ARU

AutonomeRepublikUtopia

Ewa Maria Slaska

Kurz bevor die Deutsche Demokratische Republik Geschichte sein würde, wurde am 2. Oktober um 23.53 Uhr am Kollwitzplatz die Autonome Republik Utopia ins Leben gerufen. „Das war für uns ein symbolischer Akt“, sagt eine der Initiatoren, Julia Dimitroff heute. „Wir traten aus der DDR aus, aber wir traten nicht der Bundesrepublik bei. (…) Wir haben das Klettergerüst erklommen, ein weißes Bettlaken mit einem Loch in der Mitte gehisst und die Unabhängigkeitserklärung verlesen“.

Für eine Nacht gab es weder Zeit noch Raum. Utopia halt.

In der Erklärung der ARU (Autonome Republik UTOPIA) hieß es: „Wir sind unabhängig von Staaten und Staatsbürgerschaften, unabhängig von der Politik der Parlamente und Parteien. Die Unabhängigkeit aber fängt im Inneren jedes Kindes, jeder Frau und jedes Mannes an. So wie die Freiheit und so wie der Widerstand. In jedem Herzen steckt eine revolutionäre Zelle.“

So begann der Tag, den viele willkomen hießen, viele aber zutiefst ablehnten. Nicht umsonst hiess damals der Tag der Deutschen Einheit auch der Tag der deutschen Gemeinheit oder der deutschen Depression. Es gab einen Riesenfeier vor dem Brandenburger Tor, aber viele von uns wollten nicht hin. „Alle Hoffnung auf Veränderung wurde an diesem Tag eingefroren, die Aufbruchstimmung, die das Land im Herbst 1989 erfasst hatte, war schon lange hin.” sagte Uwe Rada, dem taz-Publizist, einer der damaligen Oppositionellen aus der DDR.
Die Zeit der Utopie ist sehr kurz gewesen. Symbolisch dauerte sie nur eine Nacht. Wie lange dauerte sie praktisch? Na ja, nicht viel länger als der Sancho Pansa auf seiner Insel Barataria regierte. Bei ihm dauerte es zehn Tage. Und bei uns? Für viele war es, obwohl doch nicht symbolisch, auch nur eine Nacht, allerdings nicht die der Vereinigung, sondern für die aus der DDR wahrscheinlich nur diese eine Nacht als sie am 9. November ungehindert an Kontrollpunkte der DDR in die freie Welt kamen. Für uns, Leute aus Westberlin, war es die Nacht, als der erste Teil Mauer runterfiel (gefallen von den DDR-Grenzsoldaten! – man muß es vollschmecken). Es war ein Freitag mit unglaublich großen Vollmond, es war fürchterlich kalt, aber die Stimmung auf den beiden Seiten der Mauer war unglaublich!

Das Beste, was die deutsche Literatur bis heute über diese Zeit hervorgebracht hat, ist, meine Meinung nach, der langatmiger, langweiliger, grandiöser Roman von Günther Grass – Das weite Feld. Grass äußere sich darin vehement gegen die deutsche Wiedervereinigung und dies hat vielen uns damals sehr gut gefallen. Wir glaubten nicht daran. Wir sehnten uns auf unsere Westberliner-Insel zurück. Der Rausch war vorbei, der Sommer der Anarchie, die Zeit zwischen Noch und Schon – endgültig vorbei.

Ganz im Sinne von Grass gingen wir an dem Tag Pilze sammeln, um sie am Abend gemeinsam zu braten und essen, und Scrabble spielen. Bloss nicht darüber zu denken, was jetzt beginnen wird.

In der Stadt ging aber interessant vor sich, was wir, Parasole essend, nicht wahr nahmen (und nicht wahr nehmen wollten). Am Alexanderplatz sammelten sich 15.000 Leute zur großen Anti-Wiedervereinigungs-Demo. Es flogen Steine, die West-Polizei, die das erste Mal den Ostdeutschen-Boden betrat, knüppelte, die Demo wurde aufgelöst. Es war die erste gesamtdeutsche Straßenschlacht in Berlin. Schaufenster wurden geschlagen, 200 Leute festgenommen. Die taz, schrieb Rada, titelte: „Glassplitter auf deutscher Einheitstorte“.

Die ARU – Autonome Republik UTOPIA – ist zerstört worden, bevor sie überhaupt entstehen konnte.

Reblog+: Gegen das Klischee der Steinzeit

Annika Bangeter

Jagen war nicht nur Männersache

Der Mann war Jäger, die Frau hütete Kinder: Dieses Bild der Urzeitmenschen wird oft herangezogen, um­­­ Familienmodelle oder Sexualtriebe zu rechtfertigen. Archäologin Brigitte Röder räumt mit Klischees auf.

Bis heute werden die Unterschiede der Geschlechter mit den Steinzeitmenschen erklärt. Was ist da dran?

Brigitte Röder: Die Idee, dass Männer «von Natur aus» Jäger seien, ist ein Klischee. Das Bild vom mutigen Jäger, der einem Mammut auflauert, finden wir in vielen Schulbüchern, Museen, Romanen oder Filmen. Der Mann soll seit Urzeiten die Familie ernährt haben, während sich die Frau um Kinder und Haushalt gekümmert habe.

Was spricht dagegen?

Um dieses Klischee rankt sich die Vorstellung von der gefährlichen und heldenhaften Grosswildjagd, die Männersache gewesen sei. Sie fand zwar statt, aber ihre Bedeutung wird massiv überschätzt. Das zeigen moderne archäologische Untersuchungen. Dank feinerer Grabungsmethoden finden wir an Fundstellen aus der Altsteinzeit inzwischen auch Skelettreste von kleinen Tieren und sogar Fischschuppen. Daher wissen wir, dass der Fischfang eine grosse Rolle spielte, ebenso die Jagd auf Kleinwild und Vögel. Das Bild der heldenhaften Grosswildjagd muss also überdacht werden. Das Nahrungsspektrum war viel breiter.

Wer hat denn tatsächlich gejagt?

Einem Speer oder einem Bogen sieht man nicht an, ob ein Mann oder eine Frau ihn benutzt hat. Wer in der Urgeschichte gejagt hat, ist nicht mit letzter Sicherheit zu entscheiden. Dafür bräuchte man Schriftquellen, die jedoch fehlen. Deshalb ziehen wir Vergleiche aus historischen Zeiten heran. So haben Ethnologen Gemeinschaften beschrieben, in denen auch Frauen gejagt haben. Bekannt ist auch, dass bei den Inuit Mädchen zur Grosswildjagd ausgebildet wurden, wenn der männliche Nachwuchs in der Familie fehlte. Kurz: Es gibt keinen Grund auszuschliessen, dass Frauen auch in der Urgeschichte gejagt haben.

Weshalb besteht dann dieses Bild vom Mann als Jäger und der Frau als Sammlerin?

Die Geschlechterrollen, die für die gesamte Urgeschichte gezeichnet werden, sind ungemein stereotyp. Stets erscheinen die Männer als Ernährer, die mobil waren, Handel oder Bergbau betrieben und sämtliche Innovationen kreierten. Ihnen stehen die ewigen Hausfrauen und Mütter am Herdfeuer gegenüber. Diese Rollenteilung geht auf Idealvorstellungen der bürgerlichen Gesellschaft des 18. und 19. Jahrhunderts zurück. Damals wurde das Geschlechter- und Familienmodell neu konstituiert und für universal erklärt. Es wurde auch festgelegt, welchen «Geschlechtscharakter» Männer respektive Frauen haben. Noch heute gilt dieses bürgerliche Geschlechtermodell vielfach als ursprünglich – und wird auf die Urgeschichte projiziert.

Wie lebten die damaligen Menschen wirklich?

