Sela 5/3

For Iwona Schweizer
Remember? We visited the opening of their 2nd exhibition one year ago 🙂

Gruppenausstellung Sela5

Galerie Kungerkiez, 12435 Berlin-Treptow, Karl-Kunger-Straße 15

  1. Oktober – 25. November 2018

Eröffnung: 6. Oktober / 19 Uhr

KünstlerInnen-Gruppe „Sela5“

2018 mit:

Kermit Berg (San Francisco/Berlin)

Joachim Froese (Brisbane/Australien)

Karsten Hein (Berlin)

Hiroko Inoue (Nara/Japan)

Sonia Klausen (Berlin)

Rainer Komers (Mülheim/Ruhr)

Jörg Möller (Berlin)

Fyodor Moon (Ukraine)

Matthias Ring (Hamburg)

André Schmidt (Berlin)

Ingrid Völlmeke (Hamburg)

Micha Winkler (Berlin/Brandenburg)

Fotografen sind normalerweise Einzelkämpfer. Die Leute von Sela5 bevorzugen das Miteinander und den gegenseitigen Austausch und arbeiten projektweise und in wechselnden Konstellationen immer wieder zusammen.

Sela5 ist ein gemeinschaftlicher Fotoblog, in dem sich Fotograf/innen zusammengefunden haben, die alle eine leise, nicht spektakuläre Fotografie praktizieren, die den Betrachter nicht „anspringt“ und langsam ihre Wirkung entfaltet.

Dies ist unsere dritte Ausstellung.

Im Showroom der Galerie Kunkerkiez zeigen wir Porträts, inszenierte, Dokumentar- und Straßenfotografie, Stillleben und Landschaftsaufnahmen in wie gehabt sehr unterschiedlichen künstlerischen Sprachen in wilder „Petersburger Hängung“. Im Vordergrund steht das Ausloten unterschiedlicher fotografischer Möglichkeiten und Positionen. Die Bilder haben sehr unterschiedliche Formate und nutzen verschiedene Techniken, so wie sie auch in Sela5 zusammenkommen: Analog und digital, Farbe und Schwarzweiß, Plot und individuelle Drucktechniken. Die Bilder sind in unserer Hängung so in Bezug gesetzt, dass sich ein Gesamteindruck, eine Gesamt-Stimmung ergibt. Das Bild der Ausstellung ist die Gesamtheit aller Bilder an der Wand – eine mehrstimmige Erzählung.

„Every time I get back into the editing room, I feel the wonder of it. One image is joined with another image, and a third phantom event happens in the mind’s eye – perhaps an image, perhaps a thought, perhaps a sensation. Something occurs, something absolutely unique to this particular combination or collision of moving images.” (Martin Scorsese)

Was Scorsese beschreibt, bzw. was daran die Überschneidung zu dieser Ausstellung darstellt ist, wie er es im Schneideraum immer wieder als Wunder empfindet, wie zwischen den einzelnen, konkreten Filmbildern, die Vorstellungsbilder (phantom events) entstehen, der eigentliche Film, der im Kopf stattfindet. Und sogar noch größeres Wunder, nicht nur in seinem Kopf, dem des Machers, sondern auch in den Köpfen der Zuschauer. Diese Zwischenbilder, diese Plätze zwischen den Rahmen, will die Ausstellung erforschen.

 

Stanisław Kubicki und Hermann Stöhr

Stanisław Kubicki, geboren 1889, gestorben (ermordet) 1943, war ein polnischer Maler, Graphiker und Dichter, aber auch ein politisch engagierter Mensch, der den grössten Teil seines Lebens in Deutschland lebte und und somit als Vermittler zwischen den Deutschen und Polen aktiv war. Er diente als Soldat während des 1. WK. Studierte Kunst auf der Königlichen Kunstakademie in Berlin. Kubicki machte sich als origineller Graphiker und Maler einen Namen. Er war ein wichtiger Vertreter der modernen Avantgarde Europas. Er verfasste utopische Manifeste,  zT in der Gedichtform und naturphilosophische Abhandlungen.


Während des 2. WK schloss sich Kubicki dem polnischen Widerstand. Als Kurier brachte er Informationen aus Polen zur Berliner Botschaft von Mandschukao, die von dort weiter nach London gelangten. Auf dem Rückweg schmuggelte er Geld für den Widerstand nach Polen. Mitte 1941 wurde er verhaftet. Ein genaues Todesdatum ist unbekannt. Sein letzter Brief aus dem Pawiak-Gefängnis in Warschau wurde am 14. Januar 1942 gestempelt.

Hermann Stöhr, geboren 1898, gestorben (hingerichtet) 1940, war ein deutscher Schriftsteller, Publizist, Verleger und Doktor der Staatswissenschaften, tätig in Stettin und Berlin.

Auch er diente als Soldat während des 1. WK.  1919 bis 1922 studierte Stöhr Volkswirtschaft, öffentliches Recht und Sozialpolitik; er promovierte 1922. Er lebte in Berlin wo er bei verschiedenen evangelischen Friedens- und Sozialorganisationen tätig war, wie zB. Sozialen Arbeitsgemeinschaft Berlin-Ost. Er kümmerte sich um arbeitslose Jugendliche, die sich rund um Ostbahnhof, aufhielten. Als Publizist schrieb er über die Notwendigkeit der Aussöhnung mit Polen. Dafür verlor er seine Arbeit und kehrte in seine Geburtsstadt Stettin zurück. Dort gründete er 1936 den Ökumenischen Verlag. Er war Mitglied der Bekennenden Kirche.

Im Frühjahr 1939 wurde er zur Armee einberufen – verweigerte aus Gewissensgründen den Kriegsdienst. Am 31. August 1939 wurde er verhaftet  und zum Tode verurteilt. Er starb am 21. Juni 1940 im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee.

