August 1980. Es begann in Stettin.

Die August-Streiks 1980, schreibt Wikipedia, waren eine Reihe von Arbeitsniederlegungen in der kommunistisch regierten Volksrepublik Polen. Tatsächlich begannen sie schon Anfang Juli  in Lublin, in die Geschichte gingen sie aber ein durch die Streiks an der Ostseeküste. Der wichtigste Streik wurde am 14. August von den Freien Gewerkschaften (Wolne Związki Zawodowe Wybrzeża) auf der Danziger Werft ausgerufen, dem sich die Delegationen anderen bestreikter Betriebe anschlossen. Es wurde aber auch in anderen Städten gestreikt, darunter auch in Stettin. Die Streiks endeten mit dem Unterzeichnen der drei Abkommen zwischen der Regierung Giereks und den Streikenden: In Stettin, Danzig und der Kohlengrube Jastrzębiec. Das Stettiner Abkommen wurde als Erste unterzeichnet. Somit wurde eigentlich in Stettin und gar nicht in Danzig das neue Kapitel der Geschichte angefangen. Das Kapitel, dem in nicht mal 10 Jahren der Frühling der Völker folgte, der Fall der Mauer, das Verschwinden des Eisernen Vorhangs, das Auflösen der feindlichen politischen Blöcke und die Entstehung des großen freien Europas der souveränen Statten. 
Es geschah heute vor 40 Jahren.

Unser Autor war dabei.


Unterzeichnung des Abkommens in Stettin am 30. August

Krzysztof Jagielski

Über Bord (2)

Die Gespräche zwischen Streikkomitee und Regierugskommission dauerten an. Tag für Tag, trozt des stürmischen Wetters, wuchs die Zahl der Menschen, die sich vor dem Haupteingang zur stettiner Werft versammelten um die zähen Verhandlungen direkt zu verfolgen. Die Stimmung war grandios, man kommentierte direkt und scheinbar schon ohne Angst das Geschehen und bekundete laut die Unterstützung für Marian Jurczyk und das Streikkomitee.

Am 23. August, es war Sonnabend, stieg die Zahl der in Westpommern (Pomorze Zachodnie) streikenden Betriebe auf 118 (…). Montag  früh, den 25. August, erfuhr ich, daß die Mannschaft des Containerschiffs  m/s „Wejherowo“, eines der modernsten Schiffe der polnischen Handelsflotte und bisher fest in der Hand des Kaders der kommunistischen Partei, sich weigerte, nach London, in See zu stechen.

Ich nahm das Fahrrad und fuhr zum Kai  wo m/s „Wejherowo“ angeleint war und als ich dort ankam, war eigentlich alles entschieden. Die Maschinen standen still und an Bord hing ein Riesenplakat  auf dem geschrieben stand STRAJKUJEMY! (Wir streiken!)

Plötzlich, nach wochenlangem Unwetter, kam durch die Sonne die Wolken. Unglaubliche, friedvolle Stimmung breitete sich aus und ich fiel auf die Knie und weinte zum ersten mal am 25. August, den Todestag meines Vaters Julian, aus Freude (…).

***
Im Jahre 1944, am fünf und zwanzigsten Tage des Warschauer Aufstandes fiel Julian Jagielski, Leutnant der Reserve und Kommendant de Luftschutz Mokotow, bei der Feuerlöscharbeiten in der Grottger Strasse. Das Feuer, das durch den Raketenbeschuss des deutschen Nebelwerfers entfacht wurde (polnisch, umgangssprächlich, „krowa“, die Kuh, wegen des charakteristischen  Lautes, das bei abfeuern der Projektile zu hören war) vernichtete fast den gesamten Häuserblock. So wurde ich an diesen Tag Vollweise, da meine Mutter, schon im Vorjahr, wegen der fehlenden Medikamente, an Lüngenentzündung starb (…).

Siehe HIER

Langsam kam ich wieder zu mir selbst, jetzt war mir klar, der Streik erfasste fast die gesamte Handelsflotte von Stettin bis Danzig. Ich stieg auf den Fahrrad und fuhr zurück zum m/s „Dęblin“, um die tägliche Ration Verpflegung für die streikenden Werftarbeiter vorzubereiten (…).
In der Nacht hörte ich den Sender RFE (Radio Free Europe, polnisch – Radio Wolna Europa).
Es wurde berichtet, dass in Danzig eine Expertenkomission zur Unterstützung der dortigen Streikkomitee mit Lech Walesa an der Spitze, sich gebildet hat; es fielen die Namen: Mazowiecki, Wielowieyski, Geremek, Kuczynski, Staniszkis.
Es wurde auch über Streiks in Warschau, Lublin und Oberschlesien informiert.
Trotz der der massiven Aktivitäten der Störsender erfuhr ich, dass die schlesischen Kumpels fast diesselben Förderungen wie Arbeiter an der Küste gestellt haben.
Die Lawine rollte.

Fortsetzung folgt. Übersetzung Tibor Jagielski

Über Bord

Krzysztof Jagielski

1.

Ende Juli des Jahres 1980 gab es Streiks im Gdingen, dann in Lodz und Warschau.
Die Regierung versuchte durch die Erhöhung der Löhne die Situation zu dämpfen.
Es schien als ob diese Politik Früchte tragen würde; dazu kamen kosmetische Änderungen an der Parteispitze. Ich erwartete schon das Ende der Protestbewegungen.

Mitte August, wegen der ausbleibenden Lieferungen, lag mein Schiff, m/s „Dęblin“ an der Rumänischen Kai  in Stettiner Hafen. Es gab keine Streiks; die meisten Matrosen nahmen Frei, und fuhren nach Hause zur Familien ins Umland.
Ohne Druck versorgte ich das Schiff und übriggebliebene Besatzung.
In der Büros trank man Kaffee, plauderte über Streiks, als ob sie auf dem Mond stattfinden würden. Doch die Ruhe war trügerisch; die Menschen waren angespannt und voller Erwartung.

Am 14. August streikten kurz die Fahrer des staatlichen Bauunternehmens Transbud.
Ich hörte abwechselnd die Auslandssender: Voice of America, Radio Free Europe, BBC London etc.
Die Landesmedien berichteten von „erhöhten Arbeitsbereitschaft“, „zusätzlichen Lieferungen“ und „sporadischen Unterbrechungen in der Arbeit“(…).
Am selben Tag kam die Nachricht vom Streik in Danziger Werft. „Streikt, streikt!“ rief ich innerlich.

