Treffen mit Olga Tokarczuk

Arkadiusz Łuba

(mit Zbigniew Herbert, Wisława Szymborska und Witold Gombrowicz im Hintergrund)

Dass ich als Literaturbegeisterter und -studierter gleich zwei moderne polnische Nobelpreisträgerinnen erleben werde, habe ich mir nie gedacht. Seit meinen frühen Jahren an prägte mich die Lyrik Zbigniew Herberts und genauso wie im Falle der Opposition, ja, des Antagonismus, Adam Mickiewiczs und Juliusz Słowackis (ich stand immer an der Seite Słowackis) habe ich Wisława Szymborska eher verachtet als verehrt. So habe ich mal in einem Referat für den Literaturunterricht an meiner Oberschule an ihre Verwicklungen in sozrealistische Poesie erinnert. Ich war 1996 traurig, dass anstelle Herberts sie den Literaturnobelpreis erhielt. Herbert starb am 28. Juli zwei Jahre später (ich erfuhr darüber während eines Jugendlagers in einem abgelegenen Kaff in den Masuren, wo jeweils nur zwei Exemplare der Tageszeitungen geliefert wurden und stand schon um 7 Uhr morgens vor dem Lebensmittelladen, um die gedruckten Nachrufe zu kaufen) und damit auch jede Hoffnung an einen Nobelpreis für ihn. Erst Jahre später, als ich die Ausstellung „Szuflada Szymborskiej“ (Szymborskas Schublade) in Krakau gesehen habe, änderte sich meine Meinung über die Person der Lyrikerin (ihre Lyrik habe ich ja als Literaturstudierter wohl gelesen). Was für ein humorvolles, freches, ironisches und liebes Wesen ist sie gewesen. Da fühlte ich auf einmal gewisse Seelenverwandtschaft. Ich interviewte sogar ihren Sekretär Michał Rusinek für eine Radiosendung. Kann den Bericht momentan nicht finden, hier aber stellvertretend etwas über Zbigniew Herbert und seine Jahre in Berlin.

In Krakau habe ich 2013 das Literaturfestival „Festiwal Conrada“ entdeckt, Witold Gombrowiczs Witwe Rita mit und ohne mich fotografiert und einen ersten deutschsprachigen wissenschaftlichen Artikel zu Gombrowiczs geheimen Tagebuch „Kronos“ geschrieben.

Rita Gombrowicz mit mir und der Faksimile-Ausgabe des geheimen Tagebuches „Kronos“ auf dem Conrad-Literaturfestival in Krakau, 2013, fot. © Arkadiusz Łuba

…und ich berichtete als erster in deutschsprachigen Medien über die heute in aller Munde vorhandenen „Jakobsbücher“.

Signatur von Olga Tokarczuk in meinem „Jakobsbücher“- Exemplar, fot. © Arkadiusz Łuba

