Frauenblick: Annette

Monika Wrzosek-Müller

Meine Lektüre: Annette, ein Heldinnenepos.

Unsere Administratorin hat diesen Monat den Frauen gewidmet; ich würde sagen, auch ein Jahr würde nicht reichen, doch begnügen wir uns mit diesem einen Monat.

Ich hätte hier jetzt gerne von weiten, ausgedehnten Reisen geschrieben; von Landschaften, die vom Boden zum Himmel reichen und noch weiter, von Städten voller Wunderwerke, von Ausstellungen, die einen zum Grübeln, Staunen und Begeistern zwingen. Von Menschen, die man dabei trifft und mit denen man sich unterhält; doch stattdessen sitzen wir/ich/sie im lock-down, der jetzt gefühlt Jahre dauert und doch wirklich vieles verhindert. Der einzige Fluchtweg öffnet sich in die Lektüre, ja in die Filme, auch mehr oder weniger erlaubte Treffen mit Freundinnen und Freunden bieten gute Ablenkungsmöglichkeiten.

Und siehe da, ein Buch mit markantem Titel, der überaus gut zu dem März-Vorhaben passt: „Annette, ein Heldinennenepos“ von Anne Weber, ist mir aus dem Bücherturm neben dem Bett aufgefallen, rausgefallen und oder hat auf mich gewartet. Ein kleines rotes Buch, 207 Seiten, hebt es sich von den dicken, opulenten Romanen mit 600 bis 800 Seiten ab; auch der schöne Umschlag sieht einladend aus. Der Titel Epos hat mich ehrlich gesagt am Anfang abgeschreckt; ich dachte schon, wieder irgendwas sehr Intellektuelles und Ausgedachtes, nicht zum Lesen, nicht zum Schmökern, denn Epos erinnert mich/uns an die großen Epen mit Göttern und Helden, mit Pathos und Höherem, Mythos bildend, was wir/ich/sie als Pflichtlektüre in der Schule einmal durchgenommen hat/haben, in Versform, manchmal gar mit Reim, sehr lebensfremd, oder doch -nah, aber irgendwie uralt und angestaubt, eher wie ein hohes Lied, mündlich vorgetragen oder erzählt. Die ersten Seiten gingen auch langsam und schwierig; das Werk erzählt in einem Troubadour-Stil, in Versform vom Leben einer Freiheitskämpferin, einer Oppositionellen, die ihr ganzes Leben dem Dienst an den Menschen, der Gerechtigkeit gewidmet hat, einer, die tatsächlich gelebt hat, von Anne Beaumanoir aus der Bretagne. Meine liebste Bretagne, ausgerechnet stammt die Heldin aus einem Örtchen, dem Fischerdorf Saint-Cast-le-Guildo, in dem wir/ich/sie vor Jahren einen Urlaub machten.

Das junge Mädchen hilft schon mit 16 Jahren, während des Krieges jüdischen Familien einen Unterschlupf zu finden; dafür bekommt sie später in Yad Vashem den Titel einer Gerechten unter den Völkern. Dann kämpft sie in der Résistance, wird zur militanten Kommunistin, will für ihre Ideen auch sterben, macht aber immer weiter, als Kurier, als Kämpferin, wechselt zur gaullistischen Résistance, arbeitet wiederum hart und hilft, wo sie nur kann. Dazwischen beginnt sie ihr Studium der Medizin, das sie nach dem Krieg zu Ende bringt; ein sehr ausgefülltes Leben, ohne Pause, ohne Ruhe, ohne an sich selbst zu denken. Im Krieg stirbt auch ihr erster Mann, auf brutalste Weise ermordet von französischen Bauern, die sich für alles, was ihnen widerfahren ist, an den Partisanen rächen. Sie rennt weiter, so als ob sie nicht anhalten könnte, auch nicht wollte; nach dem Krieg dann in den Süden des Landes, nach Marseille; bald heiratet sie noch einmal, wird Ärztin, Neurologin, Mutter von zwei Söhnen, doch das alles reicht ihr nicht, sie will sich für die Gerechtigkeit weiterhin einsetzten und hilft der Algerischen Befreiungsfront, wird zur sog. Kofferträgerin mit Geld für ihren Kampf, auch zum Kurier, dann wird sie verraten und zu zehn Jahren Haft in Frankreich verurteilt. Dazwischen bekommt sie noch ihr drittes Kind, ein Mädchen. Sie flieht verkleidet über Italien nach Nordafrika, landet in Tunis, wird zur Helferin beim Aufbau des unabhängigen Algerien (arbeitet im Resort Gesundheit) während der Präsidentschaft von Ben Bella. Inzwischen ist sie zum dritten Mal mit einem 12 Jahre jüngeren Algerier verheiratet, sieht auch einmal ihre Kinder auf einer Yacht in Mittelmeer, macht sogar einen Urlaub mit ihnen in Positano.

Bei einem Putschversuch entkommt sie knapp der Verfolgung und landet erst einmal in Rom und dann in Genf, wo sie einige Jahre in einer Klink arbeiten wird, bis das Gerichtsurteil in Frankreich aufgehoben wird. Daraufhin kehrt sie nach Frankreich zurück, um ihr Leben in einem Ort mit dem Namen Dieulefit fortzusetzten; sie besucht auch die Bretagne, wo sie ein kleines Ferienhaus hat. Inzwischen ist sie 96 Jahre alt; ihr Leben hat sie in zwei Bänden Erinnerungen festgehalten.

Die Fotos, die ich von den beiden Frauen (der Autorin und der Heldin) im Internet gesehen habe, zeigen Annette als sehr lebendige, wache Person, fast würde ich sagen, dass die Autorin, obwohl wesentlich jünger, ernsthafter aussieht. Die beiden führen lange Gespräche, mögen sich auch offensichtlich sehr. Die Wahl der literarischen Gattung, des Epos, hat, denke ich, mehrere Gründe und tut der Geschichte sehr gut. Die Autorin distanziert sich von der Heldin und ihrer Heldenhaftigkeit, schafft Raum zum Durchatmen und Innehalten, diesem Zweck dienen auch Ironie und Witz: „Pause…, Pause, Pause“, während die Heldin schon wieder weiter läuft und neue Erlebnisse anhäuft. Das Buch versinkt nicht in der mythologisierten Schwere der Beschreibung der Heldentaten, sondern schwingt mit Leichtigkeit über die Entfernungen und Probleme, die ein solches Leben mit sich bringt, hinweg; es stellt uns aber auch vor die wichtigen Fragen der Zeit: was zählt ein Menschenleben? Was bedeutet in diesem Zusammenhang Menschlichkeit? Was heißt verurteilen, entscheiden und dann mit diesen Entscheidungen leben? Was heißt letztlich ein erfülltes Leben, was gehört dazu?

Auf manche dieser Fragen gibt die Geschichte überaus interessante Antworten.

Ein sehr empfehlenswertes Buch, nicht umsonst wurde es mit dem Deutschen Buchpreis als bester deutschsprachiger Roman des Jahres 2020 ausgezeichnet.

Chodzenie po mieście / Stadt begehen (Spuren)

Otmar Käge

Brücken nach Polen und Kaliningrad

Von der „Rundreise Danzig und nördliches Ostpreußen für die Mitglieder und Freunde des Mennonitischen Arbeitskreises Polen“ lese ich im Ibersheimer März-Gemeindebrief und bin sofort interessiert. Aber ich erfülle nicht die beiden Bedingungen; bin zwar vor einem halben Jahrhundert getauft, dann jedoch den Mennoniten „abtrünnig“ geworden.

„Kein Problem“, beruhigt mich Reiseleiter Frank W. am Telefon. Und gleich die erste Bus-Mitreisen- de, neben der ich in der 40-köpfigen Gruppe Platz nehme, eine Hamburgerin aus Königsberg, ist evangelisch; hat zwar eine mennonitische, aber auch katholische Bekannte: weil Hamburg konfes-sionell eine liberale Stadt sei.

Mein Berlin ist um 12 Uhr die letzte Zusteigestation, sodass wir von dort ohne größere Unterbrechung unser erstes Reiseziel Danzig ansteuern können; bei herrlichem, frisch windigem Sonnenwetter. Ich habe mich auf eine Gruppenvorstellrunde eingestellt, aber sie unterbleibt. Offensichtlich, weil sich, wie ich nach kurzer Zeit spüre, die meisten Reisenden kennen. Mich (noch) nicht, aber ich fühle mich keinen Moment unbehaglich dabei.

Von der ersten Etappe bis Danzig erinnere ich bis auf eine kinderbunte Straßenrand-Plakatwand zur Ulica Sezamkowa mit Ernie, Bert & Krümelmonster keine besonderen Augen-Blicke; aber einige inter- essante Informationen unseres Reiseleiters, womit er uns von nun an Tag für Tag versorgt:

1530 erstmals Täufer in Danzig (auch Menno Simons war da)
Seit 1569 besteht eine Gemeinde.
Die 1638 und 1648 gebauten friesisch- bzw. flämisch-mennonitischen Kirchen wurden kriegszerstört.
Die 1819 eingeweihte Kirche steht noch heute;
eine von insgesamt 17 mennonitischen Kirchen im Großen Werder bis zum Krieg.
Vom zentral am Eingang zur Danziger Altstadt an der Heilig-Geist-Straße gelegenen Hotel Freie Stadt – der ersten unserer insgesamt vier vorzüglich ausgewählten Unterkünfte – ist es bis zur Menno- nitenkirche am Bischofsberg in der Ulica Mennonitów gar nicht weit. Die nach dem Krieg wieder auf- gebaute Kirche bildet mit Altenheim und Predigerhaus einen 200 Jahre alten Gebäudekomplex, der heute eine Pfingstgemeinde beherbergt. Ihr Pfarrer empfängt uns freundlich und überlässt uns den Kirchenraum für eine Andacht und einen Vortrag über die mennonitischen Familien von dem Block und Wiebe, die vor über 300 Jahren als Künstler und Wasserbaumeister Bedeutendes und teilweise noch heute Sichtbares in der Danziger Region geschaffen haben.

Beim Abendessen in einer historischen Restauracja mit Kellnern in Kniebundhosen und Sologesang zum Akkordeon wird mir aus den Gesprächen rundum bewusst, was für eine „weltweite Bruder- und Schwesternschaft“ und Community die Mennoniten sind: Etwa auf einem Hof an der Toten Weichsel geboren, haben sie Vorfahren in Russland und Verwandte in Holland, Kanada oder Pennsylvania und verbrachten selbst Jahre im Chaco oder als MCC-Freiwilliger auf Kreta.

Am nächsten, fronleichnamstillen Sonnenmorgen „tauchen“ wir im wahrsten Sinn des Wortes östlich Danzig in die Weichselniederung ein, wo sich nahe der Stadt Elbing mit 1,8 m unterm Meeresspiegel der tiefste Punkt Polens befindet. In dieses auch „Großer/s Werder“ genannte Gebiet sind 1530 die ersten, überwiegend holländische Täufer eingewandert und haben es unter großen Entbehrungen – „Der ersten Generation der Tod, der zweiten die Not, der dritten das Brot“ – nutzbar gemacht: „Ein Segen bis in unsere heutige Zeit war die Einwanderung der Mennoniten in unser gesamtes Heimatgebiet“ lese ich in einem Buch über Die Geschichte des Kreises Großes Werder aus dem Jahre 1939. Und die Jahre danach?

