Auf dem Fahrrad und zu Fuß 1

Corona. Wir bleiben zu Hause, was in der Sommerzeit bedeutet: In Deutschland, mehr noch: In der Nähe, nicht weit… Das erinnert jeden von uns an den alten, guten Theodor Fontane.

Christine Ziegler

briefe aus dem urlaub

liebe ewa,

das war unsere heutige wanderung. bei dem vielen wasser, was vom himmel fiel, war uns wandern lieber als radeln. doch gestern war die tour auch vom feinsten. über plattenburg nach bad wilsnack, dann rüber zur elbe und über glöwen zurück zum quartier in klein-leppin.

es ist wirklich ziemlich menschenleer hier. und gefällt uns auf jeden fall sehr gut.

die plattenburg muss hier aber auch noch dokumentiert werden:

der gute herr fontane war ein bißchen systematischer als ich, der hätte schon parat gehabt, was alles in plattenburg geschehen war, seit es aufgebaut wurde. Wir haben dort ein fischbrötchen mit forelle aus den dortigen teichen genossen. die teiche sind dort nicht schon seit dem mittelalter, sondern wurden in bismarckschen zeiten angelegt.

tatsächlich kann in diesen landen so viel erzählt werden. am besten hat mir gefallen, dass frau kreckel, geborene renner, eine erbin der letzten besitzerinnen, nach der wende das schloss in lenzen an den BUND gegeben hat und dort nun ein besucherzentrum des biosphärenreservats hier an der elbe entstanden ist. www.burg-lenzen.de

also sicher ist schon mal, dass die elbe in diesem teil einen eigenen urlaub erforderlich macht.

wer alles in klein-leppin gehaust hat, seit es gebaut wurde, das wissen wir noch nicht. wir haben aber schon gemerkt, dass wir uns viel auf ehemaligen bahndämmen bewegt haben, pollo haben sie das hiesige schmalspurnetz genannt.

wir haben unseren unterschlupf in der alten mühle von klein-leppin und hier werden enthusiastinnen des denkmalschutzes noch viel zeit, energie und nerven versenken, es gibt zu tun für viele jahre. Und mensch muss lernen, nicht alle baustellen gleichzeitig wahrzunehmen und sich statt dessen dran zu freuen, was gerade wieder gerettet werden konnte.

bad wilsnack hat heute eine therme, um die menschen in die leere weite der prignitz zu locken. das ist keine schlechte sache. früher hatten sie dafür eine riesige kirche, die es heute noch gibt. doch die pilgerscharen von damals, die die wunderbluthostie sehen wollten, die wird es so schnell nicht wieder geben. aber wie du weißt, gibt es auch heute immer wieder pilger und das wegzeichen ist überall zu finden. wir könnten uns das auch mal vornehmen, oder?

noch wissen wir nicht, wohin heute die reise geht, wir könnten uns nach kyritz wenden. da können wir dann herausfinden, was es mit der knatter auf sich hat. oder gleich wikipedia fragen: kyritz trägt im volksmund den beinamen „an der knatter“. für den nebenarm knatter der jäglitz war das geräusch der früher zahlreichen knatternden wassermühlen namensgebend. heute ist die knatter verrohrt und von den fünf wassermühlen existiert nur von einer noch das gebäude. wir fahren aber trotzdem hin, auch wikipedia ersetzt nicht den eigenen blick, auch wenn es heißt mensch sieht nur, was er schon weiß. vor allem, wenn der fluss im rohr fließt …

liebe grüße

christine

ps: alle bilder sind von martin, ich hab die kamera zuhause gelassen.

Dmuchawiec

Tibor Jagielski

nam nie jest
ten następny świat
łaskawy
ani święty piotr pobrzękuje kluczami
ani hurysy depilują łydki egipskim woskiem
jak dobrze wypadnie
– moim zdaniem –
będziesz w skrzydle chrząszcza
albo
tak jak ja
nasieniem dmuchawca
nic
po piramidach
dobre 10 lat temu, pewien znajomy r. wysłał mi pdf z moim wierszem “korespondencja” (pisanym w sw 1981- 83) i twierdził, że ja mu ten wiersz zadedykowałem
odpowiadam, przepraszam, że dopiero dzisiaj:
nie moglem panu tego wiersza zadedykowac, bo poznaliśmy się dopiero po odwołaniu stanu wojennego w prl na terenie  berlina zachodniego;
natomiast wiersz “korespndencja” wisiał na drzwiach studia montażu już w drugiej połowie grudnia 1981 telewizji polskiej w szczecinie (w okresie militaryzacji zakładu) a powiesila ten wiersz moja znajoma m. dla której ten wiersz napisałem;
także to, że jeden z moich wierszy panu r. zadedykowałem jest prawdą
ale dotyczyło to innego utworu p.t. “kasandra” wiersz powstały dopiero na terenie sektora francuskiego
w berlinie zachodnim w roku 1986
myślę że jesli pan r. poszuka (a potrafi) to może on ten wiersz gdzieś odnajdzie i mi prześle
o co serdecznie prosi
tibor jagielski

Joycearia (II)

Arkadiusz Łuba

Wie viel Don Quixote steckt in Lew Nikolajewitsch Myschkin und in Leopold Bloom

Nein, ich bin weder Cervantes- noch Don Quixote-Spezialist, dennoch fühle ich mich gezwungen, ein paar Worte über das Thema zu schreiben, da der hier genau vor einer Woche (im Post mdT: Jezus czyli ten Idiota Don Kichot (Barataria)) einbezogene James Joyce doch einer meiner Spezialgebiete ist und ich – mehr oder weniger – Pate Ewas Lektüre von Margaret Churchs Structure and theme – Don Quixote to James Joyce (und von James Joyces Finnegans Wake, wo sie nach „Sin Showpanza“ – FW 234.6 – und „dulsy nayer“ – FW. 234.23 – gesucht und es zuerst in Churchs Buch gefunden hat) bin.

In dem Buch von Margeret Church selbst habe ich keine direkte Referenz zu dem Fürsten Lew Nikolajewitsch Myschkin, dem Titelprotagonisten von Fjodor Dostojewskis Der Idiot, gefunden. Ein einziges Mal erwähnt sie dieses Buch (auf der Seite 85) und selbst dort tut sie es im Kontext von Die Brüder Karamasow. Sie beruft sich in ihrem Vorwort (und analysiert es auch in einem der Kapitel) auf Die Brüder Karamasow und seine [die des Romans] Protagonisten: „The structures of the novels that I discuss in the following pages provide a means of perspective on the development of the genre since Don Quixote and an ongoing thesis for this book. […] They [the novels – A. Ł.] are all tied together, as the title of the book [Structure and theme – Don Quixote to James Joyce] suggests, by the quixotic nature of characters in each one from Parson Adams, to Werther, to Emma Bovary, to Dmitri and Ivan Karamazov, to Raskolnikov and K., to Settembrini, and to Leopold Bloom, and by themes and techniques that also relate to the Quixote” (S. ix, x), also auf Deutsch: „Die Strukturen der Romane, die ich auf den folgenden Seiten untersuche, bieten einen Einblick in die Entwicklung des Genres seit Don Quixote und eine fortlaufende These für dieses Buch. […] [Die Romane] sind alle miteinander verbunden, wie der Titel des Buches [Struktur und Thema – Don Quixote bis James Joyce] suggeriert, durch die quixotische Natur der Charaktere in jedem einzelnen von Parson Adams über Werther, Emma Bovary, Dmitri und Ivan Karamasow, Raskolnikov und K., Settembrini und Leopold Bloom sowie durch Themen und Techniken, die sich auch auf den Quixote beziehen“ [alle Übersetzungen ins Deutsche, wenn nicht anders angegeben, von mir; meine Hervorhebung – A. Ł.].

Don Quixote wird von Church meistens kursiv geschrieben und als Titel eines prägenden Romans verstanden. Relativ selten bezieht sie sich auf die Figur Quixotes. Im Vordergrund stehen die Struktur und das Thema, die sich auf Cervantes‘ Roman beziehen, und nicht auf dessen Charaktere. –> „In Don Quixote, the ancestor, so to speak, of all fictions and of all metafictions, we find close and complex correlations between the structure of the book, the psychological development of the hero, and consequently, psychological theory, both Renaissance and modern. In fact, it is impossible to separate in Don Quixote intrinsic matters from extrinsic. On the one hand, Don Quixote is a statement about human behavior, psychology if you will, about the relationship of the individual to his society and to himself. On the other, it is a novel fully responsive to literary history, and it may be experienced simply as fiction” (S. 4). Zu Deutsch: „In Don Quixote, dem – sozusagen – Vorläufer aller Romanen und aller Metafiktionen [meine Hervorhebung – A. Ł.], finden wir enge und komplexe Zusammenhänge zwischen der Struktur des Buches, der psychologischen Entwicklung des Helden und folglich der psychologischen Theorie sowohl der Renaissance als auch der Moderne. Gewiss, es ist unmöglich, in Don Quixote intrinsische [also von innen her, aus eigenem Antrieb, stammende – A. Ł.] Angelegenheiten von extrinsischen [also von den von außen her anregenden, nicht aus eigenem innerem Antrieb folgenden – A. Ł.] zu trennen. Einerseits ist Don Quixote eine Aussage über menschliches Verhalten, Psychologie, wenn Sie so wollen, über die Beziehung des Individuums zu seiner Gesellschaft und zu sich selbst. Auf der anderen Seite handelt es sich um einen Roman, der voll und ganz auf die Literaturgeschichte eingeht und einfach als Fiktion erlebt werden kann.“ Zu stark scheint mir am Anfang von Ewas Post ihre Behauptung, dass Church Don Quixote (ohne die Kursivschrift, also den Protagonisten) „mit Sicherheit für das Vorbild von Prinz Leo Nikolaevich Myshkin“ hält (orig.: „Z całą pewnością, twierdzi autorka, był wzorem księcia Lwa Nikołajewicza Myszkina“). So eine starke Behauptung habe ich bei Church nirgendswo gefunden.
Vorbilder in diesem Sinne interessieren Church weniger als die „structure and theme“ der post-renaissanceschen Romane und deren moderne Entwicklung: Während „die innere Welt von Don Quixote sich in den Strukturen widerspiegelt, die Cervantes seinem Roman gibt“ (orig.: „The inner world of Don Quixote is mirrored in the structures Cervantes gives his novel“, S. 185), „geben die philosophischen, religiösen und psychologischen Spannungen der Charaktere Dostojewskis langen Werken Ordnung und Form“ (orig.: „the philosophical, religious, and psychological tensions of characters give order and form to Dostoevsky’s long works“, ebd.).

In ihrem Nachwort zu Der Idiot führt die Übersetzerin des Buches, Elisabeth Kaerrick (unter dem Pseudonym „E. K. Rahsin“), aus: Die von Dostojewski in seinen Entwürfen als „Fürst Christus“ bezeichnete und von Aglaja als „armer Ritter“ bespöttelte Mittelpunktgestalt, die als Gravitationszentrum alle Handlungen auf sich zieht, wird wegen ihrer komisch wirkenden, aber Sympathie ausstrahlenden Aktionen u. a. mit Cervantes Don Quixote verglichen, allerdings von Interpreten auch von ihm unterschieden, denn seine Charakterisierung folge nicht einem einfachen Gut-Böse-Schema: „Fürst Myschkin ist im Wesentlichen weder ein Don Quixote, noch schön und gut nur aus Güte, und beileibe kein ‚Demokrat’ […] ist auch kein Parzival oder ein Pestalozzi, sondern ist ein echter Dostojewski“ (E. K. Rahsin: Nachwort. In: F. M. Dostojewski: Der Idiot. Piper Verlag: München-Zürich 1980, S. 955). An einer Stelle schreibt Margaret Church sogar: „common factors in novels of different eras often abrogate time altogether so that Leopold Bloom or Settembrini or Emma Bovary may be seen to precede or to influence” Don Quixote“ (S. 4), also auf Deutsch: „Einige gemeinsamen Faktoren verwischen oft die Zeitunterschiede in Romanen verschiedener Epochen, so dass Leopold Bloom, Settembrini oder Emma Bovary Don Quixote vorausgehen oder ‚inspirieren‘ können“. Oder mit Worten von Jorge Luis Borges aus seinen Labyrinths: Selected Stories and Other Writings: „Jeder Schriftsteller entwirft sich seine eigenen Vorgänger“ (S. 201).

