Frauenblick. Andrzej Stasiuk.

Monika Wrzosek-Müller

Andrzej Stasiuk – nach Jahren

Vor Jahren, als ich ganz kurz im Polnischen Kulturinstitut die Spalte: Kultur, Politik, Literatur leitete, habe ich u.a. Andrzej Stasiuk zu einer literarischen Soiree eingeladen. Schon damals fiel mir auf, wie gutaussehend und erzählbegabt der Schriftsteller war, ein Typ mit Esprit, mit Lebens- und Durchsetzungskraft. Bei dem Abend war auch sein Übersetzer Olaf Kühn anwesend, das Gespräch stützte sich vor allem auf die Erzählungen aus dem Leben des Schriftstellers, das für mehrere Romane den Stoff liefern könnte; er gab auch etwas später das Buch Jak zostałem pisarzem [Wie ich Schriftsteller wurde. Versuch einer intellektuellen Autobiographie] heraus. Irgendwie erinnerte mich seine Erzählweise und der
Versuch sich selbst zu positionieren an Lessico famigliare [Mein Familien-Lexikon], 1965, und die kurze Erzählung Il mio mestiere aus Le piccole virtú von Natalia Ginzburg. Ob er ihr Werk kannte, scheint mir eher unwahrscheinlich. Damals habe ich ihn nicht danach gefragt. Stasiuk selbst beruft sich in einem Gespräch auf seine Vorbilder wie Thomas Dylan, Joseph Brodsky oder Czesław Miłosz. Es sind also eher Dichter als Prosautoren, die ihn inspirieren. Das Poetische bleibt also ein Markenzeichen in der Stasiuks Prosa erhalten.

Andrzej Stasiuk reiht sich für viele Polen in eine Figur des gepflegten Außenseiters, der gegen vieles rebelliert und sich dem „normalen“ Leben eines Intellektuellen Schriftstellers entzieht. Schon sein Lebenslauf mit der abgebrochenen Schulbildung, einem Aufenthalt im Gefängnis wegen der Rebellion gegen den Drill und unmenschliche Behandlung während des Militärdienstes, dann der Wohnortwechsel aufs noch tiefere Land (damals noch völlig unüblich…) in das Dorf Czarne in den Niederen Beskiden klingen nach einem extravaganten, selbstbestimmten Leben, das er wie ich neulich erfahren habe, fortsetzt. Später heiratete er Monika Sznajderman und zusammen gründen sie den Verlag Czarne, der bis heute existiert und sehr gute Literatur (vor allem die aus dem sog. Mittelosteuropa und Reiseliteratur) herausbringt.

Natürlich denkt man bei Stasiuk an seine wunderschön herausgegebenen Bücher wie Dukla schon im Verlag Czarne [Die Welt hinter Dukla] in der schönen Übersetzung von Olaf Kühn, oder Kruk [Der weiße Rabe]. Später folgen viele Titel, viele gute Romane, fast jedes Jahr einer, die sehr oft weiterhin von Olaf Kühn ins Deutsche übertragen werden. Er schrieb auch über seine Lesereise in Deutschland das Buch unter dem Titel Dojczland, das mit demselben Titel in Suhrkamp 2008 erschienen war. Irgendwann wurden seine Bücher eher von Renate Schmidgall übersetzt. Der letzte Titel, der mir in Erinnerung geblieben ist, hieß Wschód [Der Osten]. Stasiuk schien sehr viel zu reisen, schien auf einem poetischen, Selbstfindungsweg zu sein. Der Osten, weite Steppen, die Wüste, menschenleere Räume, unberührt und manchmal doch grausam, die Ukraine faszinierten ihn; da suchte er seine Wurzeln und sein Verständnis der Ereignisse. Er entzog sich weiterhin dem „modernen“ Leben, benutzte kein Handy, war in keinen Netzwerken unterwegs.

Fast nebenbei, oder doch erst später fing er auch an, sich für Musik, für Jazz zu interessieren und dieses Interesse verfolgt er bis heute. Schon 2007 gab er zusammen mit Mikołaj Trzaska und anderen Musikern einen Album Kantry heraus, in dem er von der Reise über das ehemalige Jugoslawien berichtet. Bei langsamen Klängen, jazzartig werden die Szenen untermalt, kommen die Erlebnisse der Reise noch besser zur Geltung; z.B. die Stücke Istrianna und Sarajewska. Zugegeben Stasiuk verfügt über eine sehr angenehme, tiefe, melodische Stimme, fast priesterliche, ohne belehrend zu klingen.

2020 erschienen weitere zwei CD mit Trzaska Grochów głosem [Grochow (Stadtviertel von Warschau) mit der Stimme] liest Stasiuk seine frühen Texte über die Gegend (die auch teilweise in Tygodnik Powszechny veröffentlicht wurden) und wird wiederholt von den Musikern begleitet. Für die Fans dieser rechtsseitigen Weichsel Warschau ein Muss. Er beschreibt noch die erhaltenen Holzhäuser und das ärmliche, meistens Arbeiterleben und den Stolz der Bewohner, die für ihren Viertel zwar leidend doch gradestehen. Die Musik ist wirklich minimalistisch, so dass die Texte gut hörbar und nachvollziehbar sind. Dabei kommt es sehr gut heraus, worum es Stasiuk wie auch in seinen Prosawerken geht, mit vielen Beschreibungen der Natur hebt er das Poetische, Erlebte, die Landschaften, Orte nach oben; er erlebt das sehr intensiv und hautnah, dadurch wirkt alles sehr authentisch und keineswegs snobistisch und überzogen.

