Frauenblick: Pinien

Monika Wrzosek-Müller

Die italienische Schirmpinie – die Stolze

Die malerischen Landschaften mit abwechselnd gepflanzten Schirmpinien und Zypressen avancierten zu kitschigen Vorstellungen von der Toskana; man findet sie auf Postkarten, Gemälden, Tischdecken, Fresken auch auf T-Shirts. Sie sind auch wunderschön und eigen, nirgendwo sonst findet man diese Anordnung. Das Schwere, Monumentale einer Schirmpinie wird von der Schlankheit und Eleganz der Zypresse ausgewogen, ausbalanciert, es entsteht ein harmonisches Zusammenspiel; dieser Ausgleich, der in der toskanischen Landschaft immer anzutreffen ist, verleiht ihr die Harmonie und Weichheit, die ich so liebe.

Diese wunderschönen, riesigen Schirme, die mir immer als schattenspendende Gewächse in den Sinn kommen, verlangen so wenig von der Natur, halten so viel aus: extreme Dürre, extreme Hitze, extrem schlechte, aber auch gute, nährreiche Böden. Jedes Jahr bewundere ich diese Giganten in der Pineta der Feniglia, der unter Naturschutz stehenden Landzunge zwischen Ansedonia und dem Monte Argentario. Wie überleben sie die Hitze der vier Monate ohne einen Regentropfen, wie die Horden von Radfahrern und auch der Badegäste? Doch nach erstem Regen wacht die Pineta wieder auf, ist grüner als je zuvor und atmet, riecht nach Pinien, nach Harz oder nach Rosmarin, der hier auch in Fülle wächst. Manchmal, wenn ich länger durch die Pineta laufe und mir die Kronengewölbe anschaue, kommen sie mir vor, als ob sie das Vorbild für die gotischen Kathedralen mit ihren gefächerten Gewölben und schlanken Stützen und Säulen wären. Sie sind aber auch nicht aus der Ansicht von Rom und der antiken Ruinen, umgeben von abertausend Touristen, wegzudenken. Angeblich ist bis heute nicht nachgewiesen, ob sie gezüchtet wurden oder immer schon so in der Natur vorkamen. Auf jeden Fall können die Bäume selbst bis zu 250 oder 300 Jahren alt werden.

Fast jeden Morgen laufe ich oder gehe schnell mit meinem Dackel durch die Pineta, entlang der Lagune, oder auf dem Weg näher am Meer, in der Feniglia, dem acht Kilometer langen Pinienwald, auf einer Landzunge. Das ist die Art von Bewegung, die man sich in der Hitze erlauben kann. Die Pinien schließen sich über meinem Kopf zu einem Gewölbe, unten ist es zwar trocken, aber schattig. In diesem Jahr wurde der Weg an der Lagune mit Wasser besprengt, damit nicht so viel Staub durch die Fahrräder der Ausflügler aufgewirbelt wird. Der Boden ist dann angenehm kühl und an den Rändern wachsen ganz schnell, fast im Nu, grüne Pflanzen, Gräser, Blüten an den Sträuchern. Die Schnelligkeit, mit der die Natur sich von der Trockenheit erholt, ist faszinierend; im Haus, im Garten, habe ich tagelang eine Topfpflanze beobachtet, die wirklich von Minute zu Minute wuchs. Als wir ankamen, waren die Blätter ausgetrocknet; nach regelmäßigem Gießen keimten sie dann aus der Erde und wuchsen zu riesigen Blättern, nahmen immer mehr Platz im Topf ein, bis ich fast dachte, dass sie ihn sprengen würden. Dasselbe geschieht in der Pineta, wenn es mal einen Regenguss gibt; da wachen Sträucher und Pflanzen auf, deren Existenz man gar nicht wahrgenommen hat. Oft überlege ich: Wurde die Pineta angelegt oder wuchs sie da schon seit Jahrhunderten von selbst? Die Funde von Ruinen römischer Villen an zwei Stellen in Pineta würden dem widersprechen.

