Blutbrüder (1)

Anne Schmidt                                                       

1. Vorzeigemutti  

Kai saß vor der Laube am südlichen Stadtrand von Berlin und überlegte, wo seine Mutter den Schlüssel versteckt haben könnte. Sie, sein jüngerer Bruder Olli und er wohnten seit der Wende in dem winzigen Häuschen, weil seine Mutter unbedingt nach Berlin gewollt hatte, und zwar in den Westteil. Bis November 1989 hatten alle zusammen in Cottbus gelebt, wo es der Mutter immer zu eng und zu spießig gewesen war.  

Sie hatte im Konsum gearbeitet, früh zwei Jungen von zwei verschiedenen Männern geboren, die Jungen nach dem Ablauf des Mutterschutzes der Obhut eines Ganztagskindergartens überlassen und sich weiterhin im Konsum – und auch ausserhalb – um die Wünsche von  Kunden gekümmert. Ab und zu war am Wochenende die Oma gekommen, damit ihre Tochter auch über Nacht wegbleiben konnte, wenn eine Feier ausserhalb von Cottbus angesagt war oder ein Karnevalsfest sich bis in den Morgen hinzog. Die Oma war stolz auf ihre hübsche Tochter, der auch die Geburt der Söhne nicht die zierliche Figur hatte verderben können. Ihr feingeschnittenes Gesicht war faltenlos und hatte einen kindlichen Ausdruck, der Männer magisch anzog. Kai und Olli hatten diese feinen Gesichtszüge und den unschuldigen Ausdruck von ihrer Mutter geerbt. Sie waren die Lieblinge der Erzieherinnen im Kindergarten, nicht nur weil sie hübsch waren, sondern auch weil sie eine besondere Sanftheit und Fröhlichkeit im Spiel mit den anderen Kindern ausstrahlten. Sie waren beide sehr beliebt, besonders bei den Mädchen, die mit ruppigen und kämpferischen Jungen nichts anzufangen wussten. Kai und Olli wurden auch gern von anderen Müttern mitgenommen, wenn die junge hübsche Frau Weber Überstunden machen oder zu ihrer kranken Mutter fahren musste. Da niemand ein Telefon besaß, wurden die Angaben der Mutter nie überprüft. Ihren großen blauen Augen traute niemand eine Lüge zu und so genoss Doris Weber als junge Mutter in der Deutschen Demokratischen Republik Freiheiten, von denen andere junge Mütter nur träumen konnten. Kai und Olli litten nicht unter der Abwesenheit ihrer Mutter, denn jeder war nett zu ihnen und verwöhnte sie, bis die Mutti, gut gelaunt und fröhlich, ihre Söhne abholte. Sie zeigte Allen, wie lieb sie ihre Kinder hatte und  überschüttete sie mit Zärtlichkeiten. Sie war eine Vorzeigemutti, die Berufstätigkeit und Mutterschaft miteinander vereinbaren könne, sagte die zuständige Parteisekretärin. Ihre Jungen seien der beste Beweis für die erfolgreiche Unterstützung des Staates bei der Erziehungsarbeit alleinstehender Frauen, die ihren Beruf nicht wegen der Kinder aufgeben wollten.  

2. Willkommen im Goldenen Westen  

Seitdem sie im Westen waren, war alles anders: Kai und Olli gingen in eine weit entfernte Schule mit Ganztagsprogramm. Die Mutter verließ morgens um 8.00  die Laube und fuhr quer durch die Stadt zu dem Hotel, in dem sie arbeitete. Sie kam immer erst am späten Abend – bepackt mit Tüten – müde zurück. Sie war dem Konsumrausch verfallen und fand überall Sonderangebote, die unbedingt genutzt werden mussten. Kai und Olli hatten nie so viele Jeans und T-Shirts besessen wie in den ersten Wochen im Westen. Nach dem Konsumrausch wurde die Mutti von der Vergnügungssucht gepackt. Sie kam oft nachts nicht nach Hause, sondern ließ durch einen Nachbarn, der ein Telefon besaß, ausrichten, sie habe Nachtdienst im Hotel.

Dass ihre Söhne sie durchschauten, interessierte sie nicht. Sie meinte, die Jungen seien inzwischen alt genug, um allein zurecht zu kommen. In der Schule bekämen sie ein Mittagessen und ein Brot könnten sie sich auch allein schmieren. Zur Unterhaltung brachte sie ihren Söhnen Massen von Comic-Heften mit, die im Hotel liegen geblieben waren.  

Im Garten stand eine marode Tischtennisplatte und unter den Büschen lag ein schlapper Fußball. Soviele Sportgeräte, meinte sie, hätten sie in der DDR nie besessen. Leider vergaß sie oft, den Hausschlüssel an dem ausgemachten Ort zu hinterlegen. Einen Nachschlüssel anfertigen zu lassen war Doris Weber zu kostspielig; ausserdem könnten die Jungen den Schlüssel verlieren, was gefährlich und teuer sein könnte, meinte sie. Dieses Risiko wollte sie nicht eingehen.

Kai gab seine Suche auf. Wahrscheinlich hatte sie den Schlüssel eingesteckt und mit ins Hotel genommen, wo er unbemerkt in ihrer Handtasche ruhte. Kai überlegte, ob er den Nachbarn um einen Anruf bitten könne, aber das hatte er schon so oft getan, dass er sich nicht traute, schon wieder um ein Gespräch zu bitten. Olli hatte heute Basketball-Training in der Schule. Er würde ihn dort abholen und mit ihm zum Hotel fahren, beschloss er. Er nahm seine Fahrkarte aus der Schultasche, zog seine Jacke an und rannte zur Bushaltestelle.

Er hatte Glück, dass der Bus gerade kam und ihn bis zur U-Bahnstation brachte. Mit der U-Bahn brauchte er noch ca. 30 Minuten bis zum Kleistpark und von dort war es nicht weit bis zur Schule.

Fortsetzung in einer Woche

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