Olga Tokarczuk selbst traf ich dann auf verschiedenen Veranstaltungen im Im- und im Ausland. Als ihr „Prowadź swój pług przez kości umarłych“ (Gesang der Fledermäuse) 2011 erschien, stellte ich ihr in Anwesenheit einiger Literaturprominenz in Berlin folgende Frage (Audioaufnahmen in meinem Archiv): „Der polnische Titel ist ein Zitat aus William Blake, er kommt auch oft in dem Buch vor, auch das Mystische und die Astrologie. Im »Unrast« zeigten Sie uns eine moderne Welt in Bewegung und Instabilität. Suchen Sie jetzt nach etwas Stabilen, Geordneten, Chaoslosen?“ Daraufhin kam dann die Antwort: „»Unrast« sehe ich als mein Opus Magnum. Ich habe viel zu diesem Buch recherchiert und lange daran geschrieben und wollte nachdem es fertig war eigentlich einen längeren Urlaub machen. Dann rief mich mein Krakauer Verleger an und erinnerte mich höflich daran, dass ich einen Vertrag für zwei Bücher unterschrieben habe und dass die Frist bald um ist. (…) Das hat mich motiviert, etwas Einfacheres wie ein Krimi zu schreiben. (…) Ich hatte Spaß am Schreiben, allerdings überkam mich schnell das Gefühl der Langweile, nur die kriminellen Ereignisse zu erzählen und es wurde mir bewusst, dass ich an einem Buch mit doppeltem Boden schreibe. (…) Anspruchsvolle Leser finden darin ernsthafte und fundamentale Fragen. In diesem Buch hinterfrage ich bestimmte philosophische Traditionen und verschiedenen Denkweisen, die seit dem 18. Jahrhundert galten. Hier ist also auch Platz für Blake, den Philosophen und Dichter, der auf der Schwelle zwischen Aufklärung und Romantik gelebt hat. Durch ihn werden hier die zwei Epochen miteinander konfrontiert“. Sie sagte auch: „Das Leitmotiv aller meiner Bücher ist die Suche nach einer Ordnung. Für den Leser scheint oft diese Suche verstörend zu sein, als ob meine Protagonisten diese Ordnung dort suchten, wo sie anscheinend nicht sollten“. Und ich wollte mehr wissen: „In dem Buch stellt sich die Frage, wie wird es in einer Million Jahren aussehen und ob der Himmel noch die gleiche Farbe haben werde. Und genau das wollte ich gerne wissen – Welche Farbe wird der Himmel in Ihrem nächsten Buch haben?“ Und so hat mir und allen Anwesenden Olga „Die Jakobsbücher“ angekündigt, ohne etwas Konkretes zu verraten: „Es wird der Himmel des 18. Jahrhunderts werden, ich kenne allerdings nicht seine Farbe. Der Plot beginnt in Osteuropa und nimmt den Leser mit auf eine Reise durch Wien, Brünn bis hin nach Offenbach bei Frankfurt“. Daraufhin folgte ein verrücktes Foto (s. unten), wo wir Grimassen zeigen sollten (Olga hat schlussendlich gar nicht):

03 Olga Tokarczuk mit mir in der Berliner Akademie der Künste (hinten links der Schriftsteller Andrzej Stasiuk), 2011, fot. © Archiv Arkadiusz Łuba
Olga Tokarczuk mit mir in der Berliner Akademie der Künste (hinten links der Schriftsteller Andrzej Stasiuk), 2011, fot. © Archiv Arkadiusz Łuba

Die Jakobsbücher“ sind nun bekannt und ausführlich diskutiert worden. Und nun wurde Tokarczuk für ihre „erzählerische Vorstellungskraft, die mit enzyklopädischer Leidenschaft das Überschreiten von Grenzen als Lebensform“ darstelle mit dem Literaturnobelpreis gekrönt und ich war stolz. Gleich musste ich ein Interview mit einigen Einschätzungen für das deutschsprachige Publikum des Auslandsdiensts des Polnischen Rundfunks geben.

Nun gründet Tokarczuk eine Stiftung, die Kultur in Polen und im Ausland unterstützen und umweltbewusste und Antidiskriminierungsmaßnahmen sowie die Bürgergesellschaft fördern soll. Die Nobelpreisträgerin hat gemeinsam mit dem Stadtpräsidenten von Wrocław Jacek Sutryk und dem Direktor des Breslauer Literaturhauses Irek Grin die Einzelheiten zur Tätigkeit der Stiftung vor ein paar Tagen bekannt gegeben. In die Satzung der von der Nobelpreisträgerin gegründeten Stiftung wird ein breiter Umfang von Tätigkeiten eingetragen. Kulturelle und künstlerische Aktivitäten sind zu erwarten, aber auch Umweltprojekte, und zwar für die Gleichbehandlung und Förderung der Entwicklung der Bürgergesellschaft. Die Stiftung setzt sich auch zum Ziel, die umfassende Entwicklung von Niederschlesien zu unterstützen, die grenzüberschreitende Zusammenarbeit zu koordinieren sowie die polnische Kultur in der Welt und die Weltkulturerbe in Polen zu fördern: „Die Arbeiten an der Gründung der Stiftung dauern noch an. Wir wissen aber schon, was wir vorhaben“, sagte Tokarczuk während einer Pressekonferenz in Wrocław: „Ich wünsche mir, dass sich die Stiftung mit den mir ganz besonders am Herzen liegenden Sachen befassen wird, daher Umweltschutz“.