Die von einem strahlend blauen, von Mauerseglern durchpfeilten Himmel überwölbte flache Werder-Landschaft erstreckt sich felder-, busch- und baumgrün, rapsgelb bis zum Horizont, den eine Schar Windräder und davor eine große Ansammlung von Häusern, Höfen, Hallen, Silos und ein paar (Kirch-) Türmen zu füllen beginnt: Tiegenhof. Ein geografisch und geistlich zentraler ehemaliger Mennoniten-Ort im Großen Werder; auch „geistig“: Wurde dort doch Stobbes Machandel gebrannt – „Der Jetter- funken is in alle Welt beriehmt!“ –, den auch Günter Grass in seiner Danziger Trilogie nicht uner- wähnt und den ein mitreisender Stobbe-Nachfahr in unserem Bus kreisen lässt.

Irma Q. wurde 1928 auf einem Gehöft nahe Tiegenhof geboren, das man heute noch an dem Strommast identifizieren kann, der schon vor über 80 Jahren das Anwesen überragte. Die 65-Jährige hat es 1993 mit klopfendem Herzen wieder besucht und ist von der 1945 vom Bug auf den west- preußischen Hof umgesiedelten polnischen Familie herzlich empfangen worden: „Irma, warum kommst Du so spät?“ Damals, Ende des Krieges, war ihr Vater auf Nimmerwiedersehn von sowje- tischen Soldaten verschleppt worden und die 17-Jährige musste zusammen mit der Mutter auf ihrem enteigneten Hof Hilfsdienste leisten, bis sie 1947 des Landes verwiesen wurden.

Anders als in Tiegenhof machen wir in Elbing um die Mittagszeit Halt. Gibt es dort doch gleich zwei Mennonitenkirchen zu sehen! Die aus dem Jahr 1590 stammende und damit älteste in der ganzen Region musste sich – wie auch Synagogen oder teilweise noch bis heute Moscheen – tarnen und präsentiert sich uns mit einer vierstöckigen Wohnhausfassade im noblen Renaissancestil.

Während wir durch die friedlich-feiertägliche horizontweite Hügellandschaft fahren, hören wir, was sich hier im Winter 1945 abgespielt hat: Fast eine halbe Million Flüchtlinge versuchte, dem russi- schen Kessel über die Frische Nehrung und die Ostsee zu entkommen; darunter auch unser Mitrei-sender Artur R., der als damals 16-Jähriger die vaterlose Familie mit einem Fuhrwerk unter gezieltem Beschuss auf ein entsetzlich überladenes Schiff brachte, das kurz nach dem Auslaufen torpediert wurde und zehn Tage auf dem Meer trieb.

Wir dagegen navigieren sicher wie in Abrahams Schoß Richtung russische Grenze. Dennoch beginnen nach und nach die Gespräche zu verstummen. Liegt es am Zunehmen stacheldrahtbewehrter Mili- täranlagen links und rechts der Straße? Der vorletzte beunruhigende Blick vor der Grenze fällt auf einen Panzer-, der letzte beruhigende auf einen provisorischen Fußball-Platz. Der lächelnden Grenz- beamtin gefallen meine grünen Haare (wahrscheinlich, weil sie selbst grüne Fingernägel hat). Die grüne Landschaft in der Kaliningrader Oblast unterscheidet sich von der kultivierten auf der polni- schen Seite dadurch, dass sie sich – wie einige mennonitische Landwirte kopfschüttelnd feststellen – selbst überlassen ist; was wunderschöne lila und weiße Lupinenfelder und reizvoll wechselnde Gras-, Busch- und Baumformationen zur Folge hat. Im Schatten einer mächtigen Ritterordenswehrkirchen- ruine gibt es eine ermunternde Bibelbetrachtung, beklappert aus den beiden Storchennestern in luftiger Höhe:

De Oadebar, de Oadebar, de woahnt op onse Schin. On wenn he doar herunderkickt, tellt he de Farkel an de Schwin.

Im ehemaligen ostpreußischen Königsberger Gebiet zu Seiten der alleenalten Reichsstraße 1 werden die mennonitischen Spuren spärlicher, aber die düsteren deutschen nicht: An der Bernsteinküste hat 2011 der aus Danzig stammende israelische Bildhauer Frank Meisler ein Denkmal für mehr als 3000 – die genaue Zahl ist bis heute nicht bekannt – überwiegend junge jüdische Frauen errichtet, die die SS im Januar 1945 in die eisige Ostsee getrieben oder erschossen hat. Die noch nicht geflohene deut- sche Bevölkerung – darunter ein Vetternbub unseres Reiseleiters – wurde von der sowjetischen Ar- mee gezwungen, für sie ein Massengrab am Strand auszuheben; über den heute der Schlagschatten des Denkmals aus emporgereckten Armen und verkrampften Händen fällt und wo Badegäste nach Bernstein suchen.

So ist

Das Leben: wie eine Wasserlache – du kannst darin Dreck oder die Sterne sehen

Dieses Kant-Zitat lese ich an einer Parkbanklehne auf der Königsberger Dominsel. Die Stadt ist in der schlimmen Folge der Hitlerei erst dem Erdboden gleichgemacht und dann nach (über)lebensprak- tisch nüchternen Gesichtspunkten wieder aufgebaut worden. Aber das konservatorische Interesse im Zusammenhang der 750-Jahr-Feierlichkeiten 2005 hat zu einer staunenswerten historischen Wende im Stadtbild geführt, die die heikle deutsche (Zeit-) Geschichte und Kultur mitnichten übergeht. Das beginnt mit dem Umbenennungsvorschlag Kantgrad für Kaliningrad, setzt sich in Erinnerungs(denk)- malen für den Königsberger Philosophen, für Schiller, E.T.A. Hoffmann und Agnes Miegel fort, ver- stopft mit dem Blech deutscher Automarken die Innenstadt und endet in Gestalt historischer Foto- grafien mit deutschen Straßennamen und Reklameschildern als Hotelzimmerschmuck: Gruene Bruecke 1907 – Agfa – Deutsche Bank Filiale – Sueddeutsche Klassenlotterie.

Der wieder aufgebaute Dom mit seiner imposanten Potsdamer Schuke-Orgel bietet uns Raum für eine kurze Betrachtung über den „fragwürdigen“ Gott und die Legende von Augustinus und dem Engelkind am Meer. Beim Abendessen diskutieren wir an unserem Tisch über die merkwürdige Maxime „Tu niemand etwas Gutes, dann erlebst du nichts Böses“.

Am nächsten Morgen irre ich mich in der Abreisezeit nach Svetlogorsk, dem „Sotschi des Nordens“, ostpreuß. Rauschen. Was mich dort eine Runde Wodka kostet; im Hotel Universal in der Nekrasov-Straße, wo das altersschwache Haus Nr. 1 auf einer Gedenktafel mit Profilrelief verkündet, dass hier die junge Käthe Kollwitz wiederholt in glücklichen Ferientagen „ihren Grosvater Julius Rupp (1809 – 1884) denbekannten Teologenbesuchte.“ Nicht weit entfernt informiert ein aufgeblättertes Bronze- buch auf einem Findlingstein vor alter Bäderhauskulisse darüber, dass hier im nordischen Seebad Thomas Mann 1929 die Novelle Mario und der Zauberer im italienischen Seebad Torre di Venere geschrieben hat.

Noch exotischer wird es einen Tag später kurz hinter der russisch-litauischen Grenze mitten auf der Kurischen Nehrung in Nidden, wo der frischgebackene Nobelpreisträger 1930 ein Sommerhaus er- warb und mit einem atemberaubenden Blick auf Haff, Ostsee und den Wüstensand der Wanderdüne das Ägypten Josephs und seiner Brüder imaginierte, bis ihn „das Megaphon-Deutschtum der national- sozialistischen Presse und das halbnärrische Geifern sogenannter Führer“ für immer vertrieben.

Seltsam: Auf dieser doch so sonnigen Reise wieder einer der häufigen Augenblicke, „wo Deutsch- lands Himmel die Erde schwärzt“ (Ingeborg Bachmann), und das Wasser von See, Haff und auch der Nogat unterhalb der Marienburg, die sich einen Tag später als rot leuchtendes Backsteingebirge von einem wolkenlos blauen Himmel abhebt. „Hier bin ich im September 1944 eingeschult worden“, erzählt Gudrun F. Den vier Kilometer langen Schulweg vom Hof bis zur hölzernen Fußgängerbrücke, die heute wieder den Fluss überspannt, legte sie zusammen mit der älteren Schwester im Pferde- fuhrwerk zurück. Kurze Zeit später kesselten sowjetische Truppen die Stadt ein und die Mutter trainierte mit ihnen das Verhalten bei Fliegerangriffen. Zuerst war die Flucht von den deutschen Behörden verboten, dann beschaffte der Vater seiner Familie Plätze auf dem Kraft-durch-Freude-Kreuzfahrer Gustloff, auf den sich bei ihrer Ankunft Ende Januar 1945 aber bereits 10000 Verzwei- felte geflüchtet hatten. Den acht auch Verzweifelten rettete dies das Leben, aber bescherte ihnen drei Internierungsjahre auf Jütland, wo die Achtjährige nicht nur von Wortungetümen wie „Entnazi- fizierung“ und „Zuzugsgenehmigung“ verwirrt wurde.

Reisegefährte Oskar W., der uns immer wieder mit Gedichten von Wilhelm Busch und Christian Mor- genstern erheitert hat, wies in diesem Zusammenhang auf den Königsberger Philosophen hin, für den der Krieg der natürliche Zustand des Menschen gewesen sei. Demgegenüber lesen wir in Posen, uns- rer letzten Reisestation, auf einem Banner über dem Friedensplatz den Satz des polnischen Priester- poeten Jan Twardowski, dass es die Liebe schon gab, bevor es den Menschen gab.

Da wir Posen erst abends und zudem bei einsetzendem Regen erreichen, kann die Stadt nur einen flüchtigen Eindruck hinterlassen. Aber etwas Besonderes auf dieser so erlebnisreichen Reise erleben wir hier doch: Schon haben wir die morgenverkehsreiche Innenstadt, die ihre bedeutende (Messe-) Vergangenheit und -gegenwart überall stolz zur Schau stellt, hinter uns gelassen und fahren durch ausgedehnte Gewerbegebiete, da schiebt sich ein weitläufig eingezäuntes Areal mit Landmaschinen in unseren Blick; mit einem Namen im Firmenschild, der auch – ich trau meinen Augen nicht – in unserer Reiseliste steht! Und tatsächlich: Es sind die Söhne meiner Busnachbarn Brunhilde und Dankwart H., die ihr landwirtschaftliches Gerät auch in Polen verkaufen.

Was für ein ermutigender, gegenwärtiger Ausblick für eine Reise, in deren Verlauf wir so viel Verlorenes, Verscherztes, mittlerweile wohl aber auch Verschmerztes gehört und gesehen haben! Und für eine friedliche gemeinsame Zukunft wird demnächst ein Bus mit mennonitischen Jugend- lichen ins Weichseldelta fahren:

Glück und Segen! – Szczęścia i błogosławieństwa!

