Barataria Britz 2020

Ela Kargol, Ewa Maria Slaska, Krystyna Koziewicz

Seit es in Berlin die Quarantäne gibt, gehen wir am Wochenende meistens zu dritt, seltener zu zweit, spazieren, jedes Mal woanders hin. Das Wetter spielt mit, April und Mai 2020 sind schön, auch wenn manchmal windig. Der Himmel über Berlin war seit Jahrzehnten nicht so sauber und klar gewesen, so strahlend blau.

Am Sankt Andreas Tag (16. Mai) gingen wir in den Stadtteil Britz, bekannte Gräber (Gräber der Bekannten) zu besuchen und fanden… Barataria.

Auf dem Friedhof hinter der U-Bahn-Station Grenzallee liegt Witold Kamiński, paar Kilometer weiter südlich, im Parkfriedhof Neukölln – Prof. Stanislaw K. Kubicki.

Beide Verstorbene waren Freunde, beide – wichtige, bescheidene Menschen, so eine heutzutage seltene Eigenschaftzusammensetzung. Beide, um die Wörter von Ernst Wiechert zu benutzen, legten ihre Hände auf der Oberfläche der Wirklichkeit, beide haben tiefen Spuren hinterlassen. Professor Kubicki war Gründer der Freien Universität Berlin, Witold Kamiński – des Polnischen Sozialrats, einer der wichtigsten Selbsthilfeorganisationen der Polen in Berlin. Beide waren gute, offene, tolerante, helle Menschen gewesen. Um die Beiden haben wir geweint und sie fehlen uns, werden immer fehlen. (20191027_tsp_Todesanzeigen für KundK).


Der Parkfriedhof Neukölln liegt neben einer schönen Windmühle. Bei der Mühle steigen wir aus dem Bus aus.
Ja, sagt Ela, Barataria. Ich stimme zu. Barataria ist in unseren Gesprächen und auch auf diesem Blog seit langem keine Insel-Stadt mehr, wo Sancho Pansa zehn Tage als Gubernator wirkte, sondern ein Platz egal wo für Don Quijote.
Ja, es ist eine wunderbare Barataria. Ruheinsel mitten in der Stadt. Ungemähte Gras. Schafe auf der Wiese. Blühende Büsche. Eine alte hölzerne Windmühle, wo man immer noch (oder wieder?) das Mehl herstellt und den Beruf Müller erlernen kann; die nächsten Kurse beginnen Ende August; es gibt noch Plätze frei.

Wir gehen in den Parkfriedhof, eine Friedhofsanlage, die sich in der Gestaltung am Konzept des englischen Landschaftsgartens orientiert und die man seit Beginn des 20. Jahrhunderts überall in Europa errichten ließ. Der Parkfriedhof Neukölln ist groß und sehr unterschiedlich gestaltet, er fasst 202.180 m² um. Er ist ziemlich jung, wurde erst 1949 angelegt. Bemerkenswert, schreibt Wikipedia, sind die auf dem Friedhof weitläufige parkähnliche Gesamtanlage, die Skulptur der Persephone von Max Kruse, ein Zierbrunnen und fünf bildhauerisch aufeinander abgestimmte Schöpfstellen mit Skulpturen.

Wir wissen noch nicht, dass sich in der Friedhofsanlage die große Barataria vom Außen in kleiner Skala wiederholen wird. Kleiner und bunter als die große.

Wir sollten es aber schon geahant haben, als wir bei dem Eingang eine Leserin trafen. So ist es jetzt in Berlin. Es gibt in der Stadt 270 Friedhöfe, alte und neue, historische und moderne, aber allesamt schön und an schönen Tagen zum Relaxen, Lesen, Träumen einladend.

Liest die holzerne Leserin den Don Quijote? Möglich ist es. Zum Britzer Mühle ist es doch von ihr nur einen Hasensprung. Und siehe, ihr gegenüber gibt es auch ein Grab, an dem der Grabstein sichtlich aus dem Mühlstein gefertigt wurde. Dass es nicht das Grab von Don Quijote ist…

Erst gehen wir aber zu der Wiese, wo Herr Professor beerdigt wurde. Quartal 27.

Liegt er hier, wo die Kerze steht? Das wissen wir nicht, ist es aber doch ganz unwichtig. Wir sind zu ihm gekommen und das weißt er, dessen sind wir uns sicher. Seien Sie gegrüßt, Herr Professor.

Nicht weit von der Wiese, wo Herr Professor begraben liegt, hat jemand eine Stelle für Kindergräber entworfen. Ein Ort der Farben und, ja, Fröhlichkeit. Solche Kinder-Grabfelder sind in Berliner Friedhöfen allerorts zu finden. Offensichtlich hat es irgendwann Jemand (ein Psychologe vielleicht) entdeckt, dass (vielleicht) eine Trauerarbeit um das Kind besser gelingt, wenn die Trauernden nicht in ein tiefes schwarzes Loch gestürzt sind, wenn um sie herum etwas optimistischer vorgeht. flyer_sternenkinder

Hier wiederholt sich alles: Es gibt ein kleines Palais (das von der Fürstin und den Fürsten, die Sancho Pansa zu Gubernator auf der Insel Barataria machten?)
Kleine gewundene Steinwege, hie und da mit bunten Kachelsteine inkrustiert, ganz im spanischen Stil, führen zu den Thronsesseln für die Fürstin und ihren Herr Gemahl. Mitten in einer Steinspirale steht ein Windrad, um ihn herum sind kleine Gräber voller bunter Windräder platziert, dahinten auf der Wiese stehen farbige Schafe. Heute sind sie pastellfarben, aber auf einem Foto aus dem Flyer sieht man, dass sie Mal starke, kräftige Farben hatten.

Nebenan fotografieren wir auf einer hölzernen Bank zwei alte Kuscheltiere. Ich schaue sie an und denke, dass der Dünne, der links liegt, vielleicht im depressiven Zustand, Don Quijote ist und der dicke, zufriedene – Sancho Pansa. Im Buch ist Barataria ein einziger Zeit-und-Raum, wo die Beiden getrennt sind. Hier sind sie wieder zusammen, einer leidet für die Welt und der Andere (eine Katze ist es) passt wachsam auf, dass dem Traurigen nicht passiert. Pass auf uns auch, Sancho Pansa.

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