68. Berlinale

Polinnen (und Polen) bei der Berlinale

Es ist nicht der wichtigste Filmfestival der Welt, aber er ist groß und wichtig genug, um alles inne zu haben. Unter den 400 Produktionen und Events des diesjährigen Festivals gibt es sowohl Noam Chomsky in der Reihe “Kulinarisches Kino” als auch Ai Wei Wei’s Doku-Film über Flüchtlinge Human Flows. Wie seit Jahren schon gibt es jede Menge Polen bei der Berlinale, bei dem Wettbewerb, bei verschiedenen Reihen, bei mehreren sehr interessanten Koproduktionen, von denen eine  (Dovlatov) auch im Wettbewerb läuft. Mich jedoch interessierten vor allem zwei junge Frauen, die von unserer Generation, den sog. Solidarność-Flüchtlingen als Kinder aus Polen weggeführt und nach Deutschland “gebracht” wurden.  Über diese Kinder eben schrieb Emilia Smechowski in ihrem 2017 erschienen Buch, dass sie “Strebermigranten” sind. Der Name ist nicht gerade schmeichelhaft, aber hat vielleicht was Wahres an sich. Und Schönes!

Wettbewerb
Twarz | Mug (Weltpremiere)
von
Małgorzata Szumowska

Jacek liebt Heavy Metal und seinen Hund. Die Feldwege vor der Haustür funktioniert er zur Rennstrecke um, die er mit seinem kleinen Auto entlangbrettert. Wenn er mit Freundin Dagmara die Tanzfläche betritt, gehen alle anderen sofort in Deckung. Er genießt das Dasein als cooler Außenseiter in einem ansonsten eher spießigen Umfeld. Die Muskeln trainiert er bei seiner Arbeit auf einer Großbaustelle nahe der polnisch-deutschen Grenze, wo die größte Jesusstatue der Welt entstehen soll. Doch ein schwerer Arbeitsunfall lässt sein Leben aus dem Groove geraten. Vollkommen entstellt, wird an Jacek unter reger Anteilnahme der polnischen Öffentlichkeit die erste Gesichtstransplantation im Land vollzogen. Als Nationalheld und Märtyrer gefeiert, erkennt er sich im Spiegel selbst nicht wieder. Die Jesusstatue aber wird immer höher und höher. Während sich die Ereignisse rund um Jacek überschlagen, behält der Film die Übersicht und scheint das Kameraobjektiv noch schärfer zu stellen. In Form einer bösen Farce reflektiert Twarz polnische Zustände, erkundet das Leben in der Provinz und zeigt ein Land, das seinen Glauben in Stein meißeln lässt.


Panorama
Wieża. Jasny dzień. | Tower. A Bright Day.
von
Jagoda Szelc

Frühsommer, die Natur leuchtet in sattem Grün. Mulas Tochter Nina wird ihre Erstkommunion feiern und die Verwandten reisen an. Unter ihnen auch Mulas Schwester Kaja, Ninas biologische Mutter, die sechs Jahre verschwunden war. Ihre Rückkehr löst bei Mula Verlustängste aus. Misstrauisch beäugt sie jede Annäherung der beiden. Die Kamera bewegt sich agil, wie ein weiteres Familienmitglied in einem Beziehungsdrama in schicker Landhauskulisse. Doch immer wieder laufen kleine Erschütterungen durch den Film, wie seismische Wellen, die von einem größeren Beben künden. Auf der Tonspur, durch jähe, blitzartige Schnitte und seltsame Vorkommnisse. Vielleicht sind die überraschende Genesung der Großmutter, der stammelnde Priester, der den Gebetstext vergisst, die Geräusche in der Wand Vorboten? Nur sind alle zu beschäftigt, um sie zu erkennen. Als Ereignisse aus der Zukunft beschreibt ein Zwischentitel den Film. Aus einer Zukunft, in der zunächst alles beim Alten ist, aber nicht bleibt. Sprengen die dezenten Genreelemente, die sich in der sommerlichen Idylle bemerkbar machen, einfach nur die Grenze zwischen Beziehungsdrama und Psychothriller, oder hat Kaja vielleicht eine ganz andere Mission?