O.K. / Bärlin, 25.6.2015

Maryla

Ewa Maria Slaska

Gdy odeszła dwa lata temu, opublikowałam TU na blogu wpis, złożony z tego, co na wiadomość o jej śmierci napisali o niej ludzie Z Berlina, Warszawy, Krakowa…

26 marca 2019 roku odeszła na zawsze znana berlińska tłumaczka, Maria Gast-Ciechomska czyli Maryla lub Marlena. Była wnuczką ostatniego sołtysa Mokotowa, germanistką i świetną tłumaczką, działaczką antykomunistyczną, członkinią Solidarności Mazowsze, działaczką ROPCiO (Ruch Obrony Praw Człowieka i Obywatela). W czasie stanu wojennego była internowana w obozie dla kobiet w Gołdapi – była najmłodszą więźniarką stanu wojennego, internowaną w tym obozie. Później wyjechała do Berlina, gdzie nadal działała na rzecz kobiet i relacji polsko-niemieckich, między innymi w Polsko-Niemieckim Towarzystwie Literackim WIR i w Inicjatywie Kobiecej Berlin-Warszawa. Była współzałożycielką Polskiego Stowarzyszenia Feministycznego i inicjatywy Ruch Przeciw Kryminalizacji Aborcji.
Napisała książkę “Od matriarchatu do feminizmu”.
Jeszcze kilka tygodni przed śmiercią, podczas niemieckiej premiery filmu Siłaczki w Regenbogenfabrik i kinie “Lichtblick”, mogliśmy po raz kolejny zachwycić się jej kunsztem translatorskim. To bowiem ona znakomicie przetłumaczyła ścieżkę dźwiękową filmu. Maryla od zawsze angażowała się w sprawy kobiet i wydaje się znamienne, że ostatnia jej praca też była związana z tą tematyką.

Jutro zatem miną dwa lata od śmierci Maryli, czyli Marii Gast-Ciechomskiej. W zeszłym roku Ania Krenz, Iwona Dadej, Christine Ziegler i ja chciałyśmy zorganizować spotkanie o Maryli w pierwszą rocznicę jej śmierci. Spotkanie miało się odbyć w Regenbogenfabrik, ale stanęła nam na przeszkodzie pandemia, a właściwie wprowadzony 15 marca lockdown. W tym roku już z góry jedna zaproponowałyśmy spotkanie zoomowe. Z jakiegoś względu oficjalne spotkanie nie dojdzie jednak do skutku, zorganizuję je więc ja – nieoficjalnie. Odbędzie się w najbliższy poniedziałek o godzinie 19. Do udziału zaproszę i mam nadzieję, że w rozmowie wezmą udział:

Magdalena Ciechomska, (ukochana) szwagierka Maryli, polonistka, feministka
Karina Garsztecka, archiwistka, archiwum Wydziału Badań Wschodnioeuropejskich na Uniwersytecie w Bremie, feministka; osoba przechowująca archiwum Maryli
Gudrun Koch, kulturoznawczyni, organizatorka kultury, Stowarzyszenie Kobiet Europejskich, feministka
Anna Krenz, architektka wolnego zawodu, założycielka Dziewuch Berlin, Botschaft der Polinnen, współzałożycielka Polonijnej Rady Kobiet, aktywistka, feministka
Monika Wrzosek-Müller, autorka, tłumaczka

Christine Ziegler, organizatorka kultury, Regenbogenfabrik, feministka

Mam też nadzieję, że poruszymy następujące tematy:

  1. Wspomnienie o Maryli
  2. Dokonania Maryli
  3. Jak upamiętniać kobiety takie jak Maryla – zaangażowane, emancypowane, kreatywne, ale skromne i (przeto?) nie z pierwszych stron gazet?
  4. Co zrobimy na stałe, aby takie kobiety jak Maryla, zostały na trwałe w świadomości i pamięci?

Als sie vor zwei Jahren starb, veröffentlichte ich HIER einen Blogeintrag, der sich aus dem zusammensetzte, was Menschen aus Berlin, Warschau, Krakau und sonstwo her über sie geschrieben haben, als sie erfuhren, dass sie gestorben ist…

Am 26. März 2019 verstarb die bekannte Berliner Übersetzerin Maria Gast-Ciechomska, Maryla oder Marlena genannt. Sie war die Enkelin des letzten Bürgermeisters von Warschauer Stadtteil Mokotów, eine Germanistin, hervorragende Übersetzerin, antikommunistische Aktivistin, Mitglied von Solidarność Masoviens, Aktivistin der Bewegung zur Verteidigung der Menschen- und Bürgerrechte. Während des Kriegszustands wurde sie im Frauenlager in Gołdap interniert – sie war die jüngste Gefangenen in diesem Lager. Später zog sie nach Berlin, wo sie sich weiterhin für Frauen und polnisch-deutsche Beziehungen einsetzte. Sie war unter anderem in der deutsch-polnischen Literaturverein WIR tätig und in der Berlin-Warschauer Fraueninitiative. Sie war Mitbegründerin der Polnischen Feministischen Vereinigung und der Initiative Bewegung gegen die Kriminalisierung der Abtreibung.
Sie schrieb das Buch Vom Matriarchat zum Feminismus.
Einige Wochen vor ihrem Tod wurde ihre Arbeit in der Regenbogenfabrik und dann im “Lichtblick”-Kino bei der deutschen Premiere des Films von Marta Dzido und Piotr Śliwowski Siłaczki / Frauen der ersten Stunde präsentiert. Sie hat den Soundtrack des Films perfekt übersetzt. Maryla war schon immer in Frauenangelegenheiten involviert, daher ist es kein Wunder, dass ihre letzte großartige Arbeit auch mit diesem Thema zu tun hatte.

Morgen sind also zwei Jahre her, als Maria (Maryla Gast-Ciechomska) gangen ist. Letztes Jahr wollten Anna Krenz, Iwona Dadej, Christine Ziegler und ich ein Treffen zu Marias ersten Todestag in der Regenbogenfabrik organisieren; leider wurden wir durch die Pandemie oder vielmehr die am 15. März eingeführten Lockdown verhindert. In diesem Jahr schlug Iwona Dadej im Voraus ein Zoom-Meeting vor, das jedoch aus irgendeinem Grund wahrscheinlich nicht stattfinden wird. Das Treffen werde also ich ganz privat organisieren. Es wird nächsten Montag um 19 Uhr stattfinden. Ich lade Sie zur Teilnahme ein und hoffe, dass die folgenden Gesprächspartnerinnen daran teilnehmen werden:

Magdalena Ciechomska, Marylas (geliebte) Schwägerin, polnische Philologin, Feministin
Karina Garsztecka, Archivarin, Archiv der Fakultät für Osteuropastudien an der Universität Bremen, Feministin
Gudrun Koch, Kulturwissenschaftlerin, Kulturorganisatorin, Association of European Women, Feministin
Anna Krenz, freischaffende Architektin, Gründerin von Dziewuchy Berlin  und Botschaft der Polinnen, Mitbegründerin des Polnischen Frauenrats im Ausland, Aktivistin, Feministin
Monika Wrzosek-Müller, Autorin, Übersetzerin
Christine Ziegler, Kulturorganisatorin, Regenbogenfabrik, Feministin

Ich hoffe auch, die folgenden Themen zu besprechen:

  1. Erinnerung an Maria
  2. Marias Leistungen und Erfolge
  3. Wie kann man Frauen wie Maria gedenken – Frauen, die engagiert, emanzipiert und kreativ sind, aber bescheiden und (daher?) nicht von den ersten Reihen?
  4. Was werden wir tun, damit Frauen wie Maria dauerhaft in unseren Gedanken und Erinnerungen bleiben?

    I na marginesie ciekawostka – grusza posadzona we wsi Mokotów przez dziadka Maryli, Walentego Ciechomskiego w roku 1870; dziś na ruchliwym skrzyżowaniu ulic Bałuckiego i Racławickiej. / Dieser Birnbaum im Zentrum Warschaus wurde von Marias Großvater 1870 gepflanzt.

 

O korzyściach płynących z bloga (4). Tibor

W ramach rozrastającego się ostatnio cyklu wpisów, o korzyściach płynących z prowadzenia bloga, chciałam dziś napisać o autorach wielostronnych, tych, którzy piszą i rysują (Tibor Jagielski), lub rysują i piszą (Anna Krenz), piszą i komponują (Michał Talma-Sutt), piszą, a nagle się okazało, że również malują (Katarzyna “Kasia” Krenz), albo robią wszystko (Michał Krenz), ale Tibor zajął całe miejsce. Oto więc autor, który pisze, rysuje, tłumaczy, wędruje i gotuje. Prawdziwy człowiek XXI wieku. Nie powinniśmy bowiem zamykać się w jednym wyuczonym zawodzie, bo łacno może się zdarzyć, że wylecimy poza główny nurt rzeki bez powrotu. Największe szanse mają (mieć) ci, którzy umieją różne rzeczy i nawet z góry nie można przewidzieć – jakie.

Tibor Jagielski i inni

Zapiski na mankiecie

list otwarty do ew (pierwszych i ostatnich)

was była setka, a ja tylko  jeden;
troche zdziwiony siedzę pod tym drzewem
wiadomości dobrego i złego
i do dzisiaj nie wiem po jaką cholerę

Gebet

Lieber Gott nimm es hin,
dass ich was Besond’res bin.
Und gib ruhig eimal zu,
das ich klüger bin als Du.
Preise künftig meinen Namen,
denn sonst setzt es etwas, Amen.
(gp)

Wußtest Du schon…
…dass es sich bei der Wüste Gobi ursprünglich um die wüste Gabi gehandelt haben soll?
(gp)

Alle denken an sich, nur ich denke an mich.
(gp)

ersticke mal am lorbeerblatt
dann weisst du was die welt
für dich parat hällt
(tj)

Ein Internist ist ein Arzt;
der einen Leberkranken
auf Herz und Nieren prüft.
(gp)

Am 8. Tag schuf Gott das Bier
und seit dem hört man nichts mehr von ihm.
(gp)

Woran erkennt man ein Schaschlik?
Er sieht so spießig aus.
(gp)

Also, das muss man schon sagen:
das Leben ist einmalig.
(gp)


(tj) – ja oder ich
(gp) – georg peter, jeden z pseudonimow petera georga
(al) – adam lengyel, jeden z moich pseudonimów


“diesseits ist jenseits”
veden

Polka niepodległa

Anna Krenz (Dziewuchy Berlin)

List do polityków / Brief an die Politiker: 2021 bobowska list

Irena Bobowska – Die vergessene Heldin / Zapomniana bohaterka
11 March 2021
Przypominamy o brakującej połowie dziejów. Nadajemy twarz herstorii. 

W naszych działaniach mówimy często o kobietach zapomnianych, anonimowych bohaterkach, jako, że w cywilizacji opartej na patriarchacie, historia pisana jest przez zwycięzców – mężczyzn. Zapisana historia opiera się na ciągu wojen, konfliktów, przemocy, gdzie dominują bohaterowie – generałowie, przywódcy, żołnierze, papieże. Im stawia się pomniki, o nich pisze.
Dopiero od ok 100 lat kobiety są pełnoprawnymi obywatelkami, dopiero od ok 100 lat mogą studiować i pracować w zawodzie. Tym bardziej, by nadgonić stracone lata, należy pisać i mówić o bohaterkach, też tych dnia codziennego. Nikt za nas tego nie zrobi.

Przez ostatnie lata w Berlinie odbywała się debata na temat miejsc pamięci i możliwej lokalizacji pomnika polskich ofiar nazizmu. Debata była długa, toczyła się wśród mężczyzn na różnych stanowiskach, wśród polityków, w Bundestagu. Kobiety, szczególnie młode, nie brały w niej udziału.

Kiedy Bundestag debatował pod koniec października 2020 na temat miejsca pamięci polskich ofiar nazizmu, my odprawiłyśmy ceremonię Dziadów (1.11.2020) pod Pomnikiem Polskiego Żołnierza i Niemieckiego Antyfaszysty (Volkspark Friedrichshain), przypominając w spektaklu postaci kobiet w historii, polityce i kulturze: https://www.dziewuchyberlin.org/2020/10/27/bloody-week-all-saints-dziady/

Natomiast 11 listopada, w Święto Niepodległości Polski, nieformalnie zmieniłyśmy nazwę pomnika na Pomnik Walczących o Naszą i Waszą Wolność, ujmjując i podkreślając brakującą połowę społeczeńswa – kobiety*, które również walczyły, również przyczyniły się do odzyskania niepodległości Polski, ale nie wspomina się o nich na kartach historii. Podobnie o wolność walczą kobiety w Polsce dziś. I im poświęcamy również symboliczną przestrzeń wolności.