Literaturpreisträgerin Olga Tokarczuk und Stadtpräsident Jacek Sutryk bei der Pressekonferenz zur Gründung der Stiftung in Wrocław, fot. © Urząd Miasta Wrocław

Dem Stiftungsrat werden – neben Olga Tokarczuk – noch zwei Personen angehören: Regisseurin Agnieszka Holland und Direktor des Breslauer Literaturhauses Irek Grin. Die Schriftstellerin wird für die Tätigkeit der Stiftung den Betrag in Höhe von 350.000 PLN (80.000 Euro) aus ihrem Nobelpreisgeld bestimmen. Als strategischer Partner der Stiftung wird im Namen der Stadt das Breslauer Literaturhaus fungieren. Tokarczuk ist seit mehr als einem Jahr Mitglied des Programmausschusses dieser Institution, daher gestaltet sie aktiv die strategische Tätigkeit des Breslauer Literaturhauses mit.

Laut Erklärung des Präsidenten Jacek Sutryk wird die Stadt die Villa von Maria und Tymoteusz Karpowicz an der Krzycka-Straße für den Sitz der Stiftung überlassen. Sie soll zum Treffpunkt von Literaten und Übersetzern werden, aber auch als Diskussions- und Begegnungszentrum dienen. Die Villa umgeben von einem Garten wird allen Bürgern offen stehen. Wrocław wird somit zum ersten Förderer der Stiftung von Olga Tokarczuk sein. Die Stiftung wird ihre Tätigkeit möglichst bald beginnen, ohne auf die Renovierung des Objektes zu warten. Bereits jetzt wurden die Pläne für die ersten Monate ihrer Tätigkeit dargestellt.

Gestaltet werden Förderregelungen für die größten literarischen Veranstaltungen in Niederschlesien. Es handelt sich hierbei sowohl um ein von Olga Tokarczuk initiiertes Literaturfestival „Góry Literatury” (Berge der Literatur), die in Nowa Ruda und in der Umgebung stattfindet als auch um andere. Der Stiftungsrat will außerdem das hervorragende, aber bedrohte Bruno Schulz-Festival in Drohobycz unterstützen, das seit Jahren die größte Szene zur Förderung der polnischen Literatur in der Ukraine darstellt. Olga Tokarczuk ist inhaltlich mit dem Festival verbunden. Geplant wird auch die Vorbereitung der Veranstaltung zum 100. Jahrestag der Geburt von Stanisław Lem und Tadeusz Różewicz, der in das Jahr 2021 fällt.

Die Ziele der Stiftung, des Breslauer Literaturhauses und diejenigen, die in unserer Bewerbung um den Titel der UNESCO-Literaturstadt enthalten sind, sind gleich“, sagte Irek Grin: „Die enge Zusammenarbeit ist als selbstverständlich zu betrachten“.

Am 10. Dezember wird der Nobelpreis an Tokarczuk verliehen. Der Tag soll ab dann für immer als ein großes Literaturfest in Wrocław gefeiert werden – in den Breslauer Schulen werden an ihm Prosa-Stücke berühmter Schriftsteller vorgelesen.

Die Preisverleihung wird ab 15:30 Uhr auf dem Breslauer Markt live übertragen. Während der Veranstaltung können Bücher von Olga Tokarczuk gekauft werden. Auch kann ein Gedenkstempel von diesem Tag auf die bereits mitgebrachten Bücher gedrückt werden. Was für eine Feier!

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