Später gibt es noch eine CD mit der Gruppe Haydamaken, eine sogar schon 2018 unter dem Titel: Mogiły Haremu und jetzt 2021 eine neue, in der er die Gedichte von Mickiewicz vorträgt.

Der eigentliche Anlass, warum ich über Stasiuk jetzt gerade schreibe, ist sein neues Album Opla Stasiuk Trzaska. Es ist eine Improvisation um die polnische Religiosität und Gewalttätigkeit. Stasiuk selbst hebt die Musik hervor, seine Rezitation beschränkt sich hier aufs Beten, das Beten an die heilige Maria, das Gemurmel. Das Album wurde mit großer Aufmerksamkeit in den polnischen Medien aufgenommen, es gab viele Interviews mit dem Schriftsteller; in einem sagt er sehr deutlich und unverblümt, worum es ihm geht: „Ich sage: ‘jetzt wird es über Polen und die Heilige Maria gehen’ und die Zuschauer und Zuhörer flüstern: ‘jetzt wird er PIS und die Religion mit Scheiße bewerfen.’ Wie groß war dann die Überraschung, dass ich einfach ein Gebet gesprochen hatte“. Stasiuk berührt schon interessante Seite der polnischen Religiosität, er spricht von einem fast heidnischen Kult der Maria und dazu kommt von der Musikerseite der Rhythmus von Oberek. Oberek ist ein polnischer Drehtanz, in dem sehr bewegten und raschen Tanzschritten drehen sich die Paare, immer schneller und immer wieder, man denkt fast an die Derwische, an ihre Drehfiguren und das Magische, Mystische, das dabei entsteht. Das findet auch Stasiuk, Oberek symbolisiert für ihn gut polnische Wirklichkeit, es drehe sich alles im Kreis ständig und wiederholt, und irgendwann versuche man sich loszureißen, manchmal per Zufall scheint es, als würde es für eine Weile gelingen und dann gleich danach kommt die Bauchlandung. So bleibt nach einem Fest, nach einer Hochzeit nur Kater. Die Gruppe hat diese Musik, die ganze CD den Sommer über probiert, aufgenommen, auch immer wieder aufs Neue versucht, die richtige Stimmung, den richtigen Rhythmus zu treffen.

Das, was mir bei Stasiuk gefällt, er bleibt sich selbst treu, läuft nicht mit, kritisiert auch gezielt, immer seinen Standpunkt bewahrend.

Inzwischen ist auch ein neuer Roman Przewóz [Flussfähre, Flussüberfahrt] von ihm erschienen, ein Buch über die Normalität des Krieges, das Alltagsleben unter widrigen Umständen, mit Gerüchen, Stimmungen und Atmosphäre.

Auf jeden Fall ein Schriftsteller, den man beobachten soll.

Mongolischer Fleck

Ewa Maria Slaska

A TU jeszcze lektura dla osób polskojęzycznych, nie całkiem na temat, ale trochę. O moich tatarskich korzeniach i znaczeniu liczby 40.

Inspiration für diesen Beitrag kam von Christine Ziegler. Danke!

Mein Vater stammte aus einer tatarischen Familie, die Krynicki, die aber schon längst polonisiert wurde. Seine Vorfahren kamen nach Polen in 17. Jahrhundert und dienten der neuen Heimat als Soldaten. Einer von ihnen war mutig und 1648 kämpfte heldenhaft mit den Kosaken in den (verlorenen!) Schlachten an den Żółte Wody und Korsuń. Dafür wurde er vor dem König Władysław IV veradelt (ein berühmter polnischer Dichter Wacław Potocki schrieb sogar einen Pean zu seiner Ehre). Wie es damals gang und gäbe war, hat man für ihn keinen neuen Wappen gefertigt, sondern er wurde von einer polnischen Familie “zum Wappen eingenommen”. Im Falle meiner familie war es Einnahme in den Wappen Korab, dh. Kogge, eine alte Schiffart.

Projekt von Tadeusz Gajl, veröffentlicht in: Herbarz polski: od średniowiecza do XX wieku, Gdańsk 2007

Die Familie siedelte sich in Südpolen an, in Krynica, daher war der Wappen mit einem Schiff jahrhundertelang ein bißchen bizzar, bis mein Vater gleich nach dem Krieg nach Danzig einzog, um Schiffsbau zu studieren. Dann wurde er nicht nur Ingenieur des Schiffsbaus, sondern auch ein Polarsegler und der Familienwappen hat sich endlich bewahrheitet.

Das ist mein Vater und nach ihm bin ich wie eine Tatarin zäh, stehe früh auf, mag ich wandern, was ich als Ersatz des Pferdreitens betrachte, und habe einen mongolischen Fleck.