Historisch und ethnografisch ist eine unglaubliche Vielfalt an Geschlechtermodellen, Familien-, Verwandtschafts- und Haushaltsformen belegt. Wer für archäologische Befunde Analogien sucht, müsste also ein breites Spektrum in Betracht ziehen. Interessanterweise fokussieren die meisten Interpretationen aber auf das, was wir von der bürgerlichen Gesellschaft kennen. Etwa die Idee, dass in jedem Pfahlbau eine Kernfamilie wohnte. Studien der Universität Basel zeigen jedoch, dass diese Idee falsch ist. Die Siedlungen waren erstaunlich kurz bewohnt, manche nur acht oder zwölf Jahre. Die Gruppen müssen sich immer wieder aufgeteilt und neu zusammengesetzt haben. Die Vorstellung von Bauernfamilien, die über Jahrhunderte im selben Dorf gelebt haben, muss aufgegeben werden.

Haben die Steinzeitväter auch mal den Brei vorgekaut oder die Kinder betreut?

Mit archäologischen Funden können wir das nicht beantworten. Wie auch? Wir haben Hausruinen, materielle Kultur und darunter ganz wenige Objekte, die wir mit Kindern in Verbindung bringen können. Ohne Schriftquellen ist völlig offen, wer sich um sie gekümmert hat. Das sieht man auch einem Skelett nicht an. Die Wissenslücken werden deshalb leider häufig mit ­Vorstellungen gefüllt, die uns ­vertraut sind und die wir für ursprünglich halten. Deshalb er­scheinen sie plausibel und werden nur selten hinterfragt.

Wann begann die Archäologie, die angebliche Rollenteilung zu hinterfragen?

Vor etwa dreissig Jahren. Seither gibt es diverse Beispiele, die bisherige Bilder auf den Kopf stellen. Sehr interessant finde ich Hallstatt, eine Fundstelle in Österreich. Dort gab es in der Eisenzeit sowohl ein Salzbergwerk als auch den dazugehörigen Friedhof. Anhand markanter Unterschiede an den Skeletten von Männern und Frauen liess sich eine geschlechtsspezifische Ar­beitsteilung rekonstruieren. Ergänzt durch die Funde im Berg, liess sich zeigen, dass die Männer das Salz mit Bronzepickeln geschlagen und die Frauen es nach oben getragen haben. Ein sehr überraschendes Ergebnis brachte auch die Untersuchung der Kinderskelette: Sie zeigte, dass auch Kinder in den Bergbau involviert waren und sehr schwer gearbeitet haben.

Wie alt waren diese Kinder?

Im Bergwerk fand man neben Kinderschuhen auch eine Babykappe. Die Kinder waren also von klein auf dabei und sind in die Arbeit buchstäblich reingewachsen. Nach Ausweis der Skelette müssen die Kinder etwa ab dem Alter von fünf bis sieben Jahren hart gearbeitet haben. Das sprengt all unsere Vorstellungen von einer behüteten Kindheit. Die Bergleute von Hallstatt waren zudem enorm reich. In ihren Gräbern fanden sich kunsthandwerkliche Spitzenprodukte aus kostbaren Rohmaterialien, darunter importiertes Elfenbein und Bernstein. Auch das sprengt gängige Klischeevorstellungen.

Wieso?

Wir nehmen ja an, dass Menschen, die so reich waren wie jene in Hallstatt, andere – beispielsweise Sklaven – für sich arbeiten liessen und sich darauf beschränkten, den Reichtum abzuschöpfen. Doch selbst bei ganz reich bestatteten Individuen sieht man anhand der Skelette, dass sie von frühster Kindheit an hart gearbeitet haben. Das passt nicht zu den gängigen Vorstellungen von Reichtum und gesellschaftlichen Hierarchien.

In Hallstatt waren die Menschen bereits sesshaft. Gibt es Skelette, die Aufschluss über noch frühere Zeiten geben?

Für die ganz frühen Zeiten gibt es nur Fossilien, und zwar meist nur Fragmente, so dass eine Geschlechtsbestimmung oft gar nicht möglich ist. Erst aus den letzten 40000 Jahren gibt es dann auch vermehrt komplette Skelette, die im Hinblick auf Tätigkeiten, Gesundheitszustand oder Lebenserwartung von Frauen und Männern untersucht werden können. Neue geschlechtsgeschichtliche Erkenntnisse liefern auch forensische Methoden. Etwa zur Höhlenmalerei. Bis vor kurzem ging man ganz selbstverständlich davon aus, dass sie das Werk von Männern war.

Das stimmt nicht?

Das Bild von den altsteinzeitlichen Männern, die die Kunst erfunden haben, bekommt Risse, weil man an Handabdrücken sehen kann, dass auch Frauen ihre Hände auf den Höhlenwänden verewigt haben. Ebenso Kinder. Wir müssen davon ausgehen, dass Männer, Frauen und Kinder vermutlich gemeinsam in Höhlen rituelle Praktiken durchführten. Nicht zuletzt deshalb ist zu hinterfragen, weshalb die figürlichen Darstellungen ausschliesslich von Männern stammen sollten. Dafür gibt es keinen Beweis – und auch keinen Grund. Was für Männer selbstverständlich und ohne wissenschaftliche Grundlage gesetzt wird, braucht für Frauen umgekehrt eine hieb- und stichfeste wissenschaftliche Beweisführung – etwa, dass sie auch einen Beitrag zur Ernährung, zur Kunst oder zu Innovationen geleistet haben.

Ärgert Sie das?

Ich finde es unsinnig – und obendrein unwissenschaftlich, denn hier wird methodisch mit zweierlei Mass gemessen. Das Denken verändert sich, aber sehr langsam. Als Prähistorikerin, die auf zweieinhalb Millionen Jahre Menschheitsgeschichte zurückblickt, bin ich an das Denken in langen Zeiträumen jedoch gewöhnt.


Anmerkungen der Administratorin:


Frau und Mann (unten) aus Dolni Vestonice, einer paläolithischen Siedlung der Mammutjäger in Möhren; Dolni Vestonice ist wichtigste archäologische Ausgrabungsstelle in Tschechien.

Es ist interessant, dass die, sagen wir es so, “westlichen” Archäologinnen diese Erkenntnisse erst vor 30 Jahren und sehr mühsam, mit viel Widerstand seitens der Arbeitskollegen UND Kolleginnen ansammeln könnten. Ich habe selber Archäologie in kommunistischen Polen 20 Jahre früher als Brigitte Röder studiert und kann mich auf gar nichts so einseitiges erinnern, als das, was hier Frau Röder als große Errungenschaft der mutigen Wissenschaftlerinnen in der Schweiz erinnern. Die Archäologie, die uns in den 60/70 beigebracht wurde, war zwar auf keinen Fall als modern feministisch zu bezeichnen, war aber auch kein nach Hinten projieziertes Bild der bürgerlichen Verhältnisse. Ich glaube seit eh zu wissen, dass die Frauen mit den Männern zusammen für Ernährung der Familien sorgten vor allem aber, dass diese (auch hier) hochgepriesene Jagd auf großes Wild, diese berühmte Jagd mit einem Speer in der Hand, im Paläolithikum kein Muster war. Man hat entweder kleine Tiere gegessen, Frösche, Fische, Wasserratten, Muschel und Schnecken, die quasi auf Sammlerweise aufgesammelt wurden, oder machte man eine Großjagd auf große Tiere, die man laufend in eine Falle, höher Kliff, eine Schlucht forttrieb. An der Laufjagd hinter einer Herde (oder deren Teil) beteiligte sich der ganze Stamm, Männer, Frauen, Alte, Kinder. Als die Tiere in der Falle lagen, wurden sie erst mit großen Steinen beworfen und letztendlich könnte es sein, dass man mit einem Speer einem Tier einen Gnadenschlag verabreicht hat.
All das wussten wir Archäeologen eigentlich von Anfang an, vielleicht schon, bevor wir angefangen haben zu studieren.

Und woher? Aus einem Buch :-). Lovci mamutů. Ein Jugendroman.

