Barataria 55 Über die Windmühlen

Letzte Woche traf ich mich mit meiner Freundin, die im Grenzgebiet zwischen Deutschland und Polen lebt, dh. in der Pampa an der Oder. Wir sprachen darüber, was man tun kann, um diese schöne Landschaften attraktiver zu machen, da sie eigentlich, abgesehen von ein paar Hundert Polen, die dorthin aus Polen eingezogen sind, fast leer liegen. Aber diese Leere, die man als Magnet für Stadtmüde-Intelektuellen benutzen könnte, zieht auch die Firmen an, die die berühmten energieherstellenden Windräder überall dort bauen wollen, wo sie mit wenig Protest rechnen müssen. Also da genau, an der Grenze!

Man möchte sich wehren, protestieren, die Errichtung des Windparks verhindern, sagte meine Freundin. Weil genau diese unberührte Leere das Einzige ist, was die Anziehungskraft dieser Gegenden ausmacht. Macht man sie kaputt, verbaut sie, kommen die Städtler nicht, um dort ihre Datschas zu errichten. Also zur Waffe!

Diese Kampfidee schien mir sehr cervantesque zu sein, weil ich in diesem Moment immer noch glaubte, besser zu wissen. Ich versuchte zu argumentieren, dass es doch in allgemeinem Interesse ist, doch irgendwo muss man diese Ungetümer errichten können, wir müssen doch umweltfreundlich agieren, sozial und nicht egoistisch… Blah blah…

Dann kam ich mit dem Zug zurück nach Berlin. Unterwegs las ich im Internet einen Artikel zum Thema. Und in der Zeitungskiosk fand ich einen Comic von Flix, in dem es um genau dasselbe geht. Alles Humbug! Plötzlich musste ich ansehen, dass man uns, gutmutigen Gutmenschen hinters Licht führte und dass, ehmmm, der olle gute Don Quijote es durchschaut hat und einfach im Recht ist! Wer hätte es gedacht?

Ewa Maria Slaska

Windenergie, kraftlos und teuer

Die Internationale Energieagentur (IEA) schätzt, dass heute weltweit etwa 0,4 % der Energie aus Wind und Solarkraft stammt. Selbst 2040, wenn alle Regierungen ihre grünen Versprechen gehalten haben, werden Solar und Wind nur 2,2 Prozent der weltweiten Energieversorgung decken.

… der Hauptgrund dafür, warum Wind und Solarkraft keine entscheidende Lösung gegen den Klimawandel sein können, besteht in einem fast unlösbaren Hindernis: Wir brauchen auch Energie, wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht.

Und nun?

Es heißt, Windenergie sei billiger als fossile Brennstoffe, was aber weitgehend eine Fata Morgana ist. Große Windparks brauchen Subventionen oder Steuererleichterungen. Dies ist der einzige Grund, sie zu bauen.

Mehr noch!

Je mehr Windkraftwerke in Betrieb genommen werden, desto weniger ist der Strom wert, den sie erzeugen. Der weitere Ausbau von Wind- und Solarenergie mithilfe von Subventionen bedeutet, dass die Gesellschaften für den Strom dreimal zahlen müssen – einmal für den Strom selbst, einmal für die Subventionen an die ineffizienten erneuerbaren Energien und einmal für diejenigen, die jetzt auch noch an ineffiziente fossile Kraftwerke gehen. Allesamt werden die Subventionen in nächsten 25 Jahren über zwei Billionen Euro betragen. Damit erreicht man den Unterschied der Temperaturerhöhung um lediglich 0,0175 Grad Celsius.


In der Flix Version von den berühmten spanischen Roman befinden wir uns genauso dort und dann, wo ich mich letzter Woche befand: Jetzt und in der Norddeutschen-Pampa, in einem Dorf namens Tobosow mitten in der vorpommerschen Ödnis!

Der Held, ein alter, schrulliger Kauz, hatte bis jetzt nur eine Schnapsidee: Mittels der Leserbriefen, die bewahrte Waffe der Wutbürger sind, kämpfte er gegen die allgegenwärtigen Herrschaft der Comics in der Zeitungen, im Buchwesen und vor allen in den Köpfen der jungen Leser.

Zum Beginn der Story erreicht ihn aber noch eine Hiobnachricht, die noch schlimmer ist als Batmann, Spidermann und Supermann zusammen: Man wird in Tobosow einen Wind(mühlen)park einrichten. Don Quiijote begibt sich auf seinem alten Fahrrad in die Pampa, um seine Feinde zu vernichten. Mitdabei ist statt Sancho Pansa auch Don Quijotes 8-jähriger Enkelsohn, der tatsächlich den Kopf voller Comic-Helden hat, sich für Batman, den Dunklen Ritter hält und überall das Böse wittert, das er vernichten soll.
Dann sagt der Opa, es sei nicht wichtig, gegen das Böse zu kämpfen, es ist wichtig sich für das Gute zu engagieren.
Es ist doch das Gleiche, protestiert der Enkel.
Ist nicht, antwortet Opa, man muss nur die Welt genau beobachten, um die Wahrheit zu sehen.

Ja… und am Ende? Am Ende kehrt der Enkel zu Mama und benimmt sich ganz vernünftig. Der Opa landet im Seniorenheim für Alzheimer erkränkte, die sich alle für Ritter halten. Und in Tobosow… Na ja, es ist nicht klar, aber ich vermute in Tobosow wird der Windpark entstehen, damit sich die Bösen ihre Taschen mit Subventionen vollstopfen und wir, die Gutmenschen, glauben, den nächsten sauberen Schritt in die saubere Zukunft gemacht zu haben…

Aber nicht verzagen. Und weiter protestieren und gegen die Windmühlen zu kämpfen.  Wie sagte es der Meister Cervantes:

Derjenige, der Wohlstand verliert, verliert viel; derjenige, der einen Freund verliert, verliert mehr; doch derjenige, der seinen Mut verliert, verliert alles.

Reblog: Ein Mann auf einem Friedhof in Reinickendorf

Es kam Vorgestern per Mail:

Liebe Mitglieder, Freunde und Freundinnen der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Berlin, sehr geehrte Damen und Herren!

Eine Geschichte, die kaum zu glauben ist: ein Pole und ein Deutscher haben nach monatelanger Suche die verschollene Urne des Bischof Bursches auf einem Reinickendorfer Friedhof wieder gefunden.

Nach 76 Jahren ist das Schicksal des polnischen evangelischen Bischofs Juliusz Bursche endlich aufgeklärt

76 Jahre nach seinem Tod wird der polnische Protestant geehrt, der durch die Nazis ums Leben kam

© Karola Kallweit

Am 20. Februar 2018, 76 Jahre nach dem Tod des Bischofs Juliusz Bursche in Gestapo-Haft fand in Berlin-Reinickendorf eine Trauerfeier für ihn statt.

Landeseigene-Friedhof Reinickendorf

Man hat an diesem sonnigen Tag das Gefühl, als würde eine Saat der Versöhnung zwischen Polen und Deutschen aufgehen. Eine Saat die vor langer Zeit gesät wurde. Von Bischof Juliusz Bursche, einem polnischen Protestanten mit deutschen Wurzeln, der 1942 durch den Nazi-Terror starb. Bedeutend ist er bis heute unter den Protestanten Polens, in Deutschland hingegen nahezu unbekannt.

Zur Gedenkfeier auf dem städtischen Friedhof in Berlin-Reinickendorf ist eine große Delegation aus Polen angereist: die Nachfahren Juliusz Bursches, darunter sein Urenkel Juliusz Gardawski, sowie der leitende Bischof der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen, Jerzy Samiec. Er und sein Berliner Kollege Markus Dröge, Landesbischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, halten die Predigten und sprechen die Worte der Andacht.

Der Ort seines Grabes war unbekannt

Der 20. Februar 1942 ist der Todestag von Bischof Juliusz Bursche. Zwei Hobby-Historikern aus Polen und Deutschland ist es zu verdanken, dass nun seine Nachkommen, 76 Jahre nach seinem Tod, an einem Gedenken, einer Trauerfeier für ihren Vorfahren teilnehmen können. Für Jahrzehnte lagen die Umstände von Juliusz Bursches Tod im Dunkeln und der Ort seines Grabes war unbekannt. Seine sterblichen Überreste galten bis vor Kurzem als verschollen. Ein Überbleibsel des Nazi-Terrors.

Die Nationalsozialisten mordeten akribisch und versuchten ebenso akribisch, die Geschichten der Opfer unsichtbar zu machen. Der Urenkel des Bischofs, Juliusz Gardawski, erzählt, dass die Tochter des Bischofs kurz nach Erhalt der Todesurkunde ins Gestapo-Hauptquartier nach Warschau ging, um die Überführung der sterblichen Überreste ihres Vaters zu regeln. Nachdem ihr dieser Wunsch verwehrt wurde, wandte sie sich an den zuständigen Gestapo-Offizier: „Habt ihr sogar vor seiner Asche Angst?“, habe sie gefragt. Die Antwort des Gestapo-Mannes: „Bedenken Sie, mit wem Sie sprechen.“

©EKD/Janina Finkemeyer

Mit einem Aufruf zur Versöhnung und gegen Nationalismus ist in Berlin an den in deutscher NS-Haft gestorbenen polnisch-evangelischen Bischof Juliusz Bursche (1862-1942) erinnert worden. Anlass waren Bursches 76. Todestag und die Wiederentdeckung seiner Grabstelle im vergangenen Jahr.

Die Hobby-Forscher Klaus Leutner und Pawel Wozniak haben auf ihrer Spurensuche die Urne von Juliusz Bursche ausfindig gemacht und mühsam die Ereignisse rekonstruiert. Sie lasen sich durch Krankenhausakten, suchten das nächst gelegene Krematorium und baten die Friedhofsverwaltung um Hilfe. Nach und nach konnten sie so das Puzzle zusammensetzen. Gestorben ist Bischof Juliusz Bursche an einer Lungenentzündung im Polizeikrankenhaus in Berlin-Mitte nach zweijähriger Internierung im KZ Sachsenhausen. Er wurde eingeäschert und auf dem Gemeindefriedhof in Berlin-Reinickendorf beerdigt. Es war ein besonderer Moment, als Bischof Markus Dröge am 29. Oktober 2017 bei den zentralen Feierlichkeiten zum Reformationsjubiläum in der Warschauer Kirche Sankt Trinitatis diese Unterlagen überreichen und der Familie mitteilen konnte, wie Bischof Juliusz Bursche ums Leben kam.

Ein Mensch, der das Leben umarmte

Ums Leben kam – wie tragisch treffend die Redensart für jemanden wirkt, der, wie sein Urenkel Juliusz Gardawski erzählt, ein Mensch war, der das Leben umarmte, der den Sommer über in seinem Garten Rosen und Bäume pflanzte, der sich eine Zigarre und ein Gläschen Wein am Tag gönnte, der die Musik liebte und das polnische evangelische Gesangsbuch mitverfasste. Er hatte es sich zur Pflicht gemacht die Protestanten in Polen zu einen, denn Nationalität war kein Maßstab für ihn, wenn es um den Glauben ging. Eine Haltung, die im deutsch-besetzten Polen brandgefährlich war und für die Bursche am Ende mit seinem Leben bezahlen sollte. Er nannte es in einem seiner Briefe, die er aus dem Lager nach Hause schickte, die „Tragödie meines Lebens“, dass sein Lebenswerk „eine kräftige, einflussvolle, evangelische Kirche, die Polen und Deutsche eint“, nun zerstört werde.

Die Geschichte Polens und Deutschlands ist wechselvoll und über lange Zeit von Leid geprägt. Sie beginnt nicht erst mit dem Überfall der Nazis 1939. Um zu verstehen, warum den Deutschen sogar die Asche des Bischofs Angst machte, muss man weiter zurückgehen. Juliusz Bursche stammte von deutschen evangelischen Einwanderern ab, die sich in Polen, damals Kongresspolen, niedergelassen hatten. Juliusz Bursche gehörte zur zweiten Generation, die in Polen aufwuchs und das Land als seine Heimat begriff. Die Familie gehörte zum Bürgertum. Im Hause wurde deutsch gesprochen und die lutherische Reformation war identitätsstiftend. Sein Vater war Vikar und so lag es nahe, dass auch Juliusz Bursche eine theologische Laufbahn anstrebte.

