Worldwide Reading for the Dead of the Pandemic on September 5th 2021

CALL

The international literature festival berlin [ilb] calls on individuals, schools, universities, cultural institutions and media to participate in a Worldwide Reading for the Dead of the Corona Pandemic on September 5, 2021. The reading is intended to commemorate those who died in the pandemic.
For more than a year, the world has been in the grip of the pandemic. Nearly three million people worldwide have died from Covid-19. Not a day goes by when we are not confronted with statistics and curves on current deaths and illnesses. Yet, it often remains abstract numbers.

The individual person and the individual stories behind them are hardly present in the public perception. Illness, death and grief have become largely invisible due to precautionary measures. Many people die alone, behind closed doors, and are buried in small circles. In many cases, there is no way for relatives and friends to say goodbye – and if they do, it is at a distance or in a digital setting. 

Literature has the potential to give expression to this situation, to counter isolation at least through reception. It finds narratives away from the everyday images of horror, tells of loss from different perspectives, and helps to make the incomprehensible tangible, the intangible comprehensible.
Readings can take place anywhere, including privately in a small circle, in a school, in a cultural institution or on the radio. People who would like to participate with a reading on September 5, 2021 are asked to send us the following information: Organizers, venue, time, participating actors, event language, link to your website if applicable.
The email address is: worldwidereading@literaturfestival.com

The ilb has published first texts for the reading on the website, further are following soon in various languages. All readings will be announced there and on social media.
Weltweite Lesung für die Toten der Pandemie am 5. September 2021
Aufruf

Das internationale literaturfestival berlin [ilb] ruft Einzelpersonen, Schulen, Universitäten, Kultureinrichtungen und Medien dazu auf, sich am 5. September 2021 an einer Weltweiten Lesung für die Toten der Pandemie Corona zu beteiligen. Mit der Lesung soll an die Toten der Pandemie erinnert werden.

Seit mehr als einem Jahr wird die Welt von der Pandemie heimgesucht. Fast drei Millionen Menschen sind weltweit an Covid-19 gestorben. Kein Tag vergeht, an dem wir nicht mit Statistiken und Kurven über aktuelle Todesfälle und Krankheiten konfrontiert werden. Doch oft bleiben es abstrakte Zahlen. Der einzelne Mensch und die individuellen Geschichten dahinter sind in der öffentlichen Wahrnehmung kaum präsent. Krankheit, Tod und Trauer sind durch Vorsichtsmaßnahmen weitgehend unsichtbar geworden. Viele Menschen sterben allein, hinter verschlossenen Türen, und werden im kleinen Kreis beerdigt. In vielen Fällen gibt es für Angehörige und Freunde keine Möglichkeit, sich zu verabschieden – und wenn doch, dann aus der Ferne oder in einem digitalen Umfeld.

Literatur hat das Potenzial, dieser Situation Ausdruck zu verleihen, der Isolation zumindest durch Rezeption entgegenzuwirken. Sie findet Erzählungen abseits der alltäglichen Schreckensbilder, erzählt vom Verlust aus verschiedenen Perspektiven und hilft, das Unfassbare greifbar zu machen.

Lesungen können überall stattfinden, auch privat im kleinen Kreis, in einer Schule, in einer Kultureinrichtung oder im Radio. Menschen und Institutionen, die sich mit einer Lesung am 5. September 2021 beteiligen möchten, werden gebeten, uns folgende Informationen zukommen zu lassen: Organisator*innen, Ort, Zeit, teilnehmende Akteure, Veranstaltungssprache, ggf. Link zu Ihrer Website.

Die E-Mail Adresse lautet: worldwidereading@literaturfestival.com

Das ilb hat erste Texte für die Lesung auf der Website veröffentlicht, weitere folgen bald in verschiedenen Sprachen. Die Lesungen werden dort und in den sozialen Medien angekündigt.

Blutbrüder (7)

Anne Schmidt

11. Der Psychologe

Jahnke nimmt am nächsten Tag den 2. Aktenordner zur Hand. Der Psychologe, Herr Tuncay, hat einen langen Bericht geschrieben. Er hatte verschiedene Tests mit Arne gemacht, denn sagen wollte der Junge nichts. Erst als Tuncay ihm die Analyse  der Tests mitteilte, hatte Arne sich ihm unter Tränen offenbart. Tuncay veranlasste, dass Arne nicht vor Gericht aussagen musste, sondern sein Bericht in der Verhandlung als Ersatz anerkannt wurde.

Felix und Kai verweigerten die Aussage. Aufgrund des Berichtes wurde Krause zur verpflichtenden Teilnahme an einer Therapie und zu einem Wechsel der Schule verurteilt. Ein Berufsverbot konnte, nach Meinung der Richter, nicht ausgesprochen werden, da kein angebliches Opfer vor Gericht aussagen wollte.

Als Kai aus dem kühlen Gerichtsgebäude in die knallige Sonne draussen trat, wartete Tuncay schon auf ihn. “Schade, dass Du nicht ausgesagt hast. Ich bin sicher, Dein Lehrer hat Dich ausgenutzt. Arne hat mir genug erzählt, um zu wissen, dass Du sein Hauptopfer warst. Ich habe ein Zimmer für Dich in einer betreuten Wohngemeinschaft. Wenn Du willst, kannst Du sofort mit mir hingehen.”

Kai sah Krause aus dem Gerichtsgebäude kommen und ihm heimlich einen Wink geben. Er drehte sich abrupt zu Tuncay und folgte ihm nach Neukölln. Kai bekam das Zimmer eines Jungen, der mit Crack erwischt worden war. Weil er als Wiederholungstäter galt, wurde er zum Entzug in eine Klinik eingewiesen. Kai betrat das Zimmer mit Widerwillen: Alles war ungepflegt und schmutzig. Er musste stundenlang lüften, um den abgestandenen Geruch zu verdrängen. Die drei anderen Jungs in der WG liefen nur mit Basecaps auf ihren kurz geschorenen Schädeln herum, ließen ihre Jeans bis auf die Po-Ritze hängen und begrüßten sich gegenseitig im “Gangsta-Slang”. Sie sprachen nur in Halbsätzen, nie über Probleme oder Gefühle, sondern versuchten in Sprache, Mimik und Gestik ihre Coolness zum Ausdruck zu bringen.

Einmal in der Woche gab es ein Kreisgespräch mit Herrn Tuncay oder einem anderen Psychologen. Dann saßen die Jungs ernst und auffällig harmlos blickend auf ihren Stühlen und erzählten – mal leise und stockend, mal laut und aufbegehrend von kleinen Scharmützeln in der Schule.

Von ihren nächtlichen Ausflügen erzählten sie natürlich nie. Kai passte sich bald seiner unmittelbaren  Umgebung an, in Aussehen, Sprache und Verhalten. 

12. Abwärts

Er hatte sich seiner Umgebung so gut angepasst, dass auch er nachts auf den Straßen von Neukölln herumlungerte. Gegen die Angst, die ihn manchmal überfiel, und gegen die würgenden Erinnerungen brauchte er ein bisschen Kokain; von Koks war er bei Krause schon fast abhängig geworden, aber er konnte es sich nicht leisten, wenn er nicht auf den Strich ging. Am einfachsten und billigsten war Crack zu besorgen. Seine WG-Kumpel kannten zwei Tschechen, die das Zeug in ihrer Küche mixten. Es war so billig, dass er es von seinem Taschengeld kaufen konnte, wenn er sich sonst nichts Aussergewöhnliches leistete.

Inzwischen hatte er die 10. Klassenstufe der Gesamtschule abgeschlossen, aber ohne “Mittleren Schulabschluss”. Sein sehr bemühter Arbeitslehre-Lehrer hatte ihn überredet, sich an einem OSZ anzumelden, um die “Mittlere Reife” nachzuholen.

Da Kai keinen Plan für sein weiteres Leben hatte, und das Sozialamt die Kosten für seinen Lebensunterhalt übernahm, solange er sich in einer schulischen Ausbildung befand, willigte er ein. Er ließ sich eine Lebensbahn hinuntertreiben, von der er nicht wusste, wo wie sie enden würde.

Er döste in den Tag hinein und aus dem Tag wieder hinaus in eine von Monstern bedrohte Nacht.

Fortsetzung in einer Woche

Talma Sutt und die Welt

Michał Talma-Sutt

Perpetuum Kontinuum

Kein Rondo heute, was es geben wird, wird aber kürzer sein.

Ich muss jedoch auf meinen letzten Artikel noch mal eingehen. Diejenigen, die ihn gelesen haben, werden zweifellos bemerkt haben, dass er ein kleines Theaterstück beinhaltete. Mit Elon Musk in der Hauptrolle und Kryptowährungsfans als (da)Nebendarsteller. Ich gehe irgendwie davon aus, dass Musk den Artikel nicht gelesen hat. Wer bin ich schon? Ein armer Komponist, der sich irgendwie nicht nur für Musik interessiert. Ich habe vor drei Wochen auch geschrieben, dass die ganze „Bitcoin und andere Coins“ Geschichte nicht so lala super ganz ökologisch ist.

Und Trallala, oder Hopsasa, kurz danach plagten Elon Musk Umweltbedenken, und Tesla auf einmal alle Zahlungen mit dem Bitcoin stoppte. Was auch bedeutet hat, dass der Aktienkurs von Bitcoin deutlich nach unten sank. Dass Tesla soviel Geld im letzten Quartal verdient hat, liegt nicht daran, dass seine Firma sehr viele E-Autos verkauft hat. Fast ein Viertel des Gewinns hat seinen Ursprung ganz woanders. Haben Sie richtig geraten von wohin? Sehr einfach, es waren die Spekulationen mit Kryptowährungen auf der Börse.

Also, ich komme irgendwie nicht umhin, das komische Gefühl zu haben, dass Elon Musk versucht meine kleine theatralische Spielerei (von vorher) gewissermaßen zu vertiefen, bzw. zu erweitern. Desto mehr, dass kurz nach der Trennung, seitens Tesla, von Bitcoin, hat Musk andere Kryptowährung hochgepriesen, den Dogecoin, der, nebenbemerkt, ursprünglich als eine Parodie auf Bitcoin von seinen Schöpfern (Billy Markus und Jackson Palmer) konzipiert wurde.

Also kann ich ganz sicher wiederum auch nicht sein, vielleicht hat er doch mein Artikel gelesen. Verdammt…

Beziehungsweise, hätte ich soviel Geld und Einfluss auf die Börse via Twitter, hätte ich auch wahrscheinlich auf irgendwelche Coins gesetzt. Ich verkaufe und twittere etwas, der Kurs fällt, ich kaufe und twittere was anders, der Kurs steigt, ich lasse es in schleife laufen – eine finanzielle Perpetuum Mobile, genial, oder?

Trotzdem, ich werde nicht unbedingt auf Mars fliegen. Obwohl ich Star Wars mag, letztendlich bin ich mit den Filmen aufgewachsen, die romantische Vorstellung, dass man von einem Planeten auf Anderen irgendwie fliegt, und alles Butter, überzeugt mich nicht ganz. In Wirklichkeit, jeder Planet hat doch andere Masse, andere Gravitationskraft, andere eigene Achsendrehung, andere Zeit seiner Sonne Umdrehung. Da kann es schon sein, dass man sich ganz anders fühlt, kann auch sein, dass es sich um ein Unwohlsein handeln könnte. Um die kosmische Strahlung nicht zu erwähnen. Neben bemerkt, ist sie noch 2,5-mal grösser als auf die ISS. Auf der Erde wir sind davon ziemlich gut geschützt, wegen des globalen Magnetfeldes, welches unser Planet besitzt, Mars hat sowas nicht.

