Jeder, der kämpft, ist Don Quijote

Für Michał T.-S. Dankend

Michał hat mich regelrecht gezwungen, die Känguru-Bücher zu lesen. Ich wollte nicht, ich habe mich ernsthaft gewährt, was aber nicht half. Eines Tages lag das dritte Buch aus der Reihe, weil es schon drei davon gibt (Achtung! Werbung!), einfach im Treppenhaus meines Hauses. Ich nahm es mit nach Hause, mit dem mulmigen Gefühl, sich der Bestimmung beugen zu müssen. Und gleich am ersten Tag bei der Lektüre der ersten Seiten wurd’ ich findig und zitierte in einem der Barataria-Beiträge aus dem Vorwort. Mea culpa, Michał, dass es so lange gedauert hat. Ich glaube, du hast recht. Marc-Uwe Kling ist ein verdammt guter, kluger und witziger Autor, der darüber hinaus noch immer das schreibt, was man (dh. Du und ich) politisch so denkt und für richtig hält, was natürlich bedeutet, er ist genial (weil wir es sind – obwohl, ob man heutzutage, als die Ironie, und damit auch Autoironie, verschwunden sind, noch etwas derartiges schreiben kann?)

Louie

“Das sind Gefühle, wo man schwer beschreiben kann”, Thomas mann bei der Nobelpreisverleihung 1929

»Ahahamuhmuhmuh. Und der Deutsche Buchpreis der Ullstein Buchverlage in der Kategorie ‘Buch mit sprechendem Tier’, muh, geht dieses Jahr an…«
Die Moderatorin Julia Müller öffnet das Kuvert, juchtzt und ruft: »Louie, der lustige Leguan von den Kindern der Kindertagesstätte Sümpfe der Traurigkeit

»Ich fasse es nicht«, sage ich. Auf der Tribüne hinter uns jubeln Kinder. Die Gäste der Preisgala beginnen zu applaudieren.

»Du hättest deıı Preis beim ersten Mal nicht ablehnen sollen«, sagt das Känguru. Es sitzt links neben mir, in einem rosa Tutu, und liest vollig gelangweilt Wendy. Auf dem Kopf hat es eine Krone, ein Zauberstab liegt auf dem Tisch. Mein Agent, der rechts neben mir sitzt, kratzt sich ratlos am Kopf.
»Das scheint auch mir eine inhaltlich wirklich aııgreifbare Entscheidung«, sagt er und nimnıt sich ein Salınetönchen vom Tabiett mit Desserts, welches das Känguru irgendeinem Kellner abgenommen hat.
»Kommt auf die Bühne, Kinder«, ruft die Moderatorin. Unter lautem Geschrei stürmt eine Gruppe Fünfjähriger mit ihrer Erzieherin die Bühne. Fast alle Anwesenden erheben sich und spenden stehend Applaus.
»Ich werde gerade unfassbar attrakiv« (dies bedeutet in der Tat: aggressiv – Anm. der Administratorin), sage ich.
»Und wie Sie ja alle wissen, ist der Preis dieses Jahr zum ersten Mal dotiert« sagt die Moderatorin. »Tante Isabel, was werden Sie denn mit den 10.000 Euro machen?«
»Damit können wir endlich das Dach unserer Kita reparieren lassen, damit die Kinder bei Regen nicht mehr nass werden«, sagt Tante Isabel.
»Das ist doch wirklich ein Skandal«, rufe ich. Ein paar Leute drehen sich zu uns um, die große Menge hat aber nichts gehört, denn ihr Applaus hat mein Rufen verschluckt.
»Du hast ja recht …«, beschwichtigt mein Agent, »aber bitte etwas leiser. Die hatten halt einen Bonus, weil sie noch so klein sind«.
»Ach was …«, fauche ich, »Aber kuck dir die Bilder mal an! Da hat doch garantiert ein Erwachsener geholfen«
»Ja, das ist wirklich gemein«, sagt das Känguru. »Wenn dir ein Erwachsener geholfen hätte, wäre dein Buch bestimmt auch besser geworden.«
»Nicht aufregen«, sagt mein Agent. »Probier lieber mal eins von diesen leckeren Sahnetörtchen.« »Louie, der lustige Leguan spricht ganze fünf Sätze«, sage ich eingeschnappt. »In diesem ganzen sogenannten ‚Buch‘!«
Ich setze mit Zeige- und Ringfingem wütende Anführungszeichen um das Wort Buch.
»Du kennst das Buch?«´, fragt das Känguru.
»Ich habe alle nominierten Bücher gelesen«, sage ich. »Alle beide …«
Endlich verebbt der Applaus.
»Ahamuhmuh«, sagt Julia Müiler. »Und wie geht es nun weiter für euch Kinder?«
Ein kleines Mädchen tritt ans Mikrofon.
»Wir schreiben eine Fortsetzung, wo Louie in die Schule kommt. Damit wollen wir genug Geld verdienen, um das Abzest…«
»Asbest«, sagt Tante Isabel.
»Asbest aus der Kita wegzumachen», sagt das Mädchen.
Wieder stehen die Leute auf und klatschen.
»Buh!«, rufe ich. »Buh!«
»Bitte beruhige dich doch!«, sagt mein Agent.
»Louie läuft lässig«, zische ich. »Louie lacht lustig. Louie lebt locker. Louie liebt liegen. Louie lutscht Lutscher. Das ist alles, was der bekackte Leguan sagt. Das ist der komplette Text von dem bekackten Buch«
Die Kinder verlassen unter erneutem Applaus die Bühne.
»Und dabei stellt sich noch die Frage, warum der bekackte Lemur…«
»Leguan«, sagt mein Agent.
»…das überhaupt alles sagt. Und zu wem! Der ist allein auf den Bildern. Der spricht mit sich selbst, oder was? Der hat doch ‘ne Macke! Und so was gibt man Kindern zum Lesen? Kein Wunder, dass unsere Gesellschaft so kaputt ist. Ich fasse es nicht«
Der Applaus brandet noch mal auf, als Tante Isabel und ihre Kinder Kusshände in den Saal werfen. »Ich habe ein Manifest verfasst, voller Witz und Weisheit«, schimpfe ich innerlich brodelnd. »Einen Fels in der Brandung stumpfer Pipi-Kaka-Witze, eine Rettungsboje für alle, die etwas faul dünkt an dieser widerwärtigen Weltordnung, ein Buch voll Tucholsky’schem Witz, voll Orwell’scher Weitsicht, voll Beckett’scher Radikaliıät…«
»Voll Goeıhe’scher Beschieidenheit«, wirft das Känguru ein.
»…eine große Satire über ein idealistisches, wenn auch leider wahnsinniges Känguru und seinen flexiblen, belastbaren, innovativen, kreativen, teamfähigen, begeisterungsfähigen und kreativen Begleiter …«
»So beruhige dich doch«, sagt mein Agent eindringlich. »Bitte, bitte. Die Leute kucken schon.« »LASS SIE DOCH KUCKEN!«, brülle ich, »ICH BIN KÜNSTLER! DIE LEUTE SOLLEN MIR ZUKUCKEN! ICH BIN KÜNSTLER!«
»Kleinkünstler«, sagt das Känguru.
»NEIN! NEIN! NElN!«, rufe ich, »KÜNSTLER! Nichts Geringeres als einen modernen Don Quijote habe ich verfasst! ABER NEIN! Louie, der lustige Leguan. Das ist natürlich relevanter. Das ist natürlich…«
Das Känguru schlägt mir mit der Wendy auf den Kopf. »Halt die Klappe, Knappe!«
Der Applaus verebbt zum letzten Mal.
»Ahahamuhmuhmuh«, sagt Julia Müller. »Glauben Sie mir, das war der schönste Moment meiner professionellen Karriere.«
»Du dumme Kuh!«, rufe ich.
»So bringen Sie ihn doch zum Schweigen«, fleht mein Agent das Känguru an.
»Muh! Muh! Muh!«, rufe ich. »Die Kuh, die lach…«
Das Känguru stopft mir ein Sahnetörtchen in den Mund:
»Halt mal kurz.«


© 2014 by Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin

 

Barataria oder was passiert mit unseren Utopien

Für Christine anhand von Auszügen aus einem fabelhaften Buch, das ich von ihr bekommen habe; es wäre auch für Konrad, der aber noch kein Deutsch kennt

Klappentext:

Orient und Okzident, Einwanderer, Auswanderer, Aussteiger, Islam, Christentum, Kapitalismus und die Suche nach dem Glück: Michael Kleeberg erzählt Geschichten und Schicksale in einer globalisierten Welt. Mühlheim bei Frankfurt. Ein Kreis von Freunden trifft sich und versucht, über Freundschaft und Gesellschaft nicht nur nachzudenken, sondern auch Utopien eines anderen Zusammenlebens zu verwirklichen.
Dabei: Hermann, einst Doktorand der Philosophie, dann Aussteiger, jetzt Lehrer in Frankfurt. Maryam, eine iranische Sängerin, die auswandern musste, weil ihr das Singen verboten wurde. Ausserdem: Younes, ein libanesischer Pastor, Zygmunt, ein polnischer Handwerker, Bernhard, ein Ex-Sponti, der lange einen Verein für Jugendsozialarbeit leitete, Ulla, seine Frau, Kadmos, ein arabischer Lyriker.
In einem kaleidoskopischen Roman in zwölf Büchern (angelehnt an Goethes West-Östlichen Divan und Nezamis Leila und Madschnun) erzählt Michael Kleeberg ihre Geschichten und Geschichten um sie herum und begibt sich zu den Wurzeln ihrer Kulturen. Kleebergs Buch spielt in Deutschland, Iran, im Libanon und im Reich der Mythen.