Generation 14plus (Zeichentrickfilm)
Na zdrowie! | Bless You!
von
Paulina Ziółkowska

Vorsicht, Ansteckungsgefahr! Im urbanen Getümmel fliegen die Keime bunt umher. Einmal neben der falschen Nase gestanden, und schon ist es passiert. Auch beim Flirt mit dem schönen Gegenüber bekommt man eine Ladung ab. Und was, wenn man sich selbst ansteckt, wieder und wieder? Mit expressionistischer Farbigkeit und surrealen Formen und Figuren spielend, stellt die Animation Fragen an unseren Umgang miteinander.


Mitarbeit /Koproduktion:

Hommage an Willem Dafoe
Antichrist
von
Lars von Trier

Dänemark / Deutschland / Frankreich / Schweden / Italien / Polen 2009

Nach dem Unfalltod ihres kleinen Sohnes zieht sich ein Ehepaar in die Einsamkeit einer abgelegenen Waldhütte zurück. Während die Frau eine Mitschuld an dem Unglück empfindet, versucht ihr Mann, ein Psychotherapeut, die Angstpsychose, die sich bei ihr entwickelt hat, durch Gespräche und Übungen abzubauen. Doch anstatt ihre Trauer und ihren Schmerz zu lindern, steigert dies nur ihre Verzweiflung. Ihre zunächst autoaggressiven Schübe wenden sich schließlich mit aller Vehemenz gegen ihren Therapeuten … In Lars von Triers dunklem Psychohorror, in dem sich ein Ehepaar buchstäblich selbst zerfleischt, gelingt Willem Dafoe die intensive Darstellung eines liebevollen Ehemannes, der seine Emotionen nur schwer mit jener Rationalität in den Griff bekommen kann, die für einen behandelnden Therapeuten geboten wäre. Dabei spiegelt sein markantes Gesicht die Sorge über seine von Zwangsvorstellungen heimgesuchte Frau ebenso glaubwürdig wider wie sein Entsetzen über deren Verwandlung in eine rasende Furie. Nicht weniger bravourös meistert Willem Dafoe auch die hohen physischen Anforderungen seiner Rolle – die eines schließlich schrecklich gemarterten Mannes.


Panorama

Koly padayut dereva | When the Trees Fall (Weltpremiere)
von
Marysia Nikitiuk
Ukraine / Polen / Mazedonien 2018

Es sind Sommerferien, und 40 Tage sind vergangen, seit Larysas Vater gestorben ist. In einer märchenhaften Sequenz durchquert die junge Frau ein Sumpfgebiet, in dem sich eine Gruppe von Paaren ihren sexuellen Begierden hingibt. Larysas Freund Scar, ein schöner Krimineller, steckt in einer Spirale des Verbrechens, in die er sich im Laufe der Erzählung immer weiter und radikaler hineinbegibt. Seine Welt sind die postsowjetischen Plattenbauten, Larysas Welt ist die trügerische Idylle einer dörflichen Gemeinde irgendwo in der Ukraine. Ihr Verhältnis wird Larysa zum Verhängnis, denn es dauert nicht lange, bis familiäre Sanktionen gegen die Beziehung in Gewalt umschlagen. Auch das kleine Mädchen Vitka will sich nicht anpassen, rebelliert gegen seine Großmutter und deren Regelwerk und träumt sich immer weiter in eine Fantasiewelt aus surrealen Bildern.
Die Welt in Marysia Nikitiuks Langfilmdebüt scheint wie unter Strom, brutal in ihrer Wirklichkeit und betörend, sobald sie ins Fantastische umschlägt. Die Regisseurin und Autorin gilt als wilde neue Hoffnung des ukrainischen Films und gewann für das Drehbuch zu Koly padayut dereva bereits den ScripTeast Award in Cannes.