Im Geiste einer protestantischen Ökumene

Als Erwachsener war er überzeugter Verfechter einer polnischen Unabhängigkeit, ohne jedoch seine deutschen Wurzeln zu vergessen. Sein Urenkel sagt: „Die Familie lebte in einem polnischen Haus, in dem deutsch gesprochen wurde.“ Vor diesem Hintergrund war es naheliegend, dass Bursche im Geiste einer protestantischen Ökumene versuchte, die evangelischen Christen in Polen, eine Minderheit in dem katholischen Land, zu einen. Die Sprache der Andacht und des Gebets dürfe die Gläubigen nicht trennen, davon war er überzeugt. Vielmehr müsse man sich auf das Gemeinsame besinnen und in der Tradition lutherischer Freiheit friedlich miteinander glauben. Diese moderne, übernationale Haltung wurde ihm, wie vielen anderen der deutschen und polnischen intellektuellen Elite, zwischen den Weltkriegen zum Verhängnis. Die Nazis warfen ihm eine „Polonisierung“ der Deutschen vor und die Kirchenleitung hatte sich im Zuge der Gleichschaltungs-Politik längst in die Gefolgschaft der deutschen Besetzer ergeben.

Kirchenhistoriker und Bursche-Forscher Bernd Krebs schreibt dazu: „Durch ihre offene Zustimmung zum ‘nationalen Aufbruch’ in Hitler-Deutschland, die fast pathologisch zu nennende Verklärung der dortigen Zustände und durch ihre weitreichenden Zugeständnisse gegenüber der neuen ‘Volksgruppen’-Führung, hatten sich Kirchenleitung und Pastorenschaft längst in eine folgenreiche Abhängigkeit begeben.“

 

Das Fenster, der Blick in den Himmel. Derselbe Blick wie damals

Als Bursche 1937 der erste Landesbischof seiner Kirche wurde, war sein Schicksal schon besiegelt. Anfang September 1939 begann der Überfall auf Polen und kurz darauf begannen die Verhaftungen. Am 3. Oktober 1939 nahm die SS Bischof Bursche fest. Von Polen aus wurde er zunächst in ein Gestapo-Gefängnis gebracht und schließlich Anfang 1940 ins KZ Sachsenhausen.

Urenkel Juliusz Gardawski hat nun zum zweiten Mal das KZ Sachsenhausen besucht. Erst diese erneute Ortsbegehung vervollständigt nun sein Bild der Gefühls- und Wahrnehmungswelt des Bischofs, die er bislang nur aus den Briefen kannte, die Bursche alle zwei Wochen aus dem Lager an seine Familie in Polen schickte. Gardawski nennt es ein „unverschuldetes Misslingen der Lebensmission“ des Bischofs. Doch wie erst muss sich dieses Scheitern für den Bischof selbst angefühlt haben? Gardawski verweilte beim Besuch des KZ etwas länger in der Zelle, in der Bischof Bursche inhaftiert war.

Später erzählt Gardawski, was er gesehen und empfunden hat: Kahle Wände, Betonfußboden, ein Ort des kalten Funktionierens. Und doch gebe es das Fenster, den Blick in den Himmel. Derselbe Blick wie damals. Gardawski sagt, er habe die Wolken am Himmel gesehen und sich vorgestellt, dass auch sein Urgroßvater die Wolken gesehen habe, die aus dem Osten vorbeizogen; vielleicht habe er darin die Gebete und warmen Gedanken seiner Familie erkannt. Und vielleicht habe sich sein Urgroßvater vorgestellt, dass der Wind aus dem Westen die Liebe für seine Familie in den Osten geschickt habe.

Auch wenn es keine Asche gab, so errichtete man Bischof Bursche dennoch ein Grab in Polen. Einen symbolischen Ort des Gedenkens neben der Dreifaltigkeitskirche in Warschau. Und während der kalte Krieg den Graben zwischen den beiden Ländern vertiefte, die Nachkriegs-EKD dem Vergessen des polnischen Bischofs kein Ende setzte, hatte man den Bischof in Deutschland fast vergessen. Erst die Wende in der Ost-Politik und die Wende von 1989 brachten eine langsame Annäherung in der Beziehung der beiden protestantischen Kirchen. „Zarte Bande, die zu einem Netzwerk wurden“, so beschreibt es Landesbischof Dröge in seiner Predigt an diesem 20. Februar 2018.

Späte Würdigung einer Lebensleistung

Das Großwerden des Nationalsozialismus hatte viel mit Angst und Gleichgültigkeit zu tun. In einer gemeinsamen Pressemitteilung der beiden protestantischen Kirchen und der Familie heißt es:

„Anfang 1933, am Tag der Verkündung von Wahlergebnissen in Deutschland als die Nationalsozialisten die Macht übernahmen, weilte Bischof Bursche in Berlin und war Zeuge eines Nachtmarsches der Nazis mit Fackeln. In einem der Briefe an seine Familie kommentierte Bischof Bursche dieses Erlebnis mit unmissverständlichen Worten des Widerstandes gegen den chauvinistischen Nationalismus.“

Aus Asche, so heißt es, entsteht neues Leben. Und nachdem die Experten die Urne genauer untersucht haben und die Asche des Bischofs nach Polen überführt werden kann, dann ist das für die Familie des Bischofs und den aktuellen Bischof der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen Jerzy Samiec die späte Würdigung seiner Lebensleistung. Und auch ein Beweis für eine übernationale Einheit zwischen Deutschen und Polen. Die Saat von Bischof Bursche, die Früchte trägt.

Quelle: Evangelischer Pressedienst Berlin / Karola Kallweit (für evangelisch.de)
Weitere Informationen dazu finden Sie auf unserer Website www.dpgberlin.de

Neue (junge) Prosa aus Berlin

Helena Kargol

Eines Tages, Baby, werden wir alt sein

Sonder:
The realization that each random passerby is living a life as vivid and complex as your own.

August, 2017

Meine Geschichte beginnt im Sommer 2017… falsch, das ist gelogen! Meine Geschichte beginnt Juni 1998, da erblickte ich zum ersten mal das Tageslicht, doch auch dies ist nicht der Anfang meines Daseins, denn es ist nicht mein Verdienst, dass ich auf dieser Welt bin.

Ihr denkt bestimmt, nun es sei die Leistung meiner Eltern, doch auch das sind nur zwei Menschen mit unterschiedlichen Gonosomen. Es sind zwei verschiedengeschlechtliche Individuen, die sich durch einen Zufall kennengelernt haben, sich anziehend fanden und so daraus ein Kind entstanden ist.

Fragt ihr euch manchmal was passieren würde, wenn eine Sache in der Vergangenheit anders verlaufen wäre, ob es euch dann überhaupt geben würde? Ob diese einzigartige Mischung von Genen und Atomen, was ihr als euer „Ich“ kennt, überhaupt lebendig wäre?

Was wäre, wenn meine Urgroßmutter auf ihre Mutter gehört hätte und nicht in die große Stadt gezogen wäre und dort nie ihre große Liebe kennengelernt hätte, was wäre, wenn nicht meine Oma, sondern ein anderes Kind von dem lieben Großstadtpaar adoptiert worden wäre, was wäre wenn meine Mutter an diesem Abend nicht auf diese Party gegangen wäre …

Schicksal ist eine lustige Sache …

So ist es wohl Schicksal, dass ich an diesem heißen Augusttag schwitzend in einem der hässlichsten Kleider, welches je meinen Körper umhüllte, in unserem Familienferienhaus in Polen stand.

Ich sah aus wie ein Hobbit … nein, wie ein fetter Hobbit. Fakt ist, man könnte mich neben ein Schweinchen im Tütü stellen und man hätte Schwierigkeiten den Unterschied zu erkennen. In der Mitte wurde ich mit einem blauen Band umgebunden, sodass ich wie ein Geschenk aussah und der Inhalt war mein Fett, welches sich an meinem unteren Bauch festsetzte.

Wer bestellt auch „One size“ Brautjungfernkleider und erwartet, dass jede Frau gut aussieht? Es tut mir leid, dass ich nicht so viel Zeit wie gelangweilte Dorfmädchen habe, um mich um meine Figur und mein Aussehen zu kümmern und es tut mir Leid, dass beide meine Eltern klein sind und ich aus irgendeinem Grund noch kleiner bin und es tut mir leid, dass ich von einem Auto angefahren wurde und nun meine Füße nach fünf Minuten in Highheels wehtun.

Ich rollte mit den Augen uns biss mir auf die Zunge, seit wann war ich denn so oberflächlich und beschäftigte mich mit trivialen Sachen wie Schönheit?

Eine Sache, welche wir in unserem Leben mit Gewissheit festhalten können, alles was in unserem Leben passiert, ist auf der Langstrecke egal. Es gibt tausende Studien darüber, in wie vielen Millionen von Jahren die Menschenrasse aussterben wird. Wir wissen zwar nicht, ob es so durch unsere selbstzerstörerische Art passiert, durch eine Naturerscheinung oder eine weiterentwickelte Spezies, die ihren Weg zur Erde findet und uns wie Abfall ins All wirft. Wir wissen jedoch, dass die Menschheit nicht für die Ewigkeit ist. Für mich klingt es sehr erstrebenswert, Gleichgültigkeit als mein Lebensmotto anzunehmen, doch zu meinem Bedauern hat das Menschenwesen einen großen Defekt, welcher als „Gefühle“ bekannt ist. Bevor jetzt jemand mit den Augen rollt und meint „sie sagt das ja nur, weil sie von einem Typen verletzt wurde“. Nein, das ist nicht der Fall, ich sehe das größere Bild.

Wieso funktioniert das politische System des Kommunismus nur in der Theorie? Ein Prinzip in dem jeder Mensch die gleichen Rechte, den gleichen Besitz, einen festen Arbeitsplatz hätte … hätte hätte Fahrradkette. Die Bevölkerung leidet unter dem Streben nach Ansehen, jeder will besser sein als der andere und das resultiert, indem das Glück der Einen auf dem Unglück der Anderen beruht. Und wieso sind wir so? Weil wir die Sklaven der Chemie sind, welche unseren Körper steuert. Ein andauernder Wechsel von Serotonin, Dopamin, Adrenalin, Cortisol. Hormone, die mich davon hindern alles aufzugeben und den Rest meines Lebens im Bett zu verbringen. Sie bringen mich dazu mein Leben mit einem gequälten Lächeln auf den Lippen durchzustehen. Sie hindern mich daran, mein Aussehen wirklich als egal anzusehen, denn ich strebe danach, dass wenn ich mich schon selbst nicht schön finde, es jemand anders tut, es mir sagt und meine Nerven Dopamin ausschütteln und ich dieses angestrebte Glücksgefühl spüre. Doch mehr als Chemie ist das nicht.

Mein Körper hat natürlich auch viele andere Defekte, wie eine wunderbare unerforschte Immunschwäche, eine Unterentwicklung der Muskelstruktur, Übergelenkigkeit und Unverträglichkeit von Laktoseprodukten. Aber all dieses ist für mich mehr überschaubar und erträglicher als „Gefühle“.

Ich holte tief Luft und setzte mich aufs Bett. Seit vier Jahren war ich nicht mehr in diesem Haus gewesen, seit drei Jahren habe ich meine Cousine Daria nicht mehr gesehen und trotzdem war ich ein Teil ihrer Hochzeit. Als wir klein waren verbrachte ich jede Ferien mit ihr in diesem Haus, wir redeten über unsere Zukunft und schworen, dass wir uns zusammen ein Haus kaufen würden, welches an der Grenze zwischen Polen und Deutschland liegen würde, wir würden Kinder zur gleichen Zeit bekommen, welche selbstverständlich beste Freunde sein würden, wie auch unsere Ehemänner…Wir verbrachten Stunden, sogar Nächte, indem wir Ikea Kataloge auf dem Dachboden zerschnitten und unser perfektes Leben planten.

