Anne Schmidt über Mieterdemo
Am 6. April schien die Sonne so unverstellt strahlend wie am 8. März dh. bei der Frauen-Demonstration, vom Himmel über Berlin. Dementsprechend voll war der Alexanderplatz, der zum Ausgangspunkt auch dieses Demonstrationsmarsches gewählt worden war.

Fotos: Chris Bakker
Je größer der Leidensdruck desto höher die Teilnehmerzahl bei Demonstrationen könnte man meinen, aber im letzten Jahr, als der Himmel nicht nur Sonnenstrahlen, sondern auch einige Schauer hinabschickte, war die Teilnehmerzahl an der Mietendemo ungefähr halb so hoch, obwohl 20.000 erboste Menschen in einem “Wutpulk” auch schon ein ansehnliches Potential darstellen, das jeder Politiker beachten und berücksichtigen sollte.
Schon im letzten Jahr wurden Unterschriften zur Enteignung von “Deutsche Wohnen” gesammelt, was jedoch in der Politik und auf dem Wohnungsmarkt so wenig Wirkung zeigte, dass in diesem Jahr nicht nur die “Deutsche Wohnen” an den Pranger gestellt wurde, sondern auch andere übermächtige Wohnungsbaugesellschaften, die ihre Wohnungen als Dukatenesel zu betrachten scheinen.
Die Unterschriftenlisten mit der Forderung zur Enteignung waren am Alex regelrecht umlagert. Schilder und Transparente wurden in Massen von Einzelpersonen, aber auch von Mietergemeinschaften getragen; eine Gruppe hatte sich im Stile der französischen Gruppe “Sans Papier” in Weiß gekleidet und weiß geschminkt, um ihre Schutzlosigkeit im Kampf um ihre Wohnungen zu unterstreichen.
Viele Parolen waren witzig und zeugten von der Kreativität ihrer Schöpfer; eine davon “Miethaie zu Fischstäbchen” ist inzwischen auf jeder einschlägigen Demo – meistens mit einer kunstvollen Illustration – zu sehen.
Der Zug, der in meinen alten Augen nicht enden wollte, führte vom Alexanderplatz durch Friedrichshain über die Spree nach Kreuzberg. Am späten Nachmittag wurden von mir die letzten Demonstranten vor ihrem bedrohten Mietshaus in der Dieffenbachstraße gesehen, wo eigentlich alle Häuser denkmalgeschützt sein müssten, geben sie doch die Kulisse ab für Andreas Steinhöfels berühmte Kinderbücher über Oskar und Riko und Harald Martensteins bissige Glossen über mehr oder weniger freundliche Mitmenschen.
Die Transparente an einigen Häusern zeigen jedoch jedem, der die Deutsche Sprache
lesen und verstehen kann, dass die alten Häuser in der Dieffe, wie die in vielen anderen lebenswerten Kietzen der Stadt, zu Spekulationsobjekten verkommen sind, die offenbar nicht den Schutz unserer Volksvertretung genießen.

Zugabe zum Text (vom Tagespiegel):






















August Bebel Institur lädt heute, am Di 15. Januar um 18–22 Uhr zu einem Film & Diskussion ein.
Adamowicz war von 1998 bis zu seinem Tod der Stadtpräsident von Danzig. Bis 2015 gehörte er der Bürgerplattform (Platforma Obywatelska) an, seitdem parteilos; gründete eine Wählervereinigung „Alles für Danzig“.

Jeder Journalist, der über etwas schreibt, prüft heutzutage nach, was sich über sein Thema im Internet finden lässt. Auch ich tat nichts anderes. Und dabei überkamen mich Zweifel. Zuerst fand ich Hunderte und Aberhunderte Texte über Ulitzka. Auf Deutsch und auf Polnisch.
Interessant, dachte ich, dass er für Menschen, die ihn nicht persönlich kannten, immer noch „ihr Prälat“ war. 60 Jahre und mehr nach seinem Tod bewahrt ihn die kollektive Erinnerung. Das wollte ich näher untersuchen. So begann die Spurensuche, deren Etappen Bernau bei Berlin, Biesenthal bei Bernau, Templin, Lobetal, Berlin-Karlshorst, Berlin-Friedrichshagen, Berlin-Lankwitz und Potsdam wurden. Ich wurde mit einer Empfehlung von einem Ort in den nächsten geschickt. Nur die erste Etappe bestimmte ich selber, ich ging dorthin, wo ich sicher war, etwas zu finden: Auf den Friedhof. Das heißt, mein Ausgangspunkt war das Ende – von da rollte ich seine Geschichte auf.