Die kleine große Welt (20)

Monika Wrzosek-Müller

Der Tarot Garten der Niki de Saint Phalle

Sie wollte eigentlich von dem Skulpturengarten in der Toskana berichten, von dem Weg dahin, von ihrer Enttäuschung – und dann nach einem Gespräch mit einer Freundin hielt sie inne, schaute tiefer und fand viele Gesichter des Gartens, die sie vorher nicht gesehen hatte.

Den Garten wollte sie natürlich sehen, er war schon eine Berühmtheit und in der westlichen Welt so etwas, wie ein Muss, wenn man in der Gegend war. Sie kurvten und wendeten, um den Weg zu finden, ziemlich lange; die bescheidenen Hinweisschilder waren rar. Sie kamen von der falschen Seite, nicht von dem wunderschönen Städtchen Capalbio, das oben auf einem Hügel thronte und es mit seinen mittelalterlichen Mauern mit Monterregioni aufnehmen konnte, oder vielleicht sogar noch reizvoller war, mit dem Blick aufs breite, weite Meer. Aber sie kamen an und hatten, stellte sich heraus, wenig Zeit; der Garten wurde schon um 18.00 Uhr geschlossen, es war September.

Immer wieder hatte sie sich nach ihrer Ankunft im Westen konfrontiert gesehen mit dem westlichen Feminismus, mit dem sie nicht viel anzufangen wusste und den sie am Anfang in der BRD mit einem ziemlich schlampigen Stil der Kleidung assoziiert hatte, mit Stricken in den Hörsälen der Universitäten und dem Fehlen von Frauen in den oberen Chefetagen, vielleicht auch mit der Zeitschrift „Emma“ und der Person Alice Schwarzer. Für ihre Generation aus Polen, die der Töchter von Müttern, die alles schmissen: den Job, die Versorgung des Haushalts, Klavierspielen und eine gewisse Intellektualität, wenn die Zeit dafür reichte, waren die Kämpfe der Frauen hier anfänglich irgendwie lächerlich und auf jeden Fall unverständlich. Allmählich ging ihr auf, dass in der Welt des Geldes die Sachen sich anders gestalteten, und irgendwann etwas später, auf einer Konferenz im südenglischen Harrogate, bei einem Panel über Frauen in der polnischen Opposition, verstand sie, dass ihre Mutter zwar alles bewältigt hatte sich aber ihres Werts keineswegs bewusst gewesen war, und eigentlich auch keine Feministin. Den „kleinen“ Unterschied zwischen den Feministinnen und den überlasteten, chronisch kranken und überarbeiteten Frauen in ihren vielfältigen Berufen in den sozialistischen Ländern lernte sie erst allmählich.

An das alles dachte sie nicht, als sie durch den Garten an der Grenze zwischen Toskana und Latium ging; das kam erst später nach dem Gespräch mit Andrea. Danach hat sie sich über die Künstlerin, Niki de Saint Phalle informiert, über ihr Leben und den Fluch, der sie verfolgte, und den Segen der Kunst, der ihr erlaubt hatte, so zu leben, wie sie wollte, Kunst als Lebensprinzip zu kultivieren. Vor allem berührt hatte sie die Schönheit der Künstlerin, die aus den Fotos von ihr sprach: das feine filigrane Gesicht und die schlanke Figur, die Schönheit, die im Wiederspruch stand zu den von ihr dargestellten groben, fleischigen, rundlichen und manchmal fast vulgären Frauenfiguren. Ihre „Nanas“ waren für viele Frauen in der alten BRD ein Inbegriff des Feminismus; die bunten Gestalten sah sie einmal auf einer Reise nach Hannover, auch in Bonn, auch die riesige, viele Meter lange Figur von Hon vor dem Moderna Museet in Stockholm.

Doch da in der Toskana, an dem schönen Abend, erschienen ihr die Figuren zu grell, zu bunt, zu aggressiv und demonstrativ, ganz anders als die Umgebung; der Hinweis der Künstlerin auf die Verbindung und Inspiration bei Gaudi und Hundertwasser fand sie nicht gerecht, weil die beiden tief mit den Städten verbunden waren, für die oder wo sie ihre Werke schufen. Sowohl der Park Güell in Barcelona als auch das Elektrizitätswerk in Wien waren jeweils für den Standort errichtet, nicht austauschbar, verwurzelt und einmalig. Den Tarot Garten konnte sie sich dagegen in der Gegend um Berlin auch gut vorstellen; würden die Menschen nicht auch dahin strömten, um sich die wunderbar farbigen, bunten, fröhlichen Figuren anzuschauen? Das Argument, dass diese sich mit der männlichen Welt der italienischen Provinz auseinandersetzten, nahm sie nicht ab. Sie existierten für sich, im Kreis der 22 Figuren der Tarot Karten, das große Arkanum des Spiels, mit einigen Tiergestalten, Wohnensembles dazu. Zwar waren wie immer ihre Geschlechtsteile gut sichtbar und überdimensional, aber das war der Stil der Künstlerin.

Nun war sie aber drin und ging hinter Familien mit vielen Kindern her, die vor Freude und Erregung bei so viel Farbe, Spiegel und Spiegelung quietschten. Sie spielten mit den Tieren, ließen sich fotografieren, drauf, drunter und daneben. Überhaupt war der Garten für selfies wie geschaffen, animierte, die Posen der Figuren einzunehmen, sich zur Schau zu stellen. Sie bewunderte die unheimliche Arbeit, die feine und genaue Ausführung, die Fantasie der Künstlerin. Es war zugegeben schwerste Arbeit, die riesigen Figuren zu schaffen, zuerst aus einem Geflecht von Eisengittern, dann mit Beton zu bespritzen; erst danach kamen die Keramikfliesenarbeiten oder die Bemalung. Die oft verwendeten Spiegelscherben funkelten und spiegelten das Licht der untergehenden Sonne wunderbar, die Farben waren frisch und kräftig, lebendig, wie gerade aufgetragen. Je nach dem Licht der auf- und untergehenden Sonne konnte man unheimliche Fotografien machen, mit Farben, die aus einer ganz anderen Welt waren; wahrscheinlich, dachte sie, musste man sich da etwas länger aufhalten, um den Charme und die Seele des Gartens zu ergründen und ihm zu erliegen. Die Künstlerin selbst verstand den Garten als einen meditativen Ort und zum Tarot-Spiel sagte sie sehr klug einmal: „Das Leben ist wie ein Kartenspiel, wir werden geboren, ohne die Regeln zu kennen, aber jeder von uns muss mit dem Blatt spielen, das er bekommt.“

Zu Hause in Berlin stellte sie herrlich gelbe Sonnenblumen in eine prachtvolle Vase einer schweizerischen Künstlerin, der Mutter einer Freundin, die in Massa Marittima lebt und dort ihre wunderschönen Keramikarbeiten herstellt – eine einmalige Vase, die mit kleinen sich spiegelnden, gelblich-goldenen und burgunder-rostroten Mosaiksteinchen ausgekleidet ist.

Eine Lesung “vom Blog”

monika-einladungDie kleine große Welt

Lesung mit Monika Wrzosek-Müller

20.10.15 | 19 Uhr | RegenbogenCafé

Lausitzer Straße 22
10999 Berlin

Geboren bin ich in Warschau, noch in den Kinderboom-Jahren, was zur Folge hatte, dass es überall eng war, die Aufnahmeprüfungen für die Oberschule oder an der Uni. Nach turbulenten Jahren in Warschau; Mitgliedschaft bei der Solidarność, Arbeit im Polnischen Fernsehen, Entlassung nach Verifikationsgesprächen, siedelte ich 1984 in die BRD erst nach Frankfurt/Main dann nach West-Berlin. Hier habe ich zwei Jahre Kunstgeschichte studiert. Einige Jahre arbeitete ich im Polnischen Kulturzentrum in Berlin und längere Zeit unterrichtete ich Deutsch als Fremdsprache für Ausländer in der VHS Neukölln. Immer wieder übersetzte ich auch längere Texte und Bücher aus dem Polnischen ins Deutsche z. B: Solidarność, Geschichte einer Gewerkschaft, Die zwei Köpfe des Adlers…
Es folgte ein vierjähriger Aufenthalt in Italien, der mein Leben erleuchtete und wärmte. Zurück in Deutschland lebte ich längere Zeit in Kleinmachnow und beschäftigte mich mit Yoga, ich absolvierte auch eine vierjährige Yoga Ausbildung, mehrere Reisen nach Indien und Sri Lanka. Bis jetzt unterrichte ich Yoga an verschiedenen Stellen. Ich bin verheiratet und habe einen Sohn.
Geschrieben habe ich eigentlich schon immer; auf Deutsch bewusst und persönlicher erst in der Abschlussarbeit für die Yoga Ausbildung. Einen Ansporn meine Gedanken wirklich niederzuschreiben gab mir Ewa, indem sie mir ein Plätzchen in ihrem Blog einräumte. Mit Erstaunen stellte ich fest, dass die Texte alle auf Deutsch aus mir herauskamen:

Und wie immer war die Überfahrt (nach Kladow zum Yogafestival) ein Erlebnis für sich; sie war in ihrem Kopf noch Meilen von dem Yoga Event entfernt; schaute verträumt um sich herum, auf das Wasser, die vielen Boote, die bewaldeten Ufer des Wannsees; die schöne Seite von Berlin stimmte sie melancholisch. So lange kämpfte sie schon mit sich um ihren Platz in diesem Berlin und den Platz von Berlin in ihr; es war unendlich schwer das zu verbinden, sich zu finden als Mensch, als Ehefrau, als Mutter, als Fremde, als Germanistin, als Arbeitskraft, als Yogalehrerin, als Übersetzerin und als Deutschlehrerin. Immer wieder nagte das Gefühl an ihr, nicht dazu zu gehören, etwas verpasst zu haben; sich nicht einmischen zu wollen, das Leben von außen zu betrachten, nicht bemerkt zu werden und nicht das eigentliche Leben zu leben. Es lag an ihr, der langsame passive Gang ihres Lebens, sich vorwärts schaukeln, wie die Wellen nach vorne rollen und schnell wieder zurückkehren, sich zurücknehmen, was man schon erreicht hat, zerstören. Die Überfahrt war lang und doch kurz oder genau richtig, um nicht zu lange grübeln zu können.