»Die Fundamentalisten wie die Materialisten sind sich ja darin einig, dass wir an gar nichts glauben, was nicht stimmt, wie wir wissen. Aber die Rückbindung ist das eine, wie jedoch steht es mit der Zukunft? Wollen wir etwas bewahren, oder wollen wir etwas schaffen?
Eine Utopie? Muss es dann nicht, wie alle Utopien, eine mosaische sein? Ein Ausblick? Eine Hoffnungskarotte? Ein Vorgefühl von höchstem Gliick? Wir blicken darauf wie Muse hinunter ins Gelobte Land (…). Betreten kann man sie immer nur kurzfristig, denn alle Utopien verwandeln sich zu totalitärem irrsinn, wenn sie sich konsolidieren. (…)«

(…)
»Liest du was Neues? Oder ist das hier aus dem Bestand?«
»Was Neues. Judith Shklar. Der Liberalismus der Furcht. Kennst du sie?«
Ernst nickt. ››Sie ja. Das Buch noch nicht. (…) Aber warum Furcht?«
»Es geht um die Sicherheit vor Grausamkeit als Grundbedingung für die individueile Freiheit. Die Grausamkeit jeglicher Machtausübung. Ihr großes Thema. Und woran arbeitest du?«
»Ich habe mich für den Bachelor gerade an einer Analyse der Spontibewegung versucht.«
Hermann lacht. »Eine geistige Herleitung deines Vaters. Hast du ihn gelöchert?«
»Ja, aber da kriege ich nur Anekdoten über Fußball und Äppelwoi zu hören.«
»Dabei gehört Bernhard zu den wenigen, die sich ihre ideale nie haben korrumpieren lassen«, sagt Hermann.
»Ja, leider«, erwidert Ernst. »Sonst könnte er vielleicht heute auch von seinem Management 50000 pro Vortrag verlangen lassen wie Joschka Fischer.«
»Na komm, es reicht doch auch so. Wobei, du hast insofern recht, als wenn wir alle auf Hartz IV wären und nur unsere Armut zu teilen hätten, auch dieser Ort hier nicht existieren würde. Die innere Freiheit ist und bleibt bis zu einem gewissen Punkt eine Funktion der Mittel, die du dir erwirtschaftet hast.«
»Notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung«, sagt Ernst.
»Ja, und da wären wir bei dem ›überschüssigen Bewusstsein‹ von Marcuse oder Bahro oder beiden. Den humanen Kapazitäten, die übrigbleiben, nachdem du für dein materielles Überleben geschuftet hast. Die beiden haben zwar geglaubt, dass nur im Sozialismus so ein geistiger Mehrwert herauskommt, aber das wissen wir ja nun besser.«
»Wie war das nochmal?« fragt Ernst.
»Es werden Bedürfnisse freigesetzt, und zwar entweder kompensatorische oder emanzipatorische? (…) Willst du Erstere befriedigen, um dich für die Arbeiterei zu entschädigen, kaufst du Autos, machst Kreuzfahrten und spielst Golf. Die emanzipatorischen dagegen ließen in die Bildung, die Kultur, die Schönheit, die Menschlichkeit und die Gerneinschaft. Und genau darin, lieber Ernst, bist du groß geworden. Wenn Ulla und Bernhard ihr Geld lieber für sich ausgeben würden, dann gäbe es diesen Ort nicht,wo wir leben, lieben, denken und trinken können.« (…)

Und weiter:

Um ein offenes Haus führen zu können, braucht man ein Haus. Das Essen, das jeder, der hereinschneit, vorgesetzt bekommt, muss eingekauft werden (…). Großzügigkeit braucht Mittel, und Großherzigkeit kommt aus der Selbstachtung, die wiederum daher rührt, dass man Arbeit hat und angemessen dafür bezahlt wird. Das Gefahr ist immer, dass man solch einen Ort für selbstverständlich nimmt, für gegeben und unveränderlich, und ausschließlich am Wesen der Gastgeber festmacht anstatt an den komplizierten und unsichtbaren Mechaniken des Lebens, die die Existenz dieser Gastgeber bedingen.

Und so ist es auch im Divan. Der Gastgeber, Bernhard oder TK genannt, verliert gerade seine Existenzgrundlage, was von seinem früheren Freund verursacht wird, aber doch letztlich an ihm selbst liegt und seinen Prinzipien, aud die er nicht verzichten will. TK und sein Kumpel Krüger unterhalten sich darüber beim Jogging. Krüger möchte wissen, was sich in der Sache gerade tut.

TK antwortet nicht.