Doch dann passierte es! Die Pubertät. Der Albtraum aller Eltern, wie es manche sagen, welche die, die Pubertät schon durchgestanden haben. Das ist kompletter Schwachsinn. Denn der schlimmste Albtraum ist es für einen selbst. Als Elternteil hat man bereits seine eigene Pubertät durchlebt und man möge es nicht glauben, aber anscheint können Eltern die plötzlichen emotionalen Ausbrüche nachvollziehen. Doch man selbst ist komplett planlos. Man ist jemand und glaubt zu meinen man will diese Person sein, doch eigentlich will man diese Person nicht sein und irgendwo tief im Inneren weiß man das auch. Es ist schwer zu verstehen, aber man steckt drei Jahre lang in einer Identitätskrise. Aber keine Sorge auch das ist alles nur Chemie. Der Defekt des Menschen.

Und wer war ich? Ich war eine Bitch! Das fasst es ziemlich gut zusammen. Und jetzt kommt das schockierende: Die Pubertät waren die besten Jahre meines Lebens. Einmal in meinem Leben war ich nicht ich. Ich habe mich nie besser gefühlt als mit 15. Ich liebte jede Party, jeden Drink, jeden Jungen, jedes Mädchen….

Doch zurück zu meiner Cousine, um welche sich ja der heutige Tag dreht.

Ich fühlte mich als Berliner Stadtkind einem polnischen Dorfmädchen überlegen. Mir kam es als liege mir die Welt zu Füßen und ich müsste nichts mehr tun als die Hand ausstrecken. Daria schien für mich, wie gefangen in einem Käfig. Sie war immer so anständig, kümmerte sich um ihre kleinen Geschwister, schmiss den Haushalt, als ihre Eltern in der Arbeit waren. Sie war immer ordentlich angezogen, ihre Nägel perfekt gemacht und gut in der Schule war sie auch noch. Ich meinte immer wieder, dass sie loslassen sollte, locker werden und bisschen feiern müsste. Ich wusste schon früher, dass es für sie keine Option war mit all der Verantwortung, welche sie trug, so ein Leben wie ich zu führen. Ich gab ihr diese „Lebenstipps“ trotzdem, da ich sie eifersüchtig machen wollte (hab ja schon gesagt, dass ich eine Bitch war). Was mir nicht bewusst war, ist, dass sie so ein Leben auch nicht wollte. Als sie vor 6 Jahren ihren „in 5 Stunden“ Ehemann kennenlernte, zerbrach unsere unzertrennliche Freundschaft. Ich werde es nie laut sagen, aber sie hatte was, was ich nicht hatte, etwas wofür ich sie beneiden würde und das zerstörte meine Welt, denn ich sollte, doch die sein, die zu beneiden war. Ich ließ mich noch paar mal im Ferienhaus blicken, da meine Eltern noch die Macht hatten, darüber zu bestimmen, wo ich meine Zeit verbrachte, doch unser Geflüster auf dem Dachboden verwandelte sich in nichts bedeuteten Small Talk.

Die Wahrheit ist, dass ich mit meinen fast 20 Jahren nichts erreicht habe. Ich habe mein Abitur dieses Jahr bestanden, aber ehrlich gesagt schafft das heutzutage fast jeder. Gestern habe ich bestätigt Bioinformatik an der Freien Universität zu studieren, aber bevor ich damit möglicherweise in einem positiven futuristischen Szenario erfolgreich werde, wird das noch zehn Jahre dauern. Zehn Jahre in denen ich arm, gestresst und verwirrt bin. Wahrscheinlich würde ich bis dahin immer noch in dem Gästezimmer meiner Schwester wohnen.

Meine Cousine würde in paar Stunden einen Ehemann haben, der kein Abitur gemacht hat, was ich mit meinen fünfzehn Jahren, als sehr schlechte Entscheidungen angesehen habe, doch nun war er Maurer, verdiente seit drei Jahren festes Gehalt und konnte sich und meiner Cousine ein Grundstück kaufen und ein Haus bauen. Meine Cousine würde ab Oktober Pädagogik studieren, doch im Gegensatz zu mir müsste sie sich keine Sorgen über ihre Zukunft machen, denn heute würde ihr jemand das Versprechen geben für immer für sie dazusein und ja ich betrachte die Möglichkeit der Scheidung ebenfalls, auch dort würde sie mit Unterhaltzahlung umsorgt werden. Nun schien es, als wäre nicht mehr sie, sondern ich in dem imaginären Käfig von Verantwortungen gefangen.

Tatsächlich fühlte sich dieses Kleid an, als ob ich gefangen wäre, es presste meine Brüste an meinen Brustkorb und ich konnte kaum atmen. Dabei sahen meine Arme aus wie zwei Wiener Würstchen. Meine Dehnungsstreifen konnte man an meinen Oberschenkeln von hinten sehen und ihre Farbe komplementierte sich wunderbar mit der des Kleides.

68. Berlinale

Polinnen (und Polen) bei der Berlinale

Es ist nicht der wichtigste Filmfestival der Welt, aber er ist groß und wichtig genug, um alles inne zu haben. Unter den 400 Produktionen und Events des diesjährigen Festivals gibt es sowohl Noam Chomsky in der Reihe “Kulinarisches Kino” als auch Ai Wei Wei’s Doku-Film über Flüchtlinge Human Flows. Wie seit Jahren schon gibt es jede Menge Polen bei der Berlinale, bei dem Wettbewerb, bei verschiedenen Reihen, bei mehreren sehr interessanten Koproduktionen, von denen eine  (Dovlatov) auch im Wettbewerb läuft. Mich jedoch interessierten vor allem zwei junge Frauen, die von unserer Generation, den sog. Solidarność-Flüchtlingen als Kinder aus Polen weggeführt und nach Deutschland “gebracht” wurden.  Über diese Kinder eben schrieb Emilia Smechowski in ihrem 2017 erschienen Buch, dass sie “Strebermigranten” sind. Der Name ist nicht gerade schmeichelhaft, aber hat vielleicht was Wahres an sich. Und Schönes!

Wettbewerb
Twarz | Mug (Weltpremiere)
von
Małgorzata Szumowska

Jacek liebt Heavy Metal und seinen Hund. Die Feldwege vor der Haustür funktioniert er zur Rennstrecke um, die er mit seinem kleinen Auto entlangbrettert. Wenn er mit Freundin Dagmara die Tanzfläche betritt, gehen alle anderen sofort in Deckung. Er genießt das Dasein als cooler Außenseiter in einem ansonsten eher spießigen Umfeld. Die Muskeln trainiert er bei seiner Arbeit auf einer Großbaustelle nahe der polnisch-deutschen Grenze, wo die größte Jesusstatue der Welt entstehen soll. Doch ein schwerer Arbeitsunfall lässt sein Leben aus dem Groove geraten. Vollkommen entstellt, wird an Jacek unter reger Anteilnahme der polnischen Öffentlichkeit die erste Gesichtstransplantation im Land vollzogen. Als Nationalheld und Märtyrer gefeiert, erkennt er sich im Spiegel selbst nicht wieder. Die Jesusstatue aber wird immer höher und höher. Während sich die Ereignisse rund um Jacek überschlagen, behält der Film die Übersicht und scheint das Kameraobjektiv noch schärfer zu stellen. In Form einer bösen Farce reflektiert Twarz polnische Zustände, erkundet das Leben in der Provinz und zeigt ein Land, das seinen Glauben in Stein meißeln lässt.


Panorama
Wieża. Jasny dzień. | Tower. A Bright Day.
von
Jagoda Szelc

Frühsommer, die Natur leuchtet in sattem Grün. Mulas Tochter Nina wird ihre Erstkommunion feiern und die Verwandten reisen an. Unter ihnen auch Mulas Schwester Kaja, Ninas biologische Mutter, die sechs Jahre verschwunden war. Ihre Rückkehr löst bei Mula Verlustängste aus. Misstrauisch beäugt sie jede Annäherung der beiden. Die Kamera bewegt sich agil, wie ein weiteres Familienmitglied in einem Beziehungsdrama in schicker Landhauskulisse. Doch immer wieder laufen kleine Erschütterungen durch den Film, wie seismische Wellen, die von einem größeren Beben künden. Auf der Tonspur, durch jähe, blitzartige Schnitte und seltsame Vorkommnisse. Vielleicht sind die überraschende Genesung der Großmutter, der stammelnde Priester, der den Gebetstext vergisst, die Geräusche in der Wand Vorboten? Nur sind alle zu beschäftigt, um sie zu erkennen. Als Ereignisse aus der Zukunft beschreibt ein Zwischentitel den Film. Aus einer Zukunft, in der zunächst alles beim Alten ist, aber nicht bleibt. Sprengen die dezenten Genreelemente, die sich in der sommerlichen Idylle bemerkbar machen, einfach nur die Grenze zwischen Beziehungsdrama und Psychothriller, oder hat Kaja vielleicht eine ganz andere Mission?


Generation 14plus (Zeichentrickfilm)
Na zdrowie! | Bless You!
von
Paulina Ziółkowska

Vorsicht, Ansteckungsgefahr! Im urbanen Getümmel fliegen die Keime bunt umher. Einmal neben der falschen Nase gestanden, und schon ist es passiert. Auch beim Flirt mit dem schönen Gegenüber bekommt man eine Ladung ab. Und was, wenn man sich selbst ansteckt, wieder und wieder? Mit expressionistischer Farbigkeit und surrealen Formen und Figuren spielend, stellt die Animation Fragen an unseren Umgang miteinander.


Mitarbeit /Koproduktion:

Hommage an Willem Dafoe
Antichrist
von
Lars von Trier

Dänemark / Deutschland / Frankreich / Schweden / Italien / Polen 2009

Nach dem Unfalltod ihres kleinen Sohnes zieht sich ein Ehepaar in die Einsamkeit einer abgelegenen Waldhütte zurück. Während die Frau eine Mitschuld an dem Unglück empfindet, versucht ihr Mann, ein Psychotherapeut, die Angstpsychose, die sich bei ihr entwickelt hat, durch Gespräche und Übungen abzubauen. Doch anstatt ihre Trauer und ihren Schmerz zu lindern, steigert dies nur ihre Verzweiflung. Ihre zunächst autoaggressiven Schübe wenden sich schließlich mit aller Vehemenz gegen ihren Therapeuten … In Lars von Triers dunklem Psychohorror, in dem sich ein Ehepaar buchstäblich selbst zerfleischt, gelingt Willem Dafoe die intensive Darstellung eines liebevollen Ehemannes, der seine Emotionen nur schwer mit jener Rationalität in den Griff bekommen kann, die für einen behandelnden Therapeuten geboten wäre. Dabei spiegelt sein markantes Gesicht die Sorge über seine von Zwangsvorstellungen heimgesuchte Frau ebenso glaubwürdig wider wie sein Entsetzen über deren Verwandlung in eine rasende Furie. Nicht weniger bravourös meistert Willem Dafoe auch die hohen physischen Anforderungen seiner Rolle – die eines schließlich schrecklich gemarterten Mannes.


Panorama

Koly padayut dereva | When the Trees Fall (Weltpremiere)
von
Marysia Nikitiuk
Ukraine / Polen / Mazedonien 2018

Es sind Sommerferien, und 40 Tage sind vergangen, seit Larysas Vater gestorben ist. In einer märchenhaften Sequenz durchquert die junge Frau ein Sumpfgebiet, in dem sich eine Gruppe von Paaren ihren sexuellen Begierden hingibt. Larysas Freund Scar, ein schöner Krimineller, steckt in einer Spirale des Verbrechens, in die er sich im Laufe der Erzählung immer weiter und radikaler hineinbegibt. Seine Welt sind die postsowjetischen Plattenbauten, Larysas Welt ist die trügerische Idylle einer dörflichen Gemeinde irgendwo in der Ukraine. Ihr Verhältnis wird Larysa zum Verhängnis, denn es dauert nicht lange, bis familiäre Sanktionen gegen die Beziehung in Gewalt umschlagen. Auch das kleine Mädchen Vitka will sich nicht anpassen, rebelliert gegen seine Großmutter und deren Regelwerk und träumt sich immer weiter in eine Fantasiewelt aus surrealen Bildern.
Die Welt in Marysia Nikitiuks Langfilmdebüt scheint wie unter Strom, brutal in ihrer Wirklichkeit und betörend, sobald sie ins Fantastische umschlägt. Die Regisseurin und Autorin gilt als wilde neue Hoffnung des ukrainischen Films und gewann für das Drehbuch zu Koly padayut dereva bereits den ScripTeast Award in Cannes.