Eintritt frei – Spenden willkommen.

Eine Veranstaltung von Blog ewamaria2013 & Regenbogenfabrik

Berlin for everybody

It is well known, that we are living in the city which is dirty and ugly, but, alas!, everybody wants to live here. And everybody important lives here or at least comes to visit us. We can do nothing, everything will be done for us. Look, just now, next week, comes my favorite German journalist, Meike Winnemuth, in November Ai Weiwei  (yes yes THAT! Ai Weiwei) and in one month Miranda July… He comes for one year, they just for one day…

Meike Winnemuth

dressmeikeShe is a very funny girl. She spend one year in one blue dress and wrote a book about it. So funny!

In a year 2010 she took part on TV Programmm Who becomes a millionaire?, got really half a million euro, took the money and spend one year living every month in another big city all over the world. And of course she wrote a book about living one year in the world. So funny!

I wrote about it HERE.

Now she does nothing! And she wrote a boook about it. So funny!

You will meet her:

Wed, 21. Oktober 2015 – 20:00

Babylon
Rosa-Luxemburg-Str. 30

10178 Berlin

Tickets (ach!) 12 €

Just go!

Ai Weiwei

12141735_993862160635176_394371024703387085_nI am not very fond of him though I know to appreciate his doings and deeds. He is a hero, it is interesting to meet a hero. One does not have many occasions like that in one’s life.

Sun, 1st of November 17:00

Konzertsaal der UdK
Hardenbergstraße 33
10623 Berlin-Charlottenburg

There are no tickets any more, so do not try to go! But there will be a live video stream at www.livestream.udk-berlin.de – in German, English and Chinese.

Miranda July

She comes tu Huxleys New World to present her new book:
“Der erste fiese Typ”.

Moderation: Thomas Böhm
German voice: Tatiana Nekrasov
Presented by Verlag Kiepenheuer & Witsch and BUCHBOX! bookstores
The event will be in German and English

Miranda July Fr, 13.11.2015  at 20:00
Huxleys Neue Welt, Hasenheide 107, 10967 Berlin

Tickets, ach, 17,5 €

Buy the tickets and go!

Die kleine große Welt (19)

Monika Wrzosek-Müller

Monte Argentario

Sie war wieder im Paradies gelandet – zwischen den Grabmälern (tombe) der Etrusker, römischen Ruinen oder eher Ruinen einiger römischen Städte auf den Hügeln und in den küstennahen Ebenen. Daneben gab es Lagunen; die östliche Levante, in der das Meerwasser überwog, und die Westliche Ponente mit dem Süßwasser, wo sich mehrere Fischbecken und eine Fischfarm fanden und das Wasser leider die Gerüche der sich in engen Becken tummelnden Fische weitergab und die Lust, diese dann abends zu essen, etwas verdarben. Doch von oben, von dem Hügel einer antiken römischen Stadt, sah alles aus wie ein Traum, das Wasser in drei, eigentlich vier Farben, das offene Meer und die beiden Lagunen; die eine dunkel, morastig, verdunstend und die andere grün, grünlich, aber bewegt und das Meer blau, mit Schaumkronen auf den Wellen. Bei näherer Betrachtung waren selbst die beiden Meere verschieden, unterschiedlich das Wasser; das eine klar und durchsichtig, das andere mit Sand aufgemischt, gelblicher; alles durchbrochen mit langen Linien vom Grün der Pinienwälder, das sie an das Grün der indischen Teeplantagen erinnerte, und Schilf und Macchia, und der lange gelbe Streifen des Sands der Strände. Dahinter ragte der große Monte Argentario, von dem der Blick über die vielen Meere und die kleinen Inseln frei gleiten konnte. Es war ein Paradies für Menschen und Tiere, sorgsam vor den nachlässigen und, wenn es um die eigene Mühseligkeit und Bequemlichkeit ging, überaus toleranten Italienern geschützt und bewacht, ein Naturreservat, ohne die üblichen kleinen Umwege und größeren Wege, auf denen man doch mit einem Auto oder Motorino durchschlüpfen konnte; nur Fahrräder waren zugelassen; die konnte man sich ausleihen und die sechs Kilometer lange Pineta entlang radeln. Selbst die Zahl der streuenden Hunde und Katzen war begrenzt, genauso die Zahl der immer wieder an den Stränden wandernden Schwarzen, die verschiedensten Waren anboten. Doch sie waren vorhanden und machten aus dem Paradies ein purgatorio, ein Fegefeuer, wo die Versuchung groß war, immer mehr, immer neue Sachen zu kaufen, zu haben, und die Menschen in den Bars und in den Restaurants konnten es nicht lassen und kauften und redeten sich ein, sie würden den Bedürftigen damit helfen und ihr Gewissen etwas damit beruhigen und die andere Welt vergessen, die aber immer wieder an ihre Türen klopfte.

Sie war diesmal fest entschlossen, die Reste der alten Kulturen zu sehen; die geheimnisvollen Etrusker mit den stolzen Römern, die beiden antiken Kulturen, die sich hier immer wieder mischten und ergänzten. Von den Etruskern hatte man hauptsächlich die Nekropolen in Hülle und Fülle, die Sarkophage schmückten jedes größere Museum oder gar Rathaus, Rathausplatz oder andere wichtige Plätze; die Nekropolen lagen ausgebreitet auf weiten Flächen, darüber gingen dann irgendwann doch die Römer mit ihren breiten, mit Basalt gepflasterten Straßen, schufen weite Konstruktionen ihrer Städte, mit herrlichen Villen, mit Thermen und Küchen, mit Aquädukten, die das Wasser aus entferntesten Gegenden brachten, mit Tempeln und Foren, wo sich die Bürger versammelten. Man konnte die Übergänge oder besser das Zusammenleben der Kulturen sehen, beobachten, wer was von wem genommen, übernommen hatte, vervollständigt und nützlicher gestaltet. Es waren überschaubare Flächen, man konnte sie an einem Tag ablaufen, und sich dann im Stillen immer wieder wundern, wieviel Aufmerksamkeit diese alte Kultur der Etrusker ihren Toten widmete; die imposanten Skulpturen auf den Deckeln der Sarkophagen mit den auf einer Seite, in einer völlig unbequemen Pose liegenden Gestalten bewundern: die eine Hand vor dem Körper ihn abstützend, die andere auf der Hüfte, auf der Seite liegend. Es waren sowohl Männer als auch Frauen, reich gekleidet, in wallenden Gewändern, beide Geschlechter gleich zahlreich repräsentiert; eine der wenigen antiken Kulturen, in denen die Frauen die gleichen Rechte wie die Männer zu haben schienen, was selbst bei der Ausschmückung der Gräber zum Ausdruck kam.

Sie hatte den Eindruck, sie luden ein in ihr Reich, ihre Welt der Toten ein, verströmten steinerne und ewige Ruhe. Es gab so viele von den Skulpturen, dass man sich fragte, wie wohlhabend diese Gesellschaft gewesen sein musste, um sich solche Art von Gräbern leisten zu können. Wie gut oder schlecht ging es dann den Lebenden? Es gab auch bescheidenere Varianten der Gräber, die wie große steinerne Pilze aussahen. Sie standen zusammen auf größeren Flächen, runde wunderbar bearbeitete Steine, die auch etwas Tröstendes und Solides ausstrahlten. Diese ferne Welt der Toten, versteinert und in sich ruhend, verschaffte ihr ein wohliges Gefühl von Ruhe und Kühle, brachte Ablenkung und Abstand von der realen, sehr chaotischen Welt, die zu ihr aus den Bildern und Texten der Zeitungen vordrang und sie erschütterte.

In der globalen realen Welt gerieten die Massen der Flüchtlinge in Bewegung, sie waren nicht mehr zu stoppen, nicht mehr zu lenken; die Menschen kämpften um ihr Überleben, sie wollten ihr erbärmliches Schicksal nicht mehr ohne Gegenwehr ertragen; sie flüchteten vor der Unmenschlichkeit, dem Krieg, den Diktaturen. Das Erstaunliche dabei war nur: Warum passierte das in diesem Moment, als ob alle auf einmal bemerkt hätten, wie schlecht es ihnen ging und wie wenig sie dagegen in ihren jeweiligen Ländern tun konnten. Die Bilder der Menschen eher der Menschenmassen, die die provisorischen Zäune in Serbien und die solideren in Ungarn passierten, auf Bahnhöfen in die Züge drängten, erfüllten sie mit Angst. Sie konnte kaum glauben, dass sie alle jetzt, hier Hilfe benötigten; vielleicht wollten sie ihre Welt verändern oder an dieser heilen Welt wenigstens teilhaben.

Sie versuchte in den antiken Welten Ruhe und Antworten auf die vielen sich drängenden Fragen zu finden, wie lebten damals die Menschen zusammen; was verbindet die Menschen, was teilt, wie schafft man Harmonie, Wohlgefühl im Leben? Es gab natürlich keine Antworten; die steinerne Welt ruhte in verstaubten Räumen und auf den weiten Feldern der Steine und die neue schien erst den Anlauf zu nehmen, und es war nicht klar, wohin sie steuerte.