***

In ihrer Biographien gibt es wichtige Gemeinsamkeiten
– fast dieselbe Lebens- und Wirkenzeit
– tiefe soziale Prägung, Engagement für arme, sozial benachteiligte Menschen
– tiefer Pazifismus
– tiefes Christentum
– beide engagierten sich gegen das Naziregime und zahlten dafür mit ihrem Leben

Sie sind beide Vorreiter der deutsch-polnischen Versöhnung und Symbolfiguren der modernen deutsch-polnischen Beziehungen


Beiträge über Stanisław Kubicki und Hermann Stöhr. Texte auf Deutsch/Polnisch/Englisch (manchmal nur eine Sprache, manchmal in 2 oder 3 Sprachen)

https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2016/10/28/hermann-stohr-i-stanislaw-kubicki/

https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2017/04/21/hermann-stohr-stanislaw-kubicki-1/

https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2017/05/02/wernisaz-vernissage-hermann-stohr-stanislaw-kubicki/

https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2017/05/27/finissaz-finissage/

Bericht Stöhr – Kubicki 2017 

http://staedtepartner-stettin.org/language/de/aus-unserer-veranstaltungsreihe/

http://staedtepartner-stettin.org/wp-content/uploads/2015/07/2016-Bericht-Compatibility-Mode.pdf

http://staedtepartner-stettin.org/language/de/hermann-stohr-und-stanislaw-kubicki/

http://staedtepartner-stettin.org/language/pl/stanislaw-kubicki-i-hermann-stohr/

http://staedtepartner-stettin.org/wp-content/uploads/2015/07/2016-Bericht-Compatibility-Mode.pdf;15 KUBICKI Stoehr UZ

http://staedtepartner-stettin.org/language/pl/w-starej-rzezni-o-hermannie-stohrze-i-stanislawie-kubickim/


Andere Beiträge über Stanisław Kubicki (und Avantgarde & Bunt):

https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2017/05/20/der-turmbau-zu-babel/ 

https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2015/11/26/exhibition-bunt-expressionism-

https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2015/07/01/nie-dziela-nasze-sa-wazne-lecz-zycie/

https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2015/12/10/17526/

https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2014/04/23/kubicki-und-hufeisensiedlung/ 

https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2013/11/17/poezja-poesie-stanislaw-kubicki/

https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2014/07/31/hulewicz-kraft-kubicki/

https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2014/04/29/dwa-pomniki/ 

https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2013/08/26/zdroj/

https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2013/04/29/artifex-doctus/ 

https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2013/04/02/der-brennende-dornbusch/

https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2013/04/01/mojzesz/


Beiträge über Kubicki und seiner Frau Margarete

https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2015/12/03/bilder-von-margarete-kubicka-in-der-hufeisensiedlung/

https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2017/05/19/artpieces-by-the-kubickis/


Beiträge über Schenkung Professors Stanislaw K. Kubicki an polnische Museen 2015

https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2015/12/11/bunt-und-bunt-and-also-the-revolt/

transborder-avant-garde-in-wroclaw/

https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2015/11/07/finissage/

https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2015/10/03/bunt-und-die-gegenwartskunst/ 

https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2015/09/30/bunt-3-filme/

https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2015/09/04/es-ist-bunt-in-dresden/

https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2015/07/15/15640/

https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2015/05/31/15095/

https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2015/05/15/noc-muzeow-ulotka/

https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2015/04/19/powrot-grafik-ruckkehr-der-praphiken/

https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2015/04/17/bunt-ekspresjonizm-transgraniczna-awangarda/

Beiträge von Stanislaw Karol Kubicki (Professor) über seine Kindheitsaufenthalte in Polen

https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2013/09/02/immer-montags-der-polnische-adel/

https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2013/09/09/immer-montags-der-polnische-adel-2/

https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2013/09/16/immer-montags-der-polnische-adel-3/

https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2013/09/23/immer-montags-der-polnische-adel-4/

https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2013/09/30/immer-montags-der-polnische-adel-5/

https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2013/10/07/immer-montags-der-polnische-adel-6/

https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2013/10/14/immer-montags-der-polnische-adel-7/

https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2013/10/28/immer-montags-der-polnische-adel-8/

Otto Müller Einladung / Zaproszenie

Ab 12. Oktober im Hamburger Bahnhof / am 11. Oktober Vernissage

Tekst po polsku: otto-mueller-wstep-pl

Otto Mueller Exhibition – Flyer

Zum Buch, das die Ausstellung begleitet

MALER. MENTOR. MAGIER.

Otto Mueller und sein Netzwerk in Breslau

Beides ist zugleich das Resultat eines deutsch-polnischen Forschungsprojektes. Erstmalig findet der enorme Einfluss des ehemaligen Brücke-Künstlers und Expressionisten Otto Mueller während seiner Lehrtätigkeit in Breslau tiefergehende Berücksichtigung: Dort lehrte der Maler von 1919 bis zu seinem frühen Tod 1930 an der Staatlichen Akademie für Kunst und Kunstgewerbe, die damals zu den fortschrittlichsten Kunstschulen in Europa zählte. Der Schwerpunkt liegt auf der modernen Malerei. Vor allem der charismatische, von Sehnsucht und Freiheitsdrang getriebene Otto Mueller hatte maßgeblichen Einfluss auf die Breslauer Kunstentwicklung. So entstand die Idee, ihn zur zentralen Figur werden zu lassen: An seiner Person und an seinem Werk entlang entfaltet sich das Konzept von Ausstellung und Katalogbuch.

Vor allem seit 1925 – begünstigt durch die zahlreichen Neuberufungen von Professoren durch den amtierenden Direktor Oskar Moll – genoss die Breslauer Akademie den Ruf von Weltoffenheit und Liberalität. Die vielfältigen Strömungen der Moderne standen hier gleichberechtigt nebeneinander: der Expressionismus mit Otto Mueller, die französische Peinture der Académie Matisse mit Oskar Moll, die Neue Sachlichkeit mit Alexander Kanoldt und Carlo Mense sowie das Bauhaus und dessen Umfeld mit Oskar Schlemmer, Georg Muche und Johannes Molzahn.
Otto Mueller und sein Netzwerk: hierzu gehören vor allem seine unmittelbaren Malerkollegen sowie seine Schüler und Schülerinnen – die alle durchweg in Breslau eine schöpferische, höchst produktive Phase erlebten, angeregt durch wechselseitige Inspiration und Austausch. Die Freundschaften zu eigenständigen und kunstsinnigen Frauen spielten im Leben des Breslauer Akademieprofessors eine nicht zu unterschätzende Rolle: An erster Stelle standen Muellers Partnerinnen, allen voran seine erste Ehefrau Maschka Mueller. In sein Netzwerk gehörten aber auch Künstlerinnen und Intellektuelle wie die Bildhauerin und Grafikerin Marg Moll oder die Schriftstellerin Ilse Molzahn. Ersichtlich wird der Austausch und die gegenseitige Beeinflussung der Breslauer Malerprofessoren untereinander durch thematische und motivische Anleihen oder technische Übereinstimmungen der Malmittel: z. B. in der Farbgebung als Medium zur Ausdruckssteigerung, in den sich entwickelnden Tendenzen der Abstraktion oder in der Angleichung der Bildträger. Gemälde, Arbeiten auf Papier, schriftliche Äußerungen oder Fotografien dienen als Querverweise, die in deutsch-polnischer Zusammenarbeit zusammengetragen und ausgewertet wurden – geleitet von folgenden Aspekten:

*
das engmaschige Netz aus Kunst- und Kulturschaffenden im Zeitraum von 1919 bis 1932 mit besonderem Fokus auf der Malerei der Moderne zu durchleuchten, in dem die Wechselbeziehung zwischen den Städten Berlin und Breslau – Breslau und Berlin sichtbar ist

*
den Schaffensdrang und die kreativen Impulse im Umfeld der Breslauer Akademie und ihre spezifische Atmosphäre im Hinblick auf die Malerei der Moderne zu untersuchen und

*
schließlich den Einfluss des Malers und der Lehrpersönlichkeit Otto Mueller herauszustellen.