Z powodów politycznych odmówiono nam (w ostatniej chwili) udziału w uroczystym zasadzeniu Drzewa Polonii w grudniu 2020, podczas którego planowałyśmy odczytać wiersze polskich migracyjnych poetek – w tym, Ireny Bobowskiej. Dla Biura Polonii poezja kobiet okazała się problematyczna. Dlatego…

Podczas performance, jaki zorganizowałyśmy 8 marca 2021 w Berlinie, przypomniałyśmy postać poznańskiej antyfaszystowskiej działaczki, Ireny Bobowskiej (*3.9.1920 Poznań, +26.9.1942 Berlin, Plötzensee). We wrześniu 1942 r. przed gilotyną w berlińskim więzieniu Plötzensee stanęła Irena Bobowska, młoda poznańska poetka, w wieku 22 lat skazana na karę śmierci za wydawanie niepodległościowej gazety Pobudka.

W wieku dwóch lat przeszła chorobę Heinego-Medina, w wyniku której do końca życia jeździła na wózku inwalidzkim. Przez rodzinę i przyjaciół nazywana była Nenią. Po klęsce wrześniowej 1939 r., już w pierwszych tygodniach okupacji Irena Bobowska przystąpiła do działalności konspiracyjnej pod pseudonimem „Wydra”. Od listopada 1939 r. stała na czele redakcji podziemnego pisma pt. Pobudka. Irena zajmowała się także pisaniem artykułów oraz powielaniem i kolportażem gazet – do tego służył jej wózek inwalidzki. Przewoziła w nim także broń.

20 czerwca 1940 r. została aresztowana przez Niemców wraz z pozostałymi członkami redakcji Pobudki i osadzona w Forcie VII w Poznaniu. Wówczas mogła jeszcze przesyłać rodzinie paczki z brudną bielizną i otrzymywać je wypełnione tylko chlebem, kilkoma dekagramami tłuszczu, cebulą oraz cukrem bądź słodkim pieczywem. Irena chowała w tych opakowaniach krótkie grypsy, w których pisała rodzinie, że wszystko jest w porządku. W Forcie VII zarekwirowano jej wózek inwalidzki, mimo że przez chorobę nie umiała chodzić. Była tam bita, głodzona i torturowana.

Następnie przeniesiono ją do więzienia we Wronkach, potem w Spandau, a w końcu do szpitala więziennego w Alt-Moabit, w Berlinie. Tam 12 sierpnia 1942 r. stanęła przed sądem wojskowym. W trakcie rozprawy pozwolono jej zabrać głos. Wypowiedź trwała 30 minut i nie było w niej ani jednego słowa usprawiedliwienia, czy prośby o ułaskawianie. Bobowska mówiła o czasie zaborów, germanizacji, okrucieństwach trwającej wojny. Otrzymała wyrok śmierci, który wykonano przez ścięcie na gilotynie 26 września 1942 r. Pozostawiła po sobie więzienne wiersze i wiele rysunków.

Wiersz Bo ja się uczę…, napisany w Forcie VII w Poznaniu, na wolność wyniosła w bucie jej ciotka, zwolniona z więzienia we Wronkach. Wiersz ten, pełen bólu, ale i nadziei, krążył anonimowo po więzieniach i obozach koncentracyjnych. Czytały go więźniarki w Oświęcimiu, czytały go więźniarki w powojennym Fordonie.

Przypominamy. Bo była istotna. Bo jest istotna.

****************
Bo ja się uczę największej sztuki życia:

Uśmiechać się zawsze i wszędzie
I bez rozpaczy znosić bóle,
I nie żałować tego, co przeszło,
I nie bać się tego, co będzie!
Poznałam smak głodu
I bezsennych nocy (to było dawno),
I wiem, jak kłuje zimno,
Gdy w kłębek chciałbyś skulony
Uchronić się od chłodu.
I wiem, co znaczy lać łzy niemocy
W niejeden dzień jasny,
Niejedną noc ciemną.
I nauczyłam się popędzać myślami
Czas, co bezlitośnie lubi się dłużyć,
I wiem, jak ciężko trzeba walczyć z sobą,
Aby nie upaść i nie dać się znużyć
Nie kończącą zda się drogą…
I dalej uczę się największej sztuki życia:
Uśmiechać się zawsze i wszędzie,
I bez rozpaczy znosić bóle,
I nie żałować tego, co przeszło,
I nie bać się tego, co będzie!

(Fort VII, Poznań)

Wir erinnern Sie an die fehlende Hälfte der Geschichte. Wir geben Herstory ein Gesicht.

In unseren Aktionen sprechen wir oft über vergessene Frauen*, anonyme Heldinnen, denn in einer Zivilisation, die auf dem Patriarchat basiert, wird die Geschichte von den Siegern – Männern – geschrieben. Die aufgezeichnete Geschichte basiert auf einer Abfolge von Kriegen, Konflikten, Gewalt, in der Helden dominieren – Generäle, Führer, Soldaten, Päpste. Ihnen werden Denkmäler errichtet, über sie wird geschrieben.

Erst seit etwa 100 Jahren sind Frauen* vollwertige Bürgerinnen, erst seit etwa 100 Jahren können sie studieren und in ihren Berufen arbeiten. Um die verlorenen Jahre aufzuholen, ist es umso wichtiger, über Heldinnen zu schreiben und zu sprechen, auch über Alltagsfrauen. Niemand wird das für uns tun.

In den letzten Jahren gab es in Berlin eine Debatte über Gedenkstätten und den möglichen Standort eines Denkmals für polnische Opfer des Nationalsozialismus. Die Debatte war lang, sie fand unter Männern in verschiedenen Positionen statt, unter Politikern, im Bundestag. Frauen*, insbesondere junge Frauen*, nahmen daran nicht teil.

Als der Bundestag Ende Oktober 2020 über die Gedenkstätte der polnischen Opfer des Nationalsozialismus debattierte, veranstalteten wir am Vorabend des polnischen Soldaten und deutschen Antifaschisten (Volkspark Friedrichshain) die “Totenfeier” (1.11.2020) und erinnerten an die Figuren von Frauen* in Geschichte, Politik und Kultur in der Aufführung. > https://www.dziewuchyberlin.org/2020/10/27/bloody-week-all-saints-dziady/

Am 11. November, dem Unabhängigkeitstag Polens, haben wir den Namen des Denkmals informell in Denkmal für den Kampf für unsere und Ihre Freiheit geändert, um die fehlende Hälfte der Gesellschaft einzufangen und hervorzuheben – Frauen*, die ebenfalls gekämpft haben, haben ebenfalls zur Wiedererlangung der Unabhängigkeit Polens beigetragen, aber Sie werden auf den Seiten der Geschichte nicht erwähnt. Frauen in Polen kämpfen heute auf ähnliche Weise für die Freiheit. Und wir widmen ihnen auch einen symbolischen Raum der Freiheit.

> https://www.dziewuchyberlin.org/2020/11/10/11-11-2020-za-nasza-i-wasza-wolnosc-fur-eure-und-unsere-freiheit/

Aus politischen Gründen wurde uns (in letzter Minute) die Teilnahme an der feierlichen Pflanzung des Polonia-Baumes im Dezember 2020 verweigert, bei der wir die Gedichte polnischer Migrantinnen Dichterinnen – darunter Irena Bobowska – lesen wollten. Für die Biuro Polonii Verein erwies sich die Poesie der Frauen* als problematisch. Deswegen…

Während der Aufführung, die wir am 8. März 2021 in Berlin organisierten, erinnerten wir an Irena Bobowska (*3.9.1920 Poznań, +26.9.1942 Berlin, Plötzensee), eine polnische Dichterin, die während der nationalsozialistischen Besatzung Mitgliederin von Untergrundorganisationen in Posen war.

Am 26. September 1942 stand Irena Bobowska, eine junge Dichterin aus Posen, im Alter von 22 Jahren wegen Veröffentlichung der Unabhängigkeitszeitung „Pobudka“ zum Tode verurteilt, vor der Guillotine im Berliner Gefängnis Plötzensee.

Im Alter von 2 Jahren litt sie an der Heine-Medina-Krankheit, wodurch sie bis zu ihrem Lebensende im Rollstuhl fuhr. Sie wurde von ihrer Familie und ihren Freunden Nenia genannt.

Nach der Niederlage im September 1939 begann sie in den ersten Besatzungswochen unter dem Pseudonym “Wydra” unterirdische Aktivitäten. Ab November 1939 leitete sie die Redaktion der Untergrundzeitschrift “Anreiz”. Irena schrieb auch Artikel sowie vervielfältigte und verteilte Zeitungen – dafür war ihr Rollstuhl gedacht. Sie trug auch Waffen darin.

Am 20. Juni 1940 wurde sie von den Deutschen zusammen mit anderen Mitgliedern der Redaktion von “Pobudka” festgenommen und in Fort VII in Posen inhaftiert. Zu dieser Zeit konnte sie noch Päckchen mit schmutziger Wäsche an ihre Familie senden und sie nur mit Brot, ein paar Dekagrammen Fett, Zwiebeln und Zucker oder süßem Brot gefüllt erhalten. In diesen Paketen hielt Irena kurze Nachrichten, in denen sie ihrer Familie schrieb, dass alles in Ordnung sei. In Fort VII wurde ihr Rollstuhl beschlagnahmt, obwohl sie wegen einer Kinderkrankheit nicht laufen konnte. Sie wurde dort geschlagen, verhungert und gefoltert.

Dann wurde sie in das Gefängnis in Wronki, dann in Spandau und schließlich in das Gefängniskrankenhaus in Alt-Moabit, Berlin, gebracht. Dort wurde sie am 12. August 1942 vor ein Militärgericht gebracht. Während der Anhörung durfte sie sprechen. Die Erklärung dauerte 30 Minuten und es gab kein einziges Wort der Entschuldigung oder der Bitte um Verzeihung. Bobowska sprach über die Zeit der Teilung, die Germanisierung und die Gräueltaten des andauernden Krieges. Sie wurde am 26. September 1942 durch Guillotine Schneiden zum Tode verurteilt. Sie hinterließ Gefängnis Gedichte und viele Zeichnungen.

Das Gedicht “Weil ich lerne …”, geschrieben in Fort VII in Posen, wurde von ihrer Tante, die aus dem Gefängnis in Wronki entlassen wurde, in einem Schuh aus dem Gefängnis gebracht. Dieses Gedicht, voller Schmerz und Hoffnung, verbreitete sich anonym in Gefängnissen und Konzentrationslagern. Es wurde von weiblichen Gefangenen in Oświęcim, von weiblichen Gefangenen im Nachkriegs-Fordon gelesen.

Wir erinnern an sie. Weil sie war und ist – relevant.

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… Weil ich die größte Kunst des Lebens lerne:

Jederzeit und überall zu lächeln
Und den Schmerz ohne Verzweiflung zu ertragen,
Und nicht zu bereuen, was vergangen ist,
Und keine Angst haben vor dem, was sein wird!
Ich kenne den Geschmack von Hunger
Und schlaflose Nächte (das ist lange her)
Und ich weiß, wie kalt es sticht
Wenn du dich zu einem Ball zusammenrollen möchtest
Dich vor Kälte schützen.
Und ich weiß, was es bedeutet, Tränen der Hilflosigkeit zu vergießen
An vielen hellen Tagen
Und einer dunklen Nacht.
Und ich habe gelernt, die Zeit voran zu treiben,
Die sich gnadenlos hinzieht,
Und ich weiß, wie hart man sich selbst bekämpfen muss
Um nicht zu fallen und nicht zu ermüden,
Dass der Weg endlos zu sein scheint…
Und ich lerne immer noch die größte Kunst des Lebens:
Jederzeit und überall zu lächeln
Und den Schmerz ohne Verzweiflung zu ertragen,
Und nicht zu bereuen, was vergangen ist,
Und keine Angst haben vor dem, was sein wird!