Am 15. August standen an der Danziger Bucht alle Räder still. Endlich!
Alle telefonische Verbindungen wurden gekappt – unmissverständliches Zeichen, dass die Regierenden die Situation bedrohlich fanden.
Doch was wird in Szczecin? Das Wetter war regnerisch und es schien, als ob sich die Wolken immer mehr zusammenbrauen (…). Ich wusste, es wird etwas geschehen.

Am nächsten Tag traf Ministerpräsident Babiuch vor die Fernsehkameras und bezichtigte die „antisozialistische Kräfte des Aufwiegelung der arbeitendes Volkes“.
Der Erste Sekretär der polnischen kommunistischen Partei, Gierek, unterbrach sein Urlaub auf Krim und flog nach Warschau zurück.
Doch die Lawine rollte und war nicht mehr zu stoppen.

Am Sonntag waren die Kirchen überfüllt; man sang patriotische Lieder: „Freies Vaterland gib uns wieder o Herr…“; das Händedruck wurde stärker, ansonsten schwieg man (…).

Am Montag, den 18.08., fuhr ich Richtung Werft zum Lieferbetrieb „Baltona“.
Schon vor weitem sah ich weiß-rote Fahnen. Ich gab Gas.
Über dem Eingang der Parnica-Werft ragte ein Riesenaufschrift: „BESATZUNGSSTREIK“. Vor und hinter dem Tor – Arbeiter.
Ich schaute; ich schaute lange und spürte plötzlich wie mir die Tränen zu rollen anfingen.

2.

In der „Baltona“ gab es allgemeine, aber freudige Aufruhr.
„Warski–Werft steht!“ schrien die Menschen und fielen sich in die Arme.
Ich war überwältigt und entschloss mich hinzufahren.
Eine Riesenmenschenmenge stand vor dem Haupttor.
Doch es wurde noch nicht gestreikt: „Wir warten auf den Brych, das Fass ist voll“ sagten die Arbeiter (…).
Diese Nacht konnte ich nicht schlaffen.

Dienstag morgen fuhr ich zum Schiff vorbei an Warski–Werft.
Riesenaufschriften: „Streik“; „Wir solidarisieren uns mit den Danziger Werftarbeiter“; „Wir unterstützen berechtigte Förderungen”.
Am Tor, neben dem Werkschutz, standen Arbeiter mit Helmen und weiß-roten Armbinden.
Auch in Parnica-Werft wurde gestreikt.
Im Hafen angekommen bemerkte ich seltsame Ruhe; alle Kräne standen still.
An Bord wurde mir bestätigt – der Hafen steht; auch Reparaturwerft, das Stahlwerk, das Containerfabrik „Unikon“ und städtische Verkehrsbetriebe streikten.
Vor den Geschäften, trotz des Schauerwetters, bildeten sich Riesenschlangen; alle Lebensmittel, bis auf Salz, wurden restlos aufgekauft.

Ich entschloss mich zum Warski-Werft zu fahren.
Am Haupteingang stand eine Menschenmenge; manche schrieben von den an dem Tor befestigten Transparenten etwas ab… Streikförderungen!
Ich fing an mitzuschreiben: „Punkt 1. Gründung der freien und, von der Partei und Regierung,
unabhängigen Gewerkschaften…“
Ich hielt kurz inne und las noch mal… Ja! Freie Gewerkschaften. Endlich…
Dann folgten weitere 35 Punkte.
„Schnell abschreiben“ sagte ich mir „bevor die Stasi kommt“ (…).
Zu Hause angekommen setzte ich mich an die Schreibmaschine und vervielfältigte die Liste bis mir die Finger anschwollen.
Diese Nacht schlief ich wie ein Stein.

3.

Am 20. 08. gab es weiterhin schlechtes Wetter.
In den morgigen Nachrichten von RFE hörte ich Informationen über Verhaftungswelle unter Mitgliedern von KOR, KPN und ROPCiO, der oppositionellen Bewegungen.

Bis zu diesem Tag war ich eigentlich nur ein Mitläufer; zwar ein erklärter Gegner der Kommunisten, doch ohne mich organisatorisch irgendwo zu betätigen.
Ich wäre bereit auf die Barrikaden zu klettern; doch es gab kein Ruf.
Mein Betrieb war fest in der Hand der Parteimitglieder; es gab keine Streikwillige.
Vielleicht streikte man in Gdingen, doch wir wussten von nichts – es gab keine Telefonverbindungen.

Das Wetter wurde so stürmisch, das man von Schiff aus zusätzliche Leinen an das Kai binden musste. Obwohl im sicheren Hafen, tanzte das Boot wie verrückt.
Von einem Zöllner, der bei uns vorbeikam, erfuhr ich, dass gestern gegründete Interbetriebliches Streikkomitee (MKS) die Gespräche mit einer Regierungsdelegation aufgenommen hat; ich entschloss mich zum Werft zu fahren.

Das Haupttor war mit den Blumen übersät; überall National- und Papstfahnen, sowie Riesenbilder von ihm und Madonna von Tschenstochau; auf der Mauer, wo ein Lautsprecher befestigt war, saßen die Arbeiter. Es wurde eine Direktübertragung der Gespräche zwischen dem Streikkomitee und der Regierungsabgesandten vorbereitet.
Plötzlich hörten wir ein Stimme; raunen ging durch die Menge: „Das ist Jurczyk“.
„Wer ist Jurczyk?“ fragte ich. „Der Vorsitzende von MKS“, wurde mir erklärt.
Er bat für eine Schweigeminute für die Gefallenen des Dezemberaufstandes von 1970.
„Genialer Schahzug“ dachte ich, „wie müssen sich wohl die Regierungsvertreter jetzt fühlen?“ Dann kamen die Streikförderungen; Punkt auf Punkt.
Die Antwort des Ministers Barcikowski klang wie kratzen auf Glas; kurz darauf wurden die Gespräche vertagt.

Ich ging an die am Tor stehenden Arbeiter, überreichte die mitgebrachten ein paar Stangen Zigaretten und versprach den Streikenden fünfzig Liter Suppe aus meiner Schiffsküche täglich, und erntete als Dank den harten Händedruck eines Hafenarbeiters.

Übersetzung aus polnischen – T.J.
Fortsetzung folgt in einer Woche 

Über Krzysztof Jagielski (auf Polnisch) HIER

Stettiner Bahnhof

Fragment po polsku na samym dole

Für heute wurde vom Verein Städtepartner Stettin eine Führung angesagt.
Organisatorin Ela Kargol.