 

Reblog: Swetlana

A dla Polaków też reblog, tyle że z Tygodnika Powszechnego

Literatur-Nobelpreis geht an Swetlana Alexijewitsch

08.10.2015, 19:36 Uhr | dpa

Literatur-Nobelpreis 2015: Swetlana Alexijewitsch ausgezeichnet. Die weißrussische Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch. (Quelle: dpa)

Die Schriftstellerin und Journalistin Swetlana Alexijewitsch (67) wurde mit dem diesjährigen Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Das gab die Schwedische Akademie in Stockholm bekannt. Die Weißrussin bekam den Preis für ihr “vielstimmiges Werk”, welches “dem Leid und dem Mut unserer Epoche ein Denkmal” setzt.

Verliehen wird die mit 8 Millionen Schwedischen Kronen (etwa 850.000 Euro) dotierte Auszeichnung traditionell am 10. Dezember, dem Todestag Alfred Nobels, in der schwedischen Hauptstadt.

Das moralische Gedächtnis des zerfallenen Sowjetimperiums

Alexijewitsch ist mit einem ganz eigenen literarischen Stil zum moralischen Gedächtnis des zerfallenen Sowjetimperiums geworden. Sie hat mit ihren Collagen das Leid, die Katastrophen und den harten Alltag der Menschen in ihrer Heimat aufgearbeitet. 2013 erhielt sie dafür den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Alexijewitschs Werke sind “Romane in Stimmen”. Erstmals wandte die gelernte Journalistin ihre literarische Methode 1983 im Buch “Der Krieg hat kein weibliches Gesicht” an. Mit Interviews dokumentierte sie das Schicksal sowjetischer Soldatinnen im Zweiten Weltkrieg.

Porträts von Tschernobyl-Überlebenden

Für “Zinkjungen” (1989) sprach sie mit mehr als 500 Veteranen des sowjetischen Afghanistan-Feldzugs und Müttern gefallener Soldaten. Genauso porträtierte sie 1997 die Überlebenden der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Als ihr Großwerk gilt “Secondhand-Zeit” von 2013 – eine Sammlung von Stimmen über die erschütternden Erfahrungen des kommunistischen Experiments in der Sowjetunion.

Alexijewitsch wurde am 31. Mai 1948 im westukrainischen Stanislaw (heute Iwano-Frankowsk) geboren. Sie arbeitete nach einem Journalistik-Studium zunächst bei einer Lokalzeitung sowie als Lehrerin. Da sie unter dem autoritären Regime in Weißrussland öffentlich kein Gehör fand und ihre Werke nicht verlegt wurden, hielt sie sich viele Jahre im Ausland auf.

2011 zog sie trotz ihrer oppositionellen Haltung zurück nach Minsk. “Ich will zu Hause leben, unter meinen Leuten, meinen Enkel aufwachsen sehen”, sagte sie. Außerdem sei Quelle ihres Schaffens immer das Gespräch mit den Menschen gewesen. “Und das kann ich am besten hier und in meiner Sprache”, sagt Alexijewitsch.

Im vergangenen Jahr hatte die Nobel-Jury den Franzosen Patrick Modiano (70) für seine “Kunst der Erinnerung” geehrt, mit der er die unbegreiflichsten menschlichen Schicksale wachgerufen habe. Letzte deutschsprachige Preisträgerin war Herta Müller im Jahr 2009.

Zahlen und Fakten rund um den Literaturnobelpreis

Seit 1901 ist der Nobelpreis für Literatur bisher 107 Mal verliehen worden. Einige Zahlen und Fakten:

  • Es dominieren Preisträger aus dem westlichen Kulturraum. Führend ist Frankreich mit 15 Literaten. In den deutschsprachigen Raum ging die Auszeichnung bisher 13 Mal.
  • Nur viermal mussten sich zwei Autoren den Preis teilen, zuletzt 1974 die Schweden Eyvind Johnson und Harry Martinson.
  • Das Durchschnittsalter der Geehrten beträgt 65 Jahre. Der jüngste ist bisher Rudyard Kipling (“Das Dschungelbuch”), der 1907 mit 42 Jahren ausgezeichnet wurde. Doris Lessing war dagegen schon 88 Jahre, als sie 2007 den Preis erhielt.
  • 13 Frauen haben bisher den Literaturnobelpreis gewonnen.
  • Zwei Autoren mussten oder wollten verzichten: der Russe Boris Pasternak, dem die Auszeichnung 1958 zugesprochen worden war, und der Franzose Jean Paul Sartre 1964.
  • Niemand hat mehr als einmal den Nobelpreis für Literatur erhalten. (Aber in anderen Sparten schon – Marie Skłodowska-Curie, polnische Chemikerin 1903 fżr Physik und 1911 für Chemie – Anm. d. Red.)
  • Der Preis wird für das Lebenswerk eines Literaten vergeben. Bei neun Autoren hob die Schwedische Akademie eine spezielle Arbeit hervor. Bei Thomas Mann etwa war es 1929 sein Roman “Buddenbrooks”, bei Ernest Hemingway 1954 “Der alte Mann und das Meer”.

Die kleine große Welt (18)

Monika Wrzosek-Müller

Wittenberg
Cranach der Jüngere und die Cranachs

Seitdem sie den Umschlag des Katalogs der Cranach-Ausstellung gesehen hatte, war sie so in das feine Bild der Prinzessin Elisabeth von Sachsen verliebt, dass sie es sehen musste. Die Fahrt nach Wittenberg, in die weitere Umgebung von Berlin war gut für einen Sonntagsausflug. Sie wählten eine Route abseits der Autobahn, wie sich herausstellte auch zurecht, denn wie immer wurden in den Sommermonaten die Fahrbahnen repariert und ausgebessert und es staute sich direkt nach der Ausfahrt aus Berlin; Staus gab es auch schon in Berlin, wie immer im Sommer, wenn verstärkt an den Straßenschäden gearbeitet wurde, und sie standen da auch einige Minuten länger. Es war Sommer in voller Blüte und Trockenheit, doch das Grün überwog und manchmal blühten sogar noch Kornblumen, die Mohnblumen waren dagegen fast gänzlich verschwunden; an manchen Stellen war die Trockenheit nicht zu übersehen, der Mais stand nur halbhoch, die Maiskolben ganz ausgetrocknet und bräunlich, manche Felder schon abgeerntet. Doch der Weg führte durch kleine Ortschaften, in deren Mitte fast immer eine schöne alte Dorfkirche aufragte und an den Straßenrändern Menschen saßen und Pflaumen, Karotten, Blumen, alles was ihre Gärten hergaben,verkauften und dann wieder führte die Straße durch größere Waldstücke, Wälder, manchmal sogar leicht hügelig, also sehr reizvoll.

Die Stadt Wittenberg kannte sie von früheren Ausflügen, doch sie änderte sich mit jedem Jahr und es war immer wieder interessant das nachzuverfolgen, was neu dazu gekommen war; die Wasserläufe mit den prächtigen Blumen-, eher Pflanzen Arrangements, die vielen Plakate zur Cranach-Ausstellung und große über ungenutzten Flächen aufgespannte Abbildungen der Werke der Cranachs stachen in die Augen und auch die vielen Menschen, die doch offensichtlich zu der Ausstellung gekommen waren. Es war diesmal nicht Luther selbst, sondern seine Maler – denn man musste den Sohn auch einbeziehen – denen die Aufmerksamkeit galt. Besonderes gedacht wurde diesmal Cranach d. J. anlässlich seines 500. Geburtstages, mit einer extra für ihn eingerichteten Ausstellung: Lucas Cranach der Jüngere – Entdeckung eines Meisters, damit der Sohn einmal aus dem Schatten seines Vaters heraustreten und seine Arbeit und Werke erstrahlen konnten.

Das Konzept der Ausstellung, sie in realen von der Familie Cranach bewohnten Plätzen einzurichten, gefiel ihr sehr. So war die Ausstellung auf drei Orte in Wittenberg verteilt, an jedem kam man dem Werk des Künstlers näher: Cranach-Haus, Augusteum und Stadtkirche. Für sie war die Einführung Cranachs Welt im Cranach-Haus am Markt sehr einleuchtend; man lernte die Familie kennen, ihr Umfeld und das Schaffen. Demnach gehörten die Cranachs zu den einflussreichsten Familien in der Stadt; sowohl der Senior als auch der Junior wussten sehr wohl, wie man die Güter der Familie vermehrte, sie in Immobilien, die Apotheke und einen florierenden Weinausschank investierte. Natürlich war die Hauptbeschäftigung mit der Malerwerkstatt verbunden; da entstanden die vielen Werke, die Ideen, wie man sie schneller produzieren konnte; verbreitet war die Kunst des Pausens, d.h. eine einmal gemalte Figur, ein Gesicht konnte mit einer Technik, die in der Ausstellung mit einem Video erklärt wurde, sehr einfach auf ein neues Bild übertragen werden. So entstanden die zahllosen Bilder von Luther mit verschiedenen Kopfbedeckungen.

Eine Malerwerkstatt funktionierte wie ein kleines Unternehmen, die der Cranachs mit ihrer enormen Produktivität glich fast einer Bildermanufaktur; es waren viele Leute beschäftigt, die einen produzierten Farben, die anderen bespannten die Leinwände, die Söhne versuchten sich im Zeichnen, wurden von dem Vater an das Handwerk herangeführt. Das alles kann man sehr anschaulich und authentisch in den Cranachwerkstätten nachempfinden. Sie musste während des Gangs durch die Ausstellung immer wieder an die Beschreibung in einem Roman über Leben und Tun von Tintoretto in Venedig denken, auch er führte seine Kinder an das Handwerk heran und verstand es sehr gut zu investieren und sich immer weiter zu entwickeln, auch er verstand sich eher als ein perfekter Handwerker denn als ein genialer Künstler. Sie dachte, wie anders hatte man die Künstler damals wahrgenommen; sie richteten ihr Tun ganz nach den Marktgesetzen, produzierten die Bilder für die ganze Region in unheimlichen Mengen, zogen alle Aufträge an sich, oft konnte man nicht eindeutig feststellen, wer letztendlich der richtige, ausführende Künstler war, denn es gab einfach zu viel zu tun. Diese Gedanken kamen ihr verstärkt in den Räumen der Ausstellungen über die Cranachs.