Auch im Falle Joyce ist der Einfluss Don Quixotes (wieder als Charakter verstanden) gering. Der irische Autor hat sich dazu selbst geäußert. Warum sollte man nicht zu allererst dem Autor glauben, bevor man zu Wissenschaftlern greift?! Joyce erzählte seinem Sprachschüler Georges Borach von seinem Buch, und dieser notierte in seinem Tagebuch: „Das schönste, alles umfassende Thema ist die Odyssee. Es ist größer, menschlicher als Hamlet, Don Quichotte, Dante, Faust. Das Jungwerden des alten Faust berührt mich unangenehm. Dante ermüdet rasch, wie wenn man in die Sonne blicken würde. Die schönsten, menschlichsten Züge enthält die Odyssee. Ich war zwölf Jahre alt, als wir in der Schule den Trojanischen Krieg behandelten, nur die Odyssee blieb mir haften. Ich will aufrichtig sein, mit zwölf Jahren gefiel mir am Ulysses das Mystische. Als ich Dubliners schrieb, wollte ich zuerst den Titel Ulysses in Dublin wählen, kam aber davon ab. In Rom, als ich ungefähr die Hälfte des Porträt vollendet hatte, sah ich ein, dass die Odyssee die Fortsetzung sein musste, und ich begann Ulysses zu schreiben.
Warum kam ich immer wieder auf dieses Thema? Gegenwärtig »nel mezzo del’cammin«, ist für mich der Stoff des Odysseus der menschlichste der Weltliteratur: Odysseus wollte nicht nach Troja ziehen, er wusste, dass der offizielle Kriegsgrund, Ausbreitung der Kultur Hellas‘, nur Vorwand war für die griechischen Kaufleute, die neue Absatzgebiete suchten. Als die Aushebungsoffiziere kamen, war er gerade beim Pflügen. Er stellte sich irrsinnig. Sein zweijähriges Söhnchen legte man ihm darauf in die Furche. Vor dem Kind hält er mit dem Pflug. Beachten Sie die Schönheit der Motive: der einzige Mann auf Hellas, der gegen den Krieg ist, und der Vater. Vor Troja verbluten die Helden umsonst. Man will abziehen. Odysseus ist dagegen. Die List des hölzernen Pferdes. Nach Troja spricht man nicht mehr von Achilleus, Menelaos, Agamemnon. Nur einer ist nicht erschöpft, seine Laufbahn hat kaum begonnen: Odysseus.
Dann das Motiv der Irrfahrt. Scylla und Charybdis, welch herrliches Gleichnis! Odysseus ist auch ein großer Musiker, er will und muss hören, er lässt sich an den Mastbaum binden. Motiv des Künstlers, der lieber sein Leben opfern will, als zu verzichten. Dann der köstliche Humor des Polyphemos. »Olus« ist mein Name. Auf Naxos der Fünfzigjährige, womöglich kahlköpfig, mit Ariadne, der kaum siebzehnjährigen Jungfrau. Welch feines Motiv. Und die Rückkehr, wie tief menschlich. Vergessen Sie nicht den Zug der Großmut bei der Begegnung mit Ajax in der Unterwelt und noch viele andere Schönheiten. Ich fürchte mich fast, ein solches Thema zu behandeln, es ist zu gewaltig.“

Seinem besten Freund in Zürich, Frank Budgen, erzählte Joyce, er schreibe ein Buch, das sich auf die Odyssee stütze, aber achtzehn Stunden aus dem Leben eines Zeitgenossen schildere. Es fiel ihm ebenso schwer, Budgen das vielseitige Wesen eines Helden zu verdeutlichen, wie seinerzeit gegenüber Borach: »Sie scheinen viel gelesen zu haben, Herr Budgen«, sagte er. »Ist Ihnen von irgendeinem Dichter ein lückenloser Allroundcharakter bekannt?« Als Budgen Christus nannte, wandte Joyce ein: »Er war Junggeselle und lebte nie mit einer Frau zusammen. Das Zusammenleben mit einer Frau ist aber zweifellos etwas vom Schwierigsten, was ein Mann tun muss, und das hat er nie getan.«
»Und wie steht‘s mit Faust«, fragte Budgen, »oder Hamlet?« »Faust«, sagte Joyce, »ist weit davon entfernt, ein ganzheitlicher Mensch zu sein; er ist überhaupt kein Mensch. Ist er ein alter oder ein junger Mann? Wo ist sein Heim, wo seine Familie? Wir wissen es nicht. Und er kann nicht ganzheitlich sein, weil er nie allein ist. Immer ist ihm Mephistopheles an der Seite oder auf den Fersen. Wir bekommen viel von ihm zu sehen, das ist aber auch alles.«
»Ihr ganzheitlicher Mensch in der Literatur ist wohl Odysseus, nehme ich an?«
»Ja«, sagte Joyce. »Der alterslose Faust ist kein Mensch. Aber Sie haben eben Hamlet erwähnt. Hamlet ist ein Mensch, aber er ist nur ein Sohn. Odysseus ist der Sohn von Laertes; aber er ist auch der Vater Telemachs, der Gatte der Penelope, der Geliebte Calypsos, der Waffengefährte der griechischen Helden vor Troja und der König von Ithaka. Er hatte viele Schicksalsschläge zu erdulden, überwand sie aber alle durch Weisheit und Mut. Vergessen Sie nicht, dass er ein Drückeberger war, der sich dem Militärdienst durch vorgeschützten Irrsinn zu entziehen versuchte. Er hätte vielleicht nie zu den Waffen gegriffen und wäre nie nach Troja gezogen, wäre nicht der griechische Aushebungsoffizier klüger gewesen als er und hätte den jungen Telemach vor den Pflug gelegt, während Odysseus das Sandufer pflügte. Als er aber einmal im Krieg war, wurde aus dem Kriegsdienstverweigerer ein Jusqu‘au-boutist. Als die anderen die Belagerung aufgeben wollten, war er es, der weiter auszuharren beabsichtigte, bis Troja gefallen wäre.« Dann fuhr er fort: Noch etwas: Die Geschichte des Odysseus hörte mit dem Ende des Trojanischen Krieges noch nicht auf. Sie begann erst, als die anderen griechischen Helden zurückkehrten, um den Rest ihres Lebens friedlich zu verbringen. Und dann« – Joyce lachte – »war er auch der erste Gentleman in Europa. Als er nackt vortrat, um die Junge Prinzessin zu begrüßen, verhüllte er vor ihren jungfräulichen Augen jene Teile seines von Meerwasser durchnässten und von Kletten überdeckten Körpers, auf die es ankam. Er war auch ein Erfinder. Der Panzer ist seine Schöpfung. Hölzernes Pferd oder Eisenkasten – das spielt keine Rolle. Beides sind Hüllen, die bewaffnete Krieger enthalten.«
»Was verstehen Sie dann«, fragte Budgen, »unter einem ganzheitlichen Menschen? Wenn zum Beispiel ein Bildhauer [Budgen war einer – Anm. A. Ł.] die Gestalt eines Menschen schafft, dann ist dieser Mensch ganz, dreidimensional, aber nicht notwendigerweise ganzheitlich in einem idealen Sinne. Alle menschlichen Körper sind unvollkommen, auf irgendeine Weise begrenzt, auch die Menschenwesen. Ihr Odysseus aber…«
»Der ist beides«, sagte Joyce. »Ich sehe ihn von allen Seiten, und deshalb ist er ganz im Sinne Ihrer Bildhauerfigur. Aber er ist ebenfalls ein ganzheitlicher Mensch – ein guter Mensch.«“ [alle Quellen zu James Joyce stammen aus: Richard Ellmann: James Joyce. Revidierte und ergänzte Ausgabe, betreut von Fritz Senn in Zusammenarbeit mit den Übersetzern Albert W. Hess, Klaus Reichert und Karl H. Reichert. Suhrkamp: Frankfurt am Main 1994.]

Bezogen auf Structure and Theme fasst Church zusammen: „In den Romanen von James Joyce findet man eine psychologische Struktur, die auf dem Viconischen System basiert und außerhalb der Werke liegt, aber von Joyce so geformt und neu gestaltet wurde, dass sie zu einem inneren Muster der Entwicklung seiner Protagonisten wird, beginnend mit dem Alter, in dem die Eltern dominieren, übergehend in die Pubertät und ihre Anpassungen, dann zur Reife und zu einer Rolle in der Gesellschaft, bis hin zu einem einschlagenden Blitz, wo man wie ein Phönix aus der Asche aufsteigen muss, um neu zu beginnen, »ein Commodius Vicus der Rezirkulation«“ (orig.: „In the novels of James Joyce, we find a psychological patterning, based on the Viconian system, exterior to the works but molded and redesigned by Joyce so that it becomes an interior pattern of the development of his protagonists, beginning with the age when parents dominate, moving to adolescence and its adjustments, then to maturity and a role in society, until lightning strikes and one must phoenix-like rise from ashes to begin anew, “a commodius vicus of recirculation“ (S. 185).

Die hier skizzierte Problematik schöpft weder das polemische noch das wissenschaftliche Potenzial der Frage „Wie viel Don Quixote steckt in Lew Nikolajewitsch Myschkin und in Leopold Bloom?“ aus und sollte hier als erste Anregung zu einer vertieften, gründlichen, komparatistischen Quellenforschung gelesen werden. Aber wen interessiert das schon außer ein paar besessene Anbeter?! 😉

Um es mit – wiederum – einem polnischen Schriftsteller abzuschließen, der u.a. durch sein Ferdydurke bekannt wurde und woraus auch folgender Zitat stammt:

„Schluss und Punktum!
Wer es las, der ist dumm!“

pozdrawiam
wiadomo kto 😉

Frauenblick und wieder Prag (6)

Monika Wrzosek-Müller

Aus Prag mit einem Bein in der Welt

Nach wie vor völlig von Prag begeistert, füllt sich der Kopf mit verschiedenen Gedanken, wandert doch in andere Teile der Welt. Irgendwie kommt mir jetzt immer wieder die Yoga-Lehre von den drei großen Gottheiten des Hinduismus: Brahma, Vishnu und Shiva, in den Sinn. Das als Trimutri im Hinduismus bezeichnete Zusammenspiel zwischen Schöpfung, Erhaltung und Zerstörung gibt es auch in der christlichen Theologie und wird da Trinität genannt; wobei für mich da die Zuordnung nicht ganz klar ist – wer ist für was zuständig? Im Hinduismus dagegen ist es stark ausgeprägt und beeinflusst die ganze Philosophie in Bezug auf Individuen, aber auch auf alle Lebewesen einschließlich der Natur. Das Prinzip finden wir überall, ob bei Patanjali oder auch in den Veden; das Zusammenspiel der gegensätzlichen Kräfte und Neigungen, um ein Gleichgewicht zu erhalten, schwingt in allen Beschreibungen und Sutren mit. Krankheit wird somit als ein Verlust des Gleichgewichts angesehen und es wird empfohlen, daran zu arbeiten und sich zu bemühen, es wiederherzustellen. Alle Entwicklungen in der Geschichte, die mit Kriegen endeten, werden auf den Mangel an Harmonie und Gleichgewicht zurückgeführt. Natürlich sind diese Gedanken scheinbar sehr einfach und einfältig, doch sie enthalten viel Wahrheit über das Funktionieren von Individuen, aber auch von ganzen Gesellschaften oder gar Völkern. Wie reiht sich in diese Gedankengänge dann so eine Pandemie wie die jetzige ein?

Wenn man während der Pandemie, während des lock downs, von weitem, aus einem noch einmal anderen Staat, die Länder betrachtet, mit denen man verbunden ist – und in meinem Fall sind das mehrere: Polen als Geburtsland, Italien als Lieblingsland und Deutschland als Wohnort – dann werden die Unterschiede der Herangehensweisen so markant und deutlich, dass es einen manchmal selbst etwas überrascht und ängstigt, welche Züge und Merkmale besonders hervortreten. Man gerät leicht in Verallgemeinerungen und Vorurteile, deren Einfluss auf das Verstehen der Vorgänge eher gedämpft werden soll. Daher versuche ich diese Gedanken nicht weiter zu verfolgen oder aufzuschreiben…

Prag, dessen Schönheit ich hier mehrmals beschrieben habe, ist für mich ein Paradebeispiel der Erhaltung im weitesten Sinne des Wortes, obwohl es in der Vergangenheit und der näheren Gegenwart nicht an Beispielen für gründliche Veränderungen gefehlt hat.