Das wußte ich nicht bis ich nicht angefangen habe, Archäologie zu studieren. Während des Studiums haben wir auch Seminar in Anthropologie, dh. Wissenschaft vom Menschen (ich erkläre es, weil wir heute mit dem Wort Anthropologie vor allem die Kulturwissenschaft verstehen und als ich studiert habe, war es in Polen nicht so.) Eines Tages sollten wir zur Unterricht mit dem Badeanzug unter den Klamotten erscheinen. Wir wurden alle genau gemessen und noch genauer betrachtet. Dabei entdeckte der Dozent, dass ich eben am rechten Hüften einen hellen mongolischen Fleck habe.

Foto Krystyna Koziewicz 18.12.2021


Er war begeistert!
– Woher?! schrie er fast.
– Wir sind halt eine tatarische Familie, antwortete ich ohne großer Aufregung. Ich sah es nicht als eine Besonderheit.
Der Dozent aber schon. Mein Fleck wurde abgezeichnet, fotografiert und beschrieben und soweit ich weiß, ging er auch in die wissenschaftliche Annalen. Also insgesamt besser als ich selber.

Seitdem wußte ich, was es ist – ein milchkaffee-farbiger blasser Fleck an Hüften oder Pobacken der Nachkommen der Tataren. Schluß, ich habe es nie weiter befragt. Bis…

Bis eines Tages, 40 Jahre später wollte ich jemandem in Deutschland erklären, dass wir alle es haben, die Ur-urenkel von Tschingis-Khan. Ich schaute in die Wikipedia, was wir doch immer alle machen, wenn wir etwas finden und zeigen wollen, und fand etwas abscheuliches: Der Mongolenfleck (auch kongenitale dermale Melanozytose, Asiatenfleck, Sakralfleck, Steißfleck, Hunnenfleck) bezeichnet ein oder mehrere unregelmäßige bläuliche Muttermale meist am Rücken, Gesäß oder Kreuzbein eines Kindes. BILD

“Mein” mongolischer Fleck, helle, beige schönaussehender Fleck, überhaupt nicht krankhaft, ist im Internet entweder nie gewesen oder inzwischen gänzlich verschwunden. Was blieb, ist etwas Unangenehmes.

Und dazu noch… rassistisch! Wrrrr!

So verschwinden schöne Legenden unserer Kindheit und Jugendzeit. Nur… ich habe den Fleck immer noch. Es bleibt dann die Frage, was ist es? Und was hat meinen Anthropologiedozenten so begeistert?

Nihil novi sub Jovi

Gefunden von Brigitte von Ungern-Sternberg:

Flüchtlinge im 18. Jh.

Liebe Ela, liebe Ewa, liebe LeserInnen, eine Freundin schickte mir einen Artikel zu der Flüchtlingssituation in Kreuzberg im 18. Jahrhundert, in voller Länge unten.
Flüchtlinge damals waren Hugenotten und Böhmische Brüder.
Daraus ein kleiner Abschnitt:

Rixdorf Erinnerungstafel (Wikipedia)

Trotz Androhung schwerer Strafen flüchteten zwischen 1710 und 1760 tausende Böhmen in die sächsische Oberlausitz, nach Groß-Hennersdorf und Herrnhut, sowie nach Gerlachsheim (heute Grabiszyce) in Schlesien. Das Städtchen Herrnhut hatte Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf und Pottendorf eigens für die “Exulanten”, wie sich die böhmischen Glaubensflüchtlinge selbst nannten, gegründet. Die Gegend war aber zu arm, um ihnen dauerhaft Asyl zu gewähren. So machen sich Anfang Oktober 1732 etwa 500 Böhmen unter der Führung ihres Predigers Jan Liberda zu Fuß auf den Weg nach Berlin. Ihre Ankunft am Halleschen Tor wurde jedoch vom König, von den Behörden und den Berlinern vollkommen ignoriert. Die Böhmen nagten am Hungertuch, hatten weder Bleibe noch Dolmetscher und kampierten unter freiem Himmel. Er brauche nur nützliche Menschen und keine Bettler, ließ Friedrich-Wilhelm verkünden – dabei waren unter den Böhmen durchaus Fachkräfte vor allem aus der Textilverarbeitung.

Nach über zwei Jahren besann sich der allergnädigste König eines Besseren und  fing an diese Glaubensflüchtlinge zu unterstützen, siedelte sie in Rixdorf (Neukölln) an.  
Die damaligen Berliner Einheimischen sahen die Neuankömmlinge mit Misstrauen – anderer Glauben, andere Sprache, Konkurrenten…  –  ein typischer Reflex, wenn Flüchtlinge hereinströmen. 

Der ganze Artikel, geschrieben vom ehemaligen Direktor des Kreuzbergs Museums, Martin Düspohl, HIER:

Don Quijote macht Striptease

Ela Kargol (Fotos) & Ewa Maria Slaska (Text)

Beginnen wir damit: Es ist ein fantastischer Don Quijote, der Mitte Dezember für ein paar Tage aus Potsdam kam. Heute noch kann man ihn um 18 Uhr in Berlin sehen, im Theaterforum Kreuzberg, sonst in Potsdam, wo er auch zum Jahresende aufgeführt wird, am 29., 30. und 31. Dezember.
Gastspiel Neues Globe Theater.