Ob Elon Musk hat wiederum ein Sinn für Humor, ist mir unbekannt. Sein Kumpel, Jeff Bezos, jedoch hat ihn sicher, nach seinem charmanten Lächeln (beide treten, d.h. Jeff und sein Lächeln, auch in Nebenrollen in meinem Theaterstückchen auf) zu beurteilen. Er hat sich neulich eine Mega-Yacht für mehr als 500 Millionen Dollar gekauft. Funny, nicht wahr?

Übrigens, das Geschäft boomt, nur im ersten Quartal dieses Jahres wurden 222 Luxusyachten weltweit verkauft. Ein Jahr davor waren es vergleichsweise 106, 2019 nur 96. Was für Zeiten…

Aber letztendlich haben wir Pandemie, also die größte Weltkrise seit sehr, sehr langer Zeit. Für Manche, für Manche aber nicht. In letztem Jahr ist der Welt-Klub der Milliardäre kräftig gewachsen, um 660 Glücklichen (insgesamt sind jetzt 2755 Superreichen weltweit vorhanden). Das Vermögen dieser Bürger hat sich auch von 8 bis auf 13,1 Billionen Dollar aufgestockt, laut Forbes Magazine. Eine Krise? Welche Krise? Jeffs Lächeln ist berechtigt, und dabei so zauberhaft…

Außerdem sagen doch die Politiker immer: „we must grow“, oder nicht? Kein Wunder, dass Manche es ernst nehmen.

Wenn wir dann wieder bei der Politik landen, werde ich ein bisschen Regional bleiben. Falls man die Bertelsmann Stiftung dem Glauben schenken darf, es sieht so aus, dass die allgemeine Wechselstimmung deutscher Bürger/innen sich in Rekordhöhen befindet. Die aktuellen Trends ihres Demokratiemonitors sagen, dass über 60 % der Leute sich einen Wechsel der Bundesregierung wünschen, nur jede/r achte der Befragten denkt, dass es nicht gut wäre.

Es wundert mich nicht, nach 12 Jahre GroKo, wo die Kompromisse sich eher als Barrikaden auf der Weiterkommenstr. gestapelt haben, da kann man sich schon was anderes wünschen. Nach wie vor, denke ich, dass es die Grünen sein werden könnten, die diesen Wunsch der Leute nach etwas Neuen verkörpern.

Egal wer der Wahl gewinnt, die Aufgaben werden enorm sein, für jede Regierung. Vielleicht begreift die Welt der Politik endlich, dass wir tatsächlich in der Umbruchzeit leben. Nicht nur wegen Klima-Probleme, was natürlich als Priorität zu betrachten ist. Hauptsächlich jedoch, des Digitalen und Hochtechnologischen Zeitalters wegen, welches immensen Einfluss auf alles hat und dabei immer schneller wird, aber auch vielleicht uns retten kann. Die NASA hat auf Mars vor kurzem Kohlendioxid in Sauerstoff umgewandelt, was sie schon sicher auf unserem Planeten auch schon mal ausprobiert hat. Was daraus sich lesen liest; die Technologie ist da, sicher noch nicht so weit, aber…

Na ja, in Deutschland, mit dem Schulsystem (ich befürchte, Universitäten inklusiv), welches eher vor Gestern ist, wäre es schwierig, den Nachwuchs für NASA zu beschaffen, aber wer weiß?

Zeit für Wechsel, viel- und weitsichtlich, eigentlich die höchste Zeit.

Wie unsere Welt aussehen kann, falls wir nichts ändern werden, kann man in einem Buch lesen, den ich gerade als Lektüre habe. Es ist ein Thriller, über den ich noch vielleicht ein extra Artikel schreiben werde. Mit sehr starken Forecast–Elementen. Keine schöne Zukunft. Zur Beruhigung, das Geschehen geschieht im Jahre 2030, eher unwahrscheinlich, ich werde es auf Jahr 2050 schätzten…

Nun sollte es kurz Heute sein, also am Ende, ein kleines Zitat aus dem Terminator, einen Film mit Arnold Schwarzenegger (der neulich, auf Grund der „Cancel Culture“, seinen Namen auf Arnold Dunkeldunkelhäutige ändern musste): „ich komme wieder“.

English

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Polski

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Blutbrüder (6)

Anne Schmidt

9. Jahnke

Jahnke schiebt Kai die Banane zu. Er malt Spiralen in sein Heft und ist so vertieft in seine inneren Bilder von Drogenmissbrauch und dessen Wirkung auf Willenskraft und Skrupelabbau, dass Kai schon die halbe Banane gegessen hat, als Jahnke endlich fragt: “Hast Du Dich von Deinen Freunden verraten gefühlt?” Kais Kopf sinkt auf die Tischplatte und er beginnt mit einem dumpfen Laut, der aus seinem tiefsten Innern zu kommen scheint, zu weinen.

Jahnke schreckt zurück. Er hat noch nie einen Delinquenten zusammenbrechen sehen, auch nicht bei einer niederschmetternden Urteilsverkündung.

Hilflos streckt er eine Hand aus, um Kais freie Hand zu ergreifen, besinnt sich aber darauf, dass er ein Mann ist und jede Berührung von ihm unabsehbare Folgen haben könnte. Er beschränkt sich darauf, ein Taschentuch zu Kai hinüber zu schieben. Er versucht, sich vorzustellen, wie enttäuscht ein Mensch sein muss, wenn er sich mit seinem tiefsten Kummer an niemanden wenden kann, wenn er erkennen muss, dass auch seine angeblichen Freunde nichts von seinen Problemen wissen wollen. Vielleicht hat ihm sogar jemand zu verstehen gegeben, dass er selber an seinem Zustand schuld sei, dass er nur nach Hause zu gehen brauche, um seine Abhängigkeit zu beenden. Aber hätte Kai in seine unwohnliche Laube zurückkehren können, ohne die Erlaubnis des Jugendamtes?

Jahnke steht auf und klopft an die Tür. Kai schneuzt sich und wischt sich die Tränen ab. Er würdigt das letzte Stück Banane keines Blickes, sondern lässt sich willenlos von Rothers, der nach dem Klopfen eingetreten ist, die Hände ebenso willenlos auf dem Rücken fesseln.

Jahnke kramt in seiner Tasche und fördert ein Taschenbuch zutage; es ist ein Gedichtband mit tragisch-komischen Gedichten von Ringelnatz; Jahnke hatte lange überlegt, wieviel Intellekt oder Tragik er dem Jungen zutrauen könne, war von Hesse zu Trakl geschwankt, hatte “Der junge Törless” in die Hand genommen und die Erinnerungen eines Schülers aus der Odenwaldschule. Aber der Zweifel, dass ein Roman über Missbrauch seinen jungen Mandanten erleichtern könne, hatte ihn zu den Gedichten aus Ringelnatz’ Berliner Zeit greifen lassen.

Als Jahnke draussen in seinem Wagen sitzt, nimmt er sich vor, Kais frühere Freunde zu besuchen. Einer von ihnen hatte damals seiner Mutter von den Annäherungsversuchen seines Lehrers erzählt. Er war zum Prozess gekommen und Krause war zu einem Jahr auf Bewährung und zu einer Therapie verurteilt worden. Ausserdem wurde er an eine Schule in einem anderen Bezirk versetzt.

In Jahnkes Büro wartet nur seine Sekretärin auf ihn, sodass ihn nichts daran hindert, gleich die nötigen Anrufe zu tätigen, um  Akteneinsicht zu erhalten.

Im Archiv des Gerichtes sind schon die angeforderten Akten bereitgelegt, als Jahnke nach einem  frugalen Mittagessen dort ankommt. Er darf sie nicht mitnehmen, aber inzwischen gibt es eine lichtdurchflutete Leseecke mit bequemen Sesseln im Archiv. Er dankt kurz der freundlichen Archivarin und lässt sich gedankenverloren in einen der Sessel fallen. Die 1. Akte enthält hauptsächlich sachdienliche Hinweise zur Klägerin, ihrem minderjährigen Sohn Arne, dem Angeklagten und den zwei Freunden von Arne, Felix und Kai. Die Anklage, die auf sexuellen Missbrauch lautete, wurde vom Angeklagten vehement zurückgewiesen. Im Gegenteil: Der Anwalt des Angeklagten beschuldigte die Mutter von Arne, sich an Krause rächen zu wollen, da er ihrem Sohn nicht die gewünschte Zeugniszensur in Mathematik gegeben habe. Da Arne selbst nicht sehr gesprächig war, sich sogar in Widersprüche verstrickte, entschied der Richter, den Prozess zu unterbrechen und Arne von einem Psychologen befragen zu lassen. Bevor der Psychologe einen Bericht erstattet habe, wollte der Richter auch die zwei Zeugen nicht vernehmen. Herr Krause wurde, da keine Fluchtgefahr bestand, bis zur Fortsrtzung des Prozesses nach Hause entlassen.

Das Jugendamt wurde von dem Prozess unterrichtet und gebeten, Kai einen Platz in einer betreuten Wohngemeinschaft zu besorgen.

Da im Moment alle betreuten WGs voll waren, musste Kai zurück in Krauses Wohnung gehen, denn noch war Krauses Schuld nicht bewiesen.

10. Krauses Frau

Krauses Frau, die esoterische Kurse gab, sollte sich um Kai kümmern. Kai hätte beinahe laut gelacht, als er von dieser Scheinlösung hörte, denn bisher hatte diese Frau sich nie für das Treiben ihres Mannes in der gemeinsamen Wohnung interessiert. Kai roch immer die Haschischwolken, die aus ihrem Zimmer kamen und sah sie manchmal mit glasigem Blick in der Küche hantieren. Diese Frau als Schutzpatronin für ihn auszusuchen, dünkte ihn mehr als ein Treppenwitz. Als Krause mit Kai die Wohnung betrat, war sie gerade in der Küche. “Wie war`s?”, fragte sie mit unstetem Blick.

Krause erklärte ihr mit süffisantem Grinsen, welche Verantwortung nun auf ihr laste und fügte hinzu: “Keine Angst, ich mach das schon. Gib uns etwas von Deinem Haschisch ab, dann wird Kai ein bisschen entspannter.” Da Kai nicht rauchte, fing er nach dem ersten Zug heftig an zu husten. Krause amüsierte sich, klopfte ihm auf den Rücken und meinte: “Koks zu sniffen ist einfacher, aber im Moment habe ich keines da.”

Kai wollte heimlich in Carlas Zimmer schleichen, aber Krause hielt ihn schmerzhaft am Arm fest. “Wir zwei machen jetzt eine kurze Strategiebesprechung. Du willst doch sicher nicht, dass ich in den Knast komme, oder?” Kai schüttelte den Kopf. Er wollte auf keinen Fall vor Gericht aussagen und seine Willfährigkeit zugeben müssen. Er würde kein Sterbenswörtchen über den sexuellen Missbrauch sagen, aber die Aussage von Felix musste er beeinflussen.

Felix hatte die Annäherungen von Krause immer geduldet und Kai vermutete, dass er schwul war. Aber Felix durfte nichts von den Umarmungen und Küssen verraten, weil dann seine eigene Aussage unglaubwürdig sein würde. Mit der Ausrede, Felix instruieren zu müssen, verschwand Kai mit leichtem Gepäck aus der Wohnung.