Unter diesem Blickwinkel entstand ein Ausstellungsparcours entlang der Leitfigur Otto Mueller, der eine persönliche Geschichte in einem lebendigen Breslau der 1920er-Jahre – parallel zur Darstellung der sich dort entfaltenden Kunst – erzählt. Dadurch ist es möglich, für die Besucherinnen und Besucher unterschiedliche Identifikationsmöglichkeiten zu schaffen, für besondere Tendenzen der dortigen künstlerischen Entwicklung zu sensibilisieren und letztlich auch Trends der musealen Sammlungspolitik und Forschung zu berücksichtigen: Neben großen Namen aus dem Netzwerk der klassischen Moderne werden auch weniger bekannte Künstler und Künstlerinnen der Folgegeneration vorgestellt.

Nachhaltigen Eindruck hinterließ der liberale Lehrer Otto Mueller gerade auch bei seinen nicht wenigen Schülerinnen: seine Aktzeichenkurse waren die ersten überhaupt, die auch Studentinnen wie Grete Jahr-Queißer oder Margarete Schultz offen standen. Einige seiner ehemaligen Schüler wie Alexander Camaro oder Horst Strempel gingen später von Breslau aus nach Berlin und erlebten in der unmittelbaren Nachkriegszeit den Höhepunkt ihrer Malerkarrieren.

1932 wurde die Breslauer Akademie geschlossen, ein Jahr später erfolgte die nationalsozialistische Machtergreifung. Diesen Umständen ist es geschuldet, dass diese Maler und Malerinnen die sog. „verschollene Generation“ vertreten: Ihre Karrieren begannen zunächst vielversprechend. Zu Beginn des Faschismus standen sie noch am Anfang ihrer künstlerischen Laufbahn, viele wurden zur Flucht und zu einem Leben im Exil gezwungen, andere überlebten die Verfolgungen und den Holocaust nicht.

Ihnen gemeinsam aber sind ihre künstlerischen Anfänge an der Breslauer Akademie im Allgemeinen und bei Otto Mueller im Besonderen. Vertiefte Recherchen ermöglichten es, Arbeiten und Dokumente zusammenzutragen, die zumindest einen Eindruck des künstlerischen Erbes von Otto Mueller am Beispiel von Breslauer Studierenden demonstrieren – selbstverständlich ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Für die Charakterisierung des Kunst- und Kulturlebens in der niederschlesischen Hauptstadt der 1920er-Jahre spielte die engagierte jüdische Bevölkerung eine tragende Rolle: Breslau besaß zu dieser Zeit neben Berlin und Frankfurt am Main die drittgrößte jüdische Gemeinde im Deutschen Reich.

In Bezug auf Otto Mueller macht ein neuer Ansatz der Forschung deutlich, wie anziehend dieser Maler auf die jüngere Generationjüdischer Künstler und Künstlerinnen in Breslau wirkte: u. a. seine ihm nachgesagte Beschäftigung mit Magie und Mystik verband sich hervorragend mit deren künstlerischen Positionen und zentralen Fragestellungen nach der eigenen Identität.

Eine Besonderheit im kuratorischen Konzept ist das Prinzip des „Gastes“: gemeint sind hiermit ausgewählte Werke, durch die spotlightartig, epochenübergreifend und interkulturell auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede verwiesen werden kann. In Deutschland kaum bekannt ist, dass viele Künstler und Künstlerinnen der polnischen Avantgarde beide Sprachen beherrschten: Deutsch und Polnisch, so Stanisław Kubicki, Margarete Kubicka, Jerzy Hulewicz oder Henryk Berlewi. Vor allem das Einbeziehen des polnischen Expressionismus und Neo-Expressionismus ermöglicht einmalige Sehvergleiche und neue Zusammenhänge, zugleich verschränken diese Erscheinungsformen die deutsch-polnische

Ausrichtung des Projekts. Diesen Ansatz begünstigte die intensive Zusammenarbeit zwischen deutschen und polnischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die auch grenzübergreifende Perspektiven zuließ.

Unser besonderer Dank gilt Teresa Laudert, Stipendiatin der Camaro Stiftung, für ihre tatkräftige Unterstützung. Wir danken sehr unseren Autorinnen und Autoren. Weiterer Dank gebührt der Übersetzungsleistung durch Simon von Kleist und seinem Team sowie allen, die unser Projekt durch ihr Interesse und mit Anerkennung und Zuversicht begleitet haben.

Wir bedanken uns besonders bei dem Direktor der Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin, Udo Kittelmann für die Aufnahme dieser Ausstellung in das Programm des Hamburger Bahnhofs – Museum für Gegenwart – Berlin. Großer Dank gilt dem Direktor des Muzeum Narodowe in Wrocław, Piotr Oszczanowski, der bereit ist, Teile dieser Ausstellung nach Polen zu übernehmen. Herzlich danken wir dem Vorstand der Camaro Stiftung, besonders dem Vorstandsvorsitzenden Theodor Gentner, für das große Vertrauen in unsere Arbeit und die Bereitschaft, unsere Initiative in diesem umfänglichen Projekt zu unterstützen.

Zur praktischen Handhabe dieses Buches sei schließlich noch angemerkt:

Wir bemühen uns um geschlechtergerechte Sprache. Frauen sind in der Kunst- und Kulturgeschichte nach wie vor unterrepräsentiert. Selbstverständlich spielten in den 1920er-Jahren im Breslauer Kunstgeschehen talentierte und einflussreiche Künstlerinnen, Sammlerinnen, weibliche Intellektuelle und Kulturschaffende eine Rolle.