Den ersten wunderbaren Umbau auf der Kleinseite unterhalb des Schlosses hat Wallenstein, der eigentlich Albrecht Wenzel Eusebius von Waldstein hieß, Herzog von Friedland usw., angeregt. Er kaufte ein riesiges Areal auf, ließ 26 Häuser abreißen und baute in den Jahren 1623 bis 1630 darauf ein Schloss der Superlative. Wenn man bedenkt, dass Wallenstein (so wie wir ihn von Schiller kennen) schon 1634 von einem kaisertreuen Soldaten ermordet wurde, weil er für alle rundherum zu mächtig, zu störrisch, zu stolz und vor allem zu reich geworden war, konnte er sich selbst nicht allzu lang an der Schönheit des Palastes, der Loggia und des weitläufigen Gartens erfreut haben. Wenn man durch diese Anlage wandert, die 1992 Sitz des Senats der Tschechischen Republik wurde, wird einem klar, warum die anderen mächtigen Herren eifersüchtig auf ihn waren. Die Kompliziertheit der politischen Verflechtungen und der Lage sowie der Persönlichkeit Wallensteins hat Schiller in seiner Trilogie der Wallenstein-Dramen dargelegt. So oder so ist es eine der schönsten Anlagen, die ich je gesehen habe; sie ist im Stil des sehr frühen böhmischen Barock errichtet, enthält aber Elemente der Spätrenaissance in manieristischem Stil, daher ist sie lebendig, offen und inspirierend. Die Loggia zum Garten hin erinnerte mich sehr an die Loggia der Villa Schifanoia in San Domenico bei Fiesole. Meine Intuition hatte mich nicht im Stich gelassen: sie wurde auch nach dem Vorbild der Loggia des Domes in Livorno von einem toskanischen Architekten errichtet. Drei große Bögen öffnen sich freizügig zur Gartenseite hin, dahinter befinden sich die große sala terrena und davor ein wunderschön angelegter Garten, der gerade eine aufwendige Renovierung erfahren hat. Einige der Elemente wie die Felsimitationen und die künstliche Tropfsteinhöhle, die Grotte, erinnern mich wiederum stark an Giardini di Boboli in Florenz. Der Blick von der Loggia fällt auf ein Spalier von Skulpturen des niederländischen Bildhauers Adriaen de Vries. Leider wurden die Originale während des Dreißigjährigen Krieges von den schwedischen Truppen geraubt und stehen (bis auf eine Figur der Venus) angeblich noch heute noch im Schloss Drottningholm. Hinter dem Labyrinth und einer höheren Buchenhecke kommt man an einen wirklich tiefen, mit sehr schönen Wasserpflanzen geschmückten Teich mit allerlei großen und wertvollen Fischen. In der Mitte des Teiches gibt es eine kleine Insel mit Springbrunnen, alles in stattlicher Größe und alles wirklich minuziös sauber und gepflegt gehalten. Nach der Renovierung des Gartens kamen auch noch weiße und bunte Pfauen dazu, die gemächlich und sehr würdevoll auf dem kurz gehaltenen englischen Rasen spazieren und mich wiederum an den Garten in der Villa Meleto erinnern, in der wir unzählige Sommerferien verbracht haben. Im Garten des Palais Wallenstein finden im Sommer Theateraufführungen statt. Um die Geschichte der wirklich einmaligen Anlage zu vervollständigen, sei erwähnt, dass ein Nachkomme der Wallensteins sie übernommen hat, der während der Nazizeit in die NSDAP eingetreten ist; daher wurde das Schloss nach dem Krieg verstaatlicht. Doch bis zum Jahr 1955 lebte in dem Palais eine Gräfin von Waldstein mit ihrer Kammerfrau; sie starb mit 104 Jahren. Dabei musste ich an die Erzählungen über den polnischen Grafen Stanisław Potocki denken, der nach seinem Tod in Lima in Łańcut bestattet wurde und der nach 1989 oft das Schloss und den Garten besucht haben soll.

Die nächste Veränderung die mir in dieser grundsätzlich auf Erhaltung fixierten Stadt auffiel, war die Auflösung des Ghettos und der alten Judenstadt in den Jahren zwischen 1898 und 1913: Eingemeindung derselben unter dem Namen Josefov, als IV Prager Bezirk. Die umliegenden Häuser wurden um 1900 mit Jugendstil-Fassaden, in Anlehnung an Pariser Architektur, erbaut und eine Prachtachse vom Altstädter Ring bis zum (heutigen) Metronom oben auf dem Letna-Park mit dem Namen Pariser Straße errichtet. Heutzutage ist das die erste Adresse für die teuersten Läden in Prag: Gucci, Louis Vuitton, Burberry, Prada, Armani, Escada, Dior, Boucheron, Karl Lagerfeld, Givenchy, Hermes, Versace, Chanel und viele mehr. Von der alten Judenstadt sind einige Synagogen und der älteste jüdische Friedhof Europas erhalten geblieben.

In der neuesten Zeit ist ein durchaus gelungenes Objekt dazugekommen: das Tanzende Haus, tánčici dům. Der Komplex steht am Moldauufer, am Rasinovo nábřeži, daher aus allen Erhebungen, vom Petřin auf der anderen Moldauseite gut sichtbar, errichtet auf einem Grundstück, das länger brach gelegen hatte. Dafür wurde nicht einmal etwas abgerissen, denn das Eckhaus, das an der Stelle vor dem Krieg stand, wurde versehentlich bei einem amerikanischen Luftangriff auf Prag am 14.02.1945 zerstört. Václav Havel wohnte in der Nachbarschaft und hat das Projekt von Anfang an unterstützt; es sollte ein Kulturzentrum beinhalten, davon ist eine Galerie übriggeblieben, alles andere wird eher kommerziell genutzt (ein Super-Hotel, ein sehr teures Restaurant und Café). Es ist vielleicht das am meisten abgebildete moderne Gebäude in Prag, es reiht sich mit seiner verspielten Fassade in das Meer der schönen Häuser am Moldauufer ein und es sticht aus ihnen heraus. Es wurde von den bekannten Architekten Vlado Milunic und Frank O. Gehry entworfen; in Prag wird es liebevoll Ginger & Fred genannt, denn die Fassade scheint wirklich in Bewegung zu sein, so als ob die beiden Häusertürme tanzen würden.

Natürlich hat die Epoche des Sozialismus/Kommunismus im Bild der Stadt ihre Spuren hinterlassen, hier wird diese Architektur Prager Brutalismus genannt; es sind vor allem große Hotels und Zentren, die in den sechziger und siebziger Jahren entstanden. Viele Menschen assoziieren sie mit dem Kommunismus, doch wurde in diesem Stil in der ganzen Welt gebaut. Auch diese Bauten, wie z.B.: das Kaufhaus Kotva oder Kaufhaus Máj, der neue Bühnenbau des Nationaltheaters, um nur die bekanntesten in der Stadtmitte zu nennen, sie alle fügen sich doch irgendwie in das Stadtbild und machen es auch lebendiger, bei allen erhaltenden Elementen, an denen gerade diese Stadt so reich ist.

Wenn man aber mit Bildern des zerstörten Warschau aufgewachsen ist, erscheinen einem diese Dimensionen der Zerstörung und Erneuerung sehr zurückhaltend und, sagen wir, minimalistisch. Was auffällt, ist die wunderbare Harmonie, Weichheit und Menschlichkeit, die auch auf die geografische Lage, die Hügellandschaft und die mäandrierende Moldau zurückgeht. Gut, dass vieles in das UNESCO Weltkulturerbe aufgenommen worden ist und hoffentlich auch neue Generationen erfreuen wird.

Don Quijote… Don Qui… jote (Barataria)

Elem und German Klimow
Spiegel 19.08.1991

Ein russischer Don Quijote

Gefunden von Arkadiusz Łuba. Danke!

Der Regisseur Elem Klimow hat gemeinsam mit seinem Bruder German ein Drehbuch über Michail Bulgakows berühmten Roman „Der Meister und Margarita“ geschrieben. Für den SPIEGEL porträtieren die Brüder den Schriftsteller und russischen Volkshelden, der gegenwärtig auch in Deutschland eine Renaissance erlebt.

Kaum zu glauben, daß in diesem Jahr ein volles Jahrhundert vergangen ist, seit Michail Afanassijewitsch Bulgakow geboren wurde: In seiner Heimat noch immer einer der meistgelesenen und beliebtesten Schriftsteller. Woran liegt es, daß seine Werke, die in den zwanziger und dreißiger Jahren geschrieben wurden, auch heute noch so zeitgenössisch und aktuell sind? Wie konnte es geschehen, daß all das, was er voraussah, eintraf – was erst wir, die Menschen einer nachfolgenden Generation, bestätigen können? Unzweifelhaft ist Bulgakow mehr als nur ein hochbegabter Schriftsteller. Er ist ein Phänomen.

Bulgakows Aufstieg und Sturz waren einzigartig und dramatisch. Nach seinem strahlenden Auftauchen am Literaturhorizont, nach einer unglaublichen Popularität in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre, trat in seinem Leben 1929 eine Katastrophe ein. Gedungene Kritiker erklärten Bulgakow zum Feind des Systems. Dann wurde sein Name ganz aus dem Verkehr gezogen. Der Schriftsteller war noch am Leben, aber er war lebendig begraben.

