Monika Wrzosek-Müller
Jedes zweite Jahr bringt Twardoch ein Buch und das nicht nur in Polen, auch auf jeden Fall, fast gleichzeitig in Deutschland heraus. Die frühen Romane beschäftigten sich mit der nahen Vergangenheit, mit der Geschichte; so das für Polen wichtige Buch über Warschau in der Okkupationszeit und den Aufstand Morphin, es folgten Drach, dann ein Jahr später Wale und Nachtfalter. Tagebuch vom Leben und Reisen, Der Boxer (auf Polnisch allerdings Król], Das schwarze Königreich, Demut, Kälte, Die Nulllinie und jetzt eben der neueste Roman auf Polnisch Sagen wir mal, dass Piontek und auf Deutsch Sehnsucht. Die letzten drei Romane sind erstens dünner und zweitens variieren mehr in der Gegenwart mit Ausflügen in die Vergangenheit und sogar die Zukunft. Die Übersetzung wurde immer von Olaf Kühn geliefert, nicht dass ich immer mit der Wahl der Titel einverstanden wäre. Ich war nicht gleich von Anfang an Fan von Twardochs Schreibkunst. Er war mir zu demonstrativ, zu obskur, brutal. Die Lust am Lesen seiner Romane stieg kontinuierlich und stetig und ich bin ihm inzwischen dankbar, dass es so jemanden gibt; mit diesem Mut, der Chuzpe und Verantwortung für Geschehnisse in der Welt. Twardoch schaut ziemlich unerschrocken in die Zukunft. Sagen wir, bisher, denn im letzten Buch ist die Dystopie von 2031 ziemlich dunkel und erinnert mich und meine Generation an doch, immer noch, nahe Vergangenheit.
Sagen wir, der Schriftsteller Twardoch hat in seinem letzten Roman der Fantasie freien Lauf gegeben; wir verfolgen einen Helden in drei verschiedenen Situationen, Umständen, Zeit- und geografischen Räumen und doch hat der Held, Erwin ähnliche Probleme und Gewohnheiten. Er schaut auf seine Uhr, davor aber weiß schon genau, wie spät es ist. Nicht zuletzt heißt er Piontek, was auf Polnisch Piątek heißt und das wunderbare Spiel zwischen dem Schlesischen und Polnischen noch stärker klingen lässt. Er ist mal pensionierter Bergmann, dann wieder Soldat in Namibia und letzten Endes ein Doppelgänger eines Präsidenten in wiederum von Russland besetzten Polen.
Irgendwie am besten fand ich den Gegenwartsteil mit dem Opa Erwin, der stur und entschlossen auf dem Stausee seine Kreise mit dem kleinen Segelboot als Weltumseglungsversuch zieht. Das Triptychon besteht aber immer aus drei Teilen, in der Mitte klar die Figur von Erwin, zwar ein Durchschnittsmensch aber ho, ho. Aus der Literatur der östlichen Länder kennen wir den Hang zum Absurden. Es gibt Bulgakov und Kurkov, in Polen Gombrowicz, Witkacy etc… Sagen wir, bei Twardoch ist das alles sehr Realitätsnah, zwar ironisch und vielleicht mit leichtem Augenzwinkern. Schon die Formel powiedzmy, że ein leichter Verfremdungseffekt, ein Zugestehen bietet, dass es sich um Erzählung und Geschichten handelt, die vielleicht auch irgendwie anders hätten verlaufen können, doch sie dringen unter die Haut. Sie erzählen oft doch irgendwie immer wieder die Deutsch-Polnische Geschichte, obwohl am Rande, denn sagen wir, die schlesisch-polnische Geschichte ist ein Teil davon. Natürlich muss dabei auch die andere, die Polnisch-Russische Variante eine Rolle spielen. Sagen wir, die Polen kreisen immer um diese Themen, denn sie bilden den Kern unserer Identität.
Normalerweise, sagen wir, haben die Romanfiguren dem Erzähler oder wenigstens dem Schriftsteller zu gehorchen, er ist derjenige, der sie erfindet, sprechen, agieren lässt. Doch in diesem Roman geschieht plötzlich etwas anderes, die Hauptfigur verlangt vom Autor die Rechenschaft für die Geschichte. Sie streitet mit ihm.
