Blutbrüder (3)

Anne Schmidt

4. Alpträume

Kai erwacht mit einem Schrei; er reisst sich die Decke vom Kopf und weiss nicht, wo er sich befindet.

Er richtet sich abrupt auf zu einem sit-up; sit-ups gehören zu seinem täglichen Fitness-Programm, seitdem er im Gefängnis ist, zuerst in Köln, jetzt in Berlin. Er erinnert sich, dass er selber die Strichliste an die Wand gemalt hat, um nicht, wie in Köln, die zeitliche Orientierung total zu verlieren.

Er lehnt sich erschöpft zurück und versucht, die Erinnerung an den Traum zu verscheuchen; es ist immer der selbe Traum mit geringfügigen Variationen: Ein Mann, der nach Alkohol und Zigarettenrauch stinkt, steckt ihm seine Zunge tief in den Hals. Kai versucht zu schreien, wedelt mit seinen Händen, versucht irgendetwas zu fassen, greift aber immer ins Leere. Um ihn herum sind Menschen, Teenager in seinem Alter. Sie tanzen zu überlauter Musik, niemand versteht den Anderen, aber das ist auch nicht der Sinn diser Party.  Sie feiern das Ende ihrer Klassenreise mit verzweifelter Fröhlichkeit, denn alle würden gern noch bleiben – bis auf ihn. Ihn hat Herr Krause, der einzige Mann auf dieser Party, zu seinem Sexsklaven erkoren, er hat zu parieren, stramm zu stehen, wenn Herr Krause ihm die Hose herunterzieht, sich in Bankstellung zu begeben, wenn Krause sich selber die Hose auszieht.

Kai fühlt im Traum noch den stechenden Schmerz, wenn der Mann in ihn eindringt.   Warum hat er sich nie gegen  Krauser Misshandlungen  zur Wehr gesetzt, ist immer wieder zu ihm hingefahren, hat sich Besserung geloben lassen, die nie eintrat?

Damals, als er das erste Mal in Krauses Wohnung war, hätte ihm dämmern müssen, dass dieser etwas von ihm wollte, was ausserhalb von Kais Vorstellellung von einer normalen Lehrer-Schüler-Beziehung lag. Die Art, wie Krause ihm in die Augen schaute, wie er harmlos seine  Hand auf Kais legte, seinen heissen Atem in Kais Nacken blies, war Kai zuwider, aber er versuchte es zu ignorieren. Alles wirkte wie zufällig, denn Kai saß auf einem Drehstuhl vor einem Computer und Krause stand hinter ihm, um ihm die Funktion der Tastatur zu erklären oder ihm auf dem Bildschirm etwas zu zeigen.

Kai war fasziniert von dem Spiel, das Krause auf den Screen gezaubert hatte, denn er hatte noch nie vor einem Computer gesessen, geschweige denn, an einem gespielt.

Nach diesem ersten Tag war Kai immer wieder zu ihm gefahren, obwohl Krause  zudringlicher wurde, aber Kai traute sich nicht sich zu wehren. Er fürchtete, Krause könne ihn aus der Wohnung werfen und nie wieder zum Spielen einladen. Inzwischen war er geradezu spielsüchtig geworden und wartete während des ganzen Schultages darauf, endlich sein Spiel vom Vortag fortsetzen zu können.  Die anderen Jungen aus seiner Klasse tuschelten über seine Hektik nach Schulschluss und versuchten, aus ihm das Geheimnis seiner Freizeitbeschäftigung herauszufragen.

Felix, sein bisher bester Freund, warf ihm Treuebruch vor und insistierte so lange, bis Kai etwas von Computerspielen murmelte. Damit war ein Damm gebrochen, denn nun wollten alle Mitschüler in der Klasse wissen, wo Kai einen Computer zur Verfügung hatte. Kein Klassenkamerad hatte bisher einen PC zu Hause, aber alle Jungs wünschten sich nichts sehnlicher als vor einem Bildschirm zu sitzen und digitale Menschen kämpfen zu lassen.

5. Hoffnung

Kai musste Felix versprechen, Krause zu fragen, ob er Felix mal mitbringen dürfe. Nach längerer Überlegung fand er die Idee nicht schlecht, denn die Gegenwart von Felix würde Krause vielleicht daran hindern, ihn immer wieder von hinten zu umarmen. ihn in den Nacken zu küssen und ihn zu streicheln.

Krause kannte Felix vom Unterricht und fand es nicht schlecht, dass Felix mitkommen würde; er hatte ihn schon immer sehr anziehend gefunden, wie er Kai mit einem maliziösen Grinsen mitteilte.  Felix erwies sich als gelehriger Schüler und schien die Annäherungen von Krause, die ihm zuteil wurden, nicht unangenehm zu finden. Kai überlegte, ob es an seiner Erziehung lag, dass er Krauses Verhalten nicht normal fand. Hatten die Frauen, die seine Kindheit geprägt hatten, Mutter, Großmutter und Erzieherinnen, ihn vielleicht zu einem Macho gemacht, der männliche Berührungen unangenehm fand?

Wenn Mitschülerinnen ihn knutschten, fand er es zwar albern, weil sie es mit viel Gekicher in der Gruppe taten, aber eklig fand er es nicht.

Felix schien Krauses Annäherungen nicht unangenehm zu finden, wand sich lachend aus dessen Umarmungen und kümmerte sich nicht um Kais gequältes Aufstöhnen, wenn Krause, den sie inzwischen Hotte nennen durften, wieder so zudringlich wurde, dass Kai seine Finger von der  Tastatur nehmen musste.

Fortsetzung in einer Woche

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