Haus Europa

Brigitte von Ungern-Sternberg

Kindheiten in Europa: Heidi Ramlow

Überquert man eine Landesgrenze und kommt in ‘fremdes’ Land so ist einfach alles anders: die Sprache, das Essen, die Musik, wie sich Menschen zueinander verhalten …die Art zu denken. Oft erlebt, aber immer wieder spannend!

Ganz gleich ob und wie sich das ‘Haus Europa’ entwickeln wird, es wird in diesem großen ‘Haus’ immer viele separate Wohnungen geben, die sich höchst unterschiedlich präsentieren: polnische, französische, deutsche, griechische, italienische … Wohnungen (Wie viele? Siehe Europakarte!)

‘Haus Europa’? Das reicht nicht! Eigentlich sollte man eher von einer großen ‘Wohnanlage Europa’ sprechen.

Es empfiehlt sich, in diesen europäischen Wohnungen gelegentlich das Kinderzimmer aufzusuchen – denn wann haben wir sprechen, singen, denken gelernt, die Art Feste zu feiern und zu kochen? In der Kindheit natürlich! War man einmal in einer solchen Kinderstube, versteht man schon einiges davon, warum ein Mensch, der da groß geworden ist, so ist wie er ist. Und gut ist es auch, sich bei einer passenden Gelegenheit gegenseitig etwas von seinen prägenden Kindheitserlebnissen zu berichten.

Heidi RamlowHeidi Ramlow hat angefangen, diesen Faden des gegenseitigen Kennenlernens und Verstehens über die Kindheitserzählungen aufzugreifen. Sie ist 1941 in Pustchow/Pustkowo zur Welt gekommen, hat also Wurzeln in Pommern, die sie in ihrem langen Leben in Hamburg, München und Berlin nicht vergessen hat. Und schon ist man mitten drin in gar nicht so einfachen Kindheiten. Viele sind in Europa nicht in säuberlich abgetrennten Wohnungen aufgewachsen, sondern sind einmal oder sogar mehrmals in der ‘Wohnanlage’ umgezogen. Da steht in einer verlassenen oder aufgegebenen Wohnung so ein Kindheitskoffer herum. Die jetzigen Bewohner fragen sich vielleicht: Wie ist der denn dahin gekommen? Anzumerken ist natürlich, dass das ‘Haus Europa’ in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ganz und gar nicht ein Ort friedlichen Zusammenlebens war.

Ein von Heidi Ramlow herausgegebenes Buch über Kindheiten in Schweden und Deutschland gibt es seit Mai 2015 schon im Handel.

Ein zweites Buch mit dem Titel “Kindheit in Deutschland – Kindheit in Polen” ist im Entstehen, soll am 1.9.2015 erscheinen und 12 Euro kosten. Es werden in der zweisprachigen Anthologie 27 polnische und deutsche Autoren und Autorinnen von ihren Kindheitserlebnissen berichten, in unterschiedlicher literarischer Form, von Familie, Liebe, Religion, Ideologie, Fluchterlebnissen und Heimatsuche erzählen. Es ist ein Beitrag zum gegenseitigen Verstehen und auch zur Versöhnung, so Heidi Ramlow. Herausgeber des Buches ist Heinrich von der Haar, Vorsitzender des Literatur-Kollegs Brandenburg e.V., Schirmherrin der Anthologie – Gesine Schwan, Präsidentin der Europauniversität Viadrina, Frankfurt/Oder.

Es gibt auch bereits einen Terminplan für eine Reihe von Lesungen in Deutschland und Polen, fünf davon im Oktober und November in Berlin. Von Kindheiten zu lesen ist interessant, sie erzählt zu bekommen einfach schön!

Flyer Deutsch  Flyer Po polsku

Die Herstellungskosten des Buches sind noch nicht gedeckt, über den Crowdfan-Link erfährt man, wie man mit einer Spende dazu beitragen kann.

Spreegöttin

Mittig-Abb-3Brigitte von Ungern-Sternberg

Eine Flussgöttin im Sockel des Nationaldenkmals

Berlin hat, wie jede große Stadt, unter den Straßen und Häusern seine vielfältigen ‘Unterwelten’. So stand auch das tonnenschwere ehemalige Nationaldenkmal vor dem Berliner Stadtschloss auf einem soliden Sockel mit einer Unterwelt. Den Sockel samt Unterwelt gibt es noch heute.

Berlin_Nationaldenkmal_Kaiser_Wilhelm_mit_Schloss_1900Passiert man den Eingang zu dieser Unterwelt, so begegnet man einer Frau, die einen Fisch im Arm trägt. Ganz anders als ehedem der nationale Tumult über ihr, liegt ihr der Fisch am Herzen. Sie erscheint als Flussgöttin der Spree.

800px-Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal_-_Sockel_4800px-Berlin_-_Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal_-_Gewölbe_2

437px-Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal_-_Sockel_5Es ist lange Zeit sehr ruhig in dieser Unterwelt zugegangen und Wasserfledermäuse haben sich angesiedelt. Ob sie sich dort noch wohlfühlen werden, wenn über ihnen mit einigem Baulärm das Denkmal für die deutsche Einheit errichtet wird?

Vor einer Woche gab es HIER einen Beitrag von Brigitte über die Löwen von dem Kaisersdenkmal. Brigitte wird jetzt öfter über Berlin erzählen.

