Reblog: Anhalter Bahnhof

Erinnerung in einem Klavierabend
Die vergessenen Künstler

1943 wird einer der begabtesten deutschen Nachwuchs-Virtuosen wegen “Wehrkraftzersetzung” hingerichtet. Im Rahmen des “Ungespielten Konzert” des Pianisten Florian Heinisch soll nun an ihn erinnert werden.

in der Rubrik Anhalter Bahnhof (Tagesspiegel 24.06.2016)

Am 3. Mai 1943 ist in Heidelberg ein Klavierabend angekündigt. Karlrobert Kreiten, ein Jungstar der deutschen Pianistenszene, soll Werke von Bach und Chopin, Mozart, Beethoven und Liszt spielen. Doch am Abend bleibt das Podium leer. Kreiten ist am Nachmittag verhaftet worden. Vier Monate später wird er zum Tode verurteilt. Sein Verbrechen: „Wehrkraftzersetzung“. „Ein solcher Mann hat sich für immer ehrlos gemacht“, heißt es in dem vom Präsidenten des Volksgerichtshofes, Roland Freisler, unterzeichneten Urteil. „Er ist in unserem jetzigen Ringen – trotz aller beruflicher Leistungen als Künstler – eine Gefahr für unseren Sieg.“

Am 7. September 1943 wird einer der begabtesten deutschen Nachwuchs-Virtuosen hingerichtet – weil er einer Jugendfreundin seiner Mutter gegenüber keinen Hehl daraus gemacht hat, wie sehr er die Nazis und ihren Vernichtungskrieg verachtet. Was der 27-Jährige nicht ahnte: Er saß einer „gläubigen Nationalsozialistin“ gegenüber, wie es im Urteil heißt – die es für ihre politisch-patriotische Pflicht hielt, ihren Gast bei der Geheimen Staatspolizei zu denunzieren. Von Heidelberg wird Karlrobert Kreiten direkt nach Berlin gebracht, ins Gestapo-Gefängnis unweit des Anhalter Bahnhofs, also an jenen Ort, an dem heute die „Topographie des Terrors“ über die Verbrechen informiert, die hier begangen wurden.

63 Jahre nach der Verhaftung des für seine leidenschaftliche Ausdruckskraft gefeierten Pianisten, der es wagte, verbal gegen den „totalen Krieg“ aufzubegehren, ist nun der 25-jährige Pianist Florian Heinisch aufgebrochen, um das Programm, das Karlrobert Kreiten damals nicht mehr spielen konnte, endlich zum Klingen zu bringen. Die Idee zu diesem „Ungespielten Konzert“ stammt vom Hamburger Kinderarzt Moritz von Bredow, der sich sowohl für die Nachwuchsförderung einsetzt wie auch für vergessene Künstler. An diesem Sonntag, dem 100. Geburtstag Kreitens, wird Heinisch in Heidelberg auftreten, am 30. Juni endet die Tournee dann im Berliner Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Der legendäre „Frühschoppen“-Moderator Werner Höfer, NSDAP-Mitglied seit 1933, hatte damals im „Berliner 12-Uhr-Blatt“ über Kreitens Verurteilung geschrieben: „Es dürfte niemand Verständnis dafür haben, wenn einem Künstler, der fehlte, eher verziehen würde als dem letzten gestrauchelten Volksgenossen.“ Als ihm die Urheberschaft des Textes – die Höfer bis zuletzt bestritt – 1987 nachgewiesen werden konnte, war er seinen Job bei der ARD los.

***

Infos

Das ungespielte Konzert – Zum 100. Geburtstag des 1943 vom NS-Regime hingerichteten Pianisten Karlrobert Kreiten: Florian Heinis

Programm   Bach: Präludium und Fuge für Orgel D-Dur; Chopin: Drei Etüden aus op. 25, Nr. 6 gis-Moll, Nr. 7 cis-Moll und Nr. 10 h-Moll, Drei Etüden aus op. 10, Nr. 2 a-Moll, Nr. 8 F-Dur und Nr. 12 c-Moll; Beethoven: Sonate f-Moll op. 57 “Appassionata”; Mozart: Sonate C-Dur; Liszt: Rhapsodie espagnole
Do
30.06
20:00

Konzerthaus Berlin

Gendarmenmarkt
10117 Berlin (Mitte)

Florian Heinisch

 Florian Heinisch Foto: promo

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