Es ist eine moderne Version von Don Quijote, für das Deutsche Theater Berlin nach Cervantes von Jakob Nolte verfasst. Kurz, bündig, an moderne Zeiten angepasst.

Also, was ist Barataria? Der Schauspieler wußte es nicht, woher sofort klar wurde, dass man im Stück von der Insel erzählen wird (dies lässt sich nicht vermeiden), der treue Knappe bekommt sie aber nicht.

Im Theaterflugblatt schrieb man von Don Quijote: Er unterliegt einem letzten Kampf gegen sein eigenes Spiegelbield und sich selbst in Unsinnigkeit seiner Handlungen eingestehen muss.

Es kling düster, tragisch, traurig. Man denkt, na ja, klar, armer Don Quijote, er war doch der Ritter von Traurigen Gestallt, erzwungenermasse wird also ein Stück, das von ihm handelt, unendlich düster. Und dann kommt man ins Theater, entsprechend in trauriger Gedanken versunken und trifft an fulminante Komödie, mit zwei fantastischer Schauspieler und einem unglaublichen Gitarristen un Komponisten, Rüdiger Krause, der mit eigenen und eigens dafür komponierten Werke bravourös das Geschehen auf der Bühne begleitet und ergänzt. Anachronistisch, ironisch, zielsicher und vortrefflich treffend treffen wir auf der Bühne zwei, die uns und unsere Zeiten durchs Kakao ziehen: Laurenz Wiegand als Don Quijote und Andreas Erfurth als Sancho Panza.

Gitarrist, Sancho Panza und Don Quijote. Nicht der Ritter, sondern der Knappe, so wird im Stück gemunkelt, wäre der geheime Hauptheld diese Geschichte. Der wahre Held. Hinter Don Quijote sieht man seine Ritterschuhe, ausgefertigt aus karierten Hauslatschen und getragen auf zwei verschieden farbenen Socken.

Passend zu Don Quijotes karierten Hausschuhen fungiert ebenfalls karierter Geschirrtuch in den Händen von Sancho Pansa. Man hätte nie vermutet, was so ein Geschirrtuch, weiß-rot kariert und gar etwas schmutzig, was solch ein Tuch also alles machen kann. Er ist Wappe und Waffe, Hut und Matratze (Luftmatratze!), Schild und Wand, manchmal Waschlappen und manchmal Handtuch.

So behaupten sich die beiden, eigentlich ohne Requisiten und ohne Szenenbild. Es kommen keine Prinzessinnen und keine Zauberer, keine Schafe und keine Dulcinea, und trotzdem sehen wir all das gespielt und erzählt von den beiden Protagonisten und musikalisch untermalt und betont von der Gitarre. Nur kampfen tun sie ganz sichtbar.
Die Liebe müssen wir uns vorstellen und die Freiheit. Den Ritt auf der mageren Stutte und die Windmühlen. Es gibt nicht, nur das Wort, Bewegung und Musik.

Und mittendurch – ein Striptease. Das sehr wohl bis zur nackten Gipfel zu bewundern ist.

Liebe Leser:innen, fährt nach Potsdam! Undbedingt!

Was für Geschenke sollen wir kaufen

Jedes Jahr diesselbe Frage. Und 2021 habe ich Entscheidung getroffen, Euch dabei ein Bißchen zu helfen.

Als erste kommt Berliner Schokolade mithergestellt und mitgepromotet von einer bekannten Berliner Schriftstellerin.

Tanja Dückers

Preussisch süß – Berliner Stadtteilschokolade ist wieder da

Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, dass die beliebten, von Slow Food ausgezeichneten Preussisch süß – Berliner Stadtteilschokoladen wieder lieferbar sind.  Bedingt durch die derzeitige Ressourcenknappheit  (Papier!) haben wir lange auf unsere Verpackungen warten müssen.

Wir haben die Wartezeit jedoch genutzt und neben den 23 schon vorhandenen Stadtteilen zwei neue Sorten kreiert:  „Treptow“ und „Wilhelmsruh“. Alle Tafeln werden von der Berliner Schokoladen Manufaktur 31° (Belyzium) handgefertigt und sind bio- und Fair-Trade-zertifiziert. 

Die Zutaten der Preussisch süß – Berliner Stadtteilschokoladen sind nicht beliebig ausgewählt, sondern Ergebnis einer Recherche über den jeweiligen Stadtteil.  Jeder Stadtteil wird „in Schokolade“ portraitiert. Preussisch süß versteht sich als künstlerisches interdisziplinäres Projekt. Wie schmeckt Kreuzberg, wie schmeckt Mitte, wie schmeckt Zehlendorf oder Lichtenberg? Mit solchen Fragen hat sich die Schriftstellerin und Journalistin Tanja Dückers lange beschäftigt und dann mit dem Berliner Chocolatier Christoph Wohlfarth ab 2017 gemeinsam die Rezepturen entwickelt. „Treptow“ und „Wilhelmsruh“ wurden nun gemeinsam mit der Chocolatiere Katharina Zeilinger (Berliner Schokoladen Manufaktur 31 °) kreiert.

