Michael G. Müller
„Dreihundert Männer. Aufstieg und Fall der Deutschland AG“. Ein Buch von Konstantin Richter1
Was könnte man hier erwarten: Eine nostalgische Heldenerzählung über die Unternehmer und Bankiers, denen Generationen von Deutschen ihren Wohlstand verdankten? Oder das Gegenteil, eine radikale Abrechnung mit den Wirtschaftsbossen, die das kapitalistische System „Deutschland AG“ durch das katastrophale 20. Jahrhundert gesteuert haben? Es geht aber weder um das eine noch um das andere. Stattdessen um eine ganz nüchterne, dabei genauso unparteiische wie kritische wirtschaftshistorische Analyse – um den gelungenen Versuch, das System Deutschland AG in seiner Entwicklung vom späten 19. Jahrhundert bis heute zu verstehen und verständlich zu beschreiben.
Ein Spezifikum dieses Systems wird mit dem Buchtitel „Dreihundert Männer“ angesprochen. In allen Entwicklungsphasen des Kapitalismus in Deutschland war es eine überschaubare Gruppe von Männern (nur Männern!), die die Geschicke von Industrie und Finanzen gelenkt hat. Sie teilte bestimmte Werte, Ansichten und Erfahrungen, vor allem aber: alle kannten sich und man konnte einander vertrauen, in gewissen Grenzen jedenfalls. Spezifisch außerdem: In der Deutschland AG waren industrielles Unternehmertum und Banken besonders eng miteinander verflochten – sehr viel enger als in den anderen Leitkulturen des europäischen Kapitalismus. Keine Erfolgsgeschichte deutschen Unternehmertums ohne die Unterstützung und enge Begleitung durch die großen Bankenchefs.
Und noch ein weiteres, problematisches Spezifikum: Das System hat sich allen gewaltsamen Umbrüchen des 20. Jahrhunderts erfolgreich angepasst; es hat sozusagen alle Wellen der Geschichte ausgeritten, um am Ende immer oben zu bleiben. Schon der Erste Weltkrieg hatte eine eigentlich systemsprengende Krise gebracht. Die schon um 1900 global hoch vernetzte deutsche Industrie traf der Abbruch der Wirtschaftsbeziehungen zu den Kriegsgegnern mehr als hart. Doch der Rückschlag konnte durch die gewaltigen Rüstungsaufträge weitgehend kompensiert werden, zumal sich die deutsche Industrie als außerordentlich erfinderisch erwies, um die Nachfrage der Obersten Heeresleitung nach Massenvernichtungsmitteln zu befriedigen – bei der Entwicklung und Herstellung von Giftgas, bei der Herstellung immer leistungsfähigerer Artilleriegeschütze oder der exponentiellen Steigerung der Munitionsproduktion. Ohne den Erfindergeist der deutschen Industrie wäre das Kaiserreich wahrscheinlich schon 1916 an dem Punkt der Erschöpfung angelangt, der dann erst 1918 eintrat.
Noch gespenstischer die Verwicklung in die von Deutschland angerichteten Katastrophen des Zweiten Weltkriegs. An den Anstrengungen, Deutschland „judenfrei“ zu machen, wirkten Großunternehmen und Banken bereitwillig mit. Spätestens seit 1936, als viele Deutsche noch an den Friedenswillen des Hitler-Regimes glaubten, war die deutsche Industrie direkt und absichtsvoll an den Kriegsvorbereitungen beteiligt, nicht nur bei der Produktion von Panzern oder Kampfflugzeugen, sondern z.B. auch bei der industriellen Substitution kriegswichtiger Rohstoffe – künstliches Gummi, um von Kautschuk-Importen unabhängig zu werden, künstlicher Treibstoff anstelle von Benzin.
Im Verlauf des Kriegs gab die deutsche Industrie dann jegliche Hemmungen gegenüber den Zielen des NS-Regimes auf. Siehe die Geschichte des 1943 eingerichteten KZ Auschwitz III Monowitz. Schon früher hatten sich deutsche Unternehmen Zwangsarbeit, auch die von KZ-Häftlingen, nutzbar gemacht. Hier in Monnowitz aber schuf sich die I.G. Farben (Buna-Werke) sozusagen ihr eigenes KZ, das nach dem Prinzip „Vernichtung durch Arbeit“ funktionierte. Manchen I.G. Farben-Managern mag hier vielleicht mehr an der Arbeit als an der Vernichtung gelegen gewesen sein. Aber man hat sich eben arrangiert.