SAMSTAG 22. August 2020
VON 15:00 BIS 17:00

Rund um den Stettiner Bahnhof

Öffentlich & kostenlos · Gastgeber: Städtepartner Stettin e.V.
Von hier fuhren damals die Züge nach Stettin. Er gehörte zu den größten und prächtigsten Bahnhöfen Berlins. Was ist geblieben, was verschwand von der Stadtkarte und warum? Weshalb wurde der Stettiner Bahnhof umbenannt?
Auf diese und ähnliche Fragen antwortet und führt uns durch die Umgebung um den jetzigen Nordbahnhof Dr. Andreas Jüttemann, Autor und Stadthistoriker.
***
Und so ist es gewesen; Impressionen von Artur Jedyński:

Bericht von Ela Kargol:

Ein Spaziergang mit Dr. Andreas Jüttemann rund um den Stettiner Bahnhof.
Früher fuhren die Bewohner Berlins vom Stettiner Bahnhof nach Stettin und weiter an die Ostsee. Jetzt könnte man sich eigentlich die Reise sparen. Ein ostseeähnliches Vergnügen bietet die Appartementanlage Cube Lodges Berlin Mitte direkt auf den ehemaligen Gleisanlagen der Stettiner Bahn. Es gibt genug Sand, aber kein Meer zu sehen, genau wie in Stettin.
Die Liesenbrücke ist sowieso unfahrbar für die Züge, dafür aber sehr fotogenisch. Aus dem Noa Stellwerk wurde eine Denkmalfabrik und der geheime Eingang zum Friedhof über eine Wohnanlage bleibt wie in DDR-Zeiten geschlossen. Geschlossen und zugeschüttet ist auch der Stettiner Tunnel unter dem Park auf dem Nordbahnhof, der erste Fussgängertunnel Berlins. Die Wartehalle im “Kleinen Stettiner” sah heute besonders nobel , fürstlich und einladend aus. Großes Feiern kündigte sich mit prächtigen Blumenschmuck an. Hier würde es vielleicht sogar Alfred Döblin gefallen. Als er mit seiner Mutter aus Stettin nach Berlin kam im Jahre 1888 und auf dem Stettiner Bahnhof ausgestiegen ist, hat ihn die Größe und Pracht des Bahnhofs nicht angetan. Das ganze versmokte Industriegebiet um den Bahnhof, genannt Feuerland, hat ihn mehr erschrocken als begeistert.

Danke an Andreas Jüttemann für die interessante, informative und vielfältige Führung durch die Gegend um den Stettiner Bahnhof.

***
Kommentarz młodej mamy, która z dwójką dzieci wzięła udział w zwiedzaniu dawnego Dworca Szczecińskiego:

Taki jest właśnie Berlin, jak ta grupa od staruszków z ulicy Szczecińskiej, których wprowadziła w błąd informacja, bo na ulotce był adres Invalidenstr 130, a cała grupa zebrała się przed wejściem, a to był plac Elisabeth Schwarzhaupt 1. I nikt z nas nie sprawdził, czy tam ktoś czeka, bo na ulotce było też napisane, że “przed wejściem do kolejki czyli S-bahny” i tam się wszyscy zebrali. Na szczęście staruszkowie sami nas odkryli. Typowi dla Berlina byli też obaj, polscy zresztą, młodzi ludzie, określeni przez nas jako “galernicy”, z grubymi łańcuchamy zapiętymi na kłódki na szyjach. Bardzo mili i ciekawi młodzi ludzie. Inna starsza pani nie omieszkała na dzień dobry zwrócić Ewie uwagi, że nie wolno mówić obcym ludziom miłych słów, bo nie wiadomo, jak to przyjmą. Ewa się jednak nie przejęła. Dzieci, którym trzeba było obiecać lody i w przyszłości wyjście do parku wspinaczkowego, z całej wyprawy najlepiej zapamiętały tunel i uznały, że to jest loch za kratami, a wyobraźnia podpowiedziała im całą resztę. Następnego dnia malowały taki loch. Berliński poeta ofiarował Ewie kwiaty z własnego ogrodu, którymi Ewa wysmarowała sobie całą białą, płócienną torbę, bo kwiaty okazały się jeżynami. Jedna z młodych dziewcząt z Misji Miejskiej na ulicy Szczecińskiej (Stadtmission Stettiner Strasse) obchodziła bat mizwę, a my braliśmy prawie udział w przygotowaniach. Nie weszliśmy na cmentarz, bo furtka była zamknięta. NRD to jednak NRD.
Jednym słowem, fajnie i rozmaicie. A ukoronowaniem naszej rozmaitości była tęcza.

Reblog: Dem Amulett sei dank

Igal Avidan

Auf den Spuren des jüdischen Mädchens Karolina Cohn
Hörfunksendung


Sobibór

Im November 2016 barg der israelische Archäologe Yoram Haimi auf dem Gelände des früheren nationalsozialistischen Vernichtungslagers Sobibór im heutigen Polen ein silbernes Amulett.


Yoram Haimi

Darauf war der Städtename Frankfurt am Main zu lesen und das Datum 3.7.1929 – und in hebräischen Buchstaben “Mazel tov”.


Karolina mit ihren Eltern Richard und Else (links) im hessischen Bad Orb 1932. In der Mitte Elses Bruder Max Eisemann, ermordet in Majdanek 1943.

Haimi fand heraus, dass das Schmuckstück Karolina Cohn gehört hatte, das als jüdisches Mädchen im Holocaust ermordet wurde. Daraufhin begab sich der Berliner Journalist Klaus Hillenbrand auf die Suche nach den Spuren von Karolina und ihrer Familie.

Links: Der israelische Familienforscher Haim Motzen, der Karolina Cohns Verwandten in aller Welt entdeckte. / Rechts: Klaus Hillenbrand mit seinem Buch „Das Amulett und das Mädchen“

Teil 1

Teil 2

Auf dem Fahrrad und zu Fuß 4

Christine Ziegler

liebe ewa,

morgen schon werden die taschen gepackt für die rückkehr nach berlin. was für schöne tage wir hier verbringen konnten! ringsum freundliche leut, in wald und feld besonders viele tiere entdeckt und der sommer war auf einem schönen höhepunkt, bevor die ernte beginnt. nun, für den abschied passend, sind die ersten felder schon abgeerntet, manche wiese schon gemäht. so ändern sich die farben von weißgold zu braun, von bunt zu heugrüngrau. doch der himmel weiter voller lebendigkeit mit riesigen wolken, die über die unfassbare weite schwimmen.