Fortsetzung in einer Woche

Zacznijmy od edukacji

Interview auf Deutsch:

Andrzej Grajewski rozmawia z profesorem Robertem Trabą o polsko-niemieckich podręcznikach do nauki historii

Andrzej Grajewski: Szefowa berlińskiego oddziału Instytutu Pileckiego Hanna Radziejowska zwróciła niedawno uwagę, że w ośmiu przeczytanych przez nią niemieckich podręcznikach do historii nie było słowa o terrorze i zbrodniach na polskiej inteligencji i ludności cywilnej, o powstaniu warszawskim, Polskim Państwie Podziemnym i rządzie na emigracji. Czy ten opis odpowiada prawdzie?

Prof. Robert Traba: Dziwi mnie, że zaczynamy rozmowę od wypowiedzi o faktach powszechnie znanych, pomijamy zaś milczeniem zamknięcie historycznego projektu pierwszego wspólnego polsko-niemieckiego podręcznika do nauczania historii. O mankamentach niemieckich podręczników publicznie mówiłem wielokrotnie, korzystając m.in. z analizy treści blisko 40 spośród nich. Wskazywaliśmy na brakujące w nich elementy opisu niemieckiej okupacji, eksterminacji polskich elit czy funkcjonowania Polskiego Państwa Podziemnego.

Wydarzeniem na skalę międzynarodową jest fakt, że wysiłkiem dwóch rządów przygotowywany był wspólny podręcznik. Zastanawiam się, dlaczego dzień po zakończeniu tego projektu PAP – główne medium informacyjne – wysyła do opinii publicznej wiadomość, że w sprawach podręcznikowych nic się nie zmieniło. Jakby komuś chodziło o sabotowanie naszej pracy, wykonanej, podkreślam, na zlecenie polskiego rządu.

Mówimy o podręczniku „Europa. Nasza historia/Europa – Unsere Geschichte”. W jakich okolicznościach powstał?

To wielki, realizowany od 12 lat projekt, którym kierowały ze strony państwa polskiego trzy ministerstwa oraz powołana do nadzoru merytorycznego Wspólna Polsko-Niemiecka Komisja Podręcznikowa. Żaden z kolejnych rządów tego projektu nie przerwał, zapewniając biorącym w nim udział ekspertom pełną wolność i niezależność. Dodam, że w 2012 r. opracowaliśmy „Zalecenia”, które w sposób zasadniczy zmieniają sposób opowiadania dziejów Polski i Niemiec. Wszystkie zostały zrealizowane w tym wspólnym, wspieranym przez oba rządy podręczniku.

Jaki jest status tego podręcznika?

Został zatwierdzony do użytku przez konferencję ministrów oświaty Niemiec. Nie ma federalnego ministerstwa oświaty, gdyż to kompetencja poszczególnych landów. Podręcznik został uznany w 15 landach, poza Bawarią, która stwierdziła, że za mało jest w nim elementów bawarskich. Pozostawię to bez komentarza. Ponieważ IV tom został zamknięty dopiero w czerwcu br., w Polsce trwa proces recenzyjny wszystkich czterech tomów, aby dopuścić go oficjalnie do nauki historii w polskich szkołach. Osobiście wierzę w pozytywne jego zakończenie. Mam nadzieję, że władze w obu krajach wesprą jego używanie. Akceptację dokonaną przez nauczycieli będziemy mogli ocenić dopiero za rok, kiedy będzie miał szansę jako całość wejść do użytku w szkołach. Żaden nauczyciel nie podejmie się używania podręcznika, jeśli nie ma kompletu, a ten stan osiągnęliśmy dopiero teraz.

Dalej: https://www.gosc.pl/doc/6655132

***
Robert Traba, historyk i politolog. Od roku 2007 do grudnia br. był współprzewodniczącym Wspólnej Polsko-Niemieckiej Komisji Podręcznikowej. W latach 2006–2018 kierował Centrum Badań Historycznych PAN w Berlinie. Obecnie profesor w Instytucie Studiów Politycznych PAN w Warszawie.

Wspólna Polsko-Niemiecka Komisja Podręcznikowa

Kommentarz profesora Michaela Müllera

Europa – unsere Geschichte. Ein Schulbuch für Deutsche, Polen und Europäer

Das in deutsch-polnischer Zusammenarbeit gerade fertiggestellte vierbändige Unterrichtswerk zur europäischen Geschichte ist das weltweit zweite in transnationaler Kooperation erarbeitete Schulbuch – und (hoffentlich!) das erste, das in der schulischen Unterrichtspraxis auch wirklich breit genutzt werden wird, in Polen, in Deutschland, vielleicht auch anderswo in Europa.

Das Projekt hat wiederum seine eigene Geschichte. Es geht zurück auf die langjährige Arbeit der Gemeinsamen Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission der Historiker und Geographen. Im Blick auf deren Erfahrungen und Kompetenzen haben die Außenminister Polens und Deutschlands unserer Kommission 2007 den Auftrag erteilt, ein gemeinsames Schulbuch für Geschichte zu erarbeiten. Das geschah dann in mehreren Stufen. Bis 2012 untersuchten Expert*innengruppen, welche Anforderungen ein solches Schulbuch in beiden Ländern je erfüllen mussten, und sie erarbeiteten genaue Empfehlungen für die inhaltliche und didaktische Gestaltung. 2012 wurden aufgrund einer öffentlichen Ausschreibung zwei Verlage mit der Realisierung beauftragt – der deutsche Verlag Eduversum und der bekannte polnische Schulbuchverlag WSiP (Wydawnictwo Szkolne i Pedagogiczne). Dann begann die Arbeit der deutsch-polnischen Autor*innenteams, unterstützt vom Expertenrat unserer Kommission. So wurden zwischen 2016 und 2020 sukzessive die vier Bände fertiggestellt.

Unsere Ziele werden in der Ansprache an die Schülerinnen und Schüler auf der Auftaktseite zu Bd. 1 erklärt. Es geht darum, dass junge Menschen „die europäische Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln“ kennen lernen, Wichtiges über die Geschichte auch unserer Nachbarn erfahren – und dadurch eben ein Verständnis dafür entwickeln, dass die europäischen Gesellschaften sehr unterschiedliche historische Erfahrungen gemacht haben, diese Erfahrungen zugleich aber immer eng miteinander verflochten waren.

Geschichte ist nicht einfach ein Archiv gesicherten Wissens über die Vergangenheit, schon garnicht etwas, was man in einer authoritativen, „objektiven“ Erzählung über Europa darstellen könnte. Es gibt Tatsachen (Ereignisse, Strkturen, Wandlungsprozesse), die genau zu rekonstruieren und zu dokumentieren die Aufgabe der Historiker*innen ist; sie sind dabei dem Prinzip der Objektivität und Wahrhaftigkeit verpflichtet. Eine ganz andere Sache ist jedoch, wie einzelne europäische Gesellschaften/Nationen, einzelne regionale, kulturelle und soziale Gruppen, ja auch einzelne Menschen die „große“ Geschichte je erfahren haben bzw. sich daran erinnern.

Jene „große“ Geschichte stellte und stellt sich den Menschen in Europa in Erfahrung und Erinnerung auf sehr unterschiedliche Weise dar. Es macht zum Beispiel einen gewaltigen Unterschied aus, ob man den deutschen Eroberungs- und Vernichtungskrieg gegen Polen im Jahr 1939 aus der Perspektive der Tausende zählenden Opfer unter der polnischen Zivilbevölkerung und deren Nachkommen wahrnimmt oder aus der der damals noch kaum vom Krieg betroffenen deutschen Bevölkerung. Ebenso macht es aber einen gewaltigen Unterschied aus, ob man die Erfahrungen von Flucht, Vertreibung und Zwangsumsiedlung aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten in den Jahren 1944/45 aus der Perspektive der betroffenen Deutschen oder aus der der polnischen Nachkriegsgesellschaft sieht. Dass Nationen, besondere Gruppen und auch Einzelne unterschiedliche historische Erinnerungen haben, ist legitim und sozusagen natürlich. Ebenso natürlich ist, dass sich an die jeweiligen kollektiven Erinnerungen sehr unterschiedliche Deutungen der Vergangenheit knüpfen – wenn auch nicht alle dieser Deutungen „legitim“ erscheinen mögen oder zumindest kontrovers sind.

Lernen über Geschichte muss in jedem Fall aber auf selbständiger, kritischer Urteilsbildung beruhen. Dem entspricht das Angebot verschiedener didaktischer Bausteine in dem Schulbuch. Neben der konventionellen Fakteninformation (Ereignisse, Strukturen, Begriffserklärungen) werden unter dem Stichwort „Blickwinkel“ unterschiedliche Deutungen der Vergangenheit miteinander konfrontiert. Sogenannte Methodenseiten geben Anleitung zum kritischen Umgang mit Quellen und Sekundärinformationen. Unter der Rubrik „Vergangenheit in der Gegenwart“ wird auf Spuren der Geschichte in unserer heutigen Lebenswelt aufmerksam gemacht und zu deren kritischer Wahrnehmung angeregt.

Die Initiator*innen und Verfasser*innen des vierbändigen Schulbuchs wünschen sich sich, dass es einen Beitrag zur Entwicklung einer Kultur der dialogischen Erinnerung in Europa leisten kann. Damit es dazu kommen kann, braucht es aber – wie Robert Traba (polnischer Ko-Vorsitzender der Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission bzw. der Projektgruppe Schulbuch) zurecht angemerkt hat – nicht nur wechselseitige Empathie, sondern auch die Bereitschaft, die „Polyphonie der nationalen Erinnerungskulturen“ als „dialogbereichernd“ anzuerkennen.

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Michael G. Müller, Professor für Geschichte an der Martin-Luther-Universität Halle, ehemaliger Ko-Vorsitzender der Gemeinsamen Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission und Ko-Vorsitzender des Expertenrats für die Projektgruppe Deutsch-Polnisches Schulbuch

Die längste Sekunde meines Lebens (Erkundung der Stadt)

Christine Ziegler

Die längste Sekunde meines Lebens, sagt man so.

Jetzt weiß ich, dass das stimmt. Dieses subjektive Gefühl, das so gar nichts mit dem zu tun hat, was rings um dich abläuft. In stiller Verwunderung stellst du fest, dass du jetzt bremsen musst und realisierst, dass das nicht stattfindet.

Und nun? Werde ich wieder aufs Rad steigen können?

Na ja, erst mal lernen, wieder ordentlich zu schreiben, eines nach dem anderen, nicht zu ungeduldig sein.

Berlin, Ende November, ein trüber Tag. Ich bin auf dem Heimweg von Steglitz, mit dem Rad. Woher kommt plötzlich dieses Auto vor mir? Falsche Frage. Warum hab ich nicht gebremst? Weiß ich nicht. Handschuhe zu dick? Sicht behindert? Einfach geträumt?

Der Blinker splittert. Irgendein Instinkt hat mich bewogen, das Rad noch am Auto vorbei zu lenken. Nicht dass da noch Platz gewesen wäre, da stand ja noch ein Auto auf dem Parkstreifen.

Woran hatte ich gedacht? Wie schön der Winterabend ist? Wo ich heute noch Briefmarken herbekomme? Was ich am Abend noch machen will? Ist auch alles weg aus meinem Kopf.