»Mit einem Wort«, sagt Krüger, „du hast nie die Machtfrage gestellt.«
»Nein, warum hatte ich auch sollen. Der ganze Verein war doch über all die Jahre auf flache Hierarchien und den gedanken kollektiver Gemeinschaftsentscheidungen ausgerichtet.«
»Und das ist genau der Punkt, wo du dich täuschst! (…) Wenn nicht explizit in festen Hierarchien, dan implizit in Form von individueller Exzellenz.«
»Exzellenz, hör auf«, lacht TK.
»Und vor allem füllt sich Machtvakuum immer sofort. Wenn einer die macht abgibt oder ausschlägt, ist ein anderer da, der si übernimmt. Aber denk doch mal nach: Wessen Idee war dieser Verein?«
»Meine.«
»Und wer hat ihn aufgebaut und ausgeweitet?«
»Ich. Aber nicht nur.«
»Und wer hatte die Ideen dazu?«
»Die kamen aus gemeinsamen Diskussionen.«
»Schon. Aber wer hat solche Diskussion eingefordert, angeregt und ihnen eine Richtung gegeben? Sei ehrlich!«
»Ich«, sagt Bernhard (…).
»Und wer hat die Richtungsentscheidungen gefällt?«
»Immer gemeinsam im Kollektiv. Aber stimmt schon, ich habe die anderen schon meist in die Richtung gelenkt, die mir am besten vorkam.«
»Und deshalb bist du ja auch der Vorsitzende des Vereins gewesen.«
»Nie. War ich nie. (…) War mir nie wichtig.«
»Aber was für eine Position hast du denn dann innegehabt?«
»Gar keine. Mitarbeiter.«
»Aber du hast den Verein doch nach außen repräsentiert. Gegenüber der Stadt, dem Sozialamt, dem Jugendamt, was weiß ich?«
»Naja sicher, ich kenne die ja alle.«
»Bernhard, du bist naiv!«
»Mag schon sein. Aber warum ist es naiv, sich nicht in den Vordergrund zu drängen, wenn sowieso alle wissen, dass man den Laden schmeißt?«
»Genau deshalb, mein Lieber. Weil sich sonst jemand dahin drängt, der ihn eben nicht schmeißen kann, oder der ihn auch schmeißen kann. aber anders als du. Ich nehme doch an, dass dein Freund und Mitgründer, der dich jetzt rausgeekelt hat, der Vorsitzende des Vereins ist.«
»Ja, für den war das wichtig. (…) Die Probleme hatten ganz unscheinbar begonnen. Vielleicht damit, dass A.S. vor einigen Jahren neben dem Verein eine eigene Entrümpelungs- und Umzugsfirma gegründet hat, die jugendliche Alkoholiker und Straftäter resozialisierte. Eigentlich ein tolles Projekt. Nur dass er, als im ersten Jahr die Liquidität fehlte, in die Vereinskasse griff, um das auszugleichen. Sie hatten das durchdiskutiert und die Summe dann in ein offizielles Darlehen umgewandelt.«
»Kein Wunder, dass er einen Rochus auf dich hat!« sagt Krüger.
»Wieso denn er auf mich?«
»Weil er in deiner Schuld steht. Und weil du seine Schwäche und sein Fehlverhalten kennst und gerade nicht öffentlich gemacht hast. Und natürlich, weil er die Gelder hätte ganz bequem und legal verschieben können, wenn es alles sein Laden gewesen wäre.«
»Es war aber so lange alles gut. Bis er mit der Überwachung anfing. Effizienzsteigerung. Monitoring! Wo dann kein Platz für Vertrauen und Selbstverantwortung bleibt.«
»Die gewiss jeder bis ins letzte Glied in jeder Minute geübt hat …«
»Krüger, jetzt wirst du zynisch. Wir sind alle Menschen und machen Fehler. Und das muss auch erlaubt sein. Jedenfalls fing A.S. dann mit Stichprobenkontrollen an, und es gab die ersten Abmahnungen statt eines Gesprächs. Und dann kam er mit der Idee, den Verein in eine GmbH umzuwandeln. Und erst dagegen habe ich offen opponiert«
»Ohne dir die Machtmittel gesichert zu haben«, sagt Krüger. »Ich nehme mal an, da hast du dann auch deine erste Abmahnung bekommen. Aber weißt du, wenn du von der Wut und der Enttäuschung abstrahieren kannst, wird dir Folgendes auffallen: Dass die entscheidende Rolle bei alledem nicht der gewiss schäbige Charakter deines früheren Freundes spielt (…), sondern der Zeitpunkt und das Alter. (…) Der natürliche Weg aller jugendlichen, idealistischen Gründungen und Unternehmen ist gleich. Sie fangen alle mit der alleinigen Konzentration aufdie Sache an. das Ziel, den Stern am Horizont. Einigkeit herrscht.Jugend herrscht, da können die Hierarchien flach bleiben, die Einkünfte symbolisch, und die Diskussionen finden schnell zu einem gemeinsamen Ergebnis, und Macht ist ein Zwangsmittel, das nur Alte und Analneurotiker brauchen, und gleich sind wir sowieso und können im Kollektiv entscheiden, denn alle leitet uns die Vernunft.
Aber irgendwann merkt der Klügste oder Arbeitssamste oder Ehrgeizigste, dass es immer schon er war, der die Sache entscheidend vorangebracht hat. Und jetzt wird er älter und will endlich auch persönlich etwas von dem Ganzen haben. Dass die Gleichheit aller Beteiligten eine fromme Illusion und Lüge ist und immer war, das fällt ihm jetzt langsam wie Schuppen von den Augen. Das machen das Alter und die Erfahrung und der Blick nach rechts und links. Irgendwann stellst du fest, du bist ein Individuum geworden, das ganz anders ist als die anderen. Und du sagst dir: Jetzt muss es aber auch endlich mal um mich und meine Meriten gehen. Und mit Alter und Erfahrung steigt auch die Verachtung für die Mitläufer und Profiteure und die Nichtskönner und Faulenzer und Durchmögler. Oder wenn dir Verachtung ein zu scharfes Wort ist, dann die Unduldsamkeit für Schlamperei und Dummheit. Es wächst einem ein Bewusstsein für Rangunterschiede zu. Wir reden nicht von Menschenrechte, Achtung! Es geht nicht darum, einen netten Versager auszupeitschen, aber muss er unbedingt das Gleiche verdienen wie ich? Du bekommst ein Gefühl dafür, dass Gerechtigkeit, von der immer so viel die Rede ist, eigentlich das wäre, wenn der Bessere und Klügere und Fleißigere, derjenige, der die Verantwortung trägt und auf sich nimmt, auch den größeren Teil des Kuchens für sich beanspruchen dürfte. Nochmal: Nicht dass die anderen darben sollen. Nie und nimmer. Aber mitreden sollen sie nicht, wenn sie nichts verstehen und sich im Grunde ihrer Seele auch nicht dafür interessieren, gottverdammt!«
»Ja, so ungefahr hat A.S. wohl gedacht«, sagt Bernhard.
»Und zweifellos hättet ihr die GmbH zusammen gründen können, euch zu Geschätsführern machen, die Gewinne teilen und der Realität endlich eine adäquate Struktur geben. Teilen und herrschen.«
»Ja«, sagt TK schweratmend. »Ja, aber das wollte ich nicht. Das kam mir wie Verrat vor an dem Grundgedanken der Unternehmung. Außerdem haben wir alle sehr ordentliche Gehälter bekommen, und ich hab’ auch beizeiten für eine erstklassige betriebliche Altersvorsorge gesorgt. Mehr brauche ich nicht.«
»Klassischer Denkfehler aller Utopisten der Machtlosigkeit. Zu glauben, es gebe einen endlichen Bestand an Bedürfnissen und alles, was darüber hinausgeht, sei Gier.«
»Ich will gar nicht mit dir darüber streiten, dass die Dinge die Tendenz haben, größer werden zu wollen, und dass nichts schwieriger ist, als sich mit einem Status quo zu begnügen. Worurm‘s mir geht, sind die menschlichen Schäden dieser Vergrößerungs- und Optimierurıgs- und Effizienz- und Kontrollwut. Weil sie so zutiefst unnötig sind. Weil wir fast dreißig Jahre bewiesen haben, dass man gute und sinnvolle Arbeit eben auch ohne Macht leisten kann.«
»Was du sagst«, meint Krüger, »erinnert mich an Utopia von Thomas Morus. Aber der logische Fehlschluss daran lässt sich in einen Satz fassen: There is no free lunch. Sowas wie kostenloses Mittagessen gibt es nicht.«
»Ich kann dir gleich das Gegenteil beweisem, erwidert Bernhard.«
»Ja, aber warte ab, wie du reagierst, wenn ich Geschmack daran finde und jeden Mittag bei euch vor der Tür stehe und es einfordere. Es gibt ein Grundprinzip, das überall wirkt, wo der Versuch gemacht wird, die Macht auszublenden. Es mag gelingen, Hierarchien, Eigentum und Geld abzuschaffen. Aber in dem Maße, in dem die Macht aus den hierarchischen Ungleichheitsverhältnissen verschwindet, kehrt sie durch die Hintertür zurück als strukturelle Gewalt. Es braucht ein rigides System der Überwachung, um sicherzustellen, dass alle sich an die Regeln der Gleichheit, Besitzlosigkeit und Briiderlichkeit halten. Das utopische System kommt nicht ohne drakonischen Strafenkatalog aus. Strafen zu können ist aber einer der Grundpfeiler von Macht. Und eine Quelle permanenter Gewalt. Deshalb lieber eine GmbH mit einem Chef als ein Kollektiv mit einem Revolutionstribunal, das den Eierdieb dann irgendwann einen Kopf kürzer macht, um ein Exempel zu statuieren. Der vermeintliche Verzicht auf Macht kann eine perverse Sache sein.«

Sie kommen ins Haus zurück, wo man gerade für alle, es sind acht oder zehn Personen da, free lunch vorbereitet. Der Hermann, derselbe, der Judith Shklar liest, lauscht dem Gespräch des Joggers und füg seinen Senf hinzu:

»Ich verstehe, was du meinst, Krüger«, sagt er, »aber auf Bernhard bezogen, also auf den Einzelnen bezogen, will das nicht viel heißen. Gewiss, er hätte die Umwandlung des Vereins in eine GmbH zustimmen können, er hätte der Hierarchisierung des Betriebs zustimmen können, aber dazu hätte er ein anderer Typus sein müssen als er ist. Der Bernhard, der diese Dingeaus betriebswirtschaftlicher Logik und Eigeninteresse getan hätte, wäre eben ein anderer Mensch, eine andere Weseneinheit als die, die hier sitzt. Oder besser: Bei der wir sitzen. Und jener Bernhard wäre eben vielleicht niemand, dem andere Werte durch den Kopf gehen als macht und Effizienz. Mit der Konsequenz, dass beispielweise ich hier nicht sitzen würde bei diesem Bernhard. (…) Die richtige Frage ist also nicht die, ob unser Bernhard naiv gehandelt hat und letztendlich selbst Schuld an seinem Schicksal ist, sondern die, welche sonstige Auswirkungen auf das Leben anderer jener Bernhard hätte. Und da scheint die Waage doch sehr zugunsten des Unsrigen auszuschlagen.«


Galiani-Berlin
ISBN: 978-3-86971-139-3
Erschienen am: 16.08.2018
464 Seiten, gebunden mit SU
Preis 24,00 €

Michael Kleeberg, geboren 1959 in Stuttgart, lebt als Schriftsteller und Übersetzer (u.a. Marcel Proust, John Dos Passos, Graham Greene, Paul Bowles) in Berlin. Sein Werk (u.a. Ein Garten im Norden, Vaterjahre) wurde in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt. Zuletzt erhielt er den Friedrich-Hölderlin-Preis (2015), den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung (2016) und hatte die Frankfurter Poetikdozentur 2017 inne.