direkt nach osten waren wir bisher noch nicht von hier losgefahren und so ging es über kleine dörfer wie netzow, bendelin, damelack, breddin und gümmernitz zum rittergut todtenkopf, im ort namens waldfrieden gelegen. der dorfverein in damelack hieß bemerkenswerterweise nach florian geyer* (wir sind des geyers schwarze haufen, sangen sie in den bauernkriegen, wir wollen mit tyrannen raufen …)

dann kurz vor vehlgast ein neues informatives schild am weg. diesmal nicht über schreitvögel oder ehemalige slawische rundlingsdörfer sondern die beschreibung des hochwassers von 2002. das havelland wurde geflutet, um den anrainern der elbe entlastung zu geben. hier in den dörfern, die seit jahrhunderten mit den wassern kämpfen, gingen die fluten in die keller und die landschaft wurde von zuoberst nach zuunterst gekehrt. selbst die alten betonwege hat es weggespült. der fluß jäglitz hat heut ein neues bett. heute vom vogelbeobachtungsturm ist davon nichts mehr zu ahnen.

wöplitz wollt ich nicht vergessen! hier hält uns eine holzfigur auf und die geschichte dazu muss auch noch erzählt werden.

der weg zurück nach klein-leppin wieder durch den wald, wieder mal off-road, einmal pro tour muss es sein, sonst reicht es nicht für martins abenteuerlust. eine wenig befestigte alte allee lockt uns in den wald. und da ein schild, davon wussten wir bei der wegplanung noch nichts:

danach ein forsthaus und dann waldwege mit mehr oder weniger tiefem sand, das wird dann manchmal artistisch auf dem rad. in glöwen dann die „belohnung“ mit kaffee und kuchen im antik-café im alten dorfkern am kirchplatz. dort zu sitzen ist gehobene gemütlichkeit und der selbstgebackene kuchen ist unendlich gut. werbeblock muss hier einfach sein. an schwanensee vorbei, immer auf der spur der alten schmalspurbahn zurück nach klein-leppin. schwäne haben wir seltsamerweise hier nie gesehen …

mit dem lieblingsbuch auf dem deckchair im garten ausgeruht. die sonne hat sich endlich nicht mehr versteckt und uns wurde warm.

ob wir heute nacht noch den aktuellen kometen neowise sehen werden? es muss nur das wetter mitspielen, einsam und damit dunkel genug ist es, um jedes himmelsspektakel perfekt zu sehen. wir sind hier nur ein paar kilometer weg vom sternenpark in gülpe**. dunkler als hier kann es dort nachts auch nicht werden***.

liebe grüße

christine


anmerkungen der administratorin:

* florian geyer, 1490-1525, ein fränkischer reichsritter, truppenführer und diplomat; er übernahm im bauernkrieg 1525 die führung des schwarzen haufens.

** gülpe, nicht weit von rathenow, gilt als der dunkelste ort deutschlands, was alle wissenschaftler und hobbysternengucker immer wieder lockt: die dunkelste nacht ist am 17. september. ich plane dieses jahr diese nacht dort zu sein. kommt alle hin, vielleicht werden wir uns dort treffen (falls man sich überhaupt sieht).

*** als ich fragte, ob sie den kometen neowise gesehen haben, antworte christine: nee, nur im internet. das haben wir auch, natürlich.

Was von uns übrig bleibt?

Langweiliges aber nichts desto trotzt fantastisches Buch. Es gibt solche und sie sind das Beste, das es unter den Büchern gibt. Monatelang ein Bestseller, verfilmt und “vertheatert”.

Judith Schalansky

Der Hals der Giraffe. Bildungsroman.

Suhrkamp Verlag, Berlin 2011
ISBN 978-3-518-42177-2

…diese Stadt hier würde sich von der Populationsschwankung nicht mehr erholen. (…) Eine Stadt im vorpommerschen Hinterland (…). Am schmalen Fluß ein Hafen für Schrott und Schuttgüter, eine Zuckerfabrik und ein Museum. Der Markt ein Parkplatz. Ein, zwei historische Straßenzeilen. Die turmlose Kirche ein riesiges Rudiment der Backsteingotik. Das Zentrum selbst voller Neubauten, WBS-Siebzig, einfachste Ausführung, ohne Spaltklinker oder Kieselsteine im Waschbeton. Erst waren sie saniert worden. Jetzt standen sie zum größten Teil leer. Die neue Autobahn vor der Tür, nur eine halbe Stunde weit weg. Dreißig Kilometer entfernt machte sie einen scharfen Knick nach Westen. Aber wenigstens wuchs hier was: Ein Bataillon Stiefmütterchen vor der Einkaufspassage. Veilchenfußvolk, neueste Aufhübschungsmaßnahme der Beschäftigungstherapierten. Gemeiner Efeu, der sich an den Balkonen der aufgetakelten Neubaufassaden verfing. Und es gab eine Unmenge von Pflanzen, die ihren Weg ohne menschliches Zutun in diese Siedlung gefunden hatten. Sie gediehen prächtig und beinahe unbemerkt: das einjährige Rispengras, das mit flachen Wurzeln jeden unbebauten Quadratzentimeter Boden besetzte. Das alte Ackerkraut, das sich von den Feldrändern vorgearbeitet hatte bis hierher, auf den Marktplatz, ins Zentrum der Stadt. Aus Pflasterritzen quoll der knechtische Vogelknöterich. Ganz zu schweigen vom Gemeinen Löwenzahn, der Allerweltsblume, die mit strotzender Potenz jede Straßenecke markierte. Die wilde Vegetation war überall. Die filzigen, weißen Blätter des gemeinen Beifußes. Der Krauttepich der Vogelmiere. Der unausrottbare Gänsefuß. Ein erstaunlicher Artenreichtum. Vor allem in der Steinstraße, wo sich Bauruinen mit leergezogenen Altbauten abwechselten. Häuser in ganz unterschiedlichen Stadien des Verfalls. Halt. Hatte die Bernburg hier nicht mal gewohnt? Die Klingel war rausgerissen, die Schilder nicht zu entziffern. Die Tür offen. Aus dem Keller drang kühle Luft. m Hofblühte sogar eine Sandstrohblume. Hoch aufgeschossene Schafgarbe an einer Halde mit Bauschutt. Die falschen Ähren der Mäusegerste mit langen Grannen. Unkraut verging nicht.
Hier überlebte nur, was wucherte. Fern von den gepflegten Zierbeeten, gehätschelten Kleingärten und anderen mühsam eingerichteten Sekundärbiotopen. Die strahlenlose Kamille, das trittfeste Mastkraut, die hinterlistige Quecke, das herzergreifende Hirtentäschel – hartnäckiges Wildkraut, störrischer Wuchs. Es war die Fortpflanzung, die das Bestehen sicherte. Komplizierte Bestäubungsaktionen hatten hier keinen Erfolg. Es musste schnell gehen. Noch ehe Schadstoffe hm etwas anhaben konnten, hatte sich das Unkraut schon vermehrt. Die klebrigen Samen des zähblättrigen Breitwegerichs hefteten sich an jede Sohle. Der Wurmfarn schleuderte seine winzigen Sporen hinaus. Die Pusteblume ließ Fallschirme segeln. Vom Wind weggetragene Samen. Das Hirtentäschel konnte sich im Notfall sogar selbst bestäuben. Ortswechsel waren bei den Pflanzen selbst allerdings nicht vorgesehen. Es blieb ihnen gar nichts anderes übrig, als hierzubleiben. Und sie machten das Beste daraus. Unterwanderten frei gewordene Flächen, besetzten ungenutzte Zwischenräume, keimten in den Ritzen der Gehwegplatten, in den Rissen der Gemäuer, wurzelten in der schmutzigen Erde der Schutthalden gruben sich in die verschütteten Reste früherer Bebauung. Lehm, Zement, Mörtel. Das machte ihnen nichts aus. Im Gegenteil. Selbst die trockenste, kalkreiche Erde war Nährboden genug für die hartgesottenen Vertreter der grünen Front.