Perspektive Deutsches Kino

Whatever Happens Next (Weltpremiere)
von
Julian Pörksen
Deutschland / Polen 2018

Klar, gehen könnte man immer. Jetzt. Sofort. Man könnte aus dem Auto, dem Zug, vom Fahrrad steigen und einfach weg sein. Diesem Gedanken, den man normalerweise rasch verdrängt, gibt der 43-jährige Paul Zeise eines Tages nach und lässt alles zurück: Frau, Beruf, die gesamte bürgerliche Existenz. Fortan gondelt er als freundlicher Taugenichts, Schnorrer und Hochstapler durchs Land. Ungebeten setzt er sich in fremde Autos, ebenso ungebeten taucht er auf Partys und Beerdigungen auf, macht gemeinsame Sache mit einer dementen Großmutter und versetzt unabsichtlich eine Kleinfamilie in Angst und Schrecken, weil er sich schamlos in deren Leben drängt. Von einem Studenten nach Polen mitgenommen, irrt er dort als Wohnungsloser durch die Straßen, zieht zwischenzeitlich ins Krankenhaus ein und verliebt sich schließlich in die etwas durchgeknallte Nele (29), die ihn ihrerseits ins Wunderland ihres Lebens hineinzieht. Dass ihm inzwischen ein von seiner Frau beauftragter Privatdetektiv auf den Fersen ist, ahnt Paul nicht. Julian Pörksens Film ist ein ebenso komischer wie melancholischer Streifzug durch unsere Gesellschaft, eine von schönen, dubiosen und verirrten Charakteren bevölkerte Welt.


Wettbewerb
Dovlatov (Weltpremiere)
von
Alexey German Jr.
Kamera
Łukasz Żal
Russische Föderation / Polen / Serbien 2018

Leningrad, November 1971. Die Stadt liegt im Nebel. Wieder wird der Jahrestag der Revolution gefeiert, doch das Land tritt auf der Stelle: politisch, ökonomisch, kulturell. Sergei spürt es am eigenen Leib. Die Manuskripte des jungen Autors werden von den offiziellen Medien regelmäßig abgelehnt, seine Sicht auf Dinge und Menschen ist nicht gewollt. Anderen ergeht es ähnlich, auch seinem Freund Joseph Brodsky, den die Staatsmacht ins Exil zwingt. Sergei aber will bleiben, ein normales Leben führen, mit seiner Frau Lena und Tochter Katya. Und er will über die Entdeckung der Wirklichkeit schreiben, über die Arbeiter der Werft oder den Bau der Metro, wo eines Tages dreißig Kinderleichen aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden werden.
In großen Tableaus und langen Kamerafahrten porträtiert Alexey German Jr. den russisch-jüdischen Schriftsteller Sergei Dovlatov (1941–1990), dessen brillante ironische Texte in der Sowjetunion der Breschnew-Zeit nicht gedruckt werden durften. Aus einem tragikomischen Reigen aus Rebellion und Anpassung, Schmerz und Müdigkeit entsteht ein Zeitbild der Stagnation und ihrer zerstörerischen Wirkung.


Lola at Berlinale
Der Hauptmann | The Captain
von
Robert Schwentke
Deutschland / Frankreich / Polen 2017

Das Ende des zweiten Weltkriegs ist abzusehen, die soziale Ordnung in Deutschland liegt in Trümmern. Mit der Moral der Wehrmacht geht es bergab, die Truppe zerfällt. Die Anzahl der Fahnenflüchtigen steigt dramatisch, versprengte Soldaten werden automatisch als Deserteure erschossen. Statt Recht regiert Gesetzlosigkeit. Eine Gruppe betrunkener Hauptmänner macht erbarmungslos Jagd auf einen 19-jährigen Gefreiten – mehr aus mörderischem Spaß denn aus Pflicht. Der Gefreite, Willi Herold hetzt durchs Gehölz. Verzweifelt, am Ende. Wie durch ein Wunder entgeht Herold seinen Jägern und irrt nun – verfolgt von Bauern, die er bestiehlt um zu überleben und der eigenen Truppe, die ihn für einen Deserteur halt – durch die unerträgliche Einöde des Emslandes. Durchnässt, verschlissen, halb verhungert und kurz vor dem Erfrierungstod, macht Herold einen folgenschweren Fund: Eine Hauptmannsuniform.


Und die zwei, schon angesagten Filme, die “die Streber-Migrantinnen” schon für ihre neue Heimat gemacht haben, Alexandra Wesolowski und Alina Skrzeszewska.

Perspektive Deutsches Kino
Impreza – Das Fest | Impreza – The Celebration
von
Alexandra Wesolowski

Sommer 2016, in Polen regiert seit etwa einem Jahr die rechtskonservative PIS. Die Matriarchin Danuta bereitet das Programm für ihre Goldene Hochzeit vor und nimmt dabei ihre ganze Familie in die Pflicht. Danutas Enkelkinder sind es gewohnt, die kreativen Eskapaden ihrer Großmutter mitzutragen, und fügen sich ihrem Schicksal. Für dieses Jahr hat Danuta eine Modenschau geplant, bei der die Mädchen die Lieblingskleider ihrer Großmutter aus den vergangenen Jahrzehnten präsentieren sollen. Die Grande Dame will dazu aus ihrem Leben plaudern, Anekdoten zum Besten geben, die sie in den modischen Kreationen erleben durfte. Einige Tage vor dem großen Ereignis reist Alexandra, die deutsche Nichte, in Warschau an und will bei den Vorbereitungen helfen. Aber kaum sitzt sie am Tisch, dominiert Politik jedes Gespräch nicht nur mit Danuta, auch mit allen anderen Mitgliedern des Clans. Alexandra merkt, dass sie mit ihren liberalen Ansichten alleine dasteht und dass die Frauen in ihrer Familie sich kein bisschen mit Zielen wie Emanzipation, Frauenrechten oder offenen Grenzen identifizieren. Sie möchte herausfinden, wie der ideologische Graben zwischen ihr und ihrer Familie so groß werden konnte.


Panorama Dokumente
Game Girls
von
Alina Skrzeszewska
Frankreich / Deutschland 2018

Die Gegend Skid Row in L.A. ist bekannt als „Hauptstadt der Obdachlosen“ der USA. Dort zu überleben ist ein hartes Spiel, in dessen Regeln uns die Geschichten der porträtierten Frauen Teri und Tiahna einführen. Das Leben des lesbischen Paares spielt sich zwischen Gefängnis, Alkoholsucht und Drogenverkauf, aber auch Hoffnung ab, ihr Schicksal ist paradigmatisch für das Leben afroamerikanischer Frauen an den Rändern der amerikanischen Gesellschaft. In einem von der Filmemacherin initiierten Workshop für Frauen aus der Community verarbeiten sie ihre Erinnerungen und Traumata und beginnen einen Transformationsprozess, in dessen Verlauf sie nicht als Opfer, sondern als selbstermächtigte Subjekte sichtbar werden. Soziale Proteste gegen Obdachlosigkeit in der Nachbarschaft oder die Black-Lives-Matter-Bewegung sind genauso Teil ihres Lebens wie die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihre Homosexualität leben, oder der hartnäckige Kampf mit den Behörden um die eigenen vier Wände.
Mit einer beobachtenden, intimen Kamera erzählt der Film die Geschichte zweier Frauen, die es schaffen, der Skid Row zu entkommen, und dennoch in den Grenzen ihrer Lebensumstände gefangen sind.

 

 

Reblog: Tunix

Wenn etwas, was du machst, plötzlich die Welt verändert…

Jacek Slaski: Interview mit Diethard Küster

Zitty Berlin

Am Anfang war Tunix

Eine linke Szene gab es in Deutschland schon vorher. Aber beim Treffen in Tunix, einem Kongress von Gruppen, Künstlern und Organisationen aus dem gesamten linken Spektrum, der zwischen dem 27. und 29. Januar 1978 an der Technischen Universität in West-Berlin stattfand, wurde die Alternativbewegung geboren. Wir sprachen mit dem Aktivisten und Filmemacher Diethard Küster, der damals zu den Organisatoren gehörte, über die politische Situation vor Tunix, Formen der Vernetzung, Hochschulpolitik, die Depression nach dem Deutschen Herbst und einen Urlaub in Schweden.

Herr Küster, Sie haben im Winter 1977 mit einigen Mitstreitern die Idee zum Tunix- Kongress gehabt, der dann vom 27. bis 29. Januar 1978 in der Technischen Universität stattfand. Tunix gilt heute als Geburtsstunde der deutschen Alternativbewegung. Sehen Sie das auch so?

Diethard Küster: Tunix war tatsächlich so eine Art Erweckungserlebnis, nicht nur für Spontis, sondern letztendlich auch für die gesamte Linke, und zwar bundesweit. Berlin war zu der Zeit eine ummauerte Insel, ein Mikrokosmos. Ein Ort, in dem Kommunikation gut funktionierte. Aber in den kleineren Städten und in der Provinz war das zu der Zeit noch anders. Die Leute, also die nicht-organisierten, undogmatischen Linken, lebten vereinzelt in Landkommunen oder in Städten mit an einer Hand abzählbaren Wohngemeinschaften. Nur Frankfurt war da ein bisschen weiter. An dem Wochenende von Tunix trafen diese Leute plötzlich auf unerwartet viele Gleichgesinnte und waren völlig fasziniert, dass es so viele davon gab. Bei dem Kongress, der eigentlich gar nicht unbedingt als Kongress geplant war, sondern als große Abschiedsparty von gescheiterten Träumen, wurde über alle Themen gesprochen, die zu der Zeit von Bedeutung waren oder es zu sein schienen: Psychiatrie, Presse, Knasthilfe, alternative Landwirtschaft, Stammheim, Frauenbewegung, bewaffneter Kampf, Alternativkultur, politische Organisation. Vorgaben gab es keine. Alles war möglich. Alles war erlaubt. Hier wurde die Gründung der „taz“ eingeleitet. Hier wurde der Grundstein für die Alternative Liste, heute Die Grünen, gelegt. Tunix war damit die Keimzelle für die erste linke Tageszeitung und die für erste linke Partei im Nachkriegs-Deutschland. Heute kann man sagen, dass Tunix gerade auch für die Weiterentwicklung und Organisierung der gesamten Ökologie-Szene ein Meilenstein war. Davor gab es Rhizome, einzelne Zellen, die kaum untereinander in Kontakt standen. Nach Tunix entwickelten sich Strukturen und Netzwerke, die zum ersten Mal auch auf nationaler Ebene miteinander verbunden waren. Ein neues Selbstbewusstsein entstand.

Sie selbst kamen 1972 nach West-Berlin. Wie sind Sie in diese Szene geraten?
Ich bin auf dem Gymnasium zwei Mal sitzengeblieben und habe erst 1972 Abitur gemacht. Einen Tag nach dem Abi bin ich nach West-Berlin gezogen. Ein paar Kumpels wohnten schon da und noch als Schüler trampte ich an den Wochenenden öfter von Dortmund per Anhalter nach Berlin, um sie zu besuchen. Ich kannte hier also nicht nur ein paar Leute, sondern auch die einschlägigen Kneipen. Das waren alles Szenekneipen. Und „die Szene“ war links zu der Zeit.

Freaks, Spontis, Stadtindianer: Tunix-Teilnehmer (aus zitty 12/78)
Foto: zitty-Archiv

In diesen linken Kneipen haben Sie sich dann politisiert?
Vorher schon. Ich lebte während meiner Kindheit und Jugend in Dortmund, einer Stadt, die Großstadt spielte, aber die Strukturen und eine Atmosphäre ­hatte wie ein kleines Dorf. In meinem Freundeskreis waren wir daher fasziniert von allem, was nach Rebellion, Rock’n’Roll und Veränderung roch. Und es war die Zeit des Vietnamkrieges. Ich habe damals im Fernsehen Rudi Dutschke gesehen, wie er in einem selbst gestrickten Pullover auf einem VW-Bus saß und die Revolution erklärte. Es war völlig klar, da wollte ich dabei sein. In Berlin ging’s ab, das war die große weite Welt. Scheißegal, ob Berlin eine eingemauerte Stadt war. Da tobte das Leben. In Dortmund gab’s nur die Borussia. Immerhin. Aber das reichte mir nicht.

