Barataria oder die Illusion des Rittertums (Reblog)

Don Kichot gilt als letzter Beweis, dass das Rittertum Mal von Bedeutung war. Jetzt sagen die Wissenschaftler, dass es vom Anfang an eine Illusion war, ein Image-Konstrukt, geschaffen am Hof und nicht auf dem Schlachtfeld. Die Bücher, die Don Kichote so gern gelesen hat, waren eben Teil dieses künstlich geschafenes Trugbildes. Dies bedeutet also, dass Don Kichote nicht DER Letzte war, der daran glaubte, edle Ritter durchwanderten Europas Landschaften, um den Bösen zu besiegen und den Unschuldigen zu helfen, sondern vielmehr er DER Einzige war, der dies für die Wahrheit hielt. Der ganze Stand, dem er so gern angehört hätte, war eine gesellschaftliche Barataria.

spektrum.de 

Klaus-Dieter Linsmeier

Mittelalter: Der Mythos vom edlen Ritter

In unserer Vorstellung gehören die gepanzerten Reiter zum Mittelalter, als Streiter für Witwen und Waisen, als die schlagkräftigste Waffen­gattung ihrer Zeit. Doch nun erklären Forscher dieses Bild zur Fiktion.

© inakiantonana / Getty Images / iStock (Ausschnitt)

Historiker nennen Kaiser Maximilian I. (1493–1519) den »letzten Ritter«. Denn als sich das Mittelalter bereits dem Ende zuneigte, ließ der Habsburger in Porträts und Heldenliedern die Ideale des Ritterstands noch einmal aufleben, inszenierte sich als edlen Helden, der um Ehre und Gerechtigkeit willen den Kampf sucht, Mann gegen Mann oder Mann gegen Ungeheuer. Dabei war eine solche Selbstinszenierung schon damals ein Anachronismus, der Historiker verwundert.

Denn Maximilian wusste als erfolgreicher Kriegsherr sehr wohl um die militärische Wirklichkeit seiner Zeit. Offene Feldschlachten, in denen gepanzerte Reiterkrieger hätten brillieren können, bildeten die Ausnahme. Wer Krieg führte, belagerte meist gut verteidigte Städte. Kanonen zertrümmerten ihre Mauern, die Söldner zu erstürmen versuchten. Diese waren als Berufssoldaten einfacher zu rekrutieren als adlige Ritter, die auf Grund von komplizierten Eiden und Dienstverpflichtungen für einen Fürsten in den Krieg zogen. Auch in der Bewaffnung waren Söldner flexibler: Bogen und Armbrust etwa galten einem Edlen lediglich als Jagdwaffe. Der Trend ging daher zu hochmobilen, nichtberittenen Kampfeinheiten.

Der christliche Ritter, der mal für die gute Sache kämpft, mal Minnelieder vorträgt, erweist sich nach Ansicht der Freiburger Mittelalterhistoriker um Jürgen Dendorfer als reines Idealbild, als in jener Epoche übliche Schablone für die Heroisierung. Damit betreten die Forscher Neuland, denn bislang galt das Interesse ihrer Zunft eher dem Entstehen des Ritterstands oder seiner Kultur, nicht der militärischen Praxis. Unter anderem aus der höfischen Literatur extrahieren Historiker seit dem 19. Jahrhundert meist ein Rittertum, das mit der Wirklichkeit wohl wenig gemein hat.

© Alamy / World History Archive (Ausschnitt)
Schlacht von Crécy | Die Schlacht von Crécy 1346 während des Hundert­jährigen Kriegs wurde nicht von Rittern, sondern von englischen Langbogenschützen entschieden, die beim Adel schlecht angesehen waren.