Ein Ausflug ins Grüne

Wir waren im Tierpark. Wir, die Mitglieder des Vereins Städtepartner Stettin, und unsere Gäste aus Stettin. Wir haben Flamingos und Elephanten gesehen, aber auch…

Brigitte von Ungern-Sternberg

Wie kommen vier Löwenskulpturen in den Tierpark Berlin-Karlshorst?

Reinhold Begas  Löwen im Tierpark

800px-KaiserWilhelmLoewen1Beide Fotos: Wikipedia Common

Überlebensgroß, ungebändigt und wild blicken sie auf die Betrachter. Sie stehen vor den Käfigen der Raubtiere, furchterregend anzusehen. Es gibt keinen Hinweis auf sie im Übersichtsplan, den man am Eingang des Tierparks ausgehändigt bekommt. Keine Tafel an den Skulpturen gibt Auskunft, wer sie geschaffen hat, woher sie kommen.

Tatsächlich befanden sich die Löwen früher zu Füßen eines Kaisers hoch zu Ross und dieser stand vor dem Stadtschloss mitten im Herzen von Berlin. Das opulente, figurenreiche Nationaldenkmal wurde auf Veranlassung von Kaiser Wilhelm II errichtet als Denkmal für seinen Großvater Kaiser Wilhelm I. In dessen Regierungszeit entstand ein vereintes Deutschland unter einer preußischen Herrscherdynastie, das zweite Reich. Das Denkmal war geprägt vom ‚Wilhelminismus‘, eine Stilrichtung, die den Geschmack des Kaisers kennzeichnet. Am 22. März 1897 wurde das Denkmal feierlich eingeweiht, es strahlte Macht und Selbstgewissheit aus. Und die Löwen? Sie würden jeden anspringen und zu Tode beißen, der dem Kaiser auf dem Ross zu nahe käme.

Ein Stadtschloss? Ein Nationaldenkmal? Das passte nicht ins Weltbild eines jungen sozialistischen Staats ‚auferstanden aus Ruinen‘. Im Winter 1949/50 ließ die DDR das Denkmal bis auf den Sockel abtragen, die unzähligen Bronzefiguren wurden eingeschmolzen – übrig blieben die vier Löwen, die wurden in den Tierpark nach Karlshorst abtransportiert. Das im Krieg schwer beschädigte Schloss wurde bald danach gesprengt. Lange war der Schlossplatz leer und kahl, diente Aufmärschen und Großereignissen. In den 70er Jahren erstand dort wieder ein neuer Palast, der Palast der Republik mit der Volkskammer. Den gibt es jetzt auch nicht mehr.

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berlin-wiese-schlossplatz-mitteschlossfreiheit-sed-plakate_02Entworfen hat das Nationaldenkmal Reinhold Begas, ein von Kaiser Wilhelm II sehr geschätzter Bildhauer. Reinhold Begas hat die meisten Bronzeskulpturen für das Denkmal geschaffen – nicht aber die Löwen zu Füßen des Kaisers. Die sind das Werk der Bildhauer August Gaul und August Krause.

kaiserzurossFoto: http://www.judgmentofparis.com/gallery/berlin/076.jpg

Berlin_Nationaldenkmal_Kaiser_Wilhelm_mit_Schloss_1900Berliner Schloß – Foto: Wikipedia
Es kamen neue Zeiten und das Denkmal wurde abgetragen

begas-abriss-wilhem-DW-Kultur-OviedoFotografie vom Abriss des Nationaldenkmals für Kaiser Wilhelm I., 1950, aufgenommen von Rudolf Kessler (Landesarchiv Berlin)

Und die Löwen.

Löwenbändiger am Werk. Die Löwen vor dem Berliner Schloß werden zerlegt und abtransportiert. 80 Zentner wiegt das zähnefletschende Bronzetier, das mit einem Kran von seinem Sockel gehoben wird. Aufn.: Illus-Köhler 5316-50 str-8.2.50
Löwenbändiger am Werk. Die Löwen vor dem Berliner Schloß werden zerlegt und abtransportiert. 80 Zentner wiegt das zähnefletschende Bronzetier, das mit einem Kran von seinem Sockel gehoben wird. Aufn.: Illus-Köhler 5316-50 str-8.2.50
Zentralbild /Fuchs 3.1.1964 Die Löwen ... von Reinhold Begas finden vor dem Alfred-Brehm-Haus im Berliner Tierpark eine neue Heimstatt. Gegenwärtig werden sie hier aufgebaut.
Zentralbild /Fuchs
3.1.1964
Die Löwen … von Reinhold Begas finden vor dem Alfred-Brehm-Haus im Berliner Tierpark eine neue Heimstatt. Gegenwärtig werden sie hier aufgebaut.

Foto Wikipedia

Und das Schloss?  Es wird gerade wieder aufgebaut und heißt jetzt Humboldtforum. Es wird kein Herrscher darin wohnen, sondern als Museum die Kunst der Völker dieser Erde zeigen. Vor wenigen Wochen wurde das Richtfest gefeiert.

Richtfest  HumbodtforumMöglicherweise kehrt der Neptunbrunnen, der vor dem Roten Rathaus steht, an seinen alten Platz vor dem Schloss zurück. Auch er ist ein Werk von Reinhold Begas.

Und die Löwen? Kehren sie zurück?

Wohl kaum! Denn auf dem Sockel des früheren Nationaldenkmals soll einmal ein neues Nationaldenkmal stehen – das ‘Denkmal der Einheit‘ für das am 3. Oktober 1990 wiedervereinigte Deutschland, kein Reich mehr, sondern die Bundesrepublik Deutschland.

02_einheitsdenkmalFoto: http://www.rbb-online.de