Sein Autor, Edward Štorch, war ein Tscheche; Archäologe und Schriftsteller; er schrieb seinen “paläolithischen Roman” 1918; auf Polnisch ist das Buch 1949 erschienen; auf Deutsch (Die Mammutjäger) in Globus-Verlag Wien, 1953 (Übersetzung Felix Rausch) und Kinderbuchverlag Berlin, 1958. Nun ja, Kinderbuchverlag war ein Ost-Berlin Verlag… In Polen wurde das Buch gern und viel gelesen. Kann aber sein, dass Frau Röder in der Schweiz keine Romane gelesen hat, die in einem jämmerlichen Ostberlin-Verlag herausgegeben wurden. Dazu noch Jugendromane :-). Wissenschaftler lesen wissenschaftliche Abhandlungen…

Czytamy / Wir lesen

IMMER BARATARIA

In Frühling 2014 publizierte Ewa Maria Slaska auf ihrem Blog
ewamaria.blog
zehn Gedichte ihrer Schwester, Katarzyna Krenz,
über alten Dichter, der stirbt, und sein Leben rekapituliert.

Am morgen endete der Storm.
Der A
lte Dichter lag lang auf dem Ufer, umgespült
von den Wogen, gut wissend, was geschah.
Seine Schiff ging runter, verloren, ohne Wiederkehr,
und mit der Schiff auch seine ganze Ladung.
(…)
In der Luft zitterte grünes Jungelrauschen, die Insel jedoch
schwieg. Unbekannte. Ungenannte. Niemandem gehörend.

Seit Januar 2017 publizierte Ewa Maria Slaska dreiundhalb Jahre lang auf ihrem Blog Texte (meistens eigene, manchmal aber auch von ihren Friends) über alten Rebell (und Ritter) Don Kichot, und seinem Friend (und Knappe) Sancho Pansa. Die beiden sind unzertrennlich, schon im Roman von Cervantes, seit dem aber auch in unserem Kulturerbe. Es sind nur zehn Tage, dass der Herr und sein Knappe ihren Abenteuer getrennt den Stirn bieten – das ist die Zeit Sancho Pansas als Gubernator auf einer vermeintlichen Insel Barataria.
Der alte Dichter stirbt. Er stirbt allein. Aber obwohl Don Kichote immer in Begleitung kommt und sein treuer Sancho Pansa auch im Moment des Todes bei im weilt,
sind sie doch eine und diesselbe Person.

Der alte Dichter – Don Kichote.

Wie der Zufall es eigenhandig bestimmte, wurden sowohl die Gedichte von Katarzyna als auch fast alle Texte von Ewa Maria immer Montags veröffentlicht.

Jetzt lesen beide ihre Texte in der Regenbogenfabrik.
Am Dienstag.


Katarzyna ist nicht gekommen. Christina las ihre Gedichte. Und ich erzählte über Barataria.

Foto Ela Kargol

Zdjęcia i kolaż: Aleksandra vel Ola Puciłowska i Kasia Kalin

Irysy / Irises

Kiedyś zbierałam wszystko, co było ozdobione irysami, uważałam, że są to najpiękniejsze kwiaty na świecie. Teraz nie byłabym już taka pewna, że naj, ale nadal uważam, że są piękne.

Vor Jahren sammelte ich alles, dass mit Iris dekoriert wurde. Ich war der Meinung, dass sie die schönsten Blumen der Welt sind. Jetzt bin ich mir nicht so sicher, dass sie die schönsten Blumen der Welt sind, schön aber schon.

Frederick Judd Waugh, New Jersey, USA1861-1940

Im Internet findet man unter diesem Bild Kommentare, dass die Irises von van Gogh doch schöner sind. Vielleicht ja, aber sicher viel öfter reproduziert.
Niektórzy uważają, że Irysy van Gogha są piękniejsze. Zapewne, ale na pewno bardziej “oklepane”.

Als ich van Gogh im Internet gesucht habe, fand ich noch Max Pechstein. / Przeglądając Internet w poszukiwaniu van Gogha znalazłam też Irysy Maxa Pechsteina.

Irises waren gern von Claude Monet gemalt. Monet bardzo chętnie malował liliowe i żółte irysy.

Irysy tak mi się podobają, że obraz Hansa Memlinga Lilie i irysy wybrałam jako winietę bloga.
Das Bild von Hans Memling, Lilien und Irises sieht man auch auf meinem Blog.

I wreszcie niespodzianka / und jetzt Überraschung…

Wer malte dieses Bild? Kto namalował ten obraz? Ich verrate nur, dass der Künstler ganz, aber wirklich ganz anders malt. Dodam tylko, że artysta jest znany z zupełnie, ale to zupełnie innych obrazów.

Za odgadnięcie zagadki będzie nagroda. Es wird einen Preis geben für die / den, die /der dieses Rätsel löst.

Berliner Spaziergänge / Berlińskie spacery (2)

Das Auto steht irgendwo in Charlottenburg und kein Mensch scheint es zu benutzen. Jemand stellt es aber ab und zu von einer Straßenseite auf die andere. Und jemand hat sich irgendwannmal Mühe gegeben, um es so liebevoll hippiearrtig zu bemalen. Man kann da Vieles entdecken, Symbole Aiurvedischer Medizin und van Gogh, Ganesh und zwei lustige Bengel aus polnischen Kinderfilme aus den 70ern: Bolek und Lolek, die auf Deutsch in der umgekehrten Reihenfolge Lolek und Bolek heißen. Ich glaube auch, Hitler gefunden zu haben.

Bitte schreib in den Kommentaren, was Ihr sieht.

Auto stoi gdzieś na Charlottenburgu, nigdy nie jeździ, choć czasem ktoś je przestawia z jednej strony ulicy na drugą. Zostało kiedyś pomalowane tak, jak 50 lat temu malowali swoje auta hippisi. Ale wydaje mi się, że zostało tak ozdobione co najmniej 20 lat później. Zastanawiam się, czy należy do kogoś z Polski, bo wśród różnych ezoterycznych i ajurvedycznych symboli, wśród memów współczesnej popkultury jak van Gogh, dinozaury czy Hitler, można też znaleźć Bolka i Lolka.

Napiszcie w komentarzach, co jeszcze zauważyliście.

 

Kamienica w lesie, czyli dom w mieście

Nie zapomnijcie maseczek / Masken nicht vergessen!

Monika Szymanik i jej pasje, stare domy, zdjęcia, poznawanie ludzi, wydawanie książek… O Szczecinie, spacerach i książkach będziemy dziś rozmawiać z Moniką w Sprachcafé Polnisch

Monika zaczęła opowiadać o “stareńkich” (“stareńki” to jej ulubione słowo) detalach szczecińskich kamienic na Instagramie i to oczywiście widać w tym, co pisze. Wczoraj na przykład zamieściła na Instagramie powyższe zdjęcie i taki oto opis:

Dzisiaj jeszcze raz kamieniczne mieszkanie, pokój od frontu, który przeszyła podczas wojny bomba. Przepiękny parkiet został uratowany i cieszy oczy. Sztukaterie, które były w tym pokoju również, uległy niestety uszkodzeniom. Ale i tak pokój zachwyca, także dzięki poszanowaniu zastanego przez wspaniałych właścicieli. Światło wpada do tych wnętrz z dwóch stron świata.
#kamienica #kamienice #kochamkamienice #kamienica_w_lesie #altbauliebe #altbau #altbauliebe #mieszkaniewkamienicy #szczecin #stettin #kochamszczecin #loveszczecin #mojemiasto #igers_szczecin #igerspoland #visitszczecin #visitpoland #zachodniopomorskie #pocztowkazpolski #magicznapolska #oldinterior #altbauwohnung #olddetails

My, ludzie Facebooka w znacznie mniejszym stopniu używamy hasztagów, ale co tam, skoro będę prezentowała dziś (po niemiecku) autorkę z Instagramu, to poszaleję i ja. Zaczynam:
#Monika Szymanik #Sprachcafé Polnisch #Czwartek #Donnerstag #Treffen #Spotkanie

Niestety, nic się, jak widać, nie wydarzyło, informacje, których chciałam Wam udzielić, nie zlinkowały się w magiczny sposób, czyli jednak oprzeć się muszę na tradycyjnej metodzie pisania wszystkiego, co musicie wiedzieć, żeby przyjść dziś na spotkanie z Moniką Szymanik:

10.09.2020 / 19:00
Zapraszam do polskiej Kafejki Językowej / Ich lade zu Sprachcafé Polnisch ein
Schulzestr. 1 13187 Berlin-Pankow
na spotkanie z Moniką Szymanik, szczecinianką, która po polsku i po niemiecku wydała książkę o starych szczecińskich kamienicach i tajemnicach…

Altbauliebe einer Stettinerin – Begegnung mit der Autorin

Ein Abend mit Monika Szymanik, Buchautorin: „Altbauliebe einer Stettinerin“. Beginn: 19 Uhr, SprachCafé Polnisch – mit Streaming.