Erst 1962, 22 Jahre nach dem Tod Bulgakows, erscheint die Moliere-Biographie, die er schon 1933 geschrieben hat. Erzählungen, Theaterstücke und der Roman “Die weiße Garde” folgen. Der Bekanntheitsgrad Bulgakows steigt ständig und erreicht seinen Höhepunkt, als die Zeitschrift Moskwa Ende 1966 den Roman “Der Meister und Margarita” zu drucken beginnt. Die Publikation wirkt als Sensation. Schon am Erscheinungstag sind die beiden Moskwa-Nummern, in denen der Roman abgedruckt ist, ausverkauft. Bald sind sie eine bibliographische Rarität und gehen von Hand zu Hand. Man liest buchstäblich Löcher hinein.
Das phantastische Sujet, wie Satan persönlich inmitten seiner unglaublich farbenprächtigen Truppe in Moskau eintrifft, begeistert die Leser. Ebenso die Phantasmagorie der sowjetischen Lebensweise, deren “Besonderheit” bis auf den heutigen Tag kein Mensch, der seine fünf Sinne beisammen hat, begreifen oder erklären kann. Die sogenannten antiken Kapitel mit ihrer großen Überzeugungskraft und der sehr eigenwilligen Beschreibung, wie Pilatus Jesus Christus verhört, und die Hinrichtung am Kreuz. Und natürlich die beklemmend traurig stimmende Liebesgeschichte zwischen dem Meister und Margarita.
Man rühmt Bulgakows Sprache, genießt seinen glänzenden Humor, ist von der Handlung gefesselt: Urplötzlich wurde das ganze Land wie von einer Epidemie von dem ergriffen, woran Bulgakow während der letzten zehn Jahre seines Lebens gearbeitet hatte, als viele ihn schon nicht mehr unter den Lebenden wähnten. So erfüllte sich der prophetische Satz, den eine der Figuren seines Werkes sagt: “Manuskripte brennen nicht.”
Schnell wurden die Romane, Erzählungen und Theaterstücke Bulgakows in viele Weltsprachen übersetzt, sein Ruhm drang über die Grenzen der Sowjetunion hinaus. Gabriel GarcIa Marquez nannte den Roman “Der Meister und Margarita” sein Lieblingsbuch und erklärte ihn zur bedeutendsten Erscheinung in der Literatur des 20. Jahrhunderts.
Mitten in Moskau, an den “Patriarschije Prudy”, dort, wo die Handlung des Romans “Der Meister und Margarita” spielt, finden seit zwei Jahren grandios inszenierte Bulgakow-Feste in allen erdenklichen Kostümierungen statt. Dann versammeln sich an jenem Ort so viele Leute, daß buchstäblich “keine Stecknadel zu Boden fallen kann”: So wird nur ein echter Volksschriftsteller verehrt.
Zum erstaunlichsten Zeugnis für die Liebe des ganzen Volkes zu diesem Schriftsteller ist aber vielleicht das Haus am “Sadowoje Kolzo” geworden, und zwar das Treppenhaus im Hof, dort, wo in der Wohnung Nummer 50, in einem der Zimmer, Bulgakow zu Beginn der zwanziger Jahre lebte und darbte und wo er in seiner Phantasie Voland (Satan) und seine verrückte Truppe ansiedelte.
Das Treppenhaus verwandelte sich in einen Klub eigener Art. Dann fingen die Hausbewohner an, sich zur Wehr zu setzen. Sie überstrichen die Wandmalereien mit Ölfarbe, aber vergebens, denn in kurzer Zeit begann alles wieder von neuem. Auf den Wänden des Treppenhauses ging es wieder lebhaft zu, Zeichnungen und Aufschriften erschienen nacheinander.
Nach einer gewissen Zeit drangen sie dann sogar nach außen und erschienen auf den Wänden des Hauses. Charakteristische Aufschriften lauteten: “Voland, hilf Gorbatschow, er kommt nicht klar”, “Die sowjetischen Kater (Zuhälter) sind die fortschrittlichsten: Sie sind für die Perestroika”, “Haltet die Erde an, ich will aussteigen”. Aus den Adressen konnte man ungefähr die gesamte Geographie des Landes lernen.
Auf Bitten der geplagten Einwohner wurde am Eingang des Portals ein Milizkordon postiert, aber der Kordon wurde durchbrochen, die Wände und jetzt auch die Fenster wurden unerbittlich bemalt und beschrieben. So wurde das Treppenhaus auf Eigeninitiative in ein Volksmuseum umgewandelt. Durch Bemühungen der Künstlerverbände und vieler Enthusiasten kämpft man jetzt dafür, daß das gesamte Haus, in dem noch viele andere bekannte Maler, Dichter, Schriftsteller lebten und arbeiteten, in ein Kulturzentrum mit Museen, Bibliotheken, Theatern und Cafes umgewandelt wird. Wenn wir uns durchsetzen, entsteht auf der Karte Moskaus ein neuer Begriff: “Das Bulgakow-Haus”.
Der Schriftsteller wurde am 15. Mai 1891 in Kiew in einer Familie von Geistlichen geboren. Sein Vater war Dozent, später Professor an der Geistlichen Akademie. Der junge Michail Afanassijewitsch plagt im Gymnasium die Mitschüler und Lehrer mit Satiren und Epigrammen. Seine Begeisterung für die Literatur nimmt er jedoch selbst noch nicht ernst. Er wird Arzt und amputiert 1916 an der Front Beine von Verwundeten. Nach der Revolution arbeitet er als Landarzt, fühlt sich aber immer stärker zur Literatur hingezogen.
Die ersten fünf Stücke, die er im Norden des Kaukasus verfaßt, vernichtet der Autor anschließend unbarmherzig selbst. Schließlich zieht er 1921 nach Moskau und sucht sich Wohnung und Arbeit. Er verdingt sich als Zeitungsjournalist, Conferencier, Schauspieler, wird Feuilletonist bei der Zeitung der Eisenbahner, Gudok. Er schreibt immer sicherer, zeitweilig glänzend und sehr leicht.
Als Meister der Mystifikationen und des spontan inszenierten Spiels ist Bulgakow die Seele seines Freundeskreises. Gleichzeitig hält er immer Distanz, wird niemals familiär. In seinen Feuilletons macht er sich über die naive, fade Lebensweise, über den plebejischen Stil des sowjetischen Lebens lustig. Bulgakow setzt sich auch äußerlich davon ab: Ungeachtet der ewigen Geldknappheit erregt er allgemein Erstaunen mit seiner weißgestärkten Hemdbrust, dem tadellos gebügelten Anzug, dem makellosen Scheitel und dem Monokel an der Schnur.
Gar nicht zu reden von den betont aristokratischen Manieren. So verteidigte er seine Selbstachtung gerade in den Jahren, als die Achtung vor dem einzelnen immer mehr verlorenging. Niemand hätte damals wohl erraten, daß dieser glänzende Herr die Nächte hindurch selbstvergessen schwer arbeitete. Alles, was er schrieb, war eine Herausforderung an das, was um ihn herum vorging, es war eine Warnung vor drohenden Nöten und den Folgen jener sozialen Experimente, die die Bolschewiken an dem Lande vornahmen.
Bei den phantastischen Novellen Bulgakows muß man an Swift, an E. T. A. Hoffmann und natürlich an Gogol denken, den Bulgakow als seinen Lehrer bezeichnete. In der 1925 entstandenen Novelle “Hundeherz” ironisiert der Schriftsteller den Satz aus der Revolutionshymne, der “Internationale”: “Ein Nichts zu sein, tragt es nicht länger, alles zu werden, strömt zuhauf!” und erzählt, wie ein genialer Mediziner, Professor Preobraschenski, einen Hofhund in einen Menschen verwandelt, indem er ihm ein menschliches Gehirn einpflanzt.
Mit tödlichem Humor wird gezeigt, was aus diesem Experiment geworden ist. In der Vorstellung des Lesers entsteht jener schreckliche Sozialtypus, der mit nichts zu vergleichen ist und den unsere heutige Umgangssprache kurz als “Sowok” (in lateinischer Übersetzung “homo sovieticus”) bezeichnet.
Schon im Titel eine Herausforderung ist der Roman “Die weiße Garde”, denn dies ist ein Roman über den weißen Offiziersstand, der durch die Revolution dem Untergang preisgegeben ist. Mit Liebe wird die pro-monarchische Familie Turbin beschrieben, mit nostalgischem Schmerz erzählt, wie eine ganze Schicht der aristokratischen Kultur im Dunkel der Zeiten versinkt.
Alsbald interessiert sich das berühmteste sowjetische Theater, das “Moskauer Künstlertheater”, für “Die weiße Garde”, aber das Stück “Die Tage der Geschwister Turbin” (nach Motiven der “Weißen Garde”) läßt die Zensur nicht passieren; alles steht auf der Kippe. Erst das Ultimatum des großen Regisseurs Stanislawski, daß er sein Theater andernfalls schließen werde, ermöglicht schließlich die Inszenierung.
Die Premiere ist ein Triumph, und dieser Triumph wird dann fast tausendmal wiederholt. So wird Bulgakow 1926 berühmt. Das Publikum vergöttert ihn, und während die Parteikritik über das Stück herfällt, schwebt paradoxerweise der rettende Schatten des großen Führers über der Bühne.
Es ist bekannt, daß Stalin nach den Protokollen des Künstlertheaters das Stück “Die Tage der Geschwister Turbin” nicht weniger als 15mal gesehen hat. Wir scheinen hier vor einem unlösbaren Rätsel zu stehen: Hat etwa der Theaterfreund Stalin über den Politiker Stalin gesiegt? Es gibt aber noch eine andere Erklärung: Im Gespräch mit Künstlern soll Stalin ausgerufen haben: “Ja, Bulgakow geht richtig ran! Der bürstet gegen den Strich!”
Der Tyrann schätzte die “Gebildeten” nicht. Sie schreien und schreien, sagte er sich wohl, aber wenn man sie unter Druck setzt, dann geben sie Pfötchen. Häufig wählte er selbst das Opfer aus, das an der Reihe war, geschickt hetzte er den ganzen Apparat des ideologischen Terrors darauf, darunter auch die Kritik und die Redakteure. Bei Bulgakow sah Stalin plötzlich eine rückhaltlose Gradlinigkeit und Unnachgiebigkeit, das großartige Gefühl der eigenen Würde.
Aber “achtete” etwa Stalin den starken Gegner, ließ er ihn aus Edelmut am Leben, wie man annehmen könnte? Zweifel sind angebracht. Es besteht Grund zu der Annahme, daß er sich entschied, den Verwegenen auf die Probe zu stellen.
Bereits 1929 sind alle Stücke Bulgakows aus den Spielplänen der Theater verschwunden, und Bulgakow hat jegliche Hoffnung verloren, etwas gedruckt oder überhaupt noch Arbeit bekommen zu können. Am 28. März 1930 schreibt er einen Brief an Stalin. Sein Ton ist scharf und direkt. “Mit einem verlogenen Brief, in dem ich mich selbst beschmutze und dazu noch einen naiven politischen Bückling mache, würde es mir wohl kaum gelingen, mich vor der Regierung der UdSSR in einem günstigen Licht darzustellen. Den Versuch, ein kommunistisches Stück zu schreiben, habe ich erst gar nicht unternommen, da ich genau weiß, daß ich ein solches Stück nicht zustande bringe.
“Ich bitte zu berücksichtigen, daß ein Schreibverbot für mich gleichbedeutend ist mit einer Beerdigung bei lebendigem Leibe… Ich bitte die Regierung der UdSSR, mich innerhalb einer bestimmten Frist ausreisen zu lassen.” Falls man ihm dies abschlage, bitte er darum, als Regisseur, Statist oder wenigstens als Bühnenarbeiter beschäftigt zu werden.
Die Antwort trifft am 18. April 1930 ein, es ist der berühmte Telefonanruf Stalins. In dem Gespräch mit Bulgakow schlägt er ihm vor, sich beim Künstlertheater zu bewerben, wo er tatsächlich alsbald als Regieassistent angenommen wird.
Viele sahen darin ein unerhörtes Wohlwollen des großen Führers, hatte er doch Bulgakow wegen seines Briefes nicht vernichtet.
Im Leben Bulgakows ändert sich nichts außer der geringfügigen Bezahlung am Künstlertheater, wo er als Regieassistent und Schauspieler in kleinen Rollen arbeitet, dann zum Bolschoi-Theater geht, wo er Opernlibretti verfaßt. Nochmals schreibt er an Stalin und bezeichnet sich als den “einzigen literarischen Wolf” auf dem Feld der russischen Literatur.
“Man hat mir geraten, das Fell zu färben, das ist ein dummer Ratschlag. Man mag den Wolf färben, man mag ihn scheren, er wird doch nicht einem Pudel ähnlich.”
Auf diesen Brief erhält Bulgakow keine Antwort mehr. Gerade zu dieser Zeit erkrankt er an einer Neurasthenie mit Anfällen unbewußter Angst, mit Furcht vor der Dunkelheit. Während eines solchen Anfalls verbrennt er den Entwurf eines Romans über den Teufel. Aber der Plan ist in dem Schriftsteller schon fest verwurzelt, und nach kurzer Zeit beginnt er von neuem. In dem Roman taucht jetzt auch das Thema Liebe auf, und deshalb gibt er ihm schließlich den endgültigen Titel “Der Meister und Margarita”.
Ohne seine Frau Jelena Sergejewna, die er 1929 kennenlernt, hätte er seinen einsamen Kampf kaum so lange durchgestanden. Sie bringt es fertig, daß in den schlimmsten Hungerjahren ihr Haus für die Freunde immer gastfrei und offen ist. In den Tagen der tödlichen Krankheit, als er schon fast blind ist, diktiert Bulgakow seiner Frau die letzten Seiten seines Werkes, er korrigiert es wieder und wieder.
“Auf dem Sterbebett sagte er”, so erinnert sich Jelena Sergejewna: “Vielleicht ist es so richtig . . . was hätte ich noch nach dem ,Meister’ schreiben können?” In diesem Roman wird er sich seines Schicksals bewußt, so als betrachte er sich von außen, er rechnet mit dem Leben ab, mit den Feinden, und er tut es leicht, elegant, fröhlich.
Für Stalins 60. Geburtstag im Dezember 1939 soll Bulgakow ein den Führer verherrlichendes Theaterstück schreiben. Er weigert sich lange, gibt aber schließlich dem Druck nach und liefert das Stück “Batum” über Stalins revolutionäre Jugend ab.
Aber unverhofft wird eine ablehnende Äußerung Stalins bekannt; offensichtlich wünscht er nicht, die Aufmerksamkeit auf seine Jugend zu lenken, die er in einem Priesterseminar verbracht hat. Vielleicht befriedigt ihn allein die Tatsache, daß der ungehorsame Bulgakow das Stück über ihn geschrieben hat.
Das ist eine öffentliche Ohrfeige. Buchstäblich am Tag nach der negativen Nachricht beginnt er, das Augenlicht zu verlieren, er trägt eine schwarze Brille und verläßt überhaupt nicht mehr das Haus. Die in ihm schlummernde Krankheit (Nierensklerose) beginnt, sich dramatisch zu verschlimmern, und Bulgakow stellt sich als Arzt selbst die Diagnose. Er begreift, was ihm bevorsteht: Lähmung und ein langsames, qualvolles Sterben.
Der Roman, dem er die letzten Jahre gewidmet hat, muß beendet werden. Mit Mühe und Not diktiert er seiner Frau die letzten Seiten: “Oh, ihr Götter! Wie traurig ist die abendliche Erde! Wie geheimnisvoll brauen die Dünste über den Mooren! Wer durch diese Dünste irrte, wer vor dem Tode litt, wer über diese Erde hinwegflog, beladen mit überschwerer Bürde, der weiß das. Der Müde weiß es. Ohne Bedauern verläßt er die Nebel der Erde, ihre Sümpfe und Flüsse, und gibt sich leichten Herzens dem Tod in die Hände, wissend, daß nur er ihm Frieden schenkt.”
Schon als der Roman “Der Meister und Margarita” 1966 erstmals veröffentlicht wurde, dachten viele unserer Kollegen an seine Verfilmung; man stritt darüber, wer dazu in der Lage ist, wem diese Ehre gebührt. Andrej Tarkowski hatte den “Meister” in seine Pläne einbezogen, auch Federico Fellini dachte darüber nach. Die besten sowjetischen und internationalen Regisseure zerbrachen sich den Kopf darüber, wie die zauberhafte Magie der Werke Bulgakows auf der Leinwand in sichtbare Bilder umzusetzen ist.
Die mystische Einbildungskraft des Schriftstellers überstieg bei weitem die technischen Möglichkeiten des Kinos. Wie sollte man zum Beispiel eine über die Erde fliegende Frau aufnehmen, die wünschte, unsichtbar zu werden; wie sollte man einen großen, sprechenden, trinkenden und rauchenden schwarzen Kater darstellen?
Außerdem gab es drei völlig verschiedene Ebenen in dem Roman (die realistische, phantastische und religiöse), die von dem zukünftigen Regisseur ganz unterschiedliche Talente erfordern, die nur selten zusammentreffen.
Aber dennoch ließen sich die Filmleute auf die Herausforderung ein. In der UdSSR wurde der Impuls jedoch ziemlich schnell erstickt. Einer der damaligen Funktionäre, der für das Kino zuständig war, sagte sogar, solange die Sowjetmacht im Lande herrsche, werde dieser Roman nicht verfilmt.
Ausländische Versuche, den Roman zu verfilmen, mißlangen: Der Inhalt des Buches ging dabei verloren, und die Bemühungen, den phantastischen Teil des Themas darzustellen, scheiterten total. Auch die geringe Kenntnis der tatsächlichen Verhältnisse des sowjetischen Lebens in den dreißiger Jahren trug nicht zum Erfolg bei.
Hinzu kommt: Eine ganze Armee von Apologeten hat jede Zeile dieses Buches für absolut genial erklärt, das heißt für unberührbar. Kann man aber Kunst hervorbringen, wenn man auf den Knien liegt? Diese Frage hat Bulgakow selbst beantwortet, der die “Toten Seelen” des von ihm vergötterten Gogol recht frei inszenierte. Wir haben den gleichen Weg eingeschlagen. Als Überschrift zu dem Kinoprojekt “Der Meister und Margarita” könnte man schreiben: “Freie Phantasien über das Thema eines beliebigen Romans.”
Für das Abfassen des Drehbuchs haben wir fast zwei Jahre gebraucht. Wir wollten alles lesen, was der Autor auch gelesen hat, als er an diesem Werk arbeitete. Wir wollten sein ganzes Leben noch einmal durchleben, und für diese reiche Erfahrung sind wir sehr dankbar – unabhängig davon, ob unser Filmprojekt verwirklicht wird (es ist ziemlich unwahrscheinlich, schwierig und teuer).
Der Schriftsteller starb einen schweren Tod. Halb im Fieberwahn flüsterte er seine letzten Worte: “Don Quijote . . . Don Qui . . . jote”.
Don Quijote war Michail Bulgakows Lieblingsheld der Literatur. Uns scheint, auch er erinnerte an diesen Hidalgo. Nur die Mühlen waren zu seiner Zeit keine Windmühlen mehr.