Und noch eins beschäftigte sie die ganze Zeit, aber den Zugang dazu fand sie nicht; es war doch die Entstehungsstunde der protestantischen Kirche, d.h. die Cranachs bildeten die Ikonografie dieser neuen Glaubensrichtung. Lag das an ihrem Unwissen oder hatte man diesem Aspekt zu wenig Platz eingeräumt, zwar gab es Bilder wie die fantastische Darstellung: Die Arbeit im Weinberg des Herren, wo explizite der Kampf zwischen den guten, fleißigen Protestanten und den faulen, prächtig angezogenen Katholiken wunderbar zum Ausdruck kam, doch sie fand wenig Erklärungen und Erläuterung zu diesem Themenkreis. Vielleicht, dachte sie, alle die sich die Ausstellungen anschauen, sind selber Protestanten und das meiste ist für sie einfach selbstverständlich.

Erschreckend fand sie die Abbildungen, Fotos vom Zustand des Cranach-Hauses vor der Wiedervereinigung; erstaunlich, dass in der DDR nicht einmal so renommierte Künstler Beachtung gefunden hatten, jedenfalls dass ihre Wohnstätte so vernachlässigt worden war; sie selbst hatte doch vor vielen Jahren im Kulturzentrum der DDR in Warschau einen großen, sehr gut dokumentierten Bildband über die beiden Cranachs gekauft, also war das Werk von ihnen bekannt und anerkannt.

Doch am meisten berührt, bewegt oder einfach auch gefallen haben ihr die 13 Zeichnungen von Cranach dem Jüngeren. Sie kamen aus dem Musée des Beaux-Arts de Reims und sind zum ersten Mal alle zusammen in Wittenberg zu sehen, in einer Art von Schatzkammer, mit gedämpften Licht. Die Zeichnungen auf dem vergilbten, alten Papier leuchten trotzdem durch ihre Schönheit, Präzision und Ausdruckskraft. Man steht verzaubert und erstaunt von der Lebendigkeit und Bildhaftigkeit der Porträts. Lucas Cranach d.J. verstand es meisterhaft, die feinen Linien, die Lichteinfälle, die Schattierungen wiederzugeben; seine Zeichenskizzen erinnerten sie wiederum an diejenigen von Leonardo da Vinci, aus dem Museum in Vinci. Gerade diese Zeichnungen bilden für sie den Mittelpunkt der Ausstellung, sind modern, leben weiter und inspirieren junge Künstler.

Wichtig und interessant fand sie auch die Herausarbeitung der Unterschiede in der Malweise, dem Malduktus zwischen dem Vater und dem Sohn; denn nach dem Weggang des Vaters nach Augsburg blieb die Werkstatt weiterhin sehr gut ausgelastet mit neuen Aufträgen, hauptsächlich bürgerlicher Porträts, Epitaphien und Altären.

Viele der Epitaphien und Altarbilder hat sie dann in der Stadtkirche gesehen, der Rundgang bildete auch das Ende der Besichtigungstour; die anderen Ausstellungsorte in Dessau und Wörlitz, sowie in den kleineren Kirchen der Umgebung von Wittenberg konnte man an diesem einen Tag niemandem zumuten.

***

Heute vor 500 Jahren, am 4. Oktober 1515, wurde Lucas Cranach der Jüngere als jüngster Sohn von Lucas Cranach dem Älteren und Barbara Brengebier in Wittenberg geboren. Das Land Sachsen widmete ihm und der ganzen Cranach-Familie mehrere Ausstellungen und Veranstaltungen – mehr

Bunt und die Gegenwartskunst

Lidia Głuchowska

Am Sonntag, den 4. Oktober um 15.00 Uhr finden im Kraszewski-Museum Dresden, begleitend zur Ausstellung ,Bunt’ – Expressionismus – Grenzübergreifende Avantgarde. Werke aus der Berliner Sammlung von Prof. St. Karol Kubicki, ein öffentlicher Vortrag und eine kuratorische Führung von Dr. Lidia Głuchowska statt: Das Werk der Gruppe Bunt (Revolte) als Inspiration für Gegenwartskünstler in Deutschland und in Polen.

 Hier im Voraus Einiges zu diesem Thema.

Die Ausstellung expressionistischer Werke der Posener Expressionistengruppe Bunt (Revolte, 19181922), welche noch bis zum 8. November im Kraszewski-Museum Dresden und dann in Wrocław zu sehen ist, wird von zeitgenössischen Kunstpräsentationen begleitet. Die daran beteiligten Kunstgrafiker, Glaskünstlern und eine Bildhauerin beziehen sich in ihren Werken auf die Programme und Ästhetik der Künstlergruppe Bunt (Revolte) und dabei vor allem auf die Idee der engagierten Kunst.

1 PlakatLogo Bobrowski 2015Das auf dem Plakat abgebildetes Logo der Ausstellung – Linolschnitt von Andrzej Bobrowski Transformation M/S (2015) – knüpft an die expressionistischen Selbstbildnisse derjenigen Bunt-Mitglieder an, die die Kontakte der dieser Vereinigung zu den internationalen Künstlerkreisen in Deutschland initiiert haben – Margarete und Stanisław Kubicki.

So wie die Bunt-Künstler ein Gruppenporträt in der Art des Bildnisses Eine Künstlergruppe von Ernst Ludwig Kirchner (1926) nie geschaffen haben, so haben sich auch die Kubickis nie als Paar porträtiert. Andrzej Bobrowskis Linolschnitt Transformation M/S [M(argarete)/S(tanisław)] verbindet in sich ihre Selbstbildnisse aus den Jahren 1917–1918. Das Selbstporträt IV von Kubicki hat sich bis in unsere Zeit nicht erhalten und ist nur noch aus den Publikationen in den Kunstzeitschriften Zdrój (Quelle) und Die Aktion bekannt.

Das zeitgenössische grafische Werk, eine horizontal-panoramische, an Bannerform angelehnte Komposition, ist zum einen eine Reflexion über die künstlerischen und privaten Beziehungen zwischen den Kubickis, und zum anderen darüber, wie die Zeit vergeht, wie die Einzelheiten der künstlerischen Biografien im kollektiven Gedächtnis verblassen, über die Gruppenidentität und schließlich über die fehlende Integrität des Kunstwerkes im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit.
Von den selben Selbstbildnissen der Mitbegründer von Bunt wie das Ausstellungslogo wurde die monumentale Installation Przenikanie /In-Einander-Greifen (2015) von Karolina Ludwiczak und Marcin Stachowiak angeregt.

2 Przenikanie Ludwiczak StachowiakDas Ergebnis des Dialogs mit dem Schaffen der Kubickis ist hier jedoch ein ganz anderes.

Zum ersten verdeutlicht diese Installation, die um mehrfaches größer ist als die ursprünglichen Selbstporträts, dass der zeitgenössische Kontakt mit Kunstwerken der Vergangenheit, die häufig nur aus dem Internet oder anderer Vervielfältigungsmedien bekannt sind, nicht selten eine sehr beschränkte Vorstellung von deren materieller Gestalt verleiht. Und diese ist von wesentlicher Bedeutung auch wenn die manuellen und intellektuellen Fähigkeiten eines Künstlers Vorrang haben vor dem Material, mit dem er arbeitet.

Zum zweiten macht sie auf ein Paradox der von ihnen verwendeten Technik aufmerksam. Obwohl man im Falle des Werks von Ludwiczak und Stachowiak von einem „Inter-Gattungsspiel“ sprechen kann, da sie ein plastisches Bild und nicht lediglich ein flaches geschaffen haben, so knüpfen sie trotzdem in der reliefartigen Form ihrer Installation an die Form der Linolschnittplatte an, mit der die Bildnisse der Kubickis gedruckt wurden. Und wenn sie somit das expressionistische Vervielfältigungsverfahren verdeutlichen, muss klar werden, dass ihr eigenes Werk einmalig und nicht reproduzierbar ist. Paradoxerweise kann nämlich die Gussform ihrer Relief-Plastik, die in einer individuellen Technik entworfen wurde, nur einmal verwendet werden.

Die aufeinander abgestimmten halbtransparenten Glasporträttafeln, die sie aufgestellt auf eisernen Ständern vom Licht durchleuchten lassen, veranschaulichen die Idee des In-Einander-Greifens vom Leben und Werk zweier schöpferischer Menschen. Dieses wird konventionell als Harmonie verstanden, muss jedoch zumeist im Kontext des Alltäglichen aufgrund von Rivalitäten und materiellen Verpflichtungen immer einen Kompromiss bedeuten.

Weiterhin sind in der Ausstellung Gruppenpräsentationen Refleks / Reflex (Kurator: Maciej Kurak), Ulotka / Flyer (Kurator: Maciej Kurak) und Ich 7 / Sie 7 zu sehen, die jene Formen der medialen Kommunikation aufgreifen, welche typische Ausdrucksformen der Künstlergruppe Bunt und der internationalen Avantgarde waren. Dazu zählten in erster Linie die Form des Kunstbuchs, Informations- sowie Propagandadrucke politischer Provenienz. Diese wurden auf Kundgebungen verbreitet und unterstützten künstlerische Manifeste wie auch die Ideen der sozialen und politischen Emanzipation.