Die Sprosspflanzen wurden einfach unterschätzt. Während ihrer Studienzeit hatte sie sich auch nicht für das Grünzeug erwärmen können. Servile Werktätige der Photosynthese-Fabrik. In unzähligen Übungen zu bestimmen. Immer ging es ums Zählen. Wie viel Blätter sie hatten, wie viel Staubgefäße, Nacktsprosser und Schachtelhalme, Bärlappe und Farne, Nackt- und Bedecktsamer, Zweikeimblättrige und Einkeimblättrige, Schmetterlingsblüten und Kreuzblüten, Lippenblüten und Korbblüten. Wechselständig und grundständig, kreuzgegenständig. Frucht. Futter, Heilmittel, Zier. Die einzelnen Organe der Photosynthese. Zufuhr des großen Kreislaufs, Motor des Stoffwechsels. Pflanzen verwandelten energiearme Stoffe n energiereiche. Bei den Tieren war es andersrum. Wir waren einfach nicht autotroph. In jedem kleinen Blatt, in jedem winzigen Chloroplast passierte Tag für Tag das Wunder, das uns alle am Leben hielt. Epidermis, Cuticula, Palisadengewebe. Wäre man grün, bräuchte man nicht mehr zu essen, nicht mehr einzukaufen, nicht mehr zu arbeiten. Man bräuchte überhaupt gar nichts mehr tun. Es genügte, sich ein wenig in die Sonne zu legen, Wasser zu trinken, Kohlenstoffdioxid aufzunehmen, und alles, aber auch alles, wäre geregelt. Chloroplasten unter der Haut. Es wäre wunderbar!
Die stumme, geduldige Vegetation. Alle Achtung. Sie konnten ohne Sprache kommunizieren und waren ohne Nervensystem schmerzempfindlich. Angeblich hatten sie sogar Gefühle. Das wäre allerdings kein Fortschritt. Vielleicht waren sie uns ja gerade deswegen überlegen, weil sie ohne Gefühle auskamen. Einige Pflanzen hatten mehr Gene als der Mensch. Die vielversprechendste Strategie, an die Macht zu kommen, war immer noch, unterschätzt zu werden. Um dann, im richtigen Moment, zuzuschlagen. Es war nicht zu übersehen, dass die Flora auf der Lauer lag. In Gräben, Gärten und Gewächskasernen warteten sie auf ihren Einsatz. Schon bald würden sie sich alles zurückholen. Die missbrauchten Territorien mit sauerstoffproduzierenden Fangarmen wieder in Besitz nehmen, der Witterung trotzen, mit ihren Wurzeln Asphalt und Beton sprengen. Die Überreste der vergangenen Zivilisation unter einer geschlossenen Krautdecke begraben. Die Rückgabe an die Alt-Eigentümer war nur eine Frage der Zeit.
Stickstoffhungrige Brennnesseln, die sich an der grusigen Erde labten, wo schon bald die verholzten Triebe der Waldrebe ein undurchdringliches Dickicht bilden würden. Der Boden vom Farn bedeckt. Mit gespreizten Blättern. Halb frisch, halb verfault. Pilze, Flechten und Moose, die selbst auf Asphalt gediehen. Gespornt für die Ewigkeit. Ein Mantel des Schweigens. Alles trug schon den Samen zukünftiger Natur in sich, zukünftiger Landschaft, zukünftigen Walds. Angelegte Grünflächen? Mühsames Aufforsten? Hier war eine größere Mach Macht am Werk! Niemand konnte sie aufhalten. Irgendwann, schon in ein paar Jahrhunderten, würde hier ein stattlicher Mischwald stehen. Und von allen Gebäuden würde höchstens die Kirche übrig sein, ausgehöhlt, ein Gerippe aus Backstein, eine Ruine im Wald, wie auf einem Gemälde. Herrlich. Man mußte größer, weiter denken. über das mickrige menschliche Maß hinaus. Was war schon Zeit? Die Pest, der Dreißigjährige Krieg, die Menschwerdung, das erste Feuer n den Höhlen der Hominiden? All das lag doch nur einen Wimpernschlag zurück. Der Mensch war ein flüchtiges Vorkommnis auf Proteinbasis. Ein zugegeben recht erstaunliches Tier, das diesen Planeten für kurze Zeit befallen hatte und schließlich genau wie ein paar andere wundersame Wesen, wieder verschwinden würde. Von Würmern, Pilzen und Mikroben zersetzt. Oder unter einer dicken Sedimentschicht begraben. Ein lustiges Fossil. Von niemandem mehr ausgegraben. Die Pflanzen aber blieben. Sie waren vor uns da, und sie würden uns überleben. Noch war dieser Ort nur eine schrumpfende Stadt, die Produktion längst eingestellt, aber die wahren Produzenten waren schon am Werk. Nicht der Verfall würde diesen Ort heimsuchen, sondern die totale Verwilderung. Eine wuchernde Eingemeidung, eine friedliche Revolution. Blühende Landschaften.

Seiten 64 – 71

Call for a Worldwide Reading

Call for a Worldwide Reading for the democracy movement in Hong Kong on 9 September 2020

German version see below/ deutschsprachige Version unten

The international literature festival berlin [ilb] is calling on individuals, schools, universities, cultural institutions and the media for a worldwide reading for freedom of expression and assembly on 9 September 2020. These readings are intended to draw attention to the situation of freedom of expression, freedom of assembly and human rights in Hong Kong, which were adopted by the United Nations in Paris on 10 December 1948. Hong Kong’s parliamentary elections are also scheduled for September 2020.