»Als das Treffen in Tunix stattfand, war ich sieben Jahre alt und hatte gerade erst einen Deutschen Herbst nicht verstehen können, den alle Erwachsenen diskutierten. Heute kann ich vieles am Tunix-Treffen nicht oder nicht mehr verstehen – den öden Antiamerikanismus etwa oder die romantischen Bewegungsfantasien. Dennoch ist es zu einfach, sich über die damaligen Ideen lustig zu machen. Die guten Aspekte überwiegen – viele der dort vorgestellten oder geplanten Initiativen machen noch heute gute Arbeit, etwa das Netzwerk Selbsthilfe, die taz oder die Schule für Erwachsenenbildung, und auch für die queere Bewegung gingen entscheidende Impulse aus. Davon profitiere ich heute genauso wie all diejenigen, die eine liberale Gesellschaft schätzen, sich aber zugleich cool über die Geschichte stellen wollen. Die sollten langsam mal verstehen.«
Jörg Sundermeier, Verleger (Verbrecher Verlag)

Weshalb konnte sich die linke Szene in West-Berlin so stark entwickeln?
Das gesellschaftliche Phänomen war ja, dass es in Berlin nicht die klassischen soziologischen Strukturen einer Großstadt gab. Ein großer Teil der Bevölkerung mittleren Alters, also Menschen, die noch Pläne für ihr Leben hatten, ebenso wie Teile des wohlhabenderen Bürgertums, hatten nach Kriegsende, erst recht aber nach dem Bau der Mauer, die Stadt verlassen. Alle dachten, dass über kurz oder lang die Russen einmarschieren und den Laden übernehmen würden. Große und für die Stadt wirtschaftlich bedeutende Firmen – nicht nur Siemens – haben damals ihren Muttersitz aus der Stadt abgezogen. Die, die sich einen Umzug aus Berlin nicht leisten konnten, und die Alten sind geblieben. Dann – hauptsächlich, weil es in Berlin keine Wehrpflicht gab – kamen plötzlich die Jungen, die Freaks, die Künstler und Chaoten. Auch gab es in Berlin, anders als in Westdeutschland, keine Polizeistunde, ein nicht zu unterschätzender Grund. Und die Freie Universität war die Uni schlechthin zu der Zeit. Wer linke oder fortschrittliche Wissenschaften studieren wollte, ging an die FU. All das ergab diese verrückte Mischung: Punks und Lebenskünstler jeglicher Couleur hockten in der U-Bahn neben den mit Klunkern behangenen Wilmersdorfer Witwen in ihren Pelzen. Es sah oft wirklich so aus wie in den Comics von Gerhard Seyfried und es herrschte eine Toleranz und Liberalität wie es sie in Westdeutschland so nicht gab. Das betraf nicht die politischen, sondern mehr die sozialen Bereiche des Alltags.

Die zitty 3/78

»Tunix war eine Suff-Idee und keiner hat geahnt, dass es solche Ausmaße annehmen wird. Tunix hat eine Eigendynamik entwickelt. Und obwohl praktisch nichts gelaufen ist, ist ungeheuer viel passiert. Deshalb war nicht Brokdorf oder Grohnde, sondern Tunix der Wendepunkt.«

»Mich störte, dass es so einen Unicharakter hatte. Ich habe manchmal das Gefühl, dass es ähnlich ist wie bei einem Uni-Streik. Ich stell mir das wesentlich besser im Sommer vor.«
Einschätzungen von Tunix-Teilnehmern aus Zitty 4/1978

Welche Orte, Gruppen oder Medien waren wichtig?
Vor „tip“ und „Zitty“ gab es nur den „Hobo“ als ­linke Stadtzeitschrift, daneben die Sponti-Blätter „Agit 883“ und für die eher intellektuelle Fraktion „Der Lange Marsch“. Mitte der Siebziger kam das „BuG-Info“, das „Info Berliner undogmatischer Gruppen“. Das war so ein hektografiertes Heftchen ohne Redaktion, das jede Woche montags herauskam und in den einschlägigen Kneipen verteilt wurde. Ein Leuchtturm dieser Kneipenkultur war zu der Zeit das Spektrum, eine nicht konzessionierte linksradikale Kneipe in Schöneberg, in der Coburger Straße. Man munkelt, bei der Entführung von Peter Lorenz durch die „Bewegung 2. Juni“ wechselten sich die Leute ab: Die einen bewachten ihn und die anderen waren in der Kneipe. Nachdem das Spektrum schließen musste, gründeten die Betreiber den Mehringhof in Kreuzberg. Einschlägige Kneipen gab es viele, mit den unterschiedlichsten Halbwertszeiten. In Charlottenburg spielte damals die Musik, noch nicht in Kreuzberg. Zum Beispiel im Zwiebelfisch oder in der Dicken Wirtin, wo nicht nur Baader, Ensslin und Horst Mahler bei Zigaretten, Bier, Schmalzstullen und den obligatorischen Diskussionen die Köpfe geraucht hatten. Oder das Terzo Mondo, wo Kostas, der Wirt, jeden Abend zu vorgerückter Stunde Gitarre spielte, manchmal sogar zusammen mit Mikis Theodorakis. Das war lange, bevor Kostas zum Folklore-Kasper in der „Lindenstraße“ wurde. Und dann gab’s den Dschungel.

»Ich erinnere mich an Daniel Cohn-Bendit, der da rumtobte, da habe ich ihn zum ersten Mal gesehen. Damals war ich gerade 21 Jahre und sehr kurz undogmatischer Linker. Am Abend war dann die große Party am Lützowplatz. Da war ein richtiges Bierzelt aufgebaut. Riesig. Mir kam das zu professionell vor. Auf der Party wollten dann einige von uns LSD nehmen. Ich war dagegen. Zu kalt, zu viele Leute. Mein bester Freund hat dann seinen Trip aus Versehen wieder ausgespuckt. Mein kleiner Bruder hat seinen aber genommen. Irgendwann war der dann verschwunden und ich habe ihn die halbe Nacht in Kreuzber­ger Kneipen gesucht. Ich hatte ja meinen Eltern versprochen, auf ihn aufzupassen.«
Christian Y. Schmidt, Autor, Journalist, ehemaliger Redakteur der „Titanic“

Der Dschungel war doch eine hedonistische Disco, in der es Kokain gab und wo David Bowie verkehrte.
Im Dschungel gab es nicht nur Drinks und Drogen. Schöne Menschen und weniger schöne, arme und reiche, sehr berühmte und völlig unbekannte, junge und alte. Dorthin kamen Schaubühnen-Schauspieler und Taxifahrer, elegant gekleidete Figuren nach einem Konzert in der Philharmonie, genauso wie abgerissene Punks aus Kreuzberg, Polit-Freaks und Musiker, die auf Tour in Berlin waren. Diese Zeit beschreibt übrigens Volker Hauptvogel in seinem Roman „Fleischers Blues“ sehr humorvoll und authentisch.

Leider darf hier nur soviel reblogged werden. Weiterlesen ist nur durch klicken an die sog paywall möglich. Oder beim Kaufen der E-Paper-Exemplar. Ich hoffe, in 2-3 Wochen die Möglichkeit zu bekommen, hier den ganzen Text zugänglich zu machen. Schau Mal wieder vorbei 🙂

Andere Texte von Jacek Slaski

Weiter so, Deutschland! Vier Monate ohne Regierung… (Reblog)

Vier Monate nach der Wahl sind wir wieder da, wo wir gestartet sind: bei der Großen Koalition. Gewünscht hat sich das kaum einer. Aber wenn es nun so sein muss, dann sind hier sieben Bitten an die GroKo-Verhandler.

Spiegel online

Stefan Kuzmany

GroKo-Verhandlungen: Sieben Bitten eines müden Bürgers

Es war ein schöner Traum: Dass sich etwas ändert. Dass es eine Art Aufbruch geben könnte, je nach politischer Perspektive mehr Gerechtigkeit oder mehr Sicherheit. Oder vollen Einsatz fürs Klima oder vielleicht auch nur schnelleres Internet.

Sie war da, die Sehnsucht nach etwas Neuem. Nach einem mutigen Entwurf für ein neues Europa, das strahlt und lockt und dem unglückseligen Nationalismus ringsum etwas entgegensetzt. Oder auch die Sehnsucht nach einer Regierung, die die Grenzen sichert und die Anschläge verhindert. Es gab den Traum von mehr Debatte im Parlament, vom demokratischen Streit zwischen den Volksparteien, klaren Positionen und scharfen Auseinandersetzungen. Dieser Traum ist aus, jetzt kommt die neue GroKo. Schön ist das nicht, aber da müssen wir wohl durch. Bevor jetzt die offiziellen Verhandlungen beginnen, hier noch ein paar Bitten eines ermatteten Bürgers an die mitwirkenden Politiker:

1. Bitte keine Nachtsitzungen mehr. Sie können alles, was Sie zu klären haben, auch tagsüber entscheiden, vielleicht sogar vor Feierabend. Es ist ja nicht so, dass Sie über die offenen Fragen noch nie geredet hätten, geben Sie es doch zu: Eigentlich wissen Sie schon recht genau, wo Sie sich treffen werden. Das ist hier kein Wettbewerb um die tiefsten Augenringe, wir glauben Ihnen auch so, dass Sie sich sehr anstrengen. Zugegeben: Nachtsitzungen sind ein bewährtes Stilmittel des Politikbetriebs, sie vermitteln den Eindruck von Durchhaltewillen, Druckresistenz und Dramatik. Aber ehrlich gesagt, hat sich diese Inszenierung langsam etwas abgenutzt. Außerdem sitzen einige von Ihnen noch in der geschäftsführenden Regierung, und es wäre doch beruhigend, wenn Sie Ihr Amt einigermaßen wach ausüben könnten. Nicht dass Sie am Ende aus Versehen doch wieder ein paar Waffenlieferungen mehr genehmigen oder ähnlichen Unsinn. Bitte seien Sie vernünftig!

2. Bitte unterlassen Sie jegliche Aufplusterungen abseits der tatsächlichen Verhandlungen. Klar, das ist nicht so einfach: Mancher von Ihnen will noch was werden in der Partei, mancher will noch etwas bleiben, und da fällt es schwer, der Versuchung zu widerstehen, sich mit Klartext-Interviews und Provo-Tweets zu profilieren. Durchaus verständlich, dass Sie Ihren Parteimitgliedern und den Wählern zeigen wollen, dass Sie noch wissen, was Sie im Wahlkampf alles versprochen haben. Aber die Wahl ist jetzt vier Monate her, und bedenken Sie bitte: Sie haben nicht die absolute Mehrheit geholt – deshalb sind diese leidigen Koalitionsverhandlungen ja erst nötig geworden. Es geht jetzt um Kompromisse. Oder wollen Sie gar keine Kompromisse? Dann springen Sie bitte direkt zu Punkt 7.

3. Die CSU könnte ja bitte vielleicht doch nochmal in ihrem Herzen wühlen und dabei entdecken, dass Familie nicht nur bayerischen Wesen wichtig ist, sondern den meisten Menschen jeglicher Herkunft und Hautfarbe, was auch Flüchtlinge mit eingeschränktem Schutzstatus einschließt. Sie könnten in ihrem eigenen Bundestagswahlprogramm nachschauen und feststellen, dass Sie dort einer Zwei- oder Mehrklassenmedizin “eine Absage” erteilen – da geht doch was! Gut, eine Bürgerversicherung lehnen Sie ebenfalls ab, aber die muss ja am Ende nicht so heißen. Die Obergrenze heißt ja jetzt auch nicht mehr so. Und bis zur Landtagswahl können Sie dann noch genug Krach schlagen, wenn die Koalition erst einmal steht. Der Markus macht das schon.

4. Die SPD könnte bitte mal kurz damit aufhören, sich mit sich selbst zu beschäftigen . Sicher, die eigenen Probleme sind immer die größten, aber langsam ist es auch mal gut. Sie haben doch wunderbar demokratisch debattiert auf Ihrem Sonderparteitag. Sie haben zwei Dinge geschafft, die niemand für möglich gehalten hätte: Bonn war für einen Tag wieder Hauptstadt. Und die SPD hat tatsächlich Spannung verbreitet mit ihrer Abstimmung über die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen. Sie haben sich dafür entschieden, lassen Sie es damit gut sein. Dass Sie sich seither mehr mit der eigenen Jugendorganisation streiten als mit dem politischen Gegner, macht keinen besonders guten Eindruck.