HIER dieser Artikel als PDF dh. auch mit Bildern.

Der Text ist schon fast 30 Jahre alt, ich versuchte daher etwas über den Regisseur und seinen Bruder zu erfahren und nachzuprüfen, ob es den hier besprochenen Film gibt.

Elem Germanowitsch Klimow war ein studierter Flugingenieur und erst dann studierte er bis 1963 Filmregie. Bereits sein Diplomfilm Herzlich willkommen oder Unbefugten ist der Eintritt verboten erregte 1964 Aufsehen: Die in einem Pionierlager spielende Satire wurde zunächst kurz verboten, dann aber freigegeben und zu einem Publikumserfolg. Klimows international bekannteste Filme sind Agonia (1974/1981) über Rasputin und Komm und sieh (1985), eine düstere Parabel aus dem Zweiten Weltkrieg. Klimow war seit 1965 mit der Regisseurin und Drehbuchautorin Larissa Schepitko verheiratet, die 1979 während der Dreharbeiten zu ihrem Film Abschied von Matjora bei einem Autounfall ums Leben kam. Der Film wurde 1982 von Klimow vollendet.

German Klimow (geb. 1941) ist Drehbuchautor, der öftermal mit seinem älteren Bruder an dessen Filme gearbeitet hat. Man erwähnt aber weder bei einem Bruder, noch bei dem anderem den Film Meister und Margarita. 1994 wurde zwar von Yuri Kara ein gleichnamiger Film gedreht, beide Klimow Bruder werden aber nirgendwo erwähnt. Der Film selbst hat übrigens eine Geschichte, die an Terry Gilliams Film The Man, who killed Don Kichote erinnert. Mehr HIER.

Reblog: Yahya Hassan ist tot

#Walk_of_shame. Er ist schon vor ein paar Monaten gestorben. Wir haben es nicht bemerkt. Angeblich jede seine Zeile schrie! Wir haben ihn nicht gehört. Seine Gedichte waren sehr wichtig. Wir haben es nicht gewußt.

Matthias Wyssuwa

Er schrie mit jeder seiner Zeilen

Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH


Foto (c) Christoph Busse

Yahya Hassan schrie seine Leser mit jeder Zeile an. Jedes Gedicht seines Debüts wirkte, als schlage er wie wild um sich, und jeder Buchstabe war groß geschrieben. Es war ein gewaltiges und gewalttätiges Ereignis, und als sein selbstbetitelter Gedichtband 2013 erschien, wurde es für den Dänen zum Triumph.

Sein Schreien machte ihn berühmt, weit über die Grenzen seiner Heimat hinaus. Nach kaum einem Jahr waren schon mehr als hunderttausend Exemplare des Buchs verkauft. Viel Glück brachte der frühe Ruhm dem Dichter aber nicht. Yahya Hassan wurde geschätzt und verstoßen, umworben und bedroht. Am Donnerstag wurde bekannt, dass man seinen leblosen Körper gefunden hat. Er wurde 24 Jahre alt. Ihren Nachruf auf Hassan überschrieb die dänische Zeitung „Politiken“ am Donnerstagabend mit der Zeile: „Yahya Hassans Tod ist kolossal schockierend, aber gleichzeitig schmerzlich vorhersehbar.“

Als Hassan berühmt wurde, war er kaum achtzehn Jahre alt, und sein Erfolg ist nicht zu verstehen ohne das Leben, das er bis dahin gelebt, die Zeilen sind nicht zu trennen von dem, was er erlebt hatte. Er war eben nicht nur ein talentierter Lyriker mit einer verkorksten Kindheit, er war auch das Migrantenkind aus dem Problemviertel, das herausschrie, was viele so noch nicht gehört hatten.

Hassan wuchs als Sohn palästinensischer Einwanderer in Aarhus auf, in einem schwierigen Viertel mit sehr hohem Ausländeranteil. Seine Kindheit war geprägt von Gewalt und Ängsten, früh schon wurde er als Kleinkrimineller auffällig und landete in Heimen. Dort fing er an, Gedichte zu schreiben, und sein Schreibtalent fiel bald auf. Er wurde gefördert. Mit einer fast vierzig Jahre alten verheirateten Betreuerin fing er eine Beziehung an, auch das sollte im Drama enden. Auch darüber sollte er in seinen Gedichten schreiben.

Was Hassan aber vor allem schrieb, ermöglichte einen Einblick in die Welt von Migranten, wie man ihn noch nicht kannte. Dänemark hatte lange keine Worte gefunden, um über das zu reden, was in manchen Vororten und Einwanderervierteln passierte. Dann kam eine rechtspopulistische Partei und nutzte die Sprachlosigkeit Anfang der zweitausender Jahre, um mit scharfer Rhetorik den Aufstieg zu schaffen.

Als Hassan dann sein Buch veröffentlichte, redeten viele oft mit erstaunlichen Härte über die Probleme von Integration und Einwanderung. Nur nicht jene, die in den Problemvierteln lebten. Aber Hassan erzählte nicht nur davon, wie er mit seiner Familie in seinem Viertel die Dänen und den dänischen Staat kennengelernt hatte. Vielmehr attackierte er unerbittlich die Einwanderergeneration seiner Eltern. Er berichtete von Gewalt in seiner Familie („Wenn mein kleiner Bruder ins Bett gepisst/ hatte/ wurde er mit Faustschlägen geweckt“), von Rückzug und Integrationsverweigerung: „Dann flüchtete Dein Vater von Flüchtlingslager/ Und dann flüchtet mein Vater von/ Flüchtlingslager/ Und dann unsere Väter verwandeln/ Dänische Blöcke in Flüchtlingslager/ Sie holen unser Großeltern/ Unser Onkel und Tanten/ und kriegen sie alle Sozialhilfe“, schrieb er, oder: „Er ist muslimisch verheiratet lebt aber/ getrennt für die Kommune/ damit seine Frau für das Sozialamt/ alleinerziehende Mutter ist.“ In einem Gedicht mit dem Titel „Du kommst in die Hölle mein Bruder“, verdichtete er das alles zu den Zeilen: „Ich liebe euch nicht Eltern ich hasse euer/ Unglück/ Ich hasse eure Kopftücher und Eure Korane/ Und eure analphabetischen Propheten.“

Sein Debüt wurde begeistert aufgenommen, die Kraft seiner Sprache gelobt, und natürlich wurde sein Werk auch politisch diskutiert. Er selbst verweigerte sich der politischen Integrationsdebatte, aber sollte sich später doch bei einer kleinen Partei engagieren, die eine Stimme für Migranten in Dänemark werden wollte, aber den Einzug ins Parlament verpasste. Hassan war aber nicht nur plötzlich eine Berühmtheit, er war auch ein Verstoßener. Er wurde nicht nur von Muslimen in Dänemark für seine Darstellung von integrationsunwilligen Einwanderern kritisiert. Er wurde bedroht, er wurde von einem Islamisten angegriffen, er erhielt Personenschutz. Er machte aber auch Schlagzeilen mit seinem Drogenkonsum, und 2016 wurde er zu einer Haftstrafe von einem Jahr und neun Monaten verurteilt, weil er ein junges Bandenmitglied angeschossen hatte, von dem er sich bedroht gefühlt hatte. Im vergangenen Jahr erschien „Yahya Hassan 2“. Er saß im Gefängnis und auch in der Psychiatrie. Am Mittwoch 29. April 2020 wurde seine Leiche in seiner Wohnung in Aarhus gefunden.

Barataria Britz 2020

Ela Kargol, Ewa Maria Slaska, Krystyna Koziewicz

Seit es in Berlin die Quarantäne gibt, gehen wir am Wochenende meistens zu dritt, seltener zu zweit, spazieren, jedes Mal woanders hin. Das Wetter spielt mit, April und Mai 2020 sind schön, auch wenn manchmal windig. Der Himmel über Berlin war seit Jahrzehnten nicht so sauber und klar gewesen, so strahlend blau.

Am Sankt Andreas Tag (16. Mai) gingen wir in den Stadtteil Britz, bekannte Gräber (Gräber der Bekannten) zu besuchen und fanden… Barataria.