The recent arrests of 15 representatives of civil society, the democratic camp and the media are part of a long tradition of sometimes subtle, sometimes offensive efforts by the People’s Republic of China to influence the Hong Kong Special Administrative Region (SAR), which has been semi-autonomous since 1997, and its government formation. New York Times May 22nd: “On Hong Kong, the leadership struck a hard line at the annual meeting of China’s legislature, unveiling a plan to impose sweeping new security laws that would place the territory more firmly under Beijing’s thumb and crack down on antigovernment protests.” The headline of the Frankfurter Allgemeine Zeitung in Germany today: “China wants to put an end to the protest movement in Hong Kong”.

In 2014, the Chinese government stipulated that all candidates for the election of the head of government had to be approved beforehand in Beijing. Known as the “Umbrella Movement”, the population of Hong Kong responded with a series of large-scale demonstrations: Thousands of students and pupils, university teachers and intellectuals, artists, workers and employees demanded, among other things, the withdrawal of the resolution and the introduction of political reforms towards further democratization. There were numerous violent clashes between demonstrators and the police, who used pepper spray and tear gas against the largely peaceful demonstrators and arrested various.

At the end of 2015, five Hong Kong booksellers and publishers were abducted to mainland China where they were interned, interrogated and forced to confess. On February 24, 2020, one of the booksellers, Gui Minhai, was sentenced to 10 years in prison for “illegally passing secret information abroad”. While the Internet, newspapers, television and radio are officially uncensored in Hong Kong, most media are now owned by Chinese investors. Television and radio largely outdo each other in self-censorship.

Since March 2019, there have been renewed large-scale demonstrations against the pro-Beijing Hong Kong government over a draft bill that would also allow the extradition of wanted persons to China. Among other things, the demonstrators were demanding the withdrawal of the extradition bill, universal suffrage and the release of political prisoners. While the draft of the extradition bill was officially withdrawn by the government in September 2019, the responses to the other demands are being sat out. The result: over 1,000 protests and 8,000 arrests since then.

Due to COVID-19, the movement has largely shifted to the Internet in the form of memes and images. At the same time, a focus has been placed on the formation of trade unions in order to make the structures more sustainable. The recent arrests in April 2020 underline China’s ongoing efforts to stop critical voices and freedom of expression in Hong Kong. The leadership in Beijing is using the global crisis to quickly create facts and undermine the “one country, two systems” principle. It is challenging the constitutional requirement of non-interference in Hong Kong affairs and wants to introduce a new security law that can criminalize unpleasant political activities as terrorism. This course highlights the urgent need for international attention and solidarity at this time.

Read the 30 articles of human rights, which you can find in over 500 (!) languages on the website of the United Nations and read by Vivienne Westwood, Nina Hoss, Can Dündar, Patti Smith, Simon Rattle, Ai Weiwei, Elfriede Jelinek, and David Grossman subtitled in the languages Arabic, Chinese, German, English, French, Hindi, Russian, Spanish, and Turkish via our website.

Institutions and persons who would like to participate with a reading on 9 September 2020 are asked to inform us and send information like: name of the organizer, place and date of the event, participants, language of the event and, if you have, website link. Our e-mail address is: worldwidereading@literaturfestival.com. The ilb will announce the events on the website www.literaturfestival.com and in social media.

Aufruf zu einer Weltweiten Lesung für die Demokratiebewegung in Hongkong am 9. September 2020
Das internationale literaturfestival berlin [ilb] ruft Individuen, Schulen, Universitäten, kulturelle Institutionen und Medien zu einer Weltweiten Lesung für Meinungs- und Versammlungsfreiheit am 9. September 2020 auf. Mit diesen Lesungen soll auf die Lage der Meinungs- und Versammlungsfreiheit und der Menschenrechte in Hongkong aufmerksam gemacht werden, die am 10. Dezember 1948 von den Vereinten Nationen in Paris verabschiedet wurden. Im September 2020 ist auch die Parlamentswahl in Hongkong vorgesehen.

Die jüngsten Festnahmen von 15 VertreterInnen der Zivilgesellschaft, des demokratischen Lagers und der Medien reihen sich ein in eine lange Tradition der teils subtilen, teils offensiven Bemühungen der Volksrepublik Chinas, Einfluss auf die seit 1997 teil-autonome Sonderverwaltungszone Hongkong sowie deren Regierungsbildung auszuüben. Die New York Times schrieb am 22. Mai: „Was Hongkong betrifft, so schlug die Führung (Chinas) auf der Jahrestagung der chinesischen Legislative eine harte Linie ein und publizierte einen Plan zur Verabschiedung umfassender neuer Sicherheitsgesetze, die das Gebiet stärker unter die Regie Pekings stellen und gegen regierungsfeindliche Proteste vorgehen würden.“

2014 legte die Regierung Chinas fest, dass alle Kandidierenden für die Wahl des Regierungschefs oder der Regierungschefin zuvor in Peking genehmigt werden müssten. Bekannt unter der Bezeichnung „Regenschirm-Bewegung“ reagierte die Hongkonger Bevölkerung mit einer Reihe von Großdemonstrationen: Zu Hunderttausenden forderten SchülerInnen, Studierende, HochschullehrerInnen, Intellektuelle, KünstlerInnen, ArbeiterInnen und Angestellte die Rücknahme des Beschlusses und die Einleitung von politischen Reformen. Es kam zu zahlreichen Zusammenstößen zwischen Demonstrierenden und der Polizei, die mit Pfefferspray, Tränengas und Festnahmen gegen die weitgehend friedlichen Demonstrationen vorgingen.

Ende 2015 wurden fünf Hongkonger Buchhändler und VerlegerInnen nach Festlandchina entführt und dort interniert, verhört und zu Geständnissen gezwungen. Am 24. Februar 2020 wurde einer der Buchändler, Gui Minhai, für die „illegale Weitergabe von Geheiminformationen ans Ausland“ zu 10 Jahren Haft verurteilt. Während zwar Internet, Zeitungen, Fernsehen und Radio in Hongkong offiziell unzensiert sind, sind die meisten Medien inzwischen im Besitz von chinesischen Investoren. Fernsehen und Radio überbieten sich weitgehend in Selbstzensur.