Lassen Sie die Jungen doch machen! Vielleicht kommt ja sogar so etwas wie die Zukunft der SPD dabei heraus, für die Zeit nach dieser und der nächsten und der übernächsten GroKo, eine Zukunft, in der die SPD möglicherweise wieder etwas mehr Zuspruch bekommt, weil sie linker und entschlossener auftritt. Freuen Sie sich doch über neue Mitglieder, anstatt sie zu fürchten. Sie haben über 400.000, glauben Sie im Ernst, dass ein paar NoGroKo-Neuankömmlinge den Mitgliederentscheid kippen werden? Vielleicht sollten Sie besser gar nicht mehr so viel über diese Abstimmung reden. Sonst könnte noch jemand auf die Idee kommen, sich zu fragen, warum eigentlich ein halbes Prozent der deutschen Bevölkerung über Regierungsbildung oder Neuwahlen entscheiden soll.

5. Und die CDU könnte…… Ach, wissen Sie was, es ist eigentlich vollkommen egal, was die CDU macht, am Ende wird ja doch wieder Angela Merkel Kanzlerin. Aber weil das so ist und Sie im Grunde ja auch keine anderen Forderungen, Erwartungen, Visionen oder Ideen bei diesen Koalitionsverhandlungen haben, könnten Sie die Zeit nützen und sich, während die anderen beiden streiten, mal Gedanken darüber machen, wie es eigentlich nach Angela Merkel bei Ihnen weitergehen könnte. Dann ist es nämlich erstmal vorbei mit der automatischen Kanzlerschaft, daher sollten Sie einen Plan haben, was Sie mit dem sozialdemokratischen Erbe Merkels anstellen wollen. Vielleicht geben Sie es ja den Sozialdemokraten zurück?

6. Und weil wir gerade bei der Zukunft sind: Bitte tun Sie nicht so, als ob jetzt alles in diesem Koalitionsvertrag festgeschrieben werden könnte, was in den nächsten vier Jahren passiert. Wer weiß, mit welchen Krisen und Kriegen wir noch zu tun bekommen, welche revolutionäre Technik uns alle überrollt und was Trump noch so einfällt. Ein Vertrag als Grundlage einer stabilen Regierung ist schön und gut, aber es reicht nicht, so eine Vereinbarung Punkt für Punkt abzuarbeiten. Es darf keine Alternativlosigkeit mehr geben, es muss schon noch Raum für Debatten da sein. Aber eben auch das grundsätzliche Vertrauen, dass Sie auch dann zu guten Ergebnissen kommen, wenn die Realität über Ihren Vertrag hinauswächst.

7. Ach ja, und noch eine letzte Bitte: Wenn Sie das alles nicht hinbekommen, wenn die Gemeinsamkeiten doch fehlen und ganz grundsätzlich der Wille, gemeinsam zu regieren – dann sagen Sie uns das bitte schnell. Dann wählen wir eben neu. Aber glauben Sie bloß nicht, dass es danach einfacher wird.

Ich bin ein aufgehörter Schriftsteller

Gedenkveranstaltung zum Internationalen Holocaust-Gedenktag


Bild: Projekt: Wir waren Nachbarn

Im Mittelpunkt:
Kurt Tucholsky − „Ich bin ein aufgehörter Schriftsteller“

 Sonntag, 21. Januar 2018, 17 Uhr
 Rückert-Gymnasium, Aula, Mettestr. 8, 10825 Berlin
Neben dem ehemaligen Rias-Gebäude am Stadtpark,
Parkplätze vorhanden
U 4 Innsbrucker Platz, Bus 248

2005 wurde der 27. Januar, zur Erinnerung an den Tag der Befreiung von Auschwitz, von den Vereinten Nationen zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust erklärt. Seither führen das Ausstellungsprojekt WIR WAREN NACHBARN, das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg, die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (GCJZ Berlin) und die Deutsch-Israelische Gesellschaft (DIG Berlin) eine gemeinsame Gedenkveranstaltung durch.

Programm

Begrüßung

Dr. Jörg Balke, Schulleiter
Angelika Schöttler, Bezirksbürgermeisterin
Jutta Kaddatz, Bezirksstadträtin Bildung, Kultur und Soziales

Grußworte

Jael Botsch-Fitterling (GCJZ Berlin)
Dr. Nikoline Hansen (DIG Berlin)
Zum Auftakt des Jahresschwerpunkts 2018 „Unerhörte Stimmen“:

Kurt Tucholsky − „Ich bin ein aufgehörter Schriftsteller“
Heinrich Rolfing trägt Texte und Briefe von Kurt Tucholsky vor

Musik

„Siebzehn Augenblicke des Frühlings“ (Mikael Tariwerdijew):
Maxime Parmentier (Schüler)
Lieder von Kurt Tucholsky, Peter Fischer und Peter Janssens
sowie Hildebrandt/Schneyder und Robert Opratko:
Andreas Kling (Musiklehrer),
Klavier: Bendict Goebel (Musiklehrer)

Moderation

Andreas Kling

An diesem Abend bleibt die Ausstellung in der Ausstellungshalle im Rathaus Schöneberg bis 20 Uhr geöffnet.


Kurt Tucholsky (1890-1935) war einer der bekanntesten und vielseitigsten Publizisten und Gesellschaftskritiker seiner Zeit. Er schrieb zahlreiche satirische Gedichte, zeit- und sozialkritische Glossen, Buch- und Theaterkritiken, Romane und Chansons. Er fürchtete den Niedergang der Weimarer Republik und schrieb unermüdlich dagegen an. In der renommierten Wochenschrift „Die Weltbühne“ erschienen unter seinen verschiedenen Pseudonymen oft mehrere Beiträge in einem Heft, deren Ton zunehmend schärfer wurde. Nach einem ersten Prozess gegen den Herausgeber Carl von Ossietzky, verlegte Tucholsky
seinen Wohnsitz nach Hindås in Schweden. Zutiefst enttäuscht von der politischen Entwicklung und der geringen Wirkungsmacht seiner, wie der politischen Aufklärungsarbeit überhaupt, verstummte er ab 1931 publizistisch zunehmend und unterzeichnete seine Briefe fortan mit „aufgehörter Schriftsteller“ oder „aufgehörter Deutscher“.
Erich Kästner charakterisierte ihn 1946 als „kleinen dicken Berliner, der mit der Schreibmaschine eine Katastrophe aufhalten wollte“.

Heinrich Rolfing
Der Berliner Schauspieler und Regisseur Heinrich Rolfing (*1958) hat in zahlreichen Theater- und Filmproduktionen mitgewirkt, regelmäßig trägt er bei unterschiedlichen Lesungen literarische Texte vor.


Und zum Schluss ein der bekanntesten gedichte Tuchoskys, allerdings vorgetragen von Bernhard Scheller:

Es fügte sich so…

Ewa Maria Slaska

Über die Zufälle

Ab und zu schrieb ich oder meine AutorInnen über Zufälle. Aber das Thema kehrt immer wieder zurück. Die Pragmatiker sagen, man lebe umgeben von sovielen Eindrücken, Items, Menschen, Ideen, Gedanken, Bildern oder Zahlen, dass IMMER irgendetwas zu irgendetwas anderen “passt”. Die Irrationalisten kontern, dass doch jeder von uns selber beweisen kann, dass ab und zu hintern den bizzarren Zufällen ein Sinn steckt, der für uns von Bedeutung ist  oder uns gar in unserem Leben weiter führt und neue Perspektiven öffnet. Es fügt sich, so zu sagen…

Diesmal fügte sich zuerst ein Telefongespräch mit einem Unbekannten.
“Mein Name ist Peter Kleinfeld”, sagte er auf Polnisch mit leichten deutschen Akzent. “Ich habe für sie eine Graphik von ihrer Mutter. Wollen Sie sie haben?”
“Ja”, sagte ich. “Klar will ich sie haben.”
Es war Mitte Dezember.
“Ist wunderbar”, sagte Herr Kleinfeld, “jetzt habe ich aber keine Zeit. Ich melde mich wieder im Januar”.

Er tat es. Wir trafen uns vorgestern, gingen im Fliegersiedlung spazieren, die voller Blumen war. Ich zeigte meinem Gast verwelkte, aber immer noch volle Blumen Sommerrosen,  Herbstaster, blühende Winterjasminsträuche und schon Frühling ansagende Winterlinge. Kaffee habe ich zuhause, wir kauften untwerwegs Milch und Berliner und gingen hoch in meine Wohnung.

Erst dann sah ich mir, was Peter (wir nannten uns noch Frau Slaska und Herr Kleinfeld) mir mitgebracht hat. Es war die alte Graphik meiner Mutter, Irena Kuran-Bogucka, eine der ersten schwarz-weissen grob gehauenen Holzschnitte. Vorher waren die Bilder, die Mama machte, entweder ja schon schwarz-weiss, sie wirkten aber eigentlich grau – es waren Stahlstiche und so wie die Technik es verlangt mit dichten dünnen Linien aufgebaut, oder waren sie schon Holzschnitte, aber immer noch mit sehr dünnen Linien gezeichnet und im weissgesprenkelten Hintergrund leuchtend hlellblau. Von der ersten Technik habe ich eigentlich in Erinnerung nur Mamas Diplomarbeit, ein Bild von ihr im Atelier, wo man diese Stahlstiche fertigte. Die blauen müssten mehrere gewesen sein, ich weiss aber heute nur noch von zwei, ein laubloser Baum in einer Schneelandschaft und die Treppen von Veliko Tarnovo, die älteste und hübscheste Stadt in Gebirgen Bulgariens. Jetzt erkenne ich die Treppen wieder, aber das Bild ist völlig anders, schwarz-weiß, mit breiten Meisel im weichen dicken Lindenbrett gehauen. Ich weiss es nicht, aber durch Wiederholung des Themas in einem anderem Metier komme ich an Gedanke, das es vielleict das erste Mal gewesen ist, dass Mama die neue Technik und neue Arbeitsweise benutzte. Danach sollte sie mindestens zwei Jahrzehnte so gearbeitet haben.

Peter und Ewa (wir dutzen uns schon) und dazwischen, hinter an der Wand das Bild Veliko Trnovo.

Das ist mehr oder weniger diese Strasse:

Es bleibt natürlich zuerst unbeantwortet die Frage, woher Peter das Bild hat? Wir dutzen uns schon und sprechen abwechselnd Deutsch un Polnisch. Peters Polnisch ist erstaunlich gut, obwohl er die Sprache vor halbem Jahrhundert erlernt hat und seitdem selten benutzte. Um sich an das Treffen mit mir vorzubereiten las er vier Tage lang das einzige Polnische, was er zu Hand hatte und dies war ein Polnisches Büchlein: Rozmówki Polsko-Francuskie, eine aus kommunistischen Polen stammende Erfindung, kleine Bücher, die alle Rozmówki hiessen, Gespräche also in verschiedenen Sprachen, kleine Produkte der kommunistischen Buchindustrie, Sprachführer, die allesamt die rauhe Tatsache nicht beachten wollten, dass wir in der Volksrepublik Polen kaum wohin fahren dürften.

Das war in der DDR noch schlimmer. Es war das Jahr 1965, Peter, Geburtsjahr 1939, hat gerade sein Studium der Anglistik und Germanistik an der Humboldt-Universität zu Berlin abgeschlossen und wollte per Anhalter nach Polen. Er kannte dort niemanden und auch die Sprache nicht, dazu noch per Anhalter, etwas was in Polen zu dieser Zeit absolut “in” war und Autostop hiess. Wir hatten sogar ein Lied darüber, gesungen von Karin Stanek, erster polnischen Sängerin, die sich von der Politik gar nichts machte. Jede vor uns wollte so sein wie sie.

Text versprach, dass man per Anhalter in ganz Europa fahren konnte. Es war das Jahr 1963, ob Peter dank Karin Stanek nach Polen kam?
Weiß ich nicht und kann nicht nachfragen. Erst jetzt, als ich das schreibe, stelle ich fest, dass Peter zwar meine Adresse und Telefonnummer kennt, ich aber seine Contacting-Angaben nicht habe. Ich weiss nur, dass er weder Handy noch Internetzugang besitzt und irgendwo in der thüringischen Pampa wohnt. Und ist in Thüringen der Erste im 100-Meter-Lauf in seiner Alters-Klasse. Muss stimmen, fit ist er.