Wieder galt für die „dreihundert Männer“ also das Prinzip, dass man im Blick auf die eigene Verantwortung für Wirtschaft und Gesellschaft „das Beste“ aus der Situation machen müsse. Auch wenn die moralischen Kosten dafür jetzt unendlich viel höher waren. Umso erstaunlicher, wie leicht sich die verantwortlichen Unternehmer und Bankiers nach dem Zusammenbruch von 1945 dann doch wieder aus der Affäre ziehen konnten. Die ganz unglaubwürdige Erzählung, wonach die deutschen Wirtschaftslenker eigentlich nichts gewusst und nur unter Zwang gehandelt hätten, setzte sich durch – denn auf dieser Grundlage konnte man in den westlichen Besatzungszonen und der künftigen Bundesrepublik wieder miteinander ins Geschäft kommen und eine neue Normalität herstellen.
So anpassungs- und überlebensfähig das System also war – Richter zeigt aber auch, wie stark sich das Profil der Trägergruppe der Deutschland AG, des informellen Klubs der dreihundert Männer praktisch in jeder Generation verändert hat. Am Anfang des kapitalistischen Take-off standen die großen Erfinderfiguren, die fantasiereichen Ingenieure, die Tüftler, die Chemiker mit den genialen Ideen für großtechnische Anwendungen ihrer Entdeckungen. Sie prägten die frühe Industriekultur mit ihrem Habitus als Firmenpatriarchen und eigenwillige Despoten; sie prägten das Bild der Industriekapitäne, die mit ihren protzigen Villen als eine zum Ancien Régim alternative, dabei doch letztlich neo-feudale Elite auftrumpften. Schnell aber wurden sie durch bestimmte Sachzwänge eingeholt. Das industrielle New Age erforderte neue, spezialisierte Kompetenzen, etwa in den Bereichen Betriebsmanagement, Produktionsorganisation oder Marketing, das schon in der Zeit zwischen den Weltkriegen. So kam es (so lese ich Richters Erzählung) zu einer lange wirksamen Gleichzeitigkeit eigentlich ungleichzeitiger Strukturen – der Koexistenz von altindustriellem Patriarchentum und moderner Managementpraxis. Die Mythen um die Wirtschaftskapitäne (Thyssen, Siemens, Borsig etc.) werden bis heute gepflegt, während wir gleichzeitig wissen, dass seit Langem ganz andere am Ruder waren oder sind.
Trotzdem scheint ein bestimmter mindset den informellen Klub der 300 Männer generationsübergreifend geprägt zu haben. Dazu gehörte nicht nur die tiefe Furcht vor sozialem Protest, der Arbeiterbewegung (und der Bereitschaft, darauf auch vorau
seilend zu reagieren), sondern auch eine Art von gesamtgesellschaftlicher Verantwortung. Der Kapitalismus in Deutschland sollte im Idealfall so gestaltet, moderiert werden, dass Kapitalinteressen und gesellschaftliches Wohl in Einklang gebracht werden könnten.
Die Älteren von uns erinnern sich an die entsprechende bundesdeutsche Rhetorik seit den späten 1960er Jahren, an das Motto der „Sozialpartnerschaft“. Das Versprechen: Allen wird es besser gehen, wenn die die Konzerne verdienen und ihren Gewinn durch Lohnerhöhungen und soziale Leistungen „nach unten“ weitergeben. Das scheint ja auch ziemlich lange gut gegangen zu sein. Nicht nur die wirtschaftsnahen konservativen Parteien haben in dieses Horn geblasen, sondern auch Gerhard Schröder, im Verein mit Tony Blair, die SPD seit Helmut Schmidt insgesamt.
Jetzt geht die Rechnung aber offenbar nicht mehr auf. Auch dafür hat Richter Erklärungen. Das alte Strategiemodell der Deutschland A.G., so seine These, ist durch die fundamentalen Veränderungen der globalen Marktregelungen – konkret die radikale Deregulierung der Finanzmärkte und der Bedingungen für internationale Kapitalanlagen obsolet geworden. Überall, also auch in Deutschland, müssen sich Unternehmen jetzt primär an dem Parameter des shareholder value orientieren. Was zählt, ist alleine die kurzfristige Rendite der Kaptalanlage. Kein Platz mehr für Investitionsstrategien, die auf langfristige Amortisierung oder gar auf nationalgesellschaftlichen Nutzen zielen.
Auf Nimmerwiedersehen Deutschland AG? Schwer zu sagen nach dieser spannenden Lektüre, ob man sich darüber freuen sollte oder eher nicht.
1 Berlin: Suhrkamp Verlag 2025