3-4-5Von links: Plakate der Ausstellung der Gruppe Bunt 1918 mit dem Motiv aus dem Linolschnitt Turmbau zu Babel von Stanislaw Kubicki und das Kunstbuch Refleks, Hg. v. Maciej Kurak

Motiv aus dem Plakat der Kunstpräsentation Refleks mit dem Linolschnitt von Andrzej Bobrowski (inspiriert von Turmbau zu Babel von Stanislaw Kubicki)


Maryna Mazur, Cardinal, Metaltechniken, aus dem Kunstbuch Refleks, 2014

Das Ergebnis des Projektes Refleks / Reflex (20142015) ist eine Kunstinstallation, deren wichtigste Komponente ein bibliophiles Buch mit Originalgrafiken ist. Ihre erste Präsentation in der Posener Galerie Rarytas im Frühjahr 2014 wurde durch ein Poster von Andrzej Bobrowski ergänzt, welches eine Transformation des Plakats zur ersten Ausstellung der Gruppe Bunt im Jahre 1918 darstellt. Das Originalplakat mit dem Linolschnitt von Stanisław Kubicki Der Turmbau zu Babel (1917) ist ebenfalls in der Ausstellung zu sehen. Auf dem Plakat der Kunstpräsentation Refleks wird anstelle des ursprünglichen Turms jedoch ein Tunnel gezeigt – ein Teil des Arrangements der Erstaufführung und eine Metapher des gesellschaftlichen Wandels.

Einen Teil der Präsentation Refleks / Reflex bildet ein 2015 entstandener Film desselben Titels – ein Einblick in das Kunstbuch mit den darin enthaltenen 16 Originalgrafiken.

Der zweite Film in der Ausstellung, betitelt Bunt Re-Vision – dokumentiert alle Stationen der internationalen Ausstellung, die als Würdigung der Schenkung von Professor St. Karol Kubicki an das Nationalmuseum Poznań und das Leon-Wyczółkowski-Kreismuseum in Bydgoszcz konzipiert wurde. Im Film sind die Vernissagen weiterer zeitgenössischer Kunstpräsentationen zu sehen. Über die Filme haben wir in der vorigen Besprechung dieser Ausstellung berichtet HIER.

Die Kunstpräsentation Ulotka / Flyer besteht aus einer Sammlung von 31 Werken, von zeitgenössischen Grafikern die mit Kunstschulen in Poznań und Wrocław in Verbindung stehen, und zeigt als Sammlung von symbolischen Flyern die soziale Problematik aus verschiedenen lokalen Perspektiven.

6-7-8Von links: Magdalena Czerniawska, 2015, aus der Kunstpräsentation Ulotka / Flyer

Stefan Ficner, Hołobutów, 2015, aus der Kunstpräsentation Ulotka / Flyer

Małgorzata EtBer Warlikowska, Blood is always black, Serigraphie, 2015, aus der Kunstpräsentation Ulotka / Flyer

Die Künstler, die an dieser Präsentation beteiligt sind, legen in ihren Werken Konventionen, Anzeichen des Provinzialismus und der Fremdenfeindlichkeit offen, bekämpfen die Idealisierung der Wirklichkeit in den Medien ebenso wie die Verfestigung der gesellschaftspolitischen Heuchelei sowie die Beschränkungen, die dem Menschen von offiziellen Institutionen auferlegt werden.

Die Sammlung der Flyern mit sozialkritischer Aussage wird auf zwei zylinderartigen Ständern in Form einer Windrose präsentiert und wie in einem Zeitungsständer aus den Cafés der expressionistischen Epoche betrachtet. Die in Bewegung gezeigten Kunstwerke werden wie Flyer zu einer Metapher der Flüchtigkeit und Synonym der Idee der Öffnung für innovative soziale und kulturelle Werte.

9-10Oben: Kunstpräsentation Ulotka / Flyer: 1 der 2 Ständern

Radosław Włodarski, ein der Teilnehmern der Kunstpräsentation vor seiner Das Cabinet, Digitalprint, 2015 (inspiriert vom Film Robert Wienes Das Cabinet des Doktor Caligari, 1920)

Die Kunstpräsentation, welche im Film Bunt Re-Vision zu sehen ist, heißt Ich 7 / Sie 7 (2015). Sie umfasst Werke eines größeren Formats, welche von einer informellen Gruppe aus sieben Künstlern geschaffen wurden und programmatisch wie auch technologisch an das Schaffen der Gruppe Bunt anknüpfen. Sie zeigen sowohl die Langlebigkeit der Ideen und Ästhetik der Avantgarde auf, als auch mögliche Richtungen einer Neuinterpretation dieser. Der Name des Projektes, welches auf Deutsch ich und auf Polnisch sie 7 bedeutet, bezieht sich auf die Anzahl der Mitglieder von Bunt und ist ein Echo des zweisprachigen Namens, welcher die grenzübergreifenden Anforderungen des Expressionismus aus dem Programm von Bunt ausdrückte.

12 Ich 7 Tyszkiewicz Gertchen Szurek Kopczynska 11 Bunt Bydg Szewczyk_filmUlotka foto LG Oben: Jacek Szewczyk, Aleja bez pracy, rysunek (1999), cokół z prezentacją książki artystycznej Refleks (2014) oraz film Bunt –Re-wizje, koncepcja: Lidia Głuchowska, Anna Kraśko, realizacja: Anna Kraśko (2015).

Fragment der Kunstpräsentation Ich 7 / Sie 7 im Leon-Wyczółkowski-Bezirksmuseum in Bydgoszcz (Juni-August 2015), sichtbar im Film Bunt Re-wizja / BuntRe-Vision im Kraszewski-Museum Dresden. Von links nach rechts Werke von Przemysław Tyszkiewicz, Agata Gertchen, Małgorzata Kopczyńska und Piotr Szurek.

Die Ausstellungsbesucher können als Souvenir ein von den Teilnehmern der Kunstpräsentation Ulotka / Flyer gestalteten Badges mitnehmen.

13 Badges Flyer

 

 

Bunt 3 Filme

Dr(.) Lidia Głuchowska

3 FILME aus der ,Bunt’-Ausstellung
im Kraszewski-Museum Dresden!!!

3 FILMY z wystawy Bunt
w Muzeum Józefa Ignacego Kraszewskiego w Dreźnie!!!

Im ganz Dresden sind Plakate der Ausstellung der Expressionistengruppe Bunt (Revolte, 19181922) zu sehen. Sie findet noch bis zum 8. November im Kraszewski-Museum statt.

W całym Dreźnie zawisły plakaty wystawy ekspresjonistycznej grupy Bunt (19181922). Trwa ona jeszcze do 8 listopada w Muzeum Józefa Ignacego Kraszewskiego.

1 BUNT Dresden Plakate 1aBUNTplakat

Die Pressekonferenz und die Vernissage (03./04.09.2015) waren gut besucht. Unter den Gästen befanden sich auch Vertreter des Dresdner Kulturamtes.
Auf dem Foto Richard Stratenschulte, Pressesprecher der Museen der Staat Dresden, vor den expressionistischen Linolschnitten von Stefan Szmaj.

Konferencję prasową i wernisaż odwiedziło wielu gości, wśród nich przedstawiciele drezdeńskiego urzędu ds. kultury.
Na zdjęciu Richard Stratenschulte, rzecznik prasowy Muzeów Miasta Drezna przed ekspresjonistycznymi linorytami Stefana Szmaja.

2 BUNT Dresden PressekonfAnwesend waren auch die Direktorin des Stadtmuseums Dresden, Frau Dr. Erika Eschebach und die Gegenwartskünstler Michał Tatarkiewicz und Radosław Włodarski, Mitwirkende an den Grafikpräsentationen Refleks / Reflex (2014/2015) und Ulotka / Flyer (2015), welche sich auf das Werk und Programm der Gruppe Bunt beziehen.

Im Hintergrund des Fotos ist die Vorführung ihres Films Reflex zu sehen, welcher die grafischen Werke aus dem in der Ausstellung präsentierten Kunstbuch desselben Titels sowie Kommentare dazu beinhaltet.
FILM Refleks / Refleks: Marek Glinkowski (Klang: Radosław Włodarski)

Obecni byli również pani dyrektor Muzeum Miasta Drezna, dr Erika Eschebach oraz artyści współcześni, Michał Tatarkiewicz i Radosław Włodarski, współtwórcy prezentacji graficznych Refleks (2014/2015) i Ulotka (2015), nawiązujących do twórczości i programu grupy Bunt.

W tle zdjęcia widoczny jest pokaz filmu Refleks, ukazującego prace graficzne zawarte w prezentowanej na wystawie książce artystycznej pod tym samym tytułem oraz stosownym komentarzem.
FILM Refleks: Marek Glinkowski (dźwięk: Radosław Włodarski)

3 BUNT Dresden ReflexAuf der Ausstellung ist auch ein anderer Film zu sehen: Bunt – Re-wizja / Bunt (Revolte) – Re-Vision, welcher von der Kuratorin sowie der jüngen Künstlerin Anna Kraśko realisiert wurde. Er dokumentiert die gesamte Ausstellungstour ,Bunt’ – Expressionismus – Grenzübergreifende Avantgarde. Werke aus der Berliner Sammlung von Prof. St. Karol Kubicki.

Auf dem Foto: Ausstellungskuratorin Dr. Lidia Głuchowska mit einem der Organisatoren, Bronisław Kowalewski, Direktor des Niederschlesischen Kunstfestivals (realisiert vom Kultur- und Kunstamt in Wrocław), auf der Vernissage im Kraszewski-Museum (04.10.2015).