Bevor er nach Polen fuhr, fand man doch irgendein Kontakt dort. Die Familie wohnte in Sommerfeldsiedlung in Kleinmachnow und war, wie viele dort, antroposofisch im Sinne von Rudolf Steiner orientiert  (sind sie eigentlich bis heute). Dort kannte man einen polnischen Mathematik-Professor, Moren, der unter den gleichgesinnten polnischen Gärtner die antroposofischen Kalender verteilte. So kam der Junge unter die polnischen Antroposophen. Der Professor schickte ihn weiter zu Maria Hiszpanska-Neuman, selber Antroposophin, aber dazu noch Grafikerin und obendrein Freundin meiner Mutter. Daher gab es schon in diesem Blog zwei Beiträge über sie: HIER und HIER.

So hat es sich eben gefügt, dass Peter, den man schon in Warschau Piotr nannte und dem man schon einen Spitznamen zugab: Kot Poliglot, zu uns nach Danzig kam. “Kennst du mich? erinnerst du dich an mich?” fragt Piotr. Ich schaue ihn an und sehe nichts Familieres zu dem, was ich 1965 kannte. “Nee”, sag ich. Er war damals 26, ich 16 – ein Generationsunterschied. Er behauptet aber, er kann sich an mich erinnern und an meinen ersten Freund, Zygmunt. Ich entdecke ihn erst, als wir über komischen Sprachfehler sprechen, die jede macht, wenn er die fremde Sprache lernt. Ich erinnere mich an einen jungen Mann aus der DDR, der schon bißl Polnisch sprach und schönes Versprechen produzierte: statt na razie zu sagen, was “bis bald” bedeutet, sagte er zarazie – was im Dativ, Ansteckung ist.

Er kaufte sich tonnenweise Bücher, vor allem englische, die man bei uns im Klub Międzynarodowej Książki i Prasy kaufen konnte, dem Klub der Internationalen Presse-und Buch, aber auch in Antiquariat, und die in der DDR nie und nirgendwo z haben waren, und die Mauer stand schon da, dh. nach Westberlin konnte man schon auch nicht mehr. Als er nach Hause fuhr, packte er seine Reisetasche voll mit den English Books und deckte obendrauf nur sparsam mit der schmutzigen Wäsche. Eine Methode, die wir im Osten damals alle benutzten.

Als er wegfuhr, gab ihm meine Mama ihre Graphik, die ich jetzt, nach mehr als 50 Jahren, bekommen habe. Es fügte sich so…

So weit für heute, zarazie

Zagadka / Riddle / Rätsel

Co ja paczę? No, co to jest? / Was ist das? / What is that???



Na? And? I co?
Paczki świąteczne, co? Xmas Packages maybe? Ich glaub, Pakete. Weihnachtsgeschenke?

Aha!

Look! Schau! To popatrz.

Sztuka! Kunst! Art!!!!! And the Artist. A to artysta. Der Künstler!

Yrjö Edelmann (1941-2016)

Wiki auf Deutsch

artnet in English

a po polsku niestety jakiś dziwny portal, gdzie obraz olejny nazywa się “obraz olejowy” 😦
womanadvice.pl

Na Saksy 4 Über die Märchen

Łucja Fice

Die letzten Tagen

Dieser Nachmittag war nicht angenehm. Elvira wusste sich für meine freien Stunden zu revanchieren. Sie schickte mich in den Keller, ich sollte den Fußboden wischen, die Regale sauber machen und zweihundert Gläser mit Eingemachtem einsortieren, die vorher sorgfältig geputzt werden mussten.

“Alles muss sauber sein, alles muss tipptopp sein”.

Ich widersprach nicht. Das Alter besiegte mein ich. Diese deutsche Gründlichkeit fand ich entsetzlich. Da half mir aber meine Gewitztheit. Irgendwie musste ich das packen. Ich wickelte ein Buch ins Wischtuch ein und steckte es in die eine Schürzentasche, in die andere kam eine Taschenlampe und holte den Wassereimer und den Mopp aus der Besenkammer.

“Ich gehe in den Keller!”
“In einer Stunde musst du alles schaffen”, erwiderte die Alte hart.

Das war eine angenehme Lesestunde. Ich fühlte mich wie ein kleines Mädchen, dem man das Lesen verboten hat und das es heimlich tun muss. Als ich Elvira die Treppe runterkommen hörte, schaffte ich es, den Fußboden nass zu machen und mit dem Tuch über die Regale zu fahren. Der Betrug war gelungen.

***

Nur noch drei Wochen bis zum Vertragsende. Ich wollte keinen Ärger. Ich fasste den Entschluss. Morgen rufe ich die Agentur und die Tochter der Alten an. Ich wollte nach Hause. Die unwiderrufliche Entscheidung stand fest.

Nach zwanzig Uhr stand das Gießen der Rabatten auf dem Programm. Ich schleppte die Kannen mit zehn Litern Wassern, so dass meine Wirbelsäule quietschte. In diesem Moment hätte ich die Alte ermurksen können. Ich verwarf diese unschönen Gedanken und begann zu singen. Ich wusste es! Meine Heiterkeit würde sie erbosen. Ich reizte sie bis zur Weißglut.

“Schrei nicht so rum!”, brüllte Elvira aus dem Fenster und schaute mich verächtlich an. Sie sah aus wie eine böse Hexe, die sich zum Fotografieren aufplusterte. Die abgewetzte Schürze passte ideal zur abgemergelten Figur dieser langnäsigen Xanthippe. Es fehlt nur noch, dass sie mir einen roten Apfel aus dem Fenster zuwirft, den ich esse, mich vergifte und zu singen aufhöre.
“Willst du mich bezahlen, wenn ich aufhöre?”, entgegnete ich.

Ein anderer hätte wenigstens gelächelt, aber doch nicht diese alte Frau, die Fröhlichkeit unmoralisch fand und sich an Traurigkeit und Tränen ergötzte. Ich war aufgebracht und sang weiter. Die Alte donnerte das Fenster zu. “Hab’ ich denn so falsch gesungen? Mein Gott! Warum bedachtest du mich mit keiner Begabung, auf der ich mein verdammtes Leben stützen könnte”, sagte ich laut.

Uff! Die Arbeit war erledigt, der nächste Tag vorbei und trotzdem dachte ich, ich sei verrückt, dass ich diesen Vertrag nicht sofort kündige.

***

An diesem Tag hatte die Alte einen Termin beim Augenarzt. Ich hatte also frei und konnte sogar telefonieren. Dem Opa tat es auch gut, er bekam rote Wangen, lächelte, trank Wasser und aß die Süßigkeiten, die ich ihm anbot, wofür er sich mit Augenbewegungen bedankte. Ich freute mich darüber. Ich wusste, dass er die Augenblicke liebte, die er mit mir allein verbringen konnte. Seine Frau schenkte ihm sowieso keine Aufmerksamkeit. Er war für sie wie Luft, ein Mann ohne Eigenschaften, er blieb immer im Hintergrund. Ich nahm es dieser Hexe übel, dass sie ihren eigenen Mann so schlecht behandelt, ich war oft frustriert darüber. Für mich war er wertvoll, wie jeder ältere Mensch. Diesen Wert fühlte ich mit den Sinnen, unterhäutig. Ich sah seine innere Ruhe, die zwar zuweilen verflog und in Unruhe oder gar Aggressivität umschwenkte, wenn er mir seine geballten Fäuste unter die Nase hielt. In solchen Augenblicken erklärte ich mir das Verhalten meiner Schützlinge mit ihrem Alter, ihrer Krankheit und Schmerzen. Er hatte ungewöhnliche Augen. Ich schaute gern in diese scharf blickenden Katzenpupillen. Ich wusste ihn zu schätzen und es schmerzte mich, wenn Elvira ihren Mann ein ‘altes Schwein’ schimpfte.

***

Es blieb mir jedoch nichts anderes übrig, als die Agentur zu bitten, den Vertrag zu kündigen. Über diesen Entschluss informierte ich sie telefonisch.

“Ich will nach HAUSE, nach HAUSE!”
“Gabriela, wir beenden diesen Vertrag! Diese Familie verzichtet auf die Dienstleistungen unserer Agentur, also können wir niemanden an Ihre Stelle schicken.”
“Warum?”
“Wir glauben, es wird den Leuten zu teuer.”
“Also muss ich bis zum Schluss bleiben?”
“Genau! Ist aber bald vorbei”, tröstete mich Joanna. Meine Augen wurden feucht vor Ärger. Ich rief die Tochter von Elvira an. Ich hörte sie lallen und verstand nichts, bis auf das, dass sie betrunken ist. Also hatten die Nachbarn doch Recht, dass die Tochter Elviras Alkoholikerin ist, die nie nüchtern wird und dass ich mich nie mit ihr verständigen kann. Ich war sechs Wochen dort und sie verspürte nicht ein einziges Mal das Bedürfnis, ihre Eltern zu besuchen. An diesem Abend wollte ich nicht allzu früh ins Bett, ich legte mich auf Sofa. Die Gedanken in meinem Kopf flogen wie Billardkugeln umher. Im Zimmer befand sich nichts außer der Farbe an den Wänden. So schien es mir zumindest. Mich umspann Langeweile, bis ich etwas wie Flüstern vernahm. Es kam wie aus einem fahrenden Zug, der ruckelte und ratterte. Ich schlief nicht. Obwohl sich Träume bei mir plötzlich einstellen, war ich diesmal hellwach. Ich sah einen Menschenfluss, der über Felder auf mich zukam. Ich schaute sie mir an, wie einen bunten Katalog, in welchem mich die Anzahl der Kleider, Blusen und Hosen entzückte. Über ihren Schultern sah ich etwas oder jemanden, den ich nach der Rückkehr in die Realität vergaß, obwohl mir dieses mit den Sinnen registrierte Bild so realistisch erschien. Ich merkte mir eine weiße, dunkelblau gestreifte Bluse. “Was war das?”, fragte ich mich später.

***

Uff! Ich hab’s geschafft. Der Vertrag ist zu Ende. Mein Koffer steht gepackt in der Diele. Nur noch das letzte Abendessen und das Taxi bringt mich zur Bushaltestelle, ich steige in den Sindbad-Bus und es geht… nach HAUSE. Ich warf den letzten Blick auf mein Zimmer. Ich tanzte meinen Freudentanz und verabschiedete mich von den Wänden. Obwohl ich hier zwei Monate nächtigte, war die Spur, die ich in diesem Zimmer hinterlasse zu zart und zu flüchtig, als dass sie von jemanden vernommen werden könnte. Nicht einmal einen Geruch werde ich hier lassen, denn dieses Zimmer hat mich nicht richtig verinnerlicht. Ich hatte den Eindruck, als verließe ich leere Wände. Ich dachte an Elvira: “Eine furchtbare, alte Frau, die mich fertig gemach hat.” Ihre Verachtung einer Pflegerin gegenüber resultierte vermutlich aus der Sehnsucht nach der Jugend (irgendeinen Grund muss es ja dafür gegeben haben). Ich freute mich, dass ich nicht mehr jeden Tag ihrem Gejammer zuhören, ihre gealterte Haut sehen, den Geruch ihres Schweißes im ganzen Haus einatmen, ihre Sprüche ertragen und ihren Befehlen gehorchen muss. Ihr Lachen, das gar keine Freude versprühte, sondern erzwungen war, verunsichert mich sogar jetzt, als ich das schreibe. Im Grunde waren wir doch beide lächerlich. Zwei alte Frauen, die eine nur etwas jünger als die andere! Wie immer, versuchte ich, alles Unangenehme zu verdrängen. Ich schloss eine Tür hinter mir, die ich nie wieder öffnen werde und ging zum letzten Abendmahl.

Die Alte fragte mich nach meinen Wünschen.