Auf sie hinzuweisen, sie sichtbar zu machen, ist uns ein Anliegen. Der Katalog erscheint in einer deutschen und polnischen Sprachausgabe. Zu betonen ist an dieser Stelle, dass dieses Grundlagenwerk keinen Anspruch auf Geschlossenheit verfolgt, sondern beabsichtigt, Anregungen zu liefern für weitere Forschung. Für die deutsche Sprachausgabe haben wir uns bewusst auf die Verwendung des deutschen Namens Breslau bis 1945 geeinigt. Dafür sind die historischen Fakten geltend zu machen:

Breslau war der wichtigste Wirtschafts- und Kulturmittelpunkt des deutschen Ostens. Erinnert werden soll daran, dass Breslau Hauptstadt der damals deutschen Provinz Niederschlesien war. Mit dieser Tatsache verbunden ist auch die Kontinuität der kulturellen Wechselbeziehung der Städte Berlin – Breslau. 1945 wurden Breslau und Schlesien Polen angeschlossen. Deshalb gebrauchen wir explizit den Städtenamen Wrocław für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und verwenden die aktuellen polnischen Namen von Ortschaften, Museen und Institutionen.

Die Herausgeberinnen

Dagmar Schmengler, Agnes Kern und Lidia Głuchowska

I jutro…

Donnerstag, 27. September 2018 von 19:00 bis 21:00

ostPost berlin
Choriner Str. 84, 10119 Berlin

“Ich weiß wie es nicht ist, und ich weiß nicht wie es ist…”
Es ist eine Titelzeile eines Gedichts von Marek Maj und zugleich der Titel einer CD, die er gemeinsam mit Ryszard Leoszewski aufgenommen hat.

Es mag banal klingen, ist aber eine tiefe Lebenseinsicht, ein Sokratischer Gedanke, auf den sich der Dichter stützt, um die Welt zu beobachten und zu beschreiben, nachzudenken, zu reflektieren, uns hie und da etwas darüber zu sagen. Auf keinen Fall aber will er uns Ratschläge geben, nie wird der Dichter uns sagen, was wir tun sollen, was wissen, was denken… Wir sind einsame Menschen, sagt uns der Dichter, die der grossen unbegreiflichen Welt gegenüber stehen und sich mit Kunst wie mit einem Regenschirm vom Regen der Alltäglichkeit schützen.

Die Gedichte von Marek Maj werden auf Deutsch von Irena Mitręga vorgelesen.

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Marek Maj, geb. 1962 in Stettin, ist ein Dichter und Kulturmanager; er arbeitet im Kulturhaus Skolwin und ist Organisator der Gartenmesse, die zweimal im Jahr, im Mai und September, an der berühmten Wały Chrobrego (Hakenterassen) statt findet. Marek Maj hat mehrere Gedichtbänder auf Polnisch veröffentlicht; zehn seiner Gedichte wurden 2017 im Rahmen der von uns organisierten Translator Workshop ins Deutsche übersetzt. Sie wurden in dem Onlinemagazin Stadtsprachen veröffentlicht und werden jetzt dem Berliner Publikum präsentiert.
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Ryszard Leoszewski, ist Pädagoge, Komponist und Leader der Musikgruppe Sklep z ptasimi piórami (Ein Laden mit dem Vogelgefieder); seit ein paar Jahren ist er auch der Ehrenbotschafter Stettins. Er hat viele Gedichte von Marek Maj vertont – so viele, dass es für eine gemeinsame CD und ein Programm Leoszewski Majem reichte… An dem Abend werden wir ihn in einem Teil des gemeinsamen Repertoires hören.
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Irena Mitręga ist eine in Polen geborene Germanistin, Autorin und Literatur-Übersetzerin, die uns auch durch den Abend führen wird.

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Von Inseln / O wyspach – Frauenblick

Monika Wrzosek-Müller

Isole del arcipelago toscano – die Inseln in der Toskana

Die Italiener in der Toskana lieben ihre Inseln, ihren arcipelago toscano; vielleicht weil sie davon nicht so viele haben. Verglichen mit Griechenland oder Kroatien sind die paar Inseln an der toskanischen Küste wirklich ein Klacks. Die Inseln bedeuten aber irgendwie die Sehnsucht nach Freiheit, Stille, aber auch Flucht, Isolation oder positiv gesehen ein Zufluchtsort… sie stehen für viele für Abgeschiedenheit und reine Natur: Wasser, Vogelwelt, Wald etc… In den siebziger Jahren war es sehr en mode auf eine Insel zu fahren und „natürlich“ zu leben. Doch viele von diesen „natürlichen“ Lebensweisen bringen den Inseln nur den Dreck des Festlandes mit und kopieren die Gewohnheiten, die man anderswo hatte; wie kann man sonst erklären, dass man 20 Meter vom Meer entfernt Schwimmbäder baut?

Zugegeben, ich persönlich bin kein Freund von Inseln, denn sie geben mir ein Gefühl von Enge, von Eingeschlossen-rrrrrre und Unfrei-Sein; das ist wohl verständlich, denn oft kommt man nicht so leicht von einer Insel wieder weg. Das An- und Ablegen dauert immer lange, man wartet auf die letzten Passagiere oder gar Autos (bei den Fähren), dann ist das Meer zu bewegt und man kommt gar nicht weg. Doch man wird für die Unannehmlichkeiten entlohnt: es sind hauptsächlich Italiener, besonders auf den kleineren Inseln, die dahin reisen, die ausländischen Touristen belassen es bei Elba oder Giglio. Das Wasser ist auch immer sehr sauber, sauberer als am Festland. Dafür sind die Einkaufsmöglichkeiten immer begrenzt und die Preise höher.

Neulich bei einem Ausflug auf die private, ja wirklich private, Insel Giannutri, hat mich ein junger Italiener gefragt, wie viele toskanische Inseln ich denn kennen würde. Ich kannte fünf vom Hörensagen; gewesen bin ich nur auf dreien. Er klärte mich auf, dass es ganz viele gäbe: sieben große, da musste ich schmunzeln, und dazu noch Formiche di Grosseto (formiche bedeutet Ameisen) und nicht zu vergessen Cerboli und Palmaiola (davon hat doch niemand je gehört). Er würde auf alle Inseln fahren und sie besichtigen wollen und zählte auf: Capraia, Elba, Pianosa, Isola Montecristo, Gorgona, Isola del Giglio, Giannutri. Ohne stolzer Besitzer einer Yacht zu sein, ist die Unternehmung auch schwierig; für manche Inseln muss man sich auch anmelden und Genehmigungen einholen, zu vielen gibt es keine feste Verbindung. Doch er ist auch jung genug und kann sich seinen Traum von den Inseln noch erfüllen.

Wenn man von Monte Argentario aus (das auch eine fast Insel ist, durch zwei Landzungen mit dem Festland verbunden) ins Landesinnere fährt und die ersten Städtchen in höheren Lagen erreicht, ist der Ausblick atemberaubend. Man steht vor grünen und gelblichen Hügeln und dahinter erstreckt sich der Horizont mit Meer gefüllt und auch mit kleinen und größeren Inseln und Buchten. Fragt man allerdings die Einheimischen nach ihren Isole, beginnen sie zu streiten: ist das jetzt Giglio oder schon Montecristo oder gar Elba, nein das ist eher Giannutri, die sind doch alle zu klein, das sind doch die Formiche… etc. Niemand weiß es genau, alle haben ihre Theorien dazu.