Im Hintergrund: Szene aus dem Film Bunt – Re-wizja / Bunt – Re-Vision: Prof. St. Karol Kubicki mit seiner Frau Petra und der Ausstellungskuratorin nach der Übergabe expressionistischer Grafiken der Gruppe Bunt an das Nationalmuseum in Poznań. (Berlin, 16.03.2015).
FILM Bunt – Re-wizja / ,Bunt’ – Re-Vision
Konzeption und Realisierung: Lidia Głuchowska, Anna Kraśko
Technische Ausführung: Anna Kraśko

W ramach ekspozycji prezentowany jest też film Bunt – Re-wizja, zrealizowany przez kuratorkę wystawy oraz młodą artystkę, Annę Kraśko, dokumentujący tournée wystawy „Bunt” – Ekspresjonizm – Trangraniczna awangarda. Prace z berlińskiej kolekcji prof. St. Karola Kubickiego.

Na zdjęciu kuratorka wystawy, dr Lidia Głuchowska z jednym z organizatorów, Bronisławem Kowalewskim, dyrektorem Dolnośląskiego Festiwalu Artystycznego (realizowanego przez Ośrodek Kultury i Sztuki we Wrocławiu), na wernisażu w Muzeum Józefa Ignacego Kraszewskiego (4.09.2015).

W tle scena z filmu Bunt – Re-wizja: prof. St. Karol Kubicki z żoną Petrą i kuratorką po przekazaniu ekspresjonistycznych grafik grupy Bunt do Muzeum Narodowego w Poznaniu (Berlin, 16.03.2015).
FILM Bunt – Re-wizja
Koncepcja i realizacja: Lidia Głuchowska, Anna Kraśko
Realizacja techniczna: Anna Kraśko

4 BUNT Dresden Vernis2Die Besucher des Kraszewski-Museums können dank des Films Bunt – Re-wizja / Bunt – Re-Vision die Vernissage der ersten Edition von der Ausstellung ,Bunt’ – Expressionismus – Grenzübergreifende Avantgarde im Nationalmuseum in Poznań (16.04.2015) und die kuratorische Führung während der dortigen Nacht der Museen (19.05.2015) miterleben.

Auf dem Foto: Direktorin des Stadtmuseums Dresden Dr. Erika Eschebach, Direktor des Leon-Wyczółkowski-Bezirksmuseums in Bydgoszcz Prof. Michał F. Woźniak und Leiterin des Kraszewski-Museums Joanna Magacz auf der Vernissage am 04.09.2015 im Kraszewski-Museum. Im Hintergrund: Szene aus dem Film Bunt – Re-Vision von der kuratorischen Führung in Poznań (19.05.2015).

Odwiedzając Muzeum Józefa Ignacego Kraszewskiego dzięki prezentacji filmu Bunt Re-wizja można obejrzeć również dokumentację wernisażu premiery wystawy „Bunt“ – Ekspresjonizm – Transgraniczna awangarda w Muzeum Narodowym w Poznaniu (16.04.2015) oraz oprowadzania kuratorskiego w trakcie Nocy Muzeów (19.05.2015).

Na zdjęciu: dyrektor Muzeum Miasta Drezna, dr Erika Eschebach, dyrektor Muzeum Leona Wyczółkowskiego w Bydgoszczy, prof. Michał F. Woźniak i kierowniczka Muzeum Józefa Ignacego Kraszewskiego w Dreźnie, Joanna Magacz na wernisażu w Muzeum Muzeum Józefa Ignacego Kraszewskiego, 4.09.2015.

W tle: Scena z filmu Bunt Re-wizja z oprowadzaniem kuratorskim w Poznaniu (19.05.2015).

5 Bunt Dresden Dir2Unsere Blog-LeserInnen können schon jetzt einen dritten Film über diese Ausstellung sehen, betitelt Bunt Revolte. Diese Produktion von dresdeneins.tv verleiht Einblick in die wichtigsten Schwerpunkte und die Spezifik der Bunt-Ausstellung im Kraszewski-Museum in Dresden.

Auf dem Foto: Ausstellungskuratorin Dr. Lidia Głuchowska und das Team von dresdeneins.tv während der Filmaufnahme, Kraszewski-Museum, 03.09.2015.

Czytelniczki i Czytelnicy naszego blogu mogą już teraz obejrzeć trzeci film o tej wystawie, pt. Bunt Revolte. Jest to produkcja dresdeneins.tv ukazująca najważniejsze aspekty i specyfikę ekspozycji w Muzeum Józefa Ignacego Kraszewskiego.

Na zdjęciu: kuratorka wystawy, dr Lidia Głuchowska oraz ekipa dresdeneins.tv podczas realizacji nagrania filmu, Muzeum Józefa Ignacego Kraszewskiego, 3.09.2015.

6 BUNT Dresden TV

 

 

Die kleine große Welt (17)

Monika Wrzosek-Müller

Warszawa – Warschau, Impressionen

Sie war in die Stadt ihrer Jugend gereist, mit Freunden und Sohn; ohne bestimmte Absichten, ohne Hintergedanken. Das erste Mal seit langem, oder war das überhaupt das erste Mal, als Touristin, ohne an tausende Sachen, die es erledigen gab, denken zu müssen, ohne sich mit den „daheim Gebliebenen“ beschäftigen zu müssen. Nicht einmal ihre Warschauer Freunde hatte sie benachrichtigt, sie wollte sich die Zeit für sich selbst und ihre Mitreisenden nehmen. Es waren auch nur drei Tage, die sie zur Verfügung hatten.

Ihre Stadt erlebte sie diesmal aus einer ganz anderen Perspektive und war sichtlich erstaunt, wie lebendig, gewachsen, sauber und menschenfreundlich sie geworden war. Abgesehen von den tropischen Temperaturen und einer Trockenheit, die die halbe Weichsel hatte verschwinden lassen, aber doch ein stetes Bemühen sichtbar machte, die Parks und Grünanlagen im Schuss zu halten, abgesehen auch von der gesperrten Brücke der Łazienki-Trasse, wegen der der Verkehr auf die andere Seite der Weichsel lahm gelegt war, war die sommerliche Zeit wunderbar, um die Stadt zu durchwandern und zu besichtigen. Die Warschauer selbst waren eher in Ferien, die große Sommerpause lag ausgebreitet über der Stadt, es gab weniger Verkehr, in den Parks sah man fast nur ältere Leute, kaum Studenten auf den Hauptstraßen Krakauer Vorstadt und Neue Welt; doch sicher viele Touristen, Unmengen von jungen Leuten in heiterer Sommerstimmung, die den Darbietungen verschiedener Akrobaten, Musiker und Theatergruppen aufmerksam folgten, auch viele Gruppen von Ausflüglern aus Israel, Deutschland, Italien und anderswoher. Man hörte vor allem Englisch aus allen Richtungen, in allen Varianten, Niveaus und mit unterschiedlichsten Akzenten und doch natürlich Polnisch, und sie hörte ab und zu ihren Sohn ihre Sprache sprechen und war sehr davon berührt.

Sie wohnten im Mittelpunkt der Bewegung der Menschenmassen, nämlich in der Altstadt. Nie hätte sie gedacht, dass sie da mal wohnen würde, dass man da überhaupt wohnen kann; doch im dritten Stock, in dem schönen, geräumigen und gut eingerichteten Appartement, war es erstaunlich ruhig. Sie durchstreiften die Stadt vor allem zu Fuß und dank der hervorragenden Lage ihres Domizils, konnten sie überall schnell hinkommen, manchmal nahmen sie auch eine Tram und einmal erlebten sie dort eine der zwei Warschauer Fixierungen, der zwei kleinen, ungefährlichen Manien, wie sie sie für sich so nannte und die ihr während des kurzen Aufenthalts aufgefallen waren. Im letzten Moment, als die Tram schon am Fahren war, sprangen vier jugendliche Musiker auf, die im Stil der Warschauer Aufständischen von 1944 angezogen waren, mit weiß-roten Armbinden, Hosenträgern, Schiebermützen und übergroßen, alten Klamotten, und die Lieder aus der Zeit sangen. Es waren sehr einfache, im Marschtempo gesungene Lieder, die damals zur Erheiterung und zum Ansporn, große Taten zu vollbringen, oder auch am Leben zu erhalten, was es zu erhalten gab, gesungen wurden. Wenn die jungen Aufständischen oft in ausweglosen Situation waren, halfen ihnen die Lieder, einen Faden des Optimismus zu spinnen. Sie kannte sie alle von ihrem Vater und konnte sie mitsingen; er hatte sie sein Leben lang, auch in schwierigen Situationen, immer wieder gesungen: „Pałacyk Michla“ [Das Schlösschen von Michler], „Serce w plecaku“ [Das Herz im Rucksack], „Rozszumiały się wierzby płaczące“ [Es rauschten die Trauerweiden] „Hej chłopcy bagnet na broń“ [Also Jungs, Bajonett präsentieren], „Pieśń szarych szeregów“ [Der Song der Grauen Reihen] und viele andere mehr. Mit manchen verband sie die Erinnerung an sie als kleines Kind während der Ausflüge in den Wald, ans Meer oder in die Berge, wo sie diese Lieder alle zusammen marschierend gesungen haben; eine Nostalgie und Melancholie bemächtigte sich ihrer; sie sang: „Ein Soldat marschierte seinen Weg, hat sich eines Herzchens angenommen, er steckte es in den Rucksack und marschierte weiter.“ oder „ Das Schlösschen von Michler, Zytnia, Wola, das alles verteidigen die Jungs von ‘Parasol’ [Schirm], obwohl sie nur Pistolen gegen den Tiger haben – das sind doch Warschauer Jungs…“ ganz im Marschtempo, mit dem großen Optimismus, den man sich einreden musste, sollte und wollte. Eine ältere Frau wandte sich an sie; so toll würden die jungen Leute heutzutage singen, bravo, bravissimo, besser als die herumlaufenden Zigeuner, noch mehr: sie hatte Tränen in den Augen. Die Gruppe bekam gutes Geld und stieg zufrieden mit Schwung aus dem Straßenbahnwagen aus. Noch eine ähnliche Gruppe und noch eine andere haben sie dann auf ihrem Weg zur Altstadt an diesem einen Tag auf diese Art spielen und singen gehört. Überhaupt war der Warschauer Aufstand in der Stadt omnipräsent, abgesehen von dem schönen, umstrittenen Museum des Warschauer Aufstandes, in dessen Archiv ihr Vater seine Erinnerungen deponiert hat, an den vielen Denkmälern und Erinnerungstafeln stolperte man auch in Warschau über die Stolpersteine; natürlich dachte sie, das historische Ereignis wurde so lange verschwiegen, also musste jetzt umso heftiger daran erinnert werden. Doch manchmal hatte sie so ihre Zweifel, wem und wozu das alles diente und diese Überpräsenz der Erinnerungsorte machte sie unsicher. Doch sie freute sich immer, dass ihr Vater noch zu Lebzeiten endlich Anerkennung und Beachtung für sein leidvolles Leben gefunden hatte.

