Reblog: St. Karol Kubicki und die FU

Annika Leister

Stanislaw Karol Kubicki prägte Berlin in der Nachkriegszeit wie kaum ein anderer: Der Mediziner gründete mit Kommiltonen vor 70 Jahren die Freie Universität und später die Berlinische Galerie. “Das bot sich einfach an.”

Annika Leister von der Berliner Zeitung schreibt über Professor Kubicki und wünscht sich im hohen Alter Kubickis Gelassenheit.

Der Text ist sehr gut, informativ und doch voller Gelassenheit, ernsthaft aber doch humorvoll. Die Frau hat den Nerv getroffen.
Und aber nun… Jaaaa…

Der Name Kubicki ist hier immer wieder präsent, das letzte Mal vor zwei Monaten listete ich hier alle Beiträge auf, die auf diesem Blog über den Maler und Dichter Stanisław Kubicki (1889-1942), seine Ehefrau, Malerin und Lehrerin Margarete Kubicka, geb. Schuster (1891–1984) und auch über und von deren Sohn, jetzt schon emeritierten Professor der Neurophysiologie, St. Karol Kubicki (Pseud. Peter Mantis) veröffentlicht wurden.

Sehen Sie selber.

Es tat wirklich weh, dass Frau Leister in ihren schönen Artikel, die Eltern des Professors kaum erwähnt, und es doch schafft, über beide etwas falsch zu schreiben. Der Stanisław Kubicki, der Vater des Professors, stammte aus einer polnischen adligen Familie und war ein Maler und nicht ein Musiker! Und Margarete Kubicka, war vor allem eine Künstlerin und erst dann eine Lehrerin, auch wer eine sehr begnadete. Die Bilder der beiden Künstlern sind unter anderen in der Berlinischen Galerie zu sehen, über die Frau Leister so viel schreibt.

Schade! Es hätte gereicht, bei Wikipedia zu schauen.

Nun aber der Text selber…

Kämpfer für die Freiheit

Stanislaw Karol Kubicki sitzt versunken in einem Ledersessel in seinem Wohnzimmer, eine dicke Strickjacke um seine Schultern. Um ihn herum finden sich, dicht an dicht, Zeugnisse seines beeindruckenden Lebens. An jeder Wand Regale, die vielen Hundert Bücher darin sind abgegriffen, die Einbände sind abgewetzt und haben Knicke. Sie handeln von der Nazi-Zeit oder von archäologischen Ausgrabungen in Mexiko, von seltenen Vögeln und expressionistischer Malerei. Einige davon hat Kubicki selbst geschrieben. Immer wieder gibt es Leerstellen im Regal. Kubicki stellt sein Wissen nicht aus. Er nutzt seine Bibliothek täglich. Internet, ein Handy oder eine Email-Adresse hat er nicht.

Vor den Büchern stehen, ohne jedes Kalkül gemixt, kostbare Marmorbüsten und Kinderbilder, auf denen Kubickis Enkel Löwen und Schmetterlinge gemalt haben. Obwohl dem 92-Jährigen das Gehen inzwischen schwer fällt, ebenso wie das Hören, steigt er regelmäßig auf einen wackeligen Sessel, um die Bücher im obersten Fach zu erreichen. „Aber nur, wenn meine Frau nicht hinguckt“, sagt er und lächelt schelmisch. „Sonst gibt es Ärger.“

Stanislaw Karol Kubicki, von seiner Frau wird er nur Karol genannt, hat in seinen 92 Lebensjahren Berlin geprägt wie wenige andere. Er war der erste Anästhesist der Stadt, eine Koryphäe auf seinem Spezialgebiet in der Neurophysiologie, gründete nach dem Krieg einen Berliner Kunstverein und die Berlinische Galerie. Sein größtes Projekt aber ist bis heute die Freie Universität, die erst auf Drängen und dank des Engagements von Studenten wie Kubicki entstand. Am 4. Dezember 1948 war das, vor genau 70 Jahren. Zur Feier an diesem Dienstag wird auch Kubicki in Dahlem erscheinen.

Er sei damals tief enttäuscht von der einzigen anderen Universität der Stadt gewesen, erzählt Kubicki. Die Berliner Universität Unter den Linden, die 1949 in „Humboldt-Universität“ umbenannt wurde, lag im Ostsektor der Stadt. Nach der Wiederaufnahme des Lehrbetriebs 1946 schlug sich die Politik des SED-Regimes bald in den Hörsälen nieder. Manche Gruppen – Arbeiter- und Bauernkinder zum Beispiel – wurden bei der Immatrikulation bevorzugt, andere hatten deshalb kaum Chancen, angenommen zu werden. Immer wieder wurden regimekritische Studenten exmatrikuliert, verhaftet, zu Zwangsarbeit verurteilt und sogar exekutiert.

