasse herunterschauen, und er spürt die Weite und ihren Blick und dabei lässt er auch seinen eigenen in die Landschaft schweifen. Das alles muss man aber sehen und als Regisseur einzusetzen wissen.

Überhaupt ist in dem Stück alles in Bewegung, die Schauspieler übernehmen mehrere Rollen, tauschen sie aus, probieren sie an sich anzupassen, mit der Stimme und der Bewegung, und wählen jeweils die beste Option aus. Sie erproben immer wieder, wie aus der Stimme, dem Geräusch, der Ton, der Bewegung und dem Bild am besten ein Ganzes entsteht, in dem noch dazu die Emotionen und der Inhalt zusammenspielen. So kommt es, dass ein Buch, ein Roman in zwei Stunden so intensiv und klar vorgestellt wird, dass man meint es gelesen und sich tief mit den Problemen auseinandergesetzt zu haben.

Es muss ein Meisterstück sein, sowohl vom Stoff her als auch in der Bearbeitung. Die Bearbeitung des Textes stammt von Simon MacBarney, seinem Co-Regisseur James Yeatman und Maja Zade, für die szenische, bildhafte Umsetzung ist Simon MacBarney verantwortlich. Der Regisseur aus England beschreibt, wie sie proben, indem sie immer wieder ein Spiel, ein Ballspiel, als Aufwärmübung spielen, und das erlaubt allen, sich zu bewegen, ihre Positionen immer wieder zu wechseln, die bestmöglichen auszuwählen und diese Bewegung dann in das Stück zu übernehmen. Das Gleiche passiert mit dem Ton, er ist einen Moment vorher da, das Schlürfen, der Schrei, der Kanonendonner, der Donner des Gewitters, alle Töne signalisieren schon vor den Worten das Kommende oder unterstreichen es. Der Ton und die Bewegung können viel leichter Emotionen hervorrufen, das Wort kann sie dann korrigieren und richtigstellen; aber die Ungeduld des Herzens nachzuzeichnen, nachempfinden zulassen, das machen eben die Nebeneffekte. Mit dem Text wird so lange gearbeitet, bis er auch einen Rhythmus und einen genauen Ausdruck hat, der nicht austauschbar ist und genau zu dem Moment passt. Man spürt fast durch das ganze Stück hindurch, dass hier nichts austauschbar ist, dass die Harmonie des Wortes, der Bewegung, des Tons und des Bildes im Hintergrund immer ein Ganzes schaffen will.

Die Geschichte ist die eines Leutnants der K. und K.-Armee, der sich aus Mitleid aber auch aus falsch verstandenen Ambitionen mit der gelähmten Tochter eines reichen jüdischen Industriellen verlobt. Die Geschichte des Vaters von Edith spielt bei der Erfüllung des Schicksals mit; er ehelicht die Gouvernante des Hauses Kekesfalba, die zur Erbin wird und die bei der Geburt ihrer Tochter stirbt. Der Leutnant ist von Mitleid ergriffen und verlobt sich mit der in ihn verliebten, intelligenten Tochter, die aber eben Invalidin ist. Dem Leutnant selbst sind seine Beweggründe nicht klar, er schwankt zwischen Mitleid und echter Zuneigung. Der Autor unterscheidet zwischen zwei Arten von Mitleid und legt dem Arzt des Mädchens seine Interpretation des Begriffs Mitleid in den Mund: Den Leutnant bewege „das schwachmütige und sentimentale Mitleid, das eigentlich nur Ungeduld des Herzens ist“ und das soll „durch das andere, das einzig zählt – das schöpferische Mitleid, ersetzt werden, das weiß, was es will und entschlossen ist alles durchzustehen bis zum Letzten“. Vor seinen Kameraden verleugnet er die Verlobung, denn er fürchtet, dafür ausgelacht und verachtet zu werden, dass er sich an einen Krüppel gebunden hat. Nachdem Edith davon erfährt, stürzt sie sich vom Turm des Schlosses in den Tod, der Leutnant versucht vor seinen Gewissensbissen in die Wirren des Weltkrieges zu flüchten.

Die Handlung ist einfach und immer aktuell, der Erzählfluss von Zweig sehr einfühlsam, mitreißend und bewundernswert. Der Ich-Erzähler spricht von entlegenen Zeiten, die aber, so stellt sich aber schnell heraus, mehr als aktuell sind. So ist das auch in der Aufführung: Anfangs spielt die Handlung in einem Museum und es wird im Ton des Geschichtenerzählens berichtet, sie endet aber mit aktuellsten Bildern aus der Gegenwart (nach der Videomontage von Aufnahmen aus dem Ersten Weltkrieg kommt unerwartet das Foto eines Flüchtlingsboots).

Der britische Regisseur MacBarney wurde durch ein mit seiner Kompanie Complicite aufgeführtes Stück nach der Erzählung des polnisch-jüdischen Schriftstellers Bruno Schulz „Street of crocodiles“ weltberühmt, hier arbeitet er mit dem deutschen Ensemble der Schaubühne, benutzt aber seine erprobten Mittel: Bewegung, Ton und Videoinstallationen.

Der Text beruht auf dem Roman von Stefan Zweig, der 1939 veröffentlich wurde. Bald musste Zweig aus dem deutschen Sprachraum verschwinden, seine Bücher wurden von den Nazis verbrannt, wie übrigens auch die des anderen Zweig, Arnold; er selbst floh zuerst in die Schweiz, dann nach London und New York und endete in Brasilien, in Petropolis, wo er 1942 zusammen mit seiner Frau Selbstmord beging.

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Ungeduld des Herzens

Schaubühne am Lehniner Platz
Kurfürstendamm 153
10709 Berlin

Theaterkasse

Tel +49.30.890023
Fax +49.30.89002-295 300
ticket@schaubuehne.de

Eine Koproduktion mit Complicite.

Autor: Stefan Zweig
Regie: Simon McBurney
Co-Regie: James Yeatman
Bühne: Anna Fleischle
Kostüme: Holly Waddington
Licht: Paul Anderson
Sound Design: Pete Malkin
Mitarbeit Sound Design: Benjamin Grant
Video Design: Will Duke
Dramaturgie: Maja Zade

Dauer: ca. 120 Minuten

Frauenblick

Monika Wrzosek-Müller

Mach dich hübsch

Als ich 1984 aus Warschau in die Bundesrepublik kam, spürte ich sofort, wie total anders Weiblichkeit und Frau-Sein in Deutschland erlebt und verstanden wurde. Mit meinem fremden Blick kamen mir die Frauen so vor, als ob sie sich ihrer Weiblichkeit versagen würden; viele trugen irgendwelche sackförmigen, ziemlich undefinierbare Kleider, oder Jeans, und flache, breite Schuhe. Nur einige wenige gaben sich Mühe und spürten den Wert des „sich hübsch Machens“. Allgemein wurde signalisiert: Kleidung geht uns nichts an, überhaupt ist uns unser Aussehen egal, wir stehen über diesen Sachen, make up war eigentlich auch verboten. Das empfand ich damals mit Wehmut, denn ich dachte an die tausenden von Möglichkeiten, die sie hier doch hatten – mit den vollen Läden, den Farben und der Auswahl; wie viel Spaß es uns in Polen gemacht hätte, uns so herausputzen zu können und sich zu zeigen. Sogar die Studentinnen der Kunstgeschichte, bei der sich in Warschau immer die am besten gekleideten und oft auch die schönsten Mädchen tummelten, sahen in Berlin ziemlich grau und uninteressant aus. Ich wurde meistens belächelt mit meinen Anstrengungen, schick, in stimmigen Farben angezogen zu sein.

Es gab damals aber doch eine Frau, die mich faszinierte, sie hieß Veruschka Lehndorff und war in der italienische Modewelt als die große Blonde bekannt; sie war dort in den 60-er Jahren als Modell entdeckt worden, spielte auch in Antonionis Film „Blow Up“ mit und kehrte dann irgendwann in den 80-er Jahren nach Deutschland zurück; sie wollte auch nicht mehr als nur schön angesehen werden, das galt als anrüchig und unintellektuell, sogar dumm… Sie versuchte, sich selbst mit bodypainting zu einer Kunstfigur zu machen. Doch sie kämpfte mit dem Nachkriegsdeutschland, mit der BRD, sie kämpfte auch mit ihren Depressionen und dem Unangepasstsein, dem Nicht-dazu-gehören.