Die Pinien sind wie Skulpturen, ihre Stämme sind kräftig und die Äste irgendwann wie Sprossen eines Schirmes angelegt; sie brauchen ungefähr 50 Jahre, bis sich ein richtiger Schirm gebildet hat. Manchmal ähneln sie einem Riesenpilz, vielleicht ist die Eiche ein Pendant in unseren Breitengraden zu dieser Wucht und Kraft, die sich aus diesen Bäumen entwickelt. Die vertrockneten Äste fallen von selbst ab, es bleibt der immer flachere Schirm oben, er ist wahrscheinlich auch überlebenswichtig für so einen Baum unter diesen klimatischen Bedingungen. Dieses Jahr war ich erschrocken, als ich die alten Pinien an der Straße nach Grosseto total beschnitten fand, sie sahen aus wie nackte, hilflose Wesen, die verletzt worden sind und ums Überleben kämpfen. Je weniger beschattete Stellen sich unten am Boden befinden, desto geringer die Überlebenschancen des Baumes. Irgendwo habe ich gelesen, dass sie in einer Pineta sogar bis zu sechs Monaten die Hitze und Dürre aushalten können. Dann flachen die Schirme noch mehr ab und bilden eine grüne Schicht oben; unten bleibt es trocken aber schattig. Die Schirmpinien wurden Modelle für unzählige Künstler und stehen immer noch stramm und schattenspendend, man möchte sogar sagen „wie gemalt“ da. Schon seit Antike werden sie abgebildet; natürlich finden wir sie bei den impressionistischen Gemälden, aber auch in vielen Zeichnungen, Lithografien, Fotografien, später und früher.

Interessant ist die Affinität der Faschisten zu den Pinien und zur Pineta; Mussolini soll angeordnet haben, überall Pinien zu pflanzen. Es gab regelrechte Programme zur Aufforstung entlang der Küste; die Wäldchen sollten die hinter dem Strand gelegenen Getreidefelder vor der salzigen Meerbrise schützen. Die bekannten faschistischen Musterdörfer wie Sabaudia in Latium, Villagio Resta und Le Cestine in Apulien oder auch Gualdo Tadino in Umbrien wurden mit Pinienwäldern abgegrenzt. Ich erinnere mich an Fotografien in einer Trattoria in Salento, die zeigten, wie Soldaten in den 1920er Jahren die frischen Anpflanzungen von Pinien bewachten. Gerade im Süden des Landes, in Apulien, in Latium, aber auch auf den Inseln, auf Sizilien und auf Sardinien, war dies Teil der der faschistischen Agrarpolitik nach den Kampagnen zur Enteignung des Großgrundbesitzes und zur Steigerung der Getreideproduktion auf bisher ungenutzten Flächen. Es gibt sehr lange Abschnitte an der italienischen Küste, besonders am Ionischen und Tyrrhenischen Meer, die mit Pinienwäldern bewachsen sind. Die Pinie als Symbol muss auch durch ihre Stärke, Anmut und Ausdauer angezogen haben und wurde in der Zeit oft auch in den Ornamenten eingesetzt; man findet sie schon früher im Art Déco-Stil.

Wenn ich an Pinien denke, kommen mir natürlich noch die schmackhaften Pinienkerne (pinoli) in den Sinn. Sie werden viel in der italienischen Küche verarbeitet, vor allem beim Backen; ich denke an die Torta della Nonna. Sie werden aber auch im berühmten pesto genovese, anstelle von Pistazien, verarbeitet; sie garnieren Salate und manche Vorspeisen. Pinienkerne haben einen relativ hohen Fettgehalt und sind sehr nahrhaft. Sie werden manuell geerntet, die Zapfen werden heruntergeschlagen oder man wartet, bis sie von selbst herabfallen. In Italien werden sie in der Winterzeit, zwischen Oktober und März gesammelt, dann fallen aus den Zapfen die harten Samen, deren harte Schale muss man entfernen, um an den cremeweißen Kern zu kommen. Manchmal werden die Samen eingeweicht oder direkt zerstoßen; diese Arbeit ist sehr mühsam und deswegen sind die Pinienkerne sehr teuer. Inzwischen gelangen sie auf unseren Lebensmittelmarkt auch aus Asien.

1 thought on “Frauenblick: Pinien”

  1. Danke schön für diesen interessanten Beitrag…
    Ich habe bis jetzt fast nichts
    über Pinien gewusst…

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