Unerträglich waren die Verfolgungen aus Gesinnungsgründen für jemanden wie Kubicki, der damals Anfang 20 und für Medizin eingeschrieben war. Er hatte schon ein Semester unter den Nationalsozialisten studiert und deren Methoden und Einflussnahme auf den Lehrbetrieb zutiefst verabscheut. „Und dann war der Krieg vorbei, die Nazis entmachtet – und die neue Uni tut genau dasselbe!“ Kubicki schüttelt noch heute fassungslos den Kopf, richtet sich in seinem Sessel auf. „Das fehlte noch!“

Kubicki hat keine Lust, zuzusehen, wie sich Geschichte wiederholt. Er schließt sich mit Kommilitonen zusammen, die denken wie er, darunter viele Halbjuden. Der harte Kern des Widerstandes trifft sich oft in seinem kleinen Haus im Neuköllner Stadtteil Britz. Dasselbe Haus, in dem Kubicki noch immer lebt, seit 92 Jahren. Hier kamen die Studenten auf die Idee, eine eigene Universität zu gründen, im Westen der Stadt, unter der Obhut der Amerikaner. Der Name „Freie Universität“ habe von Anfang an festgestanden, sagt Kubicki. Denn genau das sollte sie vor allem anderen sein: ein Ort, an dem freies Denken und Lernen möglich sein sollte, ohne politische Restriktionen, ohne Denkverbote und Strafen. „Als Mahnmal gegen die Ost-Uni“, sagt Kubicki.

Die Studenten suchen Kontakt zu den Amerikanern. Die Besatzungsmacht ist von der Idee einer Uni im Westsektor schnell zu begeistern. Jeder Schritt muss mit ihnen abgesprochen werden, Änderungen verlangen sie kaum. Kubicki ist für die Bewerbungen und die Aufnahme der ersten Studenten zuständig. Die Uni im Osten verlangt Antwort auf Dutzende Fragen, um die Studenten zu durchleuchten, ein „Riesen-Fragebogen“ sei das damals gewesen, sagt Kubicki. Er macht es anders: Von den Bewerbern an der Freien Universität will er nur Name, Alter, vorangegangene Studienerfahrungen wissen – und ob sie Mitglied in NSDAP oder SED waren. Letztere sind die einzigen harten Ausschlusskriterien. Sieben einfache Fragen, die Antworten passen locker auf ein DIN-A4-Blatt. „Jeder sollte studieren können, der wollte“, sagt Kubicki.

Die Amerikaner segnen den Plan ab und stellen die ersten Gebäude in der Boltzmannstraße in Dahlem zur Verfügung. Die Studenten karren Möbel herbei, richten ein provisorisches Sekretariat ein. Circa 2 000 Bewerber melden sich zum ersten Semester, erzählt Kubicki, ebenso wie die ersten Professoren. Die meisten seien aus dem Osten gekommen. „Die hatten die Nase voll, genau wie wir.“ Im Westen habe die FU in den ersten Jahren hingegen keinen guten Ruf gehabt, habe als „aufständische Studenten-Uni“ gegolten. Schließlich ist es deutschlandweit ein Novum, dass Studenten so maßgeblich den Ton angeben.

Kubicki ist der erste Student, der sich an der neuen Universität einschreiben darf. Matrikelnummer 1. Eine historische Eintragung, in dunkelblauer Tinte, heute ist das Papier darunter vergilbt. Entschieden hat das der Zufall: Helmut Coper, Kubickis Kommilitone und ebenfalls Mitgründer der FU, wollte eigentlich auch an erster Stelle stehen. Kubicki und er warfen eine Münze. Das Glück war auf Kubickis Seite. „Ich behaupte gerne: Das hat Coper mir nie verziehen“, sagt er. Heute ist der Münzwurf Legende in der Geschichte der Freien Universität, verewigt in Büchern und auf der Uni-Homepage.

Auch an der FU studiert Kubicki Medizin. Wegen der „Pinkepinke“, behauptet er, reibt Daumen und Zeigefinger aneinander und lacht. Parallel will er, dessen Vater Musiker und Schriftsteller war, auch Kunstwissenschaft belegen. Doch der Vortrag des Professors in der Einführungsveranstaltung ist dröge. Also wechselt er einfach einen Saal weiter, wo Friedrich Wilhelm Goethert gerade eine Veranstaltung in Archäologie gibt. Goethert sei ein fantastischer Lehrer gewesen, sagt Kubicki, seine Stimme tief und eindrucksvoll, sein Vortrag immer mitreißend. An seiner Seite bereist Kubicki später Europa.

Doch auch in seinem Hauptfach, der Medizin, kommt er herum. Er konzentriert sich auf die Elektroenzephalographie, eine damals neue Methode, die Aktivität des Gehirns zu messen. In der Zeit vor der Erfindung der Computertomographie ist es die erste Möglichkeit, „den Menschen in den Kopf zu gucken“, wie Kubicki es formuliert. „Auch wenn in manchen Köpfen nicht besonders viel los war.“ Er reist zu Ärztekongressen weltweit, hält Vorträge. Das laut Kubicki „stinklangweilige“ Thema transportiert er lebendig, bunt, witzig. 1969 wird er als Professor an die FU berufen – und bleibt es, bis er mit 65 Jahren in Rente geht.