Auch Hannelore Elsner habe ich immer bewundert, besonders in „Mein letzter Film“; da spricht sie so offen über das Frausein, das Leben und die Lust und Last, schön zu sein, über ihre Männer; über gescheiterte Beziehungen und über die Spuren des Lebens und die Makel, und man nimmt ihr das alles ab, als ob sie über ihr Leben sprechen würde. Die große Diva des deutschen Kinos zog mich in allen ihren Filmen, besonders in „Alles auf Zucker“ oder „Die Spielerin“ magisch an, denn sie hat ein Geheimnis und eine Art von Vitalität, die mit Zerbrechlichkeit verbunden ist.

Die beiden kamen mir immer wieder in den Sinn bei der Ausstellung von Isa Genzken „Mach dich hübsch“, vielleicht nicht immer wegen der Werke, sondern mehr wegen des Titels. Es ist eine Retrospektive und als solche sehr vielschichtig, alle möglichen Phasen des Schaffens der Künstlerin werden gezeigt; es sind viele Werke aus den ganz jungen Jahren (die großflächigen abstrakten Ölgemälde und die schweren Betonklumpen) , aber auch ganz neue. Die Künstlerin thematisiert doch sehr das Frausein, immer wieder tauchen Anspielungen darauf auch da auf, wo man sie gar nicht vermutet; z.B. auf den Röntgenbildern sieht man immer wieder ganz deutlich einen Ohrring, oder die großen Ohrenfotografien sind nicht nur durch ihre überdimensionale Größe interessant, sie werden auch mal mit einem, mal mit mehreren Ohrringen verschönert, und es sind weibliche Ohren, das sieht und spürt man. Wieviel Hübsch-Sein darf man sich erlauben oder ist erlaubt? Ja, diese coole Künstlerin hat mich fasziniert, schon ganz am Anfang meines Kunstgeschichtsstudiums in Berlin; sie war Schülerin von Gerhard Richter, lange seine Frau und lange unter seinem Einfluss, und doch ging sie dann ihren Weg, und hat diese Coolness durchgehalten, mühsam und kämpfend ,aber doch. Und sie sorgt mit ihren Puppen und Mannequins, mit ihren Installationen zum Ground Zero, mit den „Weltempfängern“ aus Beton mit den herausragenden Antennen, tonnenschwer und leicht zugleich, als ob sie die Verbindung zwischen Schwere und Leichtigkeit zeigen wollten; sie ist immer wieder für eine Überraschung gut. Obwohl man oft vor den Installationen steht und lange grübelt, was denn nun hier das wichtige sei, worum es geht, doch irgendwo findet man die Ästhetik , die Anspielung und den Zusammenhang. Sie sei gerne mal frech, sagt sie, und das spürt und sieht man an den Kollisionen von Materialien und Themen, die sie behandelt und die sie zusammenbringt. Wie sie Flugzeugwrackteile verbindet und auf die Lebensumstände der Menschen, die in den Türmen des World Trade Center gearbeitet haben, aufmerksam macht.

Manchmal drängt sich dann doch die Frage auf, ist das hier unbedingt ausstellungswürdig. Und dann geht man in den nächsten Raum und wird durch die vielen Büsten von Nofretete mit Sonnenbrillen und fetzigen Schals entschädigt und es wird einem klar, dass die Künstlerin die Coolness aushält, sie zum Spiel macht und einem den Weg dahin weist. Es ist vieles leicht ironisch und mit einem zugedrückten Auge, so als würde sie kokettieren und alles leicht machen wollen und dann aber doch die ganz schwer beladenen Themen behandeln.

Ich sah manchmal die Ratlosigkeit in den Gesichtern der Besucher aber auch manchmal ein Lächeln, die Kommentare fielen spärlich aus, vieles müsste man sich wahrscheinlich ganz lang anschauen und dahinter kommen, doch wer will das in unserer Zeit, und dann bleiben die große ganz schräg angezogene Puppe und die Büsten der Nofretete in Erinnerung, und das ist vielleicht auch genug.

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Ausstellung Mach dich hübsch im Martin-Gropius-Haus

Frauenblick

Monika Wrzosek-Müller

Manifesto

Es fing damit an, dass mein Sohn über Cate Blanchett die Nase rümpfte. Das fand ich ungeheuerlich, denn für mich präsentierte sie sich in allen Filmen wunderbar. Ja eben, würde er sagen, zu wunderbar, zu wunderschön; für ihn verkörperte sie eine unnahbare, unumgängliche, langweilige Dame, immer eigentlich die gleiche; er warf mir vor, dass ich insgeheim wahrscheinlich auch davon träumte, so wie sie zu sein. Natürlich musste ich lachen, denn meine reality war weit von ihrer entfernt, doch vielleicht hatte er etwas Recht.

Desto mehr freute ich mich, als ich auf die Beschreibung der Ausstellung von Julian Rosefeldt im Hamburger Bahnhof stieß. Schon der Künstler versprach interessante Videoinstallationen, ich kannte seine Werke von Aufführungen in der Schaubühne. Auch wenn sie mich damals etwas genervt haben, denn ich teile die geteilte Aufmerksamkeit nicht und fühlte mich dann meistens von dem Hintergrund und der eigentlichen Handlung überfordert, doch es war eine Herausforderung für den Zuschauer und als solche nahm ich sie hin. Doch hier versprachen die Videoinstallationen im Vordergrund zu stehen und sie wurden von Cate Blanchett gespielt, die ich doch so faszinierend fand.

Ich ging also in die Ausstellung und verbrachte dort drei Stunden vor den Bildschirmen.

Eines Abends fand ich dann auf YouTube eine Diskussion über ein in Polen sehr heftig diskutiertes Buch „Świat sie chwieje“ [Die Welt wackelt], eine Sammlung von 20 Gesprächen, die Grzegorz Sroczyński, ein Journalist der Gazeta Wyborcza geführt hat. Es äußerten sich Historiker, Philosophen, Soziologen, Wirtschafts- und Politikwissenschaftler, die in Polen mehr oder weniger bekannt sind. Sie alle wurden nach dem Grund gefragt, warum wir das Gefühl hätten, dass „die Welt wackelt“ und dass wir mit dem, was passiert, nicht zurechtkommen. Nach Finanz-, Flüchtlings-, Moral-, Politik-, Religions- und Europakrisen, mit der Globalisierung und der rasanten Entwicklung der Medien, fühlen sich die meisten Menschen überfordert, auch wenn Krisen oft eine Möglichkeit des Aufbruchs und Neuanfangs bedeuten. Ein Rezept verspricht das Buch natürlich nicht, aber es nimmt all diese Erscheinungen unter die Lupe, die uns den Boden unter den Füßen wackeln lassen, bespricht sie und versucht, sie und die dahinter stehenden Mechanismen etwas verständlich zu machen.

Warum schreibe ich über das Buch im Zusammenhang mit der Ausstellung Manifesto? Obgleich sie diesen Titel trägt, verneint sie meiner Meinung nach all die Manifeste der Vergangenheit: von Dada, Futurismus, Expressionismus, Kreationismus, Suprematismus, Konstruktivismus, Surrealismus und all der anderen -ismen. Sie werden als Mantra vorgetragen, immer im gleichen Moment, gleichzeitig alle monoton und eintönig, ihre Inhalte eher nebensächlich, umso wichtiger, was auf dem Bildschirm passiert und wie die Personen, Landschaften, Innenräume, Außenräume dargestellt werden. Die alten Manifeste haben sich überlebt, neue sind nicht entstanden; wir haben alles da, alles ist möglich und erreichbar, im Hier und Jetzt und doch gibt es keinen Protest und keinen Aufschrei, denn wir kennen sie alle, die Formen des Protestes, es hat sich vieles, „alles?“ überlebt. Die Welt wackelt, auch die der Kunst.

