Chodzenie po mieście / Stadt begehen (Spuren)

Otmar Käge

Brücken nach Polen und Kaliningrad

Von der „Rundreise Danzig und nördliches Ostpreußen für die Mitglieder und Freunde des Mennonitischen Arbeitskreises Polen“ lese ich im Ibersheimer März-Gemeindebrief und bin sofort interessiert. Aber ich erfülle nicht die beiden Bedingungen; bin zwar vor einem halben Jahrhundert getauft, dann jedoch den Mennoniten „abtrünnig“ geworden.

„Kein Problem“, beruhigt mich Reiseleiter Frank W. am Telefon. Und gleich die erste Bus-Mitreisen- de, neben der ich in der 40-köpfigen Gruppe Platz nehme, eine Hamburgerin aus Königsberg, ist evangelisch; hat zwar eine mennonitische, aber auch katholische Bekannte: weil Hamburg konfes-sionell eine liberale Stadt sei.

Mein Berlin ist um 12 Uhr die letzte Zusteigestation, sodass wir von dort ohne größere Unterbrechung unser erstes Reiseziel Danzig ansteuern können; bei herrlichem, frisch windigem Sonnenwetter. Ich habe mich auf eine Gruppenvorstellrunde eingestellt, aber sie unterbleibt. Offensichtlich, weil sich, wie ich nach kurzer Zeit spüre, die meisten Reisenden kennen. Mich (noch) nicht, aber ich fühle mich keinen Moment unbehaglich dabei.

Von der ersten Etappe bis Danzig erinnere ich bis auf eine kinderbunte Straßenrand-Plakatwand zur Ulica Sezamkowa mit Ernie, Bert & Krümelmonster keine besonderen Augen-Blicke; aber einige inter- essante Informationen unseres Reiseleiters, womit er uns von nun an Tag für Tag versorgt:

1530 erstmals Täufer in Danzig (auch Menno Simons war da)
Seit 1569 besteht eine Gemeinde.
Die 1638 und 1648 gebauten friesisch- bzw. flämisch-mennonitischen Kirchen wurden kriegszerstört.
Die 1819 eingeweihte Kirche steht noch heute;
eine von insgesamt 17 mennonitischen Kirchen im Großen Werder bis zum Krieg.
Vom zentral am Eingang zur Danziger Altstadt an der Heilig-Geist-Straße gelegenen Hotel Freie Stadt – der ersten unserer insgesamt vier vorzüglich ausgewählten Unterkünfte – ist es bis zur Menno- nitenkirche am Bischofsberg in der Ulica Mennonitów gar nicht weit. Die nach dem Krieg wieder auf- gebaute Kirche bildet mit Altenheim und Predigerhaus einen 200 Jahre alten Gebäudekomplex, der heute eine Pfingstgemeinde beherbergt. Ihr Pfarrer empfängt uns freundlich und überlässt uns den Kirchenraum für eine Andacht und einen Vortrag über die mennonitischen Familien von dem Block und Wiebe, die vor über 300 Jahren als Künstler und Wasserbaumeister Bedeutendes und teilweise noch heute Sichtbares in der Danziger Region geschaffen haben.

Beim Abendessen in einer historischen Restauracja mit Kellnern in Kniebundhosen und Sologesang zum Akkordeon wird mir aus den Gesprächen rundum bewusst, was für eine „weltweite Bruder- und Schwesternschaft“ und Community die Mennoniten sind: Etwa auf einem Hof an der Toten Weichsel geboren, haben sie Vorfahren in Russland und Verwandte in Holland, Kanada oder Pennsylvania und verbrachten selbst Jahre im Chaco oder als MCC-Freiwilliger auf Kreta.

