Ich first

Michael Müller

Wenn ich vom Berliner Südwesten mit dem Auto nach Hause, nach Charlottenburg, fahre, muss ich das Nadelöhr der Stadtautobahn am Funkturm passieren. Wer da weiter nach Norden will, muss sich auf einer Spur, der linken, einordnen; die rechte führt von der Autobahn ab, zum Messegelände, dem ICC usw. Ortskundige haben hier zwei Möglichkeiten. Entweder sie fädeln sich geduldig in die Schlange auf der linken Spur ein, oder sie fahren rechts vorbei und drängeln sich dann im vorletzten oder letzten Moment in die linke Spur hinein. Von der zweiten Möglichkeit machen viele Gebrauch – weshalb der Stau auf der linken Spur umso länger wird. Wer drängelt da auf Kosten der Geduldigen? Das sind nicht nur Kamikatse-Fahrer, in der Mehrheit auch nicht Taxis. Es sind meistens ganz normale Leute – oft junge Väter und Mütter in ihren SUVs, die die Vorfahrt gegen kleinere Autos erzwingen. Ich first!

Das scheint inzwischen zu einer Lebenshaltung, vielleicht sogar zu einer Erziehungsmaxime geworden zu sein, nicht nur beim Autofahren. Life is brutal, und wer sich durchsetzen will, muss die Ellbogen ausfahren. Das haben die SUV-Fahrer mittleren Alters wohl selbst meistens erfahren. Wer nicht andere auch mal abdrängt, wer nicht laut genug, lauter als die anderen, schreit, wer sich nicht breit macht, auch auf Kosten anderer, der hat das Nachsehen. Das lernen dann auch die Kleinen, wenn sie mit den Eltern im Auto fahren, wenn sie sehen, wie diese in Läden und Restaurants oder an Flughäfen um ihr „Recht“ kämpfen. Ich first.

Außerdem lernen die Kleinen, wie man andere – Gleichaltrige, aber auch Erwachsene – zurecht weist. Sie müssen doch Ihren Hund an die Leine nehmen! Hier darf man aber nicht parken! Wenn Sie mich im Auto mitnehmen, müssen Sie aber einen Kindersitz haben und mich anschnallen! Lerne, die anderen ins Unrecht zu setzen. Ich first.

Zentral für die Verfassung der USA ist das Recht des Individuums, nach dem eigenen Glück zu streben (the pursuit of happiness). Europäische Verfassungen hatten oder haben mehr das kollektive Wohl der Bürger im Blick: eine Ordnung von Gesellschaft, die allen eine Chance auf Glück bietet, ohne dass das auf Kosten der anderen, Schwächeren geht.

Ich first? Vielleicht müssen wir nachdenken, wie weit es uns bringt, so zu denken und zu handeln.

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