Heute / Dziś

Stadtführung – Wycieczka po Berlinie

Auf den Spuren von Tschechen, Russen, Bulgaren und Polen im Berliner Bezirk Rixdorf (Neukölln)

Wycieczka śladami Czechów, Rosjan, Bułgarów i Polaków w berlińskiej dzielnicy Rixdorf (Neukölln)

Explore Berlin’s East Europe Now: Rixdorf/Neukölln

Organizatorzy / Organisatoren: Osteuropa-Tage Berlin

  • Niedziela / Sonntag,
    15. September /  września 2019
    14:00 – 18:00
  • Neuköllner Oper

    Karl-Marx-Straße 131-133, 12043 Berlin
    Neukölln ist heute ein Ort, an dem Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammen leben und arbeiten. Und auch Flüchtlinge und Übersiedler aus dem heutigen Osteuropa fanden hier ihre neue Heimat – ob die tschechischen Protestanten aus Böhmen, die hier im 18 Jh. kamen, polnische Exilsuchende der 80er Jahre, bulgarische Arbeitssuchende im vereinigten Europa. Unser Rundgang mit dem aus Stettin stammenden und seit über 20 Jahren in Berlin lebenden Stadtführer Martin Januszewski führt uns auf den Spuren des alten und neuen Rixdorfs, wie Neukölln noch vor etwas über 100 Jahren hieß. Wir gelangen zu dem kirchlichen Arbeitslager, wo meist russischen Zwangsarbeiter arbeiteten, zu der bulgarisch-orthodoxen Kirche, einem polnischen Restaurant mit italienischem Einfluss und zu einem böhmischen Dorf, das noch heute einige Traditionen aus der Heimat pflegt und hegt.
    Im Restaurant Bona machen wir eine lunchpause und bitten alle Teilnehmer ca. 10 Euro in der Tasche zu haben für wunderbares Essen (mit selbstgebackenem Brot) und ein Getränk. Somit bedanken wir uns bei der Gastronomen, die an dem Tag zwischen 16 und 17 Uhr nur für uns geöffnet sind.
    Bitte melden Sie sich HIER verbindlich an.
    14:00
    Treffen am Neuköllner Oper
    14:00 – 15:30
    Besichtigung im Rixdorf mit kleiner Pause im Comenius Garten
    15:30 – 16:00
    Gang über Körnerpark und Thomasstraße zu polnisch-italienischen Restaurant Bona Kollektiv (Lunchpause)
    16:00 – 17:00
    Essen und Gespräch mit einem Priester von der Bulgarischen Kirche
    17:00 – 17:30
    Besichtigung der Bulgarischen Orthodoxe Kirche
    17:30 – 18:00
    Spaziergang durch den Friedhof zu dem kirchlichen Zwangsarbeiter Lager
    18:00
    Besuch bei dem Denkmal für Zwangsarbeiter auf dem Thomas-Friedhof

    Neukölln to dzielnica Berlina, gdzie spotykają się ludzie z całego świata a więc i z Europy Wschodniej, którzy dziś tu wspólnie mieszkają i pracują. Przybywali tu zarówno emigranci, jak uciekinierzy, jak ludzie sprowadzeni tu przymusowo.  W XVII wieku przybyli tu czescy protestanci z Moraw, w XX wieku robotnicy z Bułgarii i robotnicy przymusowi z Rosji, w latach 80 pojawili się Polacy tzw. emigracji solidarnościowej. Wycieczkę prowadzi Martin Januszewski, profesjonalny przewodnik, pochodzący ze Szczecina, który od 20 lat mieszka w Berlinie. To on poprowadzi nas najpierw do dawnego Rixdorfu, czeskiej wioski, w które do dziś pielęgnuję się pamięć przybyszów. führt uns auf den Spuren des alten und neuen Rixdorfs, wie Neukölln noch vor etwas über 100 Jahren hieß. Pokaże nam kościelny obóz pracy przymusowej, gdzie pracowali przede wszystkim Rosjanie, bułgarską cerkiew i polsko-włoską restaurację, gdzie zjemy spóźniony lunch (koszt około 10 euro wraz napojem – prosimy, żeby uczestnicy wycieczki wsparli ten świetny lokal polsko-włoski, który od 16 do 17 będzie otwarty tylko dla nas).
    Zgłoszenia TU.
    14:00
    Spotkanie przy wejściu do Neuköllner Oper
    14:00 – 15:30
    Zwiedzanie Rixdorf (krótki odpoczynek w Comenius Garten)
    15:30 – 16:00
    Spacer przez Körnerpark i Thomasstraße do polsko-włoskiej knajpki Bona Kollektiv
    16:00 – 17:00
    Lunch i rozmowa z księdzem z kościoła bułgarskiego
    17:00 – 17:30
    Zwiedzanie kościoła bułgarskiego
    17:30 – 18:00
    Przejście do kościelnego obozu pracy przymusowej
    18:00
    Odwiedziny Miejsca Pamięci na cmentarzu św. Tomasza – kamień i wystawa przypominają losy robotników jedynego w Europie kościelnego obozu pracy przymusowej

Der Comenius Garten

In zwei Tagen laden wir zu einer Stadtbesichtigung in Rixdorf ein. Heute möchten wir über einen Garten berichten, den wir an dem Tag besuchen werden. Der Comenius Garten.

Alles beginnt mit einer Überraschung. Man geht die Richardstrasse entlang, die Hauptstrasse des sog. Bömischen Dorfes in Berlin. Auf einer Seite der Strasse kleine Häusschen, die so typisch für Rixdorf sind, auf der anderen – das sieht man an jeder Stadtteilkarte – der Comenius Garten. Eine nicht besonders spektakuläre Grünanlage, rechts Büume, daneben Rasen, der Kiesweg, ein paar Banken, kleine Greenoase, die von der Strasse von einem Holzzaun getrennt ist. Holzzaun, kleines Tor. Zu. Man schaut irritiert, findet die Infotafel mit Öffnungszeiten, prüft nach. Ja, es ist geöffnet. Ist aber zu.

Und wenn man es nicht weiß, kommt man nicht rein. So einfach ist es. Man muss wissen, um etwas zu erreichen. Lernen, Infos sammeln, nachdenken… Ganz im Sinne des Comenius, der ein Pädagoge war.

Johann Amos Comenius
(Komensky)

* 28. März 1592 in Nivnice, Südostmähren; † 15. November 1670 in Amsterdam, war ein tschechischer evangelischer Philosoph, Theologe und Pädagoge sowie Bischof der Unität der Böhmischen Brüder aus der Markgrafschaft Mähren.

Bild von Comenius (gemalt zwischen 1650 und 1670 bei Jürgen Ovens) im Rijksmuseum in Amsterdam.

 
Der Garten befindet sich eigentlich hinter der kleinen Grünanlage, die man von der Strasse sieht und ist ganz nach Comenius Idee omnes omnia omnino excoli angelegt, was ungefähr bedeutet, dass wir unser ganzes Leben lernen. Wir beginnen schon als Embryos und Enden im Moment des Todes.

Wie man in den Garten docht reinkommen kann und wie er aussieht, dies erzählen wir in zwei Tage.

See you am 15. September um 14 Uhr vor der Neuköllner Oper.

Für alle andere kommt die Erklärung heute nacht 🙂

 

 

Heute vor 80 Jahren

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir laden Sie herzlich ein zum

Gedenken aus Anlass des 80. Jahrestags des deutschen Überfalls auf Polen
und des Beginns des Zweiten Weltkriegs
am Sonntag, 1. September 2019, um 13 Uhr auf dem Askanischen Platz in Berlin
auf der Rückseite der Ruine des Anhalter Bahnhofs

Es werden sprechen:
Prof. Dr. Dieter Bingen, Direktor des Deutschen Polen-Instituts
Bundestagspräsident Dr. Wolfgang Schäuble und Sejmmarschallin Elżbieta Witek (angefragt)
Prof. Dr. Zbigniew A. Kruszewski, Teilnehmer des Warschauer Aufstands

Der Deutsch-Polnische Chor „Spotkanie“ wird das Gedenken begleiten.

Der Einladung schließen sich an:
die Bundestagspräsidenten a.D. Prof. Dr. Rita Süssmuth und Dr. h.c. Wolfgang Thierse,
der Direktor der Stiftung Topographie des Terrors Prof. Dr. Andreas Nachama und
der Präsident des Bundesamts für Bauwesen und Raumordnung a.D. Florian Mausbach.

Wir freuen uns sehr, wenn Sie vorzugsweise weiße und rote Blumen (bitte keine Kränze)
mitbringen und im Anschluss an das Gedenken am dafür bestimmten Ort niederlegen.

ACHTUNG: Das Gedenken findet als Versammlung unter freiem Himmel statt – für die
Teilnehmerinnen und Teilnehmer können leider keine Sitzplätze bereitgestellt werden.

Mit freundlichen Grüßen
Dieter Bingen

Anmeldungen sind nicht nötig.

Warum Askanischer Platz?
Im November 2017 hatte eine zivilgesellschaftliche Initiative den Aufruf zur Errichtung eines Denkmals in der Mitte Berlins für die Opfer der deutschen Besatzung in Polen 1939-1945 veröffentlicht und als Gedenkort den Askanischen Platz vorgeschlagen.
Seitdem wird über diese Empfehlung, eine Leerstelle deutscher Erinnerung zu füllen, in der deutschen Öffentlichkeit diskutiert. Das war für das Deutsche Polen-Institut der Anlass einzuladen,  auf dem leeren Askanischen Platz als einem temporären Gedenkort an den deutschen Überfall auf Polen vor 80 Jahren zu erinnern.

Einladung_Berlin_0109

Rule Britannia

Lech Milewski

Jedną z wymiernych korzyści zamieszkiwania w Australii jest możliwość wysłuchania w tutejszym radio transmisji z Promenade Concerts – Koncertów Promenadowych, organizowanych co roku w Anglii.
Koncerty promenadowe – tak to kiedyś bywało – ludzie szli na spacer do parku, a tam przygrywała orkiestra. W Anglii było to bardzo popularne już od połowy XVIII wieku.
W 1895 roku angielski impresario Robert Newman wpadł na pomysł, żeby zorganizować serię tanich, popularnych koncertów symfonicznych w sezonie letnim. Znając kaprysy angielskiej pogody zorganizował je w przestronnej sali Queens Hall w centrum Londynu.
Pierwszy dyrygent Promenade Concerts, Henry Woods, tak wyłożył swoją koncepcję;
“Zamierzam poprowadzić koncerty w celu przygotowania publiczności w łatwy sposób. Najpierw muzyka popularna stopniowo wznosząca się, aż przygotujemy publiczność do odbioru muzyki klasycznej i nowoczesnej”.