Die Hand erhoben, ein Versuch, den Aufprall noch abzufangen. Sieht erst mal erfolgreich aus. Ich komme zum Stehen.

Was ist das jetzt? Weshalb kann ich mit der Linken mein Rad nicht halten? Wie komme ich jetzt runter vom Rad?

Ab sofort geht nichts mehr ohne Hilfe. Der Rettungswagen wird gerufen, Polizei kommt hinzu, ich sitze verstört neben der Trage im roten Auto, die Rettungssanitäter als Hüter um mich herum. Nach einer Weile fahren sie mich ins Krankenhaus.

Das Rad bleibt zurück, angeschlossen an ein Straßenschild, die Nachbarin wird es später abholen.

Sie fädeln mich ein ins Hilfesystem, Daten werden aufgenommen, der Blutdruck gemessen, von irgendwo her kommt ein Kühlpad. Wie groß sind die Schmerzen auf einer Skala von null bis zehn? Was kann ich da sagen?

Nun denn. Erfahrene Rettungsleute sehen meinem Handgelenk schon an, was passiert ist, doch die Röntgenaufnahme bringt dann endgültig die genaue Auskunft: Bruch der Speiche direkt am Handgelenk.

Der Körper ist ein Wunder! Gleich nach dem Bruch fängt die Gesamtheit der Zellen schon an, aufzuräumen. Die Chirurgen helfen „nur“, dem Umbau ein bisschen Struktur zur Seite zu stellen. Wieso weiß so ein Knochen, wie er wieder zusammen kommen soll? Da kommen die Fresszellen und hauen weg, was an Durcheinander entstanden ist. Großes Räumkommando. Dann kommen die Aufbauer und wuchern erst mal wild vor sich hin, um die beiden Teile zu verbinden, ein Kallus entsteht. Erst später kommt Struktur in die Sache. Druck und Zug erzeugen die wunderbare Architektur des Knochens. Wo braucht es noch Material, wo kann es wieder weg.

Das geht nicht von heute auf morgen, jetzt die richtige Balance finden. Nicht überfordern, doch auch nicht nur stillhalten.

Wann sitze ich wohl wieder auf dem Fahrrad?

Eigentlich wollte ich doch eine Jubelgeschichte schreiben auf das Radfahren. Ein Emanzipationsgerät viele mutige Frauen haben davon profitiert. Jetzt muss ich einen Neuanfang wagen, den ich mir jetzt noch nicht vorstellen kann.

Das Radfahren kam nicht so leicht zu mir. Die ersten Übungen auf einer Terrasse, immer direkt auf die Treppe nach unten zu. Ich hatte schon auch Angst. Und irgendwann der Triumph, die Balance funktioniert, es braucht keine Halter und keine Stützräder. Ich fahre, ich fliege!

Ein Können, das erst mal nicht zum Zuge kam. Bis ich die Fähigkeit als Möglichkeit erkannte, mich vom unzulänglichen Busverkehr in der niedersächsischen Pampa unabhängig zu machen. Kampf gegen den Wind, der im Norden immer von vorne kommt. Nächtliche Touren, um die Freiheit auszubauen. Große Ermöglichung.

In der großen Stadt war damit erst mal Ende. So viel Verkehr, wie abschreckend. Und außerdem eine U-Bahn, die einen überall hinbringt, wie bequem.

Dann der gute Weg nach Wilmersdorf, der Verkehr konnte mir egal sein. Und ich hatte wenigstens ein bisschen Ausgleichssport.

Studium, der weite Weg nach Zehlendorf, kein Gedanke dran, das mit dem Rad zu bewältigen. Und sowieso musste ich immer noch Lektüre nachholen.

Sheffield, die großen Steigungen haben mich erst entmutigt, doch dann war es das beste Mittel, um durch die Stadt zu kommen. Bis das Rad unter die Räder gekommen ist, zum Glück ohne mich. Der Landlord hat es repariert, wie großartig!

Am Ende des Jahres die Tour durchs Land nach Harwich, um dort die Fähre nach Hamburg zu erreichen. Die Straßen gehörten mir, was für eine Freiheit.

Fahrrad im Urlaub, die Flüsse entlang. Der wunderbare Wechsel von Natur und Stadt, Staunen an Ökologie und Kultur.

Fahrrad für die kleinen Wege im Alltag. Kreuzberg liegt so manchmal doch noch in der Sackgasse, die Nachbarbezirke sind oft nur mit Umwegen erreichbar.

Die BVG hat mir wieder aufs Rad geholfen! Eine Woche Streik und ich musste doch nach Siemensstadt. Wieder eine Schneise durch Berlin gefunden, der großartige Weg über Charlottenburg und immer entlang der Spree. Freiheit!

Ja und wieder ein Rückschlag. Die Operation am Magen hat mich ängstlich gemacht, vom Rad wollte ich lange nichts wissen. Dann keine Zeit, dauernd anderes zu tun.

Ausgerechnet Corona hat mir wieder in den Sattel geholfen. Die Abstände waren einzuhalten, die U-Bahn war ein spooky place geworden. Freiheit und Genuss, die Gedanken machten Luftsprünge, das lüftete durch.

Ja, da schließt sich der Kreis. Jetzt ich bin sicher, ich werde wieder auf den Sattel steigen. Ich habe so oft wieder angefangen. Und jetzt weiß ich, was es mir Gutes getan hat.

Blutbrüder (5)

Anne Schmidt

8. Der Anwalt   

Kai lässt sich auf den Boden sinken, als sich ein Schlüssel im Türschloss dreht. Dabei verliert er einen Turnschuh, weil die Schnürsenkel fehlen; er musste sie abgeben wegen Suizidgefahr. Er kann sich zwar nicht vorstellen, wie man sich mit Schürsenkeln erhängen kann, aber in total depressivem Zustand sollen es sogar achtzig Kilo schwere Männer geschafft haben.

Rothers, der Wärter, den Kai am sympathischsten findet, kommt herein, grüßt kurz und fesselt Kais Hände auf dem Rücken. “Jahnke wartet,” sagt er, nimmt Kais Arm und schließt die Zellentür ab. Jetzt beginnt das Spießrutenlaufen, vorbei an den geifernden, schreienden und gestikulierenden Männern, die Kais Geschichte vom Personal oder von Besuchern erfahren und weiter verbreitet haben.

Der Schlächter mit dem Engelsgesicht oder das Mörderbübchen nennen sie ihn, wenn er an ihren Türen vorbeischleicht. Sie machen obszöne Bemerkungen, stecken ihre Zungen aus den Gitterfenstern oder sabbern ihre Finger ab. Kai versucht, nicht hinzuschauen, setzt einen Fuß vorsichtig vor den anderen, wenn er die Trppe hinuntergeht und zählt die Stufen.

Im Vernehmungsraum sitzt Jahnke. An seiner Kleidung erkennt Kai, dass der Frühling draussen Einzug gehalten haben muss: Jahnke trägt eine fliederfarbene Krawatte zum gelben Sakko. Er schaut geflissen freundlich von seinem Laptop auf, als Kai und Rothers eintreten.

Kai lässt sich ohne Aufforderung auf den Stuhl jenseits des Tisches fallen und stößt mit seinen Händen an die Rückenlehne. Jahnke nimmt aus seiner Aktentasche ein eingepacktes Käsebrötchen und eine Banane. “Für dich,” sagt er jovial und schiebt die Schrippe zu Kai hinüber. “Wahrscheinlich hast Du wieder nicht gefrühstückt, oder?” Kai nickt, obwohl ihm diese Empathie unangenehm ist. “Keine Angst,” sagt der Anwalt”, ich will nichts von Dir ausser ehrliche Antworten. Am besten ist es vielleicht, wenn ich Fragen stelle, während Du die Schrippe isst. Du beantwortest meine Fragen mit Kopfnicken oder Kopfschütteln”. Kai nickt, merkt, dass er das Brötchen nicht greifen kann und wirft einen hilflosen Blick auf den Wärter.

“Nehmen Sie ihm bitte die Handschellen ab und warten Sie draussen, bis wir hier fertig sind.”   Rothers schließt grummelnd die Handschellen auf und geht geräuschvoll hinaus.

Der Anwalt wartet, bis Kai den ersten Bissen geschluckt hat. Er zieht ein Heft aus der Tasche und beginnt seine Fragen und Kais gestische Antworten in einer Art Kurzschrift zu notieren.

“Deine Mutter hatte nicht viel Zeit für Dich und Deinen Bruder?”  Kai nickt.

“Am Anfang bist Du gern zu Herrn Krause gegangen?” Kai nickt wieder.

“Zuerst fandest Du es angenehm, dass Herr Krause besonders nett zu Dir war?” Kai schüttelt entrüstet den Kopf.

“Du bist nur zu ihm gegangen, weil Du bei ihm den Computer benutzen konntest?” Kai bestätigt. “Du warst nach einigen Wochen spielsüchtig?”

Kai nickt zögernd. Er kaut ganz langsam und nimmt nur kleine Bissen, damit er möglichst lange schweigen kann. Die Frage, warum er – trotz der sexuellen Belästigungen durch Krause – immer wieder zu ihm gegangen und schließlich sogar zu ihm  gezogen ist, kann und will er nicht beantworten.

Jahnke fragt weiter. “Hast Du Drogen genommen?” Na klar, ohne Kokain hätte er die schleimigen Küsse und die schmerzhaften Penetrationen gar nicht ausgehalten. Das Koks hat Krause besorgt, als er die Leidensmiene seines “Schützlings” nicht mehr ertragen konnte und sich etwas mehr Leidenschaft wünschte.

“Sind auch andere Jungen zum Computerspielen gekommen?” Kai nickt. “Hat Krause die anderen auch unsittlich berührt?” Kai nickt wieder.

Jahnke ist irritiert. “Haben die anderen sich das gefallen lassen?” Kai nickt. Jahnke ist sprachlos. “Haben die anderen bemerkt, was Krause mit Dir machte?” Kai zuckt die Schultern. Er hat seinen letzten Bissen runterschlucken müssen; er greift zur rettenden Banane, aber Jahnke zieht sie zurück.

Kai sieht ihn traurig an. Dieses Spiel kennt er. Er senkt den Kopf und schließt Augen und Ohren. Er kann Jahnke nicht erklären, wie enttäuscht er war, als er merkte, dass Felix und Arne kein Zeichen der Erkenntnis von sich gaben, dass sie Andeutungen, die Kai machte, geflissentlich überhörten, dass sie nichts wahrzunehmen vorgaben, wenn sie vor ihren Spielen saßen und sich über jedes überwundene Hindernis ihres Prinzen oder jeden abgeschossenen Panzer lauthals freuten. Die Annäherungen von Krause duldeten sie oder schüttelten sie leichthin ab.

Kai beneidete sie, denn sie konnten nach zwei oder drei Stunden das Spielfeld verlassen und in ihre trauten elterlichen Wohnungen heimkehren.

