Michael G. Müller
Ceuta? – aha!
Seit den letzten Juli-Tagen wissen alle Europäer, dass es Ceuta gibt, die spanische Enklave auf der marokkanischen Seite des Mittelmeers. Jetzt wissen wir es, weil gerade 60 bis 70 Tausend Menschen versucht haben, von Marokko aus das spanische Territorium – und damit auch die EU? – zu erreichen.
So einfach ist das, wie wir inzwischen gelernt haben, mit dem Erreichen der EU natürlich nicht. Denn erstens gehört Ceuta zwar zu Spanien, nicht aber zur NATO oder auch nur zur EU, also auch nicht zum „Schengenraum“. Und zweitens ist das jüngste Urteil des spanischen Verfassungsgerichts (wonach, sehr verkürzt, die über See eintreffenden Flüchtlinge nicht umstandslos abgeschoben werden dürfen) sozusagen interpretationsfähig, also sehr unterschiedlich auslegbar. Das müssen die zuerst völlig überforderten spanischen Grenzwächter oder die dann schnell herbei geholten spanischen Militärs den in Ceuta angekommenen Menschen offenbar überzeugend (mit Argumenten oder anderen Mitteln) klargemacht haben. Die meisten kehrten, soweit sie nicht schon beim Ansturm auf die Enklave ertrunken waren, zu Fuß durch die Tore in den hohen Grenzbefestigungen auf marokkanisches Territorium zurück.
Aber was ist das eigentlich mit den merkwürdigen spanischen Enklaven, den kleinen europäischen Außenposten Ceuta und Melilla auf marokkanischem Boden? Natürlich gibt es dafür, wie fast immer, eine historische Erklärung. Also, wenn Ihr sie hören wollt: Seit dem 17. Jahrhundert war der Gibraltar gegenüberliegende marokkanische Küstenstreifen zwischen Spanien und Portugal umstritten. Im Frieden von Lissabon einigten sich beide 1668 auf die Abtretung Ceutas an Spanien. Die Marokkaner selbst hatten dabei nichts zu sagen. Sie kamen erst im spanisch-marokkanischen Krieg von 1859/60 ins Spiel – den natürlich die Marokkaner verloren; Ceuta und Melilla blieben spanisch.
Die Bedeutung des Ganzen versteht man aber erst, wenn man auch die Geschichte der britischen Herrschaft über Gibraltar und den Spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714) in Betracht zieht. Da wiederum ging es um den Kampf zwischen Habsburgern und Bourbonen um die spanische Krone und, noch viel wichtiger, um die Rivalität zwischen Spanien, England, den Niederlanden und Frankreich um die Beherrschung der globalen See- und Handelswege. In Spanien behauptete sich das bourbonische Königtum der Bourbonen, aber ansonsten lief es eher schlecht: 1704 eroberte Prinz Georg von Hessen-Darmstadt im Dienst der englisch-niederländischen Flotte Gibraltar und der Vertrag von Utrecht besiegelte 1713 die englische Hoheit über die Enklave, seit 1830 (und bis heute) britische „Kronkolonie“ – Garant für Britannias („Britannia rules the waves“) ewige Kontrolle über den strategisch vermeintlich immer noch entscheidenden Zugang vom Mittelmeer zum Atlantik.
Ja, grüß Gott! Wie ist es möglich, dass noch im Europa des 21. Jahrhunderts die reichlich zufälligen Ergebnisse von Feudalkriegen des 17. und 18. Jahrhunderts staats- und völkerrechtliche Verbindlichkeit beanspruchen? Was, zum Teufel, hat das Vereinigte Königreich heute noch in Gibraltar zu suchen? Dass Großbritannien gerade dort Europas Sicherheit verteidigen könnte, ist heute eine völlig anachronistische Idee, politisch wie militärisch. Wozu, zum Teufel, braucht die heutige spanische Republik die Herrschaft über Ceuta und Melilla – wenn es eben nicht das britische Gibraltar gäbe? Die nächste „Invasion“ der spanischen Enklaven in Marokko steht, wie Expertinnen und Experten übereinstimmend sagen, unmittelbar bevor. Was dann?
Können sich die Europäer unter den radikal veränderten globale Bedingungen von 2026 nicht noch einmal neu besinnen und neu zusammendenken?
