Reblog: Yahya Hassan ist tot

#Walk_of_shame. Er ist schon vor ein paar Monaten gestorben. Wir haben es nicht bemerkt. Angeblich jede seine Zeile schrie! Wir haben ihn nicht gehört. Seine Gedichte waren sehr wichtig. Wir haben es nicht gewußt.

Matthias Wyssuwa

Er schrie mit jeder seiner Zeilen

Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH


Foto (c) Christoph Busse

Yahya Hassan schrie seine Leser mit jeder Zeile an. Jedes Gedicht seines Debüts wirkte, als schlage er wie wild um sich, und jeder Buchstabe war groß geschrieben. Es war ein gewaltiges und gewalttätiges Ereignis, und als sein selbstbetitelter Gedichtband 2013 erschien, wurde es für den Dänen zum Triumph.

Sein Schreien machte ihn berühmt, weit über die Grenzen seiner Heimat hinaus. Nach kaum einem Jahr waren schon mehr als hunderttausend Exemplare des Buchs verkauft. Viel Glück brachte der frühe Ruhm dem Dichter aber nicht. Yahya Hassan wurde geschätzt und verstoßen, umworben und bedroht. Am Donnerstag wurde bekannt, dass man seinen leblosen Körper gefunden hat. Er wurde 24 Jahre alt. Ihren Nachruf auf Hassan überschrieb die dänische Zeitung „Politiken“ am Donnerstagabend mit der Zeile: „Yahya Hassans Tod ist kolossal schockierend, aber gleichzeitig schmerzlich vorhersehbar.“

Als Hassan berühmt wurde, war er kaum achtzehn Jahre alt, und sein Erfolg ist nicht zu verstehen ohne das Leben, das er bis dahin gelebt, die Zeilen sind nicht zu trennen von dem, was er erlebt hatte. Er war eben nicht nur ein talentierter Lyriker mit einer verkorksten Kindheit, er war auch das Migrantenkind aus dem Problemviertel, das herausschrie, was viele so noch nicht gehört hatten.

Hassan wuchs als Sohn palästinensischer Einwanderer in Aarhus auf, in einem schwierigen Viertel mit sehr hohem Ausländeranteil. Seine Kindheit war geprägt von Gewalt und Ängsten, früh schon wurde er als Kleinkrimineller auffällig und landete in Heimen. Dort fing er an, Gedichte zu schreiben, und sein Schreibtalent fiel bald auf. Er wurde gefördert. Mit einer fast vierzig Jahre alten verheirateten Betreuerin fing er eine Beziehung an, auch das sollte im Drama enden. Auch darüber sollte er in seinen Gedichten schreiben.

Was Hassan aber vor allem schrieb, ermöglichte einen Einblick in die Welt von Migranten, wie man ihn noch nicht kannte. Dänemark hatte lange keine Worte gefunden, um über das zu reden, was in manchen Vororten und Einwanderervierteln passierte. Dann kam eine rechtspopulistische Partei und nutzte die Sprachlosigkeit Anfang der zweitausender Jahre, um mit scharfer Rhetorik den Aufstieg zu schaffen.

Als Hassan dann sein Buch veröffentlichte, redeten viele oft mit erstaunlichen Härte über die Probleme von Integration und Einwanderung. Nur nicht jene, die in den Problemvierteln lebten. Aber Hassan erzählte nicht nur davon, wie er mit seiner Familie in seinem Viertel die Dänen und den dänischen Staat kennengelernt hatte. Vielmehr attackierte er unerbittlich die Einwanderergeneration seiner Eltern. Er berichtete von Gewalt in seiner Familie („Wenn mein kleiner Bruder ins Bett gepisst/ hatte/ wurde er mit Faustschlägen geweckt“), von Rückzug und Integrationsverweigerung: „Dann flüchtete Dein Vater von Flüchtlingslager/ Und dann flüchtet mein Vater von/ Flüchtlingslager/ Und dann unsere Väter verwandeln/ Dänische Blöcke in Flüchtlingslager/ Sie holen unser Großeltern/ Unser Onkel und Tanten/ und kriegen sie alle Sozialhilfe“, schrieb er, oder: „Er ist muslimisch verheiratet lebt aber/ getrennt für die Kommune/ damit seine Frau für das Sozialamt/ alleinerziehende Mutter ist.“ In einem Gedicht mit dem Titel „Du kommst in die Hölle mein Bruder“, verdichtete er das alles zu den Zeilen: „Ich liebe euch nicht Eltern ich hasse euer/ Unglück/ Ich hasse eure Kopftücher und Eure Korane/ Und eure analphabetischen Propheten.“

Sein Debüt wurde begeistert aufgenommen, die Kraft seiner Sprache gelobt, und natürlich wurde sein Werk auch politisch diskutiert. Er selbst verweigerte sich der politischen Integrationsdebatte, aber sollte sich später doch bei einer kleinen Partei engagieren, die eine Stimme für Migranten in Dänemark werden wollte, aber den Einzug ins Parlament verpasste. Hassan war aber nicht nur plötzlich eine Berühmtheit, er war auch ein Verstoßener. Er wurde nicht nur von Muslimen in Dänemark für seine Darstellung von integrationsunwilligen Einwanderern kritisiert. Er wurde bedroht, er wurde von einem Islamisten angegriffen, er erhielt Personenschutz. Er machte aber auch Schlagzeilen mit seinem Drogenkonsum, und 2016 wurde er zu einer Haftstrafe von einem Jahr und neun Monaten verurteilt, weil er ein junges Bandenmitglied angeschossen hatte, von dem er sich bedroht gefühlt hatte. Im vergangenen Jahr erschien „Yahya Hassan 2“. Er saß im Gefängnis und auch in der Psychiatrie. Am Mittwoch 29. April 2020 wurde seine Leiche in seiner Wohnung in Aarhus gefunden.

3 thoughts on “Reblog: Yahya Hassan ist tot”

  1. “Am Mittwoch (…) – 29. april 2020 in geburtsort aarhus; zwischen zwei welten zerdrückt;

  2. Hassan hat keinen Platz für sich, in sich und draußen gefunden?
    Er war überall und nirgendwo???
    Sehr traurige Geschichte über einen begabten jungen Mann…der kein Wort mehr sagen kann.
    Ich bin auch traurig…

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