Auf dem Friedhof hinter der U-Bahn-Station Grenzallee liegt Witold Kamiński, paar Kilometer weiter südlich, im Parkfriedhof Neukölln – Prof. Stanislaw K. Kubicki.

Beide Verstorbene waren Freunde, beide – wichtige, bescheidene Menschen, so eine heutzutage seltene Eigenschaftzusammensetzung. Beide, um die Wörter von Ernst Wiechert zu benutzen, legten ihre Hände auf der Oberfläche der Wirklichkeit, beide haben tiefen Spuren hinterlassen. Professor Kubicki war Gründer der Freien Universität Berlin, Witold Kamiński – des Polnischen Sozialrats, einer der wichtigsten Selbsthilfeorganisationen der Polen in Berlin. Beide waren gute, offene, tolerante, helle Menschen gewesen. Um die Beiden haben wir geweint und sie fehlen uns, werden immer fehlen. (20191027_tsp_Todesanzeigen für KundK).


Der Parkfriedhof Neukölln liegt neben einer schönen Windmühle. Bei der Mühle steigen wir aus dem Bus aus.
Ja, sagt Ela, Barataria. Ich stimme zu. Barataria ist in unseren Gesprächen und auch auf diesem Blog seit langem keine Insel-Stadt mehr, wo Sancho Pansa zehn Tage als Gubernator wirkte, sondern ein Platz egal wo für Don Quijote.
Ja, es ist eine wunderbare Barataria. Ruheinsel mitten in der Stadt. Ungemähte Gras. Schafe auf der Wiese. Blühende Büsche. Eine alte hölzerne Windmühle, wo man immer noch (oder wieder?) das Mehl herstellt und den Beruf Müller erlernen kann; die nächsten Kurse beginnen Ende August; es gibt noch Plätze frei.

Wir gehen in den Parkfriedhof, eine Friedhofsanlage, die sich in der Gestaltung am Konzept des englischen Landschaftsgartens orientiert und die man seit Beginn des 20. Jahrhunderts überall in Europa errichten ließ. Der Parkfriedhof Neukölln ist groß und sehr unterschiedlich gestaltet, er fasst 202.180 m² um. Er ist ziemlich jung, wurde erst 1949 angelegt. Bemerkenswert, schreibt Wikipedia, sind die auf dem Friedhof weitläufige parkähnliche Gesamtanlage, die Skulptur der Persephone von Max Kruse, ein Zierbrunnen und fünf bildhauerisch aufeinander abgestimmte Schöpfstellen mit Skulpturen.

Wir wissen noch nicht, dass sich in der Friedhofsanlage die große Barataria vom Außen in kleiner Skala wiederholen wird. Kleiner und bunter als die große.

Wir sollten es aber schon geahant haben, als wir bei dem Eingang eine Leserin trafen. So ist es jetzt in Berlin. Es gibt in der Stadt 270 Friedhöfe, alte und neue, historische und moderne, aber allesamt schön und an schönen Tagen zum Relaxen, Lesen, Träumen einladend.

Liest die holzerne Leserin den Don Quijote? Möglich ist es. Zum Britzer Mühle ist es doch von ihr nur einen Hasensprung. Und siehe, ihr gegenüber gibt es auch ein Grab, an dem der Grabstein sichtlich aus dem Mühlstein gefertigt wurde. Dass es nicht das Grab von Don Quijote ist…

Erst gehen wir aber zu der Wiese, wo Herr Professor beerdigt wurde. Quartal 27.

Liegt er hier, wo die Kerze steht? Das wissen wir nicht, ist es aber doch ganz unwichtig. Wir sind zu ihm gekommen und das weißt er, dessen sind wir uns sicher. Seien Sie gegrüßt, Herr Professor.

Nicht weit von der Wiese, wo Herr Professor begraben liegt, hat jemand eine Stelle für Kindergräber entworfen. Ein Ort der Farben und, ja, Fröhlichkeit. Solche Kinder-Grabfelder sind in Berliner Friedhöfen allerorts zu finden. Offensichtlich hat es irgendwann Jemand (ein Psychologe vielleicht) entdeckt, dass (vielleicht) eine Trauerarbeit um das Kind besser gelingt, wenn die Trauernden nicht in ein tiefes schwarzes Loch gestürzt sind, wenn um sie herum etwas optimistischer vorgeht. flyer_sternenkinder

Hier wiederholt sich alles: Es gibt ein kleines Palais (das von der Fürstin und den Fürsten, die Sancho Pansa zu Gubernator auf der Insel Barataria machten?)
Kleine gewundene Steinwege, hie und da mit bunten Kachelsteine inkrustiert, ganz im spanischen Stil, führen zu den Thronsesseln für die Fürstin und ihren Herr Gemahl. Mitten in einer Steinspirale steht ein Windrad, um ihn herum sind kleine Gräber voller bunter Windräder platziert, dahinten auf der Wiese stehen farbige Schafe. Heute sind sie pastellfarben, aber auf einem Foto aus dem Flyer sieht man, dass sie Mal starke, kräftige Farben hatten.

Nebenan fotografieren wir auf einer hölzernen Bank zwei alte Kuscheltiere. Ich schaue sie an und denke, dass der Dünne, der links liegt, vielleicht im depressiven Zustand, Don Quijote ist und der dicke, zufriedene – Sancho Pansa. Im Buch ist Barataria ein einziger Zeit-und-Raum, wo die Beiden getrennt sind. Hier sind sie wieder zusammen, einer leidet für die Welt und der Andere (eine Katze ist es) passt wachsam auf, dass dem Traurigen nicht passiert. Pass auf uns auch, Sancho Pansa.

Frauenblick: Prag 6

Monika Wrzosek-Müller

Prag immer wieder und noch immer!

Die Wege zu manchen Parks in Prag werden sich in mein Gedächtnis einprägen: mit der roten 18 oder der kurzen 2 nach Letna, mit der alten 22 nach Petrin und mit der meist modernen 20 nach Divoka Sarka, mit der 17 zur Stromovka oder in die anderen Richtung nach Visehrad, allesamt Straßenbahnlinien. Unterwegs ein Meer von soliden alten Bürgerhäusern mit differenzierten, sehr verschiedenen Fassaden, meistens in gutem Zustand, in allen Architekturstilen. Ab und zu ragen wunderschöne Türme, Kuppeln, Dächer von Klöstern, Kirchen, Theatern auf. Die Zahl der Theater ist unendlich; fast jedes Viertel hat nicht nur eins, meistens sind es mindestens zwei; eines für das tschechische Publikum das andere (früher) für das deutsche, und manchmal sogar für das jüdische und sie heißen nicht Theater, wie in fast allen europäischen Sprachen, sondern divadlo (was in der slawischen Sprache leicht zu erklären ist: dziwować się, patrzeć: sich wundern, schauen). Das mit der großen Zahl gilt auch für die Friedhöfe; Friedhofsmauern und -tore laufen an vielen Straßen entlang, manche bilden nur noch Oasen des Grüns und werden nicht mehr genutzt, es sei denn zum Verweilen und Ausruhen, manche sind inzwischen Teil von Museen. Die Fassaden der Kirchen, oft in die Fluchtlinie der Straße eingegliedert, doch mit bewegten, wellenförmigen Ornamenten sind eine gute Unterbrechung, damit das Auge wieder konzentriert betrachten kann. Es gibt auch enorm viele Denkmäler, neben den alten bronzenen menschlichen Gestalten zu Pferd oder auch sitzend, auf einem Sockel stehend, kommen neuere Skulpturen auf kleinen Plätzen, neben einem Gebäude, vor einer Kirche; sie signalisieren meistens: wir denken noch daran, immer, immer wieder. So zum Beispiel das Denkmal für die Opfer des Kommunismus; aber auch so viele ganz moderne Skulpturen im weitesten Sinne (wie die von Cerny) habe ich bis jetzt in keiner anderen Stadt gesehen. Es gibt sogar ein Lapidarium, in dem alle nicht mehr aufgestellten Skulpturen und Denkmäler versammelt und aufbewahrt sind. Ja, eine Stadt, die über so viele Jahrhunderte kontinuierlich gewachsen ist und das meiste erhalten und gepflegt hat, gibt es in Europa mit allen seinen Kriegen wirklich selten.

In dieser Stadt laufe ich jeden Tag herum, betrachte Fassaden, Denkmäler, Straßen und grübele, wie das Leben wohl früher hier aussah. Das ist ganz nah und greifbar und eigentlich leicht vorstellbar, doch vieles oder auf jeden Fall einiges ist auch auf ewig verschwunden. Das ganze jüdische Leben ist zum Beispiel zu einem musealen Komplex in Josefov-Viertel geworden, in Corona-Zeiten regt sich da nichts mehr. Die hier lebenden Juden wurden mehrmals auch in früheren Zeiten vertrieben, von Maria Theresia 1744, später durften sie ihr Handwerk oder ihren Beruf ausüben, doch kein Eigentum erwerben. Nach 1849 wurde das Ghetto allmählich aufgelöst und wegen des schlechten Zustandes und mangelnder Hygiene aufgrund der Assanierungsgesetze von 1893 völlig neu errichtet und später der Stadt als Josefov-Viertel eingegliedert. Nach dem Zweiten Weltkrieg sind nun die alten Bewohner völlig verschwunden, zu denen auch die deutschen Bewohner dieser neu entstandenen prächtigen Bürgerhäuser zählten. Geblieben sind nur die alten Synagogen und der alte Friedhof als museale Objekte; einzig die Jerusalemer Synagoge wird noch für religiöse Zwecke genutzt; die heutige jüdische Gemeinde ist winzig. Fast jeden Morgen schaue ich mir auch vier Stolpersteine, die um die Ecke unserer Wohnung in das schöne Pflaster aus kleinen hellen Granit- und Marmorsteinchen eingelassen sind, sie zeugen von der Abwesenheit.

Mein Kopf geht manchmal in den schmalen, engen Gassen seinen eigenen Weg, verlässt die umgebende Realität. Seit Tagen sitze ich und übersetze Texte für einen Sammelband über die Entwicklung des Regionalismus in Polen. Die Entstehung dieser historischen Teildisziplin ist mir eher schleierhaft, aber manchmal werde ich durch diese Texte mit eigenen Erinnerungen konfrontiert. Einer der Texte handelt von der Herausbildung der Subregion Gorce-Gebirge neben der stark autonomen und folkloristisch interessanten Region Podhale. Da werde ich in die Vergangenheit katapultiert; als Kind fuhr ich nämlich jahrelang in die Gorce-Region: Rabka-Zdrój, Rabka Zaryte, Chabówka etc… das kleine Flüsschen Białka. Meine Großmutter konnte sich nicht in höheren Bergen aufhalten und so wurde die Familie nach Gorce gelenkt. Meist gleich für zwei Monate mieteten meine Eltern eine richtige Bauernhütte; ich erinnere mich an das Entsetzen meiner Oma, als wir das erste Mal in Rabka-Zaryte ankamen und das Häuschen sahen, in dem wir wohnen sollten, ein gemeinsamer Flur sozusagen für Mensch und Tier. Wir sollten auf der einen Seite, die Tiere auf der anderen Seite hausen. Ich erinnere mich an die laut summenden dicken Fliegen, und an den Geruch, um nicht zu sagen den Gestank. Meine Oma kämpfte resolut und mit allen Mitteln mit der Bäuerin und die Tiere wurden verlegt, die beiden Räume, in denen wir wohnen sollten, noch schnell geweißt. Wir blieben die ganzen zwei Monate der Ferien in den Bergen, zuerst mit der Oma, was mich am meisten freute und mir lieb war, dann kam noch meine Lieblingstante dazu, um in das Dorfleben eingeführt zu werden, meine Oma reiste ab, zum Schluss kamen meine Eltern und manchmal auch irgendwelche Freunde mit ihren Kindern. Auf den Fotos aus der Zeit sehe ich wie ein kleiner Junge aus, mit ganz kurzen Haaren und einem komischen Pony, ganz hoch, kurz geschnitten, ich fürchte von der Hand meiner Mutter; neben mir meine Schwester und zwei oder drei andere Kinder, dazu kamen dann auch oft noch die Kinder aus dem Dorf. Für uns waren das immer ganz tolle Ferien, mit verschiedenen Tieren, mit viel Auslauf und Freiheit, mit ganz anderem, fast exotischen Leben; wir lernten Butter schlagen in hohen hölzernen Gefäßen und hatten jede ein eigenes Küken, das mit der Zeit wuchs und später verspeist werden sollte, was aber jedes Mal mit einem Drama endete. Man musste Wasser aus dem Brunnen ziehen und auf einem alten Holz- oder Kohleofen heiß machen, damit man kochen konnte. Später gab es zum Wasserkochen große, kleine und mittlere Tauchsieder. Wir tobten in den Scheunen herum, gingen auf die Wiesen, um auf die Kühe aufzupassen, sammelten Eier, die die Hühner irgendwo auf dem Gelände gelegt hatten. Zum ersten Mal sah ich ganz kleine Küken, die gerade aus dem Ei geschlüpft waren. Nach Warschau kamen wir braungebrannt, gestärkt und meistens voller Läuse zurück. Dass diese Gegend so einen Aufschwung nehmen und zum Touristenmagnet werden würde, hätte ich nie gedacht. Natürlich fuhren wir wegen der guten Luft, der günstigen klimatischen Lage dorthin, aber auch und vor allem weil es da sehr preiswert war.