Am nächsten, fronleichnamstillen Sonnenmorgen „tauchen“ wir im wahrsten Sinn des Wortes östlich Danzig in die Weichselniederung ein, wo sich nahe der Stadt Elbing mit 1,8 m unterm Meeresspiegel der tiefste Punkt Polens befindet. In dieses auch „Großer/s Werder“ genannte Gebiet sind 1530 die ersten, überwiegend holländische Täufer eingewandert und haben es unter großen Entbehrungen – „Der ersten Generation der Tod, der zweiten die Not, der dritten das Brot“ – nutzbar gemacht: „Ein Segen bis in unsere heutige Zeit war die Einwanderung der Mennoniten in unser gesamtes Heimatgebiet“ lese ich in einem Buch über Die Geschichte des Kreises Großes Werder aus dem Jahre 1939. Und die Jahre danach?

Die von einem strahlend blauen, von Mauerseglern durchpfeilten Himmel überwölbte flache Werder-Landschaft erstreckt sich felder-, busch- und baumgrün, rapsgelb bis zum Horizont, den eine Schar Windräder und davor eine große Ansammlung von Häusern, Höfen, Hallen, Silos und ein paar (Kirch-) Türmen zu füllen beginnt: Tiegenhof. Ein geografisch und geistlich zentraler ehemaliger Mennoniten-Ort im Großen Werder; auch „geistig“: Wurde dort doch Stobbes Machandel gebrannt – „Der Jetter- funken is in alle Welt beriehmt!“ –, den auch Günter Grass in seiner Danziger Trilogie nicht uner- wähnt und den ein mitreisender Stobbe-Nachfahr in unserem Bus kreisen lässt.

Irma Q. wurde 1928 auf einem Gehöft nahe Tiegenhof geboren, das man heute noch an dem Strommast identifizieren kann, der schon vor über 80 Jahren das Anwesen überragte. Die 65-Jährige hat es 1993 mit klopfendem Herzen wieder besucht und ist von der 1945 vom Bug auf den west- preußischen Hof umgesiedelten polnischen Familie herzlich empfangen worden: „Irma, warum kommst Du so spät?“ Damals, Ende des Krieges, war ihr Vater auf Nimmerwiedersehn von sowje- tischen Soldaten verschleppt worden und die 17-Jährige musste zusammen mit der Mutter auf ihrem enteigneten Hof Hilfsdienste leisten, bis sie 1947 des Landes verwiesen wurden.

Anders als in Tiegenhof machen wir in Elbing um die Mittagszeit Halt. Gibt es dort doch gleich zwei Mennonitenkirchen zu sehen! Die aus dem Jahr 1590 stammende und damit älteste in der ganzen Region musste sich – wie auch Synagogen oder teilweise noch bis heute Moscheen – tarnen und präsentiert sich uns mit einer vierstöckigen Wohnhausfassade im noblen Renaissancestil.

Während wir durch die friedlich-feiertägliche horizontweite Hügellandschaft fahren, hören wir, was sich hier im Winter 1945 abgespielt hat: Fast eine halbe Million Flüchtlinge versuchte, dem russi- schen Kessel über die Frische Nehrung und die Ostsee zu entkommen; darunter auch unser Mitrei-sender Artur R., der als damals 16-Jähriger die vaterlose Familie mit einem Fuhrwerk unter gezieltem Beschuss auf ein entsetzlich überladenes Schiff brachte, das kurz nach dem Auslaufen torpediert wurde und zehn Tage auf dem Meer trieb.

Wir dagegen navigieren sicher wie in Abrahams Schoß Richtung russische Grenze. Dennoch beginnen nach und nach die Gespräche zu verstummen. Liegt es am Zunehmen stacheldrahtbewehrter Mili- täranlagen links und rechts der Straße? Der vorletzte beunruhigende Blick vor der Grenze fällt auf einen Panzer-, der letzte beruhigende auf einen provisorischen Fußball-Platz. Der lächelnden Grenz- beamtin gefallen meine grünen Haare (wahrscheinlich, weil sie selbst grüne Fingernägel hat). Die grüne Landschaft in der Kaliningrader Oblast unterscheidet sich von der kultivierten auf der polni- schen Seite dadurch, dass sie sich – wie einige mennonitische Landwirte kopfschüttelnd feststellen – selbst überlassen ist; was wunderschöne lila und weiße Lupinenfelder und reizvoll wechselnde Gras-, Busch- und Baumformationen zur Folge hat. Im Schatten einer mächtigen Ritterordenswehrkirchen- ruine gibt es eine ermunternde Bibelbetrachtung, beklappert aus den beiden Storchennestern in luftiger Höhe:

De Oadebar, de Oadebar, de woahnt op onse Schin. On wenn he doar herunderkickt, tellt he de Farkel an de Schwin.