Tanja Dückers wurde in Tempelhof geboren, ist in  Charlottenburg und Wilmersdorf aufgewachsen, hat in Schöneberg, Kreuzberg, Wedding und lange in Neukölln gelebt und wohnt nun seit einigen Jahren im Prenzlauer Berg.  Kleine Texte auf der Rückseite geben Auskunft über das Zusammenspiel von Rezeptur und Stadtteil. Klischees werden hierbei bewusst zitiert, Humor darf sein. 

Unser neuer Shop ist sehr schön geworden, überzeugen Sie sich selbst: (preussisch-suess.shop)  

Natürlich werden unsere Tafeln auch weiterhin in ausgesuchten Buchläden sowie in Konfiserien und Schokoladen- / Kaffee-Fachgeschäften verkauft.

Noch ein Hinweis: Am 21. November erscheint Tanja Dückers‘  Buch „Das süße Berlin“ (Insel / Suhrkamp) . Darin beschäftigt sie sich mit der süßen Historie Berlins und stellt viele schöne, interessante, köstliche und kuriose „süße Orte“ in der Hauptstadt vor: https://www.suhrkamp.de/buch/tanja-dueckers-das-suesse-berlin-t-9783458364702

Über Ihr Interesse würden wir uns freuen.

Nachfragen richten Sie bitte an kontakt@preussisch-suess.de

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Tanja Dückers

Schriftstellerin
Literaturwissenschaftlerin
Publizistin
www.tanjadueckers.de

Schokoladenedition
Preussisch süß
www.preussisch-suess.de

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Barataria in Berlin (Reblog)

Ideengeber war für diesen Beitrag Tibor Jagielski. Danke!
Autor: Hans Block

Hörspiel vom 5. Oktober 2021, nach Cervantes

Don Don Don Quijote – Attackéee

Miguel de Cervantes‘ berühmte Romanfigur zieht es vor, im krisengeschüttelten, feudalen Spanien die Wahrheit seiner alten Ritterromane zu leben. Der „Ritter von der traurigen Gestalt“ konstruiert sich eine fast perfekte eigene Welt.

Don Quijote mit Sancho Panza vor einer Windmühle (picture-alliance / dpa / Antonius)

Don Quijote macht sich auf, um Abenteuer zu erleben, die ihm in seinem maroden Kaff versagt sind. Auch im Hörspiel und nach 500 Jahren scheint seine Geschichte eine verheerende Wirkung zu haben. Infiziert von einer neuen Ausstrahlung der Taten des heldenhaften Ritters werfen hunderte Hörer ihre bürgerliche Identität über Bord, stülpen sich die Maske des Don Quijote über und ziehen in die Schlacht unter dem Motto: „Die Welt ist veränderbar!“

Hörspiel

Und das alles spielt sich in Berlin ab. Die Autor*innen des Hörspiels fanden sogar einen “wahren” Don Quijote in Berlin, der sich nur auf dem Pferd bewegt und dem gängigen System, den wir im Allgemeinen Rattenwettrennen nennen, den Rücken kehrt. Der wurde für das Hörspiel gar interviewed, aber leider ist dieses Hörspiel nicht nur Reblog, dh. leider nicht “mein Ding”, sondern auch Wiederholung vom Jahre 2014. Nach sieben Jahren gibt es in Berlin keinen auffindbaren Don Quijote. Nur Kneipen.


Reihe: Busch-Funk
Don Don Don Quijote – Attackéee
Von Hans Block
Regie: Hans Block
Mit: Stefan Kolosko, Lisa Hrdina, Jan Breustedt, Matthias Mosbach, Max Meyer-Bretschneider, Alexander Höchst u.a.
Ton und Technik: Albrecht Panknin, Studio Zpiao
Mentorin: Elisabeth Panknin
Produktion: Deutschlandfunk in Kooperation mit der Schauspielschule Ernst Busch 2014
Länge: 46‘02
Eine Wiederholung vom 24.06.2014


Hans Block, geboren 1985 in Berlin, arbeitet als Theater- und Filmregisseur, Musiker, sowie Hörspielautor und -regisseur. Das Hörspiel „Don Don Don Quijote – Attackéee“ wurde 2015 mit dem Grand Prix Marulić ausgezeichnet.

Frauenblick

Monika Wrzosek-Müller

Das Kino Kultura und der Film Wesele

Das Kino Kultura in Warszawa war schon zu meinen Studienzeiten eine Institution, doch nach der Renovierung und Neueröffnung im Jahr 2009 ist es einfach ein reines Vergnügen, sich in dem Kino einen Film anzuschauen. Der Saal ist riesig, 234 Sitze, in dezentem Mintgrün gehalten, Corona-sicher auch abends; es waren jedes Mal höchstens 15 Leute anwesend. Auf dem Programm stehen immer die neuesten aber ambitionierten Produktionen, besonderen Wert legt man auf die polnische Filmographie; das Kino wird vom Verband der Polnischen Filmemacher betrieben. Immer wieder werden auch Themenschwerpunkte gesetzt – z.B. eine Thriller-Woche oder die Woche des Vietnamesischen Films organisiert; es gibt Premieren, Previews. In das Kino kommt man durch ein anständiges italienisches Restaurant, das vor oder nach der Vorführung zum Essen und Trinken einlädt. Insgesamt eine richtige Institution, in der sehr belebten Krakauer Vorstadt 21/23.