Dabei, Hochachtung, chapeau bas vor der Schauspielerin, die all diese Individuen verkörpert, in all diese Rollen schlüpft: in einen Obdachlosen, eine Börsenmaklerin, eine Arbeiterin in einer Müllverbrennungsanlage, wo sie lauter sinnlose Tätigkeit ausführt (die aber vielleicht in der globalisierten Welt einen Sinn haben). Sie ist genauso überzeugend als Lehrerin, die den Kindern Aufgaben stellt, an die sie sich nicht halten sollen, Nachrichtensprecherin, bei der die Nachricht überhaupt nicht wichtig ist, eine Choreografin, eine tätowierte Punkerin, die am Ende einer Party in dem verwüsteten Räumen um sich schlägt, sie spielt genauso überzeugend eine konservative Mutter in ihrer Familie wie eine Trauerrednerin bei einem Begräbnis. Besonders ist der Moment, in dem sie als Puppenspielerin und -bauerin mit einer sie selbst darstellenden Puppe spielt. Sie trägt die Texte auch in unterschiedlichen Sprechweisen vor, mit amerikanischem, englischem oder auch schottischem Akzent, auch mit dem Akzent einer russischen Tanzchoreographin. All diese kurzen Szenen, Filme, Epiloge haben etwas Beiläufiges und dann doch sehr Exaktes an sich. Der Künstler will kein Manifest aufstellen, entstehen lassen, und doch ist sein Werk ein Versuch die Welt in Szenen, die künstlich arrangiert sind, real darzustellen und sie zu einem Puzzel zu machen von Ausschnitten aus einer versteinerten und doch irgendwo auch lebendigen Welt, die auch hier wackelt, weil nicht ganz klar ist: Verneigt sich der Künstler vor diesen Kunstrichtungen oder verabschiedet er sich von ihnen?

Vielleicht spürte die Schauspielerin, Cate Blanchett, dass sie aus ihrer Rolle der dekadenten Dame ausbrechen sollte und dass sie so verschiedene Typen und Charaktere darstellen kann, dass sie sich dieses Können beweisen wollte. Es ist alles andere als einfach, für ein paar Stunden in Berlin ständig eine andere Person zu inkarnieren, bis zu vier Stunden in der Maske zu sitzen, sich mit einer Perfektion, Intensität und Aufmerksamkeit in jeder Szene auf jeweils neue Situationen zu konzentrieren; für mich schwebt aber doch über all den Szenen ein Hauch der Dekadenz, der sie und mit ihr ihre Umgebung nicht loslassen will. Das finde ich wunderbar und es soll sie nicht loslassen; es ist mit der Schönheit und Sehnsucht danach verknüpft und verbunden, und es wird immer so bleiben.

Ich höre fast schon den Aufschrei: und all die wichtigen Manifeste von all den wichtigen Personen, nicht umsonst gestaltet der Künstler die Szenen so und nicht anders. Den Vorwurf will ich so stehen lassen, für mich waren sie eben nebensächlich und ich konzentrierte mich auf die Bilder, die vor meinen Augen abliefen.

Auf jeden Fall ist die Ausstellung Wert gesehen zu werden, sich konzentriert auf die Szenen einzulassen und die Perfektion der Schauspielkunst zu erleben und zu bewundern.

Manifesto ist bis Juli im Hamburger Bahnhof zu sehen.

Frauenblick

Monika Wrzosek-Müller

Junge Flüchtlinge mit den Augen einer älteren Lehrerin gesehen

Ewa berichtet jetzt seltener über Flüchtlinge. Da sich aber die Situation im Lande und besonders in Berlin sehr verkompliziert hatte, wollte sie doch über ein paar positive Eindrücke von der Arbeit mit den jungen Flüchtlingen schreiben.

Sie unterrichtete Deutsch, zuerst in einer Jugendherberge, wo ungefähr 80 männliche Jugendliche untergebracht waren, die ohne Begleitung nach Deutschland gekommen waren. Die ärztlichen Untersuchungen hatten alle absolviert; man hatte sie weiterhin als Jugendliche eingestuft, obwohl sie einige von ihnen eindeutig für älter hielt. Sie wurden geimpft und in Willkommensklassen untergebracht. Manche waren wirklich extrem begabt und fleißig; sie wurden in einem Talentcampus gesammelt und einen Monat lang besonders gefördert; zu ihrer Überraschung waren das eher Jugendliche aus Afghanistan als solche aus Syrien, von denen alle behaupteten, sie wären so gebildet und kultiviert.

Leider musste die Gruppe die Herberge räumen und weit weg in die Stadt ziehen, doch soweit sie sah, kümmerte man sich wirklich gut um sie; nur dass der Weg zur Schule, also der Willkommensklasse so lang werden würde, hatte man nicht bedacht.

Es gab ein Abschlussfest mit persischem, afghanischem und deutschem Essen (Letzteres: Hähnchenschenkel mit Pommes). Wir – die Lehrer, die Sozialarbeiter und die Betreuer – stürzten uns auf Humus, die vielfältigen Salate und die Auberginen-Zubereitungen, die köstlich und bunt auf einem Buffet aufgebaut waren; die Jungs beluden ihr Teller mit Pommes, Hähnchen, Ketschup und Mayonnaise; jedem das seine, dachte sie. Selbstgebackener Kuchen und Süßes, auch Obst waren von den Lehrern mitgebracht worden. Die Jugendlichen halfen bei den Vorbereitungen, und sie hatten einen Film über ihren ersten Aufenthalt in Berlin gedreht. Das schöne dabei war, dass sich wirklich alle gegenseitig kenngelernt hatten. Die afghanische Gruppe wusste inzwischen, welche Städte es in Syrien, dem Irak gab und umgekehrt; sie wohnten immer noch in getrennten Zimmern unter sich, doch es waren auch Freundschaften quer zu den Nationalitäten geschlossen worden; auch die wenigen Schwarzen fühlten sich wohl in der Gruppe.

Nachdem die Aufgabe in der Jugendherberge zu Ende gebracht war, tat sie sich um, wo sie weiterhin Jugendliche unterrichten konnte. Sie fand in einem anderen Unterbringungsort Gruppen von Teenagern, die mit ihren Familien gekommen waren. Sie warteten länger auf die Aufnahme in die Wilkommensklassen. Ihr fiel auf, wie viel unbeschwerter und einfach netter sich in einer koedukativen Klasse mit Mädchen und Jungen unterrichten ließ. Sie waren alle auch ruhiger und „normaler“, unaufgeregt – wie viel doch die Anwesenheit von Angehörigen bedeutete, sah man hier ganz deutlich. Die Jungs räumten sogar den Klassenraum auf, fegten den Gang ohne Murren, und die Mädchen brachten Lächeln und Lockerheit, auch Schönheit in die Klasse.

Sie dachte, bei gut organisierter Hilfe würde man diese Jugendlichen leicht in die heutige deutsche Gesellschaft integrieren können. Man musste sich nur weiterhin sehr intensiv um sie kümmern, sie begleiten und fördern, auch persönlich, jeden Tag. Viele von ihnen schienen sowieso von der westlichen Kultur fasziniert zu sein, kleideten sich in Jeans und Nike-Sportschuhe, dazu kamen bei den Jungen die in ihren Augen besonders hässlichen modernen Frisuren. Die Mädchen trugen ihre Kopftücher sehr locker, es lugten immer Haare hervor, und ihre engen Pullover und Jeans beinahe gleich aus wie hier üblichen. Wichtig war, dass sie dieses „beinahe“ nicht als Demütigung empfanden, sich ihrer Vergangenheit nicht schämten und einen Weg für sich zu finden schienen.

Besonders für die Mädchen würde das viele Chancen eröffnen; sie würden dann ihr eigenes Leben leben können, entscheiden, was sie lernen und ob sie Familien gründen, arbeiten oder beides zusammen versuchen wollten. Sie dachte, dass man ihnen das kommunizieren müsse, immer wieder vor Augen führen, damit sie sich nicht in ihrer Vergangenheit gefangen und daran gebunden fühlten. Dazu würde man viele Lehrer, Begleiter brauchen; sie würden sich nicht so schnell auf dem Arbeitsmarkt durchsetzen, aber mit genug Geduld und Offenheit würde man ihnen etwas Neues für sie entwickeln können. An jungen Psychologen, die nur darauf warteten, alle in jeder Lebenslage zu beraten, fehlte ihres Wissens nicht; man musste sich nur eben auf diese Situation wirklich einlassen und die Jugendlichen fördern, unterstützen und informieren.