Fortsetzung in einer Woche

Frauenblick

Monika Wrzosek-Müller

Apeirogon von Colum McCann

Vor ungefähr dreißig Jahren waren wir in Israel, eine längere Reise, zu Gast bei Freunden in Jerusalem und mit dem Bus unterwegs, kreuz und quer durch das kleine, sehr interessante Land. Es war die Zeit der ersten Intifada, wir durften hier und da nicht hinfahren, nicht hingehen. Schon damals fiel uns auf, wie stark Israel militarisiert war; auf den Busbahnhöfen standen immer junge Soldaten mit Maschinenpistolen herum, auch in den Bussen wurden wir von ihnen begleitet, sogar am Strand von Eilat lagen neben uns junge Soldatinnen, neben ihnen ihre Gewehre, die länger und größer schienen als sie selbst. Zu der Reisegeschichte gehört auch unser Missgeschick; wir waren in Be´er Scheva in den Bus gestiegen, um nach Jerusalem zu kommen – leider in den falschen Bus. Der fuhr durch Hebron, wo Autoreifen brannten; alle mussten aussteigen dort und das war gar nicht lustig, eher fühlte sich alles sehr gefährlich und bedrohlich an. Ein paar Tage danach wurden wir auf dem Platz vor der al agsa Moschee mit Steinen beworfen (aber sanft, die Steine waren klein), weil wir uns an den Händen hielten. Unvergessen sind uns auch die Verhöre am Flughafen geblieben, als ob wir, die wir unvernünftigerweise mit der TAROM, einer rumänischen Fluglinie (wegen des billigen Preises), von Berlin nach Tel Aviv geflogen waren, irgendwelche Agenten böser Mächte seien. Ja, das Land schien mir schon damals etwas übermilitarisiert aber doch unheimlich anziehend und spannend. In Jerusalem hatte man den Eindruck, dass auf jedem Quadratmeter alle möglichen Kulturen, Religionen, Hautfarben, sprich Menschen lebten. Auf Polnisch konnte man sich fast überall verständigen, auch haben einige alte Damen mit uns Deutsch gesprochen, Englisch war Standard bei den Jüngeren.

Dann las ich 2008 das Buch Das Recht auf Rückkehr von Leon de Winter; es war ein schüchterner Blick in die Zukunft von Israel. Es fielen Sätze wie „Das kleine jüdische Land war zu einem Stadtstaat von der Fläche von Groß-Tel-Aviv plus einem Sandkasten zusammengeschrumpft“ und „Die palästinensischen Araber hatten die Juden mit ihren Gebärmüttern besiegt“; es wurden einfach viel mehr Palästinenser als Juden geboren. Die Aussichten für Israel aber auch für die ganze westliche Welt waren hier eher düster, in Europa, laut de Winter, würde Polen die führende Nation werden, das habe ich mir gemerkt und, dass Israel mit neuen Technologien und technologischen Entwicklungen die arabische Invasion zu stoppen versuchte. Irgendwelche DNA-Analysen erlaubten, jeden sofort zu identifizieren und zu orten, auch wurden die Bürger des kleinen Staates durch Nachverfolgen ihrer Bewegungen (über ihre Smartphones und durch Drohnen) ständig beobachtet und doch ereigneten sich Fälle wie der in dem Roman beschriebene: ein Attentat auf einen jüdischen Checkpoint, begangen von einem Attentäter, der weil er jüdischer Abstammung war, trotz der DNA-Kontrollen, trotz der ganzen Maschinerie der Rüstung und militärischen Kontrolle nicht rechtzeitig identifiziert worden war.

Vor kurzem las ich dann das Buch Apeirogon von Colum McCann (2020 auf Deutsch erschienen), das mich betroffen und nachdenklich machte. Es ist ein sehr artifiziell konzipiertes und kompliziertes Buch; der Schriftsteller schreibt: „Apeirogon ist ein Hybrid-Roman, in dem das meiste erfunden ist, eine Erzählung, die wie jede Erzählung Spekulation, Erinnertes, Tatsachen und Phantasie verwebt“. Die Hauptgeschichte ist eigentlich eher schlicht und beruht auf wahren Begebenheiten; der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern wird anhand der Lebensgeschichten zweier Väter dargestellt, die durch widrige Umstände mit dem Tod ihrer Töchter leben mussten. Der Israeli Rami Elhanan verlor seine Tochter Smadar, 13 Jahre alt, durch ein Selbstmordattentat eines Palästinensers, im Jahr 1997. Der Palästinenser Bassam Aramin verlor seine Tochter Abir, gerade 10 Jahre alt, zehn Jahre später durch den Schuss eines israelischen Grenzsoldaten mit einem Gummigeschoß in den Hinterkopf des Mädchens. Die beiden Väter trauerten und trauern, waren voll Hass für die jeweils andere Seite und doch gelang es ihnen ihren Hass und ihre Verzweiflung zu überwinden; sie traten dem parent circle und den combatants for peace, gehen in die Schulen, in verschiedene Organisationen an wirklich unterschiedlichsten Orte, auch in der ganzen Welt, und erzählen ihre Geschichte. Dieses Erzählen wirkt für sie, wie eine Art Therapie, sie werden Freunde und glauben wirklich daran, dass der unmögliche Zustand der Besatzung überwunden werden kann und sie wieder in normalen Verhältnissen leben können. Es ist auch die Geschichte von der Fähigkeit der Menschen zu verzeihen, sich dem anderen zuzuwenden, ihn als Persönlichkeit wahrzunehmen, ihm auch bei schwierigen Situationen beizustehen. Wir erfahren, dass Bassam irgendwann einen Zivilprozess gewinnt, auch dank der ständigen Hilfe von vielen Israelis, nachdem das Militär zuvor versucht hatte, alles zu vertuschen, und er vom israelischen Staat ein hohes Schmerzensgeld bekommt.

Das ist in Kürze die Handlung des Romans; doch er umfasst 1001 kleine oder wirklich kleinste Kapitel, die zunächst von Kapitel 1. bis 500. gehen und dann ab der Mitte des Buches wieder zurück laufen. Die Kapitel betreffen nicht alle, sogar viele gar nicht, die Haupthandlung direkt, sie entstehen, wie mir scheint, durch freie Assoziation; wie Mosaiksteinchen fügen sie sich zusammen, manchmal durch sehr entfernte Beobachtungen, Informationen, Zitate, Beschreibungen.

Warum der Titel Apeirogon? Der Autor schreibt in Kapitel 95: „Apeirogon: eine Figur mit einer zählbar unendlichen Menge von Seiten“. Kap. 94.: „Von griechisch apeiron: das Unbegrenzte, das Unbestimmte“. Weiter in Kap. 93.: „Als Ganzes nähert sich ein Apeirogon der Form eines Kreises an, ein kleines Stück erscheint hingegen, in vergrößerter Ansicht als grade Linie. Man kann innerhalb des ganzen überall hingelangen. Jeder Punkt ist erreichbar. Alles ist möglich, sogar das scheinbar Unmögliche. Gleichwohl ist auf jedem Weg zu einem beliebigen Punkt immer die Form in ihrer Gesamtheit beteiligt, auch die Bereiche, von denen wir noch keine Vorstellung haben“.

So entstehen die Kapitel des Buches, sie wachsen immer weiter. Sie betreffen alle Bereiche des Lebens: Vogelbeobachtungen, Bemerkungen über Peter Brook und seine Theatertruppe, die das Stück Die Konferenz der Vögel aufführte, in dem alle Vögel dieser Welt zusammenkommen, um darüber zu entscheiden, wer ihr König sein soll; über die Vögel als Symbole des Friedens, ihr Tod an der von Israelis errichteten Mauer, die Bemühungen, eben die Vögel zu retten. In Kapitel 16 heißt es im zweiten Teil: „Vögel kommunizieren vor allem akustisch, denn ihre Laute – singen, rufen, pfeifen, piepen, zwitschern, krächzen, klappern, trällern – werden an Orte getragen, die weit außerhalb der Sichtweite liegen.“ Es gibt längere Geschichten über Musik, auch über moderne Musik, über andere Kulturen, über Sprachen und Aussprache, die Geschichte des Hebräischen, über Bibelauslegung (dass Jesus das Kreuz nicht hätte durch die Jerusalemer Altstadt tragen können), über Einstein und Freud und deren Briefwechsel, Beschreibungen der Reisen der Helden, ihrer Familien (z.B. darüber dass Ramis Frau Nurit Peled-Elhanan, eine Friedensaktivistin und Universitätsprofessorin, 2001 den Sacharow-Preis bekommt, gemeinsam mit dem palästinensischen Hochschuldozenten und Schriftsteller Izzat Ghazzawi, der zwei Jahre nach dieser Auszeichnung, „innerlich gebrochen“ stirbt), über Demonstrationen der Friedensaktivisten, die Jerusalemer Stadtgeschichte, Entstehung von Groß-Jerusalem mit den kleinen palästinensischen Dörfern, den Waffenhandel und die Entwicklung von immer intelligenteren und zielgenaueren Waffen, auch eine Geschichte über Michail Timofjewitsch Kalaschnikow, der kurz vor seinem Tod in einem Brief an der Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche schrieb, er wolle wissen, ob er für den Tod so vieler Menschen verantwortlich sei, über die Errichtung der Check-points und deren Ausbau. Über den Mauerbau gibt es interessante Kapitel: Die Mauerarbeiter waren überwiegend Palästinenser. In Kapitel 407 heißt es: “Fünf Jahre lang war auf keiner anderen Baustelle in der Gegend so viel Geld zu verdienen: die Arbeiter nannten sie die Schekelmauer“, über Wasserknappheit usw., usw…

Manchmal gingen mir die freien Assoziationen fast zu weit, z.B. wenn der Autor über die Vorliebe des ehemaligen französischen Staatspräsidenten François Mitterand für Ortolane, kleine Singvögel, die als Delikatesse gelten, schreibt und darüber, dass er sich noch acht Tage vor seinem Tod solche hatte servieren lassen, über die ganze Prozedur wie man die Vögel mästet, vorbereitet und zubereitet. Ein Satz, den der kranke Mitterand gesagt haben soll, macht aber dann doch den Zusammenhang sichtbar: „Das einzig Interessante ist, zu leben“.

Dennoch erlaubt diese Art, über den Konflikt zu schreiben, der so tief verwurzelt scheint, dass man den Knoten gar nicht, nie und nimmer, lösen kann, ein kleines Fenster zu öffnen, einen fernen Ausblick auf eine hoffnungsvolle Zukunft zu geben, auf ein friedliches Zusammenleben, das für beide Seiten als einziger Ausweg bleibt. In der Mitte des Buches, in Kapitel 1001 erzählt der Autor ein Märchen aus einem anderen Leben: „Vor nicht allzu langer Zeit, in einem nicht allzu fernen Land fuhr Rami Elhanan, Israeli, Jude, Graphikdesigner, verheiratet mit Nurit, […] Vater […] und der verstorbenen Smadar […] zum Kloster Cremisan in der mehrheitlich von Christen bewohnten Stadt Bait Dschala, […] um sich dort mit Bassam Aramin zu treffen, Palästinenser, Muslim, Ex-Häftling, Aktivist, geboren in der Nähe von Hebron […] und Vater der verstorbenen Abir, die als zehnjährige von einem namenlosen israelischen Grenzpolizisten in Ostjerusalem erschossen wurde, knapp zehn Jahre nachdem Ramis Tochter Smadar, zwei Wochen vor ihrem vierzehnten Geburtstag, im Westen der Stadt drei Selbstmordattentätern zum Opfer fiel […], die an einem ganz normalen, nebligen, recht kühlen Tag Ende Oktober von weit her, aus Belfast und Kyushu, Paris und North Carolina, Santiago und Brooklyn, Kopenhagen und Terezin, in das rote Backsteinkloster […] gekommen sind, um Bassams und Ramis Geschichten zu lauschen und darin eine andere Geschichte, ein Lied der Lieder zu finden, in dem sie sich selbst entdecken – du und ich, in der steingefliesten Kapelle, in der wir stundenlang gespannt, hoffnungslos, zuversichtlich, verstört, zynisch, betroffen, schweigend zuhören, während die Erinnerungen über uns hereinstürzen, unsere Synapsen tanzen und wir uns in der vordringenden Dunkelheit all die Geschichten ins Gedächtnis rufen, die noch erzählt werden müssen.“ Dieses Märchen aus 1001 Nacht passiert doch in der Wirklichkeit und das ist die doch sehr hoffnungsvolle Botschaft dieses Buches. Kapitel 25: „Tausendundeine Nacht: eine List, um im Angesichts des Todes zu überleben“.