Eine Einladung zu einer Reise durch Stettin, bei der die Wegweiser Intuition und künstlerische Sensibilität sind. Zusammen mit Monika Szymanik entdecken Sie alte magische Straßen und Gassen, historische Gebäude mit ihren Fassaden. Alles, was sichtbar und verborgen ist. Alles in einem Fotoalbum und vor allem in einem bezaubernden Gespräch.

Monika Szymanik ist Stettinerin, die eines Tages ihre Wohnung verließ, um einen Spaziergang zu machen. Dieser erwies sich dann als erster aus einer ganzen Reihe von Foto-Spaziergängen. So begann Monika Szymanik aus Eintönigkeit des Daseins der Architektur und ihrer Natur mit ihrem Smartphone Augenblicke einzufangen. Aber diese Eintönigkeit war lediglich eine scheinbare. Die von Monika Szymanik festgehaltenen Bilder erzählen Geschichten. Welche Geschichten? Darüber erzählt die Buchautorin selbst.
Herzlich willkommen!

Wir bitten um Anmeldungen: kontakt@sprachcafe-polnisch.org
Die Anzahl der Plätze vorort ist beschränkt.

Die Veranstaltung ist kostenlos.
Wir bedanken uns für die Unterstützung des Bezirksamtes Pankow im Rahmen des Projektes „Menschen schaffen Orte“ sowie der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen im Rahmen des Projektes FEIN  SprachCafé 2.0.

Schirrmherr der Veranstaltung ist Städtepartner Stettin e.V.

Seid dabei! Zapraszamy!


Da Treffen war gestreamt (), jeder kann uns hören und sehen, wie wir uns lebendig und fröhlich über die Leidenschaften von Monika Szymanek unterhalten. / Spotkanie było streamowane, każdy może nas obejrzeć i posłuchać jak żywo i radośnie rozmawiamy o licznych pasjach naszej referentki. Tu tylko kilka migawek, okiem Eli Kargol:

 

Frankfurt Słubice Pride Parade 2

Ewa Maria Slaska

Zdarzyło się, co się nigdy nie zdarza. Autor wpisu na dziś wpisu nie przysłał (to zdarza się czasami), a ja, zmęczona po paradzie, nie wpisałam nic innego, ba, w ogóle o tym nie pomyślałam, tylko poszłam spać o godzinie 19 i wstałam dziś o 7 rano. Prawdę mówiąc, żeby Wasza Adminka spała 12 godzin, to też się nie zdarza. Skoro jednak już tak się zdarzyło, to obudziwszy się, spieszę, by wstawić Wam tu relację z wczorajszej fantastycznej Parady Dumy w Słubicach i Frankfurcie nad Odrą.

Info auf Deutsch

Ela Kargol

Pierwszy polsko-niemiecki marsz równości, z Placu Bohaterów do Holzmarktu Miłość bez granic przeszedł ulicami połączonego i podzielonego miasta Słubfurtu / Słubic i Frankfurtu, a most, kiedyś przyjaźni, stał się mostem miłości. Nad Odrą załopotała tęczowa flaga.

Foto Ela Kargol
EMS
I szalik 🙂
W paradzie wzięło udział 800 a może nawet 1000 osób i było fantastycznie. A wcale się nie zapowiadało. W pociągu do Frankfurtu było wprawdzie sporo osób z tęczowymi emblematami, ale nie przesadnie wiele i nie wykazywali potrzeb bratania się i siostrzania. To samo podczas spaceru z jednego miasta do drugiego. Pusto i raczej niezbyt solidarnie. Tymczasem paradzie miało przyświecać hasło “Solidarność naszą bronią”.  Porządne hasło – to dla niego starsze panie, jak Ela czy ja, przjechały tu dzisiaj.

Po mieście, jak się dowiaduję od pewnego clocharda, już od tygodnia jeżdżą ciężarówki Ordo Iuris, których nikt tu przedtem nie widział – przed paradą sfotografowałam trzy takie pojazdy, duży, średni i mały, wszystkie z głośnikami i krótkim tekstem, o tym, że homoseksualiści pedofile deprawują i wykorzystują seksualnie nasze dzieci. W tekście nikt wyraźnie nie mówi, że wszyscy homoseksualiści to pedofile, ale wniosek jest jednoznaczny.

Na placu Bohaterów niewielkie grupki kolorowo ubranych ludzi z flagami i parasolkami, w bocznych ulicach widzę szeregi policji w czarnym rynsztunku bojowym i gdzie niegdzie grupy młodych mężczyzn z polskimi flagami. W Dwumieście ma być dziś w sumie pięć parad – trzy kolorowe i i dwie czarne. Czarna ciężarówka w bocznej ulicy. Fotografuję akcję dwojga młodych ludzi z tęczową flagą, przyklejają naklejkę “Stop bzdurom”, dziewczyna woła: “Nawet nie dotknęłam Waszej ciężarówki!”, co jest oczywiście przypomnieniem sprawy Margot. Stojący obok dziennikarze półgłosem komentują, że sytuacja prawna w Polsce jest taka, że nikt nie może ani zakazać parad równości, ani karać ich uczestników. Można tylko, jak za Komuny, karać ich za zniszczenie mienia prywatnego lub społecznego (dlatego później organizatorzy wciąż będą przypominać – nie depczcie trawników!) No i można wypuścić na demonstrantów “oburzonych obywateli”.

Na placu coraz więcej ludzi, pośrodku kolorowi, po bokach czarni. Organizatorzy formują nas (prawa strona placu, lewa strona placu) i informują. Maski, odstęp, odstęp maski. Jest nas już dwieście kilkadziesiąt osób, musimy zostać podzielenie na dwa pochody, bo zgłoszona została parada z udziałem 150 ludzi. Króciutkie przemówienie, rusza samochód z aparaturą nagłaśniającą i hasłem “Solidarność naszą bronią”. Nagle robi się nas bardzo dużo. Widzę, że w mojej grupie (prawa strona placu z punktu widzenia formującej nas organizatorki) robi się nas coraz więcej i więcej, w drugiej grupie na pewno też tak jest.

Godzina 14. Pierwsze i jedyne przemówienie. Kacper z Zielonej Góry informuje nas, że w jego mieście podjęto pierwszą w Polsce deklarację. Są “Miastem wolnym od nienawiści”. Kacper woła, że chcemy w całej Polsce takich stref, które byłyby odpowiedzią na “Strefy wolne od LGBT”.

Ruszamy.


Foto Aleksandra vel Ola: Wyruszyliśmy.

O 15 dojdziemy do placu za mostem, gdzie, już po stronie niemieckiej, odbywają się publiczne wystąpienia. Nie ma władz miasta Słubice, ale, jak podkreślają organizatorzy, Słubice to nie tylko miasto ale i powiat, czyli samorządowcy, a w ich imieniu wita nas wicestarosta Robert Włodek. Mówi, to co powinien powiedzieć każdy samorządowiec, w każdym miejscu świata: władze są po to, żeby chronić swoich obywateli. Dodaje też, że Parada Dumy, a jest nas już po prostu morze, jest zapewne największą demonstracją, jaka się kiedykolwiek z jakiegokolwiek powodu odbyła w Słubicach.