Die zweite Manie betraf Chopin. Sie gingen ganz bewusst zum sonntäglichen Konzert an seinem Denkmal in Łazienki-Park; das ist eine sehr schöne, alte Warschauer Tradition. Es spielten meistens die Teilnehmer des Chopinwettbewerbes. Jung und Alt, hunderte von Menschen hörten sich Jahr für Jahr diese Musik an, die älteren saßen auf den Stühlen und Bänken, die jüngeren lagen im Grass, wie es sich gehört. Wir mussten leider zu den jüngeren zählen, denn es gab keine Sitzplätze mehr. Trotzdem war das Hören dieser sehr polnischen Musik in der besonderen Umgebung ein großes Erlebnis und alle vier waren wir sehr davon berührt und angetan. Sie beobachtete das Publikum; es gab junge Frauen mit kleinen Kindern, die ganz still auf dem Boden lagen, auch junge Väter mit Kindern, die sich meistens weniger ruhig verhielten, weniger präsent waren ganze Familien; die jungen Leute waren alle sehr lässig, eher sportlich angezogen. Es gab aber ältere Damen, sehr aufgemacht; in Hüten, in Sonnenhüten mit Blumen und Kokarden und ohne, mit bunten Tüchern, über die Schulter oder am Hals, mit kleinen Sonnenschirmen, mit kleinen Täschchen oder größeren Körben, weniger Herren in heller Sommerkleidung. Das gefiel ihr ausgesprochen gut; ins Staunen geriet sie aber erst später, auf der Krakauer Vorstadt, wo sich eine Frau auf eine der schönen Bänke setzte und, siehe da, Chopin-Musik erklang, und es stellte sich heraus, dass aus allen diesen schönen Bänken Chopin erklang, sobald man sich glücklich oder unglücklich hinsetzte. Sie war mit Chopin aufgewachsen, die Mutter zwang sie immer wieder zum Chopinwettbewerb zu gehen oder die Vorausscheidungen im Fernsehen oder Radio zu verfolgen. Sie selbst hatte unzählige CDs mit seiner Musik und hörte sie sehr oft und gerne, aber wurde die Musik des Künstlers nicht überstrapaziert mit dieser Omnipräsenz, einer nicht immer gewollten? Es hingen auch überall Erinnerungstafeln, wie lange und wo sich Chopin aufgehalten hatte. Angesichts der Tatsache, dass er eigentlich schon mit 21 Jahren, nach dem Novemberaufstand von 1831, ins Ausland gegangen war und fast sein ganzes erwachsenes Leben in Frankreich verbracht hatte, schien ihr diese Überpräsenz in Warschau etwas lächerlich und künstlich, aber auch rührend.

Des Weiteren besichtigten sie alle möglichen Museen und Gebäude, Galerien und Parks und auch natürlich; was für sie vor 20 Jahren noch gar nicht so natürlich gewesen wäre, den 31. Stock im Kulturpalast von Warschau – demselben ungeheuerlichen Palast, den sie früher immer gemieden, ausgelacht und manchmal auch gehasst hatte, als Symbol der fremden Macht, die sich ihrer Stadt, ihres Landes bemächtigt hatte – wo man das alles noch mal von oben sehen konnte, wo sie unten gewesen waren und staunten über die solide Inneneinrichtung des Palastes, die der vergangenen Zeit trotzte und glänzte und doch irgendwie imponierte.

Neue polnische Prosa auf Deutsch

Am 3. September in unserer Reihe Autor(in)en aus dem Blog lasen in der Regenbogenfabrik Agnieszka Dębska und Karolina Kuszyk. Während der Lesung versprachen wir, dass man den ersten Text, den Agnieszka vorgelesen hat, in zwei Sonntagen auf meinem Blog lesen kann.
So ist es!

Agnieszka Dębska

Exil

Ich versinke in den Büchern, die ich lese, wie in einem Meer, und lasse mich von den Wellen der Worte umspülen, schmecke ihren Salz auf meinen Lippen. Die Geschichten hinterlassen mich in einer Art Trance, in der sich die Realität des Buches mit der mich umgebenden vermischt.
Lese ich von Katzenladies, rieche ich fast den säuerlichen Atem ihrer pelzigen Kinder und den modrigen Geruch ihrer zwiebelartig angelegten Kleider. Im Supermarkt halte ich vor den Regalen mit Tierfutter und wundere mich später Zuhause über die kleinen Aluminiumschalen mit Leber und Thunfisch, deren Inhalt ich schließlich der rot-weißhaarigen Katze vorsetze, die seit einigen Wochen vor unserer Haustür miaut. Als ich von einem Städtchen las, in dem Kinder verschwanden und später missbraucht und tot aufgefunden wurden, weinte ich bei jedem Wort und drehte beim Anblick der Nachbarskinder meinen Kopf weg, der ihre kleinen Körper in dunklen Verließen zu sehen glaubte. Abends verriegelte ich meine Wohnungstür, rollte mich im Bett zusammen und ließ das Licht die ganze Nacht lang brennen.
Ich lese Geschichten, in denen sich die Fäden menschlichen Lebens über Generationen hindurch und Ländergrenzen hinweg zu einem Tuch zusammen weben, das die Gerüche der Kindheit und den Schweiß des Alters aufnimmt und sich schließlich über den Körper legt zum letzten Schlaf. Von Kriegswirren lese ich und Vertreibung, während ich alten Menschen in der Bahn Platz mache. Ich versuche mich an die Düfte zu erinnern, die zu meiner Kindheit gehörten. An den Geruch, der die Küche meiner Großmutter erfüllte als sie eine Ente mit durchgeschnittener Kehle kopfüber hängte, um aus dem aufgefangenen Blut eine Suppe zu kochen. “Probiere doch wenigstens mal”, sagte sie später und hielt mir einen Löffel schwarzen Inhalts hin und ich liebte sie zu sehr, um mich zu weigern. Ich denke an die Hände meiner Großmutter, die eckig waren und groß, an ihre starken Schultern in dem blumigen, ärmellosen Hauskittel, hinter dem ich mich verstecken konnte, wann immer ich Schutz brauchte. Selbst damals, als ich mit meiner Freundin Anna Himbeeren aus dem Garten von Frau Kozlowski gepflückt und dabei ihre Blumen zertrampelt habe, und meine Mutter ihrer Scham mit einem Klaps auf meinen Hintern Ausdruck verleihen wollte, hatte sich meine Großmutter vor mich gestellt. „Lass doch das Kind in Ruhe“, hatte sie gesagt und mit ihrer großen, nach Arbeit riechenden Hand nach hinten gegriffen, um meinen kleinen Körper noch dichter an den ihren zu drücken. Wie seltsam, dachte ich, dass die rissigen Hände, die mit schneller Bewegung Federn rupften, mit dünner Nadel Socken stopften und Kartoffeln stampften, sich so gut dazu eigneten, über meinen Kopf zu streichen und sich um meine Schulter zu legen.
Ich lese von Bauern, die Soldaten wurden, von Soldaten, die Maurer wurden, Bergmänner, Ladenbesitzer, Säufer. Von Menschen, die ihre Heimat verließen mit dem Geschmack der einfachen Gerichte ihrer Mütter auf der Zunge, der sich von keinen Delikatessen wegspülen läßt und den sie nie wieder aufnehmen können.
Ich denke an die Fässer mit Sauerkraut im Dorfladen von Frau Pisak und an Frau Pisaks Tochter Kalina, die erwischt worden war beim Klauen eines Kohlkopfs vom Feld des Bauern Nowak. Alle Kinder klauten von seinem Feld, mit roten Wangen der Aufregung und der Angst, denn es wurde bewacht von einem Hund, der sich manchmal heranzuschleichen pflegte, bevor er sich mit lautem Gebell auf Diebe stürzte. Kalina, ein Jahr älter als wir, hatte ihn damals nicht kommen gehört. Zusätzlich zu dem Schmerz und dem Verband um ihren rechten Knöchel gab es als Strafe Hausarrest, dem sie nur entkommen konnte, wenn sie im Laden aushalf. Mit einer Holzzange griff sie in eins der Fässer und füllte für Anna und mich eine Tüte mit den tropfenden Fäden. Wir aßen das Kraut mit den Händen, kaum dass wir den Laden verlassen hatten, auf dem Weg zu den Obstgärten, um dort Äpfel zu klauen.