„Ja. Ohne den Menschen sind die Dinge sich selbst gleichgültig, man weiß nicht, ob es sie gibt. Genauso in dieser Geschichte. Wie aber kommt man an ihren Autor heran, der ich bin, aber doch nur ein bisschen? Das ist meine und deine Geschichte, Erwin, aber ist der, der ich hier bin, der entführt und geschlagen wurde, bin ich, der dieses Buch Sehnsucht einmal geschrieben hat, wirklich sein Autor?
Wer sonst?
Ein anderes Ich. So wie es ein anderes Du gibt, Erwin, andere Ihr.
Also kannst du damit nicht machen, was du willst?
Leider nicht. Dieses Buch ist längst geschrieben.
Du schreibst es doch gerade jetzt, ich merke, wenn du daran schreibst. Mein ganzes Werden in der Welt besteht darin, was du schreibst. …
Das Schicksal der anderen hat dich nicht interessiert. Du hast darüber geschrieben, wie die Hereros bei Omaheke verdurstet sind, und niemand ist eingeschritten, die Welt war sich Welt genug, aber kaum siehst du dich selbst auf dem Stuhl, dich selbst Gefangenen, da muss und soll auf einmal interveniert werden?
Aber das Schicksal dieses Szczepan Twardoch auf dem Stuhl vor die interessiert mich überhaupt nicht. Mach doch mit ihm, was du willst. Das bin nicht ich. Ich sitze an meinem Schreibtisch, nicht unter Deck deiner Jacht. Außerdem wolltest du doch selbst, dass ich die Klappe halte. Aber irgendwo müssen wir das gemeinsam verstehen lernen, diesen Ouroboros, diese Spirale, in der wir zusammen immer engere Wirbel drehen.
Wenn er nicht du bist, wer ist er dann?
Er ist ich, aber im Buch. Sagen wir mal. Das heißt quasi ich. ich weiß ja selbst nicht. Er ist Autor, der in seinen eigenen Roman gerät, um seinen Figuren die Freiheit zu geben. Irgendwie so.“
Auf jeden Fall behandelt der Roman die Twardochs große Fragen: Woher kommt die Gewalt, das Böse? Warum so viele Kriege? Wer ist dafür verantwortlich?
Der Roman ist sehr streng aufgebaut, für mich gemalt, wie ein Triptychon; in der Mitte der Opa Erwin in seinem Segelboot, auf einer Seite Erwin, der in Deutsch-Südwestafrika als Soldat bei den deutschen Truppen kämpft und von den aufständischen Einheimischen Kaptein Hendrik Witbooi (eine durchaus historische Figur) gefangen genommen wird und sich denen anschließt und mit ihnen weiterkämpft. Der andere Flügel des Altars ist der nahen Zukunft gewidmet. In Deutschland regiert der Kanzler Chrupalla und die Beziehungen zwischen Polen und Deutschland sind wegen der Sorben Frage total zerrüttet. Der Held Erwin wird als Doppelgänger des in Polen amtierenden Präsidenten Zenon Wilk (das ist wiederum keine historische Gestalt) von Visagisten und dergleichen geformt. Natürlich, sagen wir, denken alle an die Gerüchte um den Doppelgänger von Putin. Wie das bei fantastischen Geschichten ist, gelingt es dem Doppelgänger, also Erwin Piontek die Machtübernahme und so: „ist er zum Herrscher des Volksstaates Polen geworden, eines vom Krieg zerstörten, verarmten, gerade so funktionierenden Landes im russischen Einflussbereich, in einer Welt, in der ihr bestimmt nicht leben wolltet, in der ihr aber leben werdet, in dieser oder einer sehr ähnlichen, aber völlig anderen, nur noch schlimmeren Welt“
Bei geschlossenen Flügeln sehen wir beide Helden den Autor und Erwin, in welcher Gestalt auch immer, auf dem Hintergrund einer Weltlandschaft. Das ist wiederum meine eigene Fantasie. Vielleicht sind die Übergänge im Roman von einer Welt zu der anderen zu schroff, zu schnell, doch Stoff zur Diskussion und zum Nachdenken bieten sie allemal.
Der Roman endet im Guten, in paradiesischen Südsee Szenerie mit Palmen, Segelboot, Sandstrand und klaren, azurblauen Wasser mit der ganzen Familie Piontek beim Grillen und diversen exotischen Getränken und zufälligerweise ist es gerade piątek, Freitag.