Mein Vater kam meistens nur für zwei Wochen dazu und nach ein paar Tagen ging er wandern. Er nahm seinen alten, rundlichen Stoffrucksack, mit zwei aufgesetzten Taschen mit ledernen Verschlüssen, und verschwand für zwei, drei Tage; es hieß, er würde den Turbacz besteigen, den höchsten der eigentlich ziemlich niedrigen Berge da. Er kam meistens voll von Erlebnissen aus dem Wald zurück, überwältigt von der Natur und den Ausblicken auf die Tatra-Gipfel; oft, das gab er auch freimütig zu, hatte er sich verlaufen, denn es gab keine vorgezeichneten Routen. Einmal hatte er eine Begegnung mit einem Luchs, der ihn den ganzen Nachmittag verfolgte und sich gegen Abend auf ihn stürzen wollte; und wohl hat er das auch getan, denn mein Vater kam mit Schrammen an Armen und Händen zurück und meine Mutter schimpfte, dass er sich solchen Gefahren aussetzte. Ich jedoch fand es fantastisch und stellte mir immer wieder vor, wie sich das abgespielt haben mochte.

Wir waren ganz in das Dorfleben integriert, spielten in der Scheune im Heu, gingen mit den Kühen auf die Weide, sangen mit den Dorfkindern Lieder; während der Ernte halfen wir, so gut wir konnten, und fuhren abends auf den hohen Heuwagen mit der ganzen müden Mannschaft nach Hause zurück. Wir gingen alle mit Eimern Blaubeeren und Himbeeren pflücken, am Ende des Aufenthalts auch Pilze sammeln. Pilze wuchsen zu Tausenden in der Gegend, man musste sie nicht besonders suchen, manchmal schnitt man sie mit einer Sichel (die Reizker und die Butterpilze), man stolperte über sie und wollte sie irgendwann gar nicht mehr sehen.

Diese Welt, so lese und übersetze ich, ist verschwunden; die Region hat sich herausgemacht, ist touristisch voll erschlossen. Man kann Appartements mieten oder im Hotel wohnen. Natürlich ist es gut, dass es den Menschen dort besser geht, doch ganz viel von dem authentischen Leben, dem aus meiner Erinnerung, ist weg. Eigentlich, denke ich, müsste man auch bestimmte Lebensformen wie die alten Denkmäler konservieren, erhalten, damit wir sehen können, wo wir waren und wohin wir gegangen sind und welche Entwicklungen dabei wirklich positiv waren.

Zurück zu Prag, die Stadt nutzt die Zwangspause und bessert alles aus: die Fassaden, die Straßenbahnschienen, die Trottoirs, die Gärten; auch viele Restaurants renovieren ihre Innen- und Außenräume, auch manche Museen sind mit Gerüsten versehen. Doch eigentlich, so geben auch unsere hiesigen Freunde zu, ist die Stadt jetzt schöner und zugänglicher mit der deutlich reduzierten Zahl an tobenden Menschenmassen; wäre das nicht ein guter Ansatz etwas zu ändern.

Mama, Rysia, Marx

Wenn es Pandemia nicht gegeben hätte…

Ewa Maria Slaska
Mein Leben kann man in
drei Phasen aufteilen, eine für Mama, eine für Marx und eine für Rysia.
Zufälligerweise sind sie alle drei am 5. Mai geboren: 1818 / 19
18/ 2018

– Mein Leben, sagte ich zu Marx, ist ganz genau der rechte Handschuh des Buches von deinem Freund, der Friedrich von Engels.
– Er war kein „von“. Ich war es. Und meine Frau.
– Egal. Er schrieb ein Buch, unter dem Titel: Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats. Und bei mir war es gerade umgekehrt: Der Verlust der Familie, des Privateigentums und des Staats.

Kapitel Eins. Mama oder der Ursprung der Familie.

Du bist eine schreckliche Hexe, sagte meine Mutter, kein Mann wird dich je heiraten wollen.
Ich bin sechs. Verstehe kaum, was sie sagt, aber die Drohung ist unverkennbar.
Was habe ich getan, dass sie mir sowas sagte?

– Eee, sagt Rysia. Unwichtig. Einfache kolloquiale Übertreibung.

Der Tag liegt über 60 Jahre zurück. Es gab noch keine kleine Hexe namens Bibi Blocksberg, noch keine sympathischen Drachen, Vampire und Magier. Man brauchte noch Jahrzehnte, um die Kraft einer Hexe zu entdecken und sie zum Symbol der Frauenbewegung zu erheben. Ich war ein Kind. Eine Hexe war ein Schreck. Alles, wovon wir in der Märchenwelt umgeben wurden, war schrecklich, egal ob es die Gebrüder Grimm waren oder Andersen. Die kleine Sirene verliert lange Haare und Stimme, um die Liebe des Prinzen zu gewinnen. Die Hexe sagt ihr, dass sie zwar jetzt wunderbare Beine hat, aber mit der Liebe ist es so, dass man nie sicher sein kann, ob man geliebt wird. Und sie wird nicht geliebt. Sie steht im Schloss in einer dunklen Ecke und schaut zu, wie der Prinz eine Usurpatorin heiratet. Dich wird man nicht heiraten, kleine Sirene.
Und die Beine tun dir weh.
Deine Beine bluten.

Das Mädchen, das auf das Brot trat, ist auch von Andersen. Sie wollte tanzen gehen in ihren schönen roten Schuhen, und wollte sie nicht schmutzig machen. Sie musste durch einen Sumpf. Schnell holte sie das Brot aus ihrer Tasche, schmiss es in den Schlamm, und Hop, dachte sie, schon bin ich auf der anderen Seite. Aber nein. Sie versank in den Moorgrund und kam zur Moorfrau hinunter, die dort braut. Das sieht man, wenn die Wiesen im Sommer dampfen. Es ist schrecklich in der Brauerei der Schlammhexe, es ist eine stinkende Schlammgrube! Du wirst später selber eine Schlammhexe, Mädel. Man wird dich nie heiraten wegen deiner Füße in roten Schuhen.

– Hej, faucht Rysia. Schmeiß deine roten Schuhe weg.

Natürlich noch Aschenputtel. Beine, Füße, Schuhe, Blut, Prinz. Im Märchen wird er dich heiraten, aber im wahren Leben heiratet er eine von deinen Halbschwestern, die, die sich die Zehen abgehackt hatte, oder eh die, die ihre Fersen abhackte. Ihre Füße bluten, man wird dich nicht heiraten.

Och ja, klar, auch Rotkäppchen.

– Na, sagt Rysia, was sucht sie hier? Ihre Beine sind ganz in Ordnung. Und ihr Blut steckt ganz symbolisch im Rotkäppchen.

Man hackt auf dich ein, kleines Mädchen, deine Füße bluten. Du stehst in einer dunklen Ecke hinter dem Weihnachtsbaum und betest darum, dass dich niemand zum Tanzen auffordert. Du bist sieben. Deine Mutter hat dir ein Kleidchen gemacht, indem sie ihr Kleid grob abgeschnitten hat. Man sieht die Nähte ganz genau, jeder Stich ist so lang wie Mamas Finger. Mama hat sich mit der Nadel in den Finger gepiekt. Man sieht es nicht, aber auf dem Kleid ist Blut. Und du bist eine Hexe.
Hexe, Blut, Beine, Schuhe, Prinz, das wird gebraucht, um zu heiraten.
Aber siebenjährige Mädchen heiraten noch nicht.

Wir waren beide im Zimmer und standen neben dem Bücherregal. Mama in der Hocke, ich neben ihr stehend. Was habe ich damals getan, dass sie mir so etwas sagte? Seit Jahren versuche ich meine Unfähigkeit, mich daran zu erinnern, durchzubrechen, einen Schritt tiefer in die verlorene Zeit zu machen, nur eine Minute früher. Diese eine Minute.

Na, sagt Rysia. Lass die Minute sein. Es war eh eine Prophezeiung und keine Bedrohung. Du wolltest nie heiraten. Ja, wohl hast du es getan, aber dann biste weg, du warst weg, du wolltest es nicht und jetzt lebst du allein, das heißt mit mir, natürlich, und sagst immer selber, dass du so zufrieden bist, wie nie in deinem Leben.
Und rote Schuhe sind rote Schuhe. Und rote Socken sind rote Socken. Und eine Rose ist eine Rose.

Es gibt noch eine Frauengeschichte mit Blut. Eine Frauentag-Geschichte. Eine Frau sticht sich in den Finger. Die Frau bin ich, noch klein, aber in einer kleinen Frau steckt schon immer die zukünftige große Frau. Ich war acht Jahre alt, und ging zu einem Ballettkurs. Wir tanzten eine einfache Tanzszene. Zuerst gingen wir, Mädchen in weißen Ballettkleidchen, paarweise quer über die Bühne, als ob wir die Blumen sammelten. Dann kamen von der anderen Ecke Jungs in Leinenhosen und taten so, als ob sie uns erschrecken wollten. Wir liefen rum, die Jungs hinter uns, dann aber war klar, dass es nur ein Scherz war, wir bildeten einen Kreis, Mädchen, Junge, Mädchen, Junge, hielten uns fest an den Händen und tanzten im Kreis, schneller, schneller, schneller…

Einmal im Jahr tanzten alle Ballettkinder in der Oper, wir also mit unseren Wiesentanz auch. Der Ballettlehrer hat uns tausend Mal ermahnt, dass wir unsere Kleidchen schneeweiß waschen müssen und dann glatt und glänzend bügeln. Unsere Ballettschuhchen müssten auch schneeweiß sauber gekriegt werden, genauso wie Slips, die unter den kurzen Kleidchen hervorzulugen hatten. Es ist schwer zu begreifen, aber 1957, in der Volksrepublik Polen, war es fast unmöglich, diese Forderungen zu erfüllen. Es ist mir heut nicht klar, weshalb ich mich um mein Kostüm selber kümmern musste. War aber so. Plötzlich war es Frauentag und ich musste mich für die Matinee in der Oper fertig machen. Es geschah, wie es geschehen musste. Das Kleidchen war zwar vielleicht nicht schneeweiß, aber doch weiß, sauber und glatt gebügelt, die Schühchen waren ebenfalls eher eierschalen- als schneeweiß, aber irgendwie würde es gehen. Aber es gab KEINEN Slip! Keinen Slip! Keinen Slip! O Gott, was jetzt? Zur Erklärung: das, was in den Frühfünfzigern in Polen ein Mädchen an normalen Tagen trug, waren so genannte „Reformen“, Baumwollhöschen, meistens rosa. Zig mal getragen und ausgewaschen. Nirgendwo ein Slip. Nicht im Schrank, nicht im Wäschekorb. Dort aber finde ich weiße Nylonslips meiner Mutter. Sie sind ungewaschen, ja, und viel zu groß, ja, aber mindestens weiß und gleißend. Ich hole mir mein Nähzeug, und ruck zuck mit großen langen krummen Stichen nähe ich mir aus Mamas weißen Slips so etwas wie Mädchenslip für mich. Ich muss mich beeilen, es ist schon spät, gleich muss ich losrennen. Den letzten Stich ziehe ich durch meinen Finger! Ich reiße mich im Schreck hoch, zerreiße die Haut, Blut tropft auf… och… Gott sei‘s dank, Blut tropft auf den Fußboden und nicht auf meine hervorgezauberten Slips. Ich binde ein Taschentuch um meinen Finger, packe ein, binde mir ein weißes Tuch um die Haare und bin schon auf der Straße, laufend, so schnell ich kann.