Übersetzung: Ewa Maria Slaska


Fotos: Gabriella Falana

Anette

Ewa Maria Slaska

Es ist 23. Februar 2021. Die Sonne scheint, der Himmel ist blau, der Winter-Frühling verzaubert ganz Berlin. Ich muss etwas an der Hasenheide erledigen und danach gehe ich in die Bergmannstrasse-Friedhöfe. Ich lade Yvonne von Friedhofsbüro zu einem kleinem Spaziergang, nach einer Weile ziellosen Gehens setzen wir uns auf einer Bank, dann kehrt sie zurück und ich schlendere noch, Mal hier, Mal da, Richtung Ausgang. Ich rede mit Jemandem am Telefon, daher achte ich überhaupt nicht darauf, wohin mich mein Fuß trägt. Plötzlich stehe ich am Grabe einer Berliner Oma (Charlotte Oppermann).

Tschüß sage ich ins Handy, da ich ein Foto knipsen will.


Ich sehe einen Zitronenfalter (Ende Februar!), folge ihn, bis er sich unweit auf einem Grabe setzt. Ich komme näher. Es ist das Grab von Anette.
Anette Schill.

Morgen hätte sie Geburtstag. Sie ist am 24. Februar 1957 geboren. Am 27. Oktober 2014 ist sie gestorben. Erst 57-jährig.

Ich wusste schon lange, dass ich über Anette schreiben will und soll, wir haben es mit Christine Ziegler vereinbart. Aus irgendwelchem unerklärlichen Grund hatte ich Schwierigkeiten, mit dem Text anzufangen. Hatte Anette mich gezwungen, mich zu ihrem Grab gezogen, damit ich endlich meine inneren Unfähigkeiten überwinde und das tue, was ich tun sollte und doch auch wollte?

Ist sie dieser Zitronenfalter gewesen?

Och, Anette, du hättest ausgelacht, die Dummheit, die ich hier aufgeschrieben habe. Plem plem, hättest du gesagt. Und wie gern habe ich gerade diesen gesundvernüftigen Fundament deines Charakters gehabt. Du warst so gradlinig, so bestimmt in deiner Meinungen und zugleich so em- und sympathisch. Somit hast du mir den deutschen Frauenmuster positiv geändert. Ich habe es dir mal gesagt und du wolltest mir nicht glauben.
“Aber doch Christine ist für dich die wichtigste”, sagte sie.
“Ja”, erwiderte ich, “klar, aber mit Christine war es immer so, dass ich sie nie als eine Deutsche wahrnahm, sie war eine Freundin, und dies ist eine Eigenschaft erhaben über alle andere.” Christine und Sieglinde, es waren Freundinnen. Aber im Allgemeinen hatte ich immer Angst von den deutschen Frauen. Sie waren durchaus so… so effizient, so patent, so kompetent, so groß, so barsch, so selbstsicher. So Stark, Stahl, Stein… Und Anette war so authentisch sympatisch. Galionfigur der Regenbogenfabrik, eines Hausbesetzungsprojekt, aus dem ein Nachbarschaftsprojekt wurde, in dem sich mit der Laufe der Zeit auch die deutsch-polnische Zusammenarbeit geborgen fühlen konnte.

Wann kam ich das erste Mal in die Regenbogenfabrik? Wann habe ich Anette kennen gelernt? Christine Ziegler erzählt immer, dass ich die Geschichte verkläre, weil ich behaupte, das erste Mal in Kontakt mit den Menschen aus der Regenbogenfabrik schon 1985 getreten zu sein, dh. gleich nach meinem Ankommen nach Berlin. Und das eben sie der erste Fabrik-Mensch gewesen ist, an dem ich mich erinnere. Laut Christine sei es unmöglich, aus einem einfachem Gründe, dass sie nicht in Berlin war. Bei Besatzung war sie natürlich dabei, so wie Anette. Sie 22, Anette 24. Aber dann fuhr sie nach England zu studieren und kam erst 1989 zurück. Na gut, aber 1991 wäre schon möglich. 1991? Vor 30 Jahren also? War ich mir immer sicher, dass wir uns schon eine Ewigkeit kennen.

Klare und sichere Punkte auf der Zeitleiste meiner Kontakte mit der Fabrik sind vor allem Kochtage (wann waren sie aber?!), Arte-Nova-Workshops ab 1995 und mein Praktikum im Jahre 2000, als ich mich bei der Akademie der Deutschen Wirtschaft zur Referentin Neuen Medien ausbilden ließ. Zu diesem Zeitpunkt kannte ich schon alle in der Fabrik und sie kannten mich und kennen mich bis heute, was mich immer wieder ins Staunen versetzt, dass sie mich alle noch kennen und sogar unter der pandemischer Maske sofort erkennen. Wie?

Über das erste Workshop schrieb mein Sohn, Jacek Slaski im WIR-Heft Nr. 5 (Arte Nova: Śródmieście – Innenstadt):

„… verdammte Literatur, um die es sich hier dreht (…). Worum geht es den Leuten hier, was wollen die? Wieso tun die das alles? Damit andere darüber reden? Für die Anerkennung, für ihr Ego oder nur, um die Langeweile zu bekämpfen. Ich weß nicht, ob es wichtig ist, es scheint genug Zeit da zu sein, um das hier alles ablaufen zu lassen, ob es Relevanz hat, sollen andere entscheiden. Es geht nicht um Verständigung, Völkerfreundschaften entstehen nicht über Kultur, sondern über hemmungslosen Alkoholkonsum und im besten Fall Sex.
Kultur bietet die Platform dafür, und das ist gut so, also denkt nicht, dass die Welt besser wird, wenn sich junge Menschen aus Deutschland un Polen auf dreckigen Hinterhöfen zusammensetzen und versuchen, sich zu verstehen. Ich weiß nicht einmal, ob es ein Beispiel sein sollte, ich weiß nur, dass diese Menschen es gemacht haben.“

Diese, wie Jacek es sagte, dreckigen Hinterhöfe, wo sich junge Menschen aus Deutschland und Polen zusammensetzen, sahen zu, wie sie sich Years and Years hier trafen, gemeinsam rauchten, Bier tranken und Literatur machten. Und was für welche! Und dann traten sie mit ihrer gemeinsamen Werke auf der Bühne und taten es so wunderbar, dass ich noch heute, ein Vierteljahrhundert später, ein Gefühl der Happiness habe, dass ich, dass wir, die Menschen vom WIR Verein und von der Regenbogenfabrik es ermöglicht haben, dass solche Momente entstehen konnten.

Ich liebe Regenbogenfabrik. Habe ich immer geliebt. Vor 21 Jahren, als ich hier mein Praktikum absolvierte, schrieb ich über das Projekt Regenbogenfabrik, dass es eine Mischung eines mittelalterlichen Klosters mit einem Kibuz ist. Eine pragmatische Utopie. Und Anette war für das Pragmatische in der Utopie. Dafür, dass alles funktioniert. Das liebe ich an der Regenbogenfabrik: Dass sie den Beweis lieferte, eine Utopie sei machbar. Die Zukunft ist jetzt. Und wenn nichts mehr hilft, hilft immer noch Humor und gesunde Selbstdistanz.

Anette war fantastisch. Sie könnte alles. Sie hatte Ausdauer und Ideen. Sie wusste intuitiv, was klappen wird und was keine Chancen hat. Hatte es aber Chancen, holte sie ihre stärkste Waffe: das tatkräftge Zupacken.

Von den Kinderbeinen war sie es gewöhnt, zuzupacken. War doch in einem Familienbetrieb, einer Wirtschaft, aufgewachsen. Gleich nach dem Abitur ging sie nach Berlin, um Erziehungswissenschaften zu studieren. Und schon während des Studiums engagierte sie sich in der Besetzungsszene. So fand sie sich in der Gruppe deren, die eine alte Chemiefabrik in Kreuzberg besetzte. Die Fabrik und die Häuser rumherum standen leer, die Gründezeitfabrik längst verlassen, die Erde verseucht. So waren sie alle, diese damals massenweise in Berlin besetzten Häuser – heruntergekommen und verlassen, absichtlich nicht mehr renoviert, damit man die verslumsten Gebäude billig erwerben könne.

Am 14. März 1981, eine Woche nach dem Frauentag war es soweit. Sie gingen in die Fabrik und ins Haus hin.

“Wie benimmt man sich in einem besetzten Haus, es war ja auch für sie das erste Mal”, fragt Gregor Eisenhauer in seinem Tagesspiegel-Nachruf.

Des ersten Nachts wurde in einer Erwartung der polizeilichen Räumung überhaupt nicht geschlafen. Es gab damals in Berlin, auf dem Gipfel der Besetzungswelle, eine juristische Möglichkeit, sog. 24-Stunden-Gesetz, der es erlaubte, innerhalb von ersten 24 Stunden eine Räumungsaktion zu unternehmen, ohne jedwedem Papierkram.

Und Anette war schwanger. Im Sommer wurde ihre Tochter, Jenny, geboren. Das erste Kind (in) der Fabrik. Für Jenny war die Fabrik einzige Familie, die sie kannte. Der Vater erschien erst viele Jahre später. Es ist für ein Kind sehr gut, in einer großen Familie aufzuwachsen, weil wenn man mit jemandem nicht zurecht kommt, kann man sich locker andere Vertrauten aussuchen. Das betonen die Kulturanthropologen immer und ein Wunderbeispiel dafür ist altslawische Zadruga. War Jenny auch der Meinung? Ich weiß es nicht, habe sie nie gefragt. Vielleicht ließ sie Mal diesen Text und antwortet mir. Eisenhauer meint dagegen, dass es bei Erziehungskonflikten nicht ganz einfach war, musste sich doch ein junger Mensch mit einer ganzen Riege der Erwachsenen auseinander setzen und nicht blos mit einem höchsten zweien, wie es in “normalen” Familien der Fall ist. Nun aber denke ich mir, dass man in dieser Generation nicht miteinander streitet und die Eltern sagen einem nicht vom oben herab, was man zu tun hat. Über alles wurde diskutiert. Wie schrieb es der Eisenhauer über die Demokratie? “Klingt mühsam, ist mühsam, aber Hierarchie funktioniert auch nicht besser.” Das betrifft meiner Meinung nach auch die Erziehung.

Sie war eine Kämpferin, aber solche, der man auf dem ersten Blick das Kämpferisch nicht zumuten wird. Auf zweiten auch nicht. Wunderbare Täuschung, weil im Grunde war sie eine Kriegerin durch und durch. Sie wusste, dass wenn man sich stur anstellt, früher oder später wird man sich durchzusetzen.

Ich mochte es bei ihr, weil ich in Polen auch so war. In Berlin zuerst nicht, aber vielleicht war es mein unterbewusster Wunsch, zurück zu meiner wahrer Natur zu kehren und wieder so wie Anette zu sein. Harmlos und angenehm aussehende Frau, mit einem nettem Lächeln, die sich doch nicht klein kriegen lässt. Und für sich nicht immer, für andere aber wie eine Wahnsinnige kämpfen kann. Erfolgreich.