Autorką zdjęć w galerii jest Ela Kargol

Pogoda dopisała, frekwencja dopisała, oprócz pokojowej konfrontacji kolorowego pochodu z modlącymi się na głos obywatelami Słubic, nie było żadnych incydentów, na własne oczy widziałam, jak na obrzeżach parady policja przeganiała jakichś krewkich patriotów z flagą polską.

Foto Helena Kargol

Wzięliśmy udział w pięknym święcie obywatelskim i chwała organizacji Frankfurt Pride, że je zorganizowała.

Frankfurt Słubice PRIDE

5 września / 5. September 2020: Odbędzie się pierwszy Słubice-Frankfurt-PRIDE // Erster Frankfurt-Słubice-PRIDE zieht durch die Doppelstadt

W sobotę, 5 września, pod hasłem „Miłość bez granic” rozpocznie się pierwszy słubicko-frankfurcki marsz równości. Pierwszym celem wiecu jest zwrócenie uwagi na brak widoczności i infrastruktury osób nieheteronormatywnych w obu częściach dwumiasta. Drugim celem jest okazanie solidarności ze społecznością LGBTIQ* w Polsce, która doświadcza obecnie silnej dyskryminacji i wyparcia wskutek ustanowienia tak zwanych „stref wolnych od LGBT” w niektórych gminach oraz wskutek nagonek, prowadzonych m.in. przez partię rządzącą PiS w czasie niedawnej kampanii prezydenckiej.
Unter dem Motto „Liebe ohne Grenzen“ findet am Samstag, dem 5. September 2020, ab 14.00 Uhr in der Doppelstadt der erste Frankfurt-Słubice-PRIDE statt. Die Demonstration will einerseits auf die kaum bis gar nicht vorhandene Sichtbarkeit und Infrastruktur für queere Menschen in beiden Teilen der Doppelstadt aufmerksam machen. Zweiter Schwerpunkt ist die Solidarisierung mit der LGBTIQ*-Community in Polen, die durch sogenannte „LGBT-freie Zonen“ in einigen Kommunen sowie durch hetzerische Kampagnen, u. a. durch die Regierungspartei PiS im jüngsten Präsidentschaftswahlkampf, heftig diskriminiert und bedrängt werden.

Dwumiasto ma być miejscem bezpiecznym dla wszystkich ludzi. Dlatego organizatorzy marszu zapraszają do udziału w nim także burmistrza Słubic Mariusza Olejniczaka oraz nadburmistrza Frankfurtu René Wilke. Podczas wydarzenia przedstawią swoje historie, działania, postulaty i cele osoby nieheteronormatywne, działacze i działaczki, organizacje ze Słubic i Frankfurtu, województwa lubuskiego i Brandenburgii, Polski i Niemiec.
Die Doppelstadt soll ein sicherer Ort für alle Menschen sein. Darum lädt das Organisations-Team auch herzlich Oberbürgermeister René Wilke und Bürgermeister Mariusz Olejniczak zu dem Umzug ein. Unterwegs werden queere Personen, Aktivist*innen, Organisationen aus Frankfurt und Słubice, Brandenburg und Lubuskie, Deutschland und Polen ihre Geschichten, Arbeit, Forderungen und Ziele vorstellen.

To wydarzenie na rzecz różnorodności seksualnej i płci społeczno-kulturowej, wolności i bezpieczeństwa osób nieheteronormatywnych organizuje niezależna grupa składająca się z 20 osób pochodzących ze Słubic, Frankfurtu i okolic.
Hinter der Veranstaltung für Vielfalt der sexuellen Orientierungen und Identitäten sowie Freiheit und Sicherheit für queere Menschen steht eine unabhängige Organisationsgruppe mit rund 20 Engagierten aus Frankfurt, Słubice und der näheren Umgebung.

LGBTIQ* to termin, który odnosi się do osób identyfikujących się jako lesbijki, geje, osoby biseksualne, transpłciowe, interpłciowe, queer oraz takie, które nie są pewne swojej tożsamości seksualnej.
LGBTIQ* steht für lesbische, schwule, bi-, trans- und intersexuelle sowie sämtliche queere und Trans-Personen.

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Start/rozpoczęcie: 05.09.2020, 14:00 Uhr, Plac Bohaterów, Słubice
Treff für Zugreisende: 13.00 Uhr Bahnhof Frankfurt (Oder) // Zbiórka osób przyjeżdżających pociągiem: godz. 13.00, dworzec kolejowy we Frankfurcie nad Odrą<

Trasa będzie prowadziła od Słubic przez most graniczny na Odrze i centrum Frankfurtu, a zakończy się na Holzmarkt, gdzie zaplanowano zakończenie wiecu o godzinie 16.30. //
Die Route führt durch Słubice über die Oderbrücke und durch das Frankfurter Zentrum zum Holzmarkt, wo die Abschlusskundgebung gegen 16.30 Uhr geplant ist.

Corona-Regeln//Zasady bezpieczeństwa sanitarnego z uwagi na pandemię COVID-19:
Es besteht die Pflicht zur Mund-und-Nasen-Bedeckung sowie Mindestabstand von 2 Meter in Polen bzw. 1,50 Meter in Deutschland, in Słubice sind gegenwärtig max. 150 Teilnehmende zugelassen. //
Obwiązuje zakrywanie nosa i ust oraz zachowanie odstępu 2 metrów w Polsce, a 1,5 metra w Niemczech. Dopuszczalna liczba uczestników marszu w Słubicach to obecnie 150 osób.

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04.09.–30.11.2020
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John-Foster-Dulles-Allee 10/ 10557 Berlin
Tel. + 49 – (0)30 – 397 87 0 / Fax +49 – (0)30 – 394 86 79/ info@hkw.de
Öffnungszeiten: täglich außer Di 12–20h
Eintritt:  7€/3€ Unter 18 Jahren Eintritt frei

Umfassende Hygienevorkehrungen zum Schutz der Besucher*innen und Mitarbeiter*innen beinhalten eine begrenzte Besucher*innen-Kapazität und ein kontaktloses Ausstellungserlebnis. Bitte tragen Sie vor Ort einen eigenen Mund-Nasen-Schutz und halten Sie den Mindestabstand von 1,5 Metern zu anderen Besucher*innen ein. Wir empfehlen, eigene Kopfhörer mitzubringen.

In den 20er Jahren entwickelte der Kunst- und Kulturwissenschaftler Aby Warburg (1866–1929) seinen Bilderatlas Mnemosyne, der wiederkehrende visuelle Themen und Muster von der Antike über die Renaissance bis zur Gegenwartskultur nachzeichnet. Sein Ansatz ist Inspiration für die visuell und digital dominierte Welt von heute. Das HKW präsentiert alle 63 Tafeln des Atlas – erstmals wiederhergestellt mit Warburgs originalem Bildmaterial.

Aby Warburg studierte die Wechselwirkungen von Bildern aus verschiedenen Epochen und kulturellen Kontexten. Er entwickelte den Bilderatlas Mnemosyne, um die Einflüsse der Antike auf die Renaissance und weit darüber hinaus bildlich darstellbar zu machen. Der Atlas bestand in seiner letzten Version aus 63 großen schwarzen Tafeln, auf denen Warburg fotografische Reproduktionen von Kunstwerken aus dem Nahen Osten, der europäischen Antike und der Renaissance neben zeitgenössischen Zeitungsausschnitten und Werbeanzeigen anordnete. In den Jahren vor seinem Tod 1929 experimentierten Warburg und seine engsten Mitarbeiter*innen Gertrud Bing und Fritz Saxl mit Form und Funktion des Bilderatlas. Ihr Ziel war eine Publikation, die für die Diskussion zwischen Expert*innen ebenso wie für das breitere Publikum gedacht war. Im Entstehungsprozess entwickelte sich der Atlas zu einem Erkenntnisinstrument.

