Nach Marienfelde

Wanderung in der Zeiten der Seuche. Muss man sehr nah Wandern. Berliner Umgebung habe schon längst Entscheidung getrofen, man wünscht sich uns, die Berliner überhaupt nicht. Dan kam gestern weitere harte Corona Entscheidung, Leute die aus fünf polnische Voivodschaften nach Berlin kommen, werden in die Quarantäne geschickt. Darunter ist auch Danzig, Hart, hart, hart geht die Corona an uns zurück.

Text: Christine Ziegler, Fotos: Martin Cames

Ein neues Kapitel aus der Geschichte: Da war ich ja noch nie!

Die Pandemie hat genügend Schattenseiten, die sind auch des längeren beklagt und nicht so leicht auszuhalten. Desto wichtiger ist es, auch den Gewinn sich vor Augen zu führen. Seit März sind Martin und ich unterwegs im eigenen Kiez und darüber hinaus und probieren neue Wege aus. Nur ein Schritt zur Seite und schon öffnet sich eine unbekannte Welt. Wie verblüffend das immer wieder ist!

Nun sind wir aufgrund eines freundschaftlichen Tipps bis Marienfelde gefahren, das war mit hinreichender Sicherheit ein Ort, an dem wir Beide noch niemals waren. Anlass ist das 800 jährige Bestehen des Ortes.

Das wurde natürlich angemessen gefeiert und in diesem Zusammenhang hat das Künstlerduo Maria Vill und David Mannstein mit haushohen Fotos an wichtige Stationen und Personen der Marienfelder Geschichte herausgehoben.

Was haben wir gefunden?

Gleich zu Beginn stoßen wir auf eine freundliche Parole: Die Barmherzigkeit erhebt sich über das Gericht. Wo sind wir gelandet? Wir stehen in der Beyrodtstraße 4 vor der Kirche St. Alfons.

Was hat es damit auf sich? Wir lernen aus dem Begleittext: Der Heilige Alfons war bereits mit 16 Jahren promovierter Jurist. Weil er der Gerechtigkeit noch stärker dienen wollte, studierte er zusätzlich Theologie. Als Seelsorger widmete er sich den Ärmsten, als Theologe entwickelte er eine auf der göttlichen Barmherzigkeit gegründete Moraltheologie, die noch heute aktuell ist.

Da hab ich mich schon gewundert, dass jemand mit 16 Jahren promovierter Jurist sein kann, doch da reden wir auch vom 18 Jahrhundert.

Weiter gings und wir standen gleich darauf an der Marienfelder Allee 6 vor einem Haus, an das nichtwenige unserer Mitberliner:innen eine wahrscheinlich bittersüße Erinnerung haben werden. Marienfelde im geteilten Berlin: Eine Familie ist aus der DDR geflohen und findet Unterkunft im Notaufnahmelager. Das Bild erinnert uns, dass es eine Zeit gab, in der auch Deutsche Flüchtlinge waren – und schafft eine Nähe zu den geflüchteten Menschen, die heute hier aufgenommen sind.

Wir Frühaufsteher:innen waren noch vor der Öffnungszeit angekommen und so ging es gleich weiter zur Kaiserallee 33.

Das alte Preußen lässt grüßen. Aber was ist die Profession der Herren? Das Fahrrad bringt mich auf die richtige Spur, es sind die Männer von der Poststelle. Das Gebäude befindet sich gegenüber vom früheren Kaiserlichen Postamt, Kaiserallee 32. Die Postbeamten aus der Kaiserzeit waren so, wie sie hier stehen, 1905 in einem Gruppenportrait vor dem Postamt positioniert. Wäre es noch da, würden die Beamten von hier aus ihre Post betrachten.

Ok, statt des sicher stattlichen Postamts steht da ein eher unansehnlicher Zweckbau aus den 1970er Jahren und wir machen uns schnell wieder auf, um ein paar Meter weiter auf die Bibliothek zu treffen.

Das Mädchen scheint zu träumen. Es symbolisiert den Zustand der Ruhe, den wir brauchen, um uns von der Muse küssen zu lassen – in Form von Literatur, Musik, Kunst. Erst wenn man die Rückseite des Gebäudes betrachtet, sieht man eine fliegende Eule, Symbol der Weisheit und Tiefgründigkeit. Dem Nachtvogel haftet etwas nicht Greifbares an, so wie es auch in der Literatur immer einen unbegreiflichen „Rest“ gibt.

Von der Marienfelder Allee 107 geht es weiter zu einem Bild, das auch das Fliegen zum Thema hat. Hier hat leider der Zahn der Zeit schon am Motiv genagt.

Über das Motiv am Haus an der Budesstraße 101, am südlichen Einfallstor nach Berlin: Durch den nahen Flughafen ist hier nicht nur der Straßen-, sondern auch der Flugverkehr sehr lebendig.
Das Bild stellt unseren gewohnten Fortbewegungsmöglichkeiten auf humorvolle Weise klimafreundliche Alternativen zur Seite. Wie die Leute das wohl so finden, dass der Flugverkehr sehr lebendig ist? Schade um den Kranich, von dem nur noch der Kopf zu ahnen ist.
Also schnell weiter zu diesen zwei ehrwürdigen Personen. Wir sind ganz ratlos, wer das sein könnte.