Sie war wie eine Raupe, sagte mir Mal Christine. Könnte sie nicht direkt ans Ziel, schlenderte sie um den Tor herum oder buddelte sich unter dem Zaun oder durch einen Mauerriss rein, um ans Ziel zu kommen. Und Gregor Eisenhauer pflichtete ihr zu: “Jeder spürte, dass es ihr ernst war. Sie war nicht nachtragend und nicht auftrumpfend. (…) Ihr Programm war Dialog. Auf andere zugehen. Auch auf den vermeintlichen Gegner. Wer Ergebnisse will, darf Begegnungen nicht scheuen. Sie hat immer wieder Spielräume ausgelotet. Das war ihre Stärke. Jeder hat einen kleinen Spielraum, auch ein Sachbearbeiter in seiner bürokratischen Zwangsjacke. Die Frage ist nur, wie man mit ihm umgeht. Ihm seine Möglichkeiten klarmachen, darin war sie stark. Andere so sein zu lassen, wie sie sind, und sie dennoch zu fordern.”

Heute, zu ihrem 40 Geburtstag startet die Fabrik auch ihren Geburtstagsblog. Willkommen, kleiner Bruder 🙂

Frauenblick: Meine Lektüren

Monika Wrzosek-Müller

Es hat sich so ergeben, dass ich über die Jahre viele Bücher von Schriftstellern aus dem ehemaligen Osten (DDR) gelesen habe. Schon vor längerer Zeit lasen wir alle den Roman Turm von Uwe Tellkamp und dann sahen wir uns den Film und verschiedene Versionen und Bearbeitungen für die Bühne in Theatern an (ich: im Hans Otto Theater Potsdam und im Staatsschauspiel Dresden). Das waren die Jahre um 2010; die Stücke und der Film haben dem Text, streckenweise lang und sehr gestreckt, gut getan und ihn im wortwörtlichen Sinne anschaulich gemacht. Trotzdem ist es ein großer Bildungsroman mit vielen Vorbildern, ein Schlüsselroman weit und breit angelegt, so dass, die Wende, die Umstande der friedlichen Revolution für viele nachvollziehbar und klarer wurden.

Dann kam für mich der Roman Kruso von Lutz Seiler, so um 2014, der den Bogen der Geschichte weiter spannte. Doch immer drehte sich die Handlung um die Wende und die Wiedervereinigung, den Sinn und den Preis, die die Gesellschaft der DDR dafür zahlen musste. Schon in diesem Roman (es folgt nämlich das nächste Werk: Stern 111) habe ich mit Begeisterung Seilers Beschreibungen der Zustände kurz vor der Wende gelesen, die in der sprachlichen Korrektheit mit leicht surrealen Zügen dargeboten wurden. Der Schriftsteller schaffte einen Mikrokosmos auf der Insel Hiddensee, in dem er seine Helden agieren ließ. Mir fielen besonders die geografische Genauigkeit der Beschreibungen auf, so dass der Leser die Topografie der Insel Hiddensee vor Augen hatte, die Entfernungen einschätzen, das Gelände, die Natur fast sehen konnte. Hier kamen ebenfalls viele Inszenierungen sowohl in Hans Otto Theater, in Leipzig etc…hinzu, als auch der von derselben Produktionsfirma wie bei Turm gedrehte Film, für den derselbe Autor Thomas Kirchner das Drehbuch geschrieben hat. Mich haben Seilers poetische, eigenwillige Sprache und der Zugang zur Realität sehr fasziniert; seine Welt ist magisch, existiert und spielt nach eigenen Gesetzen.

Erst vor kurzem las ich Romane von Ingo Schulze; ich kämpfte mich durch den von Literaturkritikern als „ultimativen Wenderoman“ verschrienen Werk: Neue Leben. Die Jugend Enrico Türmers in Briefen und Prosa. Herausgegeben und kommentiert und mit einem Vorwort versehen von Ingo Schulze (2005). Chronologisch gesehen war er vor dem Turm erschienen, hat aber damals nicht so viel Aufsehen erregt, auf jeden Fall wurde er nicht verfilmt. Ingo Schulze verarbeitet literarisch seine eigene Biografie, so kommen in dem Werk hauptsächlich die Helden aus dem Milieu der Intellektuellen, Schreibenden, Zeitungsmacher, Kritiker vor. Der Held Enrico Türmer des fast 800 Seiten dicken Romans schreibt Briefe an seine Schwester, Verotschka, einen Jugendfreund, Jo, und seine Geliebte, die bundesdeutsche Fotografin Nicoletta; Ingo Schultze (bemerken wir hier die Anspielung auf Ingo Schulze) gibt sie mit entsprechend übertriebenen und eitlen Anmerkungen heraus und das alles in dem berüchtigten Jahr 1989. Dabei macht sich der Autor über das ganze Milieu der Schreiberlinge, Literaturkritiker, Intellektuellen etwas lustig und verspottet sie. Mir persönlich wäre der Roman um einige Briefe weniger, sprich kürzer, lieber, doch die Fragen: „Auf welche Art und Weise kam der Westen in meinen Kopf? Und was hat er darin angerichtet?“, die sich der Held stellt, bleiben nicht nur auf die Ostdeutschen begrenzt, sondern sie betreffen viele, die nicht hier (im Westen) aufgewachsen sind. Und so, trotz der sanften Langeweile, die sich beim Lesen einstellt, ist es ein wichtiger Roman, der die Wiedervereinigung in Licht und Schatten zeigt, denn am Ende sind die Helden nicht zum Aufbruch bereit, eher stehen sie vor Trümmerhaufen, auch wenn sie dies sich selbst zu verdanken haben. Es gibt wunderbare Sätze über das Verhältnis Ost-West, die ich hier zitieren will: „Die Westsachen waren wie Mondgestein, entweder wurden sie einem geschenkt, oder sie blieben unerreichbar. Mit den Verwandten im Westen war es genauso wie mit dem lieben Gott und dem Herrn Jesus, die hatten einen auch lieb, obwohl man sie gar nicht kannte und nie zu Gesicht bekam.“ Und eine längere Passage, anlässlich der Weihnachtsbesuche der Eltern des Helden: „Im Westen wurden die Straßen unterirdisch beheizt, die Tankstellen schlossen nie, und weil die Leute im Westen gar nicht mehr wußten, was sie noch schöner machen sollten, hackten sie aus lauter Spaß die Straßen wieder auf, die sie gerade erst mit Asphalt überzogen hatten. Über jedem Geschäft, über jeder Tür blinkte Reklame, weshalb die Nächte taghell blieben und von einem Verkehr durchflutet waren wie bei uns nicht einmal nach der Maidemonstration. Trotzdem bekam man im Westen in der Straßenbahn, im Bus oder im Zug immer einen Sitzplatz. Im Westen duftete das Benzin wie Parfüm, und die Bahnhöfe glichen tropischen Gärten, in denen man den reisenden wundervolle Früchte darbot. Im Westen trug man in der Schule lange Haare und Jeans und kaute Kaugummis, mit denen sich kopfgroße Blasen machen ließen. Außerdem lag der Weltmarkt im Westen. Ich wußte nicht, wo genau, auf jeden Fall aber im Westen. Öffnete man denn nicht bei dem O von Ost den Mund wie ein Tölpel? […] Osten klang nach bewölktem Himmel und Omnibus und Baugrube. Westen nach Asphaltstraßen mit gläsernen Tankstellen, nach Terrassen mit Strohhalmgetränken und Musik über einem blauen See. Städte mit Namen wie Cottbus, Leipzig oder Eisenhüttenstadt konnten einfach nicht im Westen liegen. Wie anders klang dagegen Lahr, Karlsruhe, Freiburg oder Garching….“ Ich könnte weiter zitieren, weil diese Spitzfindigkeit und Ironie wunderbar die Lage und Vorstellungen der zwei Welten, die aufeinander prallten, beschreibt.

Von denselben Autor las ich gerade den neuen Roman Die rechtschaffenen Mörder von 2020. Zwar schreibt der Autor im Klappentext der Fischerausgabe, dass es eine Erzählung „über das Lesen und die Leser“ und „eine Liebeserklärung an das Papierbuch“ werden sollte, doch es ist wieder ein Roman über den Übergang, die Wende und das sich Zurechtfinden in der neuen Wirklichkeit. Aber handelt das Buch wirklich davon, ist es nicht eine Entfremdung der Entfremdung, Zweifel über Zweifeln das Thema? Denn der Roman ist in drei Teile geteilt und in jedem dieser Kapitel wird die Geschichte aus einem anderen Blickwinkel erzählt. Es beginnt wie ein Märchen: „Im Dresdner Stadtteil Blasewitz lebte einst ein Antiquar, der wegen seiner Bücher, seiner Kenntnisse […] einen unvergleichlichen Ruf genoss. Nicht nur Einheimische suchten ihn auf…“. Der Roman handelt von einem Antiquar und einem Antiquariat. Der Sohn einer Antiquarin, Norbert Paulini alias „Prinz Vogelfrei“, eröffnet 1977 einen Laden und führt ihn zum Erfolg; mit einem Lesesalon, einem Treffpunkt für alle an Literatur und dergleichen Interessierten, darunter für die vielen Dissidenten, mit Beschaffung von Literatur, die eigentlich in der DDR nicht zu haben war. So wird er zum bekannten, geschätzten Bürger. Dann heiratet er eine eher einfache, doch sehr resolute und gut organisierte Frau, eine Friseurin Namens Viola, mit der er einen Sohn hat. Da kommt schon die Wende und sein Antiquariat geht den Bach runter; die Bücher werden nicht gelesen, man kann alle Werke überall kaufen, auch die schöneren Ausgaben. Die Villa, in der er seinen Laden hat, wird den ehemaligen Eigentümern aus dem Westen zurückgegeben. Es stellt sich heraus, dass seine Frau als IM Berichte über die Treffen im Antiquariat verfasst hat. Er lässt sich scheiden und lebt alleine. Die Jahrhundertflut überschwemmt seinen neuen Laden mit den Büchern, er kann kaum etwas retten und begeht höchstwahrscheinlich Selbstmord, zusammen mit seiner Geliebten. Es gibt auch eine Episode, in der Paulini seinen, in die rechte Szene abgerutschten, Sohn deckt und sich über die Migranten so äußert, dass man ihn selbst in die rechte Szene (Pegida) einordnen könnte. Im dritten Teil des Buches schreibt die Lektorin des Schriftstellers mit Namen Schultze, der die Geschichte erzählen und aufschreiben soll. Sie will die Sache des Selbstmordes aufdecken und es kommt zu besagten Zweifeln und Vermutungen, Verdächtigungen, nichts steht mehr fest, alles unterliegt Veränderungen; je nachdem welche Perspektive eingenommen wird.