Perspektive Deutsches Kino

Whatever Happens Next (Weltpremiere)
von
Julian Pörksen
Deutschland / Polen 2018

Klar, gehen könnte man immer. Jetzt. Sofort. Man könnte aus dem Auto, dem Zug, vom Fahrrad steigen und einfach weg sein. Diesem Gedanken, den man normalerweise rasch verdrängt, gibt der 43-jährige Paul Zeise eines Tages nach und lässt alles zurück: Frau, Beruf, die gesamte bürgerliche Existenz. Fortan gondelt er als freundlicher Taugenichts, Schnorrer und Hochstapler durchs Land. Ungebeten setzt er sich in fremde Autos, ebenso ungebeten taucht er auf Partys und Beerdigungen auf, macht gemeinsame Sache mit einer dementen Großmutter und versetzt unabsichtlich eine Kleinfamilie in Angst und Schrecken, weil er sich schamlos in deren Leben drängt. Von einem Studenten nach Polen mitgenommen, irrt er dort als Wohnungsloser durch die Straßen, zieht zwischenzeitlich ins Krankenhaus ein und verliebt sich schließlich in die etwas durchgeknallte Nele (29), die ihn ihrerseits ins Wunderland ihres Lebens hineinzieht. Dass ihm inzwischen ein von seiner Frau beauftragter Privatdetektiv auf den Fersen ist, ahnt Paul nicht. Julian Pörksens Film ist ein ebenso komischer wie melancholischer Streifzug durch unsere Gesellschaft, eine von schönen, dubiosen und verirrten Charakteren bevölkerte Welt.


Wettbewerb
Dovlatov (Weltpremiere)
von
Alexey German Jr.
Kamera
Łukasz Żal
Russische Föderation / Polen / Serbien 2018

Leningrad, November 1971. Die Stadt liegt im Nebel. Wieder wird der Jahrestag der Revolution gefeiert, doch das Land tritt auf der Stelle: politisch, ökonomisch, kulturell. Sergei spürt es am eigenen Leib. Die Manuskripte des jungen Autors werden von den offiziellen Medien regelmäßig abgelehnt, seine Sicht auf Dinge und Menschen ist nicht gewollt. Anderen ergeht es ähnlich, auch seinem Freund Joseph Brodsky, den die Staatsmacht ins Exil zwingt. Sergei aber will bleiben, ein normales Leben führen, mit seiner Frau Lena und Tochter Katya. Und er will über die Entdeckung der Wirklichkeit schreiben, über die Arbeiter der Werft oder den Bau der Metro, wo eines Tages dreißig Kinderleichen aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden werden.
In großen Tableaus und langen Kamerafahrten porträtiert Alexey German Jr. den russisch-jüdischen Schriftsteller Sergei Dovlatov (1941–1990), dessen brillante ironische Texte in der Sowjetunion der Breschnew-Zeit nicht gedruckt werden durften. Aus einem tragikomischen Reigen aus Rebellion und Anpassung, Schmerz und Müdigkeit entsteht ein Zeitbild der Stagnation und ihrer zerstörerischen Wirkung.


Lola at Berlinale
Der Hauptmann | The Captain
von
Robert Schwentke
Deutschland / Frankreich / Polen 2017