Das zeigte sich schon lange vor Maximilian I., etwa im anglo-französischen Hundertjährigen Krieg: In den Schlachten von Crécy (1346), Poitiers (1356) und Azincourt (1415) starben französische Ritter im Pfeilhagel englischer Langbogenschützen. Bis zu zwölf Pfeile pro Minute, dazu eine hohe Durchschlagskraft selbst auf große Distanz – dagegen kannten gepanzerte Reiter zunächst kein Mittel. Zudem mangelte es ihnen an Wendigkeit, wie auch der Sieg Schweizer Bauern über habsburgische Ritter bei Sempach 1386 offenbarte. Die Adligen passten sich zwar an, verstärkten ihre Rüstungen und formierten sich mit einer Gruppe Fußkämpfer zu kleineren Kampfeinheiten. Doch wenn es gegen eine Stadt ging, konnten sie ihre Stärke nur im Umland wirklich ausspielen und – wenig heldenhaft – den gegnerischen Nachschub abschneiden sowie Schrecken verbreiten.
Falsche Vorstellungen vom Ritter
Die überraschende Diskrepanz zwischen der militärischen Wirklichkeit und unserer Vorstellung vom Rittertum lässt sich Dendorfer zufolge sogar bis zu seinen Anfängen im 11. und 12. Jahrhundert zurückverfolgen. Aus vormals unfreien »Ministerialen«, wie man im frühen Mittelalter Kämpfer und Verwalter der Könige und des hohen Adels nannte, entwickelte sich durch den Kriegsdienst ein Stand des niederen Adels. Der legitimierte sich nicht zuletzt durch die Kreuzzüge ins Heilige Land – wer im Namen Gottes gegen die Heiden kämpfte, dem konnte die Kirche das Ausüben von Gewalt nicht absprechen.

Zudem entwickelte der Ritterstand einen Ehrenkodex, der Willkür oder ungezügelte Brutalität ausschloss, insbesondere gegen einen bereits unterlegenen Gegner. Überdies gebot er dem Recken, hilfsbedürftige Frauen, Witwen und Waisen zu schützen. Auf dieser Grundlage entwickelte sich eine höfische Kultur, zu der Tischsitten ebenso gehörten wie das Minnelied, außerdem spezifische Rituale wie die Schwertleite beziehungsweise später der Ritterschlag und Turniere mit ihren Gruppenkämpfen. Dieses Rittertum prägte das Selbstverständnis aller Adelsschichten bis hin zu den Monarchen.
Dass man die militärische Praxis davon unterscheiden muss, illustriert William Marshall, Earl of Pembroke, eine Ikone der Formationszeit. Als zweiter Sohn eines eher unbedeutenden Adligen war er ohne jede Aussicht auf Land und Titel geboren worden, dennoch errang William einen der höchsten Adelstitel Englands. Das ist umso erstaunlicher, als er nur selten auf einem Schlachtfeld zu finden war. Eine bald nach seinem Tod 1219 in Versen verfasste Biografie verrät aber: William bewährte sich im Dienst diverser Herren und siegte in Zweikämpfen wie in zahllosen Turnieren. Als Belohnung für diese Heldentaten gab ein Earl ihm eine Tochter zur Frau. Für den Biografen, so meinen die Freiburger, zeichnete dieser Lebensweg Marshall sogar aus: Statt sich mit Blut zu besudeln wie ein gemeiner Söldner, praktizierte er die Ideale des Rittertums. Ein weiterer Beleg für die These, dieses habe keinen maßgeblichen Anteil am militärischen Alltag gehabt.

Die Nagelprobe bildet das Studium eines Kriegsberichts: In den »Gesta Friderici Imperatoris«, den »Taten Kaiser Friedrichs«, behandeln Bischof Otto von Freising und später sein Kaplan Rahewin die ersten beiden Italienfeldzüge Friedrich Barbarossas (König 1152–1190). Dendorfer und sein Team prüfen, ob von Freising und Rahewin bei ihren Schilderungen ritterlichen Qualitäten Gewicht beimessen.