Und dann das große, alles übergreifende Wort „Integration“. Dazu fiel ihr nur eine Anekdote ein, ein Witz: Ein Flüchtling begegnet eine gute Fee und klagt über sein schweres Schicksal und das Leben in der Fremde. Darauf sagt die gute Fee zu ihm: „Dann will ich dir helfen. Ich erfülle deine drei Wünsche sofort“. Der Flüchtling denkt nicht lange nach. Er sagt: „Ich will ein schönes Haus haben“. Und schwupp die wupp steht ein schönes Haus vor ihm. Dann sagt er: „Ich brauche natürlich auch ein schnelles, schickes Auto“. Auch dieser Wunsch wird sofort erfüllt. „Und was ist mit dem dritten Wunsch“, fragt ihn die gute Fee. Ja, sagt der Flüchtling, „ich will ein Deutscher werden, mich nicht mehr fremd fühlen“. Da verschwinden sowohl das Haus als auch das Auto; der Flüchtling schaut die gute Fee ganz erschrocken an: „wohin sind meine zwei Wünsche verschwunden?“. „Du willst ein Deutscher werden? Dann musst du dir das alles schwer erarbeiten, fang gleich an“, sagt die gute Fee ganz ruhig.

 

Die große kleine Welt

Monika Wrzosek-Müller

Holland: um Leiden herum

Holland ist schön, aber so gar nicht ihr Land. Flach, von großen, auch kleinen und winzigen Wasserkanälen durchzogen. Von den typischen Mühlen, denen auf dem Land, hatte sie nur wenige gesehen. Aus dem Zugfenster blickt man über weite Strecken auf so etwas wie ein Schachbrettmuster, Wasser und Gras; die Züge fahren schnell, schweben lautlos, man ist von Leiden in 15 Minuten in den Haag und in 17 Minuten in Delft und in 12 auf dem Flughafen Schiphol. Weit und breit Wasser, und Grüne Flächen; sie wusste nicht, dass Leiden auch am Rhein liegt, dass sie sogar extra eine „Burcht“ gebaut hatten, die im Falle einer Flut allen Bewohner von Leiden Zuflucht bieten sollte; die Hauptgracht – das ist der alte Rhein, und der Fluss ist wohl gelegentlich über die Ufer getreten, bis die komplizierten Systeme der Schleusen, Regulierungen und Dämme alles unter Kontrolle brachten.

Für sie war es zu viel Wasser, ganze Landstriche mit Gewächshäusern, sogar die kleinen Wäldchen liegen alle auf dem Wasser, man hat den Eindruck alles liegt auf dem Wasser, auf Moor, die Kanäle und das Gras, alles so flach, dass man schon von ganz weit weg die Skyline von den Haag sieht. Die ist auch wirklich sehenswert; eine Skyline mit holländischen Motiven, das muss man können, dazu noch so bunt und trotzdem sehr ästhetisch. Das schöne, sehr bescheidene Museum in Mauritshuis, Königliche Bildergalerie, zeigt wunderschöne Werke; man steigt nach unten und arbeitet sich nach oben durch, alle Säle voller Preziosen; kleinen, manchmal wirklich sehr kleinformatigen aber wunderschönen Gemälden. Für das Museum wirbt das Bild „Mädchen mit dem Perlohrring“ von Vermeer, das von Plakaten die Fußgänger anschaut und von Fotografen nachgestellt wird.

Sie staunte über den Geruch, den wunderbaren Duft, der sich im ganzen Museum verbreitete und sie magisch anzog und neugierig machte; dann sah sie auf den Zwischengeschossen riesige Vasen mit Blumenarrangements, die an die aus den Bildern erinnerten, es waren echte Blumen, echter Duft, mit weißen Lilien und Alstremerien, alten englischen Rosen und Glockenblumen, dazu Gräsern, Efeu, allerlei kleinen Blumen; sie dachte, wie oft muss so eine Vase wohl neu arrangiert werden, damit der Duft so betörend ist und die Blumen so frisch und lebendig aussehen. Das Museum war nicht allzu groß und die Werke waren allesamt bedeutend, man hatte für den Betrachter eine Auswahl getroffen. Überhaupt fand sie den Haag sehr lebendig, ja lebenswert, großstädtisch; mit der schönen Altstadt, mit Parks, in denen sie zum ersten Mal riesige Sträucher von blühenden Christrosen gesehen hatte, und der bunten Skyline, mit der Lage fast am Meer. Es war eine tolle Stadt.

Später, schon zu Hause, dachte sie über das Element Wasser nach, warum ihr das Element so fremd und zuwider war. Sie selbst tendierte zur Erde, weil Stier und Aszendent irgendwas…, und Erde vernichtet Wasser, sie saugt sie auf. Aber in Holland war Wasser überall, auch unterirdisch, das musste einen Einfluss auf die Menschen haben. Wasser symbolisiert den Fluss von Energien, von Materie, Wasser trägt und reinigt; es nimmt den Weg des geringen Widerstands, doch es ist beharrlich, es fließt immer. Auf die Fähigkeiten der Menschen übertragen bedeutet das Kommunikation, Diplomatie, gute Geschäfte, Handel, neue Ideen und deren Vermittlung und Ausdauer. Etwas zu viel Wasser führt dann zu Gefühlslosigkeit und Überheblichkeit, Kälte und herrischem Auftreten. Ja, das dachte sie, nachdem sie aus Holland zurückgekommen war, zugegeben sie war sehr erkältet und hat sich ein Virus zugezogen und konnte das ganze Wasser nicht aufnehmen und wieder ausspucken.

Die Städte Leiden und Delft sehr schön, von fast makelloser Schönheit, mit Grachten und schönen alten Häusern, herausgeputzt und nach außen sauber; dass es hinter den Fassaden anders aussah, wusste sie von ihrem Sohn, der in so einem alten Haus wohnte. Es war das Haus einer männlichen Studentenverbindung; in Holland wohnen Studentinnen und Studenten getrennt. Das war für sie auch so eine Schocknachricht; in dem nach Außen freizügigen Holland wohnten tatsächlich Mädchen und Jungen getrennt. Dass ihr Sohn der Verbindung nicht beitreten wollte, fand sie mehr als vernünftig. Denn immer wieder gab es alarmierende Berichte in den holländischen, aber auch deutschen Zeitungen, wie es bei den Aufnahmeritualen der Verbindungen mit Demütigungen und Überforderungen der Seele und des Körpers zuging.

Sie sah sich diese jahrhundertealten Städte an und dachte, wie eine Postkarte, man kann nichts hinzufügen, aber auch nicht dahinterkommen. Es lud sie nicht ein, wie in Italien, wo die Landschaft noch schöner oder anders war als auf der Postkarte, mit dem Duft, den Gesprächen. Nicht dass die Holländer still wären, nein sie redeten eher laut und lachten viel und schienen durchaus mit sich zufrieden zu sein. Aber sie stand vor einer Mauer, auch wenn die Fenster keine Gardinen und man Einsicht ins Wohnzimmer hatte, die Mauer der prachtvoll verzierten Fassaden konnte sie nicht durchdringen. Vielleicht wenn man viel, sehr viel darüber wusste und sich aufklären ließ; doch das war eben nicht ihr Weg.