Seit März 2019 kommt es erneut zu Großdemonstrationen gegen die Peking-nahe Regierung Hongkongs anlässlich eines Gesetzentwurfs, der auch die Auslieferung von gesuchten Personen an China ermöglichen sollte. Gefordert wurden von den Demonstrierenden unter anderem die Rücknahme des Auslieferungsgesetzes, das allgemeine Wahlrecht und die Freilassung von Demonstrierenden. Während der Entwurf des Auslieferungsgesetzes im September 2019 offiziell von Regierungsseite zurückgenommen wurde, werden die Antworten auf die weiteren Forderungen ausgesessen. Die Folge: über 1.000 Proteste und 8.000 Festnahmen seither.

Aufgrund von COVID-19 hat sich die Bewegung größtenteils in Form von Memes und Bildern ins Internet verlagert. Gleichzeitig wird ein Fokus auf das Bilden von Gewerkschaften gelegt, um den Strukturen mehr Nachhaltigkeit zu verleihen. Die jüngsten Festnahmen vom April 2020 unterstreichen die andauernden Bemühungen Chinas, kritische Stimmen und Meinungsfreiheit in Hongkong zu unterbinden. Die Führung in Peking nutzt die globale Krise, um rasch Fakten zu schaffen und das „Ein Land, zwei Systeme“ Prinzip zu untergraben. So stellt sie das in der Verfassung festgelege Gebot der Nichteinmischung in Hongkonger Angelegenheiten in Frage und will ein neues Sicherheitsgesetz einführen, das nicht genehme politische Aktivitäten als Terrorismus kriminalisieren kann. Dieser Kurs verdeutlicht, wie dringlich internationale Aufmerksamkeit und Solidarität gerade jetzt sind.

Gelesen werden sollen die 30 Artikel der Menschenrechte, die Sie in über 500 (!) Sprachen auf der Webseite der Vereinten Nationen finden sowie gelesen von Vivienne Westwood, Nina Hoss, Can Dündar, Patti Smith, Simon Rattle, Ai Weiwei, Elfriede Jelinek und David Grossman, untertitelt in den Sprachen Arabisch, Chinesisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Hindi, Russisch, Spanisch und Türkisch über die Website des internationalen literaturfestival.

Institutionen und Personen, die sich mit einer Lesung am 9. September 2020 beteiligen möchten, werden gebeten, uns folgende Informationen zukommen zu lassen: Organisator*innen, Veranstaltungsort, Uhrzeit, teilnehmende Akteure, Veranstaltungssprache, ggf. Link zu Ihrer Webseite. Die E-Mail-Adresse lautet: worldwidereading@literaturfestival.com. Das ilb wird die Veranstaltungen auf der Webseite www.literaturfestival.com und in sozialen Medien ankündigen.

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Berlin liest | 6. September 2020 | 9.–19. September 202010. Graphic Novel Day | 13. September 20206. internationales literaturfestival odessa | 23.–27. September 2020

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Auf dem Fahrrad und zu Fuß 3

Christine Ziegler

Liebe Ewa,

letzte woche sind wir nur ganz profan zum einkaufen nach havelberg gefahren, um uns in unserem feriendomizil gut einzurichten. Doch nun haben wir die stadt durchstreift und die wucht des doms auf uns wirken lassen.

wie seltsam, dass mensch sich heute streitet, ob der dom 946 oder 948 begründet wurde. lustig daran ist nur, dass schon früh die dokumente gefälscht wurden, um sich einen vermeintlichen vorteil zu verschaffen. Hat dann wohl nicht ganz so geklappt, das gleichaltrige magdeburg hat sich als stadt dann ganz anders entwickelt als havelberg.

der dom st. marien wird über die straße der romanik erreicht und viel romanisches ist auch noch erhalten, wenn auch der gotische umbau 1279 begann. Im grundriss sowie im baulichen kern blieb die romanische basilika erhalten. rings um den dom steht als extra bezirk eine kleine bischofsstadt. unten, umflossen von der havel steht die eigentliche stadt rund um die stadtkirche st. laurentius. und weil die havel, träge wie sie ist, zu mäandern neigt und sich gerne verzweigt, gehört zur stadt auch noch die petroleumsinsel, die ihren namen daher hat, dass aus feuerschutzgründen das petroleum da draußen gelagert wurde.

heute ist dort ein neuer schatz gebunkert. der NABU, in der ganzen prignitz fleißig, hat dort ein informationszentrum, das haus der flüsse, etabliert. und so wird deutlich, wie sehr in zeiten der industrialisierung die landschaft verändert wurde. heute werden zugeschüttetel havelarme wieder freigelegt und die fahrrinne kleiner gehalten und das leben kehrt ans naturbelassene ufer zurück.

unerwarteterweise ist havelberg schon sachsen-anhalt, obwohl es teil der historischen landschaft der prignitz ist und die havelberger bischöfe bis nach wittstock regierten. doch die grenzziehung zwischen den bezirken war in der ddr so, über elbe und havel hinweg. nach der wende haben die havelberger diese zugehörigkeit bestätigt.

mir gefällt dieser ungeheure turmbau sehr. Uund ich bin immer wieder beeindruckt, wenn ich landwärts hier ankomme und von dort in die havelniederung schauen kann. eine unglaubliche weite tut sich auf, der blick reicht bis stendal. da hat die eiszeit auch wieder was schönes gebaut.

liebe grüße

Christine

ps: Ich weiß noch nicht, wohin es uns diese tage noch verschlägt. Auf dem land ist viel los, die getreideernte wird eingefahren. die störche schlagen sich nochmal so richtig den bauch voll, bevor sie uns schon bald verlassen. Also schnell noch nach Rühstädt, damit sie nicht schon weg sind.

Frauenblick: Im Sumpf

Monika Wrzosek-Müller

Die Coronazeit, die Quarantäne hat uns auf die neuen Fernsehmöglichkeiten aufmerksam gemacht, vor allem in Prag, wo wir von öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten nur ARD in unserem Appartement empfangen konnten. So lernten wir Netflix kennen, manchmal auch schätzen, und schauten uns einige Produktionen an, die sonst wahrscheinlich an uns vorbeigegangen wären.

Unter den unendlich langen, in vielen Staffeln und Folgen (ja, man lernte das entsprechende Vokabular dazu kennen) und immer wieder neu gedrehten Filmen stach für mich eine kurze und spannende polnische Serie (mit nur 5 Folgen) heraus. Zugegeben, zuerst haben mich vor allem die Namen auf dem Abspann neugierig gemacht – lauter Söhne bekannter polnischen Film- und Theaterleute: Jan Holoubek, der Sohn vom Gustav Holoubek, und Magda Zawadzka (an die beiden kann sich meine Generation wunderbar erinnern), Kasper Bajon, Sohn von Filip Bajon; als Hauptdarsteller Andrzej Seweryn. Es handelt sich um eine polnische Produktion für Netflix, gedreht 2018, in Deutschland zu sehen erst ab 2020: Rojst, Witaj w polskim bagnie, [Im Sumpf] unter der Regie von Jan Holoubek.