Damit ist ein Skelett für den Roman beschrieben aber nicht das Buch als solches, denn man findet in den unzähligen Kapiteln viele sehr interessante Informationen. Ein volles, gigantisches Buch, das ich wärmstens empfehle.

 

Blutbrüder (4)

Anne Schmidt

6. Gefangen

Draussen, vor der Zellentür, rasselt ein Schlüsselbund und kurz darauf wird ein Tablett mit einem Pappebecher und einem Pappeteller mit zwei geschmierten Marmeladebroten hereingeschoben. “Moin”, schreit der Kalfaktor, der schnell seinen Kopf und seine Hand wieder zurückzieht.

Kai gilt als gefährlich und suizidgefährdet, weshalb ihm nur Geschirr aus Pappe und kein Besteck zusteht. Er hasst die durchgeweichten Weißbrotscheiben, die ihn an das labberige Toastbrot in der Laube erinnern. Nachdem der alte Toaster seine Funktion eingestellt hatte, war kein neuer gekauft worden. Für so eine überflüssige Kleinigkeit hatte seine Mutter kein Geld ausgeben wollen, denn ihrer Meinung nach war Olli schuld am Verglühen des alten Gerätes.

Sie frühstückte immer im Hotel, wo es natürlich die modernsten Küchengeräte gab. Olli und Kai mussten ihre Brote in der Pfanne rösten, wenn sie Toast haben wollten. Seitdem Kai nach der Schule häufig gar nicht nach Hause kam, ließ auch die Mutter sich selten in der Laube blicken. Olli ging inzwischen dreimal in der Woche zum Basketball-Training. Danach übernachtete er oft bei seinem besten Freund, dessen Eltern im Schichtdienst arbeiteten und froh waren, wenn ihr Sohn nachts nicht allein im Haus war.

Kai rollt sich von seiner Pritsche und zieht den Kaffee zu sich heran; er ist sogar aus echten Bohnen und nicht aus Getreide oder Zichorie. Der Kaffee ist sein einziges Elixier in dieser Zelle, die ihn langsam taub und blind macht.

7. Ausgeliefert

Wenn Kai von seinem Anwalt Besuch bekommt, muss er sich redlich mühen, dessen Fragen zu verstehen. Was will dieser Mann von ihm?

Er weiss, was er getan hat und er bereut es. Keiner kann seine Tat verstehen, die ihn und seinen Bruder zu den Mordbrüdern gestempelt hat.

Er will von niemandem Mitleid oder geheucheltes Verständnis. Er will seine Ruhe. Die Fragerei nach seinen Erlebnissen, nach seiner Abhängigkeit von einem gewissen Lehrer wühlen in ihm Schmerz, Ekel und Wut auf.  Er bezweifelt, dass dieser gegelte Anwalt, der ihm als Pflichtverteidiger für die Nebenklage zugeordnet wurde, jemals wird verstehen können, warum er immer wieder freiwillig zu seinem Peiniger zurückgekehrt und auch noch in seine Wohnung gezogen ist.

Seine Mutter hatte, nachdem er längere Zeit nicht nach Hause gekommen war, in Krauses Vorschlag eingewilligt, die Pflegschaft für Kai zu übernehmen.

Sie schien geradezu erleichtert zu sein, die Verantwortung für Kai abgeben zu können.

Als die Formalitäten für diesen Akt im Amt erledigt wurden, sah Kai seine Mutter nach längerer Zeit zum ersten Mal wieder. Sie wirkte jugendlich und fröhlich wie immer und schien seinen angespannten Gesichtsausdruck und seinen flehenden Blick nicht wahrzunehmen. Sie betonte, wie froh sie sei, dass Kai einen Ersatzvater gefunden habe und endlich die starke Hand spüren würde, die ihm immer gefehlt habe. Bei dieser Redewendung hätte Kai beinahe aufgelacht, verzog aber nur gequält das Gesicht. Auch die Beamtin des Jugendamtes schien dieses Mienenspiel nicht wahrzunehmen, denn sie schaute mit abwesendem Blick an Kai vorbei, unterschrieb und stempelte die notwendigen Papiere fast automatisch und wünschte dem aufopferungsvollen Pflegevater viel Erfolg bei seiner verantwortungsvollen Aufgabe.

Kai zieht sich am Zellengitter hoch, um sich abzulenken, die Erinnerungen, die ihn überfluten, zurückzudrängen. Er hört von der anderen Seite einen Mann, der seinen Kopf entdeckt hat, nach ihm rufen und mit der Zunge schnalzen. Kai weiss, dass er das gefundene Objekt für die sexbesessenen Triebtäter wäre.

Die lusthemmenden Pillen, die ihnen verordnet werden, landen meistens im Klo, sodass die Lust der Männer immer unerträglicher und der nächtliche Albdruck immer stärker wird. Kai ist froh, dass er immer allein zum Duschen geführt wird und keinen Sport mit den anderen treiben darf.

Sein Verbrechen war so abscheulich, dass sogar Schwerverbrecher, die doppelt so schwer und um Einiges größer sind als er, vor ihm geschützt werden müssen. Seine Vorzugsbehandlung besteht in Isolation.

Fortsetzung in einer Woche

Entropie des Chaos

Michał Talma-Sutt

… bzw. Potpourri der Themen in Rondo-Form

Laschet Söder, Söder sein, während eine Partei sich fragt, ob sie auf seinen Kandidaten scholz sein darf. Wenn man keinen Bock mehr auf GroKo hat, ist Frau Baerbock da und will, und könnte sogar nächste Kanzlerin sein. Alles wird grün, wie schön, ist es doch die Farbe der Hoffnung. Wäre es auch grün-schwarz gewesen? Schwarz-grün eher weniger, Gro-Ko-Rokoko. Muss aber nicht sein…, kann aber, because we must grow. Bei manchen wächst tatsächlich. „My name is Bezos, Jeff Bezos, hi Elon, should I buy some coins, Bitcoins, or Dogecoins or else…”, “Lust auf kleine Blockchain-Transaktion?”, “Gerne, eine Grafikkarte bitte”, “Nope, haben wir nicht, alle verfügbare Grafikkarten arbeiten im Bergbau“, „Wat?“ „Dat, blockchain mining, nie gehört? Übrigens Data ist die heiße Ware von heute, ein paar Namen und Passwörter von Facebook Usern?“ „Das ist doch asozial und mor…“ „Sozial, Social Media heißt es doch…“, „Aber…“ „Kein aber, Zeit ist Geld, Geld ist Zeit, oder wie war es…, aaa, Geld ist Gott, und du sollst nebenbei keine anderen Götter haben, also kaufen sie?“ „Was?“ „Einen Hund z.B., bitte beachten Sie aber, nach 22.00 Uhr nicht mit ihm Gassi zu gehen, schließlich haben wir doch Pandemie.“ „Und falls er muss?“ „Wir haben auch für mickrige 1000 EUR eine vollautomatisierte mechanische Hundetoilette, mit Abflussanschluss.“…, „(lange Pause)“, „(lange Pause)“, „Eine runde Monopoly?“, „Online?“, „Wie sonst, schließlich haben wir doch Pandemie.“

Haben Sie nicht den Eindruck, dass wir in sehr chaotischen Zeiten leben? Aber der Reihe nach…

K-Frage

Beantwortet, aber noch nicht gelöst, die Lösung ist in fünf Monaten zu erwarten. Natürlich die spannendste Frage, ob Annalena Baerbock Kanzler kann. Auch hier eine recht simple Antwort, falls sie Kanzlerin sein wird, werden wir ja sehen, ob sie es kann. Ich persönlich sehe keine Gründe, warum nicht, eine spannendere Frage ist für mich jedoch, ob es sich Deutschland trauen wird, so zu wählen, dass eine tatsächlich noch sehr junge Grüne das wichtigste Amt bekleiden könnte. Das Wort „junge“ ist hier relativ, dasselbe hat man über Angela Merkel in Jahr 2005 geschrieben und gesagt als sie mit 51 als erste Frau in der deutschen Geschichte das Amt übernommen hatte (bzw. auch Kohl / 52 und Schröder / 54 als noch „relativ“ junge Politiker galten). Annalena Baerbock wäre dann noch 11 Jahre jünger als Merkel damals, damit meine Wortwahl „sehr junge“ relativiert sich noch mehr, weil mit 40 niemand eigentlich sehr jung ist. Baerbock wäre auch wahrscheinlich mit 48 die jüngste ex-Kanzlerin / ex-Kanzler, falls ob.

Jeff

„Ich bin wieder der reichste Mensch der Welt geworden, und x-mal in Folge habe ich den Charmantestes-Lächeln-Preis gewonnen, alles zu Recht. Vergessenszauber kann ich auch, Sie sollen einfach vergessen, warum ich so reich geworden bin (erneutes bezauberndes Lächeln, was Jeff nächstes x in Folge sichert), husch, vergessen Sie einfach und versuchen bloß nicht nachzudenken.

Grafikkarten

Mein Sohn (14) hat einen Traum, er will einen Gaming-PC selbst bauen. In sich eine Supersache, einen Computer selbst zu bauen, da lernt man etwas dabei. Er spart sein Geld dafür, jegliche Weihnachts- Oster- Geburtstags-Geschenke werden ebenfalls diesem Zweck untergeordnet. Er hat schon ganz viele Komponenten, es hapert jedoch an der Grafikkarte. Momentan totale Mangelware. Die Schuld liegt bei einer echten Kryptowährung-Manie, die unsere Welt zu befallen scheint. Um sogenannte Blockchain Transaktionen zu betätigen, braucht man Hardware, und raten Sie mal, welche Komponente meistens dazu benutzt wird? Die Grafikkarte, genau. Und da unsere kapitalistische Welt sich nach Angebot und Nachfrage richtet, wiederum der größte Teil der Elektronik in China produziert wird, und wie auch man es nennen will, Blockchain, Bitcoin oder Crypto Mining, findet gerade auch im großen Stil in China statt (65% der weltweiten Beteiligung – wegen sehr billigen Stroms, wohl bemerkt, man braucht dafür jede Menge Strom, aber darüber später), kommt es dazu, dass in der ganzen Welt die Preise für Grafikkarten in enorme Höhen steigen, verbunden mit Engpässen, weil der größte Teil dieser Karten China nicht verlässt, sondern, an irgendeine der sogenannten und unzähligen Mining-Farms angeschlossen ihre Arbeit tun, die auch überhaupt nichts mit der Grafik zu tun hat. Bei diesen Transaktionen werden auch, wie Glückshormone, die Bitcoins oder andere Coins ausgeschüttet, was ich noch später in sehr einfacher Form versuchen werde zu erklären. Da diese Coins wie Pilze aus dem Boden erscheinen, d.h. immer neue entstehen, habe ich leider nicht so gute Nachrichten für meinen Sohn. Die Kryptowährung Chia, die gerade vor kurzem zu digitalen Leben erwacht ist, benötigt für ihre Glückshormone-Ausschüttung SSD Festplatten. Chia, chia, ciao SSD? Gibt es keine KI, die um die Rechte der Computer-Komponente gegen deren Versklavung in der Bergbauarbeit kämpft? Laschet Grafikkarte, Grafikkarte sein. Und so landen wir wieder bei der…