Es gab auch die Kirchen, riesige Backsteinbauten, sowohl in Leiden als auch in Delft; sie waren fast immer geschlossen, obwohl Adventszeit war und sie mehrmals angeklopft haben. Doch in Delft erwartete sie eine Überraschung, für ein paar Euro konnte man sowohl die Oude wie auch Nieuwe Kerk besichtigen. Die alte Kirche mit ihrem schiefen Turm, malerisch an einer Gracht gelegen, drin mit der Grabplatte für Johannes Vermeer und Bleiglasfenstern aus verschiedenen Epochen, eine Kirche, die ständig umgebaut und erneuert wurde, hatte sie weniger berührt. Ein paar Schritte weiter gelangt man auf einen riesigen Marktplatz, an dessen einem Ende sich das Rathaus und am anderen die Neue Kirche mit dem höchsten Turm weit und breit steht. Man kann sich hier gut die Zeremonien aus der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft des Königshauses Oranje vorstellen; Hochzeiten, Begräbnisse, es gibt einen Grabkeller für die Beisetzung der Mitglieder der königlichen Familie. Die Kirche lebt immer noch ihre Größe, das kann man auf einem Video sehr gut verfolgen. Es ist eine sehr harmonisch angelegte und 1655 in der jetzigen Gestalt ausgeführte Kreuzbasilika, mit großen, farbigen Bleiglasfenster, die viel buntes Licht im Innenraum spielen lassen.

Sie wusste, dass ihre Schul- und Studienfreundin seit Jahren in Holland lebte, sie hatten den Kontakt verloren, dann wieder gefunden und dann gelockert. Aber sie hatte das im Hinterkopf und versuchte sich Anka in diesem Land vorzustellen und dachte, das ist verdammt schwer und mühsam, hier richtig anzukommen. Du musst ihre Geschichte, ihren Stolz annehmen und dich nicht unterkriegen lassen, für sich da sein und einen Weg finden. Die Freundin wohnte auch noch dazu in einer ganz kleinen Ortschaft, nicht einmal in einer Großstadt, wo sich alles mischt Menschen, Haut- und Haarfarben, Häuser, Autos; doch sie schien zufrieden und angekommen.

Sie fuhren auch nach Katwijk, wanderten in der Dünenlandschaft herum. Eine unheimliche Landschaft, mit silbergrauem und frisch grünem Moos, auch einigen Sträuchern, Ginster und Sanddorn, kleinen Grüppchen von höheren Gräsern, leicht hügelig, weit und breit; war man mittendrin, dann hatte man den Eindruck, die Landschaft würde unendlich so weitergehen. Es schimmerte und leuchtete in der Sonne nach dem Regen. Davor lag ausgebreitet der lange und breite Streifen des Sandstrandes, der sich wie ein riesiges gelbes Band bis ins Unendliche zog, dahinter die graue Nordsee.

Irgendwann kehrten sie in einem der Strandrestaurants ein, für einen Wochentag war es erstaunlich voll und lebendig. Sie saßen an einem schönen Tisch, nebenan gab es eine größere Gesellschaft, es war laut, gesellig und sehr warm. Jetzt hätte der Teil kommen sollen, wo sie auf einmal ihre Freundin in einer Ecke sitzen sah, doch so war es nicht. Die wohnt für holländische Verhältnisse weit weg, in der Umgebung von Groningen. Was sollte sie denn hier auch suchen. Wir hatten uns nicht verabredet, seit Längerem nicht einmal geschrieben. So ist nur die flüchtige Erinnerung an sie da, und das ist alles.

Flüchtlinge – uciekinierzy

Tekstów o uciekinierach coraz więcej. Zgodnie z zapowiedzią będę je więc publikowała w każdą środę, a nie tak jak dotychczas – w co drugą.  Dziś dwugłos Monika Wrzosek-Müller i ja. Mój tekst – po polsku – pod tekstem Moniki. Oba zatroskane.

MonikaWrzosek-Müller

Die Jugendherberge und die jungen männlichen Flüchtlinge

Sie war erstaunt, dass jemand sich über eine so schöne Herberge noch beklagen konnte. Ein Zufall wollte, dass sie da mit ihrem Sohn vor Jahren an einem Vorbereitungskurs für seine Reise nach Kanada teilgenommen und er in der Herberge auch übernachtet hatte. Auf jeden Fall war die Unterkunft sehr schön gelegen, am Seeufer, fast im Wald, mit großem Essraum und allen denkbaren hygienischen Einrichtungen.

Die Jungs, die jetzt dort wohnten, kamen hauptsächlich aus Afghanistan, Syrien, dem Libanon und dem Irak; es gab vereinzelt welche aus Afrika: Ghana und Eritrea. Sie gaben an, unter 18 zu sein, doch sie vermutete bei vielen, dass sie diese magische Grenze schon überschritten hatten. Auf die Frage: „Wie alt bist du?“ kam meistens eine Zahl, die mit dem Gesicht nicht korrespondierte: 15, 16 – und die Gesichter waren eher die von Männern über 20. So einigte man sich auf eine ärztliche Untersuchung, die jetzt das ungefähre Alter feststellen soll. Eigentlich wusste sie nicht, wie man das feststellen konnte; wenn jemand ganz schlimme Erlebnisse hatte, würde er auch älter aussehen. Sie würde, wäre sie Ärztin, diese Aufgabe nur sehr ungern übernehmen.

Die ersten Wochen waren die Sprachgruppen national fast homogen, erstaunlich wie die einzelnen Nationen zusammen hielten; später wurden sie nach Grad und Fähigkeit Deutsch zu lernen eingeteilt. Es kam eine bunt gemischte Gruppe heraus. Eigentlich waren sie lernwillig, manche lernten auch wirklich schnell und konzentriert, aber es gab auch solche, die die ganze Zeit redeten und sich vielleicht gar nicht konzentrieren konnten. Es gab auch großen Bedarf an Alphabetisierung; viele kannten das lateinische Alphabet nicht, bei einigen wenigen hatte sie den Eindruck, dass sie überhaupt lernungewohnt waren.

Es gab viele Lehrer; die Jungs wurden in vier Gruppen eingeteilt und es wurde an allen fünf Tagen der Woche unterrichtet. Nachmittags organisierten die Sozialarbeiter für sie Ausflüge oder Heimkino, sie hatten auch Monatskarten, um mit der BVG zu fahren. Es war schon ein gut durchdachtes und funktionierendes System bei allen, die sich für die Jungs einsetzten. Sie dachte auch, dass es gerade für so junge Leute leichter sein müsse, sich an das Land und die Sitten zu gewöhnen. Bei einigen musste man dann auch hart durchgreifen, damit sie das machten, was von ihnen verlangt wurde. Allgemein waren sie aber eher fröhlich und zuversichtlich – sie dachte: vielleicht doch irgendwie aus besseren Verhältnissen.

Das wichtigste Accessoire war natürlich das omnipräsente Handy mit blinkender Oberfläche, je größer desto besser. Und natürlich versuchten sie am Anfang auch während des Unterrichts am Handy zu fummeln. Dann machte sie die Ansage, dass sie im Flugzeug wären und für die Flugzeit würde das Handy auf Flugmodus gestellt; das kapierten sie erstaunlich schnell und die Handyslagen unberührt; doch kurz vor dem Schluss des Unterrichts rief immer ein digitaler Muezzin sie per Handy zum Gebet und dann war Ende mit der Ruhe und der Schule; wie in ihren Heimatländern die Disziplin in den Schulen gehandhabt wurde, konnte sie sich nicht vorstellen.

Die Weihnachtsparty, die die Deutschlehrer organisiert hatten, war ein voller Erfolg. Die Jungen sangen aus vollen Herzen, sprangen herum und tanzten, führten auch ihre Lieder vor: den Afghan-Rap, die Lieder aus ihren Ländern. Manchmal dachte sie, als sie ganz wild herumtanzten und johlten, das ist jetzt aber zu viel, wir werden es nicht schaffen sie zu beruhigen, und doch endete alles erstaunlich ruhig und gesittet, aufgeräumt und still. Das Bingo-Spiel wurde mit großer Freude mitgespielt, die Lehrer hatten wirklich ein schönes Programm angeboten, mit Weihnachtsgebäck und Früchten und Getränken… die Jungs fühlten sich wohl und mit Aufmerksamkeit bedacht.

