Unsterblicher Dichterrebell

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/4/4c/Andrzej_Bursa_2.jpg/308px-Andrzej_Bursa_2.jpgUrszula Usakowska-Wolff

ANDRZEJ BURSA

Der polnische Lyriker, Dramatiker und Journalist Andrzej Bursa wurde am 21. März 1932 in Krakau geboren. Er studierte Journalistik und bulgarische Philologie an der Jagiellonen-Universität in Krakau. 1952 heiratete er Ludwika Szemiot, Studentin der Akademie der Schönen Künste in Krakau, kurz danach kam ihr Sohn Michał zur Welt. Vom Dezember 1954 bis zum Sommer 1957 arbeitete er als Reporter der Krakauer Tageszeitung Dziennik Polski. Er starb plötzlich am 15. November 1957 an einer angeborenen Schwäche der Halsschlagader.

Andrzej Bursa, der zur Generation 1956 gezählt wird, also zu den Dichtern und Schriftstellern, die nach dem so genannten Oktober-Tauwetter 1956 in Polen in Erscheinung traten, war wegen seines frühen Todes mit 25 nur drei Jahre schriftstellerisch tätig. Von 1954 – 1957 veröffentlichte er, vor allem in Studentenzeitschriften, 37 Gedichte sowie die Erzählung »Mason«. Er schrieb auch den Roman »Die Tötung der Tante« und das Theaterstück »Karfunkel« sowie die Groteske »Der Drache«.

Andrzej Bursa war ein literarischer Rebell, seine Lyrik ist von Brutalität und Zynismus durchdrungen: Das sind die Spuren, die der Zweite Weltkrieg in der Psyche des Dichters und seiner Generation hinterlassen hat. Seine Gedichte sind naturalistisch und programmatisch antiästhetisch. Doch zugleich sucht er nach festen humanistischen Werten, nach dem Sinn des Lebens und des Leidens von Menschen und Tieren. In seiner Poesie enttarnt er die realsozialistische Wirklichkeit, den Opportunismus der Menschen und die Verlogenheit des Systems. Er lehnt sich gegen die Normen des gesellschaftlichen Lebens, gegen die polnische romantische Tradition, den Märtyrerkult und den vordergründigen Patriotismus, den Machismus und die kleinbürgerlich-katholische Moral und Religion, gegen das Böse auf, das von der Partei oder der Kirche zum Guten erklärt wird. Er ist ein literarischer Einzelgänger, ein wahrer Poète Maudit. Lange Zeit etwas in Vergessenheit geraten, wird er heute als »unsterblicher« Dichterrebell mit einem sanften lyrischen Kern verehrt. In Deutschland ist Andrzej Bursa, abgesehen von einigen wenigen Übersetzungen seiner Gedichte, die in Anthologien polnischer Lyrik erschienen, beinahe unbekannt.

Casanova

Giuseppe Casanova
den du so beneidest
war weder sehr reich
noch sehr stark
und seine Epoche
kannte viele Männer die genauso schön
wie er
oder schöner als er waren
aber er war höflich
……..zärtlich
…..ritterlich
und eroberte immer
obwohl er manchmal einfacher
sein Ziel erreichen könnte
also wenn du willst
erobere
wie er
Frauenherzen
und lass dich von Schwierigkeiten nicht entmutigen
Fang mit der eigenen Frau an

Der Poet

Der Poet leidet für Millionen
von 10 bis 13.20
Um 11.10 drückt ihn die Blase
er tritt aus
macht den Hosenschlitz auf
macht den Hosenschlitz zu
Kommt zurück räuspert sich
und erneut
leidet er für Millionen

Fußtritte

Er kam tatsächlich um etwas zu werden
aber schon in der ersten Tür ein Fußtritt
er lächelte
den Fußtritt fand er ziemlich witzig
versuchte es wieder
ein Fußtritt
beschloss einen Stock höher zu gehen
landete wieder im Erdgeschoss mit einem Fußtritt zu Fall gebracht
duckte sich brav im Flur
ein Fußtritt
ein Fußtritt im Tor
auf der Straße wieder ein Fußtritt

also wünschte er sich wenigstens einen poetischen Tod
warf sich vor ein Auto

dessen Fahrer ihm einen kräftigen Fußtritt verpasste

Sonnabend

Gott was für ein netter Abend
so viel Wodka so viel Bier
und dann ein Tohuwabohu
in den Kulissen dieses Paradieses
zwischen dem plüschigen Vorhang
und der Küche hinterm Gitter
fühle ich wie ich mich
vom Überfluss an Energie befreie
den mir die Jugend bescherte

möglich
dass ich sie anders einsetzen könnte
z.B. 4 Reportagen schreiben
über Entwicklungsperspektiven kleiner Städte
aber
………….leckt mich am Arsch kleine Städte
………….leckt mich am Arsch kleine Städte
………….leckt mich am Arsch kleine Städte!

Morgens im Park

Morgens bei meinen Exerzitien mit Bäumen im Park
treffe ich einen Einzelgänger mit Köfferchen auf einer entlegenen Bank
blicke ins Köfferchen
…………………………..brr
………………..Köfferchen ein zerstückeltes
…………………………..Baby
diskret biege ich in eine Seitenallee
dort geht Einer
ein Bündel ein Bündel schleppt er
klatsch… aus dem Bündel fällt ein abgeschnittenes Frauenbein
jetzt reicht es mir aber
ich flüchte in die entfernteste Ecke
wo der Park in eine stillgelegte Schutthalde übergeht
hier treffe ich einen bekannten Buchhalterversager
leidenschaftlichen Kräutersammler
aber was schreitet denn da neben ihm her?
……………………….Ein Pferd?
……………………….Ein Hund?
etwas Kleineres als ein Pferd
und Erhabeneres als eine Dogge
ach … eine Chimäre
er weidet hier in der Einsamkeit seine Chimäre
armes Alterchen

1957

* * *

Doktor C reicher Wundertäter
und das alles aus eigener Kraft

………………..(schwere Kindheit aus eigener Kraft
………………..Gymnasium……….aus eigener Kraft
………………..Medizin……….aus eigener Kraft
………………..Villa bequemer……….als Himmel
………………..und zwei Autos schöner als..Sterne
………………..auch……….aus eigener Kraft)
sammelt Krüppel
solche Deppen ohne Hände und Füße
er hat davon 22
also zweimal 11
und verkündet
………….hoppla Jungs heute lernen wir Fußball spielen
– wir haben keine Füße – kreischen diese Penner
– ach Blödsinn – runzelt der Doktor seine Stirn
ich ging durchs Leben aus eigener Kraft
aus eigener Kraft kann man Wunder bewirken
und zwinkert dem Pfleger einem ausgedienten Ex-Sergeanten zu

ein halbes Jahr dauerte das Training im Sanatorium hinterm Stacheldraht

ich weiß nicht ob ihnen Füße gewachsen sind
ich weiß nicht wie es geschah
aber ich sah ihr Frühlingsmatch
die Jungs spielten prima Fußball

Aus dem Polnischen von Urszula Usakowska-Wolff
Ursprünglich erschienen im MATRIX – Zeitschrift für Literatur und Kunst Nr. 2/2009 (16). Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Übersetzerin.

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