Doch eigentlich wollte ich über einen Film berichten, der Polen noch stärker polarisiert hat (sollte es denn überhaupt noch Versuche geben, zu einigen), nämlich über Wesele [Die Hochzeit] 2 von Wojciech Smarzowski. Den habe ich im Kino Kultura gesehen. Es ist eindeutig kein Film, der gefallen will, eher soll er aufrütteln, schockieren, erschrecken, zum Nachdenken zwingen. Jeder, der den Film gesehen hat, entwickelt dazu seine ganz eigene Meinung; er wurde total kritisiert und hoch gelobt und es ist auf jeden Fall wieder einmal ein für Polen wichtiger Film.

Die Handlung ist eigentlich simpel: die Tochter eines mächtigen Schweinefleischproduzenten in einer ostpolnischen Provinzstadt heiratet ihre Jugendliebe; natürlich ist die Feier überdimensioniert, reich und geschmacklos. Der Vater ist in mehrere Probleme verwickelt, über die im Verlauf der Handlung erfahren. Die Mutter hat ihr Leben als immer betrogene reiche Ehefrau eigentlich satt, passt auch gar nicht in das neureiche Interieur. Als die fast wichtigste Person entpuppt sich im Laufe des Films der Großvater, dessen Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg den Hintergrund und zugleich eine Brücke bilden – Analogie zu einem der „polnischsten“ Dramen, Stanislaw Wyspianskis Wesele von 1901.

Die Fleischfabrik, ein Ort des Grauens, betrieben hart an der Grenze der Legalität, könnte schlimmer erscheinen als die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs. Es geht darum, immer billiger, immer mehr und mit immer größerem Profit zu produzieren. Dabei spielen auch deutsche Interessenten am Kauf von billigem Schweinefleisch eine wichtige Rolle. Für mich folgt der Film präzise einer Linie: er zeigt, dass man dem früheren Bösen nicht entkommen kann, malt eindringlich aus, wie es ist, das Böse, Schreckliche mit sich schleppen zu müssen, die Last auf den Schultern zu spüren und ihn noch so viele Jahre nach dem Krieg nicht abschütteln können. Man ist in der Vergangenheit gefangen, die alten Geistern steigen auf und vermischen sich mit den gegenwärtigen, so ist die Vergangenheit in der Gegenwart immer präsent und kann nicht aufhören mitzumischen.

Wenn man an in Polen an Wesele denkt, kommt einem ganz natürlich das große, mit den polnischen Mythen der Gesellschaft abrechnende Drama von Wyspianski in den Sinn. Da ist die Kluft, die Spaltung der polnischen Gesellschaft wunderbar sichtbar: die Bildungsbürger [inteligencja] sind guten Willens, die adligen Gutsbesitzer weniger; sie können die Bauern nicht verstehen, sie nicht aus ihrem Elend erlösen. Alles dreht sich in einem verträumten Tanz im Kreis und ganz tief ändert sich wenig. Der Alkohol erwärmt die Gemüter, sie sind so eher bereit, vieles einzugestehen, in diesem Moment zu vergeben…

Die Vermischung des Alkohols mit dem großen familiären Ereignis, dem Tanz, spielt auch bei Smarzowski eine große Rolle; der Alkohol bringt die Situation zum Überkochen, nach dem Höhepunkt ist nur noch der Absturz möglich. Das schicke Auto, ein Porsche, wird zerstört, der Bräutigam betrügt die Braut, die Mutter will die Scheidung, das Schicksal der Fabrik hängt von den deutschen Einkäufern ab, die man ganz schlicht versucht betrunken zu machen und dann durch inszenierte Sexexzessen, die gefilmt werden, zu erpressen, damit sie den Vertrag unterschreiben. Dass am Ende auch noch die Knochen von jüdischen Opfern des Zweiten Weltkriegs ausgegraben werden, ist eindeutig zu viel für den Zuschauer, auch für die Geschichte, die stark durch die Musik und die fantastische schauspielerische Leistung getragen wird. Dass dann auch noch arme und völlig ahnungslose Vietnamesen für die Arbeit in dem Schlachtbetrieb eingesetzt werden, ist der Symbolik zu viel. Polen ist wie ein großer Topf, in dem es von Gräueln nur so brodelt. Wir sehen keinen positiven Helden, am ehesten sind es die beiden Frauen: die Mutter und die Braut, doch sie sind in ihrer Harmlosigkeit so verwurzelt, dass sie dem überbordenden Bösen wenig entgegenzusetzten haben. Doch für die Polen, für ihr Geschichtsbewusstsein, ihr Gerechtigkeitsempfinden könnte es bedeutsam sein.