Das Ende des zweiten Weltkriegs ist abzusehen, die soziale Ordnung in Deutschland liegt in Trümmern. Mit der Moral der Wehrmacht geht es bergab, die Truppe zerfällt. Die Anzahl der Fahnenflüchtigen steigt dramatisch, versprengte Soldaten werden automatisch als Deserteure erschossen. Statt Recht regiert Gesetzlosigkeit. Eine Gruppe betrunkener Hauptmänner macht erbarmungslos Jagd auf einen 19-jährigen Gefreiten – mehr aus mörderischem Spaß denn aus Pflicht. Der Gefreite, Willi Herold hetzt durchs Gehölz. Verzweifelt, am Ende. Wie durch ein Wunder entgeht Herold seinen Jägern und irrt nun – verfolgt von Bauern, die er bestiehlt um zu überleben und der eigenen Truppe, die ihn für einen Deserteur halt – durch die unerträgliche Einöde des Emslandes. Durchnässt, verschlissen, halb verhungert und kurz vor dem Erfrierungstod, macht Herold einen folgenschweren Fund: Eine Hauptmannsuniform.


Und die zwei, schon angesagten Filme, die “die Streber-Migrantinnen” schon für ihre neue Heimat gemacht haben, Alexandra Wesolowski und Alina Skrzeszewska.

Perspektive Deutsches Kino
Impreza – Das Fest | Impreza – The Celebration
von
Alexandra Wesolowski

Sommer 2016, in Polen regiert seit etwa einem Jahr die rechtskonservative PIS. Die Matriarchin Danuta bereitet das Programm für ihre Goldene Hochzeit vor und nimmt dabei ihre ganze Familie in die Pflicht. Danutas Enkelkinder sind es gewohnt, die kreativen Eskapaden ihrer Großmutter mitzutragen, und fügen sich ihrem Schicksal. Für dieses Jahr hat Danuta eine Modenschau geplant, bei der die Mädchen die Lieblingskleider ihrer Großmutter aus den vergangenen Jahrzehnten präsentieren sollen. Die Grande Dame will dazu aus ihrem Leben plaudern, Anekdoten zum Besten geben, die sie in den modischen Kreationen erleben durfte. Einige Tage vor dem großen Ereignis reist Alexandra, die deutsche Nichte, in Warschau an und will bei den Vorbereitungen helfen. Aber kaum sitzt sie am Tisch, dominiert Politik jedes Gespräch nicht nur mit Danuta, auch mit allen anderen Mitgliedern des Clans. Alexandra merkt, dass sie mit ihren liberalen Ansichten alleine dasteht und dass die Frauen in ihrer Familie sich kein bisschen mit Zielen wie Emanzipation, Frauenrechten oder offenen Grenzen identifizieren. Sie möchte herausfinden, wie der ideologische Graben zwischen ihr und ihrer Familie so groß werden konnte.


Panorama Dokumente
Game Girls
von
Alina Skrzeszewska
Frankreich / Deutschland 2018

Die Gegend Skid Row in L.A. ist bekannt als „Hauptstadt der Obdachlosen“ der USA. Dort zu überleben ist ein hartes Spiel, in dessen Regeln uns die Geschichten der porträtierten Frauen Teri und Tiahna einführen. Das Leben des lesbischen Paares spielt sich zwischen Gefängnis, Alkoholsucht und Drogenverkauf, aber auch Hoffnung ab, ihr Schicksal ist paradigmatisch für das Leben afroamerikanischer Frauen an den Rändern der amerikanischen Gesellschaft. In einem von der Filmemacherin initiierten Workshop für Frauen aus der Community verarbeiten sie ihre Erinnerungen und Traumata und beginnen einen Transformationsprozess, in dessen Verlauf sie nicht als Opfer, sondern als selbstermächtigte Subjekte sichtbar werden. Soziale Proteste gegen Obdachlosigkeit in der Nachbarschaft oder die Black-Lives-Matter-Bewegung sind genauso Teil ihres Lebens wie die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihre Homosexualität leben, oder der hartnäckige Kampf mit den Behörden um die eigenen vier Wände.
Mit einer beobachtenden, intimen Kamera erzählt der Film die Geschichte zweier Frauen, die es schaffen, der Skid Row zu entkommen, und dennoch in den Grenzen ihrer Lebensumstände gefangen sind.

 

 

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