Landschaft und Natur auf den Inseln sind erstaunlich ähnlich; meistens sind sie mit der mehr oder weniger dichten mediterranen macchia bewachsen, manche, vor allem größere Insel haben auch alte Steineichen oder verschiedene Kastanienarten, auch gibt es manchmal Pinienwälder. Es ragen hier und da Felsen in verschiedenen Ockerfarben auf; natürlich sind ihre Formen unterschiedlich, es gibt oft Grotten und kleine Buchten, selten Sandstrände, öfters muss man von einem Felsen aus ins Wasser springen. Schön ist dabei, etwas zu tauchen, allerdings immer öfters ist die Unterwasserwelt abgestorben und nicht so farbenprächtig wie man sie sich vorstellt, doch ab und zu kriegt man Fischschwärme zu sehen oder einzelne größere Fische. Ich habe auch gehört, dass früh im Sommer oder gar Frühjahr die Unterwasserwelt bunter und interessanter ist, oft sieht man Seeigel und Seeanemonen, auch Seegurken; Manchmal begleiten Delphine das Schiff, immer mehrere zusammen, sie springen wellenartig am Schiffsrumpf entlang. Natürlich kann man von den Inseln die Weite des Horizonts bewundern, und die Sonnen Auf- und Untergänge sind beachtlich.

Mit einigen Inseln verbinden mich Erinnerungen, die immer wieder hochkommen, wenn ich nach Italien fahre. Als Teenager las ich sehr fasziniert das Buch „Der Graf von Monte Christo“ von Alexandre Dumas; es war ein Buch aus der Bibliothek meiner Oma, die in Warschau eine private Leihbibliothek geführt hatte, die dann in fünfziger Jahren verstaatlicht wurde. Einige Bücher aus der Bibliothek sind mir geblieben, darunter eben „Der Graf von Monte Christo“. Das Buch faszinierte nicht nur mich, sondern fast meine halbe Klasse, so haben wir die Seiten vorsichtig herausgetrennt und jeder las einzelne Seite und gab sie dann weiter. Damals schon wollte ich unbedingt die Insel Montecristo sehen, wo ein Teil der Handlung spielte. Da geht es um das große Geheimnis von Faria, der vom Schatz des Grafengeschlechtes Spada auf der Insel Montecristo weiß; der Graf soll ihn da vergraben haben. Dantés sollte in Folge der Erbe des Grafen Spada werden, er entflieht aus dem Gefängnis, findet den Schatz und kehrt nach Frankreich und Paris als reicher Mann zurück und legt sich eine neue Identität als Graf von Monte Christo zu… es folgen weitere sehr komplizierte und interessante Episoden. Das Buch wurde zum großen Erfolg in meiner Klasse und in der Literaturgeschichte. Ich verbinde immer die Insel mit der Lektüre des Romans. Übrigens die Insel ist unbewohnt und schwer zugänglich.

Die Insel Elba ist mir in Erinnerung geblieben, weil wir mit unserem kleinen Sohn einmal im Oktober auf die Insel fuhren, nachdem er eine Blinddarmoperation über sich ergehen lassen musste. Auf der Insel hat er dann schwimmen gelernt und sich vollständig von der Operation erholt. Natürlich haben wir nebenbei Napoleons Wohnsitz Villa San Martino besichtigt (alle Wege auf Elbe führen dahin)… Elba ist eine der größten Inseln, sie hat auch wunderschöne kleine Sandstrände in den zahlreichen Buchten.

Die Insel Giglio, die nach der Blume Lilie genannt wird, müsste eigentlich voll von diesen Blumen sein, doch ich habe keine einzige gesehen; man müsste vielleicht im Frühjahr kommen. Ich verbinde die Insel mit einem ausgedehnten Urlaub und das Jahr darauf mit einem Schiffsunglück. Gerade von unserem Haus auf der Insel konnte man die vorbeifahrenden, erleuchteten riesigen Kreuzfahrtschiffe sehen und fast die Leute darauf erkennen, so nah kamen die Schiffe an die Felsen der Insel, bis… bis eben das Unglück passierte. Die berühmte Costa Concordia, die auf einem Felsen an der Insel Giglio aufsetzte und kippte, so dass sie Wasser aufnahm. Das Unglück kostete 32 Todesopfer, zog einen langen Prozess gegen den Kapitän Francesco Schettino nach sich und die lange Bergung des Wracks von der Insel. Es diente jahrelang als Gesprächsstoff mit den Italienern, was denn genau mit dem Kapitän passiert ist und wer jetzt das Wrack abholen soll und wie hoch die Kosten seien. Es wurde ausführlich in den Zeitungen darüber berichtet. Zu meinem Erstaunen verhalf das Unglück eher der Insel zu ihrem touristischen Boom, die Leute kamen extra, um sich das Wrack anzusehen.

Die letzte Insel, die ich persönlich besuchte, ist die Insel Giannutri; eine relativ kleine Insel (die Ausdehnung reicht an die 3 Km). Eine Insel, die sich in Privatbesitz befindet und angeblich zum Naturreservat erklärt wurde. Wie da die unzähligen Ausflügler mit ihren Booten und die kleinen Ferienanlagen, wie Bienenwaben an den Hängen, zu erklären sind, bleibt mir ein Rätsel. Sie hat eben alles, was so eine Insel haben soll, und noch eine achtbare Ruine einer römischen Villa (mit einem Hafen, römischen Straße etc…) dazu. Allerdings existiert auf der Insel (außerhalb der Saison) überhaupt keine Infrastruktur, kein Café, kein Laden; man sollte darauf vorbereitet sein.

Noch eine weitere Insel aus dem Archipel kenne ich zwar nicht persönlich, aber aus dem Buch von Francesca Melandri „Über Meereshöhe“. Lange wusste ich nicht, um welche Insel es in dem Buch geht. Doch dann erzählte mir jemand, dass auf der Insel Pianosa ein Gefängnis existiert, in dem früher Viele ihre Strafen abbüßten. Es muss sich also um die Insel in ihrem Buch handeln.

Am schönsten sehen für mich die Inseln vom Boot und aus der Ferne aus; meistens mit einem Leuchtturm bestückt, erheben sich majestätisch über das Meer und locken immer wieder Menschen an.