Wielka Brytania jest w tej szczęśliwej sytuacji, że inicjatywy tego rodzaju mają szansę przetrwania przez wieki, niezakłócone przez wojny i okupacje. Promenade Concerts przetrwały 124 lata i z roku na rok mają się coraz lepiej.
Podczas II Wojny Światowej, w maju 1941 roku, Queens Hall został zburzony przez niemieckie lotnictwo. Zanim nadeszło lato, organizatorzy zdążyli przenieść koncerty do Albert Hall, gdzie rezydują do dzisiaj. Jednocześnie rozgłośnia radiowa BBC przejęła patronat nad imprezą.

Od kilkunastu lat sezon koncertowy trwa osiem tygodni. W tym roku koncerty rozpoczęły się 19 lipca i zakończą 14 września. W tym okresie odbędzie się 75 koncertów.

Zgodnie z przewidywaniami Sir Henry Woodsa koncerty wychowały grono publiczności, nie mieszczące się w wielkiej sali Albert Hall – ponad 5000 miejsc. Kilkanaście koncertów odbywa się w innych salach. Prócz tego odbywają się koncerty w parkach i to nie tylko w Londynie (Hyde Park) ale również w Glasgow, Belfaście, Swansea, Bangor.
Organizatorzy starają się nie zważać na żelazne prawa wolnego rynku i mimo niezwykłego popytu, utrzymują stosunkowo niskie ceny biletów i wymyślają różne kruczki, żeby uniknąć czarnego rynku i spekulacji. Na przykład bilety można kupić w internecie, ale nie bezpośrednio, lecz na zasadzie losowania. Bilet na miejsce stojące na ostatni koncert mogą zakupić osoby, które kupiły bilety na conajmniej pięć koncertów, ale i tak muszą odstać swoje w kolejce (a raczej odespać, bo kolejka formuje się kilka dni wcześniej).
A my w Australii, niby niepodległej, ale jednak podłegłej brytyjskiej królowej, możemy posłuchać wielu koncertów w naszym radio ABC. Chciałoby się powiedzieć – słodkie to poddaństwo.
Mam nadzieję, że pozostałe kraje wspólnoty brytyjskiej też korzystają z tego przywileju.

W 1956 roku w koncertach wystąpiła pierwsza orkiestra zagraniczna. Była nią Orkiestra Symfoniczna Radia Moskwa.

Kulminacją serii jest oczywiście ostatni koncert – Last Night of the Proms. Na tę okazję usuwa się trochę krzeseł w sali koncertowej; w ich miejsce może się zmieścić tysiąc stojacych słuchaczy. Żeby tylko stojących – oni rytmicznie uginają nogi, podskakują (nierytmicznie), wymachuja flagami, rzucają confetti.
Równolegle odbywaja się koncerty i bezpośrednie transmisje w parkach, w których bierze udział około 70 tysięcy osób.

Last night of the Proms prezentuje bardziej popularny program a kończy się trzema żelaznymi pozycjami:
– Edward Elgar – Pomp and Circumstances March No 1, przy akompaniamencie którego cała publiczność śpiewa pieśń Land of Hope i Glory. To właśnie podczas wykonywania tego utworu słuchacze rytmicznie uginają nogi – zobaczcie koniecznie – KLIK.
– Hymn Rule Britannia. Wykonawcy zakładają oryginalne stroje. Szczególnie imponująco wygladają kobiety ubrane w stroje rodem z oper Wagnera – KLIK.
Jednak według mnie to nie jest pieśń na kobiecy głos. Męskie wykonanie tutaj – KLIK.
– Śpiewana przez całą publiczność pieśń Jerusalem, po której następuje hymn angielski – KLIK.

Koniec wspomnienia, ale ja jeszcze nucę Rule Britannia. Tekst pierwszej zwrotki poniżej:

When Britain first, at Heaven’s command
Arose from out the azure main;
This was the charter of the land,
And guardian angels sang this strain:
Rule, Britannia! Britannia rule the waves:
Britons never will be slaves.

Pozwoliłem sobie przetłumaczyć refren na polski:

Rządź Brytanio, panuj morskiej toni,
Brytyjczycy zawsze będą wolni.

Szkoda, że nie potrafiłem w tłumaczeniu zachować tych fal – rządź więc nam Brytanio przynajmniej na falach radiowych.

PS1. Często spotykam się z opinią, że nie warto chodzić na koncerty bo przecież można posłuchać muzyki z CD, w najlepszym wykonaniu, nagranej w idealnych warunkach.
Tak, ale według mnie bezpośredni kontakt z orkiestrą to dodatkowy wymiar.

Do dzisiaj pamiętam warszawską premierę Pasji wg św Łukasza Krzysztofa Pendereckiego. Przed rozpoczęciem utworu czuć było w powietrzu jakąś tremę, nerwowość orkiestry, która i mnie się udzieliła. Wydaje mi się, że dodało to słuchaczom wrażliwości tak potrzebnej do odbioru tego dzieła. I odwrotnie – koncert orkiestry miasta Skopje występującej po trzęsieniu ziemi w roku 1963. Dość przeciętną orkiestrę prowadził jeden z najsłynniejszych dyrygentów – Igor Markevitch, który na rok porzucił w tym celu najlepsze orkiestry świata. Czuć było znużenie dyrygenta, jakąś bezradność z powodu ograniczeń technicznych orkiestry. A jednocześnie ogromny wysiłek orkiestry, żeby przeskoczyć samych siebie. Czasami wydawało mi sie, że oni chcą się wydobyć z ruin zburzonego przez trzęsienie ziemi budynku.

I jeszcze jedna sprawa – publiczność. No właśnie, kaszlą, biją brawa w niewłaściwym miejscu. Szczególnie mnie cieszą te brawa, pod warunkiem, że spontaniczne. Tak jest! Tak im się podobało, że nie mógli się powstrzymać. Czyż nie taki powinien być odbiór sztuki?
A kasłanie… kiedyś podczas koncertu usłyszałem za sobą jakiś syk i jakby bulgotanie.
Ktoś zasnął – pomyślałem – i obróciłem gniewnie głowę. Za mną siedział starszy pan podłączony do butli z tlenem. Zauważył moja reakcję i uśmiechnął się do mnie przepraszająco. Odwzajemniłem jego uśmiech, już przez łzy, a potem wyczekiwałem tego syku i miałem wrażenie, że do mnie też dopływa zwiększona dawka tlenu.
Tę ostatnią historię opowiadałem już pewnie w tym samym towarzystwie, ale chyba warta powtórzenia.

PS2. Szczegółowa informacja o imprezie znajduje się tutaj – KLIK. Uprzedzam, że niektóre fakty mogą nie zgadzać się z tym co napisałem powyżej – tym gorzej dla faktów.

PS3. Powyższe piszę w Australii i dopiero teraz zdałem sobie sprawę, że przecież znakomita większość czytelników tego blogu znajduje się o żabi skok od Londynu. Proszę Państwa, macie jeszcze ponad dwa tygodnie. Dokładny program tegorocznej serii TUTAJ, jeszcze są bilety, sprawdziłem.


Uwaga od Adminki: niemiecka telewizja NDR co roku nadaje relacje z Last Night of the Proms. W tym roku oczywiście też. Proszę bardzo TU! To już 38 raz!

Można nawet poprosić o przypomnienie mailem, że taka audycja zostanie nadana. Poprosiłam!

Będzie tak (mniejszego obrazka nie mieli):

Und für meine Deutsche Leser:

Last Night of the Proms 2019

Live aus London

Samstag, 14. September 2019, 22:00 bis 23:30 Uhr

Auch die 125. Saison der Henry Wood Promenaden Konzerte in London endet wie in jedem Jahr mit der spektakulären “Last Night of the Proms”. Das NDR Fernsehen überträgt das Ereignis dieses Jahr bereits zum 38. Mal live aus der Royal Albert Hall in London.

Unter Mitwirkung von Jamie Barton (Mezzosopran), den BBC Singers, dem BBC Symphony Chorus spielt das BBC Symphony Orchestra unter der Leitung des finnischen Dirigenten Sakari Oramo unter anderem folgende traditionelle Klassiker:

Edward Elgar: Pomp and Circumstance March No 1 in D major, “Land of Hope and Glory”
Edward Elgar: “Fantasia on British Sea-Songs”
Thomas Arne: “Rule, Britannia!”
Hubert Parry: “Jerusalem”
“The National Anthem”

Ersatzteile

Entschuldigen Sie bitte, meine lieben Leser. Aus den Gründen, die ganz und völlig nur von mir hingen, ist der heutige Beitrag entfernt worden und der neue – ein Reblog – kommt erst jetzt. Dafür aber sehr interessant. Aber – Achtung! es ist ggf. ein Spoiler. Dh. geht ihr zuerst ins Kino, um den neuen Tarantino Film zu sehen (Once upon the time in Hollywood) und erst dann kommt ihr zurück hier, um die Antworten auf die Fragen zu lesen, die Sie sich die ganze Zeit schon im Kino gestellt haben. Was ist das, ist es ein echter Western von damals, ist es eine Parodie, sollten wie es gesehen haben, macht sich Tarantino über uns lustig?