Warburgs Methode setzte neue Maßstäbe: Sie bestand darin, kanonisierte Bilder neu anzuordnen und sie epochenübergreifend zu betrachteten; sein Projekt überschritt die Fachgrenzen zwischen Kunstgeschichte, Philosophie und Anthropologie und war grundlegend für die heutigen Disziplinen der Bild- und Medienwissenschaften. Heute bietet sein Umgang mit dem Bildgedächtnis Inspiration und alternative Routen durch eine von visuellen Medien bestimmte Realität.

Die Ausstellung im HKW stellt die letzte dokumentierte Version des Atlas von Herbst 1929 nahezu vollständig mit den Originalabbildungen wieder her: Dafür haben die Kuratoren Roberto Ohrt und Axel Heil in Zusammenarbeit mit dem Warburg Institute den größten Teil der originalen, teils mehrfarbigen 971 Abbildungen in der 400.000 Objekte zählenden Photographic Collection des Instituts aufgespürt – und präsentieren so zum ersten Mal nach Warburgs Tod die 63 Tafeln seines unvollendeten Hauptwerks. Zum ersten Mal zu sehen sind außerdem 20 unveröffentlichte großformatige Abbildungen von Tafeln, die bisher nur im Archiv des Warburg-Instituts zugänglich waren: Sie gehören zu den Vorversionen des Atlas, größtenteils im Herbst 1928 entstanden, und werden in großen Fotoabzügen von den schwarz-weißen Originalnegativen präsentiert.

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Die Ausstellung wird kuratiert von Roberto Ohrt und Axel Heil in Zusammenarbeit mit dem Warburg Institute.
Im Rahmen von Das Neue Alphabet

Parallel zur HKW-Ausstellung zeigt die Gemäldegalerie in der Ausstellung Zwischen Kosmos und Pathos Kunstwerke von der Vor- und Frühgeschichte bis zur Neuzeit, die Warburg als Vorlagen seiner enzyklopädischen Bildersammlung dienten.

Buch zur Ausstellung

Herausgegeben von Haus der Kulturen der Welt und The Warburg Institute; Roberto Ohrt, Axel Heil
Verlag: Hatje Cantz, 2020
Gestaltung von Axel Heil, Christian Ertel, fluid editions
184 Seiten, Englisch
83 ganzseitige Abbildungen und über 170 Textabbildungen, gebunden, 44 x 60 cm
ISBN 978-3-7757-4693-9
Preis: 200 €

Versandbestellungen über den Verlag

In den 1920er Jahren arbeitete der Hamburger Kunst- und Kulturwissenschaftler Aby Warburg an seinem Bilderatlas Mnemosyne, jenem Tafelwerk, das in der Zwischenzeit zu einem Mythos der modernen Kunstwissenschaft und zum Basisprogramm der Bildwissenschaft avanciert ist. In ihm schuf Warburg ein visuelles Referenzsystem, das seiner Zeit weit voraus war. Roberto Ohrt und Axel Heil haben nun in Zusammenarbeit mit dem Warburg Institute den Versuch unternommen, alle Einzelbilder des Atlas ausfindig zu machen und diese Reproduktionen von Kunstwerken aus dem Nahen Osten, der europäischen Antike und der Renaissance so zu zeigen, wie Aby Warburg sie selbst auf mit schwarzem Stoff bespannten Tafeln angebracht hat. Damit zeigen der Folio-Band und die Ausstellung im HKW im Herbst 2020 sein gesamtes unvollendetes Hauptwerk zum ersten Mal nach Warburgs Tod.

Der Kunsthistoriker Roberto Ohrt und der Künstler Axel Heil haben im 400.000 Einzelbilder umfassenden Bestand der Photographic Collection des Warburg Institutes, nach den Abbildungen des Atlas geforscht. Ihre Arbeit ist eine umfassende Würdigung der gesamten Bilderwelt Aby Warburgs.

Mit Beiträgen von Roberto Ohrt, Axel Heil, Bernd M. Scherer, Bill Sherman, Claudia Wedepohl.


EMS: Am Tag der Ausstellungseröffnung gebe ich dazu meinen eigener Berliner Fund – auf dem Foto das Kleid von Primavera entdeckt in einem türkischen Laden mit Hochzeitsgarderobe:

Reblog: Die älteste Pandemie der Menschengeschichte

Für diejenige, die meinen, es wäre Zeit, dass diese verdammte Pandemie schon endlich endet! Sieben Monate! Es reicht! Och je! Die älteste Pandemie, die die Menscheit fast halbierte, dauerte Sieben Hundert Jahre!
Bleiben Sie gesund!

spektrum.de 

Hubert Filser

Steinzeitpest

Im 4. und 3. Jahrtausend v. Chr. schrumpfte Europas Bevölkerung rapide. Genetiker sind überzeugt: Die Pest hatte gewütet, die zuvor noch in der Schwarzmeersteppe umgegangen war. © AKG Images / De Agostini Picture Lib. / G. Dagli Orti (Ausschnitt)

Irgendetwas Dramatisches muss vor rund 5000 Jahren in Mitteleuropa geschehen sein, vielleicht auch schon einige hundert Jahre zuvor. Nur so viel ist sicher: Für die Zeit von 3500 bis 2800 v. Chr. haben Archäologen kaum Bestattungen dokumentiert. Auch Spuren großer Siedlungen fehlen. Es scheint, als seien zuvor kultivierte Landschaften schlagartig menschenleer geworden. Nichts deutet dabei auf kriegerische Ereignisse oder gewaltsame Konflikte unter den neolithischen Bauern hin. Archäologen rätseln, was damals passiert ist.

Neue genetische Untersuchungen legen nahe, dass der Schlüssel zu diesem Rätsel im Osten Europas liegen könnte. In den weiten Landschaften vom Ural bis zu den Karpaten und zum Kaukasus im Süden lebten damals mobile Viehzüchter, die auf ihren gezähmten Pferden Rinder, Schafe und Ziegen über die Steppen getrieben haben. Von dieser so genannten Jamnaja-Kultur kennen Archäologen bis heute praktisch keine Siedlungen. Nur Gräber. Hunderttausende von Grabhügeln, die vorwiegend aus der Zeit von vor 3600 bis 2300 v. Chr. stammen.

In einigen Jamnaja-Gräbern entdeckte Johannes Krause jüngst Hinweise, die ein neues Licht auf die Ereignisse in Mitteleuropa werfen: Der Direktor der Abteilung für Archäogenetik am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena und sein internationales Team fanden heraus, dass einige der Toten eine frühe Form des Pestbakteriums in sich trugen. Die Forscher fragten sich, ob es nicht sein könnte, dass der Erreger auch nach Mitteleuropa gelangt war.

Der Weg der Pest nach Europa

Der bislang älteste Nachweis von Yersinia pestis ist rund 4900 Jahre alt und stammt aus einem Grab im russischen Nordwestkaukasus. Weitere, nur unwesentlich jüngere Spuren des Erregers fanden die Forscher im Altai-Gebirge, sie sind 4800 Jahre alt. Genetisch sind die Bakterien eng miteinander verwandt. »Noch kennen wir den tatsächlichen Ursprungsort für die Steinzeitpest nicht, wahrscheinlich lag er in Zentralasien«, sagt Krause. »Wir wissen aber, dass die Erreger erstmals vor rund 5500 Jahren auftauchten.« Das ergaben molekulargenetische Berechnungen. Anhand der Mutationsrate des Krankheitskeims können die Forscher dessen Abstammungsgeschichte rekonstruieren. Darüber hinaus stellte Krause fest: »Alle bekannten Typen dieses Bakteriums gehen genetisch auf einen gemeinsamen Vorfahren zurück.« Inzwischen haben Forscher für die Bronzezeit die Bakterien in ganz Europa nachgewiesen, von der Iberischen Halbinsel bis zum Baikalsee. »Die Steinzeitpest war die erste Pandemie der Menschheitsgeschichte«, sagt Krause.
Von Mensch zu Mensch übertrug sich die Steinzeitpest vermutlich über Tröpfcheninfektion – eine Lungenerkrankung, die noch gefährlicher war als die spätere von Nagetieren übertragene Beulenpest
Der dänische Archäologe Kristian Kristiansen von der Universität Göteborg vertritt eine andere Theorie. Er setzt den Ursprung der Steinzeitpest bereits vor etwa 5800 Jahren an. Zu jener Zeit lebten die Menschen der so genannten Cucuteni-Tripolje-Kultur in der Region der heutigen Ukraine. Sie gründeten dort bis zu 15 000 Einwohner fassende Megasiedlungen, die »möglicherweise auf Grund der Pest«, so Kristiansen, noch im 4. Jahrtausend v. Chr. niedergebrannt wurden. Von dort habe sich der Erreger nach Westen ausgebreitet, davon ist der Forscher überzeugt.