Und lernen: Das Ehepaar Adolf und Emilie Kiepert prägte Marienfelde wie kaum jemand anderes. Adolf Kiepert erwarb das Rittergut Marienfelde 1844, baute einen landwirtschaftlichen Musterbetrieb auf und schaffte Erwerbsmöglichkeiten für viele Menschen. Er engagierte sich
vorbildlich für das Gemeinwohl in Marienfelde. Wir finden Adolf und Emilie am Gutshof klebend und alles gehört heute zum Bundesinstitut für Risikobewertung.

So langsam kriegen wir Hunger, doch noch sind nicht alle Stationen gesehen und Vollständigkeit ist
schließlich angestrebt. So finden wir den Weg zur Alten Feuerwache, Al ‐Marienfelde 36.

Das Bild finde ich wunderbar skurril.

Das helle Feuer oben, was mir der Turm der Feuerwache suggeriert ist in Wirklichkeit ein Koi und die Menschen der Räuberleiter findet ihn oben statt unten im Wasser. Was schreiben uns die Künstler:innen?
Ein Motiv mit hohem symbolischem Charakter: Die Räuberleiter steht als Bild für das Zusammenspiel im Sport. Wie so oft im Leben sind es nicht zuletzt soziale Kompetenzen wie Teamgeist und Zuverlässigkeit, die auch Ziele erreichbar machen, die alleine unerreichbar sind.

Ein Schluck Tee zum Aufwärmen, die Augen schon auf dem Weg nach nettem Unterschlupf fahndend, doch noch sind zwei Stationen zu finden:

Herrn Jacobsohn fehlt schon der Kopf, auch da hat das Wetter schon einen Teil der Kunst geraubt. Wenn es nur das Wetter wäre, an diesem Ort wurde schon ganz anderes geraubt: Das Bild zeigt einen durch einen Riss in der Fassade verschwindenden Arzt. Es symbolisiert den Riss im Leben Moritz Jacobsohns, der hier sein Zuhause und seinen Wirkungskreis hatte. Er war in Marienfelde verwurzelt und hoch angesehen. Mittellose Patient_innen behandelte er stets kostenlos, und er und seine Frau unterstützten Hilfesuchende, wo immer sie konnten. Wegen seiner jüdischen Herkunft waren er und seine Familie 1938 zur Flucht in die USA gezwungen.

Noch einmal am Weiher vorbei durch eine kleine Grünanlage stehen wir vor einer Schule. Doch da ist noch mehr zu entdecken. Szenen aus dem Klosterleben: Das Kloster Vom Guten Hirten nahm viele Mädchen und junge Frauen auf, die Opfer von Armut, Kriminalität, Prostitution oder Obdachlosigkeit waren. Durch Fürsorge, Schule und Ausbildung wurden sie auf einen Neuanfang im Leben vorbereitet.

Was ich erst aus begleitendem Material erfahre: Die schwarz gekleidete Schwester macht grad Sport. Turnmutter Hildegard statt Turnvater Jahn?

Heute ist hier noch immer eine Schule.

Es lohnt sich auf jeden Fall, diesen Pfad nachzugehen, wir hoffen, dass die Bilder noch eine Weile erhalten bleiben.

Noch einen Grund haben wir, euch vorzuschlagen, den Weg nach Marienfelde zu suchen. Unsere Rast haben wir bei „Erna und Else“ gehalten, dem Café vom Bauernhof Lehmann. Köstlicher Pflaumenkuchen, das wissen wir schon. Alle anderen Sorten müssen noch probiert werden! Sahen aber schon mal gut aus. Das alles gegenüber der alten Dorfkirche.

https://www.berlin.de/ba‐tempelhof‐schoeneberg/ueber‐den‐bezirk/veranstaltungen/800‐jahre‐ marienfelde/artikel.965959.php

https://www.berlin.de/ba‐tempelhof‐schoeneberg/ueber‐den‐bezirk/ortsteile/marienfelde/

2 thoughts on “Nach Marienfelde”

  1. dziekuje; w durchgangslager mariendorf spedzilem odrobine czasu (ale nie z wlasnej woli); ludzi, ktorych wtedy tam poznalem, chcialbym najchetniej zapomniec,
    ale to oni nadaja bieg historii; jeden z nich, prawdziwie polski polak patriota zaproponowal mi nawet bezplatny bilet komunikacji miejskiej jego miasta wojewodzkiego, bardzo mnie mnie to wzruszylo, ale odmowilem;

  2. der malerische Weihnachtsmarkt an der alten Dorfkirche u. auf dem Hof von Lehmann wird in diesem Jahr wahrscheinlich ausfallen. Statt dessen werde ich Eurer Route folgen, die mir einige neue Aspekte verspricht.
    Anne

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