Frauenblick: Krieg

Monika Wrzosek-Müller

Die Ungerechtigkeit der Welt, der westlichen Welt, war mir immer klar und ein Dorn im Auge, doch jetzt sticht sie mit einer Schärfe und Dringlichkeit, dass ich, sollte ich es nicht aussprechen, krank würde. Auch wir werden durch den Krieg auf eine Seite, auf eine Möglichkeit festgelegt, was sich für die Zukunft wahrscheinlich verheerend auswirken kann.

Wir erleben einen Krieg – einen Angriffskrieg, den es in unserem Jahrhundert nicht mehr geben sollte. Es sind völlig archaische Methoden der Kommunikation, durch Druck und Gewalt auf das eigene Recht zu pochen und es einzufordern. Ich war während des ersten Kriegsmonats in Warschau; habe erlebt, wie die Polen sich zusammengerissen haben, um den Kriegsflüchtlingen zu helfen, wie sie den Krieg verurteilt haben, ihn verfolgt und immer wieder dazu Stellung genommen haben. Der Westen vergisst, dass doch noch Menschen mit Kriegserfahrungen aus dem Jahr 1939 leben und dass für sie ein déjà vue entsteht, dass von Deutschland mehr verlangt wird, eben wegen dieser Kriegserinnerung, aber auch wegen ihrer Nähe zu Russland und zu Putin, dass sie selbst für die Abhängigkeiten von Gas, Öl und Kohle verantwortlich sind. Versprechungen, Bekundungen und Mitleid helfen nicht viel, es müssen Taten folgen, ganz entschiedene und schnelle.

Unter den ukrainischen Frauen, die ich in der Wohnung in Warschau aufgenommen habe, war eine junge Frau mit einem Kleinkind, die mir als die Tochter der Freundin des Bruders meiner Mieterin vorgestellt wurde. Nach zwei Tagen stellte sich heraus: sie mit dem Baby und einen kleinen Jungen haben die anderen auf dem Bahnhof in Lemberg gefunden; die drei wussten nicht wohin, hatten seit ein paar Tagen nichts gegessen, lebten auf dem Bahnhof. Der kleine neunjährige Junge hatte seine Eltern, seine Mutter verloren, oder sie haben ihn so losgeschickt, damit er überlebt, das wussten sie nicht. Auf jeden Fall waren sie plötzlich bei mir, in der Wohnung meiner Mutter, mit den anderen drei Frauen und zwei Jungen. Zum Glück haben sie eine andere Bleibe gefunden, alle drei; so haben die anderen fünf Leute in der kleinen Dreizimmerwohnung genug Platz zum Leben.

Da wurde gesagt: in Polen gäbe es Flüchtlinge zweiter Klasse, ich habe nur gedacht, Gott sei Dank, wir haben noch Platz frei, wir können die aufnehmen. Und ja, sie sind mir willkommen, weil sie das erleben, was Polen immer wieder fürchten muss, und weil sie wirklich Frauen mit Kindern sind, und alles passiert so nah und ich will mich nicht hinter der Heuchelei der Menschenliebe für alle auf der ganzen Welt verstecken und die eigentlich gar nicht so wirklich hierher wollen. Denn es ist ein großer Unterschied, ob man etwas macht, was einem am Herzen liegt und brennt, oder man mehr oder weniger die eigene Überlegenheit über die arme Welt vorführt und den guten Onkel spielt, ohne die Menschen im Geringsten zu verstehen und eigentlich verstehen zu wollen. Ich habe die Aussagen: „Die werden nie arbeiten können, so wie wir das tun, ihre Ausbildung ist nicht annähernd unserer gleich…“ zu überhören versucht, denn ich bin selbst auch davon betroffen. Meine Ausbildung wurde für nicht würdig in Deutschland befunden, ich bekam den Grad “Magister pl“ zuerkannt und hatte damit keinerlei Recht, an Schulen etc. zu unterrichten. Gerade die Flüchtlinge spüren, ob sie wirklich willkommen sind, ob man für ihre Sache steht. Deswegen gehen auch viele Ukrainer lieber nach Polen als anderswohin in der EU und am liebsten gehen sie sowieso in ihr Land zurück.

In Polen hat die Sache noch einen Aspekt, den man wahrscheinlich nicht vergessen sollte. Die Ukrainer sind für den polnischen Wohlstand mitverantwortlich, haben ihn mit ihren Händen mit erarbeitet. So wird jetzt ein Teil der Schuld bei ihnen abgetragen, beglichen. Polen hat immerhin innerhalb dieser drei Wochen 2,2 Millionen Menschen aufgenommen, ohne zu klagen, ohne sich aufzuspielen, dass es Verteilung geben müsse, dass die anderen nicht wollten; da war die Not dieser Menschen und das war das wichtigste. Manchmal muss man über den eigenen Schatten springen, sich mutig zeigen und riskieren, sonst gehen unsere Werte, das, was man jahrelang versucht hat aufzubauen, verloren. Vertrauen, Glaubwürdigkeit gewinnt man langsam und es wäre schade oder ist schade, sie so schnell zu verspielen.

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