Einige wenige gingen schon in die Willkommensklassen, die lernten natürlich am schnellsten, hatten auch in den Pausen Kontakt zu anderen deutschen Jugendlichen. Es war wirklich der beste Weg sie zu integrieren, zusammen mit den anderen lernen, spielen, zusammen sein; sonst waren sie ausgegrenzt und im Ausnahmezustand, das sah man ihnen an. Viele waren apathisch oder sehr nervös und gereizt. Sie stürmten plötzlich aus der Klasse wegen angeblichen oder doch existierenden Durchfall, Nasenbluten etc… Sie versuchte dahinterzukommen: waren das wirkliche Symptome, oder wollten sie gerade aus der Gemeinschaft, aus dem Unterricht raus. Es war sehr wichtig, ihnen Aufgaben zu stellen, bei denen sie auch nachdenken mussten; zusammenzählen, etwas erfinden, mit abstrakten Dialogen und Situationen taten sie sich schwer; aber vielleicht taten sich alle Jugendlichen damit schwer.

Sie wollte zu dem Café-Treffen der Ehrenamtlichen gehen und fragen, wohin die Jungendlichen denn ab Ende Februar verlegt werden würden, was mit ihnen geschehen würde, denn die Betreiber der Herberge wollten für den Frühling keine Flüchtlinge mehr haben. Das war das Mindeste, was sie für sie weiter tun konnte, auch wenn sich nicht nur Erfreuliches im Unterricht ereignete.

Eine von den Deutschlehrerinnen wollte mit den Jungs in ein Supermarkt gehen, um die Sachen konkret beim Namen zu nennen, schauen was sie interessiert, was sie einkaufen, ihnen helfen sich zu orientieren und ihnen erklären, was die Sachen in der Verpackung sind. Sie hat jedem 2,50 € geben wollen, damit sie sich eine Kleinigkeit kaufen könnten. Natürlich hat sie das von ihrem Geld gespendet, wollte nur eine Quittung haben, vielleicht wegen der Steuererklärung… sie hatte das Geld schon einigen ausgegeben, als zwei Jugendliche sie überfielen und ihr den Beutel mit dem übrigen Kleingeld wegrissen und wegrannten. Die anderen rannten ihnen hinterher, es entwickelte sich eine Schlägerei, in der einige verletzt wurden. Sie war völlig entsetzt und meinte, so was wird sie nicht noch Mal versuchen.

Sie dachte bei sich, man soll auf alle Möglichkeiten vorbereitet sein; sie kannte nicht einmal deutsche Jugendliche gut und wusste nicht, wie die in einer Gruppe funktionieren. Die Flüchtlinge, nach ihren Erlebnissen in der Heimat und auf dem Weg, und in völlig fremder Umgebung sind natürlich überfordert. Und dann dachte sie weiter: die Aufgaben, die auf uns warten, sind unendlich schwer – damit sie wirklich integriert werden und in Frieden mit sich und mit der Umgebung leben könnten.

Ewa Maria Slaska

Sylwester

Drugą część tego tekstu napisałam przed Sylwestrem. Rzeczywistość mnie jednak dopadła, zanim zdążyłam podzielić się z Wami myślą, że uchodźców wcale nie widać na ulicy. Bo niestety w Sylwestra było ich widać i to w sposób groźny.

Dla kobiety gwałt jest jedną z najbardziej przerażających wizji tego, co je może spotkać. Na szczęście kultura zachodnia od lat tępiła i potępiała gwałty, tak w sferze prywatnej jak i publicznej. Kobiety w Niemczech czy w Europie nie liczą się już z tym, że jest to realna codzienna groźba. Sylwester 2015 pokazał, że może stać się znowu realna i może stać się zjawiskiem społecznym.

Gdy wiadomości o tym dotarły do mediów, w pierwszym odruchu pomyślałam, że to nieprawda, że to prawicowa prowokacja wewnątrzniemiecka wymierzona w rząd Angeli Merkel. Im bardziej jednak doniesienia się mnożyły, tym bardziej, nie wiem zresztą dlaczego, prowokacja prawicowa wydawała mi się mniej realna.

Gdzieś zgwałcona została kobieta w średnim wieku – miała, jak podała prasa, 58 lat. Oczywiście, może jest to pani, która znakomicie wygląda, tak też może być, ale jeśli jest to jednak starsza pani, to znaczyłoby, że był to gwałt wojenny, który nie jest zaspokojeniem potrzeby seksualnej, tylko metodą poniżenia wroga przez poniżenie zadane jego kobietom. Tak gwałciła zwycięska Armia Czerwona tryumfalnie wkraczająca na tereny padających na kolana Niemiec, a jej ideologiem był Ilja Erenburg…

A wtedy mogłoby to oznaczać, że była to prowokacja, ale nie ze strony skrajnej prawicy niemieckiej czy europejskiej, lecz ze strony państwa islamskiego. I że znajdujemy się w stanie wojny. I że rzeczywiście są tu ONi i jesteśmy MY.

I tę myśl zapisałam kilka dnie temu, a następnego dnia również policja niemiecka, wychodząc zresztą nie z przesłanek lecz poszlak i dowodów, doszła do wniosku, że była to zorganizowana akcja ISIS.

Stale powtarzam, przede wszystkim trzeba myśleć.

Czy uchodźców widać na ulicy?

Ludzie z Polski wciąż pytają, czy uchodźców widać na ulicy? A moja odpowiedź, wprawdzie trochę niepewna, brzmi – nie, nie widać. Widać i słychać cudzoziemców, niewątpliwie, i to zarówno tych, którzy mieszkają tu na stałe, jak i turystów. Przede wszystkim zresztą Włochów i Hiszpanów. Ale uchodźców niemal nie widać. Mieszkam naprzeciwko nieczynnego lotniska Tempelhof, oddzielonego od ulic Tempelhofer Damm i Columbiadamm wielkim prawie stuletnim budynkiem, kiedyś najdłuższym budynkiem na świecie. Teraz podobno jest jakiś dłuższy.


Ja mieszkam po drugiej stronie ulicy, na samym prawym końcu tego gmaszydła. W tym budynku ulokowano w listopadzie kilka tysięcy uchodźców, głównie samotnych mężczyzn, czekających na przeniesienie do jakiegoś bardziej przychylnego ludziom miejsca. Pewnej soboty miały tu miejsce bójki, o których donosiła prasa na całym świecie. A ja co? A ja, choć mieszkam od nich o rzut beretem, początkowo nawet ich nie widziałam. Oni wchodzą do siebie głównym wejściem, wysiadają więc przystanek wcześniej niż ja – bo wejście główne i boczne oddziela odległość całej stacji metra. Moja jest dziś całkiem niepozorna, ale w latach 20 wysiadali tu robotnicy budujący lotnisko. Były ich tysiące. Szli do pracy 17 tunelami!

Oni i ja korzystamy z tej samej linii metra, a jednak początkowo w metrze też ich nie było. Raz, gdy szłam na dworzec o 4 w nocy, spotkałam jednego zbłąkanego, szukał drogi do najbliższego szpitala, którego adres ktoś mu nieporadnie zapisał na świstku.

Teraz w budynku ulokowano ponad dwa tysiące uchodźców, w przyszłości ma ich być nawet siedem tysięcy. Jest ich teraz, po kilku tygodniach, może troszeczkę więcej w metrze. Widocznie się oswoili i otarli, dostali bilety na komunikację miejską, odważają się więc, wychodzą ze schroniska, zbaczają z utartych tras prowadzących do urzędów. Ale nadal widzę ich niewielu. Nawet w pobliskim sklepie, który zasadniczo jest i ich, i mój, ich nie ma. Jak się czasem spotka jakichś cudzoziemców, to najdalej przy kasie okazuje się, że mówią dobrze po niemiecku i są na pewno berlińczykami od dawna.

Pracuję z uciekinierami, pracowałam z nimi wiele lat, między innymi  w ogromnym schronisku dla tysiąca ludzi, ale nawet ja nie umiem sobie wyobrazić, jak może wyglądać taki moloch, gdzie zakwaterowano dwa, trzy, cztery, pięć tysięcy osób. Oczywiście – w ogromnym pustym gmachu jest dość miejsca, aby pomieścić tysiące ludzi. Ale jak ich karmić, jak mają się kąpać, jak załatwiać potrzeby fizjologiczne? Jak sprzątać? I co mają robić? To chyba główne pytanie – co mają robić, żeby nie zwariować w tym natłoku cudzej obecności i niedoborze sensownego zajęcia?