An so manche Zeit nach seinem Studium erinnert sich Kubicki heute nur noch schwer. Seine Frau Petra Kubicki sitzt mit im Wohnzimmer. Wenn er in seinen Erzählungen mal den Faden verliert, blickt er zu ihr und fragt: „Mensch, was wollte ich denn noch mal sagen?“ „Das weiß ich doch nicht!“, sagt die 76-Jährige dann lachend. „Warum denn nicht?“, erwidert er. „Du weißt doch sonst immer, was ich sagen will!“

Die beiden waren früher schon mal zusammen, Petra Kubicki hat bei ihm studiert. Sie trennten sich, bekamen Kinder mit anderen Partnern, fanden sich wieder und heirateten spät. Eigentlich habe sie in Kubickis kleines Haus ziehen wollen, erzählt sie. Das aber sei so voll gewesen, gefüllt mit Erinnerungen aus neun Jahrzehnten, dass sie sagte: Da ist kein Platz für meine eigenen Sachen. Kurzerhand kaufte sie ein Häuschen gleich gegenüber. Aus Kubickis Fenster kann man es sehen.

Fast vollständig verblasst ist bei Kubicki die Erinnerung an die prägende Zeit um 1968, als die Freie Universität Zentrum der Studentenproteste war. Rudi Dutschke, Benno Ohnesorg, Gudrun Ensslin, Otto Schily – sie alle waren Studenten der FU. Für viele von ihnen herrschte auch in so manchem Fachbereich an der noch jungen, von Studenten gegründeten FU bereits der „tausendjährige Muff unter den Talaren“. Die Revolution wollten sie an den Universitäten starten – und einige linksextreme Gruppen waren bereit, Gewalt anzuwenden. Andersdenkende Professoren wurden an Vorlesungen gehindert, eingeschlossen, manche auch mit Schlägen und Tritten aus dem Saal getrieben. Kubicki gründete damals die „Notgemeinschaft für eine freie Universität“ mit, die gegen den Extremismus protestierte. Zu sehr erinnerten die Übergriffe an die totalitären Methoden unter Nazi- und SED-Regime – nur dass er nun von den Studenten selbst ausging. Heute regt Kubicki das nicht mehr auf. „Ach, die“, sagt er nur über die 68er. „Studentenpalaver. Die waren praktisch ja zu nichts zu gebrauchen.“

Auch Kubicki redet gern. Noch lieber aber hat er schon immer Fakten geschaffen. In den 70ern sorgt er mit einem Artikel für die Gründung der Berlinischen Galerie, nur eines von vielen Kunstprojekten, die er in der Stadt anleiert. „Ich habe mir damals einfach angeguckt, was in Berlin alles gefehlt hat“, sagt er, als sei das alles nichts.

Die 68er? „Studentenpalaver“

Ob er nicht stolz sei auf sein beeindruckendes Leben? Auf die einzigartige Art, mit der er Berlin geprägt hat, für Hunderttausende Studenten und Kunstliebhaber? Wenigstens ein kleines bisschen? Kubicki verweist auf seine Eltern, vor allem auf seine Mutter, „eine beeindruckende Frau, eine aufrechte Demokratin, eine Revolutionärin, ohne Revoluzzerin“ zu sein. Sie setzte sich für die Entnazifizierung in Schulen im Westen ein. Sie habe ihn maßgeblich geprägt. Sich selbst kreidet Kubicki keine Verdienste an. „Es passierte damals so viel“, sagt er schulterzuckend. „Die Amerikaner waren bereit, Ideen zu unterstützen. Da musste man gründen. Das bot sich einfach an.“

Auf die Freie Universität sei er aber auch heute noch stolz. Sie habe sich gut entwickelt, biete inzwischen Fächer an, von denen er selbst gar keine Ahnung habe. „Eine richtige Elite-Uni“ sei die FU geworden, sagt er – und man weiß nicht genau, ob das jetzt Lob oder Tadel aus dem Mund eines Mannes ist, der immer dafür einstand, dass jeder sich beweisen dürfen sollte.

Wichtiger als sein vergangenes Leben, an das die Erinnerungen langsam schwinden, wichtiger als alle Einrichtungen, die er gegründet hat, ist ihm heute die Familie. Seine Frau, die sechs Kinder, sechs Enkel und eine Urenkelin. Der Hund seiner Frau, Fenja, schlecke die Jüngste gerne ab, die juchze dann und lache. „Das sollten sie mal sehen“, sagt Kubicki. „Es gibt nichts Besseres.“


Archäologe, Mediziner, Kunstliebhaber: Karol Kubicki ist inzwischen 92 Jahre alt.
Foto: Bernd Wannenmacher

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