Der bislang einzige frühe Nachweis des Pesterregers bei Menschen außerhalb der Jamnaja-Kultur stammt aus Westschweden: Es handelt sich um eine Grablege mit zahlreichen Skeletten mittelneolithischer Bauern aus der Zeit um 2900 v. Chr. Kristiansen nennt den Fund die »Mutter aller späteren Pesterregerstämme«, der einen großen Teil der neolithischen Bevölkerung vom Norden Europas ausgehend auslöschte. Dieses Ereignis habe am Ende der Steinzeit um 2800 v. Chr. einen radikalen Umbruch eingeleitet: Es hätte für die Steppenreiter den Weg nach Europa geebnet. Sie hätten demnach von der Pest profitiert, sie aber nicht eingeschleppt. Johannes Krause widerspricht dieser Idee. Für ihn fehlen immer noch stichhaltige Belege. »Das ist genetisch ein völlig anderer Peststamm, der für die steinzeitliche Pandemie in Mitteleuropa keine Rolle spielte«, sagt Krause. Zudem sei Yersinia pestis bisher in den Siedlungen der Cucuteni-Tripolje-Kultur nicht nachgewiesen.
Der Stammbaum des Erregers
Die todbringenden Bakterien spalteten sich einst vom harmlosen Bakterium Yersinia pseudotuberculosis ab und wurden vor rund 30 000 Jahren in Nagern heimisch – bis sie vermutlich irgendwo in den eurasischen Steppenlandschaften von den Tieren auf den Menschen übersprangen. »Die genauen Übertragungswege kennen wir noch nicht«, sagt Krause. Zehntausende von Jahren war der Mensch zwar potenzieller Wirt, aber kein besonders viel versprechender. Denn innerhalb einer Gruppe Jäger und Sammler konnte er sich zwar verbreiten, doch er hatte nur wenig Gelegenheit, auch andere der weit umherziehenden Wildbeutergemeinschaften zu infizieren. Erst mit dem vermehrten Kontakt zwischen Menschengruppen und dem engeren Zusammenleben mit domestizierten Tieren, die ein Erregerreservoir gebildet haben könnten, änderte sich das.

© Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt / Juraj Lipták (Ausschnitt)

Schleifarbeit | Die geschliffene Axt aus Schiefergestein ist charakteristisch für die Schnurkeramikkultur des 3. Jahrtausends v. Chr. Der Fund stammt aus Mitteldeutschland.
Nur welches Tier käme als Zwischenwirt in Frage? »Wir haben hier die Vorläufer der Przewalski-Pferde im Verdacht, auf denen die Steppenreiter tagtäglich unterwegs waren«, sagt Krause. Lange Zeit war die Forschergemeinschaft davon überzeugt: Die heutigen Przewalski-Pferde in der mongolischen Steppe sind die letzten Wildpferde der Erde. Doch 2018 ergab eine Genstudie: Sie sind verwilderte Hauspferde, die Nomaden vor 5500 Jahren in der eurasischen Steppe gebändigt hatten. Aber diese Tiere waren nicht die Vorfahren unserer heutigen Pferde – bisher ist immer noch unklar, wo der Stammvater der Reittiere lebte. Vielleicht auch, weil die frühen gezähmten Steppenpferde vermehrt der Pest zum Opfer fielen? Krause zumindest hält einiges von dieser These.

Keine Beulen-, sondern eine Lungenpest

Von Mensch zu Mensch übertrug sich die Steinzeitpest vermutlich über Tröpfcheninfektion. Sie war also eine Lungenerkrankung, die sogar noch gefährlicher war als die spätere von Nagetieren übertragene Beulenpest, die sich über Flohbisse verbreitete. Kristiansen geht davon aus, dass sich die damalige Bevölkerung Europas von geschätzt acht Millionen Einwohnern mehr als halbierte.

Die Suche nach dem Schicksal dieser Menschen erhielt durch den jungen Zweig der Archäogenetik einen enormen Schub. Die neuesten Sequenzierungstechnologien erlauben es, schnell und kostengünstig die Überreste prähistorischer Menschen zu untersuchen. Für die Analyse uralter Genome brauchen Forscher nur wenige Milligramm Knochen- oder Zahnmaterial. Aus darin über Jahrtausende erhaltener DNA können sie nicht nur wichtige genetische Informationen über Herkunft, Augenfarbe oder Hinweise auf Laktoseintoleranz gewinnen, sie finden auch Spuren von Erregern wie Salmonellen – oder eben der Pest.

Das Pandemieszenario ist zwar nur eines von mehreren, denn auch ein Klimawandel könnte für schlechte Ernten und Hungersnöte bei den neolithischen Bauern gesorgt haben. Doch wo sind all die Toten hin? Gerade die geringe Zahl von Skelettfunden zwischen 3500 und 2800 v. Chr. wertet Krause als Indiz, dass die Pest wütete. »Vielleicht fingen die Menschen in dieser Zeit an, ihre Toten zu verbrennen, um so der Gefahr aus dem Weg zu gehen, die von den Leichen ausging«, vermutet Krause. Oder sie ließen die todbringenden Körper einfach liegen, ohne sie zu bestatten.

Männer sind nicht mehr die, die sie mal waren

Archäologische Nachweise für diese Theorie gibt es noch keine, doch die Genetiker spürten einen weiteren Hinweis auf: »Wir sehen in den genetischen Daten, dass es vor rund 5000 Jahren praktisch einen kompletten Bevölkerungsaustausch in Mitteleuropa gegeben haben muss – vor allem bei den Männern«, sagt Krause. Die Gene der Jamnaja-Kultur verdrängten in Europa bis zu 95 Prozent des Erbguts der männlichen Bevölkerung. Der große Teil heute lebender männlicher Mitteleuropäer trägt ein Y-Chromosom, das von diesen Steppennomaden stammt.
Was damals genau passierte, ist aus archäologischer Sicht immer noch ein Rätsel. Haben die berittenen Viehhirten den Tod nach Mitteleuropa gebracht, als sie vor rund 4800 Jahren in kleinen, mobilen Gruppen mit ihren Pferden und Wagen ankamen? Und waren sie selbst womöglich schon immun, nicht aber die einheimischen Bauern? Oder gibt es noch eine andere Erklärung?

© Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt / Juraj Lipták (Ausschnitt)

Schnurkeramik. Die Töpfer der späten Jungsteinzeit haben die Ornamente mit Schnüren in den Ton gedrückt, wie bei diesem kugeligen Becher mit zylinderförmigen Hals. Das Gefäß aus Sachsen-Anhalt ist typisch für die Schnurkeramikkultur.
Sicher ist: Die Reiter kamen – die Frage ist nur wann. »Für die Zeit von vor 5000 Jahren finden wir in Mitteleuropa keine Spuren der Jamnaja-Gruppen«, sagt Sabine Reinhold, Archäologin am Deutschen Archäologischen Institut in Berlin. Sie erforscht die Nomadenkulturen im Kaukasus. »Entweder haben sie keine archäologischen Spuren hinterlassen, oder der Kontakt fand indirekt über die einheimische Bevölkerung statt.« Die Nomaden lebten in den Steppen nördlich des Schwarzen und des Kaspischen Meeres in kleinen Gemeinschaften zusammen. Sie zogen mit ihren Herden im Umkreis von maximal 80 Kilometern durch die Region und sammelten sich immer wieder in riesigen Zeltlagern. Die Gruppen kamen dabei in Kontakt, tauschten Waren und Wissen aus, erklärt Reinhold. Darüber hinaus waren die berittenen Nomaden stets in der Lage, sich rasch miteinander in Verbindung zu setzen.