In den letzten Tagen las ich auch noch den Roman von Lutz Seiler Der Stern 111. Es ist ein sehr poetischer Roman, man bekommt richtig Lust auf diese vergangene Zeit des Anfangs, nach dem Mauerfall, in der noch alles möglich war. Lutz Seiler verführt mit der Geschichte und mit der Sprache, wir gehen den Weg nach Berlin mit ihm und schauen auf seine Eltern, die sich völlig hilflos und unbedarft auf den Weg in den Westen aufmachen. Die Passagen über das Leben von Carl, dem Hauptheld in Berlin mit seinem Shiguli, im Prenzlauer Berg, in der Rykestraße, in der Assel, der Oranienburgerstraße und am Kollwitzplatz gehören zu den intensivsten, eindrücklichsten und spannendsten für uns Berliner überhaupt. Es gibt angeblich Führungen zu den im Buch genannten Plätzen, es gab sie tatsächlich; so wie in Kruso, ist auch hier die Authentizität der Orte, die genaue Beschreibung der Entfernungen, der Topografie des Stadtteils, der paar Straßen unheimlich. Man kann mit dem Buch, wie mit einem Kompass und Reiseführer um die Ecken gehen und jetzt, leider nicht mehr, die Kneipen, die Cafés, die besetzten Häuser sehen. Die neue Wirklichkeit ist schnell eingerückt und hat diese magischen Orte in touristische Orte verwandelt. Manchmal, ganz selten weht ein Hauch der Melancholie, der Vergangenheit durch die Straßen. Die Sprache des Romans zwingt uns innezuhalten und nachzudenken, wie war das damals für mich, wie habe ich die Zeit erlebt. Sie beschwört auch die Magie dieser Orte; durch das geheimnisvolle und ständige Kommen und Gehen, Verharren, still bleiben, bewegen sich die Personen zwar im Roman, aber nur so als ob sie künstlich verschoben wären, als ob das mit ihnen passieren würde, in der scheinbaren Ruhelosigkeit herrscht eine ausgesprochene Bewegungslosigkeit. Die fotografischen Beschreibungen, fast wie Nahaufnahmen der wenigen Gegenstände und detaillierte Beschreibung jeder einzelnen Sache verleihen diesen Gegenständen etwas Unmittelbares aber zugleich nehmen sie ihnen alle Eindeutigkeit, alles ist irgendwie verschwommen und doch real, das Banale, Gewöhnliche bekommt den Geschmack von etwas Besonderem.

Die Geschichte der Eltern bildet ein Pendant dazu, wir lesen mit Erstaunen über den Mut und die Ausdauer, über die Beharrlichkeit von zwei fünfzigjährigen, absolut sesshaften Thüringern mit zwei Wanderrucksäcken und einem Akkordeon, wie sie sich auf den Weg in den Westen aufmachen und ihre Odyssee erleben. „Sie sind doppelt so alt wie ich, dachte Carl, und haben doppelt so viel Kraft.“ Es ist eine Gegengeschichte zu den Jammerossis, auch wenn auf sie, alles andere als ein Paradies im Westen wartet. Sie landen in den Notaufnahmelagern Gießen, Diez und Gelnhausen, schließlich und letztendlich in den USA, von denen sie schon früher geträumt hatten. Von der Geschichte mit der Faszination für den Rock`n`Roll und für den Sänger Bill Haley scheint Carl nichts zu wissen. Vielleicht ist das auch ein Roman über das Verhältnis zwischen den Eltern und dem Sohn, wie sie zueinander finden, jeder auf sich selbst gestellt und jeder auf eigene spezifische Weise. Sowohl Carl als seine Eltern brauchen offenbar so viel Klärung und Abstand, um sich auf einer anderen Ebene wieder treffen können.

Es ist ein Roman über die Ausnahme- und Zwischenzeit, Grenzöffnung und Wiedervereinigung, eine kurze Zeitspanne und der Hauptheld erkennt, dass sie zu Ende geht: „Schon auf dem Heimweg wusste ich, dass meine Zeit in der Assel abgelaufen war. Plötzlich war diese Einsicht da.“ Auch seine Eltern überlegen, ob sie nicht zurück nach Thüringen gehen sollen. Der Reifungsprozess ist abgeschlossen. Ein sehr schöner Roman.

Was mir bei all diesen Texten auffällt, ist, dass die Wende nur von den Autoren aus der ehemaligen DDR beschrieben wird. Sie erleben sie, kämpfen sich durch, verändern oder kapitulieren, passen sich an oder gehen unter. Von der anderen Seite habe ich keine Stimme gehört, vernommen. So würde ich auch, jetzt den Bogen sehr breit spannend, die Romane von so vielen Schriftstellern mit Migrationshintergrund in Amerika oder Großbritannien platzieren. Sie alle kämpfen um A place for us von Fatima Farheen Mizra, wie der Titel des neuen New York Times Bestsellers heißt. Und so verwundert mich gar nicht, dass ein neuer Roman diesmal von Alexander Osang (in Ostberlin geboren) Fast hell auf mich wartet, denn gesagt ist noch lange nicht alles.

Flughafen Tegel & macierzanka

Tibor Jagielski

der weisse maybach

berlin-west (1961 – 1989) und heiko (1959 – 2018) in memoriam

wir trafen uns
schon nach dem untergang
der insel

so wie sie plötzlich erschien
verschwand sie wieder

ich zugezogen in den siebziegern
er – insulaner, mit dieser stadt aufgewachsen

mit allen grenzen gewaschen
(– gänsefleisch waffen? munition?)

manchmal stundenlanges warten
manchmal durchgewinkt

wir fuhren diesselben strecken
und besuchten diesselben discos
ohne voneinander ahnung zu haben

zum beispiel dreilinden – hamburg
oder sound

ja wir traffen uns erst
als unsere wilde jugend zu ende war

als wir keine zweihundertfünfzig sachen mehr auf der autobahn fuhren
und die durchtäntzte nächte hinter uns liesen

zum sterben waren wir damals zu jung
und gegen die walze, die kam
keine chance

auf eine art und weise
waren wir von der furie des verschwindens
entsetzt

und retteten uns manchmal
in die vergangene träume
vergebens

aus dem band “tod in tegel”
2020

macierzanka

same tragedie
nawet herakles po powrocie do domu
otrzymuje w darze od dejaniry koszule
koszule!

na polach elizejskich
szary popiół spada z nieba
jak śnieg
na tłumy
wędrujące po monotonnej szarej równinie

syzyf to pestka
kompleks edypa?
nieznany
elektra?
bajka na dobranoc

tylko macierzanka
rośnie razem z nami
jak milczenie starego telefonu
nikt nie wykręci już jego tarczy

tylko macierzanka
różanopalca pozdrawia nas o świcie
i pozwala
na oddech

Reblog: Spazierengehen

Ich beginne mit einem Reblog, danach kommen Koziewicz, Auster, Slaska, Robert, Nova in beliebiger Reiehnfolge. Ein Spaziergang pro Woche. Immer Samstags (nur heute ist es ausnahmsweise Sonntag, weil ich gestern über Hanau berichten wollte). Ich lade ein, weitere abgefahrene Stadtwanderungen zu beschreiben.

Reblog: Jacek Slaski, TIP Berlin, 29.01.2021

Den Spaziergang würfeln? So erkundet ihr Berlin per Zufall

Ein gewürfelter Spaziergang in Berlin: In der eigenen Stadt losgehen und nicht wissen wohin. Wann passiert das schon mal? In der Regel hat man ein festgelegtes Ziel. Büro, Schule, Restaurant, die Wohnung von Freunden oder den Supermarkt. Selbst beim Spazieren gibt es meist eine konkrete Idee. Man schlendert im Park umher, flaniert über eine Geschäftsstraße oder durch einen belebten Kiez.

Ich wollte es anders machen. Die scheinbar bekannte Gegend auf neue Art entdecken, ohne zu wissen wohin der Weg führt. An jeder Straßenecke und an jeder Kreuzung sollte der Zufall entscheiden, wie es weitergeht. Plötzlich wurde die Stadt zum unbekannten Terrain. Mehr als einen handelsüblichen Spielwürfel brauchte es nicht für dieses urbane Abenteuer.

Spaziergang Berlin: Der Würfel entscheidet über den Weg. Foto: Jacek Slaski

Der Würfel entscheidet über den Weg. Foto: Jacek Slaski

Euere Spaziergänge sind langweilig? Würfelt euch den Weg!

Es ist ein angenehm milder Wintertag. Ich trete aus meinem Kreuzberger Wohnhaus, hier ist der Startpunkt, direkt vor der eigenen Tür. Mein Freund Stan wartet auf mich, wir wollen den experimentellen Stadtspaziergang zusammen machen. Links geht es zur Skalitzer Straße, rechts zum Paul-Lincke-Ufer. Wo lang jetzt?

Die Regeln sind simpel. Man würfelt. Bei einer Eins oder Zwei geht es nach links, bei einer Drei oder Vier geradeaus und bei einer Fünf oder Sechs nach rechts. Kann man nur in zwei Richtungen gehen, so wie wir gerade, vereinfachen sich die Regeln. Eins bis Drei links und Vier bis Sechs rechts. Die Stadt wird zum Spielbrett, wir zu den Spielfiguren.

Spaziergang Berlin: Provisorisches Lager eines Obdachlosen am Landwehkanal. Foto: Jacek SlaskiProvisorisches Lager eines Obdachlosen am Landwehrkanal. Foto: Jacek Slaski

Ich würfle. Eine Fünf. Wir gehen Richtung Paul-Lincke-Ufer. An der Reichenberger Straße muss wieder gewürfelt werden. Es geht weiter geradeaus, dann links am Ufer des Landwehrkanals entlang. Stan hat eine Eins gewürfelt. Wir schauen den Schwänen auf dem Wasser zu, es geht an der Emmaus-Ölberg-Kirche vorbei. Sie sieht verlassen aus. Ich frage mich, ob da jemals jemand reingeht.

Auf dem kleinen Platz spielen Leute Boule und trinken Kaffee aus Thermoskannen

Auf einer alten Matratze hat jemand einen Sponti-Spruch gesprüht. Überall kleben Corona-Plakate. Maske auf. Impfzentrum. Schnelltest hier. Auf dem kleinen Platz hinter der Forster Straße spielen Leute Boule und trinken Kaffee aus Thermoskannen, auf der anderen Uferseite hat sich jemand ein provisorisches Lager eingerichtet.

Das Würfelglück führt uns weiter am Kanal entlang. Dabei hätten wir auch im Kreis laufen können, das ist die Gefahr bei diesem Experiment. Vielleicht auch die Schwachstelle. Aber dann wäre es eben so. Es gibt Regeln, selbst auferlegte, doch wenn man sie nicht befolgt, kann man es gleich sein lassen.

Spaziergang Berlin: Free-Box mit ausgedienten Dingen in der Pflügerstraße. Foto: Jacek Slaski

Free-Box mit ausgedienten Dingen in der Pflügerstraße. Foto: Jacek Slaski

Erst an der Glogauer Straße müssen wir rechts abbiegen, über die Thielenbrücke geht es auf die Pannierstraße. Wir sind in Neukölln. An jeder Straßenecke wächst die Spannung, Stan will Richtung Treptower Park, ich hoffe nur, wir drehen uns nicht im Kreis und müssen auf der anderen Kanalseite wieder zurück. Hoffnungen, Wünsche und Angst vor Wiederholung und Langeweile auf der einen Seite. Abenteuerlust und die Möglichkeit der Entdeckung, des Unerwarteten, auf der anderen.

Gegen die Stadt der Reichen. Foto: Jacek Slaski

Sind wir Forscher, Touristen oder zwei Schwachköpfe mit einem Würfel?

Wir geben die Entscheidungen über den Verlauf der Strecke ab, aber wir schalten nicht ab. Wir unterwerfen uns dem Würfelglück, aber wir hadern mit der Situation. Die Würfe werden antizipiert, man lobt und ärgert sich, beschwört den Würfel. So, los, jetzt eine Sechs! Nein, Du Idiot, keine Eins. Bei aller Ohnmacht wollen wir den Weg irgendwie trotzdem bestimmen und freuen uns zugleich über dieses leicht absurde Projekt, das uns auf neue Art durch den eigenen Kiez führt. Sind wir Forscher, Touristen oder zwei Schwachköpfe mit einem Würfel? Alles drei, nehme ich an.

Eine „Free-Box“ mit alten Büchern, Klamotten und Dingen des täglichen Gebrauchs steht in der Pflügerstraße. Wir kommen an Häusern vorbei, an denen Transparente gegen die neuen Eigentümer hängen. Neben einem Spielplatz ist ein weiteres Obdachlosenlager aufgebaut, auf den Fassaden bemängeln revolutionäre Sprüche den Wandel der Stadt.