© Alamy / Historic Images (Ausschnitt)
Bild aus einem ritterlichen Turnierbuch | Um sich als Ritter zu inszenieren, war eine Teilnahme an Kriegen nicht erforderlich. Wichtiger war es, die Rituale des Rittertums zu pflegen. Dazu gehörten vor ­allem Turniere.

Nicht jeder adelige Reiter war auch ein Ritter

Mit dem Anspruch, auch oberster Richter zu sein, hatte Barbarossa ab 1154 in Konflikte zwischen italienischen Städten eingegriffen. Unter anderem nahm er, von zahlreichen Kommunen unterstützt, Partei gegen Mailand. Im Mittelpunkt vieler Episoden der »Gesta« stehen mit Helm, Harnisch, Lanze und Schwert ausgestattete und als »milites« bezeichnete adelige Reiterkrieger. Waren das also Ritter? Zwar gewinnen die »milites« Zweikämpfe und vollbringen Heldentaten, doch dergleichen berichteten die beiden Geistlichen auch von Ingenieuren und Fußknechten, wenngleich seltener. Spezifische ritterliche Tugenden oder Umgangsformen erwähnen sie keine, dafür zeitlose Heldenmerkmale wie Tapferkeit, Kühnheit und Todesmut.

Den »Gesta« zufolge hatten die gepanzerten Reiter schon zu Barbarossas Zeit Konkurrenz: Über Seiten hinweg schrieb der Bischof von Belagerungstürmen, Rammböcken, beweglichen Schutzdächern und Wurfmaschinen, Werken der kaiserlichen Ingenieure. Bezeichnend ist auch Rahewins Beschreibung der Marschfolge beim Zug gegen Mailand: Den Anfang machten »milites« und Spezialisten für die Beseitigung von Hindernissen und für den Wiederaufbau vom Feind zerstörter Brücken. Möglicherweise dienten ihnen die »milites« als Aufklärer und Geleitschutz. Es folgten die Knechte der Ritter und Fußsoldaten. Sodann marschierten diejenigen, die laut den »Gesta« beispielsweise »Maschinen zum Erobern der Stadt und andere Wurfgeräte« transportierten. Den Abschluss des Heerzugs formte die Masse der Söldner.

Dass die »milites« an der Spitze ritten, unterstreicht zwar ihren Rang, doch die Eroberung Mailands war eine Aufgabe für viele. Mehr noch, die geistlichen Autoren bewerteten die berichteten Handlungen nach ihrer militärischen Effizienz. Und da konnten Kühnheit und Wagemut – ritterliche Ideale – fehl am Platz sein, wenn sie eine Operation gefährdeten. Geriet eine Gruppe von Adligen durch unüberlegtes Vorpreschen in einen Hinterhalt, wurden die Überlebenden sogar von Barbarossa persönlich getadelt.

Aber deutet nicht die häufigere Erwähnung der von Adligen vollbrachten Heldentaten durchaus auf eine militärische Schlüsselrolle dieser Kämpfer hin – womit man wieder bei der Identifikation mit Rittern wäre? Die Freiburger Historiker winken ab. Vermutlich entstand das Werk auf Anregung und im Austausch mit dem Hof, das Publikum waren die Angehörigen der Führungsschicht. Was den beiden Geistlichen als berichtenswert erschien, war somit gesellschaftlich motiviert. Ihr Werk sollte die Feldzüge nicht dokumentieren, sondern diente einer höfischen Elite dazu, ihr Weltbild zu bestätigen. Und das verlangte nun einmal eine Heroisierung der Taten von Männern ihres Standes, mochten auch Söldner und Ingenieure die Löwenarbeit geleistet haben. Ob Lanzelot oder Prinz Eisenherz – das Rittertum war wohl von Anfang an eine gesellschaftliche Utopie. Oder wie Dendorfer es formuliert: »Schon der erste Ritter war bereits der letzte.«


Aber… und so beginnt das Nachwort von der Blogadministratorin, aber je weniger man an die Ritter glaubt, desto mehr Ritter brauchen wir. Schaut euch nur das an:

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