Kam der Erreger vor der Einwanderungswelle?

Zu der Frage, ob und wann die Reitervölker die Pest nach Westen trugen, verfolgt die Archäologin eine interessante Spur: »Es gab offenbar bereits vor 5500 Jahren einen intensiven West-Ost-Austausch.« In einigen Steppenbewohnern der Jamnaja-Kultur fanden sich genetische Spuren von Menschen aus Mitteleuropa. Offenbar waren die Bauern und Nomaden schon jahrhundertelang in Kontakt, handelten mit Gütern und Ideen, bevor die Steppenbewohner gen Westen strömten. »In dieser Zeit verbreiteten sich viele Innovationen, etwa der Wagen und die Bronzemetallurgie«, sagt Reinhold. »Über diese etablierten Netzwerke könnte sich auch der Erreger ausgebreitet haben.« Wenige Infizierte schleppten ihn dann womöglich bis nach Mitteleuropa.

In diesem Fall wäre das todbringende Bakterium den Reitern vorausgeeilt – und hätte Europa entvölkert. Die Jamnaja erhielten über die alten Netzwerke vielleicht Nachricht, dass es im Westen saftige Weiden ohne Siedler gab, und zogen los. »Die Dynamik der Pandemie könnte ähnlich verlaufen sein wie bei der Eroberung der Neuen Welt im 16. Jahrhundert«, vergleicht Krause. »Auch damals führte der Kontakt der indigenen Völker mit den Europäern zur Ausbreitung von Krankheiten und zu einem Bevölkerungskollaps.«

Geschlechtsspezifische Erkrankung

Womöglich hatten die Mitteleuropäer vor 5500 Jahren also einfach nur Pech? Weil für sie der Steinzeitpesterreger ansteckender und gefährlicher war – anders als für die Steppenbewohner? Dabei fällt auf, dass in Mitteleuropa vor allem Männer dahingerafft wurden. Wenn tatsächlich die Pest die Bevölkerung dezimiert hatte, dann waren die Männer aus irgendeinem Grund stärker durch das Bakterium gefährdet. »Solche unterschiedlichen Anfälligkeiten gab es immer wieder«, bestätigt Krause. »Auch bei Covid-19 beobachten wir, dass Männer und Frauen unterschiedlich betroffen sind.«

Die Gene der Jamnaja-Kultur verdrängten in Europa bis zu 95 % des Erbguts der männlichen Bevölkerung

Krause könnte sich auch vorstellen, dass erst ein Pestausbruch in der Heimat viele Jamnaja dazu brachte, Richtung Westen und auch Richtung Osten zu ziehen. Anderer Meinung ist Kristiansen: Seines Erachtens seien die weiten Wanderungen kulturbedingt gewesen. So sah die Gesellschaft der Jamnaja-Verbände vor, dass jeweils der älteste Sohn den Besitz erbte. Das zwang alle anderen Männer dazu, alternative Wege einzuschlagen. Sie wurden Krieger, Hirten und Kolonisten, davon ist Kristiansen überzeugt. So hätten sich einige zu Banden zusammengeschlossen, die ihr Glück anderswo suchten. Die Pest bot ihnen die große Chance, in Mitteleuropa eine neue Existenz zu gründen und sich dort Frauen unter der einheimischen Bevölkerung zu suchen. »Sie waren fähige Krieger und behielten die Oberhand«, sagt Kristiansen. »Die einheimischen Männer wurden wahrscheinlich getötet.«

Allerdings gibt es in Mitteleuropa zu dieser Zeit keine Hinweise auf kriegerische Konflikte, sagt Sabine Reinhold. Ein derart massiver Einschnitt lasse sich so nicht erklären. Kristiansens Thesen sind daher unter Archäologen sehr umstritten. Es gibt neueste genetische Untersuchungen aus der Schweiz, die zeigen, dass zumindest auf regionaler Ebene Einheimische und Einwanderer fast 1000 Jahre nebeneinanderlebten, berichtet ein Forscherteam um Anja Furtwängler von der Eberhard Karls Universität Tübingen. Die Schnurkeramiker mit Steppenvorfahren besetzten zwar große Teile Zentraleuropas. Daneben existierten jedoch über Hunderte von Jahren auch Gruppen ohne nomadische Ahnen. »Sie lebten möglicherweise in Alpentälern, die kaum Verbindungen zu anderen Regionen hatten«, sagt Johannes Krause, der ebenfalls an der Studie beteiligt war.

Eine neue Welt wird geboren

Insgesamt erlebte Mitteleuropa in dieser Zeit einen enormen Kulturschub. Ob der große Wandel allein durch die Zuwanderung oder auch durch den Austausch zwischen unterschiedlichen Kulturen ausgelöst wurde, ist schwer zu klären. Doch das Leben veränderte sich drastisch. Zuvor hatten die neolithischen Bauern in Dörfern gelebt und auf gemeinschaftlich bewirtschafteten Feldern vorwiegend Emmer und Einkorn angebaut. Nun wohnten die Menschen auf Gehöften und in Weilern. Kristiansen spricht von einer »sehr viel individualistischeren Kultur, die um Kernfamilien organisiert ist«.

Opfer der Beulenpest. Die Überreste dieser zwei Menschen sind zirka 3800 Jahre alt. Als die beiden starben, waren sie mit der Beulenpest infiziert. Das Grab aus der Samara-Region im Süden Russlands liefert damit den ältesten bekannten Nachweis für den von Flöhen übertragenen Pesterreger.
Die verringerte Siedlungsgröße könnte eine Reaktion auf die Pesterfahrungen gewesen sein, denn gerade das enge Zusammenleben in Dörfern hätte den Ausbruch einer Epidemie begünstigt. Auch Lebensstil und Essgewohnheiten wandelten sich: Die Bauern züchteten vermehrt Rinder, aßen mehr Fleisch, Milch und Käse. Mit den Einwanderern verbreitete sich zudem die Fähigkeit, den Milchzucker Laktose abzubauen. Dass in weiten Teilen Europas eine neue Bevölkerung weilte, erkennen Archäologen auch an der Art, wie die Menschen ihre Haushaltsgefäße gestalteten. Sie verzierten ihre Keramikbehälter mit einem Schnurmuster. Nach diesem Detail haben Forscher der gesamten Kultur ihren Namen gegeben: Schnurkeramiker. Die Neuankömmlinge benutzten zudem andere Waffen als die ansässigen Bauern, nämlich steinerne Streitäxte. Und es wandelten sich die Grabsitten: Die Menschen legten ihre Toten zwar immer noch in Seitenlage ins Grab, doch betteten sie Frauen auf die linke und Männer auf die rechte Körperflanke. Die Reiternomaden aus der Steppe hatten das Leben in Europa nachhaltig verändert, denn mit ihnen hielt auch die indoeuropäische Sprache Einzug auf dem Kontinent.

Nach dem Drama der ersten Pestpandemie folgte einer der größten Umbrüche in der frühen europäischen Geschichte – seine Spur zieht sich bis in die Gegenwart. Zwar verschwand der Erreger der Steinzeitpest vor rund 3500 Jahren, aber offenbar wurde er von einem nahen Verwandten verdrängt: der Beulenpest. Krause und sein Team identifizierten die ältesten bekannten Opfer in einem Grab in der russischen Samara-Region, das Alter: 3800 Jahre. Ebenjenes Bakterium wird wiederum Jahrtausende später erneut die Weltgeschichte dramatisch prägen.

Aber das ist eine andere Geschichte.