K-Frage

Die Spekulation, dass Annalena Baerbock die jüngste Ex-Kanzlerin/Kanzler werden kann (falls ob), basiert auf der Annahme, dass sie es ernst nimmt, wenn sie über eine zukünftige Reform des Amtes redet, nämlich die Amtszeit des Bundeskanzlers auf zwei Legislaturperioden zu begrenzen. Das wird eine Veränderung des Grundgesetzes benötigen, aber ich kann mir vorstellen, dass die nötige Mehrheit sich dafür in nächstem Bundestags finden lassen wird. Also wäre Frau Baerbock mit 48 nicht mehr Kanzlerin/Kanzler, und damit drei Jahre jünger als Merkel, als Kanzlerin/Kanzler geworden ist. Falls ob… Eine solche Zeitbegrenzung des Kanzleramtes wäre auch ganz sinnvoll, besonders wenn man sieht, dass es der armen Frau Merkel langsam so ergeht, wie dem Trainer der deutschen Fußballnationalmannschaft – Joachim Löw. Für ihn wäre es vielleicht besser gewesen, früher abzudanken, z.B. nach dem gewonnenen Weltmeister Titel 2014. So wird das glorreiche 7:1 gegen Brasilien von damals von dem schmerzhaften 0:6 gegen Spanien (2020) überschattet.

Frau Merkel hatte natürlich enormes Pech mit der Pandemie, aber wer hatte das nicht?

Die Pandemie, also der größte Erfolg eines Virus in der Weltgeschichte, hat viele Sachen verdeutlicht. In Deutschland unter anderem das, dass die GroKo-Formel ausgedient hat. Aber verlassen wir für einen Moment die K-Frage, um jemanden zu treffen, hier ist…

Elon

Elon Musk, ein Genie und Zauberer, der Nachthimmel verändern kann. Ein Mann, der aus einer Firma, die ein Modell eines Elektroautos produziert (Entschuldigung, zwei Modelle, ich habe den Cybertruck mit unkaputtbaren Fensterscheiben, die doch kaputtgehen, vergessen), eines der wertvollsten Unternehmen der Welt gemacht hat. Der zukünftige Imperator des Planeten Mars, wo er zusammen mit all seinen reichen Freunden auswandern will, weit weg von diesem Elend, das auf dem Planeten Erde herrscht. Ein Visionär von sich selbst. Seine Zauberkräfte haben auch enormen Einfluss auf die Börse, also die Börsenaufsicht, Tesla und die Krypto-Community haben die Ehre ein Theaterstück vorzustellen „Elon, der Prophet und die Coins“.

Personen: Elon, Krypto-Fans (Chor), Jeff, Vorhang, Starlink-Satelliten, Aktienkurs, Bitcoins

Vorhang (geht bei bebenden Applaus auf)

Starlink-Satelliten (wie am Schnürchen verändern der Nachthimmel)
Krypto-Fans: „Wie schön, ein Zauber, ein Zauber!!“
Jeff: „Nicht schlecht, nicht schlecht, ich bin aber reicher.“
Elon: „Nein mein lieber, ich bin es, ich habe gerade 1,5 Milliarden Dollar in Bitcoins investiert“
Krypto-Fans: „Oh wie schön, es geht los, der Mann ist ein Visionär.“
Aktienkurs (steigt rasant)
Krypto-Fans: „Ein Zauber, ein Zauber! Wir werden reich!!!“
Bitcoins (schütten die Glückshormone auf Krypto-Fans aus)
Krypto-Fans: „Ooohhh“ (totale Ekstase)
Elon: „Na Jeff?“
Jeff: „Ich sehe, ich sehe, nicht schlecht, aber vergiss nicht, dass ich mehr verkaufe als deine zwei Modelle, ich verkaufe alles und nichts eigentlich, was lustig ist, wenn ich darüber nachdenke, ich verkaufe das Verkaufen, genial, oder? Was für wunderschöne Zeiten“.
Elon (verkauft seine Bitcoins): “Ich habe gerade meine Bitcoins zurück in Dollar reinvestiert.”
Aktienkurs (fällt rasant)
Krypto-Fans: „Oh nein!!!“ (vereinzelt): „Warum?“ (noch mehr vereinzelt): „Verräter.“
Elon: „Und jetzt guck und lerne, Jeff (Augenzwinkern). Meine lieben Fans, ich habe erneut in Bitcoins, Dogecoins, und irgendwelche Coins investiert, es ist die Zukunft der Zukunft.“
Krypto-Fans: „Oh wie schön, es geht los, der Mann ist ein Prophet.“
Aktienkurs (steigt rasant)
Krypto-Fans: „Ein Zauber, ein Zauber! Wir werden reich!!!“
Elon: „Ich kann ewig so weitermachen, was für wunderschöne Zeiten.“
Aktienkurs (fällt rasant)
Krypto-Fans: „Oh nein!!!“
Aktienkurs (steigt rasant)
Krypto-Fans: „Ein Zauber, ein Zauber! Wir werden reich!!!“
Aktienkurs (fällt rasant, steigt rasant, fällt, steigt und so weiter und sofort)
Krypto-Fans (sind beschäftigt, zwar kostet die ständige Beobachtung des Aktienkurses Nerven, aber diese Glückshormone, die ab und zu…)
Elon: „Apropos Verkaufen des Verkaufens, Jeff, ich merke, dass du irgendwie nicht mehr das Verkaufen der Grafikkarten und Festplatten verkaufen kannst, da alle Grafikkarten und Festplatten in die Bergbaubranche gewechselt sind, darf ich dir das neueste Tesla-Produkt vorstellen?“
Jeff: „Aber bitte sehr“ (ein sehr, sehr, sehr charmantes Lächeln, der nächste Preis wird bestim…)
Elon: „Ein sprechender Computer, da die visuelle Kommunikation mit dem Rechner nicht mehr möglich ist, mit Floppy-Disk (es ist dann zu langsam für Bitcoin Mining), und die größte Überraschung, doch ein Monitor dazu, mit direkter Verbindung zu den Starlink-Satelliten, die dann mit ihren Kameras dir die Bilder der Erde und des Weltalls schicken. So kannst du mindesten einen wunderschönen Bildschirmschoner haben, und der Computer sagt dir das, was ich gesagt habe, damit du den Aktienkurs im Auge, Entschuldigung, im Ohr behalten kannst, toll, oder?“
Krypto-Fans: „Wow!!! Das ist der Mann der Zukunft, ein Genie“

Vorhang (fällt bei bebenden Applaus)

Währenddessen die…

K-Frage

Die Hürde eine Frau zu sein, um dem wichtigsten Amt in Deutschland zu bekleiden, entfällt. Schließlich 16 Jahre lang hat es eine Frau vorgemacht. Die Frage bleibt, wird Deutschland es sich trauen, Annalena Baerbock als Kanzlerin indirekt zu wählen? Direkt natürlich geht es nicht, die Deutschen haben nicht diese Entscheidung in der Hand, wie die US-Bürger z. B. Es ist der wichtigste Posten, aber es ist die Partei, die die Mehrheit kriegt, die „seine/seinen“ Kanzlerin/Kanzler kriegen wird. Werden die Grünen die stärkste Partei, wird es Frau Baerbock sein, gewinnt die CDU/CSU wird es doch Herr Laschet sein. Es ist natürlich banal, jeder Deutsche weiß, dass es so funktioniert, und ich bin weit entfernt davon, es zu sagen, dass das Wahlsystem in den USA besser ist, ist es nicht, aber das ist schon ein ganz eigenes Thema. Diese Feststellung, wie in Deutschland die K-Frage funktioniert, gibt uns jedoch eine gewisse Räumlichkeit für gewisse Spekulationen. Und gleich, weil wir diese Räumlichkeit geschaffen haben, machen wir ein kleines Gedankenspiel und stellen uns eine Waage vor. Die Waage: „Was für und was gegen Frau Baerbock spricht“. Jedoch, zuerst, weil es dieses Potpourri einer musikalischen Rondo-Form gleicht, und jeder Form tut es gut, die zu brechen, werde ich noch kurz aus der K-Frage ausbrechen. Habe ich doch versprochen eine Sache möglichst einfach zu erklären, und paradoxerweise, so ganz ist es nicht entfernt von den Aufgaben, die jede künftige Regierung in einer ungewissen Zukunft zu bewältigen haben wird. Denn, was sind eigentlich…

Blockchains, Bitcoins and Co…

Erste Differenzierung, Blockchain ist eine Technologie, genau gesagt eher ein technologisches Verfahren, welches strikt mit Verschlüsselungstechniken verbunden ist. Bitcoins, Dogecoins, Chia und andere Kryptowährungen sind die Produkte, die aus diesem Verfahren entstehen. Diese Differenzierung ist elementar, weil obwohl das Blockchain-Verfahren ein sehr interessantes Potenzial verbirgt, desto mehr dessen Produkte (also alle diese Coins) gewisse Gefahren mit sich bringen. Deswegen…

Blockchain

Soll ich es einfach machen? Ok. Stellt euch vor, wir haben zwei Personen, A und B. Was soll‘s, Alfred und Bernd. Alfred will etwas verkaufen, was Bernd kaufen will, und nein, Jeff, du wirst dafür nicht gebraucht. Es gibt noch ein drittes Element, eine Dechiffrierungsmaschine, nennen wir sie Enigma-2.

Für jüngere Leser: Enigma (1) war eine Verschlüsselungsmaschine. In Kriegszeiten ist es besonders wichtig, dass dein Feind dich nicht abhören kann. Das geht natürlich nicht, mindestens soll er aber nicht verstehen, was du deiner Armee befiehlst. So hatte jede Einheit seine Enigma Maschine, der General hatte sie auch, und aus „Angreifen die linke Flanke“ wurde dann z. B. „A1B5A7B9A5965B50A4950B3A9B52A50A6B3A1B52A5“, dieser verschickte Code von einer Enigma wurde von der anderen Enigma in den ursprünglichen Text umgewandelt.

Es muss nicht unbedingt so sein, dass Alfred und Bernd etwas verkaufen oder kaufen wollen. Es kann gut sein: „C5A950A758C2‘1?“ „B62.“, was heißt: „Wie geht’s?“ „Ok“. Jedoch ist der Unterschied von Enigma-2 zu Enigma von damals, dass Alfred und Bernd ihre Chiffrierungsmaschinen überhaupt nicht haben, sondern jemand Drittes, genauer gesagt ganz viele Dritte, je mehr, desto besser und sicherer vor Gefahren, dass der Feind dich abhören, bzw. hacken kann. Und natürlich ist alles digital.