Auch wenn ich sagen würde: der polnische Sumpf war damals vielleicht nicht so sumpfig, ist die Produktion durchaus gelungen. Man fühlt sich richtig in die frühen 80er Jahre versetzt, mit ihrer Tristesse, Hoffnungslosigkeit und Hässlichkeit; fast kam mir der Gedanke, ob es denn wirklich so schrecklich um uns herum war oder ob es um eine gewollte Überhöhung für filmische Zwecke ging, und dann gab ich mir die Antwort selbst; meine fast krankhafte Liebe und Aufmerksamkeit für das Schöne, für die Schönheit stammt wahrscheinlich daher. Im Film spielen brutale menschlichen Beziehungen, wo der Sinn für Wahrheit und moralische Normen und Menschlichkeit längst verschwunden ist (wo war denn die viel beschworene polnische katholische Kirche?) eine große Rolle. Die Natur um die Kleinstadt in Schlesien, wo die Handlung spielt, ist auch morastig und undurchdringlich, zwar nicht sumpfig (wäre noch besser), doch auf jeden Fall geheimnisvoll. Es waren die Jahre der Dunkelheit, des Kriegszustandes, in denen viele Leute aus dem Land emigrierten, fortgingen. Das alles wird fast bis ins Surreale gesteigert, dazu kommt eine Handlung, die sich für einen Krimi vielleicht zu langsam und unspektakulär entwickelt, aber die mit Fetzen der Erzählung aus der Vergangenheit, aus den direkten Nachkriegsjahren durchsetzt ist und dadurch noch geheimnisvoller wirkt. Die Geschichte von den vertriebenen Deutschen, die in einer Nacht und Nebel-Aktion aus den Häusern geholt wurden, in einen Wald, in ein Lager gezwängt und da ihrem Schicksal überlassen, litten, ist vielleicht auch zugespitzt, doch sie macht neugierig. Darüber herrscht natürlich im Film, wie tatsächlich auch in der Nachkriegswirklichkeit, großes Schweigen, nur die Namen, im Film in die Rinde der Bäume eingeritzt, mit den Jahren fast unsichtbar geworden, zeugen von den Ereignissen und das Leuchten über den Feuchtgebieten, im Wald, sendet ihre Botschaften.

Noch mal von vorne: die Handlung spielt in einer kleinen Stadt, irgendwo in Schlesien, Anfang der 80er Jahre. Im Wald nahe dem Städtchen werden ein Sportfunktionär für Jugendliche und eine Prostituierte tot aufgefunden. Die Ermittlungen dauern nicht lange und die Polizei nimmt einen Verdächtigen fest, den Mann der Prostituierten, der, mit dubiosen Methoden verhört, die Tat gesteht, so dass die Miliz den Fall ad acta legen kann. Man nimmt den angeblichen Täter fest und liefert in die geschlossene Psychiatrie ein. Doch zwei Journalisten der lokalen Zeitung, die darüber berichten wollen, stoßen auf Ungereimtheiten und neue Verdachtsmomente; wie es der Zufall will, kommt ein junger Praktikant aus Kraków, dessen Vater ein bekannter politischer Apparatschik ist, bei der Lokalzeitung zum Einsatz. Er wird von einem älteren, profilierten Kollegen betreut. Die beiden ermitteln gegen die Anweisung des Chefredakteurs in dem Fall weiter. Letztlich beschäftigt sich damit nur noch der junge, unerfahrene und naive Journalist auf eigene Faust und stößt auf einen Sumpf von Verflechtungen, Verwicklungen und bedrohlichen Situationen. Es sterben noch zwei Jugendliche und ein Metzger wird aufgehängt, der Fall endet mit einer richtig sumpfigen Lösung, die ich hier nicht verraten will.

Es ist aber nicht die kriminalistische Handlung, die für die Story den Ausschlag gibt. Es ist die Szenerie, die dunklen Bilder, die oft so düster sind, als ob sie durch einen Grauschleier gedreht worden seien; auch die Musik untermalt die dunklen Momente. Sogar die jugendliche Liebe muss diesem fatalistischen und hoffnungslosen Hauptstrang geopfert werden, sie fügt sich in die Reihe der Katastrophen, die auf dem Bildschirm passieren. Einzig der junge Journalist aus Kraków und seine schwangere Frau kommen unversehrt, wenn auch mitgenommen, aus der Geschichte heraus; sie sind der einzige Lichtblick, die einzigen Hoffnungsträger in der Geschichte. In dem ganzen Film scheint niemals Sonne über die Landschaft, es ist finster, düster aber stimmungsvoll und, wie ich am Anfang gesagt habe, wahrscheinlich so, wie es am Anfang der 80er Jahre in Polen wirklich war.

Ich kann die Serie guten Gewissens empfehlen, nicht nur polnischen Zuschauern.

Auf dem Fahrrad und zu Fuß 2

Er hatte über seine Wanderungen so viel geschrieben. Ob unsere Autorin uns auch so viel zuschickt?

Christine Ziegler

briefe aus dem urlaub

liebe ewa,

die kraft hat gereicht, um nach kyritz zu fahren und wieder zurückzukommen. viel weiter wird der radius um klein-leppin nicht reichen, aber das macht ja nix.

dann gibt es eben nicht so viele häuser und statt dessen mehr eichen und föhren und birken zu sehen und noch immer die felder voller weizen und mais, manchmal auch kartoffeln.

unverhofft haben wir auf dem weg nach kyritz dann den ort demerthin entdeckt mit einem echten renaissance-schloss. 

das ist die heutige auswahl.
der sommer ist voller farben mit großer schönheit. ganz dunkles grün von den wäldern, ganz helles vom straßenrand, wo sie vor kurzen gemäht hatten und manches jetzt neu sprießt. weißgold die felder wenn die sonne scheint, überwältigend rot der klatschmohn, begleitet von kornblumen und kamille, die sich mit ihrem duft ankündigt, bevor sie zu sehen ist. der himmel kann alle schattierungen von grau bis weiß und blau, was für ein grandios wechselhaftes wetter! manchmal ist der wind unser freund, manchmal muss ich schon stöhnen, doch überwiegend ist das reisen mit dem rad ein großer genuss.

liebe grüße
christine

ps. die fotos sind von martin.