Von Inseln / O wyspach – Männerblick

Auf Amrum
(Augenzeugenbericht)

Anfang August alarmierten anfliegende Austernfischer* Amrumer Areal.
Amrumbewohner, aber auch Amerikatouristen, achteten angespannt auf
außergewöhnlichen Aufruhr am Abendhimmel.
„Ach!“ – ächtzte ängstliche Apothekenangestellte Annabell Aalglatt – „Austernfischer
am Abend! Abscheulich! Alle abschießen!!“
Aber allgemeiner Aufstand anständiger Anwohner animierte Austernfischerliebhaber,
arge Agitation abzulehnen.
Auch angriffslustige arabische Allahanhänger ahnten allmählich – Attacke abblasen!
Auf abendrotgetünchten Austernbänken aßen Austernfischer ausgezeichnete
Amrumaustern.

VIII 06
* 1 793 Aexemplare

Amrum – Möwe und Krähe

Amrum – Kormorane

oko gwiazdy otwiera kalejdoskop nocy
na ekranie granatowego nieba
odbija sie ocean
błyski migoty olśnienia

Amrum – Morgenflut

Amrum – Ebbe am Abbend

fraszka na kota (morskiego)

nie ma już kota na statku (a marynarzy – niewielu),
sam stoi kapitan na mostku i mruczą komputery.

w kambuzie kucharz-automat piecze ciasto w sekund 15…
leniwie na grzbiecie fali sunie dziób, czasami mewa wrzaśnie…
……………………………………………………………………………
……………………………………………………………………………
nie czekaj na fraszki morał, bo go wcale nie będzie,
delfiny lądują w garnku, a śpiewają – łabędzie.

 

PS von der Administratorin:

Frauenblick morgen…

Die Musiker und die 20 Jahre

Ewa Maria Slaska

Zwanzig und nicht die Zwanzigern! Die Musiker und die 20 Jahre. Eine Bestandsaufnahme aus der Filmindustrie der letzten Jahre und meinem eigenem Leben, aufgeschrieben 20 Jahre nachdem ich in Berlin zwei unbekannte Musiker traf, die in der Wohnung meines Sohnes wohnen sollten. Der Sohn war weg. Ich traf die zwei junge Kanadier auf der U-Bahn, brachte ihnen die Wohnungsschlüssel und führte sie in die kleinen Geheimnisse ein, die jede Wohnung verbirgt. Die beiden waren sehr blass und sehr schlank, oder eigentlich dünn. Sie hatten unglaublich viel Gepäck – das erste mal sah ich damals jemanden, der zwei Rücksäcke trug – einen riesigen auf den Rücken und einen nicht zu kleinen vorne auf der Brust. Handtaschen und Plastiktüten ergänzten den Eindruck, zwei solche vor sich zu haben, die nach Berlin für immer kamen, alles mitbrachten, was sie Mal hatten (viele Musikinstrumente), dass sie sich in Berlin nur der Kunst widmen werden und, na ja, nie zu etwas bringen werden. Sie sahen so aus, wie so viele andere, die mit demselben Ziel nach Berlin kamen und nie zu etwas brachten. Der Trend, der jetzt das ganze Stadtleben prägt, hat gerade angefangen, aber man sah schon genug von denen, um zu wissen…
Wir verabschiedeten uns damit, dass sie ab morgen im Klub Berlin Tokyo spielen werden und ich sei eingeladen. Den Klub kannte ich, er befand sich in einem langem dunklem Hof in der Mitte, direkt neben den anderen Hof, wo sich das Literaturbüro befand, in dem ich damals arbeitete. Relativ oft ging ich ins Kino neben dem Klub. Immer wenn ich dabei den Klubeingang sah, dachte ich, ich soll Mal da reinschauen und sehen, wie es den beiden geht, es kam aber nie dazu. Ein paar Jahre später fragte mich mein Sohn, ob ich mich an die beiden erinnere, ich bejahte, er erzählte, sie machen jetzt Kariere. Wir belassen es dabei.

Erfolgreiche Geschichte nach 20 Jahren.

Gestern zeigte er mir im TIP eine Filmbesprechung: Biopic Shut up and play the piano über Chilly Gonzales. Das ist er, sagte er. Wer? Der Kanadier von damals. Und sie?, fragte ich. Weisst du es nicht? Gonzales und Peaches.
Berlin, schon vereint, im Osten ramponiert, billig, faszinierend. Die Stadt arm aber sexy, noch keine Hipsters, es kommen alle, denken an die große Kariere und versagen, die beiden aber nicht. Elektro-Sound, Spiel mit sexuellen Identitäten, Clubs überall, Chilly Gonzales und Peaches. Und ein Film.

Der kommt heute ins Kino.

Überall im Kino gibt es jetzt Filme über die Musiker. Ich dachte, es begann mit Sugar man, der Sohn wusste (natürlich) besser – Walking the line über Johnny Cash… Klar, ja, aber trotzdem bleibe ich bei der Reihe, die ich gestern angesammelt hatte, der Film über Gonzales eingeschlossen. Dokus, Biopics, Fiction, egal. Die Musiker und die 20 Jahre, auch wenn 20 etwas symbolisch oder gar biblisch ist. Zwanzig Jahre. Noch unsere Zeiten, aber schon Geschichte, schon vergessen.

Gundermann von Andreas Dresen, 20 Jahre nach dem Tod des noch jungen Musikers gedreht. Ein Musiker der zu einem gewissen Ruhm in der DDR gebracht hatte und von dem im Westen kaum jemand kaum was weisst.

Sugar man, ein Film von Sixto Rodriguez, ein Musiker der mit dem Album Cold fact in den Staaten so gefeiert wurde wie Bob Dylan. Und danach als Bauarbeiter in vollkommener Vergessenheit lebt, bis Anfang der Zehnerjahre Malik Bendjelloul ein Film über ihn drehte.
Niko, 1988 alias die Mondgöttin alias Christa Päffgen, die Muse von Andy Warhol – auch hier sind die symbolischen 20 Jahre in der Tat 40. Muse? Göttin? Quatch. Fragen sie auf der Strasse. Niemand weisst was…

Das sind alles wahre Musiker gewesen. Es gibt aber auch Features darüber. Ein Chancon für dich mit Isabelle Huppert und Kévin Azais – eine Geschichte einer Sängerin und ihr coming back nach Jahren… Ein Drama.
Juliet, naked, ein Film nach der Buch Vorlage von Nick Hornby über einen Rockmusiker (gespielt von Ethan Hawke), der vor 20 Jahren plötzlich von der Oberfläche verschwand und erst gerade jetzt auftaucht. Eine Komödie oder, wie man es jetzt sagt, eine romantische Komödie über Liebe und Patchwork-Families.