To niesamowite – tylu ich jest wśród nas, a my ich nie widzimy. Z jednej strony zaskakujące, z drugiej pocieszające. Najwyraźniej taki organizm miejski jak wielokulturowy Berlin, z jego prawie czterema milionami mieszkańców, jest w stanie bez śladu wchłonąć sto tysięcy przybyszów.

Weihnachten

Monika Wrzosek-Müller

Weihnachten war und ist für sie ein Fest der Harmonie, Liebe und Zuversicht; verständlich es wurde ein göttliches Kind geboren, alles bewegt sich, richtet sich in die Zukunft aus. Das kann mitunter in Kitsch ausarten, im äußeren und mentalen Kitsch, mit Liedern, sich Verbrüdern, mit Lichterketten und Weihnachtsmärkten, Glühwein, Essen ohne Ende; oder ist es das, was wir im Leben brauchen: ein bisschen Kitsch, damit die Wirklichkeit zu ertragen ist.

Als sie klein war, noch in Warschau, in Polen, konnte sie eine Woche vor Weihnachten nicht baden, oder sie ging zu Bekannten, um dort zu duschen, denn in ihrer Badewanne schwammen immer zwei gesunde, große Karpfen. Sie wollte sie nie essen, weder in Gelee, noch gebraten, noch in Gemüse oder auf griechische Art mit Tomaten. Immer schmeckte sie das sumpfige, morastige heraus und die Gräten machten ihr auch zu schaffen. Als sie da im Bad schwammen, hatte sie die Karpfen mit Brot gefüttert; sie bekamen auch Namen, leider hörten sie auf ihre Namen nicht, schwammen ihre Runden in dem kleinen Becken der Badewanne. Doch Karpfen gehörten zum Weihnachten ihrer Kindheit; vieles gehörte zu Weihnachten, sie erinnerte sich an das wohlige Gefühl und Vorfreude in den Tagen vorher, an viele Vorbereitungen und an das Horten von Lebensmitteln, ausrollen vom Teig für Pirogen und an Kutja mit Mohn, unendlich oft durch den Fleischwolf mit einem entsprechenden Aufsatz gedreht, es durfte ja gar nichts am Tisch fehlen. Und an den Moment als die Lichter am Tannenbaum brannten und die ewigen Streitereien aufhörten, als der Tisch gedeckt war, die Oblate auf ein bisschen Heu in der Mitte des Tisches lag und man mit den Wünschen begann. Als Kind versank sie förmlich in der Sicherheit zwischen Oma und Tante und vielen Geschenken und gesungenen Weihnachtsliedern. Es gab so etwas wie heilige Momente der glücklichen Leere und Wunschlosigkeit.

Später im Erwachsenenleben sollte sie die Sicherheit weitergeben, die Bräuche erhalten und sie kultivieren und diese Gefühle wiederherstellen für ihren Mann und Sohn, für Leute die mit ihr waren.

Sie erinnerte sich an eine lange Reise, noch in den achtziger Jahren, durch ganz Frankreich von Nancy über die Loire Schlösser in die Bretagne, in der vorweihnachtlichen Zeit, und wie sie über die Fülle und Verschiedenheit der angebotenen Waren staunte: es gab unendlich viele Sorten von Käse, von Gemüse, Obst und Meeresfrüchten, selbst von Austern die verschiedensten Formen und angeblich Geschmäcker und dann die ganze Vielfalt der Muscheln. In den Regalen lagen reihenweise, gestapelte Weinflaschen und es wurde lange gesucht, mehrere Läden aufgesucht, ausgewählt, probiert. Die Art der Einkäufe, die als Selbstbeschäftigung verstanden werden und an die angenehme Seite des Lebens erinnern sollte, die sie gar nicht kannte. Einkäufe waren in ihrer Welt immer lästig.

Die grande Fête du Noël fand immer am ersten Weihnachtstag statt und es war das große Essen, meistens doch im Restaurant. Es wurde im Kreis der Familie in ausgesuchtem, vorbestelltem Restaurant lange gespeist. Die riesigen Menüs mit 7 bis 9 Gängen wurden an festlich dekorierten Tischen sehr professionell serviert und verschwanden nach und nach, von den Tischen, Tellern in den Bäuchen; sie wunderte sich jedes Mal, wie man das alles aufessen konnte, aß aber selbst kräftig mit.

Später kamen dann die Weihnachten in Italien, die mit Krippenbauen, Tannenbaum suchen und Besuchen von Familie und Freunden verliefen. Zu Natale ging man Kirchen besuchen, um sich die mehr oder weniger kunstvollen Krippen anzuschauen, auch die Leute zu bestaunen, die unabhängig vom Wetter ihre teuren Pelze und die ganze Winterausstattung trugen. In kleinen Ortschaften stellte jedes Haus eine Krippe vor der Tür aus, es gab regelrecht Wettbewerbe für die schönste, witzigste oder ausgefallenste Krippe; sie erinnerte sich an eine Krippe bei den Carabinieri in San Miniato, die in einem Aquarium hergerichtet war. Weihnachten war die Zeit der Geschenke, kunstvoll verpackte Tüten mit Kleinigkeiten in Seidenpapier eingewickelt, alles wunderschön arrangiert. Und dann die Kartons mit panettone, sie suchten immer die einfachsten, traditionellsten aus, und Vin Santo mit cantuccini. Oft wurden die Reste der Trüffel zum ersten Weihnachtstag verspeist, die Küche war einfach aber aromatisch; die italienische Reihenfolge hielten sie nicht ein, aßen sich nicht durch die antipasti, primi mit Pasta oder und Risotto, secondi mit Fisch und Fleisch und dolci durch. Was sie am meisten genossen, war das Wetter, dass man oft viel Zeit draußen verbringen konnte und es für ihre Begriffe sehr warm war.

Die Städte waren aber nicht so opulent mit Lichtern geschmückt, es hingen manchmal rote Kokarden an den Eingangstüren und ein paar Lichterketten, eher ohne ganzheitliche Inszenierung, ohne große allgemeine Wirkung. Die blieb den Städten und Regionen im Norden vorbehalten.

Jedes Jahr kriegte Berlin ein neues Kleid aus Tausenden Lichterketten; manche glanzvoll und wirklich kunstvoll arrangiert, andere etwas kitschig, bunt, schrill, blinkend; den Möglichkeiten wurden keine Grenzen gesetzt. Das fing schon im Oktober mit dem Fest des Lichts an, als bestimmte Baudenkmäler in vielen Farben beleuchtet wurden. Später kamen dann die Weihnachtsbeleuchtung, die Weihnachtsmärkte und große Tannenbäume mit Lichterketten. Jedes Viertel hatte eigene Konzepte für die vorweihnachtliche Beleuchtung auch mit kleinen Eisbahnen für die Kinder; die schönste Weihnachtsdekoration war natürlich immer am Kudamm oder Unter den Linden, wo die Silhouetten der Bäume mit Tausenden von winzigen Lämpchen nachgezeichnet wurden, manchmal bewunderte sie die kunstvoll arrangierten Fensterläden. Sie fand diese Flut der Lichter ermutigend und aufbauend in der tristen Jahreszeit, auch wenn sie viel Strom verbrauchten. Eher wenig konnte sie mit den vielen Weihnachtsmärkten anfangen, sie mochte die ganz kleinen, künstlerischen, wo man ausgefallene Sachen kaufen konnte und sich aber meistens doch zurückhielt wegen der Preise. Es gab einen Ranking unter den Berliner Weihnachtsmärkten; die größten waren gar nicht die besten. Manchmal hatte man den Eindruck, dass seit Anfang Dezember die Berliner sich an Weihnachtsmärkten ernährten, an manchen war es immer eng und voll.