“Was wirst du mit dem verdienten Geld machen? Was würdest du tun, wenn du mehr hättest?, fragte sie, schief lächelnd.
“Musst du auch jetzt noch gehässig werden? Ich habe es doch redlich verdient, also ist es nicht deine Sache.”
Die Seniorin brachte mich zum Taxi, das vor dem Haus wartete. Sie bezahlte die Fahrt, dann verabschiedeten wir uns.
“Behalte uns in guter Erinnerung!”, bat sie. “Entschuldige, dass du schwer arbeiten musstest, aber ich habe dich doch dafür bezahlt.”
Elvira zog aus dem Körbchen ihres Rollators ein schwarzes Täschchen, das mir schon früher aufgefallen ist.
“Das ist für dich, für den Silvester deiner Träume”.
Ich spürte eine angenehme Wärme in der Herzgegend, nichts Besonderes, aber wohlig eben. Das Täschchen schien mir irgendwie magisch. So eines würde ich nirgends zu kaufen bekommen.
Diesen Vertrag überlebte ich wie eine schwere Krankheit. Aber bevor ich zuhause ankam, waren alle Plackereien und Unannehmlichkeiten vergessen. Diese Fähigkeit, vergessen zu können, freute mich. Ich war zufrieden, dass ich die Alte, die Macht über mich hatte, besiegte. Und diese Zufriedenheit war das Wichtigste.

Zu Hause

Mein Mann war nicht auf meine Ankunft vorbereitet, wie letztens übrigens immer. Ich habe diese Veränderung bemerkt. Ich bat ihn, mir einen Kaffee zu machen. Ich lächelte mein Schicksal an, ich hatte Arbeit, ich war gesund. Und nach dem Frühstück folgte das große Auspacken.

“Und das ist das magische Täschchen für dem magischen Silvester.” Ich warf es auf den Tisch und widmete mich wieder dem Leeren meines Koffers.
“Weißt du überhaupt, was in dieser Kosmetiktasche drin ist?”, fragte mein Mann
“In welcher Kosmetiktasche?”
“Na in diesem Täschchen.”
“Was soll denn da drin sein?”
“Schau ‘mal.” Mein Mann holte ein Geldbündel raus und breitete die Scheine wie Spielkarten auf dem Tisch aus. Er zählte. Ich stand wie versteinert da. Ich traute meinen Augen nicht. Es waren sechzig Fünfeuroscheine. Ich begriff, dass die Frau jeden Tag fünf Euro sparte, um mir zum Abschied eine Überraschung zu bereiten und das Sparen schmackhaft zu machen, wovon sie ja so viel hielt. Ich war gerührt. Nun verstand ich, was Elvira meinte, als sie sagte:
“Was würdest du tun, wenn du mehr Geld hättest?” Ich weiß noch, was ich damals gedacht habe. Dieses Märchen kam also auf meine persönliche Bestellung, dessen war ich mir vorher gar nicht bewusst. Eines ist aber sicher! Man bekommt kein Geld für umsonst. Das ist die dritte WAHRHEIT, die ich entdeckte, obwohl ich es eigentlich immer wusste. Ich dachte: “War es mein Wunschdenken, das diese Belohnung erwirkt hat?” Existiert in dem uns umgebenden elektromagnetischen Feld wirklich ETWAS neben mir? Ist die Welt vielleicht ein Spiegelbild meiner Träume? Oder der Punkte in meinem Inneren? Ich erinnerte mich an die Worte meiner Mutter: DAS LEBEN LIEGT HINTER DEM KRISTALLSPIEGEL. Oder bin ich vielleicht ein kosmisches Spiel, Teil eines Hologramms und das Leben ist eine Magie?

Ich ließ diese Gedanken fallen, setzte mich hin und sagte zu meinem Mann: “Liebling! Vielleicht sind es die Quanteneffekte, die die Türen zum freien Willen öffnen und Möglichkeiten zur Wunscherfüllung liefern? Vielleicht hängt alles von uns selbst ab? Wir bestehen doch aus Gedanken und Gedanken sind eine Art von Wellen.”
“Du glaubst wohl an Märchen? Du denkst doch nicht logisch. Zum Denken verwendet man doch das Gehirn. Unsere Welt wird, mein Dummchen, von physikalischen Gesetzen regiert, die unter jeglichen Bedingungen objektiv und verifizierbar sind.”
Ich war da anderer Meinung.
“Du weißt doch ganz genau, dass nicht nur Philosophen, sondern auch moderne Wissenschaftler das Kausalgesetz und die materielle Welt anzweifeln, so wie sie von dir, von uns allen wahrgenommen wird. Angezweifelt wird bereits das Paradigma, nach dem unsere Welt ewig ist, mein Lieber. Die Theorien von Newton und Einstein sind zwar richtig, aber inkomplett. Unsere Welt ist komplizierter und unvoraussehbarer als es die größten Denker früher annahmen. Na gut! Du glaubst an die rationale Ordnung der Dinge, wo es keinen Platz für übernatürliche Phänomene gibt. Und ich denke, dass die Quantenphysiker schon bald eine vernünftige, wissenschaftliche Erklärung für diese, doch in der Natur stattfindenden Prozesse und Erscheinungen finden werden.”
“Ja, meine Liebe, ich bin ein Materialist und Rationalist. Und solche Menschen lassen keine anderen Erklärungen gelten als die, die der gesunde Menschenverstand liefert.”
“Hör’ einmal zu, du Dämlack…”, revanchierte ich mich. “Allein die Tatsache, dass diese komische Welt, das Leben und unser Bewusstsein entstanden, ist unwahrscheinlich genug und trotzdem akzeptierst du das. Ich akzeptiere mein übernatürliches Element, das heißt meine Träume und andere Geisteszustände. Die wirkliche Natur der Welt ist noch nicht erforscht, also sei dir nicht so sicher.”
Ich kannte meinen Mann und wusste: wenn er an seinen Daumen zupft, dann heißt es, dass er sich stark konzentriert.
“Und was mein Gehirn anbetrifft – ich leihe mir von dir die Fernbedienung mit Zugriff zu deinem Kopf.”
Er stand auf, trat an mich heran und nahm mich in seine breiten Arme und ich ließ mich umarmen. Damit war die Diskussion beendet.

***

Der Bus fuhr weg und ich stand mit meinem Koffer da und schaute mir das zweistöckige, vornehme, mit einem Gitter aus Gusseisen umsäumte Haus an. Die dekorativen Spiralen und spindelförmig gebogenen Stäbe ließen keinen Zweifel daran, dass die Umzäunung nicht allein als Zierde gedacht war. Ich konzentrierte mich. Meine langjährige Erfahrung im Arbeitstourismus lernte mich, über die Qualität des Vertrages erst nach einigen Tagen zu urteilen. Und mein Instinkt gebot es mir, im Gedächtnis zu wühlen.

Hinter dem Tor wartete eine neue Welt und ein neues Märchen auf mich. “Wer werde ich hier sein?”, dachte ich, bevor ich auf die Klingel drückte. Ich war froh gesinnt und optimistisch eingestellt. Vor einiger Zeit habe ich ein neues Programm in meinem Kopf eingespeichert: Null Angst, keine unerwünschten Vorstellungen, keine negativen Gedanken. Die Welt ist schön und sie wird dich schon eines schönen Tages von selbst anlächeln, in dem Moment, wo du es gar nicht erwartest. Ich las die Inschrift, die auf dem Schild am Tor eingraviert war:

DU SIEHST MICH NICHT, DU HÖRST MICH NICHT, ABER GLAUB MIR, ICH BIN DA”.

Mein neuer Koffer war leichter als sonst und ich war auch leicht, innen fast leer. Das erste Klingeln, dieser erste Moment, der für die Qualität des Vertrags ausschlaggebend ist. Oben auf der Hauswand stand das Baujahr: 1834. Ich hob den Blick, schaute mir das Haus mit den eingebauten Holzbalken an. Ein neues Dach. Hölzerne, dunkelblaue Außenjalousien machten das Haus noch reizvoller. Achtzehn Uhr.

Also soll das neue Märchen geschehen, denn das Leben ist für mich nur noch ein Märchen. Ich wunderte mich regelrecht, dass in mir nichts aufstieg, keine Angst, keine Furcht.

Irgendjemand machte das Tor auf und… fünf Personen kamen aus dem Haus, um mich zu begrüßen. Plötzlich standen auch zwei Hunde da. Erst jetzt verstand ich die Inschrift auf dem Schild am Tor. Die Hunde begrüßten mich wohlwollend und wedelten mit den Schwänzen. Alle lächelten mich an. Ich revanchierte mich und verschenkte auch das Beste, was ich in diesem Moment hatte. Die Begrüßungszeremonie prägte sich wie ein goldenes Siegel in meiner Seele ein. Ich fühlte mich so, als hätte dieses Haus auf mich gewartet.

Ich bin Klaudia, die Tochter vom Heinz, den du betreuen wirst. Papa ist noch im Pflegeheim. Wir holen ihn am Montag ab.

Dann kam Martin, Klaudias Mann und ihr Bruder Thomas mit seiner indischen Frau dran. Vor dem Haus wuchsen zwei große Palmen. Martin nahm meinen Koffer. Wir gingen hinein.

Das Gästezimmer war voller Blumen und ich fühlte mich, als hätte mir jemand einen Kranz aus Tausendschön aufgesteckt. Ich fühle mich damals wirklich wie ein Tausendschön und bedankte mich beim Schicksal für diese herzliche Begrüßung. Ich hatte keine Angst, so bekam ich das, was ich wollte.

“Ich heiße Helga, mein Mann hatte einen Schlaganfall”, im Gesicht der Frau malte sich Unsicherheit und Bangigkeit.
Für ihr Alter sah sie sehr gut aus. Es war keine gebückte Fünfundsiebzigjährige, sondern eine attraktive Frau. Ich reichte ihr die Hand und sagte tröstend:
“Machen Sie sich keine Sorgen, es wird alles gut werden. Ich habe zehn Jahre Erfahrung im Umgang mit kranken Menschen.”
“Oh! Gott sei Dank!”
“Aber… Mein Deutsch ist keineswegs perfekt, mit der Grammatik hapert es. Dafür ist mein Wortschatz recht groß, so dass ich mich gut verständigen kann. Ich spreche auch Englisch.”
“Wunderbar!”, sagte Martin. “Wir sprechen alle Englisch.”
“Na, dann hätte ich es nicht besser treffen können”, ich verschenkte mein Lächeln und wusste genau, wie die Konversation aussehen wird. Doppelsprache, Denglisch, also so, als würde ich eine neue Sprache kreieren. Ich bin die Schöpferin einer neuen Sprache, der Gabi-Sprache.

Das Gespräch war eine Wonne. Ich erzählte von mir, von meiner Kindheit und vom Kindergarten, als die Erzieherin zu mir sagte: „Gabi! Du wirst einmal eine Pflegerin oder eine Ärztin werden.” Ich konnte wirklich gut umgehen mit den Kleinen. Ja! Ich wollte immer Ärztin, Kinderärztin werden und wurde Chemikerin. Diese Erinnerung war dann lange verschüttet, sie kam erst wieder hoch, als ich Pflegerin wurde. Helga erzählte von ihrer Familie, über ehemalige Pläne, Träume, über den Umzug in dieses große Haus. Es machte Spaß, ihr zuzuhören. Thomas, der Sohn Helgas, machte einen unbekümmerten Eindruck, er wirkte so, als hätte er nie im Leben irgendwelche Probleme gehabt. Ständig lächelnd bedachte er uns mit witzigen Sprüchen und ich ließ sie alle in meine etwas irrationale Welt hineinblicken. Ich dozierte, dass das Leben keine Schicksalsfügung ist, sondern dass wir es selbst gestalten. Und diese Realisten hörten mir zu, als würde ich eine neue Pforte vor ihnen öffnen. Ich wollte Helga vor allem Schlimmen beschützen, was auf sie zukommen würde als der gelähmte Ehemann zurück nach Hause komme. Immerhin bin ich ja deswegen zu ihnen gekommen.

Somit beenden wir diese kleine Reihe der Texte aus dem neuen Buch von Łucja Fice über ihre Erfahrungen als, wie sie es selber sagt, Arbeitstouristin in Deutschland. Frühere Beiträge findet man HIER, HIER und HIER. Das Deutsch ist von Małgorzata Behlert. Will man mehr lesen, muss man es entweder auf Polnisch machen oder einen Verlag überzeugen, dieses Buch zu verlegen. Das werden wir alle herzlich begrüssen, die Autorin, die Übersetzerin und ich, die Administratorin dieses Blogs.