Den Film habe ich gerade gestern gesehen und schon bei der Vorführung dachte ich über all die anderen Filme nach. Ein wahrer Trend, oder? All diese verschwundene, vergessene, unbekannte Musiker…

Es war eine Pressevorführung dh früh. Die sind immer ziemlich früh, diese Pressevorführungen. Um 13 Uhr gehe aus dem Kino Filmkunst 66 und gehe unter die S-Bahn-Brücke. Jemand spielt Gitarre. Ich gehe zu dem Musiker. Er heisst Leo. Ich frage, ob ich ihn fotografieren darf. Ich erkläre, worüber ich schreiben werde und dass er mit seiner Gitarre einen Abschluss meines Beitrags bilden wird.

OK, sagt er. Kannst schreiben. Ich spiele seit 22 Jahren Gitarre…

Verdammte 20 Jahre.

In Juliet, naked sitzt ein Unidozent mit seiner neuer Arbeitskollegin in der Kantine. Sie sagt, sie glaubt an Kunst, daran, dass die Kunst den Menschen heilt. Er schaut auf die Leute an den Tischen und sagt: die hier… die lassen sich nicht heilen, auch wenn Bob Dylan hier käme und für sie spielte, würden sie den Kopf nicht von ihrem Sudoku heben…

Ich weiss es doch. Ein weltberühmter Geiger spielte letztens unter einer Brücke (In Paris? Ich weiss es nicht). Seine Geige war ein Stradivarius. Er sammelte vielleicht 2 Euro…

Leo

Geschichter Berlins

Polnische Gräber in Berlin
historische Stadtführung

16. September 2018, 15-19 Uhr
Treffpunkt Cafe Strauss um 15 Uhr
am Eingang des Friedrichswerderschen Friedhofs
Bergmannstr. 42
10961 Berlin–Kreuzberg

In Berlin gibt es 270 Friedhöfe, darunter ca. 30 sog. historische, die man also als Kulturdenkmal betrachtet und wiederum auch ca. 30, die, wie der Friedhof wo Prof. Brückner begraben liegt, aufgelöst werden. Wie man auf diesen Friedhöfen die polnische Gräber sucht, wie man sie identifiziert, obwohl die dort begrabenen manchmal deutschen Namen tragen und Polen sind, manchmal aber polnische Namen haben und die Familien ihre polnische Abstammung abstreiten. Welche Schicksale erzählen uns die Gräber, über die Menschen, aber auch über die Deutsch-Polnischen Beziehungen. Dies und mehr erzählt uns Ewa Maria Slaska bei unserem Spaziergang in den historischen Friedhöfen auf der Bergamnnstrasse iun Kreuzberg.

Abschliessend gehen wir Kaffee trinken und leckere Kuchen Essen im Café Strauss auf dem Friedrichwerderschen Friedhof.

Ewa Maria Slaska organisierte vor ein paar Jahren eine erfolgreiche Aktion zur Rettung des Grabes von Professor Aleksander Brückner (1856-1939) auf dem Tempelhofer Parkfriedhof in Berlin und seit 2011 organisiert sie immer am Tag der Allerheiligen die Treffen der Polonia und Sympathisanten bei dem Grab diesen berühmten Wissenschaftlers, Sprachhistorikers und Linguist, der an der Berliner Universität das Slawistik Institut gegründet und 44 Jahre geleitet hat.

Professor Brückner ist in einer deutschen Familie in Ukraina geboren, die im 18. Jahrhundert nach Polen ausgewandert ist. Obwohl die Familie den deutschen Namen beibehielt, hat sie sich gänzlich polonisiert und der junge Wissenschaftler der aus Russischpolen nach Breslau und danach na Berlin ausgewandert ist verstand sich als Pole in Deutschland. Man hat ihn in diesem Blog schon zig Mal getroffen.

Heiraten wie ein Kirgise

Über Zeitler schrieb ich vor einer Woche. Inzwischen finde ich Freude daran, seine Erinnerungen zu lesen.

Carl Ludwig Zeitler

Wie ich meine Ehefrau kennengelernt und geheiratet habe?

In der ruhigen Winterszeit 1863/64 besuchte ich zufällig ein Musik- und Ballfest, welches mir befreundete Familien veranstaltet hatten. Ich fand drei gleichmassig in weiss gekleidete, junge Damen mit grünen Besatz und Schärpen an ihren Kleidern. Zweien derselben, Kinder der Eos, war ich schon früher vorgestellt worden, der Dritten mit rundlichen Armen, kleinen blendend weissen Zähnen, wohlgeformten Kopfe, Ohren und Kinn wurde ich vorgestellt. Sie war die Schwestei einer Offiziersfrau, deren Mann, wie ich später hörte, ein Patenkind Kaiser Nicolaus wegen def überaus schlechten Karriere, zu langsamen Aufrüekens in Preussen, nach Petersburg gegangen war. Ich sah die Dame zum ersten Male. Sie wurde später meine Frau. Ich sah sie dann noch einige Male im Konzertsaal, verzichtete aber aus Furcht, meine Freiheit zu verlieren, auf ein Wiedersehen, die beginnennde Arbeit an den Neubauten vorschützend. Erst nach mehr als Jahresfrist sah ich sie wieder.