Parallel dazu verläuft die Geschichte des Großvaters, der sich während des Krieges in ein jüdisches Mädchen verliebt hatte und dann nicht darüber hinwegkam, dass das Mädchen und dessen Eltern in einer Scheune verbrannt werden sollten – getrieben von deutschen Soldaten, aber ermordet von polnischen Bauern. Er versuchte, das Mädchen mit einigen anderen Juden zu verstecken und hoffte, unbemerkt zu bleiben, doch dafür bezahlte sein Freund mit dem Leben; die jugendlichen Entscheidungen, die harmlose Liebe entscheidet plötzlich über Leben und Tod. Der Junge ist dem nicht gewachsen, obwohl er es gut meint, sorgfältig organisiert. Immerhin überleben einige von ihm versteckte Juden den Krieg. Dafür wird er als einer der Gerechten unter den Völkern der Welt ausgezeichnet und soll in Yad Vashem geehrt werden; die Nachricht erreicht ihn während der Hochzeit und sie ist der Auslöser für seine Erinnerungen. Die Geschichte in der Gegenwart bewegt sich Richtung Katastrophe und die Geschichte der Vergangenheit kommt immer näher an uns heran.

Es ist eine Geschichte über die polnischen Dämonen der Provinzialität, des Egoismus, der Fremdenfeindlichkeit bei aller Gastfreundschaft, der Angst. Vielleicht ist es ein Film, der gewollt viel zu didaktisch, symbolisch ist und deswegen für das Ausland nicht lesbar, doch für Polen ein Lehrstück, an dem sich die Geister lange schinden werden. Es ist wie ein Spiegel, vielleicht ein etwas schiefer, doch die Themen des Films sind äußerst wichtig und in der öffentlichen Narration immer wieder präsent, so sollte man sich seine eigene Meinung dazu bilden, das versucht der Film jedem unter die Nase zu reiben.

Wesele [die Hochzeit], 2021
Regie und Drehbuch: Wojciech Smarzowski
Kamera: Wojciech Sobocinski
Musik: Mikolaj Trzaska
die Besetzung: Robert Wieckiewicz, Agata Kulesza, Marian Dziedziel, Ryszard Ronczewski, Maria Sobocinska und Mateusz Wieclawek

Advenukka

Advenukka ist Advent und Chanukka zugleich. Und das ist eben heute!!! Wie schön!

All was fake! Sorry! Die Veranstaltung fand nicht statt!

Ich habe hier zu einer Advenukka-Feier eingeladen. We were there, me and my friends from Israel. And we kissed the pawl. Byłam tam z moimi przyjaciółkami z Izrela i pocałowałyśmy klamkę. Miało być pięknie, oryginalnie, wesoło, w duchu integracji religijnej, a wyszło jak zawsze. Wir hofften auf ein wunderbares Koexistenz-Fest und fanden Nix. Nicht Mal einen Infozettel, dass man die Veranstaltung abpfeiffen muss. Aus welchen Grund auch immer. Schade Cymes und Delishkes 😦

Foto: Monika Wrzosek-Müller
SUNDAY, 28 NOVEMBER 2021
FROM 14:00-21:00
LATKES treffen GLÜHWEIN
in CYMES UN DELISHKES

Tauroggener Str. 42, 10589 Berlin

Frauenblick – Warschau 2

Monika Wrzosek-Müller

Swidermajer – ein Juwel der Umgebung von Warschau

Die Bahnlinie, die schon in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts nach Otwock oder noch weiter fuhr, brachte in der Zwischenkriegszeit alle nach frischer Luft Hungernden in die Sommerfrische. Die Lage an der Weichsel und dem Flüsschen Swider, inmitten von Kiefernwäldern, garantierte gutes, gesundes Klima. So ist es nicht erstaunlich, dass die schönsten und größten Villen, Pensionen und Hotels direkt an der Bahn entstanden. So war das in Falenica, Jozefów, Swider und Otwock.

Der Zeichner und Maler Michal Elwiro Andriolli, derselbe, der die Werke von Mickiewicz und Shakespeare illustriert hatte, entwarf erst einmal für sich selbst eine Holzvilla in der Nähe des Flüsschens Swider, wo er seine letzten Lebensjahre verbrachte. Da die Nachfrage nach dieser Art von Häusern plötzlich stieg, entwarf er viele Pläne für typische Sommerhäuser entlang der Bahnlinie. Jemand sagte, sie seien eine Kreuzung zwischen russischer Datscha und alpiner Schihütte, aber erst der Dichter Konstanty Ildefons Gałczyński gab dem Stil in seinem Gedicht „Der Ausflug nach Swider“ den prägnanten Namen Swidermajer („Diese Villen, wie der Wojewode will, sind im Swidermajer-Stil“; meine Übersetzung). Mich erinnern sie auch sehr an den Gebäudekomplex der Lungenklinik in Beeliz und an die Bäderarchitektur der Ostseeküste, wobei dort eigentlich nur die Veranden in Holzbauweise ausgeführt wurden; es soll sogar eine fabrikmäßige Produktion dieser Art von Häusern in Wolgast gegeben haben; sie wurden Wolgasthäuser genannt. Im Fall von Andriolli wäre eher die Anlehnung an russische Vorbilder denkbar, denn er verbrachte in Russland fünf Jahre der Verbannung wegen der Teilnahme am Januaraufstand 1863.