Die Gentrifizierung ist unser ständiger Begleiter, sie schneidet sich hier im Nordneuköllner Kiez tief ins Gewebe der Stadt. Auch jetzt, obwohl wegen Corona alles geschlossen ist, werden die Fronten klar. Altmieter, Investoren, Hipster, Türken, die ramschigen Läden, ausgebaute Dachgeschosse und die schicken Bars und Cafés. Alls drängt sich zusammen, es brodelt und der Quadratmeterpreis steigt. Pandemie hin oder her.

Die Idee eines experimentellen Stadtspaziergangs ist nicht von mir. Die Methode mit den Würfeln schon, zumindest ist sie nicht abgeschaut. Auch wenn es sein mag, und das ist recht wahrscheinlich, dass sich schon jemand vor mir exakt so durch eine Stadt bewegt hat.

Die ganze Sache geht auf die Psychogeografie zurück

Eine mit Theorie unterlegte, literarische Form der Stadterkundung. Es geht um Stadträume, Stadtplanung, die Wirkung der Architektur, Journalismus, Reportage. Zumeist steht die Stadt und das Verhältnis des Einzelnen (oder einer bestimmten Gruppe) zu ihr, im Vordergrund.

Schon in den 1950er-Jahren haben die französischen Situationisten mit ähnlichen Aktionen begonnen und versuchten, sich die Stadt in Form von Kunst-Happenings anzueignen. Der Kasseler Spaziergangswissenschaftler Lucius Burkhard ließ seine Studenten experimentelle Spaziergänge machen, sie sollten etwa untersuchen, wie der Autoverkehr oder abgeschlossene Firmengelände den Stadtraum beeinflussen.

Psychotherapy während einer psychogeografischen Erkundung der Stadt. Foto: Jacek SlaskiPsychotherapy während einer psychogeografischen Erkundung der Stadt. Foto: Jacek Slaski

Die britische Schriftstellerin Aminatta Forna beschrieb No-Go-Areas für Frauen und Persons of Color und machte darauf aufmerksam, dass nicht jede Stadt gleichermaßen für jeden begehbar ist. Eine Erfahrung, die auch der jamaikanische Schriftsteller und Journalist Garnette Cadogan machte, dessen dunkle Hautfarbe ihm zwar bei Streifzügen durch seine Heimatstadt Kingston keine Probleme bereitete, in New York aber seine Bewegungsfreiheit in bestimmten Gegenden oder zu bestimmten Uhrzeiten extrem erschwerte.

Und ein Autor namens Iain Sinclair zeichnete irgendwann in den 1990er-Jahren den Buchstaben „V“ in den Londoner Stadtplan, den er anschließend ablief und seine Erfahrungen, die er entlang der Strecke machte, beschrieb.

Stan interessieren die alten Psychogeografie-Geschichten und Theorien nicht

Viel lieber erzählt er bei unserem Würfelspaziergang, wo er mal gewohnt hat, wo seine Exfreundinnen lebten oder alte Kumpel. Erinnerungen an Orte, WG-Zimmer, flüchtige Begegnungen, Umzüge und Partys.

Er hat instinktiv das Wesen der Psychogeografie erfasst, dazu muss man sich schließlich nicht unbedingt mit Wissen aufladen. Stadt und Erinnerung verschmelzen. Bilder, Gedanken und Verknüpfungen treten hervor, verstärkt vom zufälligen Ablaufen der an sich bekannten Straßen und Plätze. Der Zufall erzeugt zwangsläufig einen Bewusstseinsstrom.

Wir wohnen beide schon lange hier. Im Dreieck zwischen Friedrichshain, Kreuzberg und Neukölln. Die Adressen wechselten, die Gegend blieb. Wären wir in Reinickendorf, Köpenick oder Spandau unterwegs, gäbe es weniger oder andere Erinnerungen. In einer anderen Stadt erst recht, doch auch völlig unbekannte Orte ließen sich gewürfelt gut erkunden. Vermute ich. Irgendwann probiere ich es mal aus.

Der Neukölln Bierdosensammler mit Außenwerbung. Foto: Jacek Slaski

Wir sind im Rütlikiez. Im Späti kaufen wir zwei Flaschen Cola. In einem mit Dosen zugestellten Fenster hängt ein Schild. Ein Bierdosensammler hat seine Telefonnummer drauf geschrieben. Wer seltene Exemplare hat, soll anrufen, ist der nicht ausgesprochene Aufruf.

Ich überlege, ob man diese Würfelspaziergänge nicht an bestimmte Aktionen knüpfen sollte. Die Auflage, mit der Stadt zu interagieren, sich überwinden und Kontakte knüpfen, mit fremden Menschen reden, Dinge tun, die man sonst nicht tun würde. Etwa beim Bierdosensammler anrufen und fragen, welche Dose ihm fehlt und diese dann suchen und ihm vorbeibringen. Nächstes mal. Doch die Möglichkeiten sind unendlich, ein beflügelndes Gefühl.

Am Weichselplatz finde ich ein Buch, jemand hat es in einen Hauseingang gelegt. Es ist Jack Londons Roman „Wolfsblut“. Gelesen habe ich es nicht, aber ich meine mich zu erinnern, dass es darin um Wanderungen, um Abenteuer und das Ungewisse geht. Der Mensch und die Natur. Der Mensch und seine Umgebung. Bei London ist es die Wildnis, bei uns Neukölln.

Ganz kurz sehe ich Stan und mich, wie wir in Jacks tiefe Fußstapfen treten. Wir beide, unterwegs im urbanen Dschungel. „Dunkler Tannenwald dräute finster zu beiden Seiten des gefrorenen Wasserlaufs“, lautet der erste Satz aus dem Klassiker. Könnte man so die Beschreibung einer Berlin-Wanderung beginnen?

Weichselstraße, Ossastraße, Rütli-Campus.

Hier beginnt sich das System gegen uns zu wenden, wir laufen drei mal um den Block

immer wieder über das Gelände der berüchtigten Neuköllner Schule, die wegen der Gewalt und der verzweifelten Hilferufe der Lehrer vor Jahren landesweit für Schlagzeilen sorgte und dann mit viel politischem Willen und Fördergeldern umgekrempelt wurde.

Rütli und wieder Rütli. Irgendwas müssen wir übersehen haben, sagen wir uns, leicht irritiert von der Wiederholung. Und tatsächlich entdecken wir bei jeder weiteren Runde ein neues Detail. Eine im Boden eingelassene Gedenktafel für den Weltraumhund Laika, ein großes Backgammon-Feld, einen ungewöhnlichen Blick auf eine Brandmauer, ein altes Tor, das seinen Zweck nicht mehr erfüllt, weil es von einem neuen Zaun verdeckt wurde.

Immer wieder Rütli-Campus. Foto: Jacek Slaski

Keiner von uns war vorher auf dem Rütli-Gelände, jetzt haben wir es drei mal, von verschiedenen Seiten kommend, entdeckt, entdecken müssen. Die Würfel lassen uns nicht weg, wir kommen nicht mehr in den Treptower Park, auch am Kanal bleiben wir nicht. Doch das Ende naht. Der Spaziergang musste von Beginn an begrenzt werden. Nach 90 Minuten ist Schluss, so der Entschluss.

Die Hipster-Meile wirkt im hellen Winterlicht seltsam trüb

Der Zufall leitet uns endlich auf die Weserstraße. Die Hipster-Meile wirkt im hellen Winterlicht seltsam trüb. Müll und Hundescheiße vor verschlossenen Läden sind kein einladendes Bild. Stan lacht bei dem Gedanken, was wohl der Freund seiner Mutter, ein patenter Ur-Spandauer, zu dem verlotterten Bezirk sagen würde. Doch für nicht wenige Berliner ist Neukölln so weit weg wie die Bahamas.

Wir kehren auf die Pannierstraße zurück und landen schließlich auf der geschäftigen Sonnenallee. Noch fünf Minuten, dann ist der Spaziergang vorbei. An der Ecke Sonnenallee und Jansastraße erreichen wir unser zeitlich festgelegtes Ziel. Ziemlich genau sieben Kilometer haben wir zurückgelegt, sagt die App MyTracks. Dieser Endpunkt soll der Startpunkt für den zweiten Würfelspaziergang werden. Wer weiß, wohin uns der Weg dann führt. Zurück oder weiter weg von den vertrauten Straßen?

Eine mit der App MyTracks erstellte Karte des gewürfelten Spaziergangs. Screenshot: MyTtracks


Inspiration und Dank gilt Anneke Lubkowitz. Ohne den von ihr herausgegebenen Band „Psychogeografie“ hätte ich den Würfel wohl nicht in den Stadtraum geworfen.

Psychogeografie herausgegeben von Anneke Lubkowitz, Matthes & Seitz, 240 S., 22 €

Hanau

Vorgestern fand ich diese Bilder am Eingang zu meiner U-Bahn-Station Paradestraße. Ich wusste nicht, wer sie sind und worum es geht, aber ich wusste, dass ich im Internet selbstverständlich eine Erklärung finden werde. Am abend hatte ich keine Zeit, am nächsten Tag (dh. gestern) musste ich früh raus und auf Hermannplatz fand ich schon mehr.

Ach ja, natürlich, Hanau. Hanau vor einem Jahr.  Mein Handy hat sich ausgeladen, ich nehme die Plakate vom Zaun ab und mit nach Hause. In der U-Bahn lese ich sie.

#HanauWarKeinEinzelfall
Hanau. 1 Jahr nach dem rassistischen Terroranschlag
WIR GEDENKEN 19. Februar
KALOYAN VELKOV
FATIH SARACOGLU
SEDAT GÜRBÜZ
VILI VIOREL PAUN
GÖKHAN GÜLTEKIN
MERCEDES KIERPACZ
FERHAT UNVAR
SAID NESAR HASHEMI
HAMZA KURTOVIC

Erinnern heißt kämpfen, Erinnern heißt verändern!

Hanau war kein Einzelfall. Der Anschlag an die Synagoge in Halle, der Mord an Walter  Lübcke in Kassel, die Morde und Anschläge des NSU – das alles waren kein Einzelfälle.

Rechte Terrornetzwerke werden von der Polizei, Justiz und Verfassungsschutz gedeckt oder unterstützt, oder sind schon Teil des Staatsapparates.

Polizei und Staat werden uns nicht beschützen!
Das können nur wir selbst.
Deshalb organisieren wir uns gemeinsam in unseren Kiezen und Nachbarschaften gegen Faschismus und rassistische Gewalt.

MIGRANTIFA                    WIR FORDERN ERINNERUNG GERECHTIGKEIT AUFKLÄRUNG KONSEQUENZEN

#RassismusTötet @migrantifabln    V.i.S.d.P.:M. Cayan, Karl-Marx-Str. Berlin

Na ja, das erklärt Einiges, denke ich mir. Diese angesprayte Bilder in der UBahn, Plakate an den Zaunen und Wänden angeklebt mit Tesafilm und Post-Klebeband.

Ich komme nach Hause und finde, dass Büro der Berliner Ausländerbeauftragten mir (natürlich nicht nur mir) eine Erinnerung an Hanau auf dem Facebook zugeschickt hatte. Klar, die hartformulierten “Ausdrücke” von oben fehlen, bei dem Spot heisst es: Struktureller Rassismus, aber der Tenor…

Tag danach (dh. heute) gehe nochmals hin zu Hermannplatz und diesmal mache ich ein paar Fotos. Es sollte auch eine Demo statt finden, gibt sie aber nicht…