Unbedingt hingehen! Super Kino-Spass und 160 Minuten Intelligenz-Quiz!

Spiegel Online

“Once Upon a Time in Hollywood” Bei diesen Filmen und Serien hat Tarantino geklaut

Perfekte Imitationen, falsche Zitate: Tarantino verweist in “Once Upon a Time in Hollywood” auf etliche Vorbilder – die er zum Teil recht eigenwillig interpretiert. Hier die wichtigsten Kino- und TV-Bezüge.

Von

Leonardo DiCaprio in “Once Upon a Time in Hollywood”: Reminiszenz an die Serie “The F.B.I.”

Die Anzeigetafeln vor den Kinos preisen die Kinohits des Jahres 1969, aus den Fernsehapparaten lärmen die Western- und Krimiserien der Zeit. Für sein Filmbusiness-Panorama “Once Upon a Time in Hollywood” folgt Quentin Tarantino einem abgehalfterten Westerndarsteller (Leonardo DiCaprio) sowie dessen Stuntdouble (Brad Pitt) durch die Filmmetropole und träumt sich in eine zentrale Umbruchzeit der US-Unterhaltungsindustrie zurück: Als die jungen Wilden des New Hollywoods die Studios umkrempelten und die Langhaarigen die in Gut und Böse geordneten Fernsehverhältnisse mit ihren ordnungsgemäß frisierten Sheriffs und Detectives auf den Kopf stellten.

Tarantino zitiert, imitiert und imaginiert sich dabei seine ganz eigene Version von Hollywood zusammen. (Hier mehr). Viele der Kinofilme und Fernsehproduktionen, die in seinem 160-Minuten-Opus vorkommen, gibt es wirklich, andere existieren nur in der Fantasie des Film-Verrückten. Hier sind fünf Werke, bei denen sich Tarantino auf die eine oder andere Weise bedient hat.

Sharon Tate und Dean Martin in “The Wrecking Crew”

“The Wrecking Crew” (Deutscher Titel: “Rollkommando”)

In einer zentralen Szene von “Once Upon a Time in Hollywood” sieht man die junge Schauspielerin Sharon Tate, die in Wirklichkeit später von den Manson-Jüngern ermordet wurde, wie sie ihren eigenen neuen Film an einem ganz normalen Nachmittag im Kino sieht. Ein Moment von leiser Poesie: Tarantinos Tate-Darstellerin Margot Robbie schaut der echten Tate auf der Leinwand zu, wie sie in einer Hotellobby mit Filmpartner Dean Martin zusammenstößt. Das ganze Kino lacht, Robbies Tate schaut glücklich.

Die Spionage-Komödie “The Wrecking Crew” wirkte 1968 wie ein letzter, überdrehter Gruß des alten illusionistischen Hollywood. Dean Martin spielt darin ein Abziehbild seiner selbst und gibt das unverwundbare und unwiderstehliche Testosteron-Turteltäubchen. In einer besonders schönen Szene wird er von Damen in knappen Schürzchen und kecken Accessoires umsorgt und umtanzt. Eine der Damen trägt einen Hut, aus dem Feuer flammt, und beugt sich devot zum Agenten-Geck hinunter, auf dass er seine Zigarette an ihrem Haupt entzünden kann. Hier ist das alte Männer-Hollywood noch voll intakt, Tarantino darf selig seufzen.

Burt Reynolds (als Quint Asper) 1963 in “Gunsmoke”

“Gunsmoke” (Deutscher Titel: “Rauchende Colts”)

Tarantinos Filmheld, der Schauspieler Rick Dalton (Leonardo DiCaprio), war Mitte der Sechziger der Star der Westernserie “Bounty Law”, jetzt muss er sich mit Schurken-Nebenrollen über die Runden bringen. “Bounty Law” gab es nicht wirklich, sondern ist eine aus verschiedenen TV-Produktionen zusammengemixte Tarantino-Kreation. Neben “The Rifleman” ist hier vor allem der einstige Dauerbrenner “Gunsmoke” wiederzuerkennen. Unter dem Titel “Rauchende Colts” wurden in den Siebzigern auch wir Kinder des öffentlich-rechtlichen Rundfunks durch “Gunsmoke” mit dem Genre des Wohnstubenwestern sozialisiert.

Die Serie, für die Duelle und bedrohliche Situationen meist inhäusig in Szene gesetzt wurden, existierte mit wechselnden Hauptdarstellern von 1955 bis 1975. Tarantino dürfte sich vor allem von der Phase mit Burt Reynolds als von Komantschen abstammender Revolverheld Quint Asper (1962 bis 1965) inspiriert gefühlt haben. Wie Tarantinos fiktiver Held Dalton war auch der reale Reynolds durch den Fernsehpart berühmt geworden, beide haben eine ähnlich kompakte Körperlichkeit. Trotz der Parallelen fantasiert sich Tarantino mit “Bounty Law” aber auch seine ganz eigene Serie zurecht: Die Kaltschnäuzigkeit des von Dalton gespielten Kopfgeldjägers erinnert eher an spätere nihilistische Italo-Western als an die an Moral und Ordnung appellierende US-Fernsehwesternwelt der Sechziger.

Steve McQueen in “The Great Escape”

“The Great Escape” (Deutscher Titel: “Gesprengte Ketten”)

Katastrophen, Fehlschläge und verpasste Chancen prägen den Werdegang von Tarantinos strauchelndem Revolverheldendarsteller Dalton. Dessen größte historische Schmach: 1963 war er zu Probeaufnahmen zu dem Weltkriegs-Epos “The Great Escape” eingeladen, doch der Part ging nicht an ihn, sondern an Steve McQueen, der dann eben mit der Rolle des aufsässigen und aufrechten prisoner of war Captain Virgil Hilts endgültig zum Superstar aufstieg.

“The Great Escape” gibt es wirklich, der Film handelt von Kriegsgefangenen, die 1944 in einem deutschen Lager einen Massenausbruch planen, Regie führte John Sturges (“Die glorreichen Sieben”), der den Western und den Action-Film modernisierte. Tarantino nutzt Sturges’ Dreistundenepos, um eine Vermischung von wahrer und fantasierter Filmgeschichte zu betreiben: Er zeigt seinen fiktiven Held Dalton bei Probeaufnahmen zu einer Szene, die für den echten Film genauso vom echten McQueen gespielt wurde. Der kommt in “Once Upon a Time in Hollywood” nicht so gut weg: Immer wieder lässt Tarantino seinen Film-McQueen (gespielt von Damien Lewis) auf Partys zerknirscht davon erzählen, wie er vergeblich versucht hat, Sharon Tate ins Bett zu kriegen.

Szene aus “The F.B.I.” mit Efrem Zimbalist Jr.

“The F.B.I.”

Einmal Cowboy, immer Cowboy. Eine weitere Bösewicht-Nebenrolle ergattert Tarantinos Dalton in einer Krimiserie: Er springt in seiner kleinen Szene mit Gewehr aus einem Wagen raus, so wie ein gun man, der sich vom Pferd stürzt. Es ist eine kleine Rolle, die sein Agent für ihn in der Serie “The F.B.I.” ergattern konnte, die tatsächlich zwischen 1965 und 1975 lief.

Der einflussreiche Fernsehproduzent und Autor Quinn Martin, der für das US-Fernsehen auch TV-Klassiker wie “The Fugitive” und “The Streets of San Francisco” entwickelte, arbeitete für die Serie mit dem FBI zusammen. Die Ermittlungsbehörde gab Informationen zu realen Fällen, die Martin dann nachstellen ließ. Kein Wunder, dass die FBI-Agenten immer recht heroisch wegkamen und die Schurken, wie Dalton einen darstellt, am Ende jeder Folge dingfest gemacht werden konnten. Tarantino ahmt für die Verfolgungsjagd und den Überfall der “F.B.I.”-Passage in seinem Film gekonnt den schnörkel- und atemlosen Matter-of-fact-Tonfall der Originalserie nach.

Bruce Lee in “The Green Hornet”

“The Green Hornet”

In einer Szene trifft der von Brad Pitt verkörperte Stuntman während einer Drehpause auf einen unsympathischen, klugscheißenden, prätentiösen Kampfkunstfatzken, den er schließlich in einer aberwitzig choreografierten Szene drehunfähig haut. Es ist der junge chinesisch-amerikanische Schauspieler Bruce Lee, der später als König des Martial-Arts-Kinos für Furore sorgen wird. Bei Tarantino wird er mit lustigen Springmesserbewegungen vom Schauspieler Mike Moh verkörpert.