Den Stil charakterisierte eine leichte Holzkonstruktion und Holzverkleidung, obwohl einige der größeren Objekte doch in solider Ziegelbauweise hochgezogen und nur mit Holz verkleidet wurden. Die auffälligen Stilelemente waren: die vertikal und horizontal verlaufende Holzverkleidung, ein Satteldach, hölzerne, verzierte Fensterläden und die besonders schönen, reich geschmückten Veranden, oft mit Buntglasfenstern. Die Verzierungen an den Giebeln zeigten oft pflanzliche, seltener Tiermotive. Meistens wurden die Häuser nur in den Sommermonaten genutzt und standen im Winter leer. Der größten Popularität erfreuten sie sich nach dem Tod Andriollis, also nach 1893; allein in Otwock gab es um die 500 solcher Objekte. Die Mehrheit der Besitzer solcher Häuser gehörte der jüdischen Mittelklasse (über 50%) aus Warschau an. Schon 1893 entstand in Otwock das erste Sanatorium für die Behandlung von Lungenkrankheiten (Tuberkulose, Asthma etc…). 1923 erhielt Otwock sogar den Status eines Kurbads; es gab ein Casino, viele Cafés und Restaurants. Viele bekannte polnische Persönlichkeiten waren Gäste in den zahlreichen Pensionen, darunter Władysław Reymont, Józef Piłsudski, Henryk Sienkiewicz, Bolesław Prus, Julian Tuwim und Janusz Korczak. Es gehörte zum guten Ton, sich dort zu zeigen, sich am Wochenende zu treffen, mit ganzen Familien, Kindern, Großeltern.

Mein Vater besaß noch in den 80er Jahren zwei Grundstücke in Jozefów, das eine bewaldet und nicht zu bebauen, das andere konnte er irgendwann später als Bauland verkaufen. Wir fuhren in den sechziger und siebziger Jahren oft dorthin, um Verwandte zu besuchen, die in einem halb aus Holz errichteten, halb verputzten Haus wohnten, mit einem riesigen Garten, und ich erinnere mich an einen Opa (meine beiden echten waren im Krieg gefallen), der dort Bienen züchtete. Wir gingen auf den Sandpfaden zum Weichselufer oder, was ich nicht so sehr mochte, zum Swiderufer. Die Holzhäuser sind mir als verfallene, ungepflegte Ungeheuer in Erinnerung geblieben. Da war ihre Glanzzeit eindeutig vorbei.

Nach dem Krieg und dem Verschwinden der Juden wurden die Häuser ihren ursprünglichen Funktionen beraubt. Zwar waren sie als Sommerhäuser entworfen worden, ohne Heizung oder fließendes Wasser, doch wegen der Zerstörung Warschaus bewohnten sie viele obdachlos gewordenen Menschen ganzjährig. Es entstanden Slums, das Wasser im Fluss Swider wurde verunreinigt, oft gab es im Sommer Brände, denen viele der Häuser zum Opfer fielen.

Die Häuser verfielen und verfallen weiter, erst nach der Wende gab es erste Versuche, einige zu restaurieren. Die Kosten für solche Unternehmungen waren und sind horrend, weshalb nur wenige Exemplare wieder in ihren ursprünglichen Zustand versetzt werden konnten. Manche waren in Privatbesitz geblieben und wurden auch erhalten, doch die meisten verschwanden. Immer noch kann man die in großen Gärten gelegenen Ruinen finden, doch es werden immer weniger; nur wenige Objekte wurden unter Denkmalschutz gestellt.

Ein schönes Beispiel für die Restaurierung nach fast vollständiger Zerstörung ist die Pension Gurewicz, das größte Holzhausensemble in Polen. Es entstand in mehreren Etappen; seit 1906 wurde bis 1921 immer wieder ein Flügel oder ein Anbau hinzugefügt. Fairerweise muss man sagen, dass es sich um ein eben nur mit Holz verkleidetes Haus handelt. Zuerst war es als Privatvilla der Familie Gurewicz konzipiert, dann wurde es zum Sanatorium für ca. 80 Gäste. Gleich nach dem Krieg beherbergte es ein Militärkrankenhaus und 1948 verkaufte die Familie Gurewicz das Ensemble. Es wurde weiterhin als Krankenhaus genutzt, dann als Medizinisches Lyzeum, irgendwann war es in einem derart schlechten Zustand, dass es mehrere Jahre leer stand. In einem Zustand des völligen Zerfalls übernahm eine Autofirma das Objekt, um darin eine orthopädische Klinik einzurichten. Die Kosten für die Wiederherstellung wurden auf 10 Millionen Euro geschätzt. Von der ursprünglichen Idee, das Haus zu restaurieren, sind die Architekten abgegangen; das Haus wurde zerlegt und wieder neu aufgebaut, getreu nach den Fotos und Zeichnungen, getreu den erhalten gebliebenen Elementen. Es war das einzige Verfahren, um das Ensemble zu retten und ihm zugleich eine neue Funktion zu geben; natürlich stritten die Konservatoren, die Architekten, die Innendesigner, die Eigentümer, die Klinikexperten – und herausgekommen ist ein Kompromiss; so viele Funktionen zusammenzubringen, war eine echte Aufgabe und das Ergebnis kann sich wirklich sehen lassen und vielen Leuten gefallen.

Für das normale Publikum sind der großzügig angelegte Garten und ein Restaurant mit einer großen Sommerterrasse zugänglich; alles in einem wunderbar gepflegten Zustand.