Ich hatte die Gewohnheit, meine Mitmenschen, wenn ich mit ihnen sprach, mehr noch wenn ich sie stillsitzend betrachten konnte, darauf hin anzusehen, ob und wie ihre Kopfform, der scheinbare Inhalt, das Fassungsvermögen des Schädels, ob die Ohren oval, die innere Rundung derselben mit dem Aussenrand gleichlaufend; ob die Zipfel angewachsen, freihängend oder schippenartig nach vorn oder nach hinten gerichtet, fleichig oder durchsichtig seien. Ob »und wieviel an der Nase und an den Augen symmetrisch oder mongoloid oder mandelförmig; ob die Nase grade oder adler- oder henkelartig sei, und wie das Verhältnis der geraden oder zurückfliehenden Stirnhöhe zur Nasen- und Oberlippenlänge und zum Kinn sei.
Menschen, die für einander bestimmt sind, haben ebenso wie die, welche lange bei und miteinander leben und gleiche Nahrung, gleiche Sorgen haben, eine Anzahl gleicher Gesichtszüge. Jeder hat, sei es beim Lachen oder Weinen, Sprechen oder Schweigen einen Gesichtszug, der den Gegenübersitzenden sympatisch oder abstossend erscheint. Menschen mit gleichem sympathischen Zug scheinen für einander vorher bestimmt zu sein.
Die Eltern der jungen Dame waren durch den 1857 von Amerika ausgehenden, in Deutschland an dem Uebermass der auf schwachen Füssen stehenden Neugründungen nach dem beendeten Krimkriege, reichliche Nahrung findenden Börsenkrach, verarmt. Die Mutter, schon einmal Witwe und ein zweites Mal geschieden, hatte in Magdeburg ein blühendes Bettfedern-Geschäft gehabt, welches zu der Beschãftigung ihres dritten Mannes, eines zwar begabten, aber nur seiner Musik lebenden, unpraktischen Musikers und Organisten durchaus nicht passte. Auch scheint die Verbindung ihrer Tochter aus zweiter Ehe mit einem armen Offizier der Familie zu viel gekostet zu haben, genug, das Geschäft wurde aufgelöst, das Haus verkauft, die Familie ging auseinander. Die jüngste Tochter musste die oberste Kiasse der höheren Tochterschule verlassen, ging mit Hilfe einer befreundeten Lehrerin auf das Lans, um auf einem Gute bei Brandenbburg die Wirtschaft zu erlernen und für sich selber zu sorgen. Sie hat für alle, welche ihr damals Hilfe leisteten, immer Anhänghchkeit und 0ffene Hand bewahrt. Sie hatte eine ausgezeichnete Altstimme, welche die Kirche und grösstenn Konzertsaal füllte, dabei feinstes musikalisches Gehör, Klavierfingerfertigkeit und war auch in Küche und Hausarbeit nicht bloss bewandert, sondern auch gern tätig. Ihre und später meine Wasche war nur von ihrer Hand genaht. Dasjenige, was der Mensch mit seiner Hand und mit Muhe selbst macht und erwirbt, wird vielmehr in acht genommen, als dasjenige, was er fertig gekauft oder gar als Geschenk erhalten hat.
Ich wünschte, dass meine Braut nichts von ihren Eltern erhielte. Wenn ein junger Kirgise heiraten will, verabredet er, wie man sagt, mit seinem Mädchen, dass es sich an der Türe des Zeltes ihres Vaters aufstelle, damit er sie von da rauben könne. Er darf sich natürlich nicht erwischen lassen. Nach einiger Zeit geht er zum Vater seiner Frau und fragt, wieviel er für das geraubte Eigentum zu zahlen habe; ich wollte nicht weniger als ein solcher Kirgise sein.
Es hat mich immer unheimlich berührt, dass Eltern ihre Töchter grossziehen und mit allen guten Eigenschaften des Geistes und des Gemütes ausstatten, bis sie 100 oder 120 Pfund und mehr schwer werden und nur zu dem Zwecke, dass ein fremder, junger Fant kommt, sich daran zu erfreuen. Er erhält dann noch mehr oder weniger Gold oder Werte dazu, je nach dem Vermögen der Eltern.

***

Die Zustimmung meines Vaters zu erlangen, den ich nicht fragen wollte, machte ich mir schwer. Ich hatte zu viel junge und schöne Damen, auch reiche und wirtschaftliche feingebildete Damen, auch unvermutet in der Häuslichkeit mit der Küchenschürze vor kennen gelernt. Mein Vater konnte nicht begreifen, warum ich ein so so leichtes Geschaft bei dem hunderflausend Taler spielend zu gewìnnen waren, nicht machen wolle. Er warnte mich, in eine Familie zu heiraten, deren Mitglieder ich nicht kenne; sie könnten mir später, wie auch  geschehen und noch geschieht, zur Last fallen. Solche Erwägungen nutzen bekanntlich selten. Nach der Militärzeit (…) hatte ich als meines Vaters Generalbevollmächtiger, ihm meinen gesamten Grundbesitz grundbuchlich übertragen, um ihn die Befürchtung zu überheben, mich möglicherweise beerben zu müssen und mit Dritten zu tun zu haben. Um jede Anfrage, jede Einwilligung zu vermeiden, schob ich die Verbbindung lange hinaus, auf die baldige Einführung der Zivil-Ehe hoffend. Erst durch das, zwei Stunden vor der Trauung meinem Vater gegeben Versprechen, dass ich das nächste, dritte Haus noch für Rechnung der Gesamtfamilie errichten wolle und nach dessen Vermietung erst zwischen ihm und mir geteilt werden solle, erhielt ich die Zusischerung, dass er mich zum Traualtar begleiten würde.

Der biblische Jakob habe nicht schwerer um seine Rahel arbeiten müssen. Nachher war mein Vater, wie schon vorher meine Mutter mit ihrere neuen Schwiegertochter sehr zufrieden. Er half mir noch bei dem Umzuge aus dem alten ins neue Haus.

Kino für den Herbst!!!

Meine Lieben! Es ist sicher DER Film des Jahres!

WERK OHNE AUTOR feierte seine Weltpremiere im Wettbewerb der 75. Internationalen Filmfestspiele von Venedig.

 

Regie und Drehbuch: Florian Henckel von Donnersmarck

mit: Tom Schilling, Sebastian Koch, Paula Beer, Saskia Rosendahl, Oliver Masucci

Produktion: Pergamon Film und Wiedemann & Berg Film
Deutscher Kinostart: 3. Oktober 2018
im Verleih von Walt Disney Studios Motion Pictures Germany

Inspiriert von wahren Begebenheiten, erzählt WERK OHNE AUTOR über drei Epochen deutscher Geschichte von dem dramatischen Leben des Künstlers Kurt (Tom Schilling), seiner leidenschaftlichen Liebe zu Elisabeth (Paula Beer) und dem folgenschweren Verhältnis zu seinem undurchsichtigen Schwiegervater Professor Seeband (Sebastian Koch), dessen wahre Schuld an den verhängnisvollen Ereignissen in Kurts Leben letztlich in seiner Kunst und seinen Bildern ans Licht kommt.

WERK OHNE AUTOR ist eine emotionale Achterbahnfahrt durch drei Epochen deutscher Geschichte, die den Wahnsinn und die Tragik des 20. Jahrhunderts anhand von drei Schicksalen beleuchtet.

Tom Schilling („Oh Boy“), Sebastian Koch („Das Leben der Anderen“) und Paula Beer („Frantz“) spielen die Hauptrollen in diesem fesselnden Drama, das tragische Familiengeschichte, flammender Thriller und eine Hommage an die befreiende Kraft der Kunst in einem ist – ein packender Kinostoff, der mitreißt und bewegt.


Geht unbedingt ins Kino, um den Film zu sehen. Er ist so gut, so rührend, so menschlich, so wahr… Im Film wird ein paar Mal wiederholt, dass wenn die Geschichte stimmig ist, in sich stimmig, ist sie auch wahr. Und wenn sie wahr ist – ist sie schön.

Es ist ein schöner Film…


Interessanterweise hat das deutsche Kino in diesem Herbst zwei weitere Filme zum Thema DDR hergestellt:

Gundermann

und

Ballon

Sie sind beide gut und interessant. Der Gundermann ist ein Bisschen wie Searching for a Sugarman. Der Ballon ist rührend und spannend.