Monika Wrzosek-Müller
Bis zum Ferragosto musste man die Hitze, auch da oben in Fiesole, genauer Settignano aushalten, danach kamen Gewitter, es wurde auch früher dunkel, also weniger Sonne, man atmete durch und im zweiten Atemzug merkte man leider, der Sommer ist wieder mal vorbei. Dass das Fest, der eine Tag am 15 August, in Italien große Bedeutung hatte, wusste ich schon lange, doch seine Geschichte war mir eigentlich nicht so klar. Die Leute trafen sich zum Grillen, Familien fuhren an den Strand, Freunde kamen zu Besuch, es war immer etwas los; auch in der hitzigsten Hitze, wo man dachte, alles müsste stehenbleiben, wurde gefeiert. Die Lokale draußen vor der Stadt füllten sich mit den Stadtmenschen, es wurde getanzt, gespielt, es war laut mit den vielen Kindern, die auch manchmal weinten, meistens jedoch um die Tische rannten. In der Stadt war es dagegen völlig still, alles war geschlossen: Läden, Ämter, Büros, aber auch viele Restaurants. Ich erinnere mich, dass wir später einmal, schon aus Kleinmachnow, an diesem Tag in Apulien waren und aus irgendeiner Trattoria zurückkehrten; das Thermometer bei einer Apotheke zeigte um 22 Uhr 39 Grad an.
Also, was bedeutet, was trägt dieses Fest, warum feiern die Italiener es so ausgiebig? Die Antwort ist ziemlich einfach, nämlich: die lange Tradition macht es so populär und offensichtlich bringt der Anlass auch die Leute zusammen. Der Sommer geht dem Ende zu, die Ernte ist eingefahren, die Zeit der Weinlese steht noch bevor, da bietet sich eine Pause an; Ruhe und langes Ausatmen der Erde und der Menschen ist zu feiern.
Das Fest geht historisch auf die Ereignisse des Triumphes von Kaiser Augustus über Marcus Antonius und Kleopatra, also über Ägypten bei Alexandria, zurück. Im Jahre 29 v. Chr., am 13, 14 und 15 August feierte Augustus dann in Rom seinen Sieg und legte es in der Folge im Kalender als das jährliche Fest feriae Augusti für die Bevölkerung fest. Danach übernahm die christliche Kirche in allen ihrer Richtungen, also auch in der Orthodoxie, das Datum. Ausgerechnet der Patriarch von Alexandrien Kyrill I, der sich sehr für den Marienkult eingesetzt hat, schrieb es im 5 Jahrhundert in den Kirchenkalender ein. Es wird in den verschiedenen Kirchen unterschiedlich ausgelegt und auch sprachlich verschieden benannt. In Deutschland spricht man von Mariae Himmelfahrt aber auch von Marias Aufnahme in den Himmel „assumptio beatae Mariae vergini“, in der Orthodoxie dagegen spricht man von der Entschlafung der Maria, das spirituelle Element wird hier noch deutlicher. Auf ganz besondere Weise wird das Fest der Entschlafung Marias in der Abtei Dormitio auf dem Berg Zion in Jerusalem begangen, wo das Ereignis angeblich auch stattgefunden hat. Später, im Jahr 1950, bestätigte Papst Pius XII. den Glauben an Marias Himmelfahrt als Dogma der Kirchenlehre.
Interessanterweise nutzten in Italien auch die Faschisten die Idee des Ferragosto und richteten ab den 20er Jahren Sonderzüge und Transporte für die Bevölkerung ein, mit dem Ziel, alle an die Strände zu befördern. Das war eine brillante Idee, um die armen Schichten für sich zu gewinnen. So gelangten z. B. aus den entlegensten Viertel von Neapel Menschen, die eigentlich nie das Meer sahen, an die Küste. Es hat in Italien einen besonderen Reiz, an diesem Tag an den Strand zu gehen und an all den Spielen und dem Badebetrieb teilzunehmen.
Es gibt auch viele italienische Filme, die um das Datum kreisen, darauf bezogen sind und von den Ereignissen an dem Tag berichten. Meistens handelt es sich um Komödien, erzählt aus dem Leben der einfachen Menschen, z.B. „Pranzo di ferragosto“, „Un altro Ferragosto“, das die Fortsetzung der TV-Serie „Ferie d´agosto“ ist. In der italienischen Literatur wird das Motiv von Ferragosto öfters bemüht. Es handelt sich öfters um weit verbreitete Kriminalromane, „gialli“, z.B. von Andrea Camillieri mit dem Commisario Montalbano, „La vampa d´agosto“ oder bei Carlo Luccerelli & Maurizio de Giovanni „L´estate torbida“ usw. … Während alle am Strand in der sengenden Hitze verharren, agieren die Mörder in den fast leeren Städten. Auch bei Alberto Moravia in den „Racconti romani“ spielt die Hitze um Ferragosto in Rom eine Rolle. In „La bella estate“ von Cesare Pavese, einem wunderschönen Roman, entpuppt sich die Erwartung eines glücklichen Festes zu Ferragosto als leeres Versprechen. Für mich verbindet sich Ferragosto eng mit Elena Ferrantes Romanen. Das Fest spielt eine tiefgreifende Rolle und unterstreicht oft die existenziellen Krisen der Heldinnen. Meisterhaft beschreibt sie die lähmende Hitze, die Trägheit meistens der Männer, den Wahnsinn der Massen, die ans Meer, an die frische Luft wollen. Anders als in den Filmkomödien zeigen in den Büchern die Ereignisse an Ferragosto ein Moment der Isolation, Einsamkeit; die Fassaden brechen ein, die Heldinnen verlieren die Kontrolle und neue Abgründe tun sich auf. So geschieht es in Ferrantes Neapolitanischer Saga um Lena und Lila. Beide Mädchen kehren aus den Sommerferien auf Ischia desillusioniert zurück.
Doch in der Tradition, im realen Leben soll eigentlich niemand an dem Tag allein zu Hause bleiben, sollte die Traurigkeit hinter sich lassen; allerdings stehen jetzt viele in den langen Staus, um sich dann an den überfüllten Stränden zu quälen. Bei den Unfällen auf den Straßen und im Wasser werden alle Rekorde gebrochen, aber das gehört irgendwie auch dazu.