Noch einfacher, wenn wir 1 + x = 2 als eine verschlüsselte Information annehmen, dann sagt Alfred „1 +“, Bernd „= 2“, Enigma-2 (besteht aus mehreren Grafikkarten und bald auch SSD-Festplatten) rechnet das „X“. In Wirklichkeit können Alfred in Brasilien und Bernd in Australien vor der Computer sitzen und ihre „1+“ und „=2“ in das Internet schicken, Millionen von Enigmas-2, auf dem ganzen Globus verteilt (jedoch mit 65% Wahrscheinlichkeit wird es in China sein), werden sich mit dem „X“ beschäftigen. Die Enigma-2 Einheit die dann ausgerechnet hat, dass x = 1 ist, für diese Leistung mit bestimmter Zahl von Bitcoins, Dogecoins oder Sonstcoins belohnt wird, d.h., der konkrete Besitzer einer Enigma-2 kriegt seine Glückshormone.

Übrigens, das „X“ im Fachjargon wird Hash, bzw. Hashwert genannt, „1+“ und „=2“ sind einfach zwei Blocks, die erst dann Sinn ergeben, wenn das Hash ausgerechnet wird, was die beiden Blocks gültig macht, 1+1 ist 2, oder?

Ein Blockchain ist auch eine Art Datenbank, die alle Blocks und Hashwerte, die jemals dabei entstanden sind beinhaltet, und das von Anfang an. Die Blocks werden einfach in eine Kette geordnet. Am einfachsten wäre es sich einen ständig wachsenden Zug vorzustellen, wo jeder Wagen einen Block darstellt, die Anschlüsse – Hash, die Verbindung – Hashwert.

Unsere Datenbank entsteht also aus einer Kette durch Hash/Hashwerte verbundenen Blocks. Der Hashwert, wie gesagt, macht den Block gültig, wenn wir das mathematisch darstellen, z.B. 1+x+1+x+1+x … +1+x = 24567, dann muss jedes x stimmen, versucht man ein einziges x zu verändern, macht es nicht nur einen Block ungültig, sondern die gesamte Kette. Das macht die Blockchain Technologie so interessant. Es ist sehr resistent gegen jegliche nachträgliche Manipulation. Der zweite wichtige Punkt: es passiert alles im globalen Netz (Internet). Die Blockchains sind gleichzeitig auch Netzwerke, wo jede beteiligte Person theoretisch in alles, was dort passiert, ein Blick haben kann, und ob alles noch stimmt, bzw. gültig ist, überprüfen kann. Von Natur her ist es dezentral, solches Netzwerk kann überall sein, damit wird es schwer, dass ein Einzelner es unter Kontrolle haben kann. Blockchains sind auch sehr sicher, je mehr Teilnehmer, desto sicherer, man müsste eigentlich alle beteiligten Computer hacken, um ein Blockchain zu knacken.

Blockchains sind vor allem jedoch mathematische algorithmische Aufgaben, die alle diese Enigmas-2 (Mining-Farms) ausrechnen müssen, das kostet sehr viel Rechnen-Power, was konkret Stromverbrauch bedeutet. Der jährliche Energiebedarf der Digitalwährung wird mittlerweile auf etwa 120 Terawattstunden geschätzt, damit ist es so viel, wie für ein mittelgroßes Land, wie die Schweiz oder Portugal benötigt wird. Es ist also nicht unbedingt umweltfreundlich und ressourcenschonend…, damit landen wir erneut bei der…

K-Frage

Es scheint, dass in diesem Jahr Ökologie und Klimaschutz doch sehr wichtige Wahlthemen für die Mehrheit der Bevölkerung sein werden, sofern, ein natürliches Umfeld der Grünen. Kann also Annalena Baerbock Kanzlerin werden, was spricht dafür, was dagegen?

Das Hauptargument der Gegner, gleichzeitig eigentlich einziges, ist eine gewisse politische Unerfahrenheit, da Frau Baerbock nie in einer Regierung saß. Es wäre tatsächlich eine Premiere, da noch nie jemand ohne eine solche Erfahrung das wichtigste Amt in Deutschland innehatte. Jedoch bin ich mir nicht so ganz sicher, ob dieses Argument sehr aussagekräftig ist. In den Augen der Bevölkerung kann es sogar zum Vorteil mutieren, für Frau Baerbock und die Grünen. Nach 12 Jahren GroKo, zusätzlich ermüdet durch die sehr lange Pandemie-Zeit und auch besonders wie die GroKo es handhabte, kann es sein, dass die Leute ihren inneren Wunsch, dass sich etwas ändern muss, sehr wohl nachgehen und dem Grünen die stärkste Macht in dem Bundestag verschaffen werden.

So unwahrscheinlich ist das nicht. Wenn man die Umfragen anschaut, sind die Grünen momentan die stärkste Partei. Was es wiederum wahrscheinlich macht, dass es als fast sicher gelten kann, dass es keine Regierung ohne die Grünen geben wird. Um den gewissen Enthusiasmus um die Grünen und Frau Baerbock, der momentan besonders in den Medien aller Art spürbar ist, ein bisschen zu trüben, sollen wir uns jedoch an Herrn Schulz erinnern (nein, nicht Scholz) und die SPD. Nach der Nominierung von Martin Schulz als Kanzlerkandidat der Sozialdemokraten (2017) sind die Umfragewerte der SPD auch sehr hochgeschossen. Heute weiß kaum jemand noch, wer Martin Schulz ist.

Ein ähnliches Schicksal kann auch eventuell die Grünen treffen, kann aber auch nicht. Erstens, die SPD von damals war eine Regierungspartei, zweitens die Gegnerin von Schulz hieß Merkel und war immer noch beim Volk geschätzt, die GroKo war erst acht Jahre alt und es gab keine Pandemie.

Was spricht noch dafür, dass die Grünen bei den Bundestagswahlen 2021 die stärkste Partei werden können und damit Frau Baerbock die Kanzlerin? Natürlich erwähntes Klima in den Medien, die man zurzeit sogar als regelrechten Hype pro Grün und Baerbock bezeichnen könnte. Wenn sich selbst irgendwann alles verflachen wird, kann es trotzdem sein, dass dieses Klima über fünf Monate bis zu Wahl bleibt, weiter umwelt- und klima- und in der Konsequenz Grünen freundlich. Wenn die Grünen selbst und ihre Kandidatin keine großen Dummheiten machen und z. B. nicht allzu große Pauke schlagen werden, mit solchen Themen wie Städte ohne Auto (das Auto ist die heilige Kuh der Deutschen), oder Migrationsoffenheit (was doch viele Wähler erschrecken kann), und stattdessen ihre doch sehr kluge PR-Strategie fortsetzen, können sie eigentlich nichts falsch machen.

Es ist interessant, wie die Grünen gezielt mit der Mitte liebäugeln, jemand hat sogar geschrieben, dass die Grünen von heute die Schwarzen von gestern sind. Was noch interessanter ist, wenn wir noch mal auf die Umfragen einen Blick werfen, aber nicht auf diese, welche die generelle prozentuelle Teilung zeigen, sondern auf diese, die die Wähler konkreter Parteien befragen. Besonders viele Wähler von Union (16%) und SPD (28%) wollen grün wählen. Noch erschreckender für die CDU/CSU und die SPD sind die Zahlen ihrer Wähler, die sie dann überhaupt nicht mehr wählen wollen. Bei der Union sind es 52%, bei den Sozialdemokraten sogar 58%! Ein Wahlforscher, Matthias Jung schätzt das Potenzial der Grünen im Jahr der Bundestagswahl auf bis zu 60%, obwohl hier werde ich schon sehr skeptisch.

Was zusätzlich den Grünen und Frau Baerbock Punkte bringen kann, sind die Kontrahenten in der K-Frage. Das Automobil mit Laschet als Chauffeur, mit Söder als Passagier auf der Rückbank, der vor sich hinmurmelt, dass er der bessere Fahrer sei, und mit Merz als Motor, sieht irgendwie komisch aus. Auf jeden Fall eher Diesel als Elektro. Kandidat Scholz kann nur mit seine Regierungsbeteiligungserfahrung scholzieren, sorry, stolzieren, was ihm und der SPD, übereschattet durch Wirecard-Affäre, um die Pandemieverwaltungserfahrung nicht zu erwähnen, wahrscheinlich wenig helfen kann.

Also wird es Grün im September, wie Grün – werden wir in fünf Monaten sehen.

Es kann aber doch noch mal GroKo sein, anders verfärbt. Jedoch aus Sicht der Grünen, falls es Schwarz-Grün sein sollte, kann es gefährlich für sie werden. Irgendwie tendiert es dazu, wenn Schwarz an der ersten Stelle steht, dass die andere Farbe verblasst, bzw. verschwärzt. So ist bei der SPD nur noch sehr wenig Rot vorhanden. Wenig Grün bei den Grünen, wo die Farbe sogar gleichzeitig der Name der Partei ist, keine gute Idee.

Die spannende Frage ist, ob im Falle, dass es umgedreht sein könnte, Grün-Schwarz, wird dann Schwarz ergrünen? Es kann für die CDU/CSU auch gefährlich werden…

Was für Zeiten, und wenn wir schon über Gefahren reden, und Rondo-Form, dann…

CODA

Bitcoin

Eine der Kryptowährungen, war aber die Erste. Ein Teil der Utopie, die teilweise irgendwann doch nicht so utopisch sein wird, eventuell. Fakt ist, wenn wir statt des Geldsystems von heute nur eine Kryptowährung als Zahlmittel hätten, mit Blockchain-Technologie, wären die Banken überflüssig. Dazu, was vielleicht nicht alle wissen, die Bitcoinszahl ist begrenzt, es wird nur 21 Millionen Bitcoins geben. Mehr nicht. Deswegen nennen manche es digitales Gold.

Problem jedoch ist, dass immer neue Kryptowährungen entstehen, schließlich ist das Ganze im Endeffekt nur doch ein System von Algorithmen, und jeder Informatiker kann solche konzipieren und dann zu Leben erwecken. Und nicht jede Kryptowährung hat eine solche Begrenzung wie Bitcoin. Auch Banken können eigene Kryptowährungen, genau mit derselben Technologie, machen lassen und dabei die Kontrolle behalten. Genauso passiert es jetzt in China – die Zentralbank hat eine digitale Version seiner Landeswährung eingeführt. Damit kann die chinesische Regierung seine Bürger noch besser kontrollieren, jetzt weiß sie passgenau, wofür die Chinesen ihr Geld ausgeben. Wenn es etwas Verbotenes sein wird, kann man die Transaktion einfach blockieren.

Noch am Schluss eine Sache. Abgesehen davon, dass Bitcoin und Co. im kriminellen Milieu sehr populär ist (kann man damit auch Geldwäsche betreiben, was genau passiert, und im Darknet ist es das Hauptzahlungsmittel), abgesehen von der ganzen Träumerei der Krypto-Fans, über neue digitale Welt ohne Banken und staatlichen Gewalt, bleiben Bitcoins und Co. strikt am jetzigen Finanzsystem gebunden, einfach weil sie auf der Börse notiert sind. Sofern sind sie nur eine Spekulationsblase, die flattert nach oben und unten. Dabei ist es höchst interessant, wie sie davon abhängig ist, was Elon Musk gesagt hat, aber auch von Stromausfällen und andere Katastrophen, besonders in China. Ich glaube, dass ich das nicht besonders erklären muss, warum es so ist. Ich wollte nur erinnern, dass der größte Teil von Bitcoin Mining Farms unsere Grafikkarten und bald SSD Festplatten genau dort zu seiner Sklavenarbeit nutzt.