Die “Once Upon in Hollywood”-Szene mit Bruce Lee spielt auf dem Set der Superhelden-Serie “The Green Hornet”, in dem Lee als Sidekick dem Titelhelden mit Chauffeurdiensten und Handkantenschlägen den Job erleichtert. Die Serie lief nur in der Fernsehsaison 1966/67 und wurde dann abgesetzt. Zweifel bezüglich des Bruce-Lee-Parts stammen von dessen Tochter, die sich darüber beschwerte, ihr Vater sei in Wirklichkeit gar nicht so ein Arschloch gewesen. Aber mal ehrlich: Die Wirklichkeit ist für Tarantinos Hollywood-Träumerei nun wirklich keine Bezugsgröße.

Wiersze na lato 2019 (26). Jahnz.

Zapraszamy do Szczecina w Berlinie  (Wir laden ein, aber zuerst noch ein Gedicht. Zur Einladung bitte nach unten scrollen).

Najpierw wiersz, a zaproszenie poniżej.

Okazuje się, że Książnica Pomorska wpadła na ten sam pomysł co ja i publikuje jeden wiersz różnych szczecińskich poetów. Na szczęście ja już w międzyczasie przestałam liczyć na jeden wiersz i publikuję tyle, ile mi się przyśle, uważając, że nie ma to jak poezja latem.

A skoro jesteśmy w Szczecinie, to zapraszam(y) dziś na berlińską ulicę szczecińską…

Rund um den Stettiner Bahnhof: Geschichte der Verkehrswege Berlin-Stettin

Wann: 13. Juli 2019 um 16 Uhr
Ort: Gemeindesaal der Berliner Stadtmission
Stettiner Straße 45, 13357 Berlin

Die Stettiner Straße verdankt ihren Namen der Nähe zur Berlin-Stettiner Eisenbahn. Vor ungefähr 180 Jahren verliefen entlang der Straße die Eisenbahnschienen Richtung Stettin. Der Stettiner Bahnhof war einer der großen Berliner Kopfbahnhöfe und Ausgangspunkt der Bahnstrecke nach Stettin. Jetzt erinnern nur die alten, neu gestalteten Bahngleise mit den Namen der Zielorte daran. Bis heute ist lediglich der Stettiner Vorortsbahnhof, umgangssprachlich „Kleiner Stettiner“ genannt, erhalten geblieben.

Das und viel mehr erfahren Sie am 13. Juli 2019 um 16 Uhr in dem Gemeindesaal der Berliner Stadtmission, Stettiner Straße 45, 13357 Berlin. Der Vortrag „Rund um den Stettiner Bahnhof: Geschichte der Verkehrswege Berlin-Stettin” wird von Dr. Andreas Jüttemann, Autor und Stadthistoriker, gehalten.

Begleitend zu dem Thema wird noch ein Spaziergang zu der Infotafel “Grünzug auf dem Gelände der ehemaligen Stettiner Eisenbahn” angeboten.

Lotte Laserstein und die Katzen

Ewa Maria Slaska

In der Berlinischen Galerie gibt es bis 12. August 2019 eine Ausstellung von Lotte Laserstein, eine von vielen vergessenen Künstlerinnen, die sich vor dem Kriege eine interessante Karriere aufgebaut haben, der die Hitlers Herrschaft, Krieg, Vernichtung und die dem Krieg folgende Teilung der Welt in Ost und West ein jähes Ende setzten.

Lotte Laserstein ist eine von denen, glücklicher als die anderen, als Julia Wolfthorn zum Beispiel, weil sie überlebt hat, aber, zugleich eine, die, wie viele Andere, wie Dodo, wie Jeanne Mammen oder Margarete Kubicki, oder gar Hannah Höch, in Unwichtigkeit oder gar Vergessenheit geraten waren. Welche Mühe, sie alle jetzt dem kunstinteressierten Publikum wieder zu präsentieren.

Lotte Laserstein (*1898 in Preußisch Holland im ostpreußischen Oberland; †1993 in Kalmar, Schweden) war eine deutsch-schwedische Malerin. Sie gilt als bedeutende Vertreterin der gegenständlichen Malerei der Weimarer Republik. 1937 emigrierte sie  nach Schweden. In Schweden war sie bis zu ihrem Tod als Porträtistin und Landschaftsmalerin tätig. Die in den 1920er und 1930er Jahren in Deutschland entstandenen Bilder stehen der Neuen Sachlichkeit nahe und gelten als der Höhepunkt ihres umfangreichen Schaffens. In Schweden war Lotte zwar immer noch als Malerin tätig, ihren Ruhm, den sie eine kurze Zeit in Berlin genossen hat, erlangte sie nie wieder.

Sie wird zwar der Neuen Sachlichkeit zugerechnet und tatsächlich war sie, was die Themen betrifft, eine moderne, emanzipierte Frau, aber in ihrem Schaffen war sie eine Traditionalistin. Sie war unglaublich stolz auf ihre künstlerische Bildung. Darauf, dass sie schon als junges Mädchen eine Kunstschülerin war. Sie und ihre Familie lebten in Danzig, wo Lottes Tante, Else Birenbaum eine Kunstschule leitete und selber dort lehrte. Lotte war als sehr junges Mädchen in der Ausbildung bei ihrer Tante und deshalb, wie uns unsere Kunstführerin erzähle, seit eh wusste, dass in der Kunst eine Frau einem Mann gleichberechtigt ist und sie die Kunst sowohl lehren als auch lernen kann. Als sie nach Berlin kam, war sie eine der ersten Studentinnen, die in der Königlichen Hochschule der Künste lernen dürfte. Mehr noch – sie dürfte gar die Aktmalerei studieren, darunter auch die Männerakte malen!

Lotte widmete sich der Staffelmalerei, dem Porträt und der Landschaft, und hielt nicht von der Moderne. In bester rembrandtschen Maniere malte sie verschiedene Stoffe so, dass man in einem Leinenkittel jede Falte sieht und in einem Katzenfell jedes Haar. So wie hier, in ihr Selbstbildnis mit einer Katze.

Das Bild ist exemplarisch für das Œuvre von Lotte Laserstein. Sie malte gern Porträts und darunter auch mehrere Selbstporträts. Sie schilderte sich oft als Künstlerin, als eine Malerin, die ihr Können gern zur Schau stellt, mit Attributen ihrer Zunft, was vor Kurzem nur den Männern erlaubt war. Sie liebte die Porträts mit dem Fensterblick im Hintergrund, wo man die Stadthäuser sehr genau wahrnahm. Und sogar die Katze war ein Beweis, dass sie alles kann, was sie sich vornimmt, weil die Katze musste doch sehr lange unbeweglich sitzen, wie jedes Modell auch (man munkelt, dass die Katze jeweils vor der Sitzung von einem guten Schluck Brandy betäubt wurde, aber ob es stimmt?)

Lotte wusste sehr geschickt, wie sie sich positionieren soll, wie sie ihre Kunst selber fördern kann. Sie engagierte sich im Frauenbund, sie schickte ihre Bilder zu Wettbewerben und Ausstellungen. Sie gründete auch eine Malschule für Studenten der Akademie der Künste, die an ihrem Abschluss-Portofolio gearbeitet haben. Mit ihrer StudentInnen fuhr sie unter anderen nach Worpswede, wo eine der berühmten deutschen Künstlerkolonie entstanden ist. Dort ist ihre Bilderreihe Dorfkinder entstanden. Ob diese Katze wohl auch betäubt werden müsste, darüber schweigt man.


Berlinische Galerie

Landesmuseum für Moderne
Kunst, Fotografie und Architektur
Stiftung Öffentlichen Rechts

Alte Jakobstraße 124–128
10969 Berlin

bg@berlinischegalerie.de

Frauenblick. Petersburger Hängung

Monika Wrzosek-Müller

Sammlung Hoffmann

Es war die „Petersburger Hängung“; der Begriff ist ihr im Ohr geblieben. Da nahm ihre Aufmerksamkeit zu. Eine Freundin hatte die hohe Wand in ihrer Wohnung mit den unbeholfen aufgehängten Bilder betrachtet und, da sie freundlich sein wollte, sagte sie: Ach, Petersburger Hängung. Es war aber eigentlich eine bunte Mischung aus allen möglichen Bildern, die sie an diese Wand gehängt hatten, in unregelmäßigen Abständen, von verschiedener Couleur, Größe und Techniken, nicht immer zueinander passend, doch insgesamt irgendwie die Wand bedeckend. Sie wollte diese weißen, hohen Wände füllen, ihre Wohnung heimischer und gemütlicher gestalten.

Das zweite Mal hörte sie den Begriff: Petersburger Hängung kurz darauf in der Sammlung Hoffmann, während einer Führung, fast gleich im ersten Raum der neuen Installation von Joelle Tuerlinckx. Man stand in einem Raum, der von ausgeschnittenen Kartons verklebt war, die wiederum deutliche Spuren der roten Farbreste trugen, so als ob sie Schablonen für rote Bilder wären. Sie bildeten eine Art von Tapete, die die Wände bedeckten. Es stellte sich heraus, dass es sich um eine umgestaltete Installation des Roten Zimmers handelte, die die Künstlerin für die Ausstellung in der Eremitage in Sankt Petersburg geschaffen hatte. Hier, für die Sammlung Hoffmann, hat sie die roten Kartons umgedreht; geblieben waren die weißen Flächen mit roten Rändern und Ausschnitten für die dort vorhandenen Gegenstände an den Wänden: Steckdosen, Lichtschaltern, Röhren, Heizung und offensichtlich auch irgendwelche Bilder. Sie hat es in Petersburger Hängung arrangiert. Die Fenster wurden mit roten Kartons von außen verklebt, so als ob das Rot das Licht am Eindringen in die Räume hindern würde. Der Raum übt eine starke Wirkung auf den Betrachter aus; eben politische Kunst, wie viel konnte man mit so einfachen Mitteln ausdrücken, wie viel hätte man in so einen Raum hinein interpretieren können.