Ich lese von der Missgunst dauergewellter Frauen in Wohnungen, die nach Kohl riechen und nach dem Schweiß ihrer Männer, die nach Schweiß riechen mussten, weil es sich für Männer so gehörte. So wie es sich gehörte, eine Plastikschutzdecke über den Küchentisch zu spannen, ein Kreuz über die Tür zu hängen und sich seufzend seinem Schicksal zu ergeben. Ich las von Nasen, die gerümpft wurden über jeden, der anders sein wollte und den Versuch wagte, diesem Willen zu folgen.
Ich denke an Ewa, unsere Nachbarin an der Mickiewicz-Straße, die mit ihrer Mutter und einem sanft blickendem Schäferhund namens Charlie zusammen wohnte, und mich mit ihren dunklen Locken und runden Wangenknochen an die Jazzsängerin Hanna Banaszak erinnerte, die ich so mochte. „Alte Jungfer“, flüsterten die anderen Frauen im Haus einander zu, wenn Ewa mit Charlie an ihnen vorbei ging, ohne sich in ihre Gespräche über andere Nachbarinnen, die Preise im Laden oder die neuste Folge der wöchentlichen Telenovela hineinziehen zu lassen. „Guten Tag“, sagten die Frauen mit den Plastiküberzügen auf den Küchentischen, und tuschelten, kaum dass Ewa das Haus verlassen hatte, über ihren Lebensstil. „Und sie war nie verheiratet?“, fragte Frau Radomska aus dem zweiten Stock. „Wieso denn nicht? So hässlich ist sie ja nicht, da muss doch was nicht stimmen, wie kann denn das sein, in ihrem Alter, und kein Mann.“ Nur dieser Hund die ganze Zeit, das Monster, überall nur der Hund, wo sie den denn sonst mit hinein nehmen würde, haha, lachte Frau Mieczyk aus dem ersten Stock. Eigentlich sei das ja traurig, entgegnete Frau Radomska, die früher oder später alles traurig fand. „Ach was, ekelhaft ist das“, spuckte Frau Mieczyk. „Und ihre arme Mutter, die hat ja auch nicht mehr lange, wie sie das aushält, so eine Tochter, und in der Kirche sieht man die ja auch nicht, aber die Wohnung soll ja groß sein, die größte im Haus.“ Ungerecht sei das doch, seufzte Frau Wilga, die neben Frau Mieczyk wohnte, wo sie sich mit ihren drei Kindern und dem Nichtsnutz von Mann die zwei kleinen Zimmer teilen muss, aber was solle man machen, die Welt sei ungerecht, und den Armen wehe der Wind immer in die Augen.
Die Wohnung, die Ewa mit ihrer Mutter und Charlie bewohnte, hatte drei Zimmer und war mit ihren Flügeltüren zwischen den zwei großen Räumen, den hohen Fenstern und alten Holzmöbeln die schönste Wohnung, die ich als Neunjährige je gesehen hatte. Ich wurde von Ewa zum Tee eingeladen, und saß etwas schüchtern im Wohnzimmer, den ich in Gedanken ehrfürchtig als Salon bezeichnete. Ich bewunderte das Kristallgeschirr hinter der Glasvitrine und den seiden schimmernden Bezug der Stühle mit elegant geschwungenen Lehnen, es roch ein wenig nach Staub, nach Alter und nach Hundefell. Ewa lud mich noch zwei, drei Mal zu sich ein, wir tranken Tee und aßen Kuchen, den ihre Mutter buk, und hörten Schallplatten mit Liedern aus der Vorkriegszeit, deren Traurigkeit ich damals zwar fassen, aber noch nicht begreifen konnte. „Miłość ci wszystko wybaczy“ – „Die Liebe verzeiht dir alles, denn die Liebe, mein Lieber, bin ich“. Ich fühlte mich auserwählt, aber ich erzählte niemandem von meinen Besuchen in der Wohnung, die zurecht Gegenstand des nachbarlichen Neids war. Nicht lange nach meinem letzten Besuch erkrankte Charlie an Epilepsie. Ich hörte ihn nachts immer wieder heulen und Ewa entschuldigte sich jedes Mal mit geröteten, müden Augen, wenn ich ihr zufällig im Flur begegnete. Sie lud mich nicht mehr ein und tat es auch nicht, nachdem aus ihrer schönen Wohnung kein Murks mehr zu hören war.

Ich lese auf dem Weg zur Arbeit, wo sich in die Geschichte von Deportation das gleichmäßige Rattern meiner Bahn auf den Schienen hinein stiehlt, während ich an Häusern vorbei fahre, deren Fassaden vom Kriegsende zeugen, das für die einen Erlösung war, für andere Katastrophe. Ich forme mit den Lippen das eine oder andere Wort nach und wiederhole es flüsternd, wie einen Zauberspruch, von dem ich nicht sicher bin, ob er nicht Fluch ist. Die Worte lösen sich in mir auf wie Seife in Wasser und steigen in Blasen auf, in denen sich schimmernd das Gelesene und das Erlebte im Kreis drehen, treffen, auseinander driften.
Die Geschichte von Hans, der zu Heniek und dann wieder zu Hans und schließlich namenlos wurde, weil es niemanden mehr gab, der seine Identität und seine Herkunft bestätigen oder widerlegen könnte, läßt mich an den Mann denken, den ich jeden Abend in meiner Straße sehe. Seine dünne Gestalt verbirgt sich unter einem ausgebeulten Wintermantel, das Gesicht ist schmal und schlecht rasiert und seine Augen, die immer wässrig zu sein scheinen, blicken kaum jemanden direkt an. Er führt einen kleinen Terrier an der Leine. Tinchen, sagt er liebevoll, nun komm doch, Tinchen, was suchst du denn da, was willst du denn da, da ist nichts, was ist denn da, Tinchen, da ist doch nichts. Komm, Tinchen, komm, sagt er und meistens hört der Hund auf ihn und lässt von den Büschen ab, die ihn anziehen aus Gründen, die nur ein Hund kennt. Wenn Tinchen nicht hört, zieht der Mann nicht an der Leine sondern geht in seinem langsamen, gebeugten Gang zu dem Tier, hebt es hoch – Was machst du für Sachen, Tinchen – und drückt es sanft an seine Brust, läuft mit dem Hund auf dem Arm weiter, Du weißt doch, Tinchen, dass das nicht geht, weißt du denn nicht, was passiert ist bei der Rosi, das weißt du doch, das weißt du doch, dass das gefährlich ist, wie das enden kann, aber ich kann ja reden, wie ich will, was bist du neugierig, Tinchen, wir gehen jetzt nachhause und machen es uns gemütlich, machen uns was Feines. Tinchen wird unruhig und er lässt sie wieder zu Boden, ich sehe, wie er sich mit der Hand über die Augen fährt, bevor zuerst Tinchen und dann er um die Ecke verschwinden und mich stehen lassen vor dem Supermarkt, dessen Gänge ich kurz darauf durchquere wie in Trance, langsam und gebeugt, und appetitlos.

Ich lese von Sehnsüchten einer Generation, die die sichere Enge der Heimat eintauschen will gegen eine unbestimmte Freiheit mit exotischen Namen und Düften, die sie nur aus Geschichten ihrer Großeltern kennt, für die früher mal ein Leben unter Menschen anderen Glaubens und anderer Herkunft nichts Ungewöhnliches war, solange es genug Ähnlichkeiten gab, solange kein Unglück passierte, für das man die anderen verantwortlich machen konnte. Ich denke an die ersten deutschen Worte, die ich hörte, an Halt und Achtung und Schneller, schneller, Worte, die jedes Kind auf dem Hof kannte und die mit strenger Stimme gebrüllt wurden bei Spielen, bei denen keiner der Deutsche sein wollte, der Szkop, der Schwab, obwohl alle nach den Süssigkeiten gierten, die Monika von ihrem Vater aus Deutschland bekam. Das Silberpapier, in das sie gewickelt waren, die Bonbons und Kaugummis, wurde mit dem Handrücken glatt gebügelt und gesammelt wie Schätze, denn von klein auf lernte man nichts wegzuwerfen: wer weiß wozu es noch gut sein kann, zur Not kann man es eintauschen gegen etwas Brauchbares, Not macht erfinderisch. Die deutsche Schokolade verschwand in polnischen Mündern, den gleichen, die am nächsten Tag hinter Monikas Rücken “Verräterin” zischten, keiner sollte denken, dass sie käuflich waren, dass die süsse, klebrige Masse sie vergessen ließ, was ihre Eltern und Großeltern erlebt hatten, auch wenn sie selbst selten davon erzählten. Bis sich später in das Grau des Alltags das Rot, Blau und Grün der Hochglanzbilder mischte aus westlichen Katalogen für Autos, Reisen und Möbel, und das Reich immer weniger mit Entbehrung verbunden wurde und immer mehr mit Reichtum. Und als diejenigen, die die Heimat verlassen haben, ins Reich, ins Reich, immer seltener von sich hören ließen, nahm man es als Zeichen eines besseren Lebens, das zu teilen die Fortgänger nicht bereit waren. “Gierig war sie ja schon immer”, hieß es dann, und dass die Auszügler vergessen hätten, woher sie kamen, in ihren Palästen, die doch aussehen mussten wie die aus den Katalogen. Nur selten kam ans Licht, dass das Leben im Reich gezeichnet war von schlecht bezahlter Arbeit und bösen Blicken, von Polaken-Witzen und Scham und großer Sehnsucht nach der Heimat, nachts, wenn man zu müde war um zu schlafen in Palästen aus Hoffnung und Silberpapier.

Ich lese von Geburten und suche nach passenden Namen, erhebe mein Glas auf Brautpaare, die sich Seiten später angiften, ergreife Partei und fluche mit den Pechvögeln, denen ich Besseres wünsche als das papierene Schicksal. Auf der Suche nach eigener Leidenschaft probiere ich aus, was die Protagonisten antreibt, fotografiere, esse vegan, ziehe Hüte an, die der Hauptfigur gut stehen. Mit jedem Blatt, das die Erzählungen ihrem Ende näher bringt, fühle ich wie die Zeit vergeht. Ich bade in jeder Seite wie im Meer, das mich fort treibt von mir selbst, um mich mit der nächsten Welle meiner eigenen Geschichte näher zu bringen, in der Hoffnung auf ein Ufer, das ich Heimat nennen kann.