Im ehemaligen ostpreußischen Königsberger Gebiet zu Seiten der alleenalten Reichsstraße 1 werden die mennonitischen Spuren spärlicher, aber die düsteren deutschen nicht: An der Bernsteinküste hat 2011 der aus Danzig stammende israelische Bildhauer Frank Meisler ein Denkmal für mehr als 3000 – die genaue Zahl ist bis heute nicht bekannt – überwiegend junge jüdische Frauen errichtet, die die SS im Januar 1945 in die eisige Ostsee getrieben oder erschossen hat. Die noch nicht geflohene deut- sche Bevölkerung – darunter ein Vetternbub unseres Reiseleiters – wurde von der sowjetischen Ar- mee gezwungen, für sie ein Massengrab am Strand auszuheben; über den heute der Schlagschatten des Denkmals aus emporgereckten Armen und verkrampften Händen fällt und wo Badegäste nach Bernstein suchen.

So ist

Das Leben: wie eine Wasserlache – du kannst darin Dreck oder die Sterne sehen

Dieses Kant-Zitat lese ich an einer Parkbanklehne auf der Königsberger Dominsel. Die Stadt ist in der schlimmen Folge der Hitlerei erst dem Erdboden gleichgemacht und dann nach (über)lebensprak- tisch nüchternen Gesichtspunkten wieder aufgebaut worden. Aber das konservatorische Interesse im Zusammenhang der 750-Jahr-Feierlichkeiten 2005 hat zu einer staunenswerten historischen Wende im Stadtbild geführt, die die heikle deutsche (Zeit-) Geschichte und Kultur mitnichten übergeht. Das beginnt mit dem Umbenennungsvorschlag Kantgrad für Kaliningrad, setzt sich in Erinnerungs(denk)- malen für den Königsberger Philosophen, für Schiller, E.T.A. Hoffmann und Agnes Miegel fort, ver- stopft mit dem Blech deutscher Automarken die Innenstadt und endet in Gestalt historischer Foto- grafien mit deutschen Straßennamen und Reklameschildern als Hotelzimmerschmuck: Gruene Bruecke 1907 – Agfa – Deutsche Bank Filiale – Sueddeutsche Klassenlotterie.

Der wieder aufgebaute Dom mit seiner imposanten Potsdamer Schuke-Orgel bietet uns Raum für eine kurze Betrachtung über den „fragwürdigen“ Gott und die Legende von Augustinus und dem Engelkind am Meer. Beim Abendessen diskutieren wir an unserem Tisch über die merkwürdige Maxime „Tu niemand etwas Gutes, dann erlebst du nichts Böses“.

Am nächsten Morgen irre ich mich in der Abreisezeit nach Svetlogorsk, dem „Sotschi des Nordens“, ostpreuß. Rauschen. Was mich dort eine Runde Wodka kostet; im Hotel Universal in der Nekrasov-Straße, wo das altersschwache Haus Nr. 1 auf einer Gedenktafel mit Profilrelief verkündet, dass hier die junge Käthe Kollwitz wiederholt in glücklichen Ferientagen „ihren Grosvater Julius Rupp (1809 – 1884) denbekannten Teologenbesuchte.“ Nicht weit entfernt informiert ein aufgeblättertes Bronze- buch auf einem Findlingstein vor alter Bäderhauskulisse darüber, dass hier im nordischen Seebad Thomas Mann 1929 die Novelle Mario und der Zauberer im italienischen Seebad Torre di Venere geschrieben hat.