Ich komme als Letzte, eine der Mutter entdeckt meinen blutenden Finger, klebt mir ein Wundpflaster um, zupft am meinem Haartuch, und schon stehen wir hinter der Bühne und warten auf unseren Auftritt. Vor uns sind noch die Kindergarten-Kinder und Erstklässler, die einen dummen Zwergentanz tanzen, nicht so wie wir, schon große schöne Mädchen, die einen lieblichen schönen Wiesentanz tanzen werden… Schöne Prinzessinnen, leicht wie Elfen…

Jetzt tanzen wir … Wir beugen uns, um die schönen Blumen zu pflücken, irgendein Mozart fließt von oben auf uns, tin tin tin tin, tanzen wir auf unseren Satinpointe-Schuhchen, hier so eine schöne Blume, und da noch eine und mein Slip beginnt sich aufzulösen… Ich höre es durch den Mozart sehr deutlich … Auf dem linken Pobacken. Schon kommen die Jungs, wir laufen weg, tirlirirlilalallala, weg in den Wald, die Jungs kommen näher, hop hop hop, Mädels lauft, laufe du Schöne, laufe Fraulein, Schmetterlinge kommet näher… Wir drehen uns, lach lach lach lacht die Musik, lach lach lach lachen die Mädchen über den Scherz, lach lach, meine Slips knistern auf dem rechten Po… Wir halten Händchen und tanzen schneller, schneller bis meine Slips, schon total zerissen, mir vom Po nach unten fließen und ich stolpere um sie, falle mit der Nase auf den Boden. Shame auf meinen Po. Ich hoffe, ich sterbe. Dong! Der ganze Kreis zerreißt, mehrere von uns fallen auf den Fußboden. Vorhang. Ende Gelände. Ich werde nie wieder auf der Bühne tanzen, keine Primaballerina werden.

So verliert man die Familie und ist allein auf der Welt. Sie können heftig wie sie wollen auf mich wirken, sich um mich drängen, mich umarmen mit ihren Judasumarmungen, ich habe keine Familie, keine, die mir Halt und Hilfe versprechen kann im Angesicht der Gefahren der weiten großen, schrecklichen Weltbühne. Egal wie schön sie immer wieder Mozart spielen mögen, ich werde ihnen allen nie mehr glauben… Sie haben mich alleine gelassen. Sie taugen als Familie nichts. Ende des Kapitels Eins.

Oder nein, noch nicht. Noch eine Bemerkung. Daher habe ich ja auch keine gute, feste, ewighaltende Familie gründen können.

Jetzt aber. Ende des Kapitels Eins. Verlust der Familie.

Kapitel Zwei. Marx oder der Ursprung des Privateigentums.

Man hatte in Polen gar nichts. Ich noch weniger als die anderen, weil meine Eltern keinen Wert auf das Materielle legten. Das sagten sie immer wieder und waren stolz drauf, Grashüpfer sein, keine Ameisen. Das hieß in der Praxis, dass meine Freundinnen aus der Schule Mama und Papa fragen konnten, ob sie ihnen etwas kaufen. Eine Jacke, einen Rock, Schuhe. Ich nicht. Ich trug immer etwas von den Älteren, etwas Abgelegtes, Nicht-Gewolltes. Das letzte woran ich mich erinnere, das für mich gekauft und genäht wurde, ist eine wollene Jacke, gemustert Dunkelblau und Schwarz. Da bin ich vielleicht zwölf gewesen. Sonst nie etwas Neues. Nie. Einmal, fragte ich, ob ich neue Handschuhe bekommen kann, meine sähen nämlich schrecklich kindisch aus. Nein, sagt Papa, es gibt kein Geld für neue Handschuhe, nur weil sie schrecklich aussehen. Ich hab selber gar keine.

Das prägt für immer. 60 Jahre später, ohne darüber nachzudenken, bin ich sofort im Stande das Prinzip Zero-Waste anzunehmen und zu wissen, dass ich bis Ende meines Lebens NIE MEHR etwas kaufen werde. Das macht mir nichts aus. Ich lernte es, als ich zehn war. Die Handschuhe waren mein letzter Versuch. Seitdem werde ich nie mehr drum bitten, dass man mir etwas kauft. Ich wachse in dem zu langen Mäntel und den zu engen Schuhen auf, in schlecht angepassten Klamotten. Seit dem Vorfall mit dem Slip für den Ballettauftritt versuche ich auch nie mehr, etwas für mich zu nähen.

Nie werde ich von alleine Shopping machen. Klamotten sind ja in Polen auch schlicht miserabel. Also kein Geld da, wenn aber doch, dann gibt es sowieso nichts, was man kaufen wollte. Da ich aus Danzig komme, einer Hafenstadt, hatte ich (rein theoretisch) noch eine andere Option, an Klamotten zu gelangen, nämlich die von Seemännern aus dem Ausland mitgebrachte, was dem Neckermann-Katalog-Angebot der 70ger entsprach. Die Dinge kamen zu einem entweder unter dem Tisch oder in den gesetzlich zugelassenen privaten Läden, die Komis hießen. Im Komis nahm man die Ware nur zum Provisionsverkauf. Die Dinge waren sündhaft teuer. Nur eine meiner Schulkameradinnen hatte solche Klamotten, die ihr ihre reiche Tante kaufte. Aber eine reiche Tante war eine seltene Ware. Ich hatte zwar auch eine, die wohnte aber in Australien. Etwa zweimal im Jahr schickte sie uns große Pakete voller Kleider und der Tag wenn Mama, meine Schwester und ich die Pakete öffneten, war ein buntes Fest fürs Leben in der grauen Wirklichkeit des kommunistischen Polens, aber die Kleider selber taugten für Nichts. Riesige raschelnde Taft- und Tüllballkleider, grosse Strickjacken, Kostümchen für Mitvierzigerinnen, die um vier oder fünf Konfektionsgrößen grösser und breiter waren als ich.

Als ich in den Westen kam, wiederholte sich die Situation. Zuerst hatte ich kein Geld, und als ich endlich an Geld kam, waren erst alle Dinge nie so, wie ich sie tragen wollte. Dazu kam noch ein mulmiges Gefühl, eine Art Gewissensbisse, als ich das Geld für mich selber ausgab. Mindestens zehn Jahre dauerte es, bis ich endlich ohne Probleme in einen Laden gehen konnte, um mir ein Kleid zu kaufen. Allmählich waren die Klamotten auch angenehmer, sahen nicht so verdammt steif und kleinbürgerlich aus, es kamen Boho-Looks, Ethno-Looks, Second-Hand-Looks, Urlaub-in-Toscana-Looks und was auch noch alles, bald aber wurden sie durch Billigzeug aus Indien, Pakistan und China ersetzt. Tand, Tand, Tand ist das Gebilde von Menschenhand, schrieb Fontane. Tand, Tand, Tand. Aus dem Gefühl, dass alles Tand ist, erwuchs selbständig, unabhängig von Moden und Trends, die Entscheidung, dass die Klamotten für nichts taugen.

Sie sind mir zum Symbol geworden, Symbol für Alles, was man wollen könnte und nicht hatte, um dann festzustellen, dass man es auch nicht braucht. Haus – um Gotteswillen! nur zum weglaufen. Auto! Kein Führerschein, wie praktisch. Fahrrad – dito, nicht zu gebrauchen von Jemanden, der nicht Fahrrad fahren kann. Bücher – sind doch Bibliotheken da und Bücherstände auf dem Flohmarkt. Möbel, Tand Tand Tand ist alles von Menschenhand.

Und endlich ein Zitat, das zu mir passt. Das hilft unendlich. Was braucht ein Schriftsteller? Nicht viel, viel weniger als jeder andere, Bett, Tisch, Stuhl, Bücher vielleicht und ein bisschen Geld für Reisen, um die Welt zu sehen. Gott sei gedankt, dass ich eine Schriftstellerin bin.

Was für ein wunderbares Prinzip. Ja, Marx, im Allgemeinen geht es mir um soziale Gerechtigkeit, im Grunde aber, um das Prinzip, teilen zu können. Für Leute kann es schwer sein, zu teilen. Für mich nicht. Ich kann alles teilen, alles weggeben.
Was kann aber derjenige teilen, der nichts hat und nie den Sinn entwickelte, etwas zu besitzen?!

Ende des Kapitels zwei. Verlust des Privateigentums.

Kapitel Drei. Rysia oder die Entstehung des Staats.

Denken Sie bitte nicht, dass ich meinen Staat Polen verloren habe, als ich im Januar 1985 mit einem Koffer in einer Hand und mit der zweiten die Hand meines Sohnes haltend, einen Zug aus Danzig nach Berlin Ost bestieg.

Ich emigrierte, aber der Staat war da. Überhaupt und für mich. Ich wusste nicht, dass es so ist, aber jetzt weiß ich – solange ich mich für den Staat engagierte, hatte ich ihn. Sogar als PiS an die Macht gekommen ist, engagierte ich mich gegen diese Partei und dies bedeutete, dass ich ihn hatte, den Staat. Weil der Staat doch nicht die Regierung ist und nicht das Territorium. Nicht die Grenze und nicht die Leistung. Nicht Errungenschaften machen den Staat und sogar Fehler ändern nichts an dem, was er im Grunde ist. Der Staat, der dein ist, ist Liebe. Es sind Menschen mit denen wir gemeinsam unseren Staat lieben. Wir können auch stolz sein, dass muss aber nicht sein. Was sein muss, ist die gemeinsame Liebe. Je länger die Litanei der Verbrechen ist, die die Recht und Gerechtigkeit-Partei gegen die Demokratie verbrochen hat, desto schwieriger war diese Liebe, aber sie war da, immer noch war sie da. Oder mindestens – dachte ich, dass sie da war.

In nicht mal einer Woche soll in Polen eine Wahl-Farce stattfinden. Man hat wegen der Pandemie Briefwahl konzipiert, die Post, der die Territoriale Militäreinheiten zu Hilfe stehen werden, muss austragen und soll damit unabhängige Wahlkomitees ersetzen.

Die Wahlen werden von PiS gewonnen. Der gängige Witz lautet: sag mal, mit wie vielen Stimmen wird Duda am 10. Mai die Wahlen gewinnen?
Im kommunistischen Polen wären es 99%, in PiS-Polen wird man sich mit 61% begnügen. Das reicht. Mehr braucht niemand. 61% und die Pandemie, die den Diktatoren in aller Welt wie ein Himmelsgeschenk in den Schoß fiel, werden reichen, um die Diktatur der Einzigwichtigen-Partei für die nächsten 20 Jahre zu festigen. Sie sind keine Idioten, die von der PiS-Partei. O nein, die sind die klügsten Köpfe, die wir jemals am Steuerrad des Staatsschiffes hatten. Klüger als Boleslaus der Mutige, der erste polnische König, klüger als Kasimir der Große, der Polen modernisierte, klüger als Wladislaus Jagiello, der den größten Sieg in der Geschichte Polen ausgekämpft hatte. Klüger als Bierut, Gomułka, Gierek und Jaruzelski, als Wałęsa, Mazowiecki, Kwaśniewski und Tusk. Sie haben ganz Polen, einen 40-Milionen-Staat unterjocht, ohne eine einzige Strassenschlacht, ohne jedweden politischen Gefangenen, ohne Zensurbehörde und Unterdrückungsapparat. Nur durch Propaganda und die alte Römische Regel divide et impera, regiere und teile (sprich: bezahle), haben sie die absolute Macht bekommen, haben Millionen aber Millionen Zlotys aus den Staatskassen auswandern lassen: für sich und eigene Sippschaft und für die Katholische Kirche.

Und dies alles bei wachsender Popularität. 61%.

Das erschreckt und lässt die übliche Liebe im Hals stecken.
Gestern fragte mich mein Kumpel, ob ich wählen gehe?
Nein, sagte ich, wozu auch?
Ich liebe diesen Staat nicht.
Ende des Kapitels 3. Verlust des Staats.

Mach dir keine Sorge, sage ich zu Rysia, dich liebe ich.