Es ist eine Besonderheit der großen Städte, der Metropolen, dass man sich private Sammlungen anschauen darf. In Berlin sind gleich mehrere solche Plätze vorhanden: neben der genannten Sammlung Hoffmann, der Boros-Bunker, die Camaro-Stiftung, das Atelier der Malerin Jeanne Mammen und viele andere.

In die Sammlung Hoffmann gelangt man durch die Hackeschen Höfe, sie befindet sich in den Sophie-Gips-Höfen, in einer ehemaligen Fabriketage, sehr schön restauriert, nicht überrenoviert, sondern so, dass das Alte gerade noch herausgeholt und wohnlich gemacht wird. Die Sammlung nimmt die 3., 4. und Teile der 5. Etage ein. Man fährt mit dem Lift nach oben und landet in großen, lichtdurchfluteten oberen Räumen der Fabrik; die übergroßen Filzpantoffeln, die man über die eigenen Schuhe ziehen soll, erinnerten sie sofort an die Klassenausflüge in die Warschauer Museen, wo das früher immer der Fall war, man schützte die Böden und polierte sie zugleich, auch wurde wahrscheinlich so der Staub abgewischt. Damals versuchten wir mit den Filzpantoffeln über die Flächen, wie mit den Schlittschuhen zu gleiten, wer kam als erster an, wie weit konnte man mit Schwung rutschen.

Die Sammlung – das sind zugleich Ausstellungs-, Wohn- und Arbeitsräume der Familie. Für den Besuch muss man sich anmelden und eine Führung buchen, damit die Leitung der Sammlung auch den Überblick hat, wie viele Menschen darin unterwegs sind. Jedes Jahr wird die Ausstellung neu konzipiert und trägt jeweils einen interessanten Titel und wird unter einem Aspekt arrangiert. Die diesjährige läuft unter dem Titel „Zweifel“. Die Geschichte der Sammlung war für sie interessant; auch wenn man das meiste im Internet nachlesen kann, erzählte der junge Mann, der sie durch die Räume führte, Folgendes: Sie ist in den 60er Jahren entstanden. Da begannen Erika und Rolf Hoffmann Werke meist befreundeter Künstler zu kaufen. Nach dem Verkauf des Unternehmens, in den späten 80er Jahren, steigerten sie ihr Engagement für die Kunsteinkäufe deutlich. Mit der Wiedervereinigung wollten sie aktiv am Prozess der Einigung teilnehmen und es gab die Idee einer Kunsthalle in Dresden, sie sollte nach einem Entwurf von Frank Stella gebaut werden. Zum Glück für Berlin und zum Nachteil für Dresden wurde diese Idee nicht realisiert. 1994 fanden die Hoffmanns eine leer stehende Fabrik, die sich dem Ziel der Unterbringung der Sammlung und als Wohn- und Arbeitsräume eignete. Ab 1997 ließen sie an jedem Samstag auch die Öffentlichkeit an ihrer Sammlung teilhaben. Im März letzten Jahres hat Erika Hoffmann die Sammlung doch den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden geschenkt. Bis 2022 bleiben Teile der Sammlung mit immer wechselnden Ausstellungen zu verschiedenen Themen doch in Berlin zugänglich.

Der Titel „Zweifel“ erlaubt alle möglichen Formate der Kunst vorzustellen, zwingt jedoch den Betrachter noch mehr zum Nachdenken. Die Führung beschränkt sich jeweils auf ausgewählte Objekte und dauert meistens nicht länger als anderthalb Stunden. Der Eingang mit der umgedrehten roten Tapete wurde bereits erwähnt. Vieles weitere lässt zweifeln, manchmal lächeln oder gar schmunzeln, das ist hier auch Programm. Besonders herausfordernd fand sie einen Künstler der die Werke, Bilder oder Fotografien anderer Künstler einfach übermalt hat. Arnulf Rainer fordert den Betrachter sehr heraus, indem er z.B. im Bild „Schwarze Zumalung“ Selbst begraben einfach fast das ganze Bild schwarz übermalt, überlässt nur ein helles Zipfelchen des alten Werk sichtbar. Was kann uns mehr zum Zweifeln bringen, oder ein Werk von Bruce Nauman Hanging Cat – die plastische Nachbildung eines abgeheueten Tieres, die von der Decke hängt.

Ein Wohnzimmer mit der Nr. 17 hat ihr sehr gut gefallen; ein Triptychon von Sean Landers hängt an einer Wand und erzählt über Meerwasser, das sich den Gesetzen der Physik entzieht, und auf der gegenüber liegenden Wand seine zwei riesigen Ölwände mit den Titeln: The Ether of Memory und Looking für Mr. God Bar. Der Künstler schreibt seine Gedanken mit dem Pinsel dicht und erstaunlich gleichmäßig auf Englisch auf die Leinwand über seinen Zustand, Gedanken und Gefühle auf (das zweite Gemälde angeblich sehr erotisch). Sowohl die Bilder vom Meer als auch die mit seinen Notizen haben etwas beruhigendes, monotones fast meditatives in sich und zugleich zweifelt man an ihrer äußeren Schale; beim näheren Hinsehen wird klar, dass das Meerwasser und die Wellen nie so schlagen und die Notizen sehr aufgewühlte Zustände beschreiben, alles ist anders, als auf den ersten Blick erscheint…

Auch die mehr privaten Räume, wie das Wohnzimmer mit dem Kamin eigerichtet mit echten Mies van der Rohe Möbeln, Barcelona Sesseln und Liege, einem Glastisch und Vitrine sind wunderschön. Die Wand hoch ist mit Acryl-Farben von Katharina Grosse gesprayt und harmoniert wenigstens von der Farbgebung mit zwei großen Acryl-Gemälden. An der seitlich liegenden Wand ist ein Gebilde von Frank Stella zu sehen: Of Whales in Paint, in Teeth, in Wood, in Sheet Iron, in Stone, in Mountains, In Stars (Moby Dick Series) aus bemalten Aluminium; es sieht wie ein bunter, ästhetischer Drache aus. Im Esszimmer bestaunt man wunderbare Lampen (4) von Bauhaus und Esstisch mit Stühlen von Eero Saarinen und ganz feines Teegeschirr in einer Glasvitrine.

Eine andere Art von Kunst bringt das Projekt von Katarzyna Kozyra, einer polnischen Installationskünstlerin, die einen langen Film Looking for Jesus/Szukając Jezusa in Jerusalem gedreht hat, der sich hauptsächlich mit dem Thema oder dem Phänomen des Jerusalem-Syndroms beschäftigt. Den Film hat sie in der Sammlung leider nicht gesehen, doch Kozyra ist für sie eine so gute Künstlerin, dass sie sich sofort im Internet alles Zugängliche angesehen hat. Kozyra hat sechs Jahre lang immer wieder mit Menschen in Jerusalem und Umgebung gesprochen, die sich für Jesus halten, sie hat dann das Material zusammengeschnitten und auf 73 Minuten gekürzt. Die Menschen berichten von ihrem Leben, Glauben und dem Platz des Glaubens, der Religion in ihrem Leben und in der heutigen Welt von den Werten, die ihnen wichtig sind. In einer der Szenen, die auf dem Trailer zu sehen ist, hören wir folgenden Dialog: „Are you Jesus or you think you are Jesus?“ – „Yes, I am Jesus“- „So we have to follow you“, und wir sehen wie der Mensch flüchtet und die Künstlerin ihn verfolgt. Bei einigen Treffen mit polnischen Zuschauern erzählt Kozyra, wie sie ihre Helden gefunden hat und warum sich für sie dieses Projekt zu einem Mammut-Projekt entwickelt hat. Sie sagt, natürlich ist das nicht objektiv, sie filtert alles durch ihr eigenes Interesse und ihren eigenen Willen, eine Antwort zu finden. Doch das, was wir sehen, ist ein gewaltiges Bild und ein Dialog über Religion und Glauben. Im heutigen Polen, gerade jetzt, nach mehreren Filmen über die Katholische Kirche und Missbrauchsfälle in der Kirche, müsste es mit sehr großem Interesse verfolgt und aufgenommen worden sein. Leider hat sie nicht am Treffen zwischen Erika Hoffmann und Kozyra teilgenommen, das am 24.01. 2018 stattfand, als der Film zum ersten Mal in der Sammlung gezeigt worden ist. Da wäre ihr wahrscheinlich klar geworden, warum diese Installation unter dem Titel der Ausstellung „Zweifel“ läuft.

Viele Räume hat sie nicht gesehen und sie nimmt sich vor, sie beim nächsten Besuch doch zu betreten (wenigstens), was sie Allen empfiehlt. Bis 2022 haben wir noch Zeit!