Noch exotischer wird es einen Tag später kurz hinter der russisch-litauischen Grenze mitten auf der Kurischen Nehrung in Nidden, wo der frischgebackene Nobelpreisträger 1930 ein Sommerhaus er- warb und mit einem atemberaubenden Blick auf Haff, Ostsee und den Wüstensand der Wanderdüne das Ägypten Josephs und seiner Brüder imaginierte, bis ihn „das Megaphon-Deutschtum der national- sozialistischen Presse und das halbnärrische Geifern sogenannter Führer“ für immer vertrieben.

Seltsam: Auf dieser doch so sonnigen Reise wieder einer der häufigen Augenblicke, „wo Deutsch- lands Himmel die Erde schwärzt“ (Ingeborg Bachmann), und das Wasser von See, Haff und auch der Nogat unterhalb der Marienburg, die sich einen Tag später als rot leuchtendes Backsteingebirge von einem wolkenlos blauen Himmel abhebt. „Hier bin ich im September 1944 eingeschult worden“, erzählt Gudrun F. Den vier Kilometer langen Schulweg vom Hof bis zur hölzernen Fußgängerbrücke, die heute wieder den Fluss überspannt, legte sie zusammen mit der älteren Schwester im Pferde- fuhrwerk zurück. Kurze Zeit später kesselten sowjetische Truppen die Stadt ein und die Mutter trainierte mit ihnen das Verhalten bei Fliegerangriffen. Zuerst war die Flucht von den deutschen Behörden verboten, dann beschaffte der Vater seiner Familie Plätze auf dem Kraft-durch-Freude-Kreuzfahrer Gustloff, auf den sich bei ihrer Ankunft Ende Januar 1945 aber bereits 10000 Verzwei- felte geflüchtet hatten. Den acht auch Verzweifelten rettete dies das Leben, aber bescherte ihnen drei Internierungsjahre auf Jütland, wo die Achtjährige nicht nur von Wortungetümen wie „Entnazi- fizierung“ und „Zuzugsgenehmigung“ verwirrt wurde.

Reisegefährte Oskar W., der uns immer wieder mit Gedichten von Wilhelm Busch und Christian Mor- genstern erheitert hat, wies in diesem Zusammenhang auf den Königsberger Philosophen hin, für den der Krieg der natürliche Zustand des Menschen gewesen sei. Demgegenüber lesen wir in Posen, uns- rer letzten Reisestation, auf einem Banner über dem Friedensplatz den Satz des polnischen Priester- poeten Jan Twardowski, dass es die Liebe schon gab, bevor es den Menschen gab.

Da wir Posen erst abends und zudem bei einsetzendem Regen erreichen, kann die Stadt nur einen flüchtigen Eindruck hinterlassen. Aber etwas Besonderes auf dieser so erlebnisreichen Reise erleben wir hier doch: Schon haben wir die morgenverkehsreiche Innenstadt, die ihre bedeutende (Messe-) Vergangenheit und -gegenwart überall stolz zur Schau stellt, hinter uns gelassen und fahren durch ausgedehnte Gewerbegebiete, da schiebt sich ein weitläufig eingezäuntes Areal mit Landmaschinen in unseren Blick; mit einem Namen im Firmenschild, der auch – ich trau meinen Augen nicht – in unserer Reiseliste steht! Und tatsächlich: Es sind die Söhne meiner Busnachbarn Brunhilde und Dankwart H., die ihr landwirtschaftliches Gerät auch in Polen verkaufen.

Was für ein ermutigender, gegenwärtiger Ausblick für eine Reise, in deren Verlauf wir so viel Verlorenes, Verscherztes, mittlerweile wohl aber auch Verschmerztes gehört und gesehen haben! Und für eine friedliche gemeinsame Zukunft wird demnächst ein Bus mit mennonitischen Jugend- lichen ins Weichseldelta fahren:

Glück und Segen! – Szczęścia i błogosławieństwa!

O.K. / Bärlin, 25.6.2015

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