Es gab noch ein Neujahrsfest außerhalb jeder bekannten Tradition auf einer kleinen Insel, an den Backwaters, in Südindien. Da das Management des Hotels wusste, dass wir aus Europa kamen, gab es unendlich viele Plastikweihnachtsbäume mit blinkenden und pulsierenden Lichterketten und opulenten, sehr farbigen Weihnachtsschmuck, dazu auch indischen Tanz und Musik. Auf einen Weihnachtsbaum versuchte sich immer wieder ein ganz dicker, großer und bunter Vogel draufsetzen, so dass der Baum gleich umkippte zur Erheiterung der Allgemeinheit. Als Feuerwerk wurden die Wunderkerzen angezündet, die leider wegen der Feuchtigkeit gleich wieder ausgingen. So wurde ihr dann auch bewusst, dass der Gebrauch von so viel Plastikzeug und elektrischen Lichterketten eine Not war, alle Kerzen würden sowieso ausgehen, wegen der Feuchte und wegen des Windes. Doch es war ein schönes, buntes Fest.

In Berlin ging sie auch oft in Konzerte in den Kirchen, das Angebot an vorweihnachtlichen Aktivitäten war immens und man verpasste immer das meiste und alle fanden das toll, sie aber sehnte sich doch nach der Helligkeit der italienischen Sonne.

Die kleine große Welt

Monika Wrzosek-Müller

Baumwipfelpfad = Baumkronenweg, Beelitz Heilstätten

Sie kannte Beelitz Heilstätten schon aus der Zeit, als der kleine Michi da war. Die Neurologische Reha Klinik war teilweise in den alten Gebäuden der Heilstätten untergebracht, sie verfügte aber auch über einen Neubau. Schon damals fielen ihr die wunderschönen alten Häuser und Anlagen auf, die innerhalb der Reha-Klinik auch renoviert wurden, aber weiter draußen, auf der anderen Straßenseite vor sich hin rosteten, zerfielen, verfielen und auseinanderbrachen. Die Patienten konnten ausgedehnte Spaziergänge machen, auch im Rollstuhl, auch Querschnittsgelähmte, eigentlich nur diese traf man dort. Es gab verschiedene hölzerne Altane, wo man sich auch bei schlechtem Wetter aufhalten konnte, auch Liegehallen genannt, die früher für Liege- und Luftkuren genutzt wurden. Da der Weg aus Berlin schon etwas länger war, blieb sie jeweils länger, fast den ganzen Tag, und ging nach dem Besuch bei Michi über die Straße und fand immer neue Gebäude, neue Ruinen, neue Ausblicke, die ihr den Atem stocken ließen.

Manchmal sah sie in den Ruinen junge Fotographen, die ihre Freudinnen, oder waren das echte Models?, fotografierten; die Kulisse war atemberaubend, die Mädchen weniger: sie waren immer so extrem dünn, geschminkt und zurecht gestutzt, dass sie erschauerte und bei den Haaren manchmal Zuckerwatte vermutete. Neben hohen zerfallenden Räumen, kam noch das sich in Windeseile windende Grün des Hopfens und des Efeus, zwischen den Steinen und auf den Dächern um die Stahlkonstruktionen wuchsen fast neue Wälder mit Kiefern und Birken, an den breiten und langen Wänden und Mauern erschienen immer mehr Graffitis, die diese unheimliche Welt auf künstliche Weise belebten; ein Highlight für Castings und Shootings, sie sah immer mehr Fotografen und sogar Filmteams auftauchen (auf dem Gelände wurden Szenen für Polanskis „Pianist“ gedreht); daneben durchstreiften den Park auch unheimliche Wesen, auf der Suche nach esoterischen Erlebnissen. Zwar waren damals noch einige Gebäude fast intakt, manche sogar noch mit Fenstern, doch gingen die Zerstörung und der Zerfall sehr schnell voran. Sie wunderte sich, dass man so einen Komplex vor sich hin vegetieren ließ.

Die Geschichte der Heilstätten beginnt in 90er Jahren des 19. Jh.; es werden immer mehr Gebäude für Lungen- und Tuberkulosekranke gebaut, für Frauen und Männer getrennt, bis es 60 Häuser auf einer Wald/Parkfläche von 200 Ha sind. An dem Projekt arbeiten bis 1930 mehrere Architekten und es gibt mehrere Bauphasen; deswegen sehen wir da Häuser im historisierenden Stil und dann auch solche mit Jugendstil-Elementen, mit entsprechenden Kacheln und Stahlkonstruktionen, große Hallen mit imposanten Treppenaufgängen, die Wände gekachelt, mit schönen riesigen Fenstern, Bögen, Rundungen, kleinen Wandreliefs. Schon im Ersten Weltkrieg wird das Gelände mit den Gebäuden in ein Lazarett umgewandelt, genauso dann im Zweiten Weltkrieg. Nach dem Krieg bis 1994 befindet sich in den Räumen das Zentrale Militärkrankenhaus der sowjetischen Besatzungsmacht, die meisten Häuser sind erhalten, wenngleich in schlechtem Zustand.

Nach der Wiedervereinigung werden die Neurologische Rehabilitationsklinik, Parkinson-Krankenhaus, Rehabilitationsklinik für Kinder in den Gebäuden untergebracht. Doch der größte Teil bleibt brach liegen; die Versuche, durch Eigentümergesellschaft die Sanierung der Denkmalsubstanz voranzutreiben, misslingen.

Und dann eines Sonntag Morgens fuhren sie mit Freunden nach Beelitz Heilstätten, um auf dem gerade eröffneten Baumkronenweg spazieren zu gehen. Sie war etwas misstrauisch, diese Art von Events mochte sie eigentlich nicht, auch nicht, dass etwas so massiv Künstliches in eine Landschaft gestampft wurde, so wie die Skilifte und Skipisten in den Bergen, die sie doch immer wieder benutzte, oder wie Wasserrutschen und dergleichen am Strand, von denen sie sich immer fernhielt. Ihr Gefühl gab ihr Recht, von unten sah der Pfad monströs aus, eine zusammen geschweißte Konstruktion, riesig in den Park reingestellt. Es war kein besonders gutes Wetter und es gabt nicht allzu viele Menschen, sie gingen getrennt nach oben, denn der Hund musste draußen bleiben. Sie stieg die nicht enden wollenden Treppen, unzählige Stufen, nach oben zum Pfad, der in 24 m Höhe liegt. Es war gerade Herbst, die Bäume hatten die letzten Blätter noch auf den Kronen, die Färbung war eher gelblich braun, die letzten Momente der Pracht mit Grün durchwebt; plötzlich stand sie mittendrin, in der Stille, spürte die Bewegung der Bäume, das leichte Schaukeln der Konstruktion, da oben weht der Wind viel kräftiger, und war begeistert. Vielleicht fühlt man sich ähnlich, wenn man die chinesische Mauer abläuft. Ja, es ist ein Erlebnis, von oben auf diese zerfallene Landschaft, Architektur zu schauen; mit einer großen Anlage des Frauenpavillions, mit kleinen, eingerissenen WC-Häuschen, großen Ruheräumen, Zimmern, Korridoren. Man erkennt noch alles und doch verschwinden die genauen Umrisse, weil sich da schon das Grün seinen Weg bahnt. Es entsteht etwas neues, Übergänge, die man sich kaum erträumt hat; ein neuer Wald auf dem Dach, ein Birkenwäldchen in den Zimmern unten; das Grün nimmt alles in Besitz, was es unterwegs findet.

Dann stieg sie noch höher auf den Turm, der in 40 m Höhe wirklich die Sicht über die ganze Gegend erlaubt, bis nach Potsdam, Werder, Beelitz, ein offener Horizont im Meer der bläulich grünen Landschaft, mit wechselnden Wolkenbildern oben und sich bewegenden Baumkronen unten. Von den Bauten sieht man nur Türmchen, Kirchtürme und Hochhäuser weit weg. Sie stand verzaubert und berührt bei so viel freiem Himmel, Luft und Raum, man kann tief durchatmen, den Blick weit schweifen lassen. Und dann hörte sie Rufe, sah lachende Gesichter, die ihren Namen riefen; siehe da, es waren ihre zwei Yogaschüler aus Luckenwalde. Sie versicherten sich gegenseitig, dass der Ausblick fantastisch sei und dass es sich gelohnt hätte den hohen Eintrittspreis zu bezahlen und sie spürte wieder einmal: mit